Estella: Novelle

Part 6

Chapter 63,635 wordsPublic domain

Rasch betrat sie den Wald, um sofort weiterzuschreiten, vorbei an ihm, -- den Onkel einzuholen. Makassy jedoch ging gleichen Schrittes mit ihr und behütete sie ängstlich, sie hier von irgend einem kleinen Abhang zurückreissend wie vor einem Abgrund oder ihr dort über eine harmlose Baumwurzel helfend, wie über das schwierigste Hindernis. Aber das konnte sie nicht freuen. War das wirklich nichts als Sorge um sie? Es geschah mit einer Heftigkeit, die ihr zu stark erschien für diese winzigen Gefahren. Warum tat er das?

Er wusste Antwort. Lust war es -- -- und Angst. Lust, sie zu berühren, Angst sie zu verlieren. Seine unglückselige Art liess ihn sie umlauert sehen von Gefahren. Er zitterte um sein junges Lieb, von dem er so viel erhoffte.

Erhoffte für sich. Selbsterrettung, Lust zum Kampfe mit all' dem Stagnierten, Verwesenden in ihm. --

Weiter gingen die Gedanken.

Sollte er wirklich das alles aufrütteln zum Leben, was so faul und träge, sterbend schon, in dem Satz des Bodens lag? War das nicht unbequem und ohne Freude?

Und weiter gingen die Gedanken.

Auferstehung! -- Wie pathetisch für einen Makassy! -- Mit neuem Hemdkragen und frischgeputzten Zähnen zum Halleluja singen -- --

Aber hinter seinem zynischen Hohne lauerte die Furcht, ganz klein. Die wollte er nicht sehen. Ihm fehlte der Mut zur Reinheit, -- er wusste nichts anzufangen damit. -- Das war's. --

Indessen waren sie mit dem alten Brand zusammengekommen und unterhielten sich mit ihm. Estella schob ihren Arm in den seinen, obwohl er, nicht gewöhnt an Frauennähe, etwas steif in solchem Falle war und erst wieder doppelt herzlich wurde als sie ihn wieder freigab.

Aber sie hatte sich in den kurzen Augenblicken erholt an diesem Gleichmass, dieser Unerschütterlichkeit einer geklärten Natur. »So von einem Ruheplatz aus über das sturmgepeitschte Meer schauen,« dachte sie, »muss auch schön sein -- aber inmitten der Wogen ....« Erschrocken über ihre eigenen Gedanken irrten ihre Augen zu Makassy hin. »Was er nur hat, -- er wird immer seltsamer,« grübelte sie. »Er macht so müde, ich kann ihm kaum folgen, -- ich werde den Boden unter mir verlieren -- doch was liegt daran, wenn ich nur mitkomme -- wenn ich nur mitkomme ...!«

Sie hatten sich wieder von einander entfernt.

Brand war stehen geblieben und vertiefte sich in die jungen, hellgrünen Ansätze eines Tannenbaumes und wunderte sich, dass dieselben in seinem Garten noch nicht so weit waren. Dass sie in des Pastors Garten zum Beispiel zurück waren, beunruhigte ihn nicht. »Ein Garten ist eben kein Wald« hatte er neulich erst begütigend zu ihm gesagt. Aber _sein_ Garten, -- das war schliesslich doch etwas anderes.

Die beiden anderen waren weitergegangen. Makassy, der dieses Einhängen des Mädchens in Onkels Arm misslaunig beobachtet hatte, liess es rauh an: »Suchst Du Zuflucht? -- Du gehörst zu mir, wisse das!«

Da war sie ganz nahe zu ihm getreten und stellte sich wohlig an die leichtentflammte Glut dieser Leidenschaft.

»Küsse mich,« herrschte er sie an und riss sie mit wilder Geste an sich und sich aufreckend fuhr er fort:

»Initiative, Weib! Ich dürste darnach!«

»Siehst Du«, rief sie in wachsendem Schmerz, »siehst Du, ich bin nicht der mächtige Baum geworden -- ich bin verbildet und verschnitten -- verstümmelt bin ich -- --«

Aber er hörte ihre Worte kaum, er hatte sich berauscht und vergessen an der Nähe ihres blühenden Leibes und küsste sie ..... küsste sie .....

