Part 4
Sie kamen zur Staffelei; das angefangene Bild war derb und roh in seinen Umrissen auf die Leinwand geworfen. Keines sagte etwas darüber. Makassy verräumte seine Sachen -- stets mit ungutem Gesicht über solche Kramladenarbeit.
Die Haushälterin kam und frug, ob man das Abendessen im Freien zu nehmen gedenke. Natürlich.
Da ging Estella das Tischzeug holen und kam frisch und jung wie der Morgen über den Rasen her zurück. Schnell und sicher, klipp und klapp schlugen die kleinen Sohlen auf dem Boden auf, ihn eiligst wieder zu verlassen, als hätten sie nichts zu tragen von der Last dieses grossen stolzen Mädchenleibes. Woher nur hatte sie diesen Gang!
Mit rosigen Händen breitete sie das Linnen über den Gartentisch, den man wieder vor die Bank geschoben hatte und stellte die behaglichen Sessel ringsum. Sie sah umher, ob alles ordentlich und gemütlich so sei und verstrich schliesslich noch mit dem Fusse die dunkeln unordentlichen Furchen, die vom Schieben des Tisches in dem gelben Kiese waren.
Wie anders ist alles, was ein feingeistiger Mensch auch tut, auch das Unbedeutendste, Alltäglichste -- wenn dahinter nicht gleichsam der Vorhang fällt.
Aber sie tat ihm leid. »Ist dir wirklich ernst mit all deinem Ordnen und Vorbereiten?« dachte er, »darin liegt so viel arme ahnungslose Freude.«
Die alte Dienerin brachte die Gartenlampe und einen ganzen Stoss Zeitschriften. »Für später«, bemerkte sie, um dann mit ausdrucksvollem Seitenblick auf Makassy zu fragen, ob man servieren dürfe.
Der riss sich energisch los und verabschiedete sich.
»Sie werden froh sein, dieser Idylle zu entkommen«, rief ihm Estella nach und lachte hinter ihm her -- und alles lachte mit ihr hinter ihm her, das Haus, der Garten -- --
»Es ist doch ein recht boshaftes Mädchen«, dachte er ärgerlich im Gehen. --
Aber alle Tage ging er nachdenklicher.
* * * * *
Wieder einmal sassen sie beisammen. Das Wetter war nicht so schön heute, denn es war schwül und fing auch alsbald zu regnen an. Sie packten die Malsachen zusammen und trugen sie ins Haus; dort wollten sie warten, bis es aufhörte.
»Kommen Sie«, sagte Estella, »wir schauen indessen da beim Fenster hinaus; ich habe das Regnen so gern.«
Das Fenster lag gegen Westen; man sah über die grünen Wipfel einer Baumschule weg, hin an die alte graue Stadtmauer mit ihren teils vermauerten, lange ausgedienten Schiessscharten. Hinter ihr ragte nur ein einzelnes, sehr hohes Giebelhaus mit schiefem, etwas eingesunkenem braunen Dache und der Kirchturm empor. Der graue, schwere Himmel stand still und nahe über der Erde. Es war überall ganz ruhig, dass man den Regen auffallen hörte. Er rieselte hastig herunter, platschend aufschlagend auf den Blättern der Bäume. Er gurgelte hier durch eine am Hause angebrachte Rinne und fiel plätschernd in das aufgestellte Regenfass darunter, er trommelte dort auf einige leere, draussen stehen gebliebene Giesskannen und tropfte vor ihnen eintönig und gleichmässig herunter vom Dache. Es war ein warmes, eiliges Regnen, das sich schickte, fertig zu werden, um der Sonne Platz zu machen, die schon hinter den Wolken hervorblinzelte und wartete.
Sie sogen den frischen, erquickenden Duft der dampfenden Erde ein, sich zusammen aus dem Fenster lehnend, dass ihre beiden Oberarme sich fest aneinander pressten.
