Eskimomärchen

Part 7

Chapter 74,039 wordsPublic domain

Weiter und weiter trieb die Frau auf dem Zauberfell und mehrere Tage hindurch war kein Land zu sehen. Sie hatte schon ihren ganzen Mundvorrat verbraucht und trieb noch immer weiter, bis sie in ununterbrochene Nacht hineinkam. Nach einiger Zeit war sie dann so erschöpft, daß sie einschlief. Dann weckten sie einige heftige Stöße und sie konnte die Brandung an einer steinigen Küste hören. Sie vergegenwärtigte sich ihre Lage und fing an, ihre Rettung zu bedenken. Sie stieg von ihrem Seehundsfell herunter und bemerkte mit Freuden, daß sie auf einem Grund aus lauter kleinen, runden Dingern stand, in dem ihr Fuß bei jedem Schritt tiefer sank. Die runden Dinger machten sie stutzig, sodaß sie stehen blieb und zwei Hände voll davon aufhob und in ihre Eßschüssel legte; dann ging sie in tiefer Finsternis langsam weiter. Sie war noch nicht weit gegangen, da stieß sie auf ein Haus. Sie tastete sich die Wände entlang, fand den Eingang und trat ein. Der Eingangsflur war von einer Fettlampe matt erhellt, sodaß man an der einen Wand viele aufgestapelte Renntierfelle erkennen konnte; an der anderen lagen Fleischstücke und Schläuche mit Wal- und Seehundsfett. Als sie den Innenraum betrat, brannten da zwei Lampen, je eine an einer Seite des Raumes; es war aber niemand drinnen. Über einer der Lampen hing ein Stück Seehundsspeck und über der anderen ein Stück Renntierspeck; von diesen tropfte das Fett herab und unterhielt die Flammen. In einer Ecke war eine Bettstatt aus Renntierfellen.

Sie ging also da hinein, setzte sich nieder und wartete, was nun geschehen werde. Endlich hörte sie ein Geräusch im Eingang und ein Mann sagte: »Ich wittere fremde Menschen.« Dann kam er herein und die Frau erschrak sehr, denn seine Hände und sein Gesicht waren kohlschwarz. Er sagte nichts, sondern ging durch den Raum, geradewegs auf sein Bett zu; dort entblößte er seinen Oberkörper, nahm einen Wassereimer und wusch sich. Als die Frau sah, daß seine Brust so weiß wie ihre eigene war, atmete sie erleichtert auf. Als sie so dasaß, sah sie, wie von einer unsichtbaren Person plötzlich eine Schüssel mit gekochtem Fleisch hereingestellt wurde; der Mann legte zuerst seinem Gast vor und nahm dann selbst sein Mahl ein. Als sie gegessen hatten, fragte er, wie sie hergekommen und sie erzählte ihm ihre Geschichte. Er sagte, sie solle sich nicht unglücklich fühlen, ging hinaus und brachte einige Renntierfelle herein, damit sie daraus für sich und ihr Kind, das sie die ganze Zeit über unversehrt am Rücken getragen hatte, Kleider mache. Als sie einwandte, sie habe keine Nadel, brachte er ihr eine kupferne, die ihr sehr gut gefiel, denn bis dahin hatte sie nur beinerne gesehen.

Einige Zeit lebten sie nun so dahin, bis ihr der Mann erklärte, daß es doch besser für sie wäre, statt so allein weiterzuleben, seine Frau zu werden. Sie willigte ein. Der Gemahl verbot ihr dann noch, aus dem Haus zu gehen und sie lebten beschaulich zusammen.

Als ihr kleiner Bub eines Tages herumspielte, schrie er plötzlich vor Vergnügen auf, und wie sie sich nach ihm umwandte, bemerkte sie, daß er die Dinger ausgestreut hatte, die sie in ihre Schüssel getan, als sie die Küste betreten hatte. Es waren große schöne, blaue Perlen.

