Estella: Novelle

Part 1

Chapter 13,620 wordsPublic domain

ESTELLA

NOVELLE VON

L. DANÖFEN

BERLIN-LEIPZIG MODERNES VERLAGSBUREAU CURT WIGAND 1907

In sanften Wellen breitet sich die Landschaft aus. Die Natur hat hier aufgehört, Grandioses zu ersinnen, vor dem erschrocken der Mensch in Betäubung steht; auch hat sie nicht verschwendet in üppiger Schönheit, dass er ihr berauscht am Busen liegt, -- sondern sie hat mit sanfter, friedlicher Hand einfache, ruhevolle Linien in dieses Stück Welt gezeichnet und hängt sich ihm vertraulich an den Arm und schweigt selber, damit sie ihn höre.

Überall Äcker und Felder, stille dunkelbraune Erde, die sich leise zu schmücken beginnt, aus deren Schollen sich mühsam und zaghaft junges, weiches Grün schiebt, -- dieses lichte, siegende Grün, das die schwere Farbe so bald verdrängt und sich sonnenfroh unter dem weiten Himmel dehnt.

Dazwischen Wälder, blaugrün, dunkel, duftumsponnen, die ernstere Töne mit in diese Landschaft bringen und hier und dort ein unvermittelt aus den grünen Tälern aufstrebender Felsen, der als blendender Hügel verwegen in dem königlichen Blau des Himmels steht und hochmütig auf die uralte Geschichte seines Landes hinweisend, in seinem porösen, kalkigen Gestein ein Stück einstigen Lebens umschlossen hält. Träumende Pflanzen und träge Schnecken, die überrascht worden sind in ihrer Beschaulichkeit von der umstürzlerischen Erde und endlich in langen Jahrtausenden erstarrten und versteinerten. --

Nichts verbildet ringsum, nichts verbaut. Nur manchmal ein stilles Dorf. So still, dass man glaubt, es wohne seit Menschengedenken niemand hier, -- als hätten die Leute vor langem ihr Bündel geschnürt und seien fortgezogen auf den schweigenden Strassen, die vereinzelt wie trübe Bänder um diese Weiler liegen und sie zusammenhalten in dürftigem Verkehr.

Ein altmodischer Kirchturm schaut aus jedem Dorfe, gar einfältig mit seinem braunen, moosigen Schindeldach aus vergangenen Zeiten. Man erschrickt fast, wenn aus einem dieser Türme die Glocke plötzlich anhebt zu schlagen -- ein Lebenslaut kann auch bestürzen, wo man ihn nicht erwartet hat. Man glaubt, die Glocken müssten längst gerostet sein, da sie für niemand zu läuten brauchen in diesen grauen, verschollenen Häusern, die um jene Kirche stehen.

Nur wenn man spät abends von einem der Hügel weg über diese Landschaft schaut und hier und dort ein mattes, rötliches Lichtlein aus den Fenstern eines dieser Dorfhäuser blinken sieht, so glaubt man es, dass auch Menschen hier wohnen, Menschen, die mit fleissigen Händen Furchen durch diese Erde ziehen und ihre Saaten in sie legen.

Aber es müssen seltsame Leute sein, altmodische, die zurück sind und stehen geblieben -- und feindlich geworden gegen die grosse, schnelle, bewegliche Welt.

* * * * *

Es war ein Abend im Mai. Die immer gleiche Einsamkeit über der Gegend. -- Ein noch junger Mann, der auf einer Ruhebank oben am Buchensaum des Waldes sass, lauschte ihrer mit bangen Zügen. Er hatte sich zurückgelehnt, den Hut abgenommen und den Blick nach Westen gerichtet, wo der Himmel schon im Abendträumen lag.

Es waren ein paar aufschreiende Augen, die wie vor Feuersbrünsten standen, nicht vor einem stillen, träumigen Bilde solch schlichter Art. Diese Augen hatten wohl viel gesehen und geschaut. Schönheit und Schrecken -- und sie waren beweglich geworden, ruhelos und auffahrend.

