Estella: Novelle

Part 9

Chapter 91,370 wordsPublic domain

Estella sah es wohl. Gleichgiltig ging sie ins Haus hinein und nach einer Weile wieder aus ihm heraus. -- Sie tat alles, was so der Tag mit sich brachte. Arbeiten, essen, lesen, schlafen, -- nur unterschied sich keines von dem andern.

Alle Wege waren gleich lang. Alle Gegenstände gleich schwer. Alle Farben gleich trübe. Alle Klänge gleich dumpf. Die Welt rauschte vorbei an ihr, sie hörte sie nicht.

Ihre sonst so flinken Augen blieben stehen wo sie gerade standen -- interesselos, bis irgend etwas anderes in ihren Sehkreis trat, sie ein Stückchen weitertrieb und sie wieder stille standen. --

Der alte Brand kam von der Reise zurück; sie redete mit ihm wie mit allen anderen. --

Ein junges Mädchen, eine Altersgenossin von ihr, war in dem kleinen Städtchen plötzlich gestorben an einer akuten Erkrankung. Alles wallfahrtete zum Kirchhof, war ausser sich und rang die Hände; die Mädchen insbesondere wollten sich die Augen aus dem Kopfe weinen.

Estella vergoss keine Träne. Lang und steif stand sie am offenen Grabe. »Die verdorbene Person,« sagten die Leute. --

Ganz deutlich sah sie es, wenn manchmal ein Blick länger auf ihr weilte.

»Suche nur,« dachte sie, »Du findest doch nichts, finde ich ja selbst nichts mehr. -- Ich habe gar nicht gewusst, wie still es auf der Welt ist.«

Brand schrieb an Richard von Thieben, dass Estella so vernünftig geworden sei: Der Maler Makassy habe die Stadt verlassen, aber sie rede nie von ihm. Es sei ihr auch ganz gleichgiltig gewesen, ob sie oder er das Porträt behalten sollte, als man ihr die Frage vorlegte. Da habe er es mitgenommen. »Wahrscheinlich ist es ihr nicht hübsch genug, denn eitel sind sie doch alle« hiess es in dem Briefe. Thieben aber, der dieses Schreiben am Morgen erbrach und las, sass Mittags bereits im Zuge, der ihn an die württembergische Grenze bringen sollte. Er fand keine Ruhe, er musste sie selber sehen.

Aber auch er fühlte sich in ihrer Nähe beruhigter. In ihren Augen fand er auf eine stumme, bange Frage keine Antwort; wie eine stille, graue Mauer standen sie vor ihrer Seele.

So reiste er zuwartend wieder ab.

Als er aber nach zwei Monaten einen Brief ähnlichen Inhaltes vom alten Brand erhielt, nur mit dem Vermerk, dass sie sehr wenig zu sich nehme und immer stiller werde -- da hörte er die Not um Hilfe schreien -- und entschloss sich zu einem Wagnis. Hier musste eingegriffen werden, gleichviel um welchen Preis.

Er forschte die Adresse des Malers Makassy aus und erhielt sie nach vielen, mühseligen Schreibereien. Hierauf schickte er eine grosse Summe Geldes, die indess retourniert wurde, an ihn, mit der Bitte, das Porträt Fräulein Brands an die Adresse des Privatier Brand abzuschicken. Zugleich gab er an letzteren einen dicken, festverschlossenen Brief auf, in dem er alles erklärte, wie er es sah und was geschehen müsse. Erschüttert müsse ihre Seele werden, ihren Bann zu lösen, -- aufgerissen müssten erschreckend rasch geschlossene Wunden werden, sie zu heilen. -- -- --

Es währte keine Woche, als Estella eines Abends wieder wie immer gleichmütig in ihr Zimmer hinaufging.

Die alte Magd, die ihr geleuchtet hatte, zündete das Licht an und schlüpfte hinaus. »Die wird Augen machen,« dachte sie im Gehen. --

Estella war allein.

Langsam begann sie, sich zu entkleiden und durch die dadurch verursachte leichte Bewegung fühlte sie auf einmal einen feinen Duft durchs Zimmer wehen -- -- -- vorüber an ihr -- -- -- wie eine ferne, weite Erinnerung. -- -- -- --

Sie lauschte auf -- angstvoll -- mit gespannten Sinnen -- -- war das nicht der wohlbekannte Terpentingeruch -- -- -- aus Sommerszeiten -- -- -- -- -- Gequält sah sie um sich -- -- -- und ihr starres Auge blieb wie entgeistert auf ihrem eigenem Bildnis liegen, das fast erdrückend gross und schwer in dem kleinen Raume von der Wand hing. -- -- -- -- --

Da vollzog sich eine furchtbare Umwandlung in ihr. --

Dem alten Manne, der draussen vor der Türe wachte, zitterten die Kniee; er presste stumm die Hände in einander. Und als er endlich, weit nach Mitternacht drinnen das erste Aufschluchzen hörte, da liefen auch ihm die Tränen über die zuckenden alten Wangen.

Seine Zeit war gekommen; vorsichtig öffnete er die Tür, trat leise zu ihr -- aber es dauerte lange, lange -- bis er das erste Wort zu sprechen vermochte.

