Part 2
Durch die erhitzten Köpfe fuhr ein plötzliches Aufdämmern. Erst Beschämung, dann Ärger und endlich ein mildes Gefühl gegen die junge Missetäterin, -- da es doch so gut abgelaufen war, nachdem man dem kalten Tod ins Auge geschaut. In schöner Dankbarkeit für das wiedergefundene, warme Leben sagte man gediegene Worte von Verzeihen zu ihr, aber niemand mehr wollte den unartigen Backfisch bei sich im Wagen haben. Der Vater desselben sagte einiges Strenge, Verweisende, wie es sich für einen würdevollen Mann geziemt, der stark in seinen erzieherischen Grundsätzen zu sein hat; aber fast wäre dabei dem warmen Menschen ein inkorrektes Lächeln entschlüpft. Hatte er doch vor diesem Zwischenfall schon das unruhige Fünklein in des Mädchens übermütigen Augen gesehen und hatte es nicht gelöscht, bis es immer unternehmungslustiger aufblitzte und herausstach und auf einmal lichterloh brannte -- da war es zu spät. --
Alles stieg wieder ein, nur Berta musste zur Strafe auf den Bock zum Kutscher sitzen, der indessen aus seiner Betäubung aufgewacht und es nun nicht unzufrieden war, mit einem so jungen, schmucken Ding zusammenzusitzen. In unbeholfener Galanterie breitete er ihr die Pferdedecke auf den Sitz.
»Das wäre gut hinausgegangen,« dachte er schmunzelnd im Fahren, als er einmal über des Mädchens dicke, pralle Zöpfe wegsah. --
So fuhr man durch dies weite Land; durch Buchenwälder, durch Felder, deren lange Ackerfurchen wie träge Schlangen über den Hügeln lagen und in weichen Windungen und Bogen sich wohlig sonnten in dem flimmernden Maienglast, der über der aufblühenden Erde stand.
Die Unterhaltung floss wieder in alten, behaglichen Bahnen seicht und sorglos dahin. Die Mädchen sangen Lieder und schielten dazu ein wenig nach dem fremden jungen Mann hinüber, weil er so gar nicht nach ihrem Geschmack sein wollte. Keine seiner Fragen oder Antworten schien ohne irgend eine Absicht und gar das abgestossene Lachen klang unangenehm, denn es entbehrte wahrer Heiterkeit, des ansteckenden Reizes -- im Gegenteil, wenn es auffuhr, verstummte allsogleich jedes andere frohe Lachen. Irgend etwas hatte der vor; das glaubten sie zu fühlen. Allein um Skizzen zu machen, blieb der nicht in so kleiner, weltabgelegener Stadt. Was trieb ihn dazu? Doch da dies heute nicht mehr zu entscheiden war, vergassen sie ihn wieder.
Später verliess man die Wagen und wanderte langsam den Ruinen zu, die aus sagenseliger Zeit Grüsse in die Gegenwart schickten. Gleich einer schönen Fee, so geheimnisvoll, wundersam und unnahbar schwebte das Märchen über sie hin, und der Saum ihres Schleiergewandes streifte die zerborstenen Mauern.
Nur eine war zurückgeblieben und mischte sich nicht in das allgemeine leere Gerede; Estella Brand. Ihr war es zu schön ringsum und des Fremden weitausschauendes Auge hatte sie unbewusst fortgewiesen aus der engherzigen Umgebung.
Sie ging so für sich hin -- wie in lauter rosigen Wölkchen, denn das dünne, faltenreiche, rötliche Kleid umflatterte und umblähte fortwährend den schlanken Leib. Wie sie so ging und die schmalen Füsse aufsetzte, das war prachtvoll anzuschauen. Es war der Gang einer Königin. Stolz und sieghaft der Tritt. Flüchtig und leicht das Schreiten. Sah man sie vor einem dunklen Walde gehen oder weitete sich hinter ihr die helle Landschaft, immer hob sich diese Mädchengestalt triumphierend als ein eigenster schöner Schöpfungsgedanke glänzend davon ab.