Bei ihr führte der Weg von innen heraus; langsam, Schritt um Schritt.

»Vergiss mich nicht, wenn Du mich an Dein Herz nimmst!!« rief sie erschrocken.

Der Wald um sie her rauschte vor Pracht. In die dunkeln Tannenwälder hatten sich Eichen- und Buchenstände eingeschoben. Es war ein Zittern und Schwanken von Licht und von Schatten, ein irres Hüpfen von Sonnenflecken und -Streifen und -Kreisen ringsum.

Und langsam führte sie der Weg aus diesen lebensvollen Wäldern in einen ganz anders gearteten uralten Lärchenhain, der wie ein vergessenes, stehengebliebenes Stück Welt, das das Sterben übersehen hatte, aus langvergangenen Zeiten anmutete.

Zerfetzte, silbergraue Lärchen standen riesenhoch wie die dräuenden Greise des Waldes auf dem graubraunen, verdorrten Grasboden und streckten ihre dürren, vertrockneten Arme gespenstisch in die Luft. Rötlich schimmerte es durch die Risse und Rinnen der dicken, violetten, zerborstenen Rinde der Stämme und da und dort sickerte eine schwere, grosse Zähre durch sie und rann langsam, langsam zur Erde nieder -- oder blieb erstarrt auf ihrem mühseligen Wege stehen. Und mächtigen Adern, die noch ein spätes Leben fristen, glichen die Wurzeln der Bäume, die aus dem Boden gequollen waren und die ein uralter, graugrüner Schimmel umzog. Aus den abgestorbenen, bleichen Ästen ohne Rinde und Laub wucherten weisse und gelbgrüne Flechten und wehten graue, lange Bärte, in denen die abgefallenen, rostigbraunen Nadeln zitternd hingen. Und nur an manchen Spitzen dieser entnadelten, filzig umwachsenen Zweige waren noch einige stehen gebliebene Nadeln, die wie durch die Patina stiller Jahrhunderte zu steifen, blaugrünen Sternchen erstarrt schienen.

Ein Windstoss fegte über den Wald, dass es das verdorrte, gelbe Gras, das wie auf verlassenen Gräbern lag, knisternd in die Höhe hob, dass die dürren Äste klappernd aneinanderschlugen, die modrigen Bärte wilder wehten und ihnen die rostigen Nadeln klingend entfielen, dass ein paar aufflatternde Vögel kreischend den Wald verliessen und ein schwarzes Eichkätzchen erschrocken über den verfallenen Weg huschte.

Die drei Menschen standen ganz klein und verloren in dem hohen, seltsamen Walde.

Das gesunde, furchtlose Mädchen wehrte sich am ersten gegen seine Macht. All' seine Klarheit erhob Protest gegen dies düstere Grauen.

»Sing ihm ein Lied zum Trotz«, raunte es Makassy zu.

Und der schlug innerst erleichtert sogleich ein, langte eilig zurück nach einer der alten, fast vergessenen Weisen -- hub zu singen an, wie kein Anderer singt -- -- und sein Lied zitterte heiss und hastig durch den toten Wald. Es schlüpfte zwischen den dürren Ästen durch, streifte die alten, vertrockneten Bärte, lief über die knisternden Grashügel weg, flog zu den kahlen Wipfeln hinauf, huschte durch die Moose und Flechten und sprang über den verlassenen Weg.

Es rast im Tanze Das wilde Weib. Es lockt im Glanze Ihr schöner Leib. Züngelnde Locken Umspielen die Brust. Rundum hocken, Entfacht in Lust, Männer und Frauen, Die trunken schauen. Alle die Lichter Schieben sie nah, Gier'ge Gesichter Man da sah. -- Doch auf einmal -- o Entsetzen! -- Löst sich der Schleier Und die Fetzen Fangen Feuer! Alle johlen, Nur einer stürzt hin. Der musst' verkohlen Samt der Tänzerin. -- Wer voller List Blos hat geschaut, Entkommen ist Mit heiler Haut.