Allmählich liess draussen das Regnen nach und hörte endlich ganz auf. Auf den jungen Birnbäumen drüben in der Anpflanzung tropfte es melancholisch von Ast zu Ast, von Blatt zu Blatt; es war ein sanftes Gleiten, ein Abgeben und Aufnehmen, ein entlastetes Sichindiehöheheben und ein beschwertes Hinuntersinken in den nassen Blättern und Zweigen. Unentwegte Bewegung in den triefenden Bäumen, obwohl die Luft ganz stille stand. Estella war tief versunken. Aber als sie dieser Versunkenheit nachging, sprang sie hastig auf und trat zurück aus dem engen Fensterrahmen.
Langsam verliess sie das Fenster und ging aus dem Zimmer, in das das Westlicht so freundlich schien, durch eine offenstehende Türe in den angrenzenden, dunkleren Raum, wo in schwerem Ernst tiefrote Vorhänge von den Wänden hingen und auf dem rotausgeschlagenen Fussboden ein streng elegantes Mobiliar stand.
Sie trat zum Klavier, schlug den Deckel auf und begann ein ganz einfaches Volkslied zu spielen. Die schlichte Melodie flog leicht auf; sie kam aus einem vollen, liederfreudigen Herzen.
Makassy, der ihr nachgekommen war, trat zu ihr und sang dazu; da wurde es ein ganz anderes Lied. Estella erkannte es kaum wieder und erregt bat sie ihn, mehr und etwas anderes zu singen.
Er hatte eine vibrierende Stimme, biegsam und hart, wie das Lied es erheischte; es war kein eitles Singen, denn nie opferte er auch nur einen Ton oder ein Zeitmass seiner Stimme. Geschlossen, von grossartiger Auffassung getragen, erhob sich der Gesang, unbekümmert um sie.
Das war ein Singen! Ein innerliches, heisses! Ein schwer gebändigter Strom von Leidenschaft rauschte in den rasenden Tempi dahin; ein verhaltenes Glühen und Sehnen stand hinter den stilleren Melodien; ein qualvoller Schmerz schrie aus zerrissenen Klängen, jauchzende Lust wirbelte voll bacchantischen Taumels in trunknen Kadenzen dahin!
Und alle die Töne rauschten verwirrend in eine stille, einfache Mädchenseele. -- --
Die Zeit war wie im Traum verflogen. Als sie endlich geendet hatten, stand Estella auf, wendete sich ihm zu und suchte aus sich herauszukommen -- aus all' diesem neuartigen Stürmen und Drängen.
Beide sahen sich forschend an, doch verbargen sie sich ihre Seelen.
Plötzlich entglitt der Deckel des Klaviers den zitternden Händen des Mädchens und fiel dröhnend zu.
Sie waren froh darüber, denn der brutale Ton des zuschlagenden Deckels fiel erlösend in ein banges Schweigen. Estella nützte sogleich diesen günstigen Augenblick und sagte:
»Das war Musik, was ich eben gehört! Wie klein ist meine Art zu musizieren! -- -- Und wer so mutig sein kann!!«
»Sie haben das Volkslied viel richtiger erfasst als ich«, antwortete Makassy, »ein solches Lied soll rein und ruhig vor uns stehen, wie es gedacht ist. Ich hätte es gar nicht singen sollen.« --
Wieder Schweigen.
Dann gingen sie mitsammen in den Garten hinaus, der erfüllt war von erfrischtem Blumen- und Pflanzenduft und dem würzigen Geruch der feuchten Erde. Ein paar Vögel streckten und schüttelten sich die Nässe aus den Flügeln. Schnecken sondierten bedächtig aus ihrem trockenen Haus heraus den feuchten Weg und ein Bienlein dort auf dem Flieder kämpfte verzweifelt mit einem Regentropfen.
Estella sah nach dem allen und dies einfache Leben, das sich da in dem keuschen Tageslicht so offenbar allen abspielte, holte sie heraus aus dem schillernden Zaubertempel, in den dies Singen sie hineingelockt.
Ihre Augen wurden heiterer, gegenwärtiger und vorsichtig nahm sie jetzt ihr Kleid zusammen, das zuerst achtlos die nassen Wegränder und Blumenbüschel gestreift hatte.