Der Maler, der sie bis jetzt absichtlich unbeachtet gelassen hatte, kam zu ihr und redete allerlei Äusserliches, was so ein erstes Begegnen mit sich bringt. Aber nicht lange; dann machte die Unterhaltung jenen unbemerkten Sprung ins Subjektive, von wo aus sie nicht mehr zurückfinden kann. Dabei sah er sie unausgesetzt an, dass sein beharrlicher Blick sie bald belastete.
Sie ging ohne Hut und die losen Waldlichter trieben ihr ausgelassenes Spiel auf dem hellen, flimmernden Haar und Antlitz, bis der Schatten irgend eines grossen Blattes oder Zweiges es auf Augenblicke einstellte. Diese wechselnde Beleuchtung brachte etwas Schwankendes, Verschwommenes mit sich und verwischte die festen, sicheren Linien. Der Künstler hatte das Empfinden einer in nächster Sekunde zerrinnenden, schönen Vision. Wenn Estella sich vom Boden weggehoben hätte, aufgeflogen und dem Waldesdickicht entschwebt wäre, er hätte nicht aufgeschrieen; es wäre etwas Erwartetes gewesen.
Und der Wille entstand in ihm, festzuhalten.
Er wich nicht mit seinen Augen und fühlte immer mehr, dass ihn diese eigenartige Schönheit beschäftigen würde. Wie gerne liess er das geschehen; es kam ihm gerade recht in seiner Übersättigung und Langeweile; es sollte eine seiner köstlichsten Episoden werden.
Dreister und deutlicher wurden seine Blicke und legten sich lähmend über sie. Selbst ihr leichter Gang litt darunter. Er wurde schwerer, tastender. --
Da blieb sie plötzlich jäh und unvermittelt stehen und sah ihn fest und ruhig an. Hierin lag so viel Selbständigkeit, so viel unbequemer eigner Wille, dass er stutzte. Sie war stark und wehrte sich, bevor man nach ihr langte; sie hatte vorsichtig Lichter um sich gestellt, damit sie niemand streife, die Reine, Feine.
Etwas wie Scheu empfand er, sie sah es an seinem Gesichte und wollte schon froh sein darüber, doch kam er ihr zuvor und schnitt diese Freude kalt entzwei. In sein ganzes Gebahren legte er etwas so Wegwerfendes, Rücksichtsloses, dass es sie verletzte; und diese Demütigung fiel in ein junges, eitles Herz, schlug Lärm darinnen und schrie nach Rache.
Zuerst besann sie sich ein wenig und lachte leise vor sich hin, zuversichtlich. Dann liess sie eine Verwandlung mit sich vorgehen.
Sie hob sich gleichsam auf die Fussspitzen, neigte sich um, hinüber in all' ihr leichtes, lichtes Wesen, breitete die Arme aus, reckte sich aus der eignen Schwere, lockte sich in ein Tanzen hinüber, und wirbelte ihm all' ihre keusche Grazie vor seine Seele.
Sie erzählte und lachte und sang in den Himmel hinauf, Da war nichts Gekünsteltes mehr, sie war ganz sie selbst geworden und fühlte sich frei und herrschte. Und dies Bewusstsein berauschte sie und entriss ihr immer mehr eine sprühende Laune.
Sie sprach von ihrer Kindheit; wie ihr einst die Mutter einen Apfel nahm und sie ein grässliches Geschrei aufschlug, dann aber plötzlich unter wilden Tränen schwieg, weil sie eine Birne liegen sah, die nahm und lachend rief: »Hab i nicht 'n Apfl, hab i doch a Birn!« So sei sie auch geblieben, nur noch viel gescheidter geworden, weil sie jetzt selber wegwerfe, was nicht gut für sie ist. Und wenn sie noch gescheidter werden sollte, wozu doch alle Aussicht wäre, dann lange sie überhaupt nicht mehr nach dem Falschen. Das müsse vortrefflich werden, wenn dann Gedanken und Gefühle einst so quasi wie Äpfel und Birnen vor ihr auf dem Tische liegen würden und sie sich stündlich besinnen könne, was sie davon wegnehmen wolle und was nicht. Dazu ihr Lachen, ihre Leichtigkeit, ihre jungen, schnellen Augen, die wie Waldbäche ohne Tiefe und Schwere über blanke Gedanken rieselten, -- man musste es ihr glauben, sie hatte sich in all ihre natürliche Fröhlichkeit hinübergelacht und gedacht und gesungen.
