Estella: Novelle

Part 3

Chapter 33,793 wordsPublic domain

»Stützen Sie sich mit dem einen Arm auf die Seitenlehne,« rief er. Aber dies sah so unwiderstehlich komisch aus, dass beide lachen mussten.

»Es wird nichts werden« rief sie, »ich sollte so eine spitzenbesetzte Prinzessin sein mit einer recht fertigen, ausgeruhten Seele; wie schön gelassen wollte ich mich vor Sie setzen!«

Das Haar trug sie einfach geknotet wie stets. »Ist meine Frisur so recht?« frug sie.

»Frisur ist das überhaupt keine« antwortete er. »Aber es ist gerade recht so wie es ist. Es soll kein Feiertagsbild werden -- obwohl es jedesmal Festtag für mich ist, wenn ich kommen und Sie malen darf.«

»O, es ist sehr -- -- -- --« angenehm -- wollte sie sagen, »sehr komisch,« vollendete sie rasch, »dass Sie Maler sind!«

Sie war so freudig und er hatte das lieblichste Modell.

Alle die kleinen Übertriebenheiten der ersten Zusammenkünfte lagen ihr fern.

Aber er vergass hinter allen Worten und Reden seine Absicht nicht. Schritt für Schritt drängte er vorwärts und sah mit Genugtuung, dass sie immer mehr vergass, nach ihren wachsamen Lichtern zu sehen, die sie so vorsichtig um sich gestellt. --

Ganz ernst war es ihm nur mit Einem auf der Welt, mit seiner Arbeit; sie war das Einzige, was ihm im Leben geblieben war. Vor ihren unerbittlichen Augen bangte ihm -- und bei diesem Bilde besonders auch vor seiner derben, spröden Kunst, wenn er in dieses zarte Antlitz sah, und bald spannte sich sein grosses, dunkelgraues Auge wie in Angst weit offen darüber, dann wieder blendete er das Licht ab und holte es sich durch halbgeschlossene Lider.

Und je mehr er malte, desto heisser wurde der Kampf. Er wollte Ausserordentliches leisten. Ein wilder Ehrgeiz fuhr ihm in die Zügel und riss seine Energien auf zu immer rastloserem Arbeiten. Er wollte, er musste es versuchen mit all' diesem schimmerigen Liebreiz, der so schwer haltbar war und ihm zerrinnend durch die Finger floss, wenn er ihn zu fassen wähnte.

Fast inbrünstig wallte es in ihm auf und er rief die ganze Kraft seines Künstlertums an um Gelingen.

Bei besonderen Aufgaben fürchtete er auch die Tücken der Technik, die ihm so manchmal schon boshaft und hartnäckig zwischen Pinsel und Leinwand gesessen waren.

Und _er_ hatte einst auf der Akademie am lautesten darüber gelacht und dem Lehrer den Pinsel hingeworfen und seinen Austritt erklärt -- -- war aber seitdem manchesmal bebend vor einem Bilde gestanden, das das Wollen eines Genialen mit sieghafter Unmittelbarkeit trug, ohne dass einer der göttlichen Funken durch eine hinkende, mühselige Technik verschleppt und verloren war.

Dennoch hatte er durchgesetzt, dass seine Bilder Mittelpunkt der Ausstellungen wurden, berühmt und berüchtigt.

Und Estellas Porträt sollte das ganz Besondere werden. Ein Frühlingsgedanke; und alle, die es einst sehen würden, sollten das gleiche Empfinden haben wie er, da er sie zum ersten Mal sah. --

Stundenlang währten die Sitzungen; Ermüdung kannte er nicht. Nur das Mädchen wurde ganz steif und starr vor lauter Sitzen und Stillhalten und musste ab und zu aufspringen, sich bewegen, und jedesmal wenn es zurückkam und sich wieder auf die Gartenbank setzte, war es köstlicher und erfrischter als zuvor. Es eignete sich ihr bewegliches Gesicht schwer zum längeren Festhalten; die Züge wurden kälter, reizloser; ihr Element war Bewegung, in dem sie so schön gedieh.