Über ihnen aber thronte das Massiv der Stirne. Das hatte sich aufgebaut und breit gemacht wie eine Festung. War gebildet und erstarkt in Trotz und Selbständigkeit. Im ganzen Antlitz lag nicht der Ausdruck des Feierns und Fertigseins, trotz aller Reife, sondern schweren, rastlosen inneren Arbeitens. Etwas mühsam Errungenes, schwer Gehaltenes. Man fühlte sogleich, hier war nicht irgend einer, sondern Einer, ein Eigener.

Müde legte er die beiden Arme auf die Rücklehne der Bank und wollte sich losreissen von dem zwingenden, rastenden Bilde, das hier so weit und gross vor ihm lag. Aber es waren tausende von Widerhaken der Schönheit in ihm, die ihn festhielten, -- wie sich die ruhenden Wellen der Erde so in biblischer Breite und Feierlichkeit vor ihm hindehnten.

In wem es so friedlich aussehen könnte, wie in diesem Land! Ein gequälter Ausdruck ging über das Gesicht. Der Mensch fällt in solcher Einsamkeit auf sich selbst zurück und da muss es etwas Gutes und Lauteres sein, das von der eigenen Seele herauszieht und was einem diese Stille zurückschickt.

Und als er so sass und sich sträubte, wirbelte plötzlich helles, loses Lachen durch diese schwere Ruhe und brach die bedrückende Macht der einsamen Landschaft.

Junge Mädchen in lichten Gewändern, auf denen das letzte Tageslicht spielte, kamen leichtfüssig über die Wiese her. Sie sprangen und liefen und lachten und schrien und weder das Schlafengehen der Natur noch der unbekannte Mann da drüben vermochte sie in ihrer geräuschvollen Heiterkeit zu stören. Es lag etwas Rücksichtsloses in diesem Lärmen, wie so die lauten Stimmen unbekümmert in die Stille des Abends schlugen, -- aber auch etwas Sorgloses, Glückliches, das Vorrecht der selbstherrlichen Jugend.

Wer jetzt das Gesicht des Mannes hätte sehen können, der wäre erschrocken an dem veränderten Ausdruck desselben; als wären Hunde aufgefahren, die zuerst an Ketten lagen, und hätten alles schönere Leid daraus vertrieben. Geblieben waren nur müde, dreiste Blicke, die sich rassekundig in die jungen Leiber bohrten und sie nach unschönen Werten abschätzten.

Gelangweilt gähnend erhob er sich jetzt, den Ärger und damit die Aufmerksamkeit der jungen Mädchen zu erregen.

Sie kamen indessen hart an ihm vorbei; weisse, rote, blaue Kleider, frische Gesichter voll Jugendlust, braune und blonde Haare, die im Abendwind flogen. Da gähnte er noch einmal, weil sie gar so reizend waren und er sich zu wenig beachtet fühlte. Es hatte Erfolg. Als sie es hörten, machten sie hochmütige Gesichter -- denn ihr Lärmen sollte doch auch geheissen haben: »Hellauf! Wir sind da! Platz gemacht!« Und ein blondes, schlankes Ding sah erstaunt zu dem ungalanten Fremden hinüber, der so wenig Art zeigte und guten Geschmack.

Wie es so in beginnender Dämmerung schon an ihm vorbeigeschritten, den Kopf ein klein wenig zurückbeugte, sah es in dem Duft ihrer Jugend und Zartheit wie ein flüchtig in die Luft gehauchtes Bild aus.

Die Mädchen waren vorüber. Das Lachen verhallt. Die heitern Farben erloschen. Und die Schatten, die hinter den Büschen und Bäumen hockten, krochen hervor, wuchsen ins Riesenhafte und wälzten sich über das ganze müde Land.

