Part 9
Ein Mann hatte zwei Kinder, von denen er wollte, sie sollten einander völlig gleichsehen. Er zeichnete das eine (die Tauchente) mit einer weißen Brust und viereckigen Flecken am Rücken. Das andere (der Rabe) sah, wie komisch die Tauchente aussah, und lachte soviel, daß die Tauchente sich schämte und ins Wasser floh, wo sie immer die weiße Brust zeigt, um die Flecken am Rücken, die zum Lachen reizen, zu verbergen. Der Rabe entging der Aussicht in gleicher Weise angemalt zu werden, indem er sich hartnäckig weigerte, näher zu kommen.
Wie der Habicht entstand
Unter den Leuten einer Siedlung war eine Frau, die wegen der Kürze ihres Nackens auffiel. Sie wurde deswegen unausgesetzt geneckt und gequält, sodaß sie oft stundenlang allein am Rand hoher Felsen saß. Sie wurde in einen Habicht verwandelt und schreit jetzt, wenn sie jemand sieht, sofort: »Kea, kea, kea, wer, wer, wer wars, der >Kurznack< rief?«
Die letzten Donnervögel
Vor langer Zeit lebten in den Bergen viele Adler oder Donnervögel. Die waren aber schon alle verschwunden bis auf ein Paar, das auf dem Berggipfel der bei S. den Yukon überragt, hauste. Auf der runden Kuppe dieses Berges hatten die Adler eine Vertiefung ausgehöhlt, die ihnen als Nest diente; um den Rand herum war ein Felswall, von dem sie auf das große Dorf am Fluß sehen konnten.
Vom Rand dieses Felswalls erhoben sich die großen Vögel auf ihren breiten Schwingen, wie ein Wolke am Himmel, um manchmal aus vorüberziehenden Herden ein Renntier zu reißen und es ihren Jungen zu bringen. Dann wieder kreisten sie herum, mit donnerartigem Flügelschlag, ließen sich zu einem Fischer in seinem Kanoe auf dem Fluß herab und schleppten Mann und Boot zum Berggipfel. Dort fraßen die jungen Donnervögel den Mann und das Kanoe blieb zwischen Knochen und anderem Abfall am Nestrand liegen und ging zugrund.
Jeden Herbst flogen die jungen Vögel ins Nordland weg, während die alten zurückblieben. Dann kam wieder eine Zeit, wo viele Jäger von den Vögeln verschleppt wurden, sodaß sich nur die allerverwegensten auf den Fluß wagten. Eines Sommertags fuhr ein beherzter junger Mann hinaus, um nach seinen Fischfallen im Fluß zu sehen; bevor er aber wegging, sagte er seiner Frau, sie solle vorsichtig sein und das Haus der Vogelgefahr wegen ja nicht verlassen. Nachdem ihr Mann weggegangen war, bemerkte die junge Frau, daß ihr Wasserkübel leer war und nahm daher einen Eimer und ging nach dem Fluß um Wasser. Als sie zurückkehren wollte, erfüllte ein rollendes Geräusch, wie Donner, die Luft, einer der Vögel stieß herab und packte sie mit seinen Krallen. Als die Dorfleute sahen, wie sie zum Berggipfel geführt wurde, schrien sie vor Schmerz und Verzweiflung auf.
Als der Jäger nach Hause kam, beeilten sich die Leute, ihm von seines Weibes Tod zu erzählen, er sagte aber nichts. Er ging in sein leeres Haus, nahm seinen Bogen und einen Köcher voll Kriegspfeile und brach, nachdem er sie sorgfältig geprüft hatte, nach dem Adlerberg auf. Seine Freunde hielten ihm vor, daß ihn die Vögel sicherlich umbringen würden, aber vergebens. Er wollte sich davon nicht überzeugen lassen, sondern eilte weiter. Mit festen Schritten erklomm er den Rand des großen Nestes und sah hinein. Die Alten waren weg, aber die Jungen empfingen ihn mit gellenden Schreien und fürchterlich funkelnden Augen. Des Jägers Herz war voll Zorn, er spannte rasch seinen Bogen und schoß einen Pfeil nach dem anderen ab, bis der letzte der verhaßten Vögel tot im Nest lag.