Nach einiger Zeit gebar sie einen hübschen Knaben, in den ihr Mann ganz vernarrt war und er versicherte ihr, er werde zu ihm sehr zärtlich sein. So lebten sie mehrere Jahre und mit der Zeit wuchs der Knabe, den sie mitgebracht hatte, zum Jüngling heran. Sein Pflegevater machte ihm Bogen und Pfeile und nachdem der Junge einige Vögel damit getötet hatte, erlaubte er ihm, ihn bei der Jagd zu begleiten. Eines Tages tötete der Junge zwei Hasen und brachte sie nach Hause; sie waren wie alle Vögel und Tiere dieses Landes ganz schwarz. Sie wurden abgezogen, ausgenommen und kurz darauf frisch gekocht, noch dampfend, wie es immer mit den Speisen geschah, in einer Holzschüssel zur Tür hereingestellt. Diesmal bemerkte die Frau zum erstenmal, daß zwei Hände die Schüssel hereinstellten.

Das ging ihr im Kopf herum, bis sie Verdacht schöpfte, ihr Gemahl sei ihr nicht ganz treu; sie bemerkte, daß irgend etwas sie beunruhige und fragte den Mann, was das sei. Er setzte sich nieder und dachte kurz nach; dann fragte er, ob sie nicht zu ihren Freunden zurück wollte. Sie entgegnete, es sei unnütz, etwas zu wünschen, was sie nicht tun könne. Darauf sagte er: »Gut, höre also meine Geschichte: Ich bin aus Unalaklit, wo ich eine schöne Frau hatte, die ich sehr liebte. Sie war aber von schlimmer Gemütsart und plagte mich so, daß ich mutlos und verzweifelt wurde. Ich war früher ein guter und erfolgreicher Jäger und konnte nun nichts mehr erreichen. Eines Tages paddelte ich in meinem Kajak weit aufs Meer hinaus, voll trüber Gedanken. Da überraschte mich ein Sturm und ich konnte die Küste nicht mehr erreichen. Der starke Wind trieb mein Kajak so fürchterlich durchs Wasser, daß ich schließlich die Besinnung verlor und mich nun an nichts mehr erinnern kann, als daß ich mich schließlich zerschlagen und lahm an der Küste fand, wo auch du angeworfen wurdest. Neben mir war eine Schüssel mit Speisen, die irgend jemand dahin gestellt haben muß und ich machte mich auf den Weg, um die Leute zu suchen, konnte aber niemand finden. So oft ich hungrig war, wurden Speisen hingestellt und meine Wünsche befriedigt, aber undurchdringliches Dunkel verbarg mir alles. Ich konnte keine Menschen finden. Als sich meine Augen an die ewige Finsternis gewöhnt hatten, so daß ich ein wenig sehen konnte, baute ich dies Haus und lebte von da an hier und der Geist, den du gesehen, bringt mir Nahrung und sorgt für mich. Dieser Geist hat für gewöhnlich die Gestalt eines großen Galertfisches und so oft ich auf die Jagd gehe, sichert mir dieses Wesen meine Beute. Ich gewöhnte mich mit der Zeit an die Finsternis, aber weil ich ihr immer ausgesetzt bin, sind meine Hände und mein Gesicht so schwarz geworden, wie du siehst und das ist auch der Grund, warum ich dir befohlen habe, das Haus nicht zu verlassen.«