Da rief er ihr auch schon zu: »Wie können Sie jetzt darauf achten!? Was liegt an diesem Kleide?«
Sogleich blieb sie stehen, lehnte sich an einen Lindenstamm, schaute ihn erst staunend an, dann freudig -- und alle die Blumen ihres Gartens lachten aus ihrem Angesicht.
Durch diese Frage fühlte sie ihr wachsendes Interesse berechtigt. Ein wenig zauderte sie dennoch und frug ihn dann, sich ermunternd, nach seinem Leben, ihn dabei nicht aus den Augen lassend.
Wie in einer Werkstätte ging es in diesem Antlitze zu; ein Funkensprühen, Zucken, Hämmern und Aufschrecken.
»Fragen Sie nicht darnach«, sagte er und dachte, wie er sonst prahlend mit seiner Vergangenheit losgelegt und wie feig er jetzt war und sich zum Trotz schleuderte er ihr entgegen:
»Da müssten Sie Ihr Kleid noch sorgfältiger zusammennehmen, Estella Brand, wenn Sie davon hörten!«
»Mag sein«, rief sie mutig und ihre Augen leuchteten, »aber ich würde es gleich zusammengenommen lassen und fest zurückbinden und auch noch die Ärmel dazu, und mich mutig an die Arbeit stellen. Ja, das würde ich! Das sollte mir ein gesundes, tüchtiges, prachtvolles Arbeiten werden. Wollen Sie, Herr Makassy?!«
»Ich habe zu viel an mir herunterbröckeln sehen«, erwiderte er nervös und begann unruhig auf und ab zu gehen. »Ich brauchte bis an mein Lebensende mit dieser Arbeit, diesem Ausbessern eines zerfallenen Hauses und dürfte nichts als Steine tragen und Mörtel, den Kopf zu Boden, und ich sähe nichts als mein graues, trauriges Haus -- und übersähe die Welt dabei!«
»Die Welt!« rief sie lebhaft und sah in sein lebensdurstiges Gesicht. »Was ist denn die Welt, diese Welt? Ich glaube, es ist nicht viel dahinter. -- Mir erscheint sie wie eine schöne, kluge Frau, die immerfort Karten schlägt und voll von Rätseln ist, die sie nicht löst und voll von Versprechungen, die sie nicht hält. Sie sitzt lächelnd vor ihrem Tisch und schaut sinnend von einem zum andern, -- denkt aber nichts dabei; sie zeigt mit feinem Finger von dem zu dem und flüstert jedem verheissungsvoll ein Wort zu, nach dem er gierig lauscht, und diesem Worte jagt er atemlos nach und wenn er endlich erfahren hat, was es bedeutet, so sieht er, dass es nicht der Mühe wert war. Da tritt er hin vor die falsche Frau, will Klage erheben und sie zur Rechenschaft ziehen -- aber sie schaut ihn kalt an -- sie hat nicht Herz noch Verstand -- -- -- und hält dennoch die Menschen in Atem -- und Sie, Herr Makassy, sind Einer im Gedränge, Einer von Tausend!« Sie atmete tief auf.
»Ich baute lieber an dem stillen, grauen Hause, dass es was Rechtes werde, was Festes, das mich weghöbe über ›diese Welt‹ und beschütze davor. Da setzte ich mich hinein in diese Festung, die hoch über ihr steht und schaute in meine ureigenste, innerliche Welt -- und lachte über die schöne, falsche Frau.«
Aber er war nicht so arbeitslustig; er hatte zu lange gefeiert und bat nun:
»Seien Sie nicht so tüchtig, Estella, streifen Sie Ihre Ärmel wieder vor und lassen Sie das geschürzte Kleid hinunter -- -- seien Sie wieder so sonntäglich wie zuvor!«
Und sie tat es und lachte.
»Wenn Sie nicht arbeiten wollen und umbauen, so müssen Sie sich freuen können darüber, so wie es ist. Nicht hinstehen und jammern oder gar meinen Sonntag angähnen. Da bin ich Lehrmeisterin -- in der Freude, -- ich will Sie die Freude lehren!« Lachend drehte sie sich im Kreise herum.