Sie hatten den Wald vergessen. Sie waren voll des Liedes.

Makassy schien in der Ferne zu sein. Estella lauschte mit angstvoll gespannten Sinnen weit über das Lied hinaus. Da war etwas, das sie erschrecken liess; etwas Wildes, Dämonisches, zu dem sie sich nie erheben konnte. Da war etwas Ursprüngliches, Elementares, das ihr fehlte, eine glühende Sinnlichkeit, die sie nicht kannte.

Da war ein Strom, stolz und grossartig, der sich durch Felsen brach -- hier ein dünnes Bächlein, das verzagt um alle Steine lief. --

Brand ärgerte sich über das Lied, an seiner faktischen, praktischen Natur scheiterte dessen Poesie; auch genierte ihn dieses nackte Frauenzimmer, das da so zügellos um ihn -- den Privatier Brand -- herumhüpfte.

Als sie endlich den Wald verliessen, war es spät geworden und leichter atmend betraten sie die freien Höhen.

Es schien fast, als wollte an diesem Tage die Natur selber sich überbieten in verschwenderischem Geben. Denn sie schickte dem reichen Tage einen märchengleichen Abend nach.

Feierlich langsam rollte die Sonne, die feurige Kugel, die blauschwarzen Hügel hinunter und schickte dann einen Gruss zurück, der das weite, abendliche Land noch einmal weckte aus seinen Sommerabendträumen. Eine blutrote, mächtige Flamme schlug auf am Horizonte und die Hügel alle und die schweigenden Dörfer und Felder und Wälder, die schwer und dunkel in dem Tale lagen, erhoben sich langsam zu einem neuen, anderen, verklärten Leben. Sie waren jetzt wundersam durchglüht und ihr violettes Leuchten warf einen nebligen, flimmernden Schein rings um sie in den weiten, magischen Feuerschein, der wie eine erstarrte Lohe über der trunkenen Erde stand.

So ruhte die grosse, stille Welt in verklärtem Lichte.

Allmählich begann ein langsames Umfärben, bis das tiefe Rot des Horizontes in ein dunkelgoldenes Orangegelb hinübergesunken war und alles weit umher träumte in vergeistigtem Sein.

Jetzt schwebten die Hügel der Erde, immer körperloser werdend, wie verwehende Silhouetten, als hätte das Glühen sie ausgeschmolzen und wesenlos gemacht; -- und allumher begannen sich langsam wieder Farben und Lichter zu lösen und verschwanden allmählich in dem dunklen, kalten Weltenraum.

Brand und das Mädchen waren vorausgegangen. Fest und sicher zeichneten sich ihre schwarzen Umrisse in den hellen Horizont. Die Jugend mit den schwellenden, zaghaften Linien; starr und hart das Alter. Hier der junge, werdende Mensch, dort das gewordene, unbewegliche Alter.

»Du Junge«, dachte der Maler, »renne nur mutig den hohen Berg hinauf, der vor dir steht. Bis du da droben atemlos ankommst, bist du von selber müder und stiller geworden und kannst ruhiger den enttäuschenden Anblick ertragen, der sich dir bieten wird. Du hast gemeint, da droben sei das Glück, ein endliches Ruhen und Verweilen; einstweilen ist dort oben nur ein schmaler, schwindelnder Felsenplatz, nicht geschaffen für Menschenrast.

Und weiter wirst du eilig müssen, wieder hinab; ein anderer hoffender Mensch, der nächste, will kommen und schauen, und freudlos wirst du hinuntersteigen, arm geworden. Der glückliche Eifer ist erloschen.

Hinuntersteigen, Schritt für Schritt, zähe, ächzende Mühsal -- hinuntersteigen -- -- Hinunterstürzen! Enden im Werden, enden im Vortraum des Gewordenseins! -- -- trotze, Weib, mit deinen jungen Kräften und Sinnen und sauge dem armen Leben die Freude bis auf die letzten Reste wollüstig aus den Adern!«

So unbemerkt hatten ihn seine Gedanken wieder fortgenommen, dass er sich zurückzwingen musste ins Gegenwärtige, Gute, Einfache. -- Die schlichte Idylle des Brandschen Gartens lastete auf einmal bange auf ihm. Er musste sie sich aus seinem Erinnern in weite Fernen schieben. Dort verlor sie an Wirkung.

Wollte ihn sein eigenes Lied aus diesem Paradiese vertreiben?

Sich übertönend rief er hastig und lärmend: »Fräulein Estella, Herr Brand, -- warten Sie doch! Sie gehen da schnurstracks in den goldenen Himmel hinein und lassen ...«

»Den armen Makassy allein!« rief mit etwas starrem Humor das Mädchen zurück und wartete, während der Onkel weiterging. Dem war nahezu alles unausstehlich geworden, was der sagte. --

»Estella!« rief Makassy leise und leidenschaftlich und presste ihre zarten Handgelenke, dass es sie schmerzte, »schau über die Welt! Siehst Du, wie sie sich plagen?! Siehst Du, wie sie sich aufrecken, hinausdehnen über sich selbst -- ewigkeitwärts?!!

Ihre Farben, ihre Klänge, ihre Bauten, ihre Altäre, die langen hinauf mit verwegener Hand nach der Gottähnlichkeit -- voll Sehnsucht, voll Verlangen, voll Trunkenheit!!! Diese Trunkenheit, ja -- die trägt fort über Gemeinheit, über das Menschsein, über das Erdentum!

Aber allemal in solch' kühnem Aufflug, den Gott im Auge, Gott nahe -- zieht die Erdenschwere roh zurück in die eigene Erbärmlichkeit.

Und siehst Du, Weib, die ungestillte Sehnsucht, diese armen, stolzen Kräfte, die heischen Sättigung -- ich dürste, Estella, ich darbe, ich friere -- -- -- ich muss mich zum Hass und zum Bösen wenden, da fühl' ich starkes, heisses Leben, das mich sättigt!!!

Das Gute ist so einfach, so selbstverständlich. Hinter allem steht die Erschöpfung, aber nirgends näher als hinter dem Guten. Es geht auch so bescheiden und leise -- man hört sich selber zu sehr dabei. Das Böse ist laut und aufwieglerisch, -- es ist mannigfaltig und hat ein dröhnend Gefolge .....«

Er schwieg erregt, um nach einer Weile mühsam mit tonloser Stimme zu sagen:

»Doch Du verstehst mich nicht. Du bist so jung; durchsichtig, glockenklar bist Du; aber das verstehst Du nicht. Verzeih', dieses stille Land da hat sich wieder an meine Ferse geheftet.«

»Und dieses wilde Lied!« schrie sie gemartert auf und ihr Auge stand forschend vor dem seinen.

Aber ohne Antwort, tief und dunkel lag seine Nacht vor ihr.

Sie gingen beide, den Kopf zu Boden gesenkt, und horchten in sich hinein und atmeten schwer.

»Sie müssen auseinanderführen, diese Wege«, dachte sie verzweifelt. --

Dann fingen sie mitsammen zu reden an, laut und leer. --

Hilflos spannte sie auf diesem Heimwege ihr zartes Wesen weit über ihre Kräfte hinaus. Sie suchte sich ängstlich und verzweifelt über sich selbst hinauszusteigern, hinaufzuheben.

Sie wurde laut und unnatürlich, ihre Bewegungen waren wild und aufgeregt -- sie betrog sich damit um all ihre ureigenste Schönheit.

Sie jagte ihm nach, sich verlierend, angstvoll, verhetzt -- -- und sie hatte ihn doch zu sich herüberziehen wollen. Und er sah nur das Unzulängliche, das Verdorbene -- nicht die Qual, nicht die Angst, nicht die Liebe.

Als wenn ein Kind sagte: »Mutter, ich trage Dich, wenn du nicht mehr gehen kannst«; die eine Mutter wird glücklich sein und antworten: »Wie gut von dir; hast du mich so lieb!?« Und die andere wird sagen: »Wie dumm von dir. Fühlst du nicht, dass du zu schwach dazu bist!?« -- --

Bevor sie auseinandergingen, nahe beim roten Tore der alten verwitterten Stadtmauer, da riss er sie in seine Arme -- über alles weg was war; er küsste sie wie von Sinnen und eine wilde, ausirrende Sehnsucht stand in seinen Augen.

Und wieder wollte sie sich wehren und aufschreien: »Ich bin Estella Brand, weisst du, dass ich es bin?« Und wenn er es bejaht hätte, wie glücklich wäre sie gewesen! --

Als sie endlich nach Hause kam in ihr Zimmer, liess sie sich schwer und todmüde auf ihr Lager fallen. War das wirklich nur ein einziger Tag, der hinter ihr lag?

»Wir leben zu schnell, es wird bald zu Ende sein«, dachte sie mit Entsetzen.

Als sie aber eine Zeitlang ruhig lag und der müde Körper sich erholte, zogen auch durch das zerquälte Hirn ruhiger die Gedanken. Sie überdachte alles, Stunde um Stunde, was sich heute zugetragen. Auch das Schöne darin -- -- und immer mehr das Schöne. Es ist etwas so Rührendes um ein junges, elastisches Menschenherz.

Sie dachte an ihn; sie dachte an das Faszinierende, das von ihm ausging; an sich, an das wilde Stürmen, das ihr klares Wesen durchrüttelte und durchtobte, in dem sie mutig, staunend Stand hielt. -- Alles, was er tat und sagte und unterliess, und wie er es tat und sagte und unterliess, war neu und eigenartig, von einem bestrickenden Reize und gleichsam mit Einsatz seiner selbst.

Sein Liebkosen war ein Quälen -- und sie liess es geschehen, war erfüllt davon, währenddessen er immer unersättlicher wurde an ihrer wunschlosen Herbheit.

Wird er nicht bald fordern kommen, dass auch sie gebe, war er nicht schon gekommen und wird sie dann geben können?

Es fiel ihr ein, wie sie sich heute hinausmühte über sich selbst, wie sie einmal förmlich zu ihm hinschrie -- es war am letzten Teil des Heimwegs, als schon das alte Städtchen in seinem Abendfeiern vor ihnen auftauchte, unweit dem roten Tore -- da hatte sie hingeschrien zu ihm:

»Sieh, die Sonne ist fortgegangen!«

Es hatte wahrhaft deklamatorischen Schwung und polterte wertlos und unbeholfen durch den leisen Abend. Wie verkehrt das war. Sie hatte es an seinem Gesichte deutlich gesehen, wie es irritiert aufzuckte.

Sie musste lachen und schämte sich ein wenig dahinter -- und lachte dennoch -- und Tränen stiegen ihr in die Augen -- -- und Tränen fielen über die Wangen -- -- -- und aus dem Lachen war ein Weinen geworden.

* * * * *

An einem der kommenden Tage war es, dass zwei Ereignisse dieses äusserlich so ruhig fliessende Leben durchkreuzten. Als Estella am Abend mit ihrem Onkel beisammen sass, er sehr heiter und wortreich, sie mit einem schwer verhaltenen, übervollen Herzen, nur mit Anstrengung Worte der Erwiderung findend, erinnerte er sich plötzlich, dass die eingelaufene Tageskorrespondenz noch durchzusehen sei.

Das Mädchen brachte sie ihm und riss in Gedanken schon geizig die Zeit ungestörten Nachdenkenkönnens an sich.

Es gab so viel zu denken, zu entwirren, -- umzubilden, aufzubauen. --

Sie sah sich in einem fremden Lande, kannte die Wege nicht, vermochte sich nicht zurechtzufinden, -- -- und wusste keinen Rat.

Doch beim Eröffnen des zweiten Briefes schon sagte Brand erfreut:

»Denke, Estella, Thieben will kommen!«

»Was will er denn?« rief sie auffahrend. Nichts hätte ihr störender sein können in ihrer neuen heimlichen Welt. Sie glaubte, dass der Ungerufene in ihre Kreise treten würde, sie sah ihn traurig wie bei einem Sarge bei dem Feste ihrer Liebe stehen.

Sie fühlte seine klagenden Augen beschwerend auf sich ruhen, sie hörte ihn händeringend sagen wie einst: »Es ist nicht gut, es kann nicht gut sein!«

Sie sah ihn im Geiste schon steif und stämmig wie einen Pfahl mit seiner rechten, geraden Art neben dem sturmgepeitschten Manne stehen und nebendort den Onkel mit Verkündermiene bei solch' sinnfälligem Unterschiede.

Erstaunt sah Brand in das zornige Gesicht seiner Nichte. Jetzt erst wusste er es, dass für Thieben nichts zu hoffen war. Und dem Fernen schlug in dieser Stunde ein warmes Freundesherz.

Lange und eindringlich redete der alte Mann zu ihr. Oft gesprochene Worte, im Wind verhallt: Von dem Werte solchen Besitzes, von dem Werte einer abgeklärten Natur, von Beruf und Lebenszweck und dem kostbaren Gut der Treue.

Aber der gequälte Ausdruck in dem sonst so ruhevollen Antlitz des Mädchens liess ihn verstummen.

Ein anderer Gedanke stieg in ihm auf, eine trübe Ahnung, die auf dem Spaziergang neulich ihn zum erstenmal beschlichen hatte, und hastig musste er noch einmal den Mund auftun und fast drohend hinzusetzen:

»Den Frieden musst Du suchen, Mädchen, den Frieden der Seele«, und schwer aufatmend, sich über den Tisch nach ihr hinüberbeugend: »Du bist auf falscher Spur!«

Erregt fiel sie ihm ins Wort:

»Mich langweilt Euer Frieden; ich suche Kampf, Arbeit, Glanz -- ich muss um etwas ringen müssen!! Ach« -- -- und ihr Antlitz erhellte sich wie die durchbrechende Sonne -- »ach, um das Höchste, um eine Seele ringen müssen -- dürfen, wie grossartig das sein muss!«

Brand fühlte sich verletzt in seinem ehrlichen Rate und das erstemal, seit sie in seinem Hause weilte, ward es ihm bewusst, dass es nicht sein eigenes Kind war. --

Allein gelassen, eilte sie mit ihren Gedanken zu dem Geliebten. Nicht um zu ruhen in seinen Armen, sondern tätig und tüchtig mit ihm auszuschreiten auf einem weiten mühseligen Wege. Einen langen, bangen Schatten wird sie werfen, die grosse, hässliche Vergangenheit und wir werden weit im Dunkeln gehen müssen -- aber dann, dann muss die Sonne kommen.

So schlichtete und ordnete sie und scheuerte alle Stuben blank, bis der grosse Sonntag einst kommen würde.

* * * * *

Am andern Morgen begab sich Estella frühzeitig hinunter in den Garten, wo in der Rebenlaube zum Frühstück gedeckt war.

Der Onkel, der sie gestern Abend so kurz verlassen hatte, begrüsste sie auch heute knapp und mit Zurückhaltung und streifte dabei nur flüchtig mit den Blicken ihr Gesicht. Nach einer Weile erst wurde er freundlicher und legte etwas Verzeihendes in sein Verhalten.

Sie liess beides unbeachtet, denn ihr lag der kommende Tag schwer genug in allen Gliedern.

Mechanisch begann sie in ihrer Tasse umzurühren und sah vertieft nach einem nassen, zerfallenden Stück Zucker.

»So geht's allen«, dachte sie, -- ein wenig stumpfsinnig, -- »den Mutigen und den Feigen -- am Ende ist es gleichgültig.« Dann drehte sie die Augen langsam so ringsumher.