Dann befahl ihr der Gatte, ihm zu folgen und er führte sie in den Eingangsflur des Speichers, der voll von Fellen war, und öffnete dann eine andere Tür zu einem Raum, der mit schönen Pelzen seltenster Art angefüllt war. Er trug ihr nun auf, die Ohrspitzen dieser Felle zu nehmen und sie zusammen mit den Perlen, die sie an der Küste gefunden, in die Schüssel zu legen; sie tat das alles. Dann sagte der Mann: »Du willst dein altes Heim sehen und ich will auch meine alten Freunde sehen und so wollen wir uns also trennen. Nimm deinen Buben auf den Rücken, schließ die Augen und mach vier Schritte!« Sie tat so, wie er ihr befohlen und als sie die Augen öffnete, mußte sie sie gleich wieder schließen, denn sie war vom hellen Sonnenschein ganz geblendet. Als sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, blickte sie herum und war sehr erstaunt, ganz in der Nähe ihr altes Heim zu sehen. Sie ging gleich zur Vorratskammer ihrer Mutter und stellte dort die Schüssel mit den Ohrspitzen und den Perlen, die sie mitgebracht hatte, nieder. Dann trat sie ins Haus und wurde freudig empfangen. Die Neuigkeit ihrer Ankunft verbreitete sich rasch im ganzen Dorf. Bald kam auch ihr früherer Gatte und voll Mitleid sah sie, daß seine Augen vom vielen Weinen, um sie, ganz rot waren. Er bat sie, ihm doch zu verzeihen, daß er früher gegen sie so mürrisch gewesen war und versprach, wenn sie wieder als seine Frau zu ihm zurückkehre, sie freundlich zu behandeln. Sie dachte lange darüber nach, willigte dann schließlich ein und lebte eine Zeitlang ganz zufrieden mit ihm. Mit der Zeit aber kamen seine alten Gewohnheiten wieder zum Vorschein und die Frau wurde unglücklich.

Ihr Sohn wurde ein junger Mann und die Mutter zeigte ihm die Perlen, die sie aus dem Land der Finsternis mitgebracht hatte und einen großen Haufen wertvolle Felle, denn jede Ohrspitze, die sie heimgebracht hatte, war inzwischen ein vollständiges Fell geworden. Das alles schenkte sie ihrem Sohn, ging dann fort und wurde von den ihrigen nie mehr gesehen. Ihr Sohn wurde später wegen seiner Erfolge als Jäger und seines Reichtums an Perlen und Pelzen, die ihm seine Mutter geschenkt hatte, der Häuptling des Dorfes. --

Die entflohenen Weiber

Vor langer Zeit zankten sich zwei schwangere Frauen mit ihren Männern und verließen ihre Familien und Freunde, um allein zu leben. Nachdem sie weit gewandert waren, kamen sie an einen Platz, Igdluqdjuaq genannt, wo sie zu bleiben beschlossen. Es war Sommer als sie ankamen. Sie fanden viel Rasen und Torf und große Walrippen, die am Strande bleichten. Sie errichteten ein festes Gerüst aus Knochen und füllten die Zwischenräume mit Rasen und Torfstücken aus. So hatten sie bald ein gutes Haus, in dem sie leben konnten. Um Felle zu bekommen, machten sie Fallen, in denen sie genug Füchse fingen, um sich daraus Kleider zu machen. Manchmal fanden sie die Leichen gestrandeter Seehunde oder Wale, die an die Küste gespült waren; von diesen aßen sie das Fleisch und verbrannten den Speck. In der Nähe der Hütte war auch ein tiefer, schmaler Renntiersteig; über diesen spannten sie einen Strick, und wenn die Tiere vorübereilten, verwickelten sie sich darin und erwürgten sich selbst. Außerdem war noch ein Bach mit Fischen in der Nähe des Hauses und so waren sie mit reichlicher Nahrung versehen.

Im Winter kamen die Väter der Frauen auf der Suche nach den verlorenen Töchtern. Als diese den Schlitten herankommen sahen, fingen sie an zu schreien, daß sie durchaus nicht gesonnen seien zu ihren Gatten zurückzukehren. Die Männer waren froh sie wohlauf zu finden und nachdem sie zwei Nächte im Haus ihrer Töchter geblieben waren, kehrten sie heim, wo sie die ganz merkwürdige Geschichte erzählten, daß zwei Frauen, ohne jegliche männliche Gesellschaft allein leben und nie Mangel leiden.

Obwohl das schon vor langer Zeit geschehen, kann man das Haus noch sehen und daher ist der Ort auch Igdluqdjuaq -- das reiche Haus -- benannt.