»Sehen Sie um sich, da liegt sie schon -- rings um Sie -- Sie müssen sie nur nehmen. Sehen Sie, hier und dort und überall!« Dabei zeigte sie nach allen Richtungen.
»Was gäbe es da alles zu verderben, zu vernichten!« schoss es ihm blitzschnell durch die Sinne. »Ich sehe gar nichts; ich sehe blos einen blauen Himmel und einen grünen Baum«, sagte er störrisch.
»Dass der Himmel blau ist, der Baum grün und der Tag hell, das ist eben die Freude!« erklärte sie eindringlich und dachte: »willst du es denn gar nicht sehen?«
»Schauen Sie nur näher hin«, lachte sie ihm eifrig zu. »Sie müssen nicht darüber wegsehen -- so übersehen Sie alle Freude! -- Mehr kann ich Ihnen nicht bieten!«
»'n bisschen schmale Kost!« rief er. »Vielleicht werde _ich_ noch Lehrmeister und lehre Estella die Freude.«
Und die schweren, verhaltenen Augen wurden durchbrechend und werbend, wie vorher beim Singen. So verheissend, dass um sie her der freundliche Tag verblasste mit seinen liebenswürdigen Gaben.
Das Mädchen wendete sich ab; weg von ihm; ging nach einer Weile zu einem Fliederbaum, riss einen üppigen Blütenzweig herunter, dass die aufblitzenden Tropfen ihr auf Gesicht und Haare fielen und gab ihm ohne ein Wort den feuchten, duftenden Flieder hin. --
Über den Kies her kam der Onkel mit seinem rechtschaffenen Gesicht, ein wenig gebeugt schon für seine Jahre. Sie rief ihm entgegen, dass sie Herrn Makassy eben einen Flieder geschenkt habe für sein einsames Atelier. Beide aber fühlten, dass es sich nicht ganz so verhielt. Der alte Brand, der gerne gab, riss sogleich noch mehrere Zweige ab und reichte sie ihm hin.
Estella sah, wie Makassy sorgfältig den ihren eigens legte, nur störte sie dabei ein wenig, dass er dazu nach ihr hinsah, als wollte er sagen: wunderst du dich nicht auch, wie ich bin -- so wie ich mich wundere?
Man sprach noch einiges mit dem Hausherrn; dann trennte man sich.
Als Estella abends allein in ihrem Stübchen war und bevor sie zu Bett ging, die Blumen versorgte und nach ihren Sachen sah, war dies alles an sich nicht mehr von solcher Inhaltlichkeit und solch' ausfüllendem Werte als sonst. Sie machte es gleichsam rasch ab: den Abend, das Ordnen, das Schlafen, den Morgen und Vormittag -- bis der Nachmittag da war.
Und Makassy kam jeden Tag glücklicher und sein Gesicht war jeden Tag fröhlicher.
Vor seiner Leinwand kämpfte er redlich mit seiner spröden Kunst, aber wie oft war es, dass ein schöner Blick Estellas ihm den Pinsel aus der Hand legte. Dann setzte er sich zu ihr und konnte alles vergessen um sie, auch seine Kunst, und ihren Gesprächen lauschen und froh sein wie ein Kind.
»Meine Scheherezade«, sagte er, sich zurücklehnend, leise und glücklich, durch halbgeschlossene Lippen. --
Selten kam der Herr des Hauses zu ihnen; er zog es vor, im Garten umherzugehen, da und dort an den Blumen und Sträuchern etwas abzuschneiden oder aufzubinden, oder an einem andern Platz zu sitzen und zu lesen, oder im Hause zu sein, etwas zu ordnen oder zu schreiben.
Er kannte seines Bruders Kind, seine Nichte, zu gut und zu lange schon, als dass er sie mit engherziger Bevormundung gequält hätte. Und dann -- wer Richard von Thieben widerstehen konnte mitsamt seinem feudalen Forsthause, der war selbständig und immun gegen alles sonst. Für ihn hätte er ja gern ein gutes Wort eingelegt, aber auch das unterliess er. --
In diesen Nachmittagen, als eine von den Sitzungen war, mit viel sichtbarem Eifer begonnen, an so viel Unsichtbarem gescheitert, kamen sie einmal wieder recht ins Reden.