Der Fremde war nun doch überrascht gewesen von dem reizvollen Anblick. Schönheit, in welcher Form sie auch kam, war es allemal wieder, die sich leise zu den freundlichen Geistern in seiner Seele schlich und sie weckte. Auch diesmal. Doch nur auf kurz, dann schauten wieder die alten, hässlichen, kalten durch seine Augen, wie zuerst.

Langsam schritt er nun in der Richtung zu, wo die fröhliche Schaar verschwunden war. Es ging an den Buchen entlang, durch einen dünnen Tannenschlag den Hang hinunter, wieder über Wiesen, die anstiegen, und schon sah man hinter dem nächsten Hügel einen stattlichen Kirchturm aufragen. Er ging rasch weiter, die Anhöhe hinauf. Die einsame Landschaft war gewaltiger geworden mit jedem Augenblick -- sie kam hinter ihm her und trieb ihn dazu.

Nun lag vor ihm in tiefer Dämmerung die kleine, einst berühmte alte Stadt, die er aufsuchen wollte. Die vielstöckigen Giebelhäuser, schon ein wenig altersschief, waren umfriedet von einer mittelalterlichen Mauer voll seltsamer Tore und Türmlein; ein breiter Wall umzog sie, in dessen sumpfigem Graben einst mancher Feind in kriegerischen Zeiten seinen Tod gefunden.

Damals gab es hellere Köpfe im Lande und schnellere Füsse. Da gab es zu tun, da musste man sich drehn. Wunden stillen. Lieder singen. Lorbeer winden. -- Und über all' dem Wandelbaren inmitten der Häuserreihen stand von altersher in stiller Majestät die hohe gotische Kirche und besann sich, zu welcher Zeit die Menschen am meisten unter ihr Dach gelaufen kamen.

Wie dieser Dunstkreis einer belebten Stadt ihn anzog, wie das Bewusstsein baldiger Gemeinschaft ihn wohlig durchrieselte! Und als er nach kurzem Wandern durch eines der alten Stadttore eingetreten war und ihm vollends aus der geöffneten Tür eines erleuchteten Gasthofes ein Bild bunten Lebens in Farben und Klängen entgegenschlug -- da sah er mit Mut in die grosse einsame Landschaft da draussen zurück.

Bei seinem Eintritt in die saalartige, dichtgefüllte Gaststube war es einen Augenblick ganz ruhig. Etwas wie leichtes Erschrecken war durch die Reihen gefahren, wie es das erstmalige Ansichtigwerden eines neuen Gesichtes so gerne mit sich bringt, besonders in den gewohnheitsschläfernen Augen solcher Kleinstädter.

Rasch und blitzend war der Kopf auch, von anderm Geiste als der ihre; -- dunkelhaarig, und von nervösem Ausdruck das Gesicht, schlank und geschmeidig die Gestalt. -- Die Kleidung war die eines verwöhnten Grossstädters, doch ohne Bedacht getragen.

Ein neugieriges Schauen rings in der Runde, indessen er Platz nahm und mit vornehmer Art zu speisen begann, -- bis _er_ dann schaute und die Anwesenden betrachtete. Da waren alle die Blicke mit einem Mal aufgefahren wie ein Mückenschwarm und hatten sich ringsherum, anderswo niedergelassen.

Seine Betrachtungen lohnten sich nicht besonders; lauter Alltagsgesichter, geworden und befestigt in einer vergessenen kleinen Stadt, in einer toten, ereignislosen Zeit, in der so recht der Werkeltag des Lebens allem sein nüchternes Gepräge verleiht.

Blos da drüben ein anziehenderer Tisch voll Jugend -- ei! Das waren ja die lachenden Mädchen wieder! Das eine dunkle mit den schweren Augen, das andere mit dem runden Gesicht, den aufgeregten Backfischwangen und braunen, prallen Zöpfen um den lustigen Kopf und dort das mit der weissen, milchigen Haut -- die Zukunftsfreude und Daseinslust lugte ihnen aus allen Taschen und Falten.