Im Halbbogen um die Bank, auf der sie sass, standen Haselnussstauden -- aber in ehrfürchtiger Entfernung, als wollten sie sich nicht zu nahe an dieses flammende Haar wagen.

Es war ein heiterer, behaglicher Platz, den sie sich in dem grossen Garten ausgesucht hatten; ungestört und verschwiegen.

Nach und nach begannen sie mehr miteinander zu reden. Ein Wort holte so das andere heraus und mit jedem wuchs Estellas Vertrauen. Denn seine Worte waren schön und glänzend, hinter denen er seine Vorsätze klug verbarg und auch der Ernst des Ehrgeizes lag so überzeugend über seinem Wesen.

Und sie öffnete die Tore ihrer Seele und liess das Neue einziehen und zeigte dabei schüchtern all' ihren keuschen Reiz.

Sie erzählte ihm die kleinen, inneren Ereignisse ihres Lebens, ohne dass er darnach frug. Und was sie sprach, war lauter durch und durch. So wahrhaftig als spräche sie vor ihrem Richter.

Alle die kleinen Geschichten ihres einfachen Lebens erstanden vor ihm ungeschmückt, so wie sie sich zugetragen. Da wurde nirgends ein Ecklein abgerundet oder eines dazu gesetzt, besserer Wirkung zuliebe.

Anders bei ihm, er sprang um mit der Wahrheit wie mit einem Knecht, den er heute dingen und morgen entlassen kann. Darum war sie gehässig geworden und verfolgte ihn. Und er fürchtete sie. -- --

Einmal frug ihn Estella -- es war vielleicht am achten Nachmittage, an dem sie ihm sass -- nach manchem andern, ob er das schon empfunden habe, wie die Seele auffliegen möchte und nicht kann.

»Warum kann sie es denn nicht?« gab er zurück und mischte die eigensinnigen Farben beharrlich auf seiner Palette.

»Weil da zu viele kommen mit den Scheren und ihre Flügel stutzen«, sagte sie mit fast traurigem Gesichte, »und herumschneiden an einer jungen, flügge werdenden Seele.«

Sie dachte nach und fuhr dann lebhaft fort:

»O, so ein Mädchen wird gut erzogen! Da gibt es Väter, Mütter, Lehrer in seinem Leben; alle sind alt und voll von Weisheit und sie eilen eifrig und besorgt an ihre Arbeit. -- Halten Sie das für gut, dass man recht bald alt und weise werde?«

»Altwerden ist entsetzlich!« rief er heftig und schnell.

»Dieses Altwerden meine ich nicht,« fiel sie ein. »Das ist ein Absterben. Aber es gibt doch ein schönes Ausreifen und Gewordensein, wo man neidlos und erhaben, wie von einer Brücke aus, sein Leben der Jugend vorbeiziehen sieht.«

Da zischelten und züngelten folgende Worte nach ihr hinüber:

»Aber vorher muss man jung gewesen sein, Estella Brand, vorher muss man aufgejubelt haben und aufgeschluchzt, man muss die Arme ausgebreitet haben vor Sehnsucht und Seligkeit, -- es muss sich der junge Leib gewunden haben vor Schmerz und Lust und mit trunk'nen Sinnen muss er geliebt, genossen und vergessen haben -- gleichviel, um welchen Preis!«

Estella war still geworden. Dann sah sie nach ihrem Leben. Da waren lauter Gärten mit schönen stillen Blumen und der Ruhe eines Sonntags; aber von alledem war nichts darin. Langsam suchte sie zurechtzukommen und endlich hub sie an:

»Nach Abschluss meiner Erziehung kam ich mir vor wie ein fein säuberlich zusammengestutztes, kreisrundes Bäumchen, das man in den Garten -- von Serenissimus etwa -- stellt, an dem kein Blatt und kein Zweiglein daneben stehen darf und an dem in Zukunft geschminkte Frauen auf hohen Absätzen und Männer mit gepuderten Locken und parfümiertem Taschentuch vorbeitänzeln und ihrem korrekten Empfinden dadurch Ausdruck geben werden, dass sie sagen: ›Dieser Baum ist schon zugeschnitten; es ist eine gute Arbeit.‹ Ach, und ich wäre so gern ein Baum geworden, der draussen stehen durfte -- auf der Haide zum Beispiel -- und seine Zweige ausdehnen bis in den Himmel hinein und wachsen wie er wollte.«