Noch immer voll Rachedurst verbarg sich der Jäger hinter einem großen Felsen in der Nähe des Nestes und wartete auf die alten Vögel. Diese kamen. Als sie ihre Jungen tot und blutig im Nest liegen sahen, erhoben sie solche Racheschreie, daß der ganze Sund von der anderen Seite des großen Flusses her widerhallte, während sie sich erhoben, um nach dem Mörder ihrer Jungen auszusehen. Bald erblickten sie den jungen Jäger hinter dem großen Stein und der Muttervogel stieß auf ihn herab und seine Schwingen rauschten dabei, wie ein Sturm im Tannenwald. Der Jäger legte rasch einen Pfeil auf seine Sehne und als der Adler herunterkam, jagte er ihn ihm tief in die Kehle. Mit einem rauhen Schrei wandte er sich um und flog weit über die Hügel nach Norden weg.
Jetzt kreiste der Vogelvater über ihm und kam schreiend auf den Jäger herunter, der sich im richtigen Augenblick hinter den Stein drückte, sodaß des Adlers scharfe Klauen nur den harten Fels faßten. Als der Vogel sich erhob, um wieder herabzustoßen, sprang der Jäger aus seinem Schlupfwinkel und jagte ihm mit aller Kraft zwei schwere Pfeile tief unter seine Schwingen. Wie eine Wolke über den Himmel flog der Donnervogel, seine Flügel weit ausbreitend und Racheschreie ausstoßend, weit ins Nordland und ward nie mehr gesehen.
Nachdem er so blutige Rache genommen, fühlte sich der Jäger erleichtert und stieg ins Nest hinab, wo er noch einige Reste seiner Frau fand. Er trug sie zum Ufer, machte dort ein Feuer und brachte ihrem Schatten Speise- und Trankopfer dar.
Die Kraniche
Es ist schon lange her, daß sich eines Herbsttages die Kraniche darauf vorbereiteten, südwärts zu ziehen. Als sie sich in großer Schar zusammengefunden hatten, sahen sie in der Nähe des Dorfes ein wunderschönes junges Weib ganz allein. Sie bewunderten sie, scharten sich um sie, hoben sie auf ihre ausgebreiteten Flügel, trugen sie hoch in die Luft und flogen mit ihr fort. Während die einen sie aufhoben, kreisten die anderen unter ihnen so dicht, daß sie nicht herunterfallen konnte und ihr lautes heiseres Geschrei übertönte alle Hilferufe, so ward das Weib fortgetragen und wurde nie mehr gesehen. Seit dieser Zeit kreisen die Kraniche im Herbst immer herum und während sie sich zum Flug nach Süden vorbereiten, schreien sie laut herum, wie sie damals taten.
Das Echo
Ein junges Mädchen wollte keinen Mann nehmen. Schließlich wurden ihre Leute ärgerlich, brachen das Zelt ab und verließen sie. Am Tag, nachdem sie verlassen worden war, sah das Mädchen die Männer in ihren Kajaks Seehunde jagen. Sie hatte eine steile Klippe erstiegen, auf der sie die Männer stehen sahen. Jetzt rief sie einem der Männer zu: »Komm und hole mich! Ich will dich heiraten!« Die Männer glaubten ihr aber nicht. Dann hörten sie das Mädchen sagen: »Ich wollte, meine Füße würden in Stein verwandelt!« und sie verwandelten sich in Steine; »ich wollte, meine Hüften verwandelten sich in Steine!« und auch die verwandelten sich in Steine; »ich will, daß sich meine Arme in Stein verwandeln!« und beide wurden zu Stein; »ich will, daß sich meine Brust in Stein verwandelt!« und sie wurde zu Stein. »Ich will, daß auch mein Kopf zu Stein wird!« und auch der versteinerte. Jetzt war sie ganz in einen Stein verwandelt und so ist sie auch noch jetzt. Wenn die Leute in ihren Booten vorüberkommen, so können sie sie hören.
Die unzufriedene Graspflanze
In der Nähe des Dorfes Pastolik, an der Yukonmündung, wächst eine hohe, dünne Grasart. Die Frauen dieses Dorfes gehen im Herbst, knapp vor Wintersbeginn, hinaus und sammeln eine Menge von diesem Gras ein; sie reißen es aus oder schneiden es aus dem Boden, machen große Bündel daraus und tragen sie am Rücken nach Hause. Das Gras wird dann getrocknet und zu Matten, Körben oder Sitzpölstern für die Fellboote verarbeitet.