»Ich möchte so gerne wissen, Fräulein Brand, wie Sie sich eigentlich Ihre Zukunft denken?« frug er sie.
»Früher«, rief sie fröhlich, »viel früher, da erschien sie mir als ein Fest, und ich sammelte Blumen, um sie mir dereinst ins Haar zu stecken.« Und ernster werdend: »Später liess dieser Enthusiasmus nach. Ich liebte ihn auch nicht an mir. Ein wenig sah ich in der Welt herum, ein wenig mehr in den Büchern, am meisten in meinem eigenen Innern. Ich habe offene Augen, das lässt den Kopf hell und ich räumte immer mehr auf mit jenen unklaren Träumen und sah mehr auf den Boden als in die Luft.«
»Da haben Sie also selbst auch an sich herumgeschnitten und Sie beklagten sich doch darüber, dass es die andern taten!« fiel er dazwischen.
Ihr Gesicht wurde ein wenig altklug, als sie erwiderte:
»Freilich tat ich das. Ich habe an mir gearbeitet -- ach nein, Makassy, es ist gar nicht wahr«, unterbrach sie sich hastig, »es war dies kein so eigentliches ehrliches Arbeiten, als vielmehr ein kluges, vorsichtiges Abwägen der Dinge, die mir wohl oder wehe tun würden im Leben und ein eifriges Festhalten des Klügeren. Des Klügeren, nicht des Besseren, hören Sie? Was das Klügere ist, weiss ich; was das Bessere ist, weiss ich nicht. Wer könnte mir sagen, was das Bessere, was das Rechte ist? Heute weiss ich es weniger als je«, fügte sie zaghaft hinzu, um fortzufahren: »Ich bin weit herumgelaufen und habe gesucht und gefragt und geprüft -- und habe es nicht herausgefunden. Ich liebe die festen, sicheren Menschen so sehr. Wie sie daherkommen, die Selbstsicheren, in breiter Selbstverständlichkeit und wissen, was recht ist -- und es den andern sagen. Und wie sie vor den Richter laufen und klagen über die, die es nicht glauben. Woher wissen die es denn, was das Rechte ist? Ich bewundere sie, ich beneide sie. Lauter Majestäten gegenüber den Suchenden, Unsicheren.«
»Über Sie, Estella«, sagte er weich, »sollte einmal etwas kommen, etwas Starkes, das Sie über sich hinaustrüge, fort über alles Zweifeln und Besinnen. Dass nur _ein_ heisses, heftiges Wollen in Ihnen wäre, das sich aufbäumte in Trotz und ureigenster Majestät. Dann würden Sie sagen können: das ist das Rechte, weil es so sein muss und nicht anders sein kann.«
»Das möchte ich -- das möchte ich!« rief sie sehnsüchtig. »Ob ich dessen fähig bin? Ob ich mich nicht schon zu viel besonnen habe im Leben -- zu viel besonnen -- -- -- verbesonnen -- --?«
Sie hatte sich zurückgelehnt und nahm sich vor -- auf das Mächtige zu warten. Wie wollte sie aufpassen, es nicht zu übersehen, falls es käme; und damit es überhaupt nahen könne, musste sie zugänglicher werden, anders als bisher.
Noch übersah sie, dass es schon neben ihr stand, gross, unabwendbar!
Hand in Hand mit ihrem Innern ging auch sogleich das äussere Gebahren. Sie wollte sich von jetzt an recht locker lassen, recht gehen lassen und sogleich damit beginnen. Sie setzte sich nachlässiger hin als sonst, liess sich auf der Bank vorgleiten, stellte die Beine leicht gekreuzt geradeaus, verschränkte die Arme im Nacken und lag so im blanken Sonnenschein in all ihrer Jugendpracht vor ihm da und -- wartete.
