Estella: Novelle

Part 8

Chapter 83,694 wordsPublic domain

Diese gute alte Strasse mit den frommen Gärtlein zu beiden Seiten und den steifen, braven Laternen dazwischen, -- und dort drüben das »Löwenhaus«. Das kleine, ängstliche Häuslein mit der grossen fensterlosen Wand, die einst so festlich schön gelb gestrichen sein musste, deren Farbe jetzt aber in einander geflossen war und als Wahrzeichen einen grossen leuchtenden Flecken hinterlassen hatte, der wie ein springender Löwe aussah. Sie hatten es das Löwenhaus genannt. Und was war am Löwenhaus schon alles! Da traf man sich -- alle Jugend -- zu einem interessanten Spaziergang, da klatschte man ein wenig in wohligem Einverständnis, da stand man kichernd und verabredete sich zum nächsten Gartenfest, ob die Schleifen im Haar blau seien oder rot, -- -- es war am Ende alles so gleichgültig -- aber was ist es nicht? -- doch heiter wars und ohne Arg -- und die weisen Gedanken blieben jedem unbenommen.

Sie waren zum Bahnhofe gekommen und bevor Brand in den Wagen stieg, frug er:

»Hast Du mir gar nichts zu sagen und gar nichts mit auf den Weg zu geben?«

Da begriff sie, wohin es ihn trieb. Er wollte Gutes tun, aber sie hatte nichts hinzuzulegen.

Als sie dem Zuge noch eine Weile nachgehorcht, bis er verdröhnte und verhallte, ging sie langsam wieder nach Hause zurück. Immer stiller. Immer trüber. Immer trauriger. All der schöne Jubel war verflogen und die schwere Leidenschaft dieser Liebe breitete allmählich wieder die dunkeln Fittiche aus und verscheuchte das zaghafte Stücklein Sonne, das sie so stürmisch begrüsst hatte.

Wieder war sie in die stille, alte Strasse gekommen, die aber hatte ihren Glanz verloren.

Von Ferne hörte sie Stimmen. Als die näher kamen, sah sie, dass es Bekannte waren, einige ältere Frauen. Plötzlich blieben sie zaudernd stehen; erst unschlüssig, dann streckte die Eine den Arm vor, deutete auf die andere Strassenseite -- und gleich darauf gingen alle drei unisono hinüber.

Estella wusste warum; sie lachte hart auf; es hatte ihr weh getan. --

Unter vielen bangen Gedanken schlich der lange, einsame Abend dahin und die Nacht, die schlafarme, traumschwere -- bis der Morgen kam und mit dem erwachenden, wachsenden Tag auch die Sehnsucht wuchs und das Verlangen -- -- und sie erlöste aus ihren Zweifeln.

Als es Mittag war, stand ihr Entschluss fest. Sie wollte zu ihm!

Lächelnd verwarf sie ihre Ideen von der Selbständigkeit, die ihr gestern so grossartig und begehrenswert erschienen waren und von dem blassen Frieden. Es fiel ihr ein, wie er einmal scherzend sagte:

»Die wahrhaftige Liebe tritt auf zwischen 30 und 40 Jahren bei vorgerücktem Gehalte und Pensionsberechtigung.«

Dieser nichtssagende kleine Scherz hatte sie auf seine munteren Flügelchen genommen und aus den Sorgen fortgetragen.

* * * * *

Makassy hatte sein Atelier verwandelt und geschmückt wie für eine heimziehende Braut. Er konnte nicht genug ersinnen, es weich und warm auszugestalten, damit sich das scheue Mädchen heimisch fühlen möchte. Beim ersten und einzigen Gärtner der Stadt hatte er seltene, wertvolle Blumen bestellt, dass der sich tief vor ihm zur Erde neigte.