Zuerst hatte er die Augen zusammen gekniffen und hinter ihre Reden geschaut, aber nichts dort gefunden als die Offenherzigkeit einer kerngesunden Mädchenseele. Das entwaffnete ihn.
Die Buchen wölbten ihre jungen, seidenen Blätter über sie und hatten die braunen, alten als knisternden Teppich auf den Boden geworfen. Kuckucksrufe von weit her erhöhten die Einsamkeit des Waldes. Estella verdoppelte ihren Schritt, denn sie waren weit zurückgeblieben von den andern.
»Jetzt kommt sie ab von dem geraden Wege, werden sie untereinander sagen. Sie wissen ja nichts von Estella Brands hellen Augen, die ihn nicht verfehlen können!« rief sie laut und übermütig nach den andern hindeutend und war froh, dass das gesagt war, und fing zu laufen an, dass er gerade zu tun hatte, hinterher zu kommen, und liess ihn allein mit dem hingeworfenen Worte, das ihr so zuverlässig erschien.
»So der grossen Masse nach, das ist sicher der rechte Weg!« rief er ihr spottend nach. --
Der letzte Anstieg zu den Ruinen kam. Träumend von andern Zeiten schauten sie von ihrem Berge über das weite Land. Oben bei ihnen war es wundervoll. Rings umgeben von altem, verwitterten Gemäuer, an das sich einst zaghaft dieser Epheu schmiegte, der es jetzt mit stämmig gewordenen Krallen umklammert und später vielleicht zusammenhalten wird, wenn es vollends Staub und Erde werden will, -- hoch auf dem lachenden Hügel, um den sich in kühnen Weiten die köstliche Landschaft bis an des Himmels Ende dehnte, da hob auch die Phantasie ein wenig ihre Flügel und trug aus der Gegenwart fort. Man sah bärtige Ritter mit erzenen Füssen, und feine Frauen mit schleppenden Atlasgewändern und Federnhüten auf den goldenen Locken durch diese einstigen Tore schreiten, die jetzt fast zerfallen waren, in denen Vögel nisteten und Unkraut wucherte. Man hörte grosse, weisse, schlanke Hunde bellen, das Hüfthorn schallen und die Laute schlagen. Man sah aus den geborstnen Fensterbogen, auf dessen Simsen Schlehdorn wuchs und Holunder, sich eine wundersame Jungfrau neigen, mit Geschmeide behangen und langen, schweren Perlentropfen an den feinen, durchsichtigen Ohren.
Auf der zerbröckelnden Mauer, die aussen am Hang herumführte und die einst strahlende Feste umschlossen haben mag, wiegten sich indessen tausend Glockenblumen auf ihren zarten Stengeln im Maienwind. Und wer zurücktrat, bis nichts mehr zu sehen war als diese Mauer und dieselbe gleichsam in der Luft stand, der konnte das Blau der Glocken in dem Blau des Himmels stehen sehen. -- Estella hatte es getan und gesehen und rief erfreut:
»Wer zu mir herkommt, der kann was Schönes sehen!« Der Oberamtsrichter und der Pastor kamen, weil sie gerade in der Nähe standen, und schauten und sahen nichts. Sie zeigte es ihnen voll Eifer, als hätte sie den lieben Gott selber zu vertreten; da klopfte ihr der Pastor wohlwollend auf die Schulter und sagte:
»Nun, nun, wir wollen sehen, wann Estella Brand einmal vernünftig wird,« und der Oberamtsrichter, der sich gefoppt vorkam, rief brüsk:
»Dazu bin ich mir zu alt; wenn man -- -- -- --« schon in Ostende war, wollte er sagen, aber das Mädchen war bereits verschwunden und hatte die beiden allein gelassen.
