Part 5
»In dieser ›Welt des Scheins‹ wuchs ich heran«, schrieb er, »und meine junge Seele irrte umher und verfehlte in bangem Suchen den rechten Weg. Noch manchmal spähte sie aus nach ihm, aber sie fand ihn nicht -- und bald auch spähte sie nicht mehr, bis -- Dich -- lass heute so Dich nennen, Estella, -- ich fand!«
Das beglückende Bewusstsein solcher Unentbehrlichkeit gab ihr, all ihrem Tun und Denken eine feste, zuversichtliche Richtung. Sie sah ihr Leben wertvoller werden; über der nächsten Zukunft lag ein schönes Streben; und an jeder kleinsten Arbeit hing ein grosses Stück von dem neuen Werte.
»Heute ist Montag, der grosse Montag der beginnenden Arbeitswoche des Lebens, Beginn der Lebensarbeit -- soll das schön werden!« dachte sie.
Diesen Nachmittag ging sie ihm entgegen, das erste Mal seit er kam. Fest und mutig. Als er aber ihre Hände wild und heftig an seine Lippen riss, erschrak sie dennoch ein wenig. Ihrem Innern durfte man nicht voraneilen, da durfte man nichts überspringen, es musste der ganze weite Weg Schritt für Schritt von innen heraus gemacht werden.
Doch sie sollte nichts zu fürchten haben; mit keinem Worte erwähnte er den Brief, mit keinem Blick trat er ihr zu nahe. --
Glücklich setzten sie sich zur Arbeit.
In solchen Stunden flogen die Farben nur so auf die Leinwand und das Werk schien in köstlichem Gelingen der Vollendung entgegen zu reifen.
Sie trugen sich gegenseitig auf Händen. Über ihren Gesprächen lag ein heimlicher Glanz. --
So blieb es viele Tage; bis einmal seine lauernden Sinne, die eine stetige Angst vor der Haltlosigkeit dieses Zustandes verschärfte, verstohlen das Mitleid durch ihre Wärme gehen zu hören glaubten. Da war die schöne Ruhe mit einemmal zerstört und er fing an, hart und hochmütig aus seinem Leben zu erzählen, insbesondere solches, was dartat, wie selbständig und unabhängig er sei, wie um nichts er bettle, lieber entbehre und wie er um nichts bedauert sein wolle.
»Armes, verhetztes Tier,« dachte Estella mit überschwellendem, mütterlich-warmem Empfinden, »lass Dir doch helfen! Kein wärmerer Freund im Leid als das Mitleid!«
Hass oder Liebe, dass seien die Elemente seines Lebens, das seien Fürstenthrone -- zwischendurch dränge sich das Gesindel.
»Ich bin einer von den Makassy's!« rief er hochfahrend. »Die sind das Betteln nicht gewöhnt -- Herrennaturen -- vielleicht Despoten --«
Jetzt war das ahnungslos überfallene Mädchen aufgesprungen und kampflustig geworden und gab ebenso, doch mit einem schöneren Stolze zurück:
»Vielleicht lernen Sie noch einmal die Demut kennen, wenn ein höheres Empfinden an Ihre Türe klopft?!«
An dem unerschütterlichen Damm ihrer starken Art schlugen die brandenden Wogen seines Temperaments mit verdoppelter Gewalt empor und rücksichtslos fuhr er auf:
»Dazu brauch' ich doch die Demut nicht! -- Das empfange ich mit erhobenem Haupte!«
In solchen Augenblicken konnte er alles vergessen um seinetwillen, er täuschte und forcierte sich über sich selbst hinaus. Die unterdrückte Wut eines Sklaven bäumte sich roh auf -- eines Sklaven, der zu lange schon an den Fesseln und Folgen eines unbändigen Temperaments geschleppt hatte.
»Dann tritt es gar nicht ein; es versagt die Gnade seines Kommens,« sagte sie feierlich.