Zuletzt, als alles fertig war, übersah er prüfend den ganzen Raum und warf dann noch, um Erklärungen und Verstimmungen vorzubeugen, ein paar alte Briefe, die gerade so obenauf lagen, in den Ofen nebst einem kleinen, koketten Frauenschuh -- -- dem goldgestickten Atlasschuh einer bekannten spanischen Tänzerin -- und zündete an -- -- -- ein reizender Schuh, der da auf den züngelnden Flammen lag -- -- -- ein feiner Fuss, der da mit der Spitze gerade ihm gegenüber stand, als käme er auf ihn zu -- -- -- das Feuer leckte immer gieriger nach dem gleissenden Atlas -- -- er besann sich und zauderte -- -- der Schuh der Diega Felipa wars -- der Diega Felipa mit dem braunen, prachtvollen Leib, von dem sie einmal -- -- damals!! -- -- in kühner Nacktheit bei einem ihrer wilden, rasenden Tänze die letzten Hüllen riss -- dass die roten Schleierfetzen wie Blut aus ihren Händen quollen -- wie herrlich das war!! -- Unvergessen!!! -- -- -- -- -- --

Und hastig nahm er den Schuh wieder aus der Glut und versperrte ihn eilig in einer Schublade ......... Ängstlich sah er um sich -- dann nach der Uhr. Es war schon bald neun.

Ob sie kam? -- --

Und er ging die Fenster schliessen und die Lichter verhängen.

* * * * *

Spät abends, als es schon dunkel war, verliess indessen ein schüchternes Kind zitternd das ehrliche Haus. Es ging auf den Fussspitzen ganz leise durch den Garten, musste aber stets dazwischen stehen bleiben, um Atem zu schöpfen. »Wie wenn es Berge wären.«

Behutsam öffnete und schloss es die Gartentüre, die sonst so leicht und laut ins Schloss gefallen war und schaute nun zurück über Garten und Haus -- als wollte es Abschied nehmen -- als ginge da eine, die nicht wiederkam, ein letztes Mal diesen lieben Weg.

Eine unnennbare Sehnsucht schwoll in Estella's Herzen empor nach all der sorglosen Heiterkeit, mit der sie da in ruhigen Stunden gelebt.

Heimlich, wie eine verbotene Liebkosung, irrte ihr Blick hinauf zu den Fenstern ihres Zimmers mit den trauten, blühenden Geranien davor. Wie sie die einst hegte und pflegte. Jedes Knösplein war ein Ereignis. Jede Blüte ein Fest. Und wenn das erste schrille Rot zwischen den grünen Blättern sass und nach ein paar spannenden Tagen die feuerroten Büschel wie Flammen in den Fenstern standen und hundert bunte Gedanken damit -- -- Gott, was für reiche, einfache Stunden waren das! Die waren alle davongeschlichen als sie der fremde Mann an seine Brust genommen ..... und haben sich im Weiten verloren und nicht mehr zurückgefunden.

Ein kleines Stück war sie weitergegangen, dann wieder stehen geblieben -- an der Stelle, wo ihr gestern die Leute ausgewichen waren. Heute sollten die sie sehen, wie sie dahinschlich in dunkler Nacht -- allein -- den Kopf zur Erde geduckt -- da hätten die bösen, eifrigen Zungen das letzte mordende Wort gefunden. Für die freute sie's eigentlich, dass sie es tat -- aber es war eine dürftige Freude.

Wie schwer verlässt man ein erstes Mal im Leben den offenen, geraden Weg. Die Sonntagsstrasse, die breite, behagliche mit dem lichtfrohen Lachen und dem billigen, eiteln Putz junger, unversuchter Tugend!

Jetzt traten ihr drei trübe Gestalten in den Weg und an diesen wohlbekannten Gesichtern glaubte sie zu erkennen, worin ihr Unrecht lag. Da stand ihr Vater und schaute sie an; gross und kummervoll. Er hatte einst zu der Mutter warnend gesagt:

»Bilde ihre Vernunft, es kommt eine kalte Zeit, in der sie not tut.« Und die feine, blasse Frau, die schon lange vor ihnen gegangen war, tat es -- legte aber heimlich Rosen dazu.

Sie stand jetzt auch dabei und konnte nicht mehr lachen wie einst. Sie dachte an ihre Rosen und weinte.

Und der ehrliche alte Mann, der Thieben trösten gegangen war und dessen Vertrauen ihr so selbstverständlich zufiel, der war auch dabei und der Kummer schaute ihm aus allen Falten seines Gesichtes. Alle drei standen und sahen nach ihr mit traurigen Augen und schauten ihr nach und schüttelten die Köpfe.