Alles ging nun den Hügel wieder hinunter, durch die Wälder zurück. In einem Tannenwald, dem letzten derselben, der wieder vor der offenen Landschaft lag, liess man sich nieder, setzte sich auf Baumstümpfe oder legte sich ins Moos, labte sich und sah hinauf in die rauschenden Tannen und hinweg über die maigrünen Erdwellen.
Man ass und trank, die gute Laune wuchs und man sprach davon, wie schön das Leben sei.
»Gar so schön ist es nicht«, dachte der Maler Makassy, der seitwärts sass, bei sich. Weil er über sein Leben zurücksah, darum dachte er das. Da stand sprungbereit auch schon seine Vergangenheit vor ihm, rückhaltlos, unerbittlich, mit boshaft funkelndem Auge und rollte ihre düstersten Bilder grinsend vor ihm auf.
Wie ein Leichenzug glitt es an ihm vorüber mit traurigen, blassen Gesichtern, weinenden Augen und schleppenden Füssen. Die trugen die Hoffnung zu Grabe. Und dann kam das Andere.
Ein wüstes Leben. Liderliche Genossen, halb nackte Weiber. Ateliers mit abgegessenen Tafeln und entblätternden Rosen darauf, die faul und süsslich rochen; dahinter zerwühlte Divans mit zerknitterten Kissen und Decken.
Er roch noch diesen dicken Dunst von Wein, Rauch, Parfüm und Fäulnis. Ach! Und diese erbärmlichen Morgen, wenn über die Reste solch einer schändlichen Nacht das kalte nüchterne Tageslicht fuhr, rücksichtslos, nichts verschonend mit seiner durchdringenden Helle, -- wenn der Körper so widerlich schlaff war, der Kopf wie zerschlagen, der Gedanke träge und die Hand schwer, die den Pinsel zu neuer Arbeit führen sollte!
Das Erinnern an solche Nacht kroch gleich Würmern am Leib empor und, wollte man diesen grässlichen Ekel abschütteln, biss er sich fest und sog die letzten Reste der Kraft aus Seele und Leib. Er umklammerte das Herz, dass das Blut stagnierend durch den Körper floss, die Lebenskraft erstickend wie in einem schlammigen Bach. Dieses ermattete Suchen und Tasten gleich wieder erlahmt in Trägheit! Und dabei das zum Wahnsinn treibende Wimmern der begrabenen Seele, die faulen musste und nicht sterben konnte.
Ein grausames Leben fürwahr, eine qualvolle, entsetzliche Marter, ein Fliehen vor sich selbst, ein Rennen und Rasen von Furien gepeitscht -- den Tag hindurch -- bis der Abend da war und die Nacht -- und man mit starrem Entsetzen fühlte, wie das Verlangen wieder kam und die Gier nach Genuss und Betäubung -- und wie sich die Sinne umnebelten und anfingen zu tanzen und zu locken -- und wie es einen durch die Gassen trieb -- wie schon die Hand auf der Klinke lag, kraftlos wurde, -- niedersank, -- wie die Türe sich öffnete und durch die Spalte Qualm und wüste Lieder drangen und der Branntwein roch -- wie es winkte und gleisste -- wie man nach heissem Leben rang -- lechzte -- langte mit gewalttätiger Hand -- wie man willenlos wurde, taumelte, irrte, nach dem Falschen griff -- und eintrat in die kotige Spelunke -- zu betrunkenen Gesellen, die zu den Tieren gingen statt den Menschen -- wie man Arm in Arm mit denen sich künstlich hinauftrieb in den Rausch -- und wie am Ende die giftigen Wellen wieder über einem zusammenschlugen .......
-- -- Makassy war hastig aufgesprungen, wie ein wehrlos Überfallener; so feindlich war ihm seine Vergangenheit noch nie gegenübergestanden. Erschrocken sah er um sich und musste erst zurechtkommen mit seiner Umgebung, den Menschen und dem Lande.