»Gerade sie sind alle zu mir gekommen, ungerufen, ungebeten, stolz empfangen. Ich brauche keine Gnade!« fiel er ihr grossartig ins Wort. »Sie sind alle gekommen -- der Hass und die Liebe!«
»Ich spreche von höherem Empfinden!« rief sie kalt.
»Nun, die Liebe -- gibt es Höheres?« höhnte er.
»Ach, diese Liebe«, erwiderte sie verächtlich, »die man so geringschätzig empfangen kann, das ist auch eine darnach! Da muss man keiner der grossartigen Makassy's sein, da brauchen auch die andern nicht zu knieen in Ehrfurcht. Die lungert in allen dunklen Gassen und Gängen und bettelt um Einlass -- da wäre es grösser, sie gar nicht zu empfangen!«
Eine hässliche Antwort lag ihm auf der Zunge, aber an solch' kühlem Ernste und an so viel klarer, sittlicher Natürlichkeit scheiterten seine schwankenden Argumente.
Vor einem einfältigen Mädchen wurde er unsicher und zaghaft wie ein Schulknabe. Das erste Mal im Leben; und es machte ihn mutlos. Dazu kam noch die Furcht, sie zu verlieren, die hockte wie ein Gespenst zwischen all' seinen Erwägungen. -- -- Sie zu verlieren, ohne sie besessen zu haben, -- ohne -- diese köstliche Kraft gebrochen zu haben, mit der sie -- lachend, ohne nach ihm zurückzusehen -- ihre hellen, heiteren Wege weitergewandert wäre -- -- niemals! Er liebte sie. --
Aber an diesem Nachmittag schieden sie von einander -- hoffnungslos, -- nachdem vergeblich Eines auf ein Wort des Andern gewartet hatte.
* * * * *
Doch es war eine Hoffnungslosigkeit von heute auf morgen, schnell geklärt und vertrieben durch Jugend und Sehnsucht.
Am andern Tage schon, als Makassy kam, schien all' das Schwere versunken und das Leichte, Frohe zur Oberfläche gestiegen. Sogar äussere Ereignisse gewannen an Wert und erfüllten sie beide ganz.
Makassy hatte Einladungskarten zu einem Künstlerfeste mitgebracht, das in der Hauptstadt des Landes in einigen Tagen stattfinden sollte. Künstler der ganzen Gegend mit Frauen und Töchtern und eine kleine Schar Geladener würden kommen, es sollte ein zwangloses Gartenfest werden mit Tanz und Maiwein.
»Da wollen wir uns festlich machen und alle graue Weisheit vertreiben und verwirbeln im Tanzen und Lachen!« rief sie entzückt.
»Wieviel poetischer ist doch Estella Brand ohne allzuviel Gründlichkeit!« scherzte er und ein Verlangen kam über ihn, sie einmal, wenn auch nur auf Stunden, herauszuholen aus der gewohnten Umgebung in weitere Verhältnisse -- -- heraus aus dem ängstlichen Garten -- -- über die Heide mit ihr auf wilden Pferden -- -- allein! --
Der alte Brand kam durch den Garten her und erfuhr die Neuigkeit. Erst mit Zurückhaltung, wie einer, dem nichts Übereiltes passieren darf, -- dann mit Wärme, als er des Mädchens Freude sah. Dachte er doch an seine eigene Jugend, wo er auch gerne ein Tänzchen schlug. Das vergass er nicht, wie das sonst dem Alter gerne passiert. Und wenn damals die blasse Maria Hagen nicht gestorben wäre -- mit ihrem wundervollen dunkeln Haar -- dann hätte er vielleicht selbst eine Tochter mit 20 Jahren, die er zu einem Feste führen müsste. Das war schliesslich auch ein Grund. So sagte er dem Maler Dank und gab ihm seine bestimmte Zusage.
Es begannen Tage voll heiterer Arbeit für Estella. Sie richtete sich ihren Staat zusammen, ein weisses Seidenkleid, dessen viereckiger Halsausschnitt vergrössert wurde, da der Hals zu hübsch war und -- Makassy ihn noch nicht gesehen hatte. Für alles sorgte sie selber, es war ein Eifer, ein Vorbereiten, ein verhaltener Jubel.