Kiviung

Eine alte Frau lebte mit ihrem Enkel in einer kleinen Hütte. Sie war sehr arm, hatte weder einen Gatten noch einen Sohn, der für sie gesorgt hätte. Die Kleider des Knaben waren aus den Bälgen von Vögeln, die sie in Schlingen fingen. Wenn der Knabe aus der Hütte kam, lachten ihn die Männer aus und zupften an seinem Gewand herum. Nur ein Mann, der Kiviung hieß, war freundlich zu dem kleinen Knaben; aber vor den anderen konnte er ihn nicht schützen. Der Knabe kam oft schreiend und weinend zu seiner Großmutter, die ihn dann immer tröstete und ihm ein neues Gewand machte. Sie bat die Männer doch aufzuhören, den Knaben zu quälen und seine Gewänder zu zerreißen, aber die wollten nicht auf ihre Bitten hören. Schließlich wurde sie ärgerlich und schwur an seinen Lästerern Rache zu nehmen, was sie leicht tun könne, da sie eine große Zauberin sei.

Sie befahl ihrem Enkel in eine Pfütze, die am Boden der Hütte war, hineinzusteigen und erklärte ihm, was dann geschehen werde und wie er sich benehmen sollte. Sobald der Knabe im Wasser stand, öffnete sich die Erde und er verschwand; im nächsten Augenblick aber stieg er nahe der Küste als ein einjähriger Seehund mit einem schönen Fell auf und schwamm munter herum.

Kaum hatten die Männer den Seehund gesehen, als sie auch schon ihre Kajaks bestiegen, um auf das schöne Tier Jagd zu machen. Der verwandelte Knabe aber schwamm, wie seine Großmutter ihm gesagt hatte, rasch weg und die Männer verfolgten ihn weiter. So oft er auftauchen mußte um zu atmen, suchte er hinter den Kajaks hervorzukommen, wo ihm die Männer mit ihren Harpunen nicht beikommen konnten. Dort spritzte und platschte er dann herum, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Bevor aber einer seinen Kajak wenden konnte, war er wieder getaucht und schwamm davon. Die Männer waren so eifrig an der Verfolgung, daß sie gar nicht bemerkten, daß sie sich weit von der Küste entfernt hatten und das Land schon gar nicht mehr zu sehen war.

Plötzlich erhob sich ein Sturm; die See schäumte und brauste und die Wellen zerschlugen die schwachen Fahrzeuge oder warfen sie um. Nachdem alle ertrunken zu sein schienen, wurde der Seehund wieder in den Knaben zurückverwandelt, der, ohne seine Füße zu benetzen, nach Hause ging. Es war jetzt niemand mehr, der seine Kleider zerreißen konnte, alle seine Peiniger waren tot.

Nur Kiviung, der ein großer Zauberer war und den Knaben niemals mißhandelt hatte, war Wind und Wogen entkommen. Tapfer kämpfte er gegen die wilde See an, aber der Sturm nahm nicht ab. Nachdem er viele Tage auf der weiten See herumgetrieben, schien eine dunkle Masse durch den Nebel. Seine Hoffnung lebte wieder auf und er arbeitete hart um das vermutete Land zu erreichen. Je näher er kam, desto aufgeregter wurde aber die See und er sah jetzt, daß er ein wildes, schwarzes Meer mit rasenden Wirbeln für Land gehalten hatte. Er entkam gerade noch und trieb wieder viele Tage, aber der Sturm flaute nicht ab und er sah kein Land. Noch einmal sah er eine dunkle Masse durch den Nebel scheinen und hatte sich wieder getäuscht, denn es war ein anderer Wirbel, der die See zu riesenhaften Wogen aufpeitschte.

Schließlich beruhigte sich der Sturm, der Seegang legte sich und in großer Entfernung sah er das Land. Allmählich kam er näher und der Küste folgend, erspähte er endlich ein Steinhaus, aus dem ein Licht schimmerte. Er landete und betrat das Haus. Es war niemand darin, als eine alte Frau, die Arnaitiang hieß. Sie nahm ihn freundlich auf und auf seine Bitte hin zog sie ihm die Stiefel, Pantoffel und Strümpfe aus und trocknete sie auf dem Gestell, das über der Lampe hing. Dann ging sie hinaus, um Feuer anzufachen und ein gutes Mahl zu kochen.