Da riss sie sich los von allem, was sie beschwerte und zurückrief und stürmte weiter, vorbei an ihnen, an allem, an der ganzen schönen Vergangenheit vorbei.

Wie oft glitt sie aus auf dem holperigen Pflaster der alten Stadt und sah zusammenfahrend zu Boden -- aber es schwammen nur dunkle Kreise und Flecken vor ihren Augen, die irre führten, wuchsen, gross wurden, bis sie erschrocken innehielt; und wenn ihr Blick dann angstvoll floh und aufflatterte an den steilen Wänden der Häuser, prallte er zurück von diesen dräuenden Mauern, die in düsteren Reihen zu beiden Seiten des Weges standen. Wie dunkle Klötze standen sie da -- unheilbrütend mit unzähligen, schwarzen Fenstern, die lauerten wie falsche Augen.

Zischelte und tuschelte es nicht dahinter?

Wie erbärmlich erschien sie sich, dass sie vor irgend einem Hergelaufenen erschrecken musste --

Da drüben auf der andern Seite, da ging eine Dienstmagd -- -- hoch trug sie den Kopf, das durfte sie auch -- -- aber sie, Estella Brand, die zum Geliebten gehen wollte -- --? Grossartiger hatte sie sich diesen Gang wahrlich gedacht. --

Und weiter hastete sie, an den drohenden, klotzenden Häusern vorbei -- noch eine letzte Ecke, dann endlich musste sie am Ziel sein; -- ihr Sinn spähte voraus: was wird werden?!

Ist so qualvoll der Weg zum Glück? --

Die Kniee schwankten, als sie endlich am Ziel war. Da schimmerten trübe die verhangenen Fenster des Ateliers -- und das arme, verhetzte Auge sah den Vorhang sich bewegen -- und die arme verhetzte Seele fühlte seine Nähe und eine heisse Sehnsucht schlug wie eine Woge über das Deck ihrer ausschauenden, schwankenden Gedanken und fegte alle Zweifel und Qualen fort. -- --

In kindlichem Stolze, als zaghaft Gebende stand sie auf seiner Schwelle.

Er öffnete die Türe -- und als er sie in all ihrem Reize, so fein und holdselig vor sich stehen sah, da zog er sie wortlos zu sich hinein .......

»Du Estella, Du -- also doch!« schrie er auf und riss sie in einem Übermass von Entzücken an seine Brust, umschlang ihren Leib, presste ihn an sich als wollte er ihn nie wieder frei geben, legte beide Arme um ihren Hals und zerküsste das süsse Gesicht; Augen, Stirne, Wangen, den Mund, den herben, keuschen. Fast wurden ihr diese wilden Küsse zur Qual.

Dann nahm er sie wie berauscht in seine Arme und trug jubelnd die köstliche Last hinein in die Heimstätte seiner Kunst.

Sanft und vorsichtig wie ein unersetzliches, kostbares Gefäss, liess er sie aus seinen Armen gleiten und setzte sie vorsichtig auf einem Ruhebett nieder.

»Das ist alles für Dich, Du Heissgeliebte!« sagte er und deutete mit einer schenkenden Geberde rings um sich.

Estella sass wie in Betäubung. Glückselig hob sie ihr Antlitz und schickte ein dankbares Lächeln zu ihm hin; lange blieb ihr Blick in seinen Augen liegen.

Welche Macht zog sie zu diesem Manne hin?! Wie sie ihn liebte, wie seine Welt zu ihr herüberschimmerte mit all ihrer Lebenstollheit und Trunkenheit! Wie sich ihre junge Seele von Neuem auftat in Zukunftsglauben!

»Das muss das Glück sein, das muss es sein, wonach die Menschen jagen!« flüsterte sie ihm hastig zu und das Geständnis ihrer erregten Worte versank in seinen lechzenden Sinnen.