Sie sah etwas Spöttisches über sein Gesicht huschen und augenblicklich verwandelte sich ihr schüchterner, zaghafter Ton und stolzierte und paradierte hochmütig an ihm vorbei:

»Ich bin nicht in dem ängstlichen Park geblieben, Herr Makassy; ich habe mir selbst einen Garten angelegt nach meinem Geschmack. Es ist so viel Schönheit darinnen, Ruhe und Frieden, und ich tauschte mit Keinem!«

Da fuhren seine boshaften Augen los und höhnisch rief er:

»Ihre Idylle ist bezaubernd, aber es gehören Menschen hinein, die träumen, keine die leben!«

So kämpften sie beide, jeder um seine Welt. Estella in Notwehr. --

Von da ab blieb es still an diesem Nachmittage in dem Garten des Rentiers. Es wurde nichts mehr gesprochen. Makassy malte nervös, mit Anstrengung. Sie war ganz leise und rüstete sich in ihrer Seele. Irgend etwas fühlte sie herannahen, das sie stark empfangen musste.

Als er ging, reichten sie sich stumm die Hände und keines fand in des andern Auge mehr als leere Förmlichkeit.

Der Maler eilte nach seiner Wohnung. Am andern Ende der Stadt hatte er auf unbestimmte Zeit gemietet und sich ein Atelier und einen Schlafraum zurecht gemacht.

Es waren dazu viele Kisten aus der Grossstadt gekommen, mit einer Unmenge von feinen Dingen, wie seine alte Hausfrau geschäftig erzählte. Dann seien noch Arbeitsleute dagewesen und wie sie nach einigen Tagen nachgeschaut habe, sei ihr fast der Verstand stille gestanden, weil sie ihre eigenen Räume nicht mehr erkannte, so schön waren sie. Über ihn selber wisse sie nichts zu sagen, nur dass er fleissig male.

»Aber er kann's gar nicht,« versicherte sie in engerem Vertrauen, die Hand vor dem Munde. Wenn sie da die Öldrucke, die sie von ihrem seligen Manne habe, dagegen anschaue -- Du lieber Gott, das sei etwas ganz anderes, das sei eine Kunst, eine saubere, akkurate. Später einmal, wenn er das Malen besser könne, wolle sie s' ihm schon leihen zum Abmachen. --

Makassy hatte sich, zu Hause angekommen, auf seine Ottomane geworfen, ging zu Rate mit sich selber und wusste nicht, was er wollte und sollte. Er wusste nur, wie klein und niedrig er war und wie er hier wieder nach billigen, wohlfeilen Mätzchen griff, seine Nacktheit zu decken, um seine Zwecke zu erreichen und Weiber zu fangen, die sonst geflohen wären.

Er dachte an Estella. Und wieder kam es leise zu ihm gegangen, das Schöne. Das Schöne, dem Einfachen entsprungen. Wie ruhevoll das war. Es lag über diesem Lande, über den Wäldern, über den Wässern und es lag in dieses Mädchens Herz.

Was wollte er mit seinem Trieb nach Zerstörung? Beneidete er oder war es Hass? Im Hass liegt Kraft und Grösse. Das war es nicht. Sondern etwas Hinterlistiges, Schleichendes, das von rückwärts überfiel und langsam mordete -- -- um rücksichtslosen, selbstsüchtigen Genuss.

Heute hatte er den ersten Spatenhieb eingestossen in die glatte Erde von Estellas sonnigem Garten, wie sie ihn selber so treffend hiess -- es war geschehen, daran war nichts zu ändern -- aber er wollte selber wieder Blumen an diese Stelle pflanzen; ja, das wollte er.

Er war aufgesprungen und zum Fenster getreten. Misstrauisch sah er um sich -- aber nichts geschah, niemand lachte. War das Gute so selbstverständlich?