Als die Strümpfe trocken waren, reckte sich Kiviung, um sie vom Gestell zu nehmen und anzuziehen, aber sowie er seine Hand danach ausstreckte, wich das Gestell seinem Griff aus. Nachdem er so mehrere Male ins Leere gegriffen, rief er Arnaitiang und bat sie ihm die Strümpfe zurückzugeben. Sie antwortete aber: »Nimm sie selbst; dort sind sie, sie sind ja dort!« und ging wieder hinaus. In Wirklichkeit war sie ein sehr böses Weib und wollte Kiviung verspeisen.

Er griff nochmals nach seinen Strümpfen, aber ohne besseren Erfolg. Er rief also wieder nach der Arnaitiang und bat sie ihm seine Stiefel und Strümpfe zu geben, worauf sie sagte: »Setz dich dorthin wo ich saß, als du in mein Haus tratst, dann kannst du sie erreichen.« Danach ging sie wieder hinaus. Kiviung griff nochmals, aber das Gestell hob sich wie früher und er konnte sie nicht erlangen.

Jetzt sah er ein, daß Arnaitiang auf Unheil sann; er rief also seinen Schutzgeist an, einen ungeheuren weißen Bären, der sich brüllend von unten her zum Boden des Hauses erhob. Zuerst hörte Arnaitiang nichts; als aber Kiviung fortfuhr ihn zu beschwören, kam der Geist näher und näher an die Oberfläche und als sie jetzt sein lautes Gebrüll hörte, bekam sie Angst und gab Kiviung was er verlangte. »Hier sind deine Stiefel«, schrie sie, »hier deine Pantoffel, hier deine Strümpfe; ich will dir helfen, zieh dich an.« Kiviung wollte aber nicht länger bei dieser schrecklichen Hexe bleiben, zog nicht einmal seine Stiefel an, sondern nahm sie nur von Arnaitiang und stürzte aus der Tür. Er war kaum draußen, als sie heftig zuschlug und seinen Rockzipfel einklemmte. Er eilte, ohne sich umzusehen, zu seinem Kajak und ruderte weg. Er war noch nicht weg, als Arnaitiang, die sich von ihrer Angst erholt hatte, ein blankes Frauenmesser schwingend, herauskam, um ihn zu töten. Er hätte fast Angst bekommen und beinahe wäre sein Kajak gekentert. Er arbeitete, um ihn wieder ins Gleichgewicht zu bringen, hob dabei seinen Speer und schrie: »Ich werde dich mit meinem Speer umbringen!« Als Arnaitiang diese Worte hörte, fiel sie vor Schreck nieder und zerbrach dabei ihr Messer. Kiviung bemerkte, daß es aus einer ganz dünnen Eisplatte bestand.

Er reiste, der Küste folgend, viele Tage und Nächte weiter. Schließlich kam er an eine Hütte, aus der wieder eine Lampe schien. Da seine Kleider naß waren und er selbst hungrig, landete er und betrat das Haus. Hier fand er eine Frau, die mit ihrer Tochter ganz allein lebte. Ihr Schwiegersohn war ein Treibholzklotz mit vier Ästen. Jeden Tag brachten sie ihn zur Ebbezeit an den Strand und wenn die Flut kam, schwamm er weg. In der Nacht kam er dann zurück mit acht großen Seehunden, immer zwei auf einen Ast gespießt. So versorgte der Baumstamm seine Frau, ihre Mutter und Kiviung reichlich mit Nahrung. Eines Tages aber, nachdem sie ihn wie gewöhnlich vom Stapel gelassen, verschwand er und kam nie mehr zurück.

Bald darauf heiratete Kiviung die junge Witwe. Jetzt ging er selbst jeden Tag Seehunde jagen und hatte viel Erfolg. Als er einmal einige Tage auszubleiben gedachte, war er besorgt einen genügenden Vorrat von Fäustlingen zu bekommen. Er gab also jeden Abend, wenn er von der Jagd heimkam, vor, seine Fäustlinge verloren zu haben. In Wirklichkeit hatte er sie in der Kapuze seines Mantels versteckt.