»Wie ist doch alle Gegenwart wichtig und wertvoll,« dachte sie vergnügt, »wenn Zukunft dahinter steckt!«
Sie konnte es kaum erwarten bis sie am nächsten Vormittage mit ihren hübschen Sachen im Köfferchen am Bahnhof stand und die beiden Herren ihr in den Wagen halfen. Auf der Fahrt sprach sie nicht viel; es war ein Hindrängen auf den Abend, ein Vollsein von Gedanken.
Die Gegend wurde während der dreistündigen Fahrt immer reizloser und eintöniger. Lange graue Ebenen, arme einsame Dörfer, dünne, dürftige Wälder -- bis man endlich am Bahnhofe der Hauptstadt ankam.
Brand und das Mädchen fuhren nach einem Hotel; Makassy wollte sie um 8 Uhr am Eingang des berühmten Stadtgartens, wo die Feier stattfand, erwarten.
Estella machte sorgfältigst Toilette. Der Onkel lachte über ihre Ausdauer, sonst ging das so schnell bei ihr und sie war sich leicht gut genug. Als sie aber um ½8 aus ihrem Zimmer trat -- da tat er selber schnell noch einmal einen Schritt vor den Spiegel, ob er nicht allzusehr abstechen würde von ihr und führte dann seine Nichte mit breitem Stolz zum Tanz.
Sie fuhren nach dem Stadtgarten. Das Mädchen sonst mit dem angenehmen Bewusstsein, heute mit dem bangen Wunsche, zu gefallen. Und heute wollte sie doch nur einem gefallen, sonst Vielen.
Nun stiegen sie aus, traten durch die äussere Pforte in den Park und hier erst wölbte sich ein zweites Tor, die eigentliche Eingangspforte empor, mit Tannenguirlanden umwunden und bunten Bändern. Dazwischen sassen unzählige Glühlichter, die noch zaghaft leuchteten, da der scheidende Tag noch nicht gegangen war.
Man sah ein buntes Gedränge und erst jetzt fiel es ihr ein, dass noch wer anderer als Makassy allein bei dem Feste sein werde.
Der Maler kam auf sie zu. Als er Estella sah, erschrak er, weil sie so schön war. Sein Künstlerauge war geblendet, seine Künstlerseele berauscht -- aber es war nicht das, warum er erschrak. Der Weltgewandte, Aalglatte fand kein Wort, das er ihr hätte sagen können. Er war wie benommen und ganz dunkel ward ihm bewusst, dass er ja Gäste vor sich habe und Brand und das Mädchen einführen müsse. Ihnen den Weg bahnend, führte er sie an einen der geschmückten Tische.
Die Beiden sahen sich um.
Es war zauberisch schön unter diesen hohen, uralten Bäumen, die in gleichmässigen Entfernungen voneinander in den prächtigen Anlagen standen. Da waren plätschernde Fontänen und Blumenboskette, üppige südländische Palmen und Blattpflanzen, dazwischen knirschende Wege mit feinem roten Sande bestreut. Es waren Buden aufgeschlagen und Weinkneipen, wo die Künstler selber den Maiwein kredenzten. Mitten in einem der Rasenplätze war ein origineller Stand für den Glückshafen errichtet, gefüllt mit interessanten Skizzen und Bildern und Plastiken und überall wehten Wimpeln und farbige Tücher, für die nur Künstler die rechten Plätze zu finden wissen. Ein anderer kurzgeschorener Rasenplatz bildete den Tanzboden.
Nach und nach wurden auch die Lampions angezündet und standen trotz ihrer hundert bunten Farben in einem milden, ruhigen Lichte zwischen den dunkeln Bäumen.
Ein Leben und Treiben entwickelte sich, die Musik hatte begonnen und der Tanz, Reden voll Geist und Witz klangen durch die Nacht, Gesänge huben an, hübsche Frauen und Mädchen in wallenden Gewändern drängten sich zu den Buden, die Weinkneipen wurden umlagert, Lose wurden lachend aufgerissen -- es war ein Leben und eine Lust, wie es Estella nie gesehen.