Die flatternden Blätter der Reben vertrieben fortwährend das Sonnenlicht, das sich auf dem weissen, glatten Tischtuch prunkend niederlassen wollte. Jetzt kam es herunter in blendenden Kreisen, gleich wurden die vertrieben, verschoben, zusammengequetscht zu Ovalen und Dreiecken, und kaum wollten die brillieren, wurden sie zerschnitten in Stücke, die zitterten und schwankten und flimmerten. Das war ein Anfliegen und Verschwinden, ein Auseinanderfahren, Aufblitzen und Zerstieben. Nett war das! Etwas bewegte sich auf dem Tischtuch, etwas Schmales, Langes, das nie ganz verschwand. Sie schaute prüfend nach dem gewölbten Dach der Laube. Ein Räupchen liess sich da voller Unschuld an seinem eigenen Faden säumig herunter im warmen Sonnenschein. Nun doch etwas besorgt, sah sie nach ihrer Tasse, ob der Weg nicht gerade da hinein führte. Dann schaute sie wieder so rund herum. Behaglich wars da herinnen. Grünes Licht, Sommerweben, Mückensummen. Behaglich wars im ganzen Garten. Behaglich wars auf der ganzen Welt. Ja, das war es. Aber ihr gehörte es nicht mehr. »Schade«, dachte sie und lehnte sich betrachtend zurück, -- als plötzlich die Gartentüre aufgerissen und unsanft ins Schloss zurückgeschleudert wurde und sehr erregt Makassy über den Kies daher kam.

»Da brennts schon wieder«, dachte ärgerlich Brand und streifte zuerst langsam und gründlich die Asche seiner Zigarre ab, um ihn dann erst mit einer Gelassenheit zu begrüssen, die sich immer noch frühzeitig genug kam.

Des Künstlers grosses, unruhiges Auge suchte zuerst Estella mit alarmierendem Blick. Sein Blick war ein Ereignis jedesmal wenn er sie traf.

Dann bat er um Entschuldigung ob der frühen Störung, aber er wolle nur mitteilen, dass er heute nicht zur Sitzung kommen könne, da er auf einige Zeit verreisen müsse, bis an die ungarische Grenze, wo die Güter seines verstorbenen Vaters lägen und seine Anwesenheit dringend notwendig geworden sei behufs Regelung testamentarischer Bestimmungen.

Alle sahen aneinander vorbei, denn jedes hatte etwas zu verbergen. Der alte Brand die Freude, die beiden andern den Schmerz.

Und um doch etwas zu sagen, erzählte Makassy einiges über ungarische Verhältnisse und Zustände, aber keines interessierte sich dafür.

Bis endlich Brand aufstand, ins Haus hineinzugehen und dort einiges anzugeben. --

Die Morgensonne spielte so sorglos über der Laube, indessen darunter zwei Augenpaare schwer ineinander ruhten in bitterhartem Abschiednehmen.

Trennungsgedanken, Trennungsqual war ihm neuer, belebender Reiz.

»Ich habe Dir noch etwas mitzuteilen, ehe Du gehst«, sagte nun Estella leise und gepresst: »Thieben wird kommen.«

Ein kleines Mücklein summte und sauste über die Tassen weg, liess sich hastig irgendwo nieder, um gleich wieder aufzufliegen und weiterzusurmeln. --

»So reise ich nicht«, sagte er jetzt mit fremder Stimme durch die Laube herüber.

Sie hatte es erwartet und ein Jubel über solche Liebe stieg in ihr auf, dass sie berauscht von ihrem Reichtum freigebig rief: »O reise nur, reise nur!«

Er verstand sie nicht, dachte an Thieben und frug lauernd:

»Willst Du es also, soll ich das Feld räumen?« Und dann, als er ihre schöne Freude sah, es bereuend und irreleitend:

»Ich verliere ein Vermögen, um mich nicht von Dir trennen zu müssen und Du gebietest einfach ruhevoll: reise doch!«

Treuherzig sah sie ihn mit ihren guten Augen an und sagte, das klare Köpfchen leise schüttelnd:

»Das ist es nicht. Dich hält ein anderer Grund.«

Da flammte er auf:

»Steck' Dir die Blumen ans Herz, zerlege und zerfasere sie nicht!«

Inzwischen kam Brand zurück, -- aber um gleich wieder umzukehren, als er hörte, der Maler habe sich anders besonnen und bleibe hier, »seine Arbeit nicht zu unterbrechen.«

»Es erscheint mir wichtiger, da zu sein«, sagte Makassy leichthin.