»Ist es über Dich gekommen, Weib!?« rief er ausser sich. »Ist es endlich über Dich gekommen -- -- --?!«

Da erschrak sie vor ihrem eigenen Empfinden und wandte abwehrend den Blick. --

Und nun sah sie umher und fand sich in einem prunkenden, seltsamen Gemache, durch das in zaubrigen Tönen mattes, dämmeriges Licht zog. Überall Schalen voll wundersamer Blumen, denen betäubender Duft entquoll, der in dem stillen Raume träumend stehen blieb. -- Dicke, dunkle Teppiche. Tiefe, schwere Falten, die jeden Laut einsogen.

Da lagen seidene Decken, wertvolle, ausländische Stoffe und auf dem Ruhebett, auf dem sie sass, war etwas Feines, Flimmerndes ausgebreitet. Freudlose Landschaftsbilder in breiten, düstergoldenen Rahmen hingen schwermütig von den stoffenen Wänden. Nirgends ein heiterer Gedanke in dem halben, huschenden Lichte.

Beide schwiegen und lauschten dieser verwirrenden Umgebung. Etwas Berückendes ging von ihr aus.

Dieses unausgesprochene Licht, das durch buntseidene Hüllen sickerte und mühsam und verhalten durch den Raum zitterte, diese bestrickenden, einsamen Farbentöne, die von den Wänden klangen, diese versonnene Ruhe, die an allen Gegenständen hing!

Erstorben jeder Laut.

Der Duft, der aus den Blumenschalen stieg und verschwebte, legte sich schmeichelnd, doch immer schwerer und betäubender um die Sinne. Dazu eine vibrierende Stille, die bedrückende Last einer aufregenden Ruhe und in ihr ein ungehörtes Huschen und Gleiten, das über die Blumen und Möbel und Wände ging.

Sie sah ihn fragend an -- so bange war dieses Versunkene, Weltweite. Aber banger noch waren seine Augen und angstvoll flohen ihre Blicke aus denselben. Sie bohrten sich in den Teppich und fielen auf einen seiner Füsse, die in Sandalen stacken.

Ihr Herz fing an heftiger zu schlagen, denn sie glaubte zu sehen, wie sein Fuss sich einkrallte in dem dunkeln, dicken Teppich. Suchte er Halt? Wovor?

Sein unbeweglicher Blick rief sie zurück und umschloss den ihren -- -- und drückender wurde die Stille und furchtbarer das Schweigen. Keines getraute sich auch nur den Finger zu rühren, keines mehr hatte den Mut des anderen Auge zu verlassen.

Die Leidenschaft dieser Liebe wuchs mit jedem Augenblick und zog sie mit glühendem Wunsche zu einander ....

Estella sprang auf mit übermenschlicher Kraft -- -- -- er stand ihr gegenüber mit fliegenden Pulsen und flammenden Sinnen -- -- -- -- angstvoll hielt sie ihn mit den Blicken umfangen und gefesselt. Keine Wimper zuckte, kein Glied rührte sich, kein Atemzug war hörbar.

Es war ein verzweifeltes Schweigen und Ringen und Ansichhalten -- -- -- --

Da plötzlich -- sein Blick hatte sich leise gewendet und einen Augenblick lang losgelöst von ihr, war haltlos durch's Zimmer geirrt und musste dort etwas Ausserordentliches wahrgenommen haben -- -- ging eine Verwandlung in seinen Mienen vor ......

Sie wollte aufschreien in rasender Angst: »Halt ein ..... Du wendest Dich ab ..... Du wendest Dich von allem Glück .....«

Sie kannte den Ausdruck dieser unheilvollen Augen, er redete eine deutliche Sprache ...... Aber das Entsetzen stand steil und schrill vor ihr und lähmte ihre Zunge.

Dann einen Augenblick wurde es dunkel um sie, das Herz drohte still zu stehen ...... sie sah in lauter Elend. Ringend griff sie nach dem Herzen -- -- die erste Bewegung in dem bangen, regungslosen Raum -- -- da war der Bann gebrochen!!!

Makassy nahte sich ihr wie von Sinnen -- ein Anderer geworden -- despotisch -- -- über ihre Seele weg.

Sie wehrte sich: »Ich bin Estella Brand -- siehst Du das nicht?! -- -- Ich frage Dich zum letzten Mal -- -- --!!«

»Was liegt daran!?« fiel er ihr atemlos ins Wort.