Das kam von ihren zwanzig Jahren, dass sie so war. »Schön ist's übrigens, wenn man sich lockerer lässt, nicht gar so straff!« dachte sie.
Eine unaussprechliche Behaglichkeit schien über sie gekommen zu sein. So dachte sie sich den Anfang.
Makassy sah zu ihr hinüber, insbesondere nach den herben Formen dieses jungen Leibes, die durch das prall angespannte leichte Sommerkleid preisgegeben waren und konnte sich nicht losreissen von diesem köstlichen Ebenmass. Auch staunte er über den Wechsel der Stimmung, den er an ihr gar nicht kannte -- und er begann ihn aufzuregen. Erst wenig, dann mehr und immer mehr.
Warum war sie so verändert heute? Warum? Zerstreut malte er an einem Zipfel des blauen Kleides und dachte immer im Kreis herum.
Dazwischen irrte sein Auge wieder und wieder ruhelos zu ihr hinüber. Warum war sie so heute?
Haltloser -- unbewaffnet. Und es wurde ihm unbehaglich. Er fühlte sich allein gelassen, ganz auf sich angewiesen. Ein Schwanken entstand um ihn und unmerklich entglitt ihm seine mühsam errungene Festigkeit. Auf einmal sah er etwas bequem vor sich liegen, wozu er einen weiten mühseligen Weg ersparen konnte. Und das Schwanken wurde stärker und der Wille schwächer und bevor er's dachte, war er hineingeraten in seine eigene Seele, wo sie am dunkelsten war.
War es nicht am Ende gleichgiltig, was sie beide zusammenführte. Warum sollte er hier zaudern? Das unselige Blut seines Vaters begann sich in seinen Adern zu rühren und regen und ohne dass er's wusste, entschlüpften ihm die leichtsinnigen Worte:
»So ist's recht, Estella Brand!«
Estella sprang auf, erschrocken über solche Vertraulichkeit -- den ganzen, wahren Sinn der Worte hatte sie nicht erfasst -- und streckte wie abwehrend und sich schützend beide Arme vor.
Und noch während sie so stand mit erhobenen Armen, musste sie denken: »Lass die Posen« und schämte sich. An ihr lag der Fehler; wie durfte sie sich so gehen lassen; je mehr sie's bedachte, desto mehr fand sie die Schuld auf ihrer Seite.
Da geschah etwas Schönes.
Zaudernd und errötend ging sie ihm entgegen und bot ihm ihre Hand. Es war Verzeihen und Abbitte.
Nichts hätte ihn mehr bewegen können und auch er machte sich auf, auch er wollte sein Bestes geben und begann sich anzuklagen:
»Es ist nicht nur das zu verzeihen, was Sie gehört, sondern vielmehr das, was Sie überhört haben an meinen Worten,« sagte er und dachte: »Eckig, wie ein Schulmeister, rede ich daher.«
»Ich habe eine Gedankenschuld gegen Sie, und zwar -- -- -- --«
Weiter kam er nicht; die Wahrheit stand vor ihm, sträubte sich und stellte sich seinen Worten entgegen.
Gutes wollte er geben, das Geschenk der Wahrhaftigkeit wollte er darbringen, -- aber, die war gehässig geworden und widerharig, dass er sie fürchtete. Um Estellas willen wollte er's versuchen, die so schön vor ihm stand und in glücklicher Erwartung an seinen Lippen hing, das Geständnis dankbar zu nehmen, welcher Art es auch sei: Aber das Warten war umsonst. --
Verbittert und freudlos zwang er sich vor die Leinwand, aber die Arbeit schickte auch keinen Trost.
Da verliess er den Garten des Privatiers und zwei traurige Mädchenaugen schauten ihm nach. -- --
Müde ging Estella in das Haus hinein.
Der Onkel, der ausgegangen war, hatte nachhause sagen lassen, dass er diesen Abend gar nicht heimkäme, sondern einer Herrengesellschaft beiwohnen werde. Droben in seinem Arbeitszimmer lägen neue Bücher für sie zum Zeitvertreib. Wie besorgt er um ihre Einsamkeit war.
