Eskimomärchen

Part 8

Chapter 84,088 wordsPublic domain

(Geschichten vom Raben Tu-lu-kau-guk II.)

Lange Zeit lebte der Rabe allein, aber schließlich hatte er doch genug davon und beschloß ein Weib zu nehmen. Er sah sich also um und bemerkte, daß es schon spät im Herbst war und die Vögel schon in großen Scharen südwärts zogen. Der Rabe flog weg und hielt an auf dem Weg, den die Gänse und anderes Wildgeflügel auf ihrem Zug nach dem Sommerland eingeschlagen hatten. Er beugte sein Gesicht, sah auf die Füße herab und rief aus: »Wer will mich zum Gatten? Ich bin ein schöner Mann!« Ohne ihn zu beachten, flogen die Gänse weiter und der Rabe sah ihnen nach und seufzte. Bald danach flog eine schwarze Brandgans vorbei und der Rabe rief wie vorhin -- und mit dem gleichen Erfolg. Er blickte ihr nach und rief: »Ah, was sind das für Leute! Die warten nicht einmal, um mir zuzuhören.« Er wartete weiter und eine Ente flog in der Nähe vorbei; als der Rabe sie anrief, sah sie sich ein wenig nach ihm um, flog dann aber weiter. Einen Augenblick schlug sein Herz voll Hoffnung etwas rascher, aber als auch die Ente vorbei war, rief er: »Ah, dann werde also ich näher kommen; vielleicht, daß das nützt.« Er blieb gesenkten Hauptes stehen und wartete weiter.

Bald darauf kam eine ganze Schneegänsefamilie, die Eltern, vier Brüder und eine Schwester, und der Rabe rief hinauf: »Wer will mich zum Gatten? Ich bin ein guter Jäger, jung und geschickt.« Als er das gesagt, ließen sich die Schneegänse knapp neben ihm herab und er dachte sich: »Jetzt werde ich eine Frau bekommen!« Nun sah er sich um und bemerkte einen schönen, weißen durchlochten Stein. Er hob ihn auf, band ihn an einen Grashalm und hängte ihn um den Hals. Nachdem er das getan, schob er den Schnabel hoch, wie eine Maske, daß er auf den Scheitel des Kopfes rutschte und verwandelte sich so in einen schwarzen jungen Mann, und schritt auf die Gänse zu. Zugleich hatten auch die Gänse ihre Schnäbel hinaufgeschoben und waren in gut aussehende Leute verwandelt worden. Dem Raben gefiel der Blick des Mädchens sehr und er ging auf sie zu, gab ihr den Stein und erwählte sie so zu seiner Frau und sie hängte ihn sich um den Hals. Dann schoben alle ihre Schnäbel herunter, wurden wieder Vögel und flogen nach Süden weiter.

Die Gänse schlugen langsam ihre Flügel und arbeiteten sich gemächlich weiter. Der Rabe aber glitt mit seinen weitausgebreiteten Schwingen schneller als seine Gefährten dahin und die Gänse sahen ihm nach und riefen voll Bewunderung: »Wie leicht und anmutig ist er doch!« Mit der Zeit wurde der Rabe müde und sagte: »Es wäre besser, wir machten zeitig halt und sähen uns nach einem Schlafplatz um.« Die anderen waren damit einverstanden und so machten sie halt und schliefen bald ein.

Am nächsten Morgen waren die Gänse schon früh in Bewegung und wollten aufbrechen, aber der Rabe schlief noch so fest, daß sie ihn aufwecken mußten. Der Gänsevater drängte: »Wir müssen uns beeilen, denn es wird bald schnein. Halten wir uns nicht auf!« Sowie der Rabe erwacht war, drängte er darauf fortzukommen und wie am Tag vorher führte er die anderen und wurde von seinen jungen Kameraden sehr bewundert. Er zog bald über, bald vor seinen Genossen dahin; diese machten anerkennende Bemerkungen, wie: »Ah, sieh, wie leicht und gewandt er ist!« So zog die Schar dahin, bis sie eines Abends an der Meeresküste halt machten; hier taten sie sich an Beeren gütlich, die in Menge herumwuchsen und legten sich dann schlafen.

Am nächsten Morgen schickten sich die Gänse in aller Frühe an, ohne Frühstücksrast, weiterzuziehen. Der Magen des Raben aber schrie nach den guten Beeren, die so zahlreich vorhanden waren, aber die Gänse wollten nicht warten und er wagte es daher nicht, sich dem Aufbruch zu widersetzen. Als sie die Küste verließen, sagte der Gänsevater, daß sie unterwegs nur einmal rasten würden und der nächste Weg werde sie dann an die andere Küste bringen. Dem Raben schien es sehr zweifelhaft, ob er imstande sein werde, die andere Küste zu erreichen, aber er schämte sich das einzugestehen und beschloß, den Versuch zu wagen. So flogen sie alle auf. Die Gänse flogen standhaft darauf los; nach einiger Zeit aber begann der Rabe zurückzubleiben; seine Flügel schmerzten ihn, während die Gänse gemächlich und noch unermüdet weiterflogen. Mühsam flog der Rabe weiter, glitt dann wieder eine Zeitlang mit ausgebreiteten Schwingen, um die müden Flügel auszuruhen, aber vergebens: er blieb immer mehr zurück. Schließlich sahen sich die Gänse um und der Gänsevater sagte: »Ich dachte, er wäre geübt und kräftig, aber er muß doch müd geworden sein; warten wir auf ihn.« Dann ließen sich die Gänse ganz nah nebeneinander aufs Wasser nieder und der Rabe, der mühsam herankam, sank auf ihren Rücken herab und schnappte nach Luft. Bald hatte er sich etwas erholt und sagte, indem er dabei die Hand auf die Brust legte: »Ich habe hier eine Pfeilspitze von einem alten Kampf her und die plagt mich sehr. Das ist der Grund, warum ich zurück blieb.«

Nachdem sie gerastet hatten, zogen sie weiter, aber die anderen mußten bald wieder auf den Raben warten und er wiederholte wieder die Geschichte von der Pfeilspitze, von der er behauptete, sie hätte sein Herz durchbohrt. Dann nahm er die Hand seiner Frau und legte sie auf seine Brust, damit sie fühle, wie es springe. Sie tat so, konnte aber nur spüren, daß sein Herz wie ein Steinhammer klopfte, aber nicht die mindeste Spur von einer Pfeilspitze; sie sagte aber trotzdem nichts. Sie zogen also weiter und mußten bald wieder auf den Raben warten. Jetzt fingen aber die Brüder schon an über ihn zu sprechen und sagten sich: »Ich glaub an diese Geschichte mit der Pfeilspitze nicht; wie kann er denn mit einer Pfeilspitze im Herz leben?«

Als sie rasteten, sahen sie vor sich in der Ferne die Küste. Der Gänsevater eröffnete nun dem Raben, daß sie, bevor das Land erreicht sei, nicht mehr auf ihn warten würden. Dann erhoben sich alle und flogen los. Der Rabe bewegte seine Flügel nur langsam und selbst das fiel ihm schon schwer. Ausdauernd flogen die Gänse der Küste zu, während der Rabe tiefer und tiefer sank und dem gefürchteten Wasser näher und näher kam. Als er hart an die Wellen kam, rief er nach seiner Frau: »Gib mir den weißen Stein! Gib ihn mir zurück!« Der war nämlich zauberkräftig. So schrie er bis seine Flügel sanken und fiel hilflos ins Wasser als die Gänse gerade das Land erreichten. Er versuchte sich vom Wasser zu erheben, aber sein Gewicht zog ihm die Flügel herunter und er trieb der Küste entlang, vor und zurück. Die Wellen wurden stärker und bald begannen die weißen Kämme über ihn zu gehen; er sank unter und konnte nur mit äußerster Anstrengung seinen Schnabel über die Oberfläche herausstrecken, um zwischen den Wellen nach Luft zu schnappen. Endlich schwemmte ihn eine große Welle ans Land. Als sie dann zurückflutete, grub er seine Krallen in die Strandkiesel und rettete sich nur mit schwerer Mühe davor, wieder ins Meer gespült zu werden. Sobald er konnte, kämpfte er sich an den Strand hinauf -- ein übelzugerichteter Patron. Das Wasser lief in Strömen von seinen durchweichten Federn und die Flügel hingen zu Boden. Mehrmals fiel er um, bevor er endlich mit weitaufgesperrtem Mund einige Sträucher erreichte, wo er die Maske und sein Rabenkleid ablegte und ein kleiner, dunkler Mann wurde. Dann hob er Gewand und Maske auf, hängte sie an einen Strauch und machte sich aus einigen Holzstücken einen Feuerbohrer; bald hatte er ein Feuer entfacht und trocknete sich davor.

Der Rabe, der Wal und der Nörz

(Geschichten vom Raben Tu-lu-kau-guk III.)

Nachdem der Rabe sein Kleid am Feuer getrocknet hatte, sah er zufällig aufs Meer hinaus, bemerkte einen großen Wal die Küste entlang ziehen und sagte: »Wenn du wieder emporkommst, mach deine Augen zu und das Maul weit auf.« Dann legte er rasch sein Rabengewand an, zog die Maske vor, nahm seinen Feuerbohrer unter einen Flügel und flog hinaus übers Wasser. Der Wal kam bald wieder an die Oberfläche, und tat, wie ihm befohlen worden war und sobald der Rabe das offene Maul sah, flog er stracks hinein und in den Bauch des Wals. Der Wal schloß sein Maul und tauchte unter, während der Rabe sich umsah und bemerkte, daß er am Eingang eines schönen Raumes war, an dessen einem Ende eine Lampe brannte. Er trat ein und war erstaunt da ein schönes junges Weib sitzen zu sehen. Der Raum war rein und trocken; seine Decke wurde vom Rückgrat des Wals getragen und seine Rippen formten die Wände. Aus einer Röhre, die sich die Wirbelsäule des Wals entlang zog, tropfte langsam Tran in die Lampe. Als der Rabe eintrat, sprang das Weib auf und schrie: »Wie kommst du daher? Du bist der erste Mann der je hierherkam!« Der Rabe erzählte nun, wie er hereingekommen und sie lud ihn ein, sich auf die andere Seite des Raumes zu setzen. Diese Frau war der Geist des Wals, der ein weibliches Tier war. Dann bereitete sie ein Essen, gab ihm Beeren und Tran und erzählte zugleich, daß sie die Beeren vor einem Jahr gesammelt habe. Der Rabe blieb vier Tage lang als Gast des Geistes da und wunderte sich nur immer, was denn das für eine Röhre sei, die die Decke entlang führte. So oft die Frau den Raum verließ, befahl sie ihm, sie ja nicht anzurühren. Als sie wieder einmal hinausgegangen war, ging er zur Lampe, steckte seine Pfote aus und fing einen großen Trantropfen auf und leckte mit der Zunge daran. Das schmeckte so süß, daß er noch mehrere Tropfen auffing und sie verschluckte, wie sie herabfielen. Es wurde ihm aber bald zu langweilig und so kroch er hinauf, riß ein Stück von der Rohrwand los und verzehrte es. Kaum war das geschehen, so floß auch schon ein ganzer Sturzbach von Tran in den Raum und löschte die Lampe aus, während der ganze Raum selbst wild hin und herzurollen begann. Das dauerte fast vier Tage lang und der Rabe war halbtot vor Müdigkeit und den Quetschungen die er erhalten hatte. Dann stand der Raum still und der Wal war tot, denn der Rabe hatte eines seiner Herzgefäße aufgerissen. Der Geist kam nie in den Raum zurück und der Wal trieb an die Küste.

Der Rabe merkte nun, daß er gefangen war und während er darüber nachdachte, wie er entkommen könnte, hörte er, wie sich oben auf dem Wal zwei Leute unterhielten und den Vorschlag machten, alle ihre Dorfgenossen herzuführen. Das war rasch geschehen und bald hatten die Leute in den oberen Teil des Wals ein Loch gemacht. Dies Loch wurde dann erweitert, bis der Rabe, als alle gerade eine Fleischladung an die Küste trugen, entschlüpfen und sich unbemerkt auf der Spitze eines nahen Hügels niederlassen konnte; da fiel ihm ein, daß er seinen Feuerbohrer vergessen hatte und er rief aus: »Oh, ich hab meinen guten Feuerbohrer vergessen!« Schnell streifte er die Rabenmaske und die Rabenkleider ab, wurde wieder ein junger Mann und ging die Küste entlang auf den Wal zu. Die Leute beim Wal sahen bald den kleinen, in ein seltsam zusammengenähtes, dunkles Renntierfell gekleideten Mann auf sich zukommen und starrten ihn verdutzt an. Der Rabe trat näher und sagte: »Ho, ihr habt einen schönen großen Wal gefunden, ich will euch helfen ihn zu zerlegen!« Er streifte seine Ärmel hoch und ging ans Werk. Bald darauf schrie ein Mann, der drinnen im Walkörper arbeitete, herauf: »Ah, seht was ich gefunden habe, einen Feuerbohrer im Walfisch.« Sofort streifte der Rabe seine Ärmel herunter und sagte: »Das ist sehr schlimm, denn meine Tochter hat mir gesagt, daß wenn die Leute in einem Walfisch einen Feuerbohrer finden und ihn noch weiter aufschneiden, die meisten von ihnen sterben werden; ich lauf weg!« Und er lief weg.

Als der Rabe weg war, sahen die Leute einander an und sagten: »Vielleicht hat er doch recht«, und sie liefen alle weg und beim Weggehen suchte ein jeder den Tran von seinen Händen abzustreifen. Der Rabe guckte aus seinem Versteck in der Nähe zu und lachte, wie die Leute so wegliefen. Dann ging er um seine Maske und sein Gewand. Nachdem er sie gefunden, ging er zum Wal zurück, fing an ihn aufzuschneiden und holte das Fleisch am Strand zusammen. Als er an den Schmaus, den dieser Vorrat für ihn abgeben würde, dachte, sagte er: »Danke!« zu den Geistern.

Nachdem er nun Fleisch auf die Seite gebracht, wollte er auch einigen Tran aufbewahren, aber er hatte kein Gefäß, um ihn hineinzutun und so ging er an der Küste auf und ab und suchte einen Seehund. Er war noch nicht weit gegangen, da sah er einen Nörz geschwind herumlaufen und schrie ihn an: »Wem rennst du so schnell nach? Suchst du etwas zu essen?«

Der Nörz blieb stehen und schob, wie es der Rabe mit seinem Schnabel getan hatte, seine Nase wie eine Maske hoch und verwandelte sich in einen kleinen dunkeln Mann. Da rief der Rabe: »Ah, du willst mein Freund sein? Ich habe Nahrung im Überfluß, aber ich bin allein und habe niemanden mit mir.« Dem Nörz wars recht und sie gingen nun beide zum Wal zurück und machten sich an die Arbeit. Der Nörz aber mußte das meiste schaffen, denn der Rabe war sehr faul.

Sie machten Graskörbe und Matten für das Fleisch und den Walfischspeck und versorgten große Mengen davon in Bodenlöchern. Nachdem das getan war, bauten sie ein gutes Haus. Als auch das fertig war sagte der Rabe: »Es ist langweilig, geben wir ein Fest!« Und er trug dem Nörz auf, Seevolk einzuladen, das sie unterhalten sollte.

Dem Nörz wars recht und so brach er am nächsten Morgen auf; der Rabe verfertigte indessen einen kurzen, runden Stab und bemalte ihn an dem einen Ende mit zwei Ringen. Nachdem das getan war, sammelte er einen großen Ballen klebriges Rottannen-Harz und legte das mit dem Stab zusammen ins Haus.

Der Nörz kam bald zurück und meldete dem Raben, daß morgen sehr viele Seebewohner zum Fest kommen würden. Der Rabe sagte: »Danke!« Früh am nächsten Morgen rief der Nörz den Raben heraus und zeigte aufs Meer, dessen Oberfläche ganz voll von den verschiedensten Seehundsarten, die alle zum Fest kamen, war. Der Rabe ging ins Haus zurück, während der Nörz hinunter ans Wasser ging, um die Gäste zu empfangen und sie zum Haus zu führen.

Sowie jeder Seehund ans Land kam, hob er seine Maske und wurde ein kleiner Mann und alle gingen ins Haus, bis es voll war. Der Rabe sah die Gäste und rief: »Was für eine Menge Leute? Wie soll ich denn euch allen ein Fest geben können? Ausgeschlossen; gestattet aber erst, daß ich einigen von euch mit diesem Zeug die Augen einschmiere, damit ihr besser sehen könnt, denn es ist hier etwas finster.«

Mit dem Harz verschloß er nun allen Seehunden die Augen, nur einen kleinen, der in der Nähe der Türe stand, übersah er. Der letzte Seehund, dessen Augen verschlossen wurde, war auch ein kleiner und sowie seine Augen verklebt waren, wollte er sie öffnen und fing an zu schreien. Der Kleine bei der Tür rief nun den anderen zu: »Der Rabe hat euch allen die Augen zugeklebt und ihr könnt sie nicht öffnen.« Nun versuchten alle Seehunde die Augen zu öffnen, aber sie konnten es nicht. Mit dem Stock, den der Rabe Tags zuvor vorbereitet hatte, tötete er nun alle Gäste, indem er sie auf den Kopf schlug und jeder Seehundsmann verwandelte sich, nachdem er getötet war, in einen Seehund. Als der Kleine bei der Tür sah, daß der Rabe seine Genossen tötete, lief er hinaus und entkam als einziger ins Meer.

Nachdem er damit fertig war, wandte sich der Rabe zum Nörz und sagte: »Sieh wie viele Seehunde ich getötet habe; jetzt werden wir genug Behälter für den Tran haben.« Dann machten sie Säcke aus den Seehundsfellen und füllten sie mit Tran für den Winter. Seit dieser Zeit sind Rabe und Nörz immer Freunde geblieben und darum will, bis auf den heutigen Tag, kein Rabe das Fleisch eines Nörzes fressen und wäre er noch so hungrig. Den Nörz und den Raben findet man oft in der Tundra ganz nahe beieinander.

Der Rabe und das Murmeltier

Einst flog der Rabe in der Nähe der Küste über ein Felsenriff; einige Seevögel, die auf dem Felsen saßen, sahen ihn und verspotteten ihn mit den Worten: »Oh, du Abfallfresser! Oh, du Aasfresser! Du Schwarzer!« bis der Rabe sich umwandte und im Wegfliegen rief: »Gnak, Gnak, Gnak! Warum verspotten mich die?« Und dann flog er weit weg übers Wasser, bis er drüben zu einem Berg kam, wo er blieb.

Er blickte sich um und bemerkte gerade vor sich die Höhle eines Murmeltiers. Der Rabe blieb vor der Höhle auf der Lauer stehen und bald kam das Murmeltier mit etwas Nahrung zurück. Da es den Raben gerade vor seiner Tür stehen sah, forderte es ihn auf, Platz zu machen; der Rabe wollte aber nicht und sagte: »Man schimpft mich Aasfresser und ich werde beweisen, daß ich das nicht bin und jetzt dich fressen.« Darauf antwortete das Murmeltier: »Gut; ich habe aber gehört, daß du ein sehr guter Tänzer seist; tanze jetzt, wenn du willst, ich werde dazu singen und dann magst du mich verspeisen. Bevor ich aber sterbe, will ich dich tanzen sehen.« Das gefiel dem Raben so sehr, daß er einwilligte zu tanzen und das Murmeltier sang also: »O Rabe, Rabe, Rabe, wie gut du tanzt! O Rabe, Rabe, Rabe, wie gut du tanzt!« Dann hörten sie auf, um auszuruhen und das Murmeltier sagte: »Dein Tanz gefällt mir so gut, ich will noch eins singen, du mach aber deine Augen zu und tanze deinen besten Tanz.« Der Rabe schloß seine Augen und hüpfte ungeschickt herum, während das Murmeltier sang: »O Rabe, Rabe, Rabe, was für ein reizender Tänzer bist du! O Rabe, Rabe, Rabe, was für ein reizender Tänzer bist du!« Dann huschte das Murmeltier rasch zwischen den Beinen des Raben durch und war in seiner Höhle geborgen. Sowie das Murmeltier aber in Sicherheit war, steckte es die Nasenspitze heraus und sagte spöttisch lachend: »Chi-kik-kik, Chi-kik-kik, Chi-kik-kik: du bist doch der größte Dummkopf, den ich je gesehen habe; was du für eine komische Figur beim tanzen machst; ich konnte mich kaum halten vor Lachen; schau mich nur an, schau, wie fett ich bin! Möchtest du mich nicht gern auffressen?« und es hänselte den Raben so lang, bis er aus lauter Wut weit wegflog.

Entstehung des Raben

Der Rabe war ein Mann, der, als die Leute sich vorbereiteten eine andere Gegend aufzusuchen und dazu die Habseligkeiten ihres Haushaltes zusammenkramten, zu diesen sagte, sie hätten die Unterdecken aus Hirschfellen, die man zum Bett braucht, vergessen. So ein Fell heißt in der Eskimosprache »Kak«. Der Mann brauchte das Wort nun so oft, daß sie ihm sagten, er werde das noch selbst werden. Er machte solchen Lärm, daß er in einen Raben verwandelt wurde und nun gebraucht er diesen Laut, um sich bemerkbar zu machen. Gerade an dem Tag, als das Lager abgebrochen wurde, flog der Rabe auf und krächzte »Kak! Kak!« oder mit anderen Worten: »Vergeßt nicht die Bettdecken!«

Der Rabe und die Möve

Vor langer Zeit kam einmal ein Jäger zum Haus des Raben. Als er eintrat, sah er da einen alten Mann; der sagte zu ihm: »Kak! sicherlich bist du hungrig. Wir sind alle hungrig, wenn wir von zu Hause wegwandern.« Dann befahl er einem Knaben etwas Menschenfleisch hereinzubringen. Der Knabe brachte es. Der Alte schnitt ein Stück ab und gab es dem Jäger. Der sagte aber: »Ich mag diese Art von Fleisch nicht« worauf der alte Mann erwiderte: »Gib es mir, ich kann es schon essen.« Nachdem er es aufgegessen, sagte er zum Knaben: »Bring etwas Walhaut herein.« Was der brachte, war aber in Wirklichkeit Vogelmist. Er gab es dem Eskimo, der erklärte, das könne er nicht essen. »Gib es mir«, sagte der Alte, »ich kann es essen.« Dann hieß er den Knaben Walbeine bringen. Er bot das dem Eskimo an, der wieder erklärte, er könne das nicht essen. Der Alte sagte wieder: »Ich kann es essen, gib es mir.« Nachdem er es aber verzehrt hatte, sagte er: »Mein Magen tut mir weh« und spie alles, was er gegessen hatte, aus.

Nicht weit von da war das Haus einer Möve. Der Jäger wurde eingeladen, einzutreten. Er ging hinein und die Möve gab ihm getrocknete Fische, die er sehr zufrieden verzehrte. Dann verließ er sie, ging nach Hause und erzählte, wie ihn die Vögel bewirtet hatten.

Entstehung der Möven

Einige Leute in einem Boot wollten um eine Landspitze, die weit ins Wasser ragte, herumkommen. Da das Wasser unter dem Ende der Landzunge, die in einer hohen Klippe endete, immer sehr stark bewegt war, baten einige Frauen, man sollte doch über den Landrücken gehen. Eine von ihnen stieg auch mit ihren Kindern aus, um das Boot zu erleichtern. Sie sollte über jene Stelle gehen und die anderen versprachen, drüben auf sie zu warten. Die Leute im Boot waren so weit gekommen, daß die Rufe, welche die Richtung angeben sollten, undeutlich wurden. Die arme Frau wurde ängstlich und hatte die anderen im Verdacht, sie wollten sie verlassen. Sie blieb bei der Klippe und schrie unausgesetzt die letzten Worte, die sie gehört hatte. Schließlich wurde sie in eine Möve verwandelt und über den ganzen Sund ertönt jetzt ein: »Geh' rüber, g-rüber, güber, über, üb!« und so fort.

Der Ursprung der Mücken

Ein Mann hatte eine nachlässige Frau, die nie seine Fellkleider reinschabte, wenn er von seinen Ausflügen zurückkam. Er bemühte sich sehr, sie zu besserem zu überreden und sich aufzuführen, wie einer Frau geziemt. Wieder einmal sollte sie die angehäufte Schmutzschicht von den Kleidern des Mannes entfernen. Sie nahm verdrießlich das Gewand und reinigte es aber so nachlässig, daß der Mann, wie er das Aussehen der Kleider bemerkte, etwas von dem Dreck, der noch daran klebte, nahm und ihr nachwarf. Die Teilchen verwandelten sich in Mücken und jetzt im Frühling, wenn die warmen Tage kommen und die Frauen Arbeit haben, die Kleider zu putzen, sammeln sie sich um sie und so werden die Frauen an das schlampige Weib erinnert und was ihr geschehen war.

Entstehung der Schwalben

Einige kleine Kinder, die sehr gescheit waren, spielten am Ende einer hohen Klippe, nah bei den Zelten, wo sie wohnten, indem sie Spielhäuser machten. Sie wurden bewundert wegen ihrer Klugheit und bekamen den Namen »zuluganak«, wie jener Rabe, von dem man annahm, daß er alle Vergangenheit und Zukunft wisse. Während diese Kinder also sich vergnügten, wurden sie in kleine Vögel verwandelt und sie vergaßen ihre letzte Beschäftigung nicht und bis zum heutigen Tag kommen sie zu den Klippen, nah bei dem Lager der Leute, und machen Häuser aus Lehm, die sie an einer Seite des Felsens befestigen. Die Eskimokinder beobachten gerne die Schwalben, wie sie, wenn der Rabe sie dabei nicht stört, ihre Iglu aus Lehm bauen.

Die Entstehung der Lummen

Einige Kinder spielten auf dem ebenen Gipfel einer ins Meer hineinragenden Klippe und die älteren Kinder gaben auf die jüngeren acht, damit sie nicht über den Rand fielen. Unten war die See mit Eis bedeckt und entlang der Küste hatte sich noch kein Streifen gelockert, auf dem die Seehunde hätten aufsteigen können. Bald öffnete aber ein entferntes Krachen das Meer und es war voll von Seehunden, aber die Kinder achteten nicht darauf. Der Wind war kalt und die Kinder tobten sehr ausgelassen herum, eiferten sich bei ihren Spielen an und schrien so laut sie nur konnten. Die Männer sahen jetzt die Robben und liefen zur Küste, um ihre Kajaks ins Wasser zu setzen und sie zu verfolgen.

Daraufhin schrien die Kinder noch mehr und erschreckten die Robben so, daß sie untertauchten. Einer der Männer wurde ärgerlich und rief den anderen zu: »Ich wünschte, das Riff stürzte um und begrübe diese lärmenden Kinder, die die Robben verjagt haben.« Im selben Moment stürzte die Klippe ein und die armen Kinder fielen mitten zwischen Felsen und Steinen herunter. Da wurden sie in Lummen oder Seetauben mit roten Füßen verwandelt und hausen so bis zum heutigen Tag mitten zwischen den Steinen, hart am Wasser unter den Riffen.

Der Hase

Der Hase war ein Kind, das von den Leuten so schlecht behandelt und mißbraucht wurde, weil es lange Ohren hatte, daß es sich aufmachte, um allein zu leben. Wenn er jemand sieht, läßt er die Ohren auf den Rücken hängen; wenn er aber das Geschrei von jemandem hört, glaubt er, man spricht von seinen langen Ohren. Er hat keinen Schwanz, weil er früher auch keinen hatte.

Herkunft der viereckigen Flecken am Rücken der Tauchente