Verzweifelt schrie sie auf in höchster Not. »An mir liegt nichts!!! Nimm mich!! -- Nimm alles, nimm mein Leben!!! -- Nur darf es _so_ nicht geschehen -- --

In dieser Stunde verstehe ich die Kraft, die in Dir liegt, die zum Bösen greift, zum Morde, zum Verbrechen -- -- aber wohin _jetzt_ sich Deine Sinne wenden, da seh' ich weder Kraft noch Schönheit. Du bist abgekommen von den Wegen, wohin ich Dir folgen kann, wohin ich Dir nachgerast -- händeringend -- Du bist auf anderer Fährte -- abwärts -- -- -- -- --

Da hinunter kann ich nicht, fühlst Du das nicht? -- -- der Ekel, Makassy ..... der Ekel -- --!!!«

Lockend, sich überstürzend mit leiser, bebender, verheissender Stimme rief er, sie zu umfassen suchend:

»Unten bist _Du_, Estella, oben bin _ich_! Komm zu mir! Du -- Du klebst an der Erde, _Du_ lässest Dir vom Nächstbesten sagen, was recht ist und rein, Du lässest Dir vom Nächstbesten entscheiden über Gut und Böse -- -- -- geben Weib -- geniessen, verderben, -- aber weg über die schüchterne engbrüstige Welt, die Dir den Atem nimmt, -- -- eigener Flug in trunkenem Zorn, in trunkener Lust!!! -- Lass die Seele, die die Menschen verstümmelt haben, die fromme, bange -- ohne Lust und Weh: sie betrügt Dich um das heisse Leben -- lass die Tugend: sie betrügt Dich um Dein junges Blut -- lass die Reue: sie betrüge Dich um den Sinnenglanz -- lass das Gute: es betrügt Dich um die Satanslust des Bösen, -- -- lass die Reinheit, sie hat Mass und Art!!! -- In der Niedrigkeit liegt Lust und Raserei!! -- -- Tier sein, wer nicht Gott werden kann!!! Mensch sein ist erbärmlich! Vergiss ........... komm ausser Dich!! ..... Schenke .... strauchle ... sinke ..... sinke Weib!!! Dann sind wir erlöst .....«

Und so wollte er sie umfangen, -- -- zügellos, entartet -- ausbrechend -- mit weit offenen, brennenden Augen.

Aber ein Blitz zuckte auf! Estella ward wach -- sie hatte entschieden!! -- Pfeilgerade stand sie da, Kraft gegen Kraft, -- erhoben das Haupt, -- unbeweglich das Antlitz. Als wäre sie aufgewachsen weit über ihn -- unerreichbar -- -- --

Da wich er von ihr zurück und auflachend wie ein Kranker warf er sich in die Kissen des Ruhebettes und verbarg sein Gesicht. -- -- --

Ihr Leib war schwer, ihr Kopf verworren. Die Schläfen stachen, ein Übelsein überkam sie und schwerfällig schleppte sie sich zum Fenster, es zu öffnen. Der hässliche, betäubende Geruch strömte hinaus und in kalten, klaren Wogen die Nachtluft herein. --

Langsam wandte sie sich um, zurück ins Zimmer, mühselig aus sich herauskommend. Hoffnungslos geworden. Angestrengt musste sie sich besinnen auf alles um sich her -- --

Was sah sie dort in der Ecke des Zimmers? Was war das? Sie sperrte die Augen auf, um durch all den Nebel sehen zu können. Drang dort nicht ein dicker Qualm aus den Fugen einer Schublade -- -- was war das?

Aber sie konnte nicht mehr erschrecken, -- in dieser Stunde hatte sie es verlernt.

Die junge Seele, die so gerne aufgestiegen wäre in erhabener Linie, wie ein schönes Lied, war lahm geworden.

Sie kämpfte diese schwerste Stunde ihres Lebens mit Todesmut. Krampfhaft presste sie die kalten Hände in einander und fühlte unaufhaltsam eine schwere, erdrückende Last auf ihre armen Gedanken heruntersinken, so dass sie ihnen mühsam klare Erinnerung an das Geschehene entringen musste.