* * * * *

In dieser Stunde noch durchflog eine Botschaft die sich lichtende Nacht. -- Ein Bote eilte dem hochgelegenen Forsthause drüben im Schwarzwalde zu und eine bebende Männerhand riss das Telegramm an sich, das die wenigen Worte enthielt: »Sie weint. Sie hat zurückgefunden.« -- -- Zurückgefunden zu sich selber.

* * * * *

Hast einen Garten dir emsig gebaut Und nur in Blumen und Blumen geschaut. Da öffnest das Tor du, herein dringt das Meer Und feget dein blühendes Gärtelein leer.

Das Meer, es erglänzet und funkelt und dröhnt, Darunter dein sterbender Garten stöhnt. -- Hoch auf den Fluten, da schimmert's vor Pracht! Vergessen die Blumen, verhöhnt und verlacht.

Das Meer tritt zurück, der Glanz ist dahin, Über sumpfige Ufer die Wolken zieh'n. -- Da schaust du hinaus mit irrendem Blick: Die Blumen sind fort, das Meer und das Glück.

Thüringer Verlagsdruckerei · Jena-Ziegenhain.

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Seite 7: im Original "Über ihnen aber tronte das Massiv der Stirne." geändert in "Über ihnen aber thronte das Massiv der Stirne."

Seite 10: im Original "denn die andern, schoben sich ungesehen" geändert in "denn die andern schoben sich ungesehen"

Seite 25: im Original "und die Gier noch Genuss und Betäubung" geändert in "und die Gier nach Genuss und Betäubung"

Seite 26: im Original "das baumumrauschte Fortshaus, das drüben" geändert in "das baumumrauschte Forsthaus, das drüben"

Seite 26: im Original "dass ihm das so angenehm sein werde wir ihr" geändert in "dass ihm das so angenehm sein werde wie ihr"

Seite 28: im Original "Wie soll man an so was glauben? --" geändert in "Wie soll man an so was glauben? --«"

Seite 28: im Original "stechend von der Häusern ab" geändert in "stechend von den Häusern ab"

Seite 39: im Original "auch manchmal ein wenig absichtich" geändert in "auch manchmal ein wenig absichtlich"

Seite 39: im Original "Sitten war. und sie fingen an" geändert in "Sitten war. Und sie fingen an"

Seite 51: im Original "in ihrem Stübchen war und vor sie zu Bett ging" geändert in "in ihrem Stübchen war und bevor sie zu Bett ging"

Seite 53: im Original "losreissen von diesem köstilchen Ebenmass" geändert in "losreissen von diesem köstlichen Ebenmass"

Seite 66: im Original "das Ruhelose, Zermartete zu weichen" geändert in "das Ruhelose, Zermarterte zu weichen"

Seite 68: im Original "Schmetterlinge gauckelten über die Wiesen hin" geändert in "Schmetterlinge gaukelten über die Wiesen hin"

Seite 68: im Original "hier ist die Welt, hier bin ich" geändert in "»hier ist die Welt, hier bin ich"

Seite 73: im Original "Zerfetzte, sibergraue Lärchen standen riesenhoch" geändert in "Zerfetzte, silbergraue Lärchen standen riesenhoch"

Seite 77: im Original "hinausdehnen über sich selbst -- ewigkeit wärts?!!" geändert in "hinausdehnen über sich selbst -- ewigkeitwärts?!!"

Seite 83: im Original "zumsammengequetscht zu Ovalen und Dreiecken" geändert in "zusammengequetscht zu Ovalen und Dreiecken"

Seite 85: im Original "Seine Gewandheit, der schnell veränderte" geändert in "Seine Gewandtheit, der schnell veränderte"

Seite 86: im Original "in lustigen Gewinden tausenknöspig an der Veranda" geändert in "in lustigen Gewinden tausendknöspig an der Veranda"

Seite 88: im Original "hänge sie über den Blütenstrauch" geändert in "»hänge sie über den Blütenstrauch"

Seite 91: im Original "mit verdoppelter Lust ihre schlummernden Sinnne" geändert in "mit verdoppelter Lust ihre schlummernden Sinne"

Seite 94: im Original "nicht kommmen in das herrenlose Haus" geändert in "nicht kommen in das herrenlose Haus"

Seite 94: im Original "Du ja nicht anders seiest als sie." geändert in "Du ja nicht anders seiest als sie.«"

Seite 98: im Original "so gemütlich und zuversichlich Arm in Arm" geändert in "so gemütlich und zuversichtlich Arm in Arm"

Seite 99: im Original "Immer stiller. Immer trüber. Immer traurier." geändert in "Immer stiller. Immer trüber. Immer trauriger."

Seite 103: im Original "dem holperigen Pflaster der alten Stad" geändert in "dem holperigen Pflaster der alten Stadt"

Seite 104: im Original "so fein und holselig vor sich stehen sah" geändert in "so fein und holdselig vor sich stehen sah"

Seite 113: im Original "Alle Farben gleich trübe. Alle Känge gleich dumpf." geändert in "Alle Farben gleich trübe. Alle Klänge gleich dumpf."

Seite 114: im Original "Die alte Magd, die ihr geleuchtete hatte" geändert in "Die alte Magd, die ihr geleuchtet hatte" ]