Es hatten sich Maler und Bildhauer um das schöne Mädchen gedrängt, es wurde gefeiert und mit Blumen übersät. Die Künstler haben offene Seelen und offene Hände, wo sie bewundern.
Sie war entzückt von allem: von dem Feste, den Menschen, dem Wein, ihren Erfolgen und sie war heiter und ihr schönes Lachen erklang in einemfort.
Nur manchmal, wenn ihr Blick sorglos von aussen dahergeflattert kam, verfing er sich in Makassy's zwingenden Augen und blieb angstvoll minutenlang darinnen liegen.
Es waren Stunden vergangen, seit er seine beiden Gäste wie im Traum von der geschmückten Pforte zu dem Tische geführt hatte. Estella war indessen ungezählte Male aufgestanden und weggegangen zu den Buden und zum Tanz und wiedergekommen, immer umringt und in Anspruch genommen von einem Kreise huldigender Künstler, die sich mit überströmendem Eifer um sie bemühten.
Wie betäubt sass er an seinem Platze.
Er hatte alles wie im Nebel an sich vorbeiziehen sehen; er hatte kein Ohr für den Lärm, kein Auge für das Getriebe, kein Wort für Estella. Alle Pläne für dieses Fest waren dahin. So vieles hatte er sich vorgenommen für diesen Abend; er wollte gerade heute das junge Geschöpf umgeben mit Frohsinn und Heiterkeit, er wollte ihr alles bieten, was in seinen Kräften stand, er wollte sie mit komischen Einfällen ergötzen, ihr Blumen schenken, interessante Künstler vorstellen, schöne Frauen zeigen -- und mit ihr tanzen wollte er und fröhlich sein. Sie sollte ein rauschendes Künstlerfest erleben, das _er_ ihr geboten.
Aber die Freude versagt so oft ihr Erscheinen, wo man sie recht vorbereitet erwartet hat.
An ihrem Aussehen war mit einem Mal all sein Vorhaben gescheitert. Nur das dumpfe, niederdrückende Bewusstsein eines hoffnungslosen Zustandes war über ihn gekommen.
War es die plötzliche volle Erkenntnis seiner Leidenschaft für das schöne Mädchen, als er es in seinem Liebreiz an der Pforte stehen sah?
Erschrak er über seine eigene Empfindung oder erschrak er für Estella?
Noch war es Zeit; noch konnte er fliehen. Ein heftiger Kampf war in ihm, sollte er sie freigeben, konnte er dies Opfer bringen, das ihm jetzt vor der Entscheidung übermenschlich gross erschien?
Konnte er entsagen -- -- herrschen über sich selbst? Held sein! Und das Nachschauen haben, wenn sie mit ihrem flüchtigen Schritt lachend von ihm gegangen wäre?
Ach, und er erbebte, wenn nur ein Laut ihres Lachens zu ihm herüberdrang. Es zog ihn zu ihr mit allen Fasern seiner unbändigen Natur.
Oder sollte er sie mit sich ziehen in heissem Geniessen einem dunkeln Schicksal entgegen? Sein Blut schlug dumpf an seine Ohren, nur mit äusserster Anstrengung konnte er sich der quälenden Aufregung erwehren, die bei diesem Gedanken sich seiner zu bemächtigen drohte. Wie das winkte, wie das lockte! Sein wildes Wesen brach aus allen Fugen. --
Hatte er denn ganz vergessen, was sie ihm einst bei den Ruinen sagte -- dass sie klug festhalte an dem, was ihr gut sein würde im Leben? Dass sie ihren Kopf helle gelassen und wachend über die blinden Mächte gestellt habe?
Er kannte das. Solche Ideen in stillen Jahren geboren -- in einem einzigen Sturm verloren.
Sein Auge glitt zu ihr hinüber.
Wie ihr hoher Hals so stolz und sicher das zaghafte, scheinumwobene Köpfchen von den geraden herben Schultern weghob! Nun hörte er wieder ihrem leichtgeöffneten Munde dieses zuversichtliche Lachen entquellen -- da fühlte er sich wie ein Verbrecher mit seinen abwägenden Plänen. Sollte er bittend vor sie treten, dass sie ihm helfe, dass sie ihn mit reiner Hand in ihr kühles friedvolles Reich führe?
Ein Verlangen nach dieser keuschen Hand ergriff ihn -- jäh, unaufschiebbar.
Schwerfällig erhob er sich -- ein düsterer Freier -- und trat vor sie hin.
»Fräulein Brand, ich bitte auch um einen Tanz!«, sagte er, und erschrack über das Donnern dieser einfachen Worte.
Sogleich erhob sie sich, verliess alles um sich und ging mit ihm.
Sie kamen zum Tanzplatz. Hunderte von Paaren wirbelten lustig darauf herum; die Musik brauste und die Lichter glühten still darüber.
Noch immer brachte er nichts über die Lippen.
Sie stellte sich tanzbereit vor ihn hin -- er rührte sie nicht an, nur seine Augen standen gross und flackernd vor ihrem unschuldigen Antlitz. -- -- --
Da endlich nahm er sie hochaufatmend in seine Arme und tanzte mit ihr.
Die Seide ihres Gewandes knisterte leise auf und der Duft ihrer Jugend wehte ihm entgegen.
Bebend fühlte er ihren ruhevollen Tanz und ein sorgloses Vertrauen durch ihre Haltung gehen.
Das erste Umfangen dieses jungen Leibes und dessen leichtes Folgen jeder seiner Bewegungen hatten in ihm ein wildes Entzücken, ein berauschendes Präludium seines Besitzes ausgelöst.
»Estella!« stöhnte er auf. Das eine Wort schrie in ihre Seele um Liebe, um Hilfe.
Er hatte sie mit sich fortgezogen aus dem Gedränge, hin wo die köstlichen Anlagen in einen natürlichen Wald übergingen. Dort war es dunkel und einsam um sie und dort legte er seine Arme schmerzend schwer auf ihre beiden Schultern und sein heisser Atem strich verwirrend über sie hin -- und kaum noch fühlte sie es, dass seine brennenden Lippen lechzend und unstillbar auf ihrem Antlitz lagen. -- --
Später sind sie wieder zu den andern gegangen, haben getanzt und gesungen, doch sie wussten es kaum. Das Fest der Künstler rauschte eine verschwommene Melodie zu dem Feste ihrer Liebe. --
Jetzt ward ihr Schifflein abgestossen vom Ufer und den stürmenden Wellen vertraut.
* * * * *
Es kamen Tage voll heissen Glücks. Makassy umgab Estella mit wahrhaft fanatischem Kult und sie schritt durch alle diese Gaben hindurch stolz und zaghaft wie eine junge Königin.
Seine Blicke umschlossen sie fast unaufhörlich und alles was sie tat war von einem neuen, anderen Werte.
Auch sie vermochte sich nicht loszureissen von seinem Antlitz, in dem sie ein langsames Gesunden zu sehen wähnte -- von diesen dunkelgrauen, innerlichen Augen, aus denen allmählich das Ruhelose, Zermarterte zu weichen schien.
Und wenn einmal durch eine Redensart oder irgend etwas Unvorgesehenes ein kleiner Rückfall zu bemerken war, so konnte sie ihn mit einem einzigen ihrer guten Blicke zurückrufen und in Dank und Freude bot sie ihm dann all die Herrlichkeiten ihrer schönen Seele. --
Von den Menschen hatte sie sich fast gänzlich abgeschlossen, sie war so gerne allein, dass sie erschrack, wenn die Gartentüre aufging und irgend ein buntes Kleid dahinter erschien, denn das war sicher jemand für sie.
Ihr Verhalten hatte dann auch etwas so Gezwungenes, ihr Lachen klang arm und notgedrungen, ihre Blicke waren so anderswo und in ihrer Unterhaltung lag nach jedem Satze etwas so Abschliessendes, zu Ende Gekommenes, dass mancher der Gäste plötzlich aufstand und sich verabschiedete.