Einen Sieg hatte sie errungen, einen Sieg ohne Freude, und dafür ihr heisses Glück hingegeben.

Warum jubelte sie denn nicht auf, sie, Estella, die Reine, -- wo war denn der Glanz ihrer Selbstherrlichkeit hingekommen? Jetzt, in der Not, da war er von dannen geschlichen -- --

Dass solcher Schrecken nicht tötet?!

Ihre Gedanken standen auf und sahen entsetzt umher -- weit hinaus -- hinaus in die Zukunft -- da gab es Leid und Qual -- zähe Jahre der Erinnerung -- ein elendes Leben.

Dann umschloss sie wieder die Gegenwart mit ihren engen, düsteren Mauern.

Was war? Wie war es? Hartnäckig drang sie in die Tiefe und auf alles stiess sie -- Bild auf Bild löste sich aus der Dunkelheit mit unerbittlicher Klarheit.

Du wirst hineingelockt in ein einsames Haus. Abgeschnitten von der Welt. Tiefe Nacht. Die Türen schliessen sich still hinter dir. Die Fenster sind verhangen und die Lichter -- -- verwirrende, unklare Pracht. Du bist allein. Allein mit ihm. Du schaust bebend in das Antlitz deines Herrgotts -- deine Seele weitet sich -- -- und während du schaust .... lässt der langsam eine Maske fallen; -- du erstarrst im Entsetzen -- du willst schreien doch vermagst es nicht -- -- dein Mörder steht vor dir mit verzerrtem Gesichte -- --!!

So wars -- -- jetzt wusste sie's. Morden wollte er sie und dann an sich reissen. Wars am Ende das Rechte und sie hatte es nicht erkannt? -- Nein, nein, das ist unmöglich, sonst hätte es geschehen _müssen_. Kann es aber das Rechte sein, wenn es so furchtbar zu tragen ist!?

Wie unbegreiflich sich das gewendet hatte! Seit sie ihn liebte, bangte sie, sich nicht erheben zu können und jetzt hatte sie ihn verloren, weil sie sich nicht erniedrigen konnte.

Warum habt ihr mich alle so gut erzogen?! Sie suchte Tränen, aber die kamen nicht.

Dafür kam hilfreich ein wilder Zorn über sie, ein Aufflackern letzter Energie, und führte sie über die nächste Stunde fort.

Sie fing an den Raum zu zerstören, in dem solches geschah; sie riss die Blumen aus den Schalen und warf sie aus dem Fenster, -- sie zerrte die seidenen Hüllen von den Lampen weg, dass ein helles, blendendes Licht senkrecht, herrisch durch den dämmrigen Raum fuhr und alles Liegende, Träge, Matte, Unklare daraus vertrieb.

Es ekelte ihr vor diesem Gemach, über dem eine Absicht lag, ein Vorsatz. Was wollten diese Decken mit ihrem Flimmern, diese Blumen mit ihrem Duft, diese Lampen mit ihren Schleiern? -- »Damit betäubt man meine Seele nicht, damit lädt man Dirnen in sein Haus.«

Ei, und dort in der Ecke qualmte es -- dicker und undurchdringlicher mit jedem Augenblick. Das war lustig, das half ihr zerstören -- --

Makassy erhob sich. Alt und elend mit leeren Augen in dunkeln Höhlen -- aber hochmütig, undurchdringlich. Das zerwühlte Haar klebte wirr an seiner Stirne und zeichnete entstellende Linien in das bleiche Antlitz -- -- und dennoch, wie sie umherirrte in diesem Gesichte -- spähend, aufgeregt, atemlos -- sie fand nicht was sie suchte, sie fand nicht was sie erflehte, -- sie musste achten -- -- und ihr Elend türmte sich auf! --

Er sah umher in dem verwüsteten Raum; Blicke und Gedanken blieben auf jener Schublade dort liegen, aus der der Rauch drang. Von da war es ausgegangen, dahin war vorher sein Blick auch gefallen, von da hatte er wie an einem einzigen Faden das ganze Netz seiner Ideen aufgezogen, von da, wo der Schuh der leichtsinnigen Tänzerin, den er aus den Flammen der alten Briefe gezogen hatte, fortzuglimmen schien und zu rauchen begann. Da war sie vor ihm aufgefunkelt, die schöne Spanierin, in einstigem Glanz -- und hatte höhnisch aufgeblickt und ihm mit ihren wilden Augen zur rechten Zeit gerufen, als er begann sich zu verirren -- sich zu verlieren -- zu verfahren in toten Geleisen.