»Wo ist denn Estella?« rief jetzt der Backfisch und fuhr vom Sessel auf und alle andern mit und sahen nach allen Tischen -- aber sie war nicht im Saal. Da gingen einige sie holen und es währte nicht lange, so traten sie mit ihr ein. Eigentlich war es nur eine, die eintrat, denn die andern schoben sich ungesehen neben ihr zur Türe herein. Alles sah nach Estella. Wie besonders sie war!

Des Fremden Auge leuchtete auf und er erkannte befriedigt das zarte Bild des blonden Mädchens wieder, das da draussen bei den Buchen nach ihm umgesehen hatte.

Es kam mit ihr etwas Erfrischendes, eine köstliche Atmosphäre in das dumpfe Lokal. Es wehte förmlich von ihr weg, wie wenn schnee- und reifbehangen man von draussen in die warme Stube kommt und denen drinnen ein Stück des frischen Winters mit hereinbringt. Nur dass sie den Lenz mit sich gebracht!

Er hing ihr von den Haaren und lachte ihr aus dem Antlitz. So etwas Frühlingshaftes hatte er nie gesehen. Ihm fielen die herben Gärten ein, die schon voll von Blüten stehen und da und dort noch Schnee in ihren Winkeln haben.

Schade, dass nicht das Schleiergewand von Boticelli's Frühling den schlanken Leib umwehte, dass die verschnittene Tracht unserer Zeit falsche Linien schuf, dass schwere Schuhe die zarten Gelenke umzwangen und ein modischer Hut auf dem feinen Kopfe sass.

Das Mädchen fühlte den Eindruck, den es hervorrief, und die Art wie es sich auf einen Stuhl niederliess, war fast ein wenig eitel. Langsam nahm es den Hut ab, wie jemand, der eine Überraschung in Vorbereitung hat. Es war auch eine, denn um wie viel schöner war das Mädchen ohne den! Unter ihm hatte das gefesselte Haar tausend feine, rotgoldene Fäden gesponnen, die nun gross taten und Feuer schlugen und gerne dabei sein wollten, solchen Festtagsglanz noch zu erhöhen.

Jetzt konnte man das Gesicht ganz deutlich sehen. Nichts absolut Schönes oder gar Klassisches. Stille, graue Augen, eine feste, mutige Nase, ein frischer, intelligenter Mund mit guten Zähnen und eine rosige Haut. Daran war ja nichts Ausserordentliches, sondern das lag im Gesamteindruck, im Ausdruck der Reinheit, der Unberührtheit, des Jungen, der lichten Zartheit.

Nun, als Estella sass, fing sie laut und lebhaft zu sprechen an -- lustiges Zeug, über das man lachen musste -- und auch sollte. Aber der innerliche Reiz, der so bestrickend für den in Betrachtung Versunkenen über ihrer Erscheinung lag, war verschwunden. Der Traum war aus. Der Traum, der sekundenlang den einsamen Mann umfangen hatte. Es fliegt eine Künstlerseele so leicht von der Erde auf! Hier war ein hübsches Mädchen, wie viele andere -- wozu die Andacht? Sie ärgerte ihn. Und dennoch konnte er seine Augen nicht abwenden.

Bei jedem Menschen, der ihm das erste Mal in den Weg trat, hatte er das bestimmte Empfinden: der kommt in Betracht, der nicht. Auch hier. --

Die Zeit verstrich schnell in dem stetigen Hin und Her der Gäste. Es wurde gelacht und gespielt, getanzt und gesungen. Manch einer sang ein lustiges Lied, mancher ein trauriges. Aber der wurde ausgelacht. Man mochte nichts wissen von Ernst und Feierlichkeit. Die Mädchen wollten lachen und tanzen und ein wenig laut sein dabei.

Immer ausgelassener riefen sie nach der Musik, die zu langsam sei, und sie wollten sich schneller drehn.