Nach einiger Zeit wurde die alte Frau auf ihre Tochter eifersüchtig, denn der neue Gatte war ein glänzender Jäger und sie wollte ihn selbst heiraten. Als er eines Tages auf der Jagd war, ermordete sie ihre Tochter und um ihn zu täuschen, zog sie sich die Pelze der Tochter selbst an, um sich in ein junges Weib zu verwandeln. Als Kiviung zurückkam, ging sie ihm, wie die Tochter zu tun pflegte, entgegen, ohne in ihm irgend einen Verdacht zu erregen. Als er aber in die Hütte trat und die Gebeine seiner Frau sah, bemerkte er auf einmal ihren grausamen Tod und den Betrug und floh davon.

Viele Tage und Nächte reiste er, immer der Küste folgend, weiter. Schließlich kam er wieder zu einer Hütte, wo ein Licht brannte. Da seine Kleider naß und er selbst hungrig war, landete er und ging hinauf zum Haus. Bevor er eintrat fiel ihm aber ein, daß es am besten wäre zuerst auszuforschen, wer drinnen sei. Er klomm zum Fenster hinauf und sah durch den Spalt. Am Bett saß drinnen eine alte Frau, die Aissiwang (Spinne). Als diese die dunkle Gestalt vor dem Fenster sah, glaubte sie, es wäre eine Wolke, die an der Sonne vorüberziehe und da die Beleuchtung für ihre Arbeit ungenügend war, wurde sie wütend, schnitt sich mit ihrem Messer die Augenbrauen ab und aß sie und achtete nicht einmal auf das tropfende Blut, sondern ließ es antrocknen. Als Kiviung das sah, war er überzeugt, daß sie ein sehr böses Weib sein müsse und zog fort.

Wieder reiste er Tage und Nächte. Endlich kam er in eine Gegend, die ihm bekannt schien und bald erkannte er seine Heimat. Er war sehr froh, als er einige Boote ihm entgegenkommen sah. Die waren auf einer Waljagd gewesen und zogen einen großen Leichnam zum Dorf. Am Bug des einen Bootes stand ein kräftiger junger Mann, der den Wal getötet hatte. Es war Kiviungs Sohn, den er als kleinen Jungen zurückgelassen hatte und der jetzt erwachsen und ein großer Jäger war. Seine Frau hatte einen anderen Mann genommen, kehrte jetzt aber zu Kiviung zurück.

Die einzige Frau

Vor langer Zeit lebten viele Leute im Nordland, aber es gab keine Frau unter ihnen. Man wußte nur von einem einzigen Weib, das weit im Süden lebte. Schließlich machte sich einer der jungen Männer im Norden auf und reiste gen Süden, bis er zum Haus der Frau kam, wo er blieb und bald ihr Mann wurde. Eines Tages saß er im Haus, dachte an die Heimat und sagte: »Ah, ich hab eine Frau und der Sohn des Häuptlings im Norden hat keine!« Und er gefiel sich sehr in Gedanken an sein gutes Geschick.

Indessen hatte sich der Häuptlingssohn auch daran gemacht, nach dem Süden zu reisen und während der Gatte gerade so zu sich sprach, stand der Häuptlingssohn am Hauseingang und belauschte ihn. Er wartete am Eingang, bis drinnen alle eingeschlafen, kroch dann ins Haus, packte die Frau bei den Schultern und wollte sie wegschleppen.

Wie er den Ausgang erreichte, bemerkte ihn der Gatte, der die Frau noch an den Füßen erwischte. Es kam zu einer Rauferei, welche damit endete, daß die Frau auseinandergerissen wurde. Der Dieb trug die obere Körperhälfte nach Hause ins Nordland, während der Gatte mit der unteren Hälfte seiner Frau zurückblieb. Jeder Mann saß nun und arbeitete, um die fehlenden Teile aus Holz zu schnitzen. Nachdem sie ergänzt waren, wurde ihnen Leben eingehaucht und so waren aus den Hälften einer Frau zwei Frauen gemacht.

Die Frau im Süden war allerdings eine schlechte Näherin, was sie der Plumpheit ihrer Holzfinger verdankte; dafür war sie eine gute Tänzerin. Die Frau im Norden war zwar in Näharbeiten gewandt, aber ihre hölzernen Beine machten sie zu einer sehr schwachen Tänzerin. Jede der Frauen vererbte an ihre Töchter diese Merkmale, sodaß noch heute dieser Unterschied zwischen den Frauen des Nordens und denen des Südens besteht -- was beweist, daß die Geschichte wahr ist.

Die Geschichte vom Mann und seiner Fuchs-Frau

Ein Jäger, der ganz allein lebte, fand, als er nach einiger Abwesenheit zu seinem Lager zurückkam, daß ihn jemand besucht hatte und alles in Ordnung gebracht, wie es ein pflichtgetreues Weib tun soll. Das geschah so oft und ohne irgendwelche sichtbare Spuren, daß der Mann beschloß, dem nachzugehen, um zu sehen, wer denn eigentlich seine Kleider reinschabe, seine Stiefel zum Trocknen aushänge und gutes, warmes Essen koche, bevor er zurückkam. Eines Tags ging er weg, als ob er auf die Jagd ginge, versteckte sich aber so, daß er den Eingang des Hauses beobachten konnte. Nach einer Weile sah er einen Fuchs hineinschlüpfen. Er glaubte, der Fuchs sei auf Nahrungssuche. Er schlich sich zur Hütte und als er eintrat, sah er ein sehr schönes Weib in Fellkleidern von wunderbarer Arbeit. In der Hütte hing an einer Leine ein Fuchsbalg. Der Mann fragte, ob sie es gewesen wäre, die das alles gemacht habe. Sie sagte, sie wäre seine Frau und es sei nur ihre Pflicht, das zu tun und sie hoffe nur, ihre Arbeit zu seiner Zufriedenheit getan zu haben.

Nachdem sie kurze Zeit zusammengelebt, bemerkte der Mann einen Moschusgeruch im Haus und fragte, ob der von ihr wäre. Sie antwortete, daß sie es sei, die so rieche und wenn er darin einen Fehler sehe, so werde sie ihn verlassen. Sie streifte ihre Kleider ab, nahm wieder das Fuchsfell um und schlich davon. Und seit dieser Zeit war sie nie wieder dazu aufgelegt, einen Mann zu besuchen.

Der Waisenknabe und der alte Mann

Outakalawaping war ein alter Mann. Ein Waisenknabe namens Elaakjewwakjew pflegte ihn zu besuchen; sobald ihn der alte Mann sah, rief er aus: »Warum ißt du den Rockschoß deiner Mutter?« Daraufhin lief der Waisenknabe weg. Einmal ging er in ein anderes Haus; einer der Knaben, der wußte, was der alte Mann zu sagen pflegte, verleitete ihn, dem alten Mann, wenn er wieder sagen würde: »Warum ißt du den Rockschoß deiner Mutter?« zu antworten: »Warum hast du deine erste Frau in die Eisspalte gesteckt? Warum hast du sie in die Meereisspalte gesteckt?« --

Der Knabe ging zurück in des alten Mannes Haus und als Outakalawaping wieder sagte: »Warum ißt du den Rockschoß deiner Mutter?« erwiderte er: »Warum hast du deine erste Frau in die Eisspalte gesteckt? Warum hast du sie in die Meereisspalte gesteckt?« Da sprang der alte Mann auf und wollte den Knaben fangen; der lief aber weg. Die beiden liefen lange Zeit, bis sie sich in den Himmel erhoben und zwei Sterne wurden; aber der Waisenknabe wird auch da noch immer vom alten Mann verfolgt.

Die Eule und der Rabe

Die Eule und der Rabe waren dicke Freunde. Eines Tags machte der Rabe für die Eule ein neues, schwarz und weiß gesprenkeltes Kleid. Diese aber machte dafür dem Raben ein Paar Schuhe aus Walknochen und begann dann auch noch ein weißes Kleid für ihn zu machen. Als sie aