Estella: Novelle

Part 7

Chapter 73,687 wordsPublic domain

Seine Gewandtheit, der schnell veränderte Gesichtsausdruck und der so geschmeidig umspringende Ton seiner Stimme bedrückten manchmal ihren feinfühligen Sinn, auch jetzt. Aber schon wieder brannten seine Augen in den ihren -- da gab es kein Besinnen mehr, sie musste mit ihm! Geblendet schloss sie die Lider und abwehrend wie in Not streckte sie beide Arme vor und rief:

»Ich will nicht in den Himmel schauen, wenn ich doch auf Erden bleiben muss.« --

Sie hatte Angst vor dem unheimlichen Glanz dieser Liebe; sie hatte Angst, sich nicht dahin erheben zu können, wohin sie diese Augen riefen.

»Was ist das Rechte?« frug sie ratlos und Niemand konnte es ihr sagen.

* * * * *

Nachmittags stand Estella am Fenster der Veranda des eleganten Hauses. Der Privatier Brand hatte es schon verstanden, sich sein Heim mit Geschmack und Wohlbehagen auszugestalten. Blank und schmuck stand es da im Sonnenschein und schaute hoffärtig über den Garten hinaus auf die breite, vornehme Strasse. Und manches Jüngere und ältere Mädchen blinzelte im Vorbeigehen ärgerlich hinein und dachte: »Recht albern ist er doch, der Herr Brand, dass er sich so allein in dieses hübsche Ding da setzt.«

Klematis und Jerichorosen kletterten in lustigen Gewinden tausendknöspig an der Veranda empor und die offnen Blumen webten weisse und violette Sterne dazwischen. Hinter den Blumenfenstern aber stand ein stilles Mädchenangesicht.

Estella wollte auf den warten, den sie heute Vormittag so zwiespältig verlassen hatte ..... aber ein anderer sollte ihm zuvorkommen, einer, der dennoch zu spät kam.

Von draussen herein winkte der mit steifer Zärtlichkeit und wie ein glückliches Kind schwenkte er jetzt mit dem Hute. So arm war das, so traurig.

Thieben wars, gerade, hochgewachsen, freudig -- aber seine Bewegungen waren unbeholfen und hatten nichts von der wilden Grazie und der elastischen Sicherheit Makassys.

»Thieben kommt«, rief sie dem Onkel zu, der sich sogleich anschickte, ihm entgegenzugehen. Langsam kam auch sie hinterher und in seiner geräuschvollen Begrüssung konnte sie dem gefürchteten ersten fragenden Blick entkommen.

Des alten Brand überschwellende Liebenswürdigkeit machte den Forstmann unruhig und mit halbem Ohre hörte er die lauten Worte. Dann gingen die beiden Männer ins Haus, »um abzulegen und sich's heimisch zu machen«, wie Brand sagte.

Erleichtert sah Estella die beiden von dannen gehen und wendete den Blick jetzt nicht mehr ab von der Gartentüre, bis sie endlich den eiligen Schritt des sehnlichst Erwarteten vernahm. Es schien fast, als sei er sorgfältiger gekleidet als sonst -- und es wollte eben ein Stück ihrer alten Heiterkeit losbrechen, als er schon verbeugend in nachlässigem Tone sagte, dass er sich mit dem Umkleiden verhalten habe und deshalb verspätet gekommen sei, denn er habe Farbenflecken an seinen andern Anzug gebracht.

Ihr Gesicht war weit offen; da stand schon wieder helllichterloh die Wahrheit, über die er so leicht hinüberkam, während ihr das nicht gelang, -- auch wenn sie's versuchte. In den langen Jahren der Beachtung hatte sie sich breit gemacht und häuslich niedergelassen bei ihr und war herrschsüchtig geworden und unumgänglich.

Er schaute böse nach ihren Mienen und mit gesteigerter Übellaunigkeit zankte er über den ekelhaften, umständlichen Apparat, den man zum Ausüben der Kunst brauche, der ihm nächstens die ganze Malerei verleide und von den ungezählten grossen und kleinen Hindernissen überhaupt, die die Welt versperren und den Fortschritt hemmen. »Ketten, Knechtung überall« rief er zornig.

Ihr Schweigen reizte ihn -- er trat nahe vor sie hin, tat ihr Gewalt an mit seinen wilden Augen, umschloss sie mit seinem ganzen heissen Wesen und frug schnell und erregt:

»Verstehst Du mich, kannst Du mich je verstehen?! ... Dass mir die Kraft geblieben ist zum Trotz, zum Zorn, zum Hass, dass ich verneinen kann und zerstören -- wie reich bin ich!« Und sich noch näher zu ihr neigend, frug er bebend:

»Verstehst Du die Lust am Töten, Weib?«

Sie antwortete nichts und erschrocken schlüpfte sie hastig aus seinen schrillen Augen in das blasse, ruhige Tageslicht hinaus. Und er sah, wie sie da draussen das einfache Leben und Weben begrüsste und herzte. -- --

Da liess er sie draussen bei den Blumen und Bäumen und gab sie frei -- und kam dann selber zu ihr.

Er bat sie, Platz zu nehmen und malen zu dürfen. »Wollen wir fleissig sein, Estella!« sagte er schlicht. »Stelle Dich noch einmal mutig mit mir zur Arbeit -- wie einst! Du kannst so tüchtig zugreifen.«

Sie setzte sich auf die Gartenbank unter die Haselnussstauden und errötete bis zu den Haarwurzeln, denn sie stand beschämt vor der Kraft ihrer eigenen Seele.

»Du köstlicher Mensch«, dachte er und konnte sich nicht trennen mit den Augen. So schlicht sass sie da mit ihrem lichtblauen Kleide -- so einfach in ihrem Herzen -- -- so unberührt in ihrer Seele.

»Bist Du denn glücklich, kann es denn sein? Ich quäle Dich ja nur!« frug er bewegt.

Erfüllt, wunschlos sass sie da und hörte seine Worte.

»Du blühest immerfort aus Dir heraus, Estella«, setzte er hinzu.

Und sie atmete kaum vor Glück. Dann ging sie zurück zu all' den unvergessenen Stunden, die sie mit ihm gelebt. Was nur hatten sie an diesem stillen Platze alles zueinander getragen!

Was war an ihrer staunenden Seele alles vorbeigezogen! Wie er empfand und dachte und es wiedergab, das war mit fortreissend und glänzend; er hatte sie durch Länder geführt, weit und grossartig. -- Dann wieder hatten sie zusammen geplaudert von den Ländern der Erde, von Bergen und Seen, von Wäldern und dem Meere. Dem Meere zum Beispiel. Da erinnerte sie sich, wie er einmal davon erzählte mit solcher Anschaulichkeit und prachtvoller Gestaltungsgabe, dass sie ein schwankendes Gefühl bekam und erschrocken um sich sah, als stünde sie auf unsicherem Boden mitten in der Flut. Er merkte es und sie mussten beide herzlich lachen.

»Wenn Du nasse Kleider hast«, scherzte er damals, »hänge sie über den Blütenstrauch zum Trocknen und gehe mit mir nackt über die Felder. Du erschrickst? Hältst Du mich für so verdorben, dass es nicht in Reinheit geschehen könnte?«

Einmal hatte sie ihm erzählt, wie schön das sei, wenn man abends im Winter -- draussen fällt langsam der Schnee hernieder und seine Flocken glitzern auf der stillen Erde -- in warmer Stube bei traulichem Lampenschein sitze und sinne im Reiche seiner Gedanken spazieren gehe, da war er ihr ins Wort gefallen: »Schön nennst Du das, wenn Dir die Lampe über Deinem Hirne siedet, wenn die engen Wände der Stube sich zusammenschieben und Dich zu erdrücken versuchen, wenn die einfältig umherstehenden Zimmermöbel Dich an Dein armseliges Menschsein erinnern: hier sitz'st Du, hier iss't Du, hier liegst Du, hier denkst Du -- auf diesem Quadratmeter hier mit dem anregenden Tintenfass -- dazu hämmert Dir die Wanduhr zähe Sekunde um Sekunde in die Ohren -- -- und draussen im Schnee kommt der Nikolaus mit der Rute und entscheidet über Gut und Böse -- -- -- schön, nennst Du das ..... schön, -- -- ach, Estella, ich bräuchte Königsräume -- Paläste!!«

Und in des Mädchens Erinnern war die alte, singende, trauliche Lampe seiner Mädchenstube erloschen.

Wenn er jedesmal gesättigt empfunden hatte, was er zerstört mit grausamer Lust, dann allerdings baute er in masslosem Verschwenden und überschwenglichem Kult ein Denkmal an die leergewordene Stelle, das nur zu unvergänglich in des Mädchens Erinnern stehen sollte. --

Jetzt sahen beide Brand und Thieben aus dem Hause kommen. Estella beeilte sich, aus ihrem Innern herauszukommen, um fest in der äusseren Situation zu fussen.

Zuerst allgemein notdürftige Begrüssung, -- dann bat Makassy, weiter malen zu dürfen, was man zuerst nicht verneinen wollte.

Allsogleich drehte sich das Mädchen um, das aufgestanden war und eilte erleichtert der Gartenbank zu; es vergass Thieben gänzlich in diesem Augenblick und wie es sich setzte und niederliess vor dem Künstler in der kindlichen Freude einer wohlbekannten, längst vertraut gewordenen, heissgeliebten Gewohnheit und wie es zu ihm aufsah -- das war ein solch restloses Sichwegschenken, eine so grenzenlose Hingabe an eine wunschlose Gegenwart, dass der Forstmann, der Estella nicht aus den Augen gelassen hatte, es mit stummem, rasch um sich greifendem Schmerze sah. Jetzt bemerkte er auch das um einen Schatten trüber gewordene Gesicht und das inwendige Auge, das nicht mehr den sicheren, stets anwesenden Blick von ehedem hatte.

Alles dies sah er.

Der grosse, starke Mann mit dem erzenen Antlitz musste sich schwer auf den Gartentisch stützen -- -- und dabei versuchte er, sich sein Forsthaus vorzustellen -- ohne sie.

Makassy hatte ihn beobachtet; es war ein Schmerz, stolz und stark getragen, das musste er zugeben, und er hielt angstvoll die Geliebte durch Blicke an sich, damit sie es nicht wahrnehmen und in ihrem guten Herzen kein wärmeres Gefühl aufkeimen möge, das er ihm missgönnte.

»Ich meine«, fiel der Onkel in das Schweigen, und es war ihm dabei, als hielte er eine grosse, feierliche Rede, »es wäre doch besser, mit dem Malen heute auszusetzen.« Er hatte Angst, mit Thieben allein zu sein. Und so ergab sich ein freudloses Umhersitzen auf den Stühlen und Bänken, eine gezwungene Höflichkeit, ein kaltes Lachen und verschlossene Mienen -- -- bis endlich, endlich der Abend kam und der Forstmann sagte, dass er heute noch zurückfahren werde.

* * * * *

Da sass er nun im Wagen, der ihn seiner verödeten Heimat entgegenführen sollte. »Was wird sie für ein Schicksal haben?« dachte er immerzu, als er mit sich selber notdürftig zurechtgekommen war. Er wusste sich keine Antwort oder nur eine trostlose. Makassys Art war ihm fremd, beängstigend, ohne Gewähr, wie gleich das erstemal, als er ihn sah.

Schwerfällig stieg er aus und ging dem hochgelegenen Wohnhause zu, um das es so einsam war und um das die hohen dunkeln Bäume melancholisch rauschten. Dort oben in seinem Hause, in dem Erkerzimmer mit den vielen hohen Fenstern wollte er einst ihr Bild haben, das er sich heute bei dem Künstler erbitten und bestellen wollte. An der hellen, lichtreichen Wand dort hätte es hängen müssen und später einmal, in einem Jahre vielleicht -- wären sie davorgestanden, sie beide, Hand in Hand und lächelnd hätte er gesagt:

»Jetzt ist mein einstiges Schmerzenskind auch bei uns, es ist alles so gut geworden.«

* * * * *

Der flimmernde Sternenhimmel spannte sich über die nächtigen Hügel des Schwarzwaldes bis weit fort über die Buchenwellen des Württembergschen Landes und weiter über die kleine, alte vergessene Stadt, in der zwei Menschen auch ruhelos nach ihm hinaufsahen. Nicht in selbstvergessenem Träumen, sondern in bangem Suchen nach einem Ausweg. Beide wussten nur zu gut, dass es so nicht bleiben könne. Der Gedanke an die nächste Zukunft, an die Gestaltung des äusseren Verkehrs oder gar an eine Ehe war ihnen beiden noch nicht in den Sinn gekommen. Ihr Streben und Weiterdrängen lag auf andern Wegen.

_Sie_ hatte ihr ganzes Sein und innerliches Leben still in seinen Dienst gestellt; es sollte dazu sein, ihn über Hemmnisse wegzuführen und dadurch vorwärts zu bringen -- und dabei selber an ihm emporzureifen. Und _er_, er hatte tausend Pläne aufgebaut und tausend umgeworfen, -- nur eines hatte er stets gewollt und es war stets das Gleiche geblieben: er wollte seine Seele ausruhen an dieser kühlen, schönen Reinheit -- -- und dann? Wollte er sich dann mit verdoppelter Lust ihre schlummernden Sinne, ihre ganze Herbheit wach und lebendig küssen -- und was dann?

So frugen sich heute Beide in dieser funkelnden Sternennacht, die in erhabenen Ewigkeitsgedanken träumend über der Erde hing. --

* * * * *

Am andern Morgen, schon ganz frühe, trieb es Makassy vor das rote Tor zu Brands Villa.

Da lag in keuschem Morgenschlummer das ganze ihm so teuer gewordene Besitztum. Durch den tauigen Garten lief -- ach so wohlbekannt -- der schmale, heckengesäumte Fussweg, der zu der schmucken Eingangspforte der Villa führte, die heute noch verschlossen und abweisend das behagliche, ruhende Haus beschützte.

Wie kam er nur aus weiten Fernen auf dieses verborgene Stückchen Erde, das da so wohlig und friedlich hinter der lauten, lärmenden Welt emporgeblüht war?

Die Blumen, die Hecken, die Bäume, das Haus selbst mit seinen leichten Giebeln und luftigen Schornsteinen, das hatte alles etwas so frisch Aufstrebendes -- es wuchs aus der Erde und stieg unvermittelt zum Himmel auf. Da heraus war Estella geworden, da hinein war sie geschaffen -- dort hätte er sie lassen sollen.

Aber er konnte nicht. _Konnte_ nicht?

Jetzt -- ein Augenblick des Mutes -- drang er rücksichtslos in sich hinein und riss das letzte, verschlossene Tor vor seinem Innern auf und sah mit hellen verwegenen Augen hinein, -- das verschob er immer und immer wieder, denn er fürchtete sich vor dem, was er sehen würde, -- -- -- und es stand vor ihm mit unverhüllter Klarheit: Er _wollte_ auch nicht. Da drinnen, da hatte er sich selber wieder gefunden. Das war doch eigentlich erst er selbst. Der Echte, Wahre, Sichere. Alles andere war ein künstlicher Zustand gewesen, ohne Lebensfähigkeit.

War es nicht am Ende komisch, wie er sich mühselig bückte nach der Waldquelle, um einen Schluck Wassers, er, dem man die schäumenden Becher kredenzt?!

Hastig drückte er auf die Klinke der Gartentüre, als wollte er eilends in diese schützende Umfriedung gelangen und fliehen vor sich selbst, vor dem Gespenst des Hohnes, das ihm so manchmal schon im Leben zerstörend über den Weg gelaufen war.

Und wie ein freundliches Wunder war es, als sich jetzt die schwere, eichene Haustür öffnete und warm und weich die geliebte, traute Mädchengestalt dahinter erschien und aller Qual mit einem Mal ein Ende machte. Von ihrem Gesichte hatte der junge Tag noch nicht so ganz Besitz ergriffen; es herrschte auf ihm noch unüberwunden die vergangene schwere Nacht.

»Was ist Dir, Estella?« frug er. »Es war eine seltsame, grüblerische Nacht, nicht wahr? Musst Du Dich auch erst mit dem Tag befreunden, -- musst Du Dich des morgens auch erst von neuem an die Welt gewöhnen?«

»_Dieser_ Tage schon«, sagte sie lächelnd, »denn ich werde Dich entbehren müssen. Denke, Onkel will auf einige Tage verreisen, da kannst Du nicht kommen.«

Beide gingen vor jedem weiteren Besinnen zu ihren alten schützenden Haselnussstauden, hinter denen sich schimmernd und glänzend die mächtigen Linden und Pappeln in die Morgenluft hinausdehnten. Sie trugen ihre Liebe aus dem offenen Tage in ein Refugium, denn sie war nicht mitteilsam, nicht laut und heiter.

War das ein Lachen und Lustigsein sonst oft, wenn eine junge Braut in dem kleinen Städtchen war oder ein Liebespaar auf dem Wallweg oder dem Tanzplatz zusammenkam!

Immer mehr hatte sich ein schwerer Ernst über ihre Herzen gelegt und immer erdrückender wurde diese Last. Wenn ihre Augen ineinander lagen, waren sie ohne dies glückliche Festtagsgefunkel junger Liebe, sondern von fast drohendem Ausdruck.

Als ganz junges Ding hatte sie sich die Liebe so lustig gedacht, wie nichts auf der Welt. Schöne Kleider. Bänder. Rosen. Ein lachend Gekose.

Es war anders gekommen. Wenn sie Makassy in den Arm nahm, war die Heiterkeit über alle Berge. Düsteres Ringen; schmerzende Umarmungen. Und dennoch harrte sie ihnen entgegen, wie die herben Frühlingsknospen der Sonne. Aber es war eine sengende Sonne. --

Mit stiller Wärme und Eindringlichkeit, die ihr wertvoller, weil bleibender erschien, frug er nun bei den Haselnussstauden:

»Glaubst Du, dass wir Tage vergehen lassen könnten, ohne uns zu sehen?«

»Es wird aber dennoch so sein müssen, Du kannst nicht kommen in das herrenlose Haus, -- und auf den Strassen herumschleichen, das will ich nicht!« sagte sie gepresst.

Da tat er einen Schritt zu ihr hin und flüsterte ihr zu: »Dann kommst Du zu mir -- wir können ja doch nicht ohne einander sein«.

Sie erschrack so heftig, dass sie unwillkürlich von ihm zurückwich.

»Was fürchtest Du?« frug er schnell und gespannt.

»Mich nicht -- und Dich auch nicht,« erwiderte sie kühn und aufgeregt.

»Also die Leute!« höhnte er. »Da hast Du recht; sorge nur, dass Du vor denen bestehen kannst, dass sie Dir mit ihren goldenen Fingern wohlwollend auf die Schultern klopfen und Du ja nicht anders seiest als sie.«

»Willst Du mich zum Kommen zwingen? Nimmst Du's so entgegen? Braucht es nicht Geschenk zu sein?« frug sie hastig zurück.

»Einerlei .... wenn Du nur kommst .... wenn ich Dich nur habe! Wenn wir zusammen sind, dann sollst Du mir sagen, warum Du gekommen bist! -- Komm'! Komm' auf ein paar einsame, weltvergessene Stunden in mein stilles Atelier. Wir wollen Erinnerungen feiern und alles Gewesene wieder auferstehen lassen. Weisst Du es noch, Geliebte, auf dem Künstlerfeste -- da war unser Tanzen wie ein Träumen unter den schimmernden Glühlichtern und den taumelnden Bäumen? Das war das Rechte!«

In seinen Augen war ein Locken und Winken und Verheissen, das sie bestürzte und zugleich reizte, diese wilden Flammen zu löschen.