Ja, das waren brave, zufriedene Alltagsmenschen aus einer vergessenen, kleinen Stadt mit einer armen, aufgeputzten, hochmütigen Moral, die sie in behaglicher Erbpacht hatten.
Doch die Landschaft da draussen, wie friedvoll die war. Wie die Blumen über den Wiesen lagen und die Bäume auf ihnen standen, wie ein Hügel aufstieg und wie ein Hügel abfiel, wie ein Wald anfing und ein Wald aufhörte, und wie ein Acker begann und ein anderer endete, das war alles so einfach und gross und ruhevoll dabei. Mit Demut sah er hinaus -- -- da stand der grosse, schöne Friede auf, der über der Welt lag, und gesellte sich zu ihm.
Estella sah dies alles; sie hatte die Qual der Gedanken in diesem Antlitz und die erschrocken von innen kommenden Augen gesehen, die ängstlich die Gegenwart suchten und dann da draussen über den Hügeln etwas Schönes gefunden haben mussten.
Vor ihr lagen viele einzelne Teile, himmelweit verschieden von einander, aber mit der Unzulänglichkeit ihrer Jugend konnte sie deren Zusammenhang nicht finden. Und sie sah das Rätselvolle mit staunenden Kinderaugen und sie sah das Gute darin. Das nahm sie leise auf und legte es schweigend in ihr Herz.
* * * * *
Einige Tage später sass in der eleganten Villa des reichen Privatiers Brand der junge Forstmann Richard von Thieben. Er war gekommen Estella zu sehen und auch sie zu fragen, ob sie die Selbstherrlichkeit ihrer 20 Jahre jetzt noch nicht aufgeben und mit ihm ziehen wolle in das baumumrauschte Forsthaus, das drüben zwischen den Hügeln des Schwarzwaldes lag.
Wie war es ihm wohl in diesem Hause, wo er sie wusste, wo sie an Allem hing, an allen Möbeln und Geräten.
Er hatte eine von den Empfindungen, die wie Gold sind, so blank, solide und schwer.
Der Onkel war ein Rechtlicher, Gerader. Fast ein wenig starr dabei. Mit dem erlaubten Behagen, das ein arbeitreiches Leben gewährt, lebte er die Jahre seiner Ruhe.
Für den Forstmann Thieben hatte er grosse Sympathien. Das ganz Übersehbare seiner Charakteranlage gefiel ihm: da war alles klipp und klar und gab's nirgends dunkle Ecken. Er war vermögender Eltern Kind, gut und recht erzogen, gut und recht geworden. So waren die Thiebens alle, den ganzen Stammbaum zurück; ein reinliches Buch, in dem man nirgends ein Blatt zu überschlagen brauchte. Seit langem harrte er der schönen Estella; er hatte nie um sie gekämpft, sondern wollte einfach warten, bis sie zu ihm kam. Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte sie an sich gerissen mit dem Egoismus einer fordernden Liebe, wenigstens hätte das bei ihr die Energie der Entscheidung ausgelöst. So war sie ein gaukelnder Schmetterling, der nicht gehalten sein wollte und gerne um dies wie um jedes andere warme Licht geflattert war.
Als er sie nun heute frug, ob sie mit ihm gehen wolle, da sagte sie, sie möchte lieber dableiben, und dachte, dass ihm das so angenehm sein werde wie ihr. --
Der Onkel hatte dem enttäuschten Manne stumm die Hand gedrückt und dann heftig und geräuschvoll nach dem alten Jagdhund gerufen und ihn polternd ausgescholten, ihn, der schon seit Jahren keinem mehr ein Leid getan, ihn, der ein alter, fetter Hund geworden war, die Bequemlichkeit überaus liebte und alles andere längst aufgegeben hatte.
Aber die bangen Minuten waren indessen vorüber gegangen.
Estella war hinausgeschlendert in den Garten, zupfte verdorrte Blätter aus den Rosenstöcken, die voll von Knospen waren, hob ab und zu eine Erdbeere auf und schob sie in den Mund. Wie gut die waren!