Einer dieser Grasstengel, der von einer Frau schon fast ausgerissen worden wäre, begann darüber nachzudenken, wie unvorteilhaft es eigentlich sei, nicht etwas anderes zu sein und sah sich um. Fast auf den ersten Blick sah er ein in der Nähe wachsendes Pflanzenbüschel, das so ruhig und ungestört aussah, daß der Grashalm sich wünschte, auch so eines zu sein. Kaum hatte er diesen Wunsch, als er auch schon in so eine Pflanze verwandelt wurde, wie die, welche er beneidet hatte, eine war und für kurze Zeit hatte er nun Ruhe.
Eines Tags aber sah er die Frauen mit scharfen Spitzhacken wiederkommen und die Pflanzen mit diesen ausjäten, einige Wurzeln essen und die anderen in Körben nach Hause bringen. Als die Frauen abends nach Hause gingen, blieb die Verwandelte übrig und wünschte, da sie das Schicksal der Gefährten gesehen hatte, doch eine andere Gestalt angenommen zu haben. Sie sah sich also wieder um und bemerkte eine andere unscheinbare Kriechpflanze, die ihr gefiel, weil sie so winzig und versteckt war. Sofort wünschte sie so eine zu werden und das geschah auch; wieder verstrich einige Zeit ganz ruhig, dann aber kamen die Frauen wieder und rissen die Gefährten aus; die Verwandelte übersahen sie. Das nächste Mal bekam sie aber Angst und wollte in eine kleine Knollenfrucht, wie solche in der Nähe wuchsen, verwandelt werden. Die Verwandlung war kaum geschehen, als eine Feldmaus durchs Gras geschlichen kam, die Knolle einer ähnlichen Pflanze in der Nähe auszugraben begann, sie zwischen den Vorderpfoten hielt und daran knabberte und dann weglief. »Um in Sicherheit zu sein, muß ich eine Maus werden!« dachte sich die Wandelbare und sofort wurde sie eine Maus und lief ganz glücklich über die neue Verwandlung herum. Hin und wieder blieb sie stehen, um eine Knolle auszugraben und zu verzehren, wie es die andere getan hatte, oder sie setzte sich auf die Hinterbeine und sah sich die wechselnden Aussichten an. Während die Maus so herumwanderte, sah sie plötzlich ein fremdes, weißes Ding auf sich zukommen, das am Boden herumpickte und nachdem es um irgend etwas zu fressen stehengeblieben war, wieder aufflog. Wie es näherkam, erkannte es die Maus als eine große, weiße Eule. In diesem Augenblick bemerkte auch die Eule die Maus und stürzte auf sie los. Während sie aber noch im Flug war, gelang es der Maus glücklicherweise in ein Loch, das eine andere gemacht hatte, zu entschlüpfen, worauf die Eule wegflog.
Nach einer Weile wagte sich die Maus aus ihrem Versteck heraus, obwohl ihr Herz noch von der letzten Angst zitterte. »Ich will eine Eule sein«, dachte die Maus, »auf die Art werde ich gerettet sein.« Mit diesem Wunsch verwandelte sie sich nun wieder in eine schöne weiße Eule und brach mit langsamem, geräuschlosem Flügelschlag nach Norden auf; hie und da rastete sie, um eine Maus zu fangen. Nach einem langen Flug kam ihr die Sledge-Insel in Sicht; ihre Flügel waren schon so müde, daß sie nur mit äußerster Anstrengung die Küste erreichen konnte, wo sie sich auf ein im Sande steckendes Stück Treibholz setzte. Bald darauf sah sie zwei stramme Männer die Küste entlang gehen und ihr altes Unzufriedenheitsgefühl erwachte wieder. »Ich will ein Mensch sein«, dachte sie; mit einem Flügelschlag war sie am Boden und wurde da in einen schönen jungen Mann verwandelt; der war nun nackt. Bald darauf wurde es Nacht und er setzte sich mit dem Rücken gegen das Holzstück, auf dem er kurz vorher als Eule gesessen hatte und schlief dort bis zum Morgen. Der warme Sonnenschein weckte ihn auf und Chun-uh-luk, so nannte er sich selbst, war, als er aufstand, ganz steif und lahm vom Sitzen in der kalten Nachtluft.