Diega Felipa prangte vor ihm auf in berückender Kraft und Fülle, in bachantischer Lust! Und die Luft, die ihr Tanz vertrieb, fuhr ihm verwirrend über das Gesicht. Die blauschwarzen Lockenringel peitschten -- wie damals -- ihre braunen, nackten Glieder bei den wilden, heissen Tänzen -- wie damals, wo sie die Schleier jauchzend zerriss und ihr grosses, glühendes Auge hinschoss zu ihm, aufloderte, und sie ihm zurief:

»Nimm!! -- Wie Du willst ...... für Deine Kunst und -- für Dich!«

Grossartig war das! Voll Pracht und Grösse. Da gehörte er hin, in diese Arme, das war sein Reich! Königspaläste! -- -- Königsgeschenke gibt, wer sich lachend verschenkt, wer lachend sein Schicksal in den Wind zerstreut!!

Entfesselt, Dirne, hast Du mich, -- jetzt ist es vorbei mit den frommen Episoden! Ihn ärgerten auf einmal diese weit offenen, staunenden Mädchenaugen -- -- dieses Warten und Prüfen und Klagen und Denken, wie feige das war, wie bettelarm, -- -- ja, ja, sie hatte sich verbildet, verstümmelt und nun Krücken statt der Flügel. Sie kannte diese Trunkenheit nicht, die sich über das Menschtum aufbäumt, die der Gottheit trotzt und taumelnd zu den Tieren geht!

Sie suchte das Rechte in den engen Winkeln armseliger Erdenmoral -- er konnte nicht mit ihr gehen. »Ich kann nicht mich selbst begraben gehen.«

Schwerfällig bewegte er sich gegen sie hin und sagte hart und kalt aus seinen Gedanken heraus:

»Du hast es gut gemeint, Estella -- aber es war umsonst!« --

»Die Vergangenheit hat ihn zurückgefordert,« dachte sie mit letzter Anstrengung.

* * * * *

Und sie wandte sich zum Gehen ohne ein Wort. An der Türe drehte sie sich noch einmal um und sah mit verhüllten, begrabenen Augen nach ihm zurück.

Diese Augen schauten ihn noch an, als sie lange, lange schon gegangen war und er liess sie gesättigt jedesmal auf sich liegen -- ein Zerstörungsbild. --

Jetzt war die Klinke ins Schloss gefallen -- kurz und knapp -- und in des Mädchens umdüsterter Seele das letzte Licht erloschen. -- --

Furchtlos schritt sie durch die dunkle Stadt zurück. Die Häuser, die sie vorher so drohend und unheilvoll umstanden und umlauert hatten, lagen in weiten Fernen und Nebeln; die gingen sie nichts mehr an. --

Aus einem Gasthause kam laut lachend eine grössere Gesellschaft. Durch die offenstehende Türe fiel ein breiter Lichtstreifen über die dunkle Strasse. Aber ganz gleichmässig ging sie Schritt für Schritt vorwärts; vom Schatten in das Licht und vom Lichte wieder in den Schatten.

Als trüge sie ein schweres, übervolles Gefäss, das nicht ins Schwanken kommen darf, so sicher und gleichmässig ging sie, -- so vorsichtig, doch eigentlich ohne Vorsicht.

Die Leute steckten die Köpfe zusammen, das war ja unerhört, was sie hier sahen! »Wenn es nur schon Morgen wäre«, dachten sie. --

Am andern Tage kam Berta, der Backfisch, an Brand's Gartenzaun vor dem roten Tore draussen vorbei und als sie Estella dahinter sah, wurde sie dunkelrot und verdoppelte ihren Schritt, um eilends daran vorbei zu kommen.