Was war da sonst oft für ein heiteres Leben, wenn um die behaglichen Gartentische die jungen, fröhlichen Mädchen sassen und über ihre gegenwartsfrohen Gespräche weg, verstohlen in den Glanz ihrer Zukunft lugten. Da schien ein Bündnis der Jugend erstanden -- im Sonnenschein -- unzertrennlich -- ohne Ende.
Aber so schnell schon sollte eine aus ihrer Mitte gehen -- die Eine, die still anerkannte Seele des Kreises, die immer mit unsichtbaren Händen, ungewollt voll höheren Geistes allem das Gepräge verlieh.
Doch die Abschiedsgesänge, die der Geschiedenen erschallen wollten, mussten zerschellen an ihrer Unnahbarkeit und auch an dem Schrecken auferstandener, schnell um sich greifender Gerüchte in der kleinen alten Stadt.
Estella musste vieles ihren Händen entfallen sehen, aber es konnte ja nicht anders sein, sie empfing auch so überreich und all' das erschien ihr so unsäglich viel wertvoller, dass sie es geschehen liess. -- --
* * * * *
Einmal nach diesen Tagen hatten sie mit dem Onkel einen grossen Spaziergang gemacht in der weiteren Umgebung der Stadt. Sie gingen auf den Höhenzügen den reichen Waldungen zu.
Der Mai war längst zu Ende und das Getreide stand schon hoch auf den Feldern. Ein leichter Wind wehte über die schimmernden Ähren weg und ein schwaches Wogen entstand auf den Hügeln -- den stehenden Wellen der Erde. Die niederen Dörfer waren versunken in einem Meere von Fruchtbarkeit und schwimmend lagen auf ihm die braunen Dächer der Häuser.
Auch über die Bäume weg fuhr sachte die bewegte Luft und ihre Zweige erbebten und ihre Blätter legten sich zitternd um und schlugen leise klingend an einander. Schmetterlinge gaukelten über die Wiesen hin und die Gräser und Blumen alle wiegten auf zarten Stengeln ihre Knospen und Sterne und Glocken wohlig im Wind. Darüber wölbte sich weit und hoch das Firmament und glänzende Wolken zogen in seiner tiefen Bläue stetig dahin.
Die drei schritten langsam durch diese schöne Welt. Der alte Brand gab in lauten Worten seiner Bewunderung Ausdruck, Makassy und Estella sagten nichts. Einmal blieb das Mädchen stehen, so recht erfüllt. Es hielt Gottesdienst in seinem Herzen, dabei hatte es das Gehen gestört.
»Siehst Du nicht die Tränen, die über der Erde liegen?« frug sie plötzlich Makassy, »die musst Du sehen lernen, Weib, dann kannst Du ganze Schönheit schauen, der Erde ganzen, qualvoll-wehen Reiz!«
»Bei mir ist das einfacher,« antwortete Estella, »hier ist die Welt, hier bin ich -- dazwischen liegt nichts. Ich schaue nur -- -- Du komplizierst sie und zerstörst Dir ihre grosse, einfache Linie. Will Dir das Einfache nicht genügen oder kann es Dir nicht mehr genügen?! Dann allerdings wirst Du bald am Ende sein. Überfordere das Leben nicht!! Entkräfte es nicht!! Komm,« rief sie abbrechend, »komm, die Rosen blühen!«
»Die morgen welken,« erwiderte er. »Siehst Du Estella, das ist so arm, so einfach: die morgen welken, -- darum muss ich multiplizieren, muss vertausendfältigen im Genuss, darum muss ich heute im Genusse sie zerstören! Ausleben -- Schönheitstaumel .... selbst ausleben, selbst zu Ende leben -- wollüstiges Willenswerk! Sich nicht zu Ende leben lassen -- Ewigkeitstat!«
Sie überlachte es und sagte: »Ich hatt' einmal einen Traum, den will ich Dir erzählen: Es war ein schönes, grünes Land, weit und herrlich. Ein König nannte es sein Eigen. »»Du reicher König,«« dachte ich »»der Du ein so schönes Land hast.«« Aber er selber war nicht darinnen -- es genügte ihm nicht. Dann kam ich in sein Schloss. Da blitzt' es und gleisst' es vor Pracht, dass das Auge erbebte. Dort sass der König, »»Du verwegener König,«« dacht' ich, »»der Du Dir solch ein Schloss über die Welt gebaut.«« Er aber -- verblendet und krank -- schaute hinaus ins Land, das, grau und trüb, ihn dieses bunte Schloss erbauen liess; -- noch grauer und noch trüber erschien es ihm jetzt. »»Du armer, armer König.«« dachte ich jetzt und weinte.«
»Urgesunde,« sagte Makassy, »mutig ist Dein Lachen und weise Dein Märchen!«
Sie gingen weiter.