Er sah sich um und fand einiges Gras, aus dem er sich etwas, wie einen leichten Mantel, zum Schutz gegen die Kälte, wob. Dann sah er in der Nähe einige Renntiere weiden und bekam Lust, eines davon zu töten und zu verzehren. Er schlich sich auf den Händen und Knien heran, sprang auf das nächste zu, faßte es bei den Hörnern und brach ihm mit einem Ruck das Genick; dann nahm er es auf seine Schultern, ging zurück und warf es in der Nähe seines Schlafplatzes hin. Er griff nun den Renntierkörper ab und fand dabei, daß das Fell eine so gute Schutzdecke war, daß er es mit seinen Fingern nicht aufreißen konnte. Lange dachte er nach, wie er das Fell herunterbringen könnte; schließlich fand er einen scharfkantigen Stein, hob ihn auf und entdeckte, daß man damit das Fell durchschneiden kann. Das Tier war rasch gehäutet, aber nun fehlte ihm ein Feuer, um das Fleisch zu kochen. Er suchte herum und fand an der Küste zwei weiße Steine, die viel Funken gaben, wenn er sie aneinander schlug. Mit ihnen und etwas trockenem Zeug, das er an der Küste fand, gelang es ihm, ein Feuer anzufachen, über dem er ein Stück vom Fleisch rösten konnte. So wie er als Eule die Mäuse gefressen hatte, versuchte er nun ein großes Stück herunterzuschlucken, aber es ging nicht; er schnitt also einige kleine Stücke ab und aß sie. Noch eine Nacht verging und am Morgen fing er ein anderes Renntier und am folgenden Tag zwei weitere; diese beiden nahm er zugleich auf die Schultern und trug sie zugleich zu seinem Lagerplatz an der Küste. Da Chun-uh-luk in den Nächten sehr fror, häutete er die beiden letzten Renntiere ab und hüllte sich vom Kopf bis zu den Füßen in ihre Felle; sie trockneten rasch auf ihm und saßen wie angewachsen. Die Nächte wurden aber immer kälter; da sammelte Chun-uh-luk an der Küste einen Stoß Treibholz zusammen und machte sich daraus eine rohe Hütte, die für ihn schon sehr bequem war.
Nachdem er sein Haus fertiggestellt hatte, ging er eines Tages über die Hügel und sah ein fremdartiges schwarzes Tier bei einigen Blaubeerbüschen Beeren fressen. Chun-uh-luk wußte zuerst nicht, ob er sich mit diesem unbekannten Tier einlassen sollte oder nicht; schließlich fing er es aber doch bei einem seiner Hinterbeine. Mit wütendem Geknurr wandte es sich um, sah ihn an und fletschte seine weißen Zähne. Da packte Chun-uh-luk den Bären plötzlich bei seinen starken Backenhaaren, schwang ihn über seinen Kopf und schlug ihn mit solcher Gewalt gegen den Boden, daß er tot dalag; dann schulterte er ihn und ging nach Hause.
Als er den Bären abhäutete, fand Chun-uh-luk, daß er sehr fett war und er nun Licht in seinem Haus haben könnte, wenn er nur etwas fände, um das Fett hineinzutun, denn in seinem Haus war es dunkel, so daß er sich nur mühsam zurechtfinden konnte. Er ging an der Küste herum und fand einen langen flachen Stein mit etwas ausgehöhlter Oberfläche; hierin hielt sich das Fett sehr gut und nachdem er noch einen Docht aus Moos hineingegeben hatte, war sein Haus so gut, als er sich nur wünschen konnte, beleuchtet.
Vor den Eingang hängte er das Bärenfell, um den kalten Wind, der manchmal hereinblies und ihn in der Nacht ganz starr machte, abzuhalten. So lebte er nun viele Tage, bis er sich einsam zu fühlen begann, wenn er an die beiden Männer zurückdachte, die er gesehen hatte, als er noch als Eule an der Küste gestanden. Er dachte sich: »Ich habe einmal zwei Männer vorübergehen gesehen, es können also andere Leute nicht gar zu weit weg wohnen. Ich will sie suchen gehen, denn es ist hier doch sehr einsam.« Er ging also aus auf die Suche nach Leuten. Er wanderte eine ziemliche Strecke die Küste entlang und kam schließlich zu zwei schönen Kajaks, die am Fuß eines Hügels lagen und auf ihnen lagen Speere, Schnüre, Schwimmer und anderes Jagdgerät.
Nachdem er diese Merkwürdigkeiten untersucht hatte, sah er in der Nähe Spuren, die zum Gipfel des Hügels führten und folgte ihnen. Auf der Kuppe des Hügels war ein Haus und in der Nähe zwei Speicher und davor lagen mehrere frisch getötete weiße Wale und die Schädel von vielen anderen lagen herum. Er wollte nun, bevor er sich ihnen selbst zeigte, die Bewohner des Hauses sehen und kroch daher leise in den Eingang und an die Tür heran. Vorsichtig hob er einen Zipfel des Fells, das im Torweg hing und sah hinein. Der Tür gegenüber saß ein junger Mann und arbeitete an einigen Pfeilen; ein Bogen lag neben ihm. Chun-uh-luk ließ den Vorhang fallen und rührte sich eine Zeitlang nicht, denn er befürchtete, der junge Mann werde mit den Pfeilen nach ihm schießen, wenn er eintrete, noch bevor er ihm seine friedlichen Absichten bezeugen könne. Schließlich dachte er sich: »Wenn ich hineingehe und sage: >Ich bin gekommen, Bruder<, wird er mir nichts tun.« Er hob rasch den Vorhang und trat ein. Da spannte der Hausherr sofort den Bogen, legte einen Pfeil an, bereit gegen seinen Kopf loszuschießen als Chun-uh-luk gerade sagte: »Ich bin gekommen, Bruder!« Da senkte der junge Mann Bogen und Pfeile und sagte freudig: »Bist du mein Bruder? Komm und setz dich neben mich.« Chun-uh-luk tat so und war ganz glücklich. Der Hausherr zeigte sich sehr erfreut und sagte: »Ich freue mich sehr, dich zu sehen, Bruder, denn immer habe ich geglaubt, ich hätte irgendwo einen Bruder, konnte ihn aber nie finden. Wo hast du gelebt? Hast du die Eltern gekannt? Wie bist du aufgewachsen?« Und so stellte er noch viele Fragen, auf die Chun-uh-luk erwiderte, daß er seine Eltern nie gekannt habe und er beschrieb ihm sein Leben an der Küste bis zu dem Zeitpunkt, wo er auf diese Suche ausgegangen war. Der Hausherr erzählte dann, daß auch er die Eltern nie gekannt habe und seine erste Erinnerung sei, daß er sich ganz allein in diesem Haus gefunden habe und hier habe er nun gelebt, indem er Wild zu seiner Nahrung erlegte.
Der Hausherr lud nun Chun-uh-luk ein, ihm zu einem der Vorratsspeicher zu folgen; dort war eine große Menge wertvoller Pelze, Seehundsspeck und andere Speisen in Überfluß. Dann öffnete er die Türe des anderen Speichers und zeigte dem Ankömmling eine Menge erschlagener Leute. Der Hausherr erzählte nun, er habe sie aus Rache für den Tod seiner Eltern umgebracht, denn für ihn stände es fest, daß sie von diesen Leuten umgebracht worden waren und so habe er keinen lebend vorüberziehen lassen.
Als die Brüder zum Haus zurückkehrten, waren sie schläfrig und schliefen bis zum Morgen. Bei Tagesanbruch standen sie auf und nach dem Frühstück sagte der Hausherr zu Chun-uh-luk, er solle, da er weder Bogen noch Pfeile habe, zu Hause bleiben und für sie beide kochen, während er selbst auf die Jagd gehe. Er ging dann weg und kam in der Nacht zurück und brachte Renntierfleisch mit. Chun-uh-luk hatte das Essen fertig und nachdem sie gegessen, legten sie sich schlafen und schliefen gut. So lebten sie mehrere Tage, bis Chun-uh-luk dessen schon überdrüssig war, immer zu Hause zu bleiben und zu kochen.
Eines Morgens bat er seinen Bruder, er möchte doch gestatten, daß er mit auf die Jagd gehe; der schlug es aber ab und ging allein. Als er bald darauf einige Renntiere zu beschleichen begann, kam Chun-uh-luk heimlich nachgekrochen und packte ihn beim Fuß, damit sein Bruder, ohne daß das Wild aufgescheucht werde, wissen sollte, daß er da sei. Der Jäger wandte sich aber um und sagte ärgerlich: »Was willst du denn, daß du mir folgst? Du kannst doch ohne Pfeil und Bogen nichts erlegen.« »Mit meinen Händen allein kann ich das Wild umbringen«, sagte Chun-uh-luk; sein Bruder aber sagte spöttisch: »Geh nach Hause und besorge deine Kocherei!« Chun-uh-luk ging weg, aber statt nach Hause zu gehen, schlich er sich an eine Renntierherde heran und brachte zwei mit den Händen um, wie er es getan hatte, als er noch allein lebte. Dann stellte er sich auf und winkte seinem Bruder mit den Händen, er solle herbeikommen. Der kam und war sehr erstaunt, die beiden Renntiere zu sehen, denn er hatte mit seinen Pfeilen keines erlegt. Chun-uh-luk schulterte die beiden Tiere und trug sie nach Hause.
Mit finsterer Miene und Rachegedanken im Herzen folgte ihm sein Bruder, bis Eifersucht und Ärger alle freundschaftlichen Gefühle, die er für Chun-uh-luk hegte, verdrängt hatten; aber er hatte auch etwas Furcht, da er seinen Bruder so große Stärke beweisen gesehen hatte. Alle Abende saß er still und ärgerlich, rührte die ihm vorgesetzten Speisen kaum an, bis schließlich sein Argwohn und seine Rachegedanken in Chun-uh-luk die gleichen Gefühle erregten. So saßen sie die Nacht hindurch einander auflauernd und irgend einen Verrat fürchtend.
Der nächste Tag war ruhig und klar und der Hausherr fragte Chun-uh-luk, ob er einen Kajak rudern könne, worauf dieser entgegnete, er glaube, er werde es schon zustande bringen. Der Hausherr führte ihn nun zu den Kajaks an die Küste, bestieg den einen und sagte Chun-uh-luk, er möchte ihm in dem anderen folgen. Anfangs hatte Chun-uh-luk ziemliche Mühe, seinen Kajak aufrecht zu erhalten, aber bald hatte er es weg, ihn zu beherrschen und sie fuhren weit ins Meer hinaus. Als die Küste schon weit hinter ihnen lag, kehrten sie um und der Hausherr sagte: »Laß uns jetzt sehen, wer die Küste zuerst erreichen kann!« Leicht flogen die Kajaks dahin und zuerst schien der eine, dann der andere einen Vorsprung zu haben, bis sie schließlich mit einer letzten Anstrengung landeten und beide Wettkämpfer im selben Augenblick ans Land sprangen. Der Hausherr machte ein finsteres Gesicht und sagte zu Chun-uh-luk: »Du bist nicht mehr länger mein Bruder. Du, geh dorthin, ich werde dahin gehen.« Sie wandten einander den Rücken zu und trennten sich verärgert. Wie sie auseinandergingen, wurde Chun-uh-luk in einen braunen Vielfraß und sein Bruder in einen Grauwolf verwandelt und als solche wandern sie bis zum heutigen Tag im Land herum, aber niemals zusammen.
Der Wurm-Mensch
Vor sehr langer Zeit lebte ein großer Wurm, den eine Frau heiratete und beide hatten einen Sohn, der auch ein Wurm war. Als der Sohn erwachsen war, sagte ihm der Vater, er solle nach dem Mittelpunkt der Erdfläche gehen und dort werde er in einer kleinen Hütte ein Weib finden. Der Sohn machte sich mit Hilfe seiner Zauberkräfte klein, damit er rascher vorwärts komme und zog weg. Als er in die Nähe der Hütte, von der sein Vater ihm erzählt hatte, kam, fühlte er unter seinen Füßen die Erde wanken und zittern und fürchtete schon, er werde umkommen. Das wiederholte sich mehrmals, bis er das Haus erreichte. Da fand er, daß das Sprechen eines alten Weibes, das mit seiner Tochter im Haus wohnte, die Ursache der Erderschütterung war. Die Leute nahmen ihn gastfreundlich auf und da das Mädchen sehr hübsch war, heiratete er sie.
Nachdem er hier vier Jahre gelebt hatte, erinnerte er sich seiner Eltern und machte sich auf, sie zu besuchen. Unterwegs wurde er aber von einem anderen Wurm-Menschen, der ein Zauberer war, getötet.
Bald darauf fühlte auch sein Vater starke Sehnsucht nach seinem Sohn und brach auf, um ihn zu besuchen. Unterwegs fand er den Körper seines Sohnes und als er sich umsah, gewahrte er in der Nähe ein großes Dorf. Er ging zur Quelle, wo die Dorfbewohner ihr Wasser holten, machte sich klein und verbarg sich darin und vermittels seiner Zauberkünste brachte er aus Rache für den Tod seines Sohnes fast alle Bewohner um.
Als nur noch ein paar Leute übrig waren, bewirkte eine alte Frau aus dem Dorf, die wußte, daß irgend eine Zauberei gegen sie im Gange war, einen großen Zauber, demzufolge die See stieg, daß das Eis der Oberfläche zerbrach und es übers Land schwemmte, bis die Quelle zugedeckt war; dann zerschellten die Eisblöcke aneinander bis der Wurm-Mensch in Stücke zerrieben und vernichtet war, so daß die Leute von seinem Zauber erlöst waren.
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