Nichts geschah. Nur in schweigendem Ernst begann sich die Maiennacht langsam herunterzusenken. Draussen vor dem Fenster tobte und raste keine Grossstadt vorbei, sondern auf dunkeln, schlafenden Hügeln stellten sich still die Sterne auf. Wie feierlich das war!

»Habt ihr euch denn alle zusammengetan, alle gegen mich?« dachte er. -- -- -- --

Als er das nächstemal in Brands Garten kam, begrüsste er Estella mit schlichter Herzlichkeit; es klang dürftiger als sonst, so dass sie aufsah.

Woher auch sollte sie wissen, dass es gerade heute wärmer war als je.

Sie setzten sich zur Arbeit und gute Gespräche gingen durch den Maienmittag.

Ein wenig verfielen sie auf ihre gestrige Unterhaltung, aber mit Grazie sprang sie über das Verhängnisvolle darin weg und verplauderte es vollends ganz.

Wieder erzählte sie ihm vom Haus und Schule und er lockte sie immer mehr aus sich heraus und bat sie zu reden »damit er sie auch von innen sehe.«

Sie hatte ihr ganzes Leben sorgfältig zusammengerafft und war sich selbst nachgegangen bis in die tiefsten Winkel, darum wusste sie Bescheid und war klar und geordnet und hatte nicht das Zerfahrene, Unsichere, wie oft ihr Alter, das über die eigene Unordnung stolpert und sich die Köpfe zerschlägt. Aber sie war sich mit ihrer Wohlordnung oft kalt und vernünftig erschienen neben denen, die da irrten und lachten und weinten. --

»Jetzt muss ich Ihnen noch etwas erzählen, eine kleine Episode aus der Schule«, sagte sie, »die müssen Sie auch wissen.«

Er nickte eifrig mit dem Kopfe und lächelte ihr aufmunternd zu.

»Also, es war einmal«, begann sie mit grossem Pathos -- »nein, nun im Ernste -- es ist nämlich eine sehr ernste Geschichte, die ich Ihnen da erzählen will. Auslachen ist verboten! Also: Wir Schülerinnen sind einmal von unserm Lehrer für Kunstgeschichte hinausgeschleppt worden aufs Land, um durch Anschauung den Hort unseres Wissens noch mehr zu bereichern. Es war irgendwo ein kleines Kirchlein aus alter Zeit, von interessantem Stil, in demselben aber eine Kopie nach Rubens, das Bild eines hervorragenden Malers, der es aus Dankbarkeit oder sonst einem Grunde gestiftet haben mochte.

Zuerst also haben wir von aussen geschaut -- ›es kostet die Fahrt allein 2,50 Mark, vertieft euch‹, sagte der Professor, ›dass es nicht umsonst ist‹. Wir vertieften uns also um 2,50 Mark und es war sicher sehr lehrreich. Dann sind wir hineingetreten. Unten im Schiff der Kapelle waren einige Betende, trotzdem kein offizieller Gottesdienst war. Da wir ganz zurückstanden, konnten wir nicht vorsehen zum Altar, obwohl helles Tageslicht zu beiden Seiten durch hohe, weite Fenster hereinfiel.

Ich ging«, fuhr sie, lebhafter werdend, fort, »auf den Chor hinauf, die andern kamen nach. Da trat ich ganz vor und schaute neugierig auf den Altar.

Das Auge musste sich erst ein wenig sammeln, es flimmerte so von natürlichem und künstlichem Lichte und erst allmählich hob sich aus diesen Nebeln ein ach -- wunderseliges Bild!

Es war die heilige Jungfrau, hoch und schlank, in Wolken halb stehend, halb schwebend, mit einem Antlitz -- so glänzend, so beseeligend und was das Merkwürdigste war -- so lebendig, dass man sie schweben sah, dass man ihren Atem zu spüren glaubte, und dieses Wehen von Weihrauch und Kerzenschimmer als ihrem Munde entströmt wähnen konnte.