Da trat, ohne etwas zu sagen, der Fremde an's Klavier, dass es das erschrockene Fräulein davor jäh aus seinem behaglichen Rhythmus riss und es eilig aufstand, ihm Platz zu machen.

Er fing zu spielen an. Alles horchte. Das war eine Tanzmusik! Die sprang auf, so trotzig und boshaft, rannte den Takt und die Regeln über und über, -- stand jetzt stille und wirbelte dann plötzlich in rasender Schnelle dahin. --

Das war eine seltsame Tanzmusik -- aber lustig und feurig wie keine! Die hatte gezündet und fortgerissen und es war ein Schleifen und Beben und Schwanken und Dröhnen! Die Paare rasten durch die Luft, Staub flog auf, Röcke flatterten, verfingen sich und wurden lachend losgerissen, Wangen glühten, Augen blitzten und dem Backfisch flogen die Zöpfe hoch vom Kopf; ihm kam so etwas Wildes gerade recht. In stillem Entzücken glänzten die Mütter dazu, nur die Väter schüttelten die ernsten Köpfe.

Die Blondine war auch sehr ausgelassen; es stand ihr aber nicht: sie verdarb ihre Art und als sie eben erschöpft und atemlos ihren Tänzer entliess und sich nach einem Ruheplatz umsah, begegnete sie mitten im Getümmel einem Blick des Fremden, der fest und durchdringend auf sie geheftet war. Dieser Blick durchschnitt gleichsam die heisse Atmosphäre kalt und hart wie Stahl. Und da die Musik in diesem Augenblick innehielt und mit ihr sofort alles andere Lärmen, so half die allgemein plötzlich stockende Bewegung wirkungsvoll dabei mit.

Es sträubte sich quasi der ganze Saal und lehnte sich auf ob des feinen Mädchens uneigener Art.

Estella erschrak, wurde stiller, erschrak darüber noch mehr und beeilte sich wilder als zuvor herumzutollen. »Es ist wirklich albern!« sagte sie, gerade am Klavier vorbeiwirbelnd, sehr laut und vernehmlich zu ihrem Tänzer; aber der wusste nicht was und hat es auch nicht erfahren. --

Es war sehr spät, weit über Mitternacht, als Alles aufbrach. Väter, Mütter, Alt und Jung verliessen den Gasthof und gingen müde nach Hause.

Estella Brand, die bei einem Verwandten, dem reichen Privatier Brand, in dem kleinen Städtchen zu Gast war, wohnte ausserhalb der Stadtmauer in einer vornehmen, kleinen Villa. Dort verbrachte sie viele Monate jedes Jahr, meist Frühling und Sommer, und freute sich, da zu sein.

»Onkel«, rief sie lachend jedesmal bei ihrer Ankunft, »jetzt lege ich mich unter Deine Rosen und schlafe die Grossstadt aus!« Und der alte Brand lachte mit und war froh, dass in seinem schönen Garten eine so passende, feine Gestalt war. Er liebte sie sehr; zuerst kam auf der Welt sein Bruder, ihr Vater, ein grosser, einsamer Mensch und Gelehrter, dann sie in seinem Herzen.

Als sie nun heute ihrem Onkel Gute Nacht gesagt hatte, ging sie in ihr Zimmer und schaute noch lange in die stumme Maiennacht und in ihre eigene Seele. Sie mochte es immer so gerne haben, dass, wenn sie sich abends zur Ruhe legte, alles glatt und eben in ihr war, was der Tag gebracht. Aber heute lag die Ebene nicht so weit und übersehbar da, als sonst. Sie tastete in sich herum und fand sich nicht so klar und dachte an den merkwürdigen Abend, ihr auffälliges Benehmen, an den Fremden, sein bizarres Spiel und seinen herausfordernden, seltsamen Blick. Während sie sich langsam entkleidete, gelitten ihre Gedanken weg, zu dem jungen Forstmann hin der sie seit langem liebte und ihrem Wankelmut und all ihrem Jungsein geduldig zusah und es gerne abwarten wollte.