Ausser der Bewegung, die der Wind schuf, rührte sich nichts allumher. Ein einziger dunkler, grosser Vogel hob sich mit weiten Schwingen in feierlichem Kreisen in den Äther auf und verschwand endlich hoch oben als ein kleiner, schwarzer Punkt in den Wolken.
»So ist das Auffliegen des Menschengeistes, der auf der Erde gross erscheint und zusammenschwindend sich dem Ewigen naht,« dachte Estella, -- doch das Lachen der Erde rief zurück aus den Fernen und ihr Auge blieb auf dem sonnigen Wiesengrunde liegen.
Da lag die Schöpfung in Unschuld. Zwischen Rotbuchen- und Haselnussstauden und graugrünen Wachholderstöcken standen stolze hohe Königskerzen, Büschel weisser, blanker Margeriten, zitternde Federnnelken und dazwischen schickte ab und zu hart vom Boden weg eine niedere Genziane, einem Aufschrei gleich, ihr in Not erstarktes Dunkelblau. Doch mit gleichem Kosen glitt ein goldnes Sonnenwerben von den Königskerzen bis zu ihnen hin.
»Aus diesen Blumenwesen müssen gute Gedanken kommen und über die Erde ziehen« sagte Estella, »was haben sie schon frohe Poesie zu den Menschen geschickt -- --«
»Weil sie unwissend sind« fiel er dazwischen und zitierte mit fast boshaftem Behagen die Verse vor sich hin:
»Blumen, ihr ahnt nicht mit eurem Duft, Dass ihr erblühet auf einer Gruft. Euer Standort, der Hügel, der ist ja nur Eine tote Welle erstarrter Natur. Ihr selber müsst sterben, wie alles dereinst -- Mein Liebchen, auch wir -- mein Liebchen, Du weinst ...«
Sie schwieg; sie wollte nicht hören. --
Bald darauf umfing sie der Wald; er begann hier sehr jäh. Da war noch die sonnige Halde und dort schon standen die trotzigen Tannen in finster geschlossener Reihe. Es gibt oft ein so allmähliges Übergehen in den Wald, wo zuerst Büsche und Sträucher vermittelnd und vorbereitend entgegenkommen und uns sachte hineingeleiten -- aber da war es wie das Eintreten in einen Dom, in dem man mit einem einzigen Schritte aus grellem, buntfarbigen Leben stehen kann.
Makassy stand im Walde und wandte sich nach ihr um, die sie noch draussen war im Sonnenglanz. Doppelt erschien sie durchleuchtet, von der Sonne und der eigenen Seele. Das rosige Tüllgewand, das sie heute wieder trug, und das lichte Haar folgten leise der Richtung des Windes wie die Blüten alle um sie her. Es war ein gemeinsames Flattern und Fliegen und Neigen nach vorne, denn der Wind ging dem Walde zu und nahm die leichten Falten des Kleides, die entfesselten Wellen des goldenen Haares und die erschrockenen Köpfchen der Blumen mit sich.
»Schau,« sagte sie lächelnd mit einer solidarischen Bewegung über die Blumen weg, »wir wollen alle zu Dir!« »In die Dunkelheit« rief er und beobachtete ihre Mienen. Aber sie umging die Antwort auch diesmal.