»Ich komme nicht« schrie sie auf in Angst und Trotz, als hätte sie noch jemand anderen davon zu überzeugen als ihn allein.

»Warum nicht?« frug er rasch.

»Ich komme nicht, weil ich mich schämte vor Dir, so ohne Willen zu sein,« antwortete sie.

Sachte hob er ihr Köpfchen in die Höhe und suchte ihre Augen. Mit Vertraulichkeit in Ton und Blick fuhr er fort:

»Estella, kann zwischen Dir und mir etwas sein, dass uns zu trennen vermag?«

Da geschah Unerwartetes.

Fast brutal rief sie vor sich hin, mit kaltem, hartem Gesichte:

»Wann soll ich kommen, -- um Mitternacht mit den Dieben und Dirnen?«

Er horchte auf; -- befriedigt glaubte er zu erkennen, dass sie unter seiner Macht litt und dies ein zorniges ohnmächtiges Wehren, der gequälte Aufschrei eines untergehenden eigenen Willens war.

»Komme, wenn es Abend ist!« sagte er jetzt. »Um 9 Uhr -- -- wie gleichgiltig kann es Dir sein, ob neben Dir ein Dieb geht oder ein König. Die _eigene_ Majestät, Estella!!! Siehe, Du schütztest Dich einfach durch die Dunkelheit vor den Blicken der Menschen, die Dich doch nicht verständen, wenn Du ihnen auch sagtest, was für einen schönen Gang Du tust. Denn schön nenne ich diesen Gang zu mir. Er ist ein Darleben Deiner Liebe, das mit Überwindung geschieht. Also habe Mut und komme!«

Angstvoll abbrechend sagte sie: »Ich binde mich nicht .... ich binde mich nicht ....« und setzte sich hastig auf die Gartenbank, ihn damit zum Malen auffordernd.

Er selber wollte heute noch energisch vor seine Kunst treten, nachdem er auf Tage davon abgehalten werden sollte und folgte ihrer stummen Aufforderung.

Und dann musste er sich auch von dem jungen Weibe befreien -- am Ende hätte er es erschreckt durch seine Eindringlichkeit und abwendig gemacht -- und dazu bot die Arbeit die einzige Möglichkeit. --

Als er prüfend und vergleichend das Bild übersah, fiel ihm der starke Kontrast zwischen Porträt und Wirklichkeit auf.

Das eine ein lachendes, sorgloses Mädchengesicht, das andere ein innerliches, gedankenschweres Antlitz.

»Es stimmt nicht mehr, nicht wahr? Ich bin so nach und nach aus dem Lachen heraus- und in das Weinen hineingekommen,« sagte sie still und dachte:

»Da baut man sich in Jahren stolze Gedanken mit seinem Verstande auf, -- es kommt ein einziger Sturm als Wandler aller Dinge. Denn die Gedanken waren nicht tiefgründig, weil nicht im Herzen, im eigenen Mark gewurzelt. Übernommenes -- nicht Selbsterworbenes, aus sich selbst Gewordenes, mit eigenem Herzblut getränkt -- darum hat sie alle der Sturm verweht.«

Er trat jetzt weit zurück von dem Bilde und betrachtete es gleichsam als Fremder. Es war nicht gut. Starr und steif wie eine Mauer waren das lachende Mädchen und die grünen Stauden in einander gemörtelt -- und die ganze lichte, leichte Frühlingsseele lag darunter begraben. Träge, schwere Farben. Wie waren seine Bilder sonst oft aus einem Guss, voll rücksichtslosem Trotz und Mut. Aber hier war es, als hätte nicht einer gemalt, sondern viele, und keiner mit ganzer Kraft.

Allein selbst diese Erkenntnis konnte ihn heute nicht betrüben; er war zu voll der Erwartung auf morgen. Morgen -- ja -- --

Der Gedanke, dass dieses junge, reine, feine Mädchen zu ihm kommen würde, erregte ihn immer mehr. Dieses Vertrauen war doch ausserordentlich, nachdem sie ihn kannte und liebte.

»Ich will es Dir danken,« dachte er und kam sich vor wie ein seltener Mensch -- -- dann aber auf einmal gingen die guten schönen Gedanken ums Eck herum und kamen in eine andere Strasse und bekamen eine andere Richtung.

»Es wird das Vertrauen auf sich selber sein,« überlegte er, »dass sie mir in mein Haus kommt« und zwinkerte die Lider zusammen als wollte er diese neue, abkühlende Erwägung ungestört vor sich haben. Und kaum hatte er sie ins Auge gefasst, erschien sie ihm sympathischer, reizvoller, -- weil kampftauglich ..... entbindend .....

Die Sammlung zum Malen war dahin. Estella erhob sich -- abschliessend.

Es war nicht mehr das Alte. Es schien ihr vieles umgeworfen, was von jetzt an unbeachtet am Boden liegen würde. Schöne, innere Dinge von stillem, grossem Werte. Zertretene Blumen, über die man achtlos hinwegsteigen würde, einem gleissenden Ziele zu.

Sie bat ihn zu gehen und sich vom Onkel zu verabschieden. Schweigend schritten sie durch den Garten zurück ins Haus.

Ringsum Rosen. Von allen Stöcken und Stauden funkelten sie rot und leuchteten weiss und dufteten aus tausend Kelchen. Das Violett des Flieders war lange gegangen, auch die Flammen der Pfingstrosen waren erloschen. Das feine Gras des Rasens lag zum ersten Mal geschnitten in der Sonne und sein würziger Geruch mischte sich unter den Blumenduft. Winzige Äpfelchen, aus den Blüten geboren, lugten schon durch die Blätter der Obstbäume.

Die Verabschiedung von Brand war schnell erledigt; allzu grosser Trennungsschmerz verlängerte sie nicht. Die beiden Männer waren sich in den langen Wochen nicht um einen Schritt näher gekommen.

Makassy sagte nun zu Estella sehr vernehmlich: »Adieu und auf Wiedersehen, wenn Herr Brand wieder zurück ist,« und leise ..... so ein wenig leichthin ..... zwischen den Zähnen durch:

»Morgen um 9 Uhr.«

»Wie wenn das selbstverständlich wäre,« dachte sie zornig. Nichts erschien ihr überflüssiger und hätte ihr peinlicher sein können als diese Art routinierter Vertraulichkeit, die gar so gemütlich und zuversichtlich Arm in Arm mit ihr ging.

Und es fiel ihr auf einmal der Unterschied auf, der zwischen ihnen war. Sie erschien sich reiner, anders als er, fasste sich selber wieder ins Auge und fiel sich auf in ihrer Sauberkeit -- sie lauschte sich nach -- und fand sich beglückt und erleichtert dadurch selber wieder.

Als er schon längst gegangen war, hielt dieses Staunen über sich selber noch an. Das war ja noch die alte Estella mit dem klaren, hellen Kopfe, der sich so leicht und fröhlich trug!

Und voll Kraft und Freude war sie auf die eignen Füsse gesprungen in dem köstlichen Bewusstsein wiedererlangter Selbständigkeit. Diese entkräftende Benommenheit war gewichen, die ihr jede freie Entscheidung aus den Händen rang. So musste sie nicht -- so konnte sie! -- -- --

Voll schüchternen Jubels eilte sie in den Garten, von da in ihr Stübchen, wieder hinunter in das Musikzimmer -- und riss die Türen hastig auf als brächte sie freudige Botschaft, als wollte sie sich zeigen in ihrer neuen, eigensten Gestalt.

»So war ich,« dachte sie »so will ich wieder werden.«

Fast heiter begleitete sie später den Onkel auf den Bahnhof und fand alles auf dem Wege dorthin so fremd geworden und doch so vertraut und es klopfte ihr zaghaft auf die Schultern und frug leise: »Kennst Du mich noch?«