Später rief sie nach Onkel und Thieben. Die beiden Männer kamen, sie sagte ihnen entgegen, dass sie Einkäufe in der Stadt zu machen habe, wer mitgehe.
Der Alte sah über sie weg, Thieben holte schweigend seinen Hut.
Da dachte sie, was das für langweilige Menschen seien.
Als er zurückkam, lag ihr ein spottendes Wort auf den Lippen; es blieb aber ungesagt, als sie in sein langes Gesicht sah, auf dem derb und hart die Kraft niedergerungenen Schmerzes stand.
Wohl redete sie gute Worte, als sie mitsammen durch das alte Städtchen gingen, aber innerlich musste sie ihn allein lassen und er war einsamer denn je.
Da und dort holte sie etwas in einem Laden; er wartete heraussen und blieb stehen so wie er stand, als sie ihn verlassen hatte. »Wie ein umgefallenes Pferd, so steif und hilflos«, dachte sie dann drinnen und kam tapfer und entschlossen heraus, ihm aufzuhelfen. Aber das hielt schwer; ihm fehlte die Elastizität.
Vor der Kirche blieb Estella stehen und zeigte ihm eifrig die hohen, spitzen Fenster, die geschnitzten Tore, die Wasserspeier und den wunderschönen Apostel Paulus, und als aussen nichts mehr zu sehen und zu finden war, schleppte sie ihn noch hinein in das Innere und da sollte er wieder schauen und bewundern; sie bot alles auf, ihn zu zerstreuen und von sich zu befreien.
Aber der hohe, feierliche Dom, der sein düsteres Dach über ihm zusammenschlug, verdüsterte seine Seele immer mehr. Er sah, die er liebte, oben am Altare stehen, umwallt von einem weissen Schleier, er hörte sie das beglückende Wort sprechen, fühlte seine junge Frau an seinem Arme schreiten und sah blühende Kinder, die ihr glichen, unter den Bäumen spielen, die draussen um sein Forsthaus standen ...........
Es war, als Estella eben sagte:
»Sehen Sie, das eine Glasfenster da oben ärgert mich jedesmal. Diese 18jährige Mutter Maria hat einen so alten Sohn in ihren Armen. Darunter leidet die überzeugende Wahrhaftigkeit dieses Vorwurfs und damit seine Eindringlichkeit; ich wenigstens könnte z. B. an einem Pferde mit fünf Füssen keine Freude haben, wenn es noch so schön gemalt wäre. Wie soll man an so was glauben? --«
Aber, ebenso gut hätte sie schweigen können, denn er hörte nichts. Und so verliessen sie die Kirche wieder. »Den kann ich doch nicht aus sich herausziehen« dachte sie.
Die Sonne brannte heiss herunter und prallte blendend und stechend von den Häusern ab, wo sie draussen kosend von den Bäumen gehangen und segnend über die Felder gegangen wäre. Herinnen in dem Winkelwerk und Gekünstel von Menschenhand wusste sie nichts anzufangen mit all' ihrer Fülle und Kraft. Wie ein machtvolles Organ, dessen grosser Ton sich stolz durch einen Dom trägt, an engen Stubenwänden zerschellt und misstönig davon zurückschlägt.
Die schmalen Gassen waren schwül und von einem schlechten Geruch erfüllt. Ein paar Geschäftsleute stunden gähnend vor ihren Läden, aber die Kauflustigen sassen hinter ihren beschatteten Fenstern und sahen schläfrig auf die Strasse -- ausser Estella. Doch auch sie drängte nach Hause und schlug einen der schattigen Wallwege, die aussen um die Stadtmauer herumführten, vor.
Da hörten beide einen eiligen Schritt hinter sich herkommen und Jemand rief:
»Guten Tag, gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht ein wenig warten, ich möchte um etwas fragen?!«
Atemlos kam der Maler Makassy über das holprige Pflaster dahergelaufen.
Die Beiden warteten. Das Mädchen stellte die Herrn einander vor.
Ein schnelles Auffliegen von Blicken. Es waren zwei, von denen keiner den andern übersehen konnte.
»Um kurz zu sein und Sie nicht aufzuhalten, eine Bitte an Sie, mein Fräulein; es soll nur eine bescheidene Frage sein, aber ich bange vor der Entscheidung -- ist es mir gegönnt, Ihr schönes Bild auf meine Leinwand zu übertragen?«
Bei den glatten Worten und beredten Blicken sah Thieben rasch auf; selbst Estella fühlte sich nicht angenehm berührt.
»Verzeihen Sie,« rief hochfahrend Makassy. »Künstler sind Enthusiasten! Die Kunst ist ihr Leben und was ihr dient, verehren sie.«
»Ach ja«, beeilte sich das Mädchen in grossem Tone zu sagen. »Ich verstehe das; wir sind nur Objekt, Mittel zum Zweck -- darin liegt gar nichts Persönliches.«
Dabei sah sie nach Thieben, denn sie hatte Angst, es könnte sich dies erfreuliche Anerbieten zerschlagen oder er möchte es beim Onkel hintertreiben.
»Also darf ich?« rief der Maler ungestüm.
»Ich weiss nicht, ob Fräulein Brand Modell steht!« platschte es da schwerfällig in die aufquellende Freude.
»Davon kann nicht die Rede sein«, sprudelte Estella heraus, den bedrohlichen Ernst der Situation überschwemmend. »Ich will der Kunst ein Opfer bringen; wer da kommt um blos zu nehmen, der tut ein Unrecht an ihr; es wäre falsch, dies Anerbieten abzulehnen. Malen Sie mich nur, Herr Makassy!«
Der lächelte über den Eifer, der den andern verletzte, und sagte laut:
»Es freut mich Ihre Zusage; ich wusste ja, dass ich hier Verständnis finden würde. Doch allerdings, wenn Ihr Herr -- -- -- Herr von Thieben es nicht zugibt -- --«
In Thiebens Gesicht zuckte es; auch dieses boshafte Wort hatte seinen Weg gefunden. Er wollte erwidern, aber Estella sagte schnell:
»Aber ich bitte, diese kleine Angelegenheit leitet sich ja ein, so ernsthaft wie ein Trauerspiel, -- und es ist doch so belanglos und lustig, gemalt zu werden!«
»Jetzt hat sie das hohe Lied vom Opfer schon vergessen« dachte Makassy amüsiert bei sich, als sie ihm schon zurief:
»Also auf Wiedersehen! Kommen Sie zur Besprechung. Villa Brand vor dem roten Tore!«
Ihre Augen winkten ihm nochmals zu, einverstanden, aufmunternd.
Aber es wäre unnötig gewesen; ihm hatte ungewollt ihre verheissungsvolle Schönheit unwiderstehlicher gewinkt als ihre Worte und Blicke. Auch war er keiner, den Schwierigkeiten schreckten; im Gegenteil, Widerstand reizte ihn.
Sie war mit dem Forstmann weitergegangen. Der zeigte ihr noch einmal seine schöne Seele in vollem Glanz.
Es war ein kurzes, trauriges Bitten und Reden.
Er bat sie von ihrem Vorhaben abzusehen.
»Es ist nicht gut, es kann nicht gut sein« klagte er. Er bat für sie selbst und dann noch für sich. Aber sie wollte nicht hören. Und so langte sie mit ahnungslosen Kinderhänden nach dem Ungewissen und liess das Gute liegen. --
Zu Hause angekommen, sagte Thieben zum alten Brand, dass seine Nichte gemalt werden sollte und dies sehr zu begrüssen wäre, weil es ihr so viel Freude mache. Das war für den Onkel bestimmend und die Zustimmung auch von dieser Seite gesichert.
Aber das Mädchen fühlte sich bedrückt; das Geschenk war zu gross.
* * * * *
Die Staffelei war seit einigen Tagen im Garten der Villa vor dem roten Tore aufgeschlagen. Estella sass in schlichtem, blauen Kleide auf einer Gartenbank. »Recht lässig,« hatte der Maler Makassy gesagt. Aber sie brachte es nicht fertig; in ihr war zu viel Spannung.