Ich bin nicht fromm, aber der Abglanz einer göttlichen Gnade lag so überzeugend auf diesem lächelnden Gesichte, dass ich mich gerne vor dem Bilde niedergekniet hätte. Ich war ganz hingerissen; auch dieses seltsame Licht erhöhte noch den ausserordentlichen Eindruck, den die grandiose Majestät einer solchen Kunst so schon erweckt hatte. Ich sah mich um, ich wusste nicht, ob nach dem Lehrer oder den Mädchen, kurz -- es fiel mein Blick auf ein kleines Harmonium, das geöffnet dastand und ich rannte in meiner Begeisterung darauf hin und spielte jenes Schumannsche Lied: »Ave Maria«. Kennen Sie es? Können Sie sich gerade dieses Wortes Ave Maria entsinnen? Wie das aufschwillt! Wie es sich erhebt in apotheotischem Schwung, wie es auffliegt und zum Himmel dringt!«

Er sah sie staunend an und sie errötete, weil sie dachte: »Ich ziehe mich ganz aus vor ihm und er sieht mich nackt.« Aber dennoch fuhr sie fort:

»Damals habe ich geglaubt, es müssten alle gleichsam den Hut abnehmen und andächtig mit mir empfinden. -- Ich war noch sehr jung«, fügte sie entschuldigend bei, »aber es ist mir schlecht ergangen. Der Lehrer stürzte auf mich zu, die Mädchen hielten mich für verrückt, stiessen sich in die Seiten und lachten. Man eilte aus dem Gotteshaus, in dem solches vorkam. Eine Flut von Vorwürfen und Drohungen. Unbildung, Interessantmacherei, hiess es. Und wenn man auch manchmal ein wenig absichtlich ist und weiss, dass einem der Hut so besser steht und das Lächeln so -- da war ich es sicher nicht, Herr Makassy«, versicherte ihm das schöne Mädchen mit seinem ehrlichen, aufgeschlagenen Gesichte, um gleich darauf lustig fortzufahren:

»Nun erfuhren es alle -- die ganze Prozession: Vater, Mutter, Lehrer, Rektor, Pfarrer -- alle stunden sie mit gesträubtem Haar um diesen erschreckenden Fall herum, der so recht ein Zeichen der niedergehenden Sitten war. Und sie fingen an, die Scheren zu wetzen mit wildem Eifer, klipp und klar! Was war da alles nachzuholen!

Aber so heiter nehme ich's erst jetzt -- wo es vielleicht zu spät ist. Damals schämte ich mich sehr. Und diese Scham nahm etwas fort von mir; etwas Ursprüngliches -- und -- etwas Mutiges. Ich habe begonnen, auf die Menschen zu achten, das macht feige -- ich habe begonnen, nach ihrem Lächeln zu sehen, das macht bedenkend. Ob es gut war, -- ich weiss es nicht?!

Ach, dieser überquellende, junge Enthusiasmus, der einem so warm übers Herz rieselt -- -- fast habe ich ihn verlernt, vergessen -- -- bis jetzt, wo ich etwas Verwandtes erblicke -- -- wo es mich wie durch den Duft einer bestimmten Blume zurückzieht in meinem Erinnern -- bis jetzt, wo ich glaube, ihn leben zu dürfen, ohne missverstanden zu werden.«

Er hatte die Pinsel längst beiseite gelegt; es erschien ihm weit wichtiger, hier zu lauschen. Estella wurde ihm wertvoller mit jedem Augenblick, da er um sie war. Er hatte sich einen Stuhl zurechtgeschoben, ihr gegenüber, und zündete sich mit nie gekanntem Behagen eine Zigarre an. Sie schob ihm einen Aschenbecher zurecht und nahm dazu das abgefallene Deckblatt einer Pfingstrosenknospe. Für diese kleine Aufmerksamkeit dankte er ihr viel zu stark -- aber es war darinnen von dem Dank für alles, was sie ihm gab.

»Reden Sie weiter, ich bitte darum«, sagte er, und wunderte sich, wie ruhig es in ihm wurde, wenn sie sprach.

Lachend, mit erregten, roten Wangen rief sie:

»Das vorher war eine Geschichte von dem, was einem die Erziehung nimmt. Nun käme eine von dem, was sie dafür gibt. Da weiss ich aber keine!«

»Ammenmärchen zum Beispiel«, fiel er ihr ins Wort, »Ammenmärchen setzt sie in Hirn und Herz; die sollen nur schauen, wie sie fertig werden damit.«

»Das ist wahr«, rief das Mädchen fast jubelnd, als wäre dies die lustigste Tatsache der Welt.

Einstweilen war _das_ das Lustigste auf der Welt, dass er sie so gut verstand. Und mit breitem, wohligem Schmerze fuhr sie fort, wie furchtbar das sei, wenn man das Märchen, das sich auf silbernen Sohlen eingeschlichen hat durch die stets offenen Pforten einer Kinderseele und dessen Saat dort eingewurzelt ist und festgewachsen, herausreissen müsse aus der blutenden Seele.

»Denken Sie, herausreissen aus der blutenden Seele!« wiederholte sie eindringlich, mit einer überzeugenden Geste; schrecklich genug war das -- beide konstatierten es, aber beide mit unverwüstlich vergnügten Gesichtern.

Man sprach noch davon, dass es da fast besser sei, die Erkenntnis komme nicht so plötzlich, so mit Schrecken, sondern nach und nach, von selber, etwa wie das langsame Zusammenschmelzen eines Wundermanns aus glitzerndem Schnee. -- Aber Schmerz bleibe Schmerz, es sei hier nur die Frage, ob es nicht besser wäre, gleich das Richtige in Kopf und Herz des weichen, jungen Menschen einzuprägen, nichts Falsches, damit durch die nötig werdende Umprägung nichts verloren gehe an Werten.

»Ach, wenn ich so zurückdenke an meine Kindheit«, rief sie lachend und schränkte die Hände hinter dem Kopf, »was gab es da für Wirrnisse und Qualen! Der ganze grosse Zauberapparat von Religion vor einem winzigen Kinderhirn! Ich weiss noch, wie meine feine arme Mutter -- die nicht mehr ist -- mich tröstete. Denn einmal waren es ein paar Heilige, zu denen zu beten ich vergessen hatte. Da sah ich sie alle im Himmel droben sitzen und weinen und böse sein auf mich. Ein andermal war ich beim vierundzwanzigsten Ave Maria eines Rosenkranzes eingeschlafen, tief und sorglos -- da erwachte ich und sah Maria vor Gott Vater stehen, mit dem Fusse auf die Wolken stampfen und hörte sie zornig sagen: ›Es ist unerhört‹. Und Gott Vater hat nach seinen grossen Flüchen gelangt und einen davon hervorgeholt.«

Beide lachten und angeregt davon, fuhr sie fort: »Ein andermal ist der heilige Florian, der ganz zu unterst in der Litanei kommt, von weit hinten atemlos durch den Himmel gelaufen gekommen, bis vor Gottes Thron und hat gesagt: ›Jetzt hat sie mich vierzehn Tage lang vergessen, ich zünde ihr das Haus über dem Kopfe an‹. -- Gott Vater hat es ihm nicht verboten; er wollte ihm die Freude nicht verderben, da er doch so gut ist und ihm die Heiligen näher stehen als die Menschen. Und so fürchtete ich mich von dem Tage an und schrie wie besessen, wenn nur die Ladenglocke des Krämers nebenan ging, weil ich glaubte, es habe angeschlagen. Die Mutter tröstete mich damals wieder, wie so oft« -- sie seufzte und nickte traurig langsam mit dem Haupte -- »als ich ihr's erzählte und lächelte ein wenig dabei, so fein und verhalten; da habe ich hinter ihr Lächeln geschaut und gedacht: das ist am Ende gar nicht wahr, das vom heiligen Florian. Aber gesagt habe ich's niemandem, weil Zweifeln Sünde ist.«

Makassy lachte; er unterhielt sich vortrefflich.

»So anmutige Geschichten wüsste ich nicht zu erzählen: nur etwas ist mir erinnerlich aus diesen Zeiten, aber es ist viel derber und weniger schön. Wollen Sie es hören?«

»Natürlich, und ob!« Sie klatschte vergnügt in die Hände und setzte sich von neuem zurecht.

»Ich weiss noch, dass wir Buben uns verpflichtet fühlten, Mut -- sonst nichts auf der Welt zu zeigen. Mut über Alles. Wir prahlten voreinander, dass es uns die Haare zu Berge trieb. Einmal kamen ein paar der Ärgsten zu mir auf das Gut meiner Eltern. Das »Fräulein« -- ich hatte nämlich alles, Instruktoren, Fräuleins, Religionslehrer, alles -- nur keine Eltern«, flocht er herb ein -- »das Fräulein nun hatte einen Hut mit einem ausgespannten grossen Vogel darauf, der wie eine weisse Taube aussah. Einmal sah ich durchs Schlüsselloch in ihr Zimmer, das neben meinem war; da lag dieser Hut zufällig gerade so, dass man den weissen Vogel durch die Spalte sehen konnte. Flugs drehte ich mich herum und rief dröhnend -- denn ich hielt das entschieden für das Grossartigste und Mutigste, was bisher dagewesen war -- meinen Kameraden zu: »Da schaut hinein, da ist der heilige Geist drinn!« Ein Raufen und Balgen vor dem Schlüsselloch. Mein Mut hatte gezündet; ein schallendes Gelächter ertönte; man wollte kouragiert mit Gott ein Witzchen wagen.

Aber mit ein paar langen Sätzen kam der Instruktor daher, der hatte es bis in sein Zimmer hinüber gehört und kühlte sogleich diesen Mannesmut mit exemplarischen Prügeln. Er haute uns alle der Reihe nach durch; zuerst mich, dann die andern und zum Abschluss wieder mich.

Und die mutigen Männer fingen jämmerlich zu heulen an. Mir aber ist seitdem ein Trotz geblieben gegen diesen heiligen Geist, weil er so unnahbar ist und gar nicht ein wenig mitgelacht hat und auch keinen Finger rührte, uns zu helfen.«

Estella lachte und antwortete dann nachdenklich:

»Ich frage mich nur, wozu das alles. Solche Umwege! Es ist verkehrt und gefährlich dabei. Es verbaut den Weg zur Einfachheit immer mehr.«

»Es sind nicht alle Estella Brand«, gab er ihr zurück und blies den blauen Rauch der Zigarre in die sonnige Maienluft hinaus. Um ihn her war es zu schön. Ringsum stilles Prangen!

Lila Fliedersträuche auf kurz geschorenem englischen Rasen; dazwischen graziös gewundene Gartenwege mit dem spitzen gelben Kies bestreut, den man von den vereinzelten Felsblöcken draussen in der Umgebung gewinnt. Mächtige Büschel von Pfingstrosen, die ab und zu durch einen Sprung in ihren runden, prallen Knospen einen Streifen leuchtenden Rotes sehen liessen. Dort drüben Stauden von Goldregen, der noch spröde seine Farbe verschloss. Und die Zweige der Bäume wiegten und sonnten ihre kaum erwachten Blättchen, die noch knittrig und verschlafen waren, und flinke, schwarze Amseln hüpften auf dem grünen Rasen oder über den schimmernden Gartenweg.

Die Stunden gingen und kamen ungehört. Es war Abend geworden, als vom Hause aus der alte Brand nach Estella rief. Beide sprangen erschrocken auf, sie hatten ihn ganz vergessen und liefen jetzt eiligst nach der zurückstehenden Villa und baten zum Fenster hinauf, er möchte doch herunterkommen, es sei gar zu schön heraussen.

Er tat es und alle drei gingen langsam zu den Haselnussstauden. Im Gehen sagte Brand:

»Sie werden heute tüchtig vorwärts gekommen sein, es ist spät geworden.«

»O ja«, antwortete der Maler und sah dabei nach dem Mädchen, »ich bin weiter gekommen -- ich glaube vorwärts.«

Brand liebte unklare, zweideutige Redensarten nicht. »Barrikaden«, sagte er stets aufbrausend. Sie waren auch nicht dazu angetan, ihn für den Fremden einzunehmen. Er war so einer von denen, um die man lange werben musste.