Nach dem Abendtisch holte sie sich dieselben auch. Aber dieses gedankenabwesende Herumblättern hatte gar keinen Sinn.
Energisch stand sie auf, läutete der alten Dienerin, liess sich in der roten Stube Licht machen, setzte sich ans Klavier und spielte Beethoven. Zu ihm nahm sie Zuflucht. Es redete ein Grosser zu ihr. Von den Leiden der Welt, von den Qualen der Seele. Der nahm ihre kleinen Schmerzen mit fort. Des Mächtigen eigene Worte fielen ihr ein: »Wer meine Musik wahrhaft versteht, der muss frei werden von all' dem Elend, womit sich die Andern schleppen«.
Und die Töne schienen ihr vom Himmel geschickt. Die hatte er sich einst selber von dorten geholt, als seine gigantische Seele im Kampf mit dem Irdischen lag und er hatte ein Stück Ewigkeit damit auf die Welt gebracht. --
Stunden waren so vergangen, als plötzlich heftig an der Klingel der Gartentür gezogen wurde. Sie schreckte zusammen und horchte gespannt auf den schlürfenden Schritt der Dienerin in dem Kies des Gartens, dann auf das Klirren und Aufsperren der Schlüssel und auf die ersten Worte eines kommenden Gesprächs. Als sie aber dessen ruhigen Gleichlaut vernahm, strich sie liebkosend über die Tasten, weiter zu spielen, weiter zu träumen, neuen Offenbarungen zu lauschen.
Doch bald sollte sie wieder unterbrochen werden, denn die Alte kam ins Zimmer und brachte ihr einen Brief für sie.
»Fräulein Brand eigenhändig zu übergeben.« Die Hausfrau des Herrn Malers habe ihn gebracht.
Da musste sie die Hand aufs Herz pressen -- was wollte er von ihr? Eilig schloss sie das Klavier, sah mit halben Gedanken nach, ob Alles in Ordnung sei, rief der Alten Gutenacht in die Küche hinein und eilte in grossen Sätzen die Treppen hinauf, nach ihrem oben gelegenen Zimmer. Die Häuslerin war aus der Küche herausgekommen und sah nach dem Fräulein; ihr Gesicht schillerte förmlich von eben in Empfang genommenen Neuigkeiten, aber niemand nahm sie ihr ab.
Das Mädchen entkleidete sich mit zitternden Händen. »Zu dumm, dass ich zittere«, dachte sie, »ich weiss gar nicht warum,« und legte sich auf das einsame Lager; -- jetzt erst wollte es den Brief lesen, ganz ungestört, durch nichts unterbrochen, -- und nichts mehr um sich haben wollte es als die schweigende Nacht und ihre eigenen stillen Gedanken.
Als eine halbe Stunde später die Haushälterin an der Zimmertür vorbeikam, hörte sie drinnen ein bitteres Weinen.
* * * * *
Am anderen Tage war Estellas Wesen gesättigt von einer weichen, versonnenen Melancholie. Die stellte sich neben sie; sprang mit ihr über die Stiegen hinauf, setzte sich behaglich mit ihr in den alten breiten Lehnstuhl, der in der Veranda stand, und schaute mit ihr über den Garten weg auf die Strasse, wo die Menschen so werktäglich -- ahnungslos vorübergingen. Diese Melancholie war eigentlich gar nicht traurig.
Im Hause gab es allerlei zu tun und dazwischen zog sie immer wieder den Brief aus der Tasche und las und las. Wie hinreissend er schrieb! Aber es war die traurige Geschichte eines schweren Lebens, die sie hier zwischen den feinen Fingern hielt. Es stand da von seinem Vater, der einem alten, hochangesehenen Geschlechte entstammte und die glänzenden Güter, die an der ungarischen Grenze lagen, durch einen leichtsinnigen Lebenswandel herunterbrachte, -- von seiner Mutter, die ihr qualvolles Leben zu übertönen suchte mit rauschenden Festen und schreiendem Prunk und endlich selber darinnen unterging.