Sonst hatte sie oft gespöttelt über diese Treue, dass gar so schnurgerad sie sei, -- wie eine lange Landstrasse, ein wenig reizlos und ohne Spannung. Aber heute beruhigte sie der Gedanke an diese Liebe; es war eine Zuflucht zu etwas Festem, Starkem.

* * * * *

Für einige Tage später ward ein grosser Ausflug geplant, an dem sich die Gesellschaft des ganzen Städtchens beteiligen sollte. Es waren Wagen bestellt und man hatte sich eine Fahrt tief ins württembergische Land hinein vorgenommen, zu einigen, weitberühmten Ruinen, da die Stadt unfern der Grenze gelegen war.

Am frühen Morgen, noch angetan mit warmen Kragen und Mänteln, versammelten sich alle bei einem der alten Türme der Stadtmauer.

Wie erstaunte Estella, als der Fremde von neulich unter den Anwesenden war. Er hatte sich bekannt gemacht und schloss sich der Partie an. Sein Name war Leo Makassy; er war Maler und zwecks Studien hierher gekommen.

Alles stieg ein und freute sich einen so angenehmen Tag vor sich zu haben. Man dachte mit Behagen an all' die schlummernde Arbeit in Schreibpulten, Flickkörben und Suppentöpfen, die man sorglos zu Hause gelassen.

Als man sich's warm und gemütlich gemacht auf den seitlichen Polstern des einen Wagens, wollte man vor allem diesem Eindringling auf den Grund kommen. Man musste dies vorerst erledigen, damit man sich darnach verhalte.

Es stellte sich heraus, das er seit langem in der Welt herum reise, sie als Künstler zu studieren und sich Anregung zu verschaffen. Zuletzt hatte er das patriarchalische Württembergerland durchstreift und sich ergötzt an seinem jungfräulichen Landschaftsreiz und nun sei ihm noch die altehrwürdige Stadt genannt worden, von der er sich Skizzen machen wollte.

»Wo waren Sie denn vorher überall?« frug verbindlich der Oberamtsrichter der Stadt aus seiner Wagenecke heraus. Es war ihm zwar ganz gleichgiltig, er wollte nur dazu kommen, seine eine und einzige Reise nach Ostende mit der erschütternden Pointe zum Besten zu geben: wie einmal das Meer in breiter Woge dahersauste und ihn -- den Oberamtsrichter Larsen -- mit Haut und Haar beinahe verschlungen hätte. Und wenn dann all den Liebenswürdigen das erwünschte Gruseln kam, dann konnte er sanft sein und tröstlich wie nie. Aber da die ganze Stadt es längst auswendig wusste und schon ganz ausgegruselt war, sah man die Erzählung des Herrn Oberamtsrichters wie ein Gewitter heraufziehen und rettend rief diesmal der kecke Backfisch schnell dazwischen:

»Makassy ist ein seltener Name, Sie sind gewiss von weit her?«

»Bis von Ungarn« sagte er lächelnd.

»Ist's dort schön?«

»Ein fruchtbares Land voll von Getreide«, fiel der Pastor ins Wort.

Aber niemand wollte Näheres darüber wissen und eilig hiess es weiter:

»Waren Sie auch schon in Frankreich, in Italien -- ach, in Italien, mit seinen blauen Himmeln und schönen Mandarinenknaben?«

Und als er es bejahte, bestürmte ihn Alles, von Italien zu erzählen. Man rückte zurecht, streckte die Köpfe vor und horchte. Das war etwas anderes als das ewige Getreide, von dem der Pastor so gerne sprach und von Gottes Segen, und die erschütternde Meereswelle des Oberamtsrichters.

Und der fremde Künstler fing zu erzählen an und wurde wärmer und lebhafter mit jedem Wort und seine Augen gingen mit über die Städte hin, über die Lande von denen er sprach, und gingen weiter in unsichtbare Fernen und -- eine düstere Sehnsucht stand in ihnen. Nach und nach verstummten alle Einwände und Fragen. Man fühlte etwas Überlegenes, vor dem man sich nicht gerne hören liess.

Er sprach von dem Geiste lapidarer Vergangenheit, der dort über Ruinen weht, von stolzen Bauten, die auf Felsen thronen, und von der einen meerentstiegenen Marmorstadt, durch die die Gondeln ziehn, -- er sprach von dem leuchtenden Meere, in das sich Zauberhaine neigen, von schimmernden Palästen, die im tiefblauen Himmel stehen, von einsamen Gestaden, wo Böcklins Fabelwesen hausen, von dräuenden Klippen, an die die Wogen gischtend schlagen, von rätselhaften Märchenblumen, die träumend von den Sträuchern hängen, von versonnener Poesie, die in stillen, duftenden Gehegen steht, sprach er, -- auch von rauschenden Spitzenschleppen, die dort achtlos über Marmortreppen fegen und -- last not least -- von Frauenschönheit, die in Tropengärten sich ergeht und sinnend über die Unergründlichkeit stiller Teiche neigt, auf denen Lotosblumen schwimmen.

Als er endlich schwieg, war der herrschende Kleinstadtgeist aus dem Wagen geflogen. Aber mit ihm das Behagen.

Das durfte man sich nicht bieten lassen, dagegen musste man sich wehren, und dies geschah so, dass man sich befreite von dem Eindringling, indem man ihn behutsam, rund und reinlich umging, ohne ihn auch nur einmal mehr zu streifen.

Ein kleines Intermezzo kam diesem Bestreben noch hilfreich entgegen.

Nämlich die Pferde, die gemütlich trabend mit einem regelmässigen Aufklappern der Hufe ihres Weges getrottet waren, mussten plötzlich stärker angezogen haben, so dass ein leichtes Schwanken des Wagens erfolgte. Alles stiess an einander, kreischte ein wenig -- und Berta, der wilde Backfisch mit dem unternehmungslustigen Gesicht und den blitzschnellen Augen: dies sehen und ein furchtbares Geschrei aufschlagen war eins.

Daraufhin fuhr alles von den Sitzen auf und schrie gerade hinaus, puffte um sich, fiel vornüber, drängte nach der Wagentüre, riss sie auf, wollte hinaus und rief entsetzt nach dem Kutscher, der so viel wertvolles Leben auf's Spiel setzte.

Der hatte gehalten, schaute auf die schreckliche Verwirrung hinter ihm, schaute nach Blut, sah keines, begriff gar nichts und schwieg verstockt.

Die Mütter fielen über ihn her, er sei gewissenlos, ja das sei er! Ob er die fünf Kinder erziehe, wenn sie mutterlos wären? »Und meine drei!« klagte blass die noch junge Frau Pastor. Und eine sehr dicke, rote Dame schrie, sie glaube, sie stürbe noch hintennach am Schrecken.

Da drehte sich der Kutscher langsam nach ihr um, ob es schon gleich wäre.

Die anderen Wagen, die voraus waren, hielten an, entleerten sich und es entstand ein grosser Kreis von jammernden und tröstenden Gestalten, ein Erklären, ein Fragen. Der vermeintliche Sündenbock stand immer noch stumm in der Mitte, schüttelte den Kopf, als rechnete er die Kinder zusammen, die er zu versorgen habe, und verweigerte jede Auskunft.

Da drang durch die Versammlung ein Aufkichern. Alle Köpfe flogen nach der Richtung, staunend ob dieses neuen Phänomens und man konnte eben diese wilde Berta, das frische, rotwangige, jüngste der Mädchen seitwärts stehen sehen, das Taschentuch vor das Gesicht gepresst, berstend schier vor lauter Lachen. Es war ihr Werk! Sie hatte einfach aufgeschrien, die andern ein wenig zu erschrecken und auch, -- weil das Schreien so lustig ist, und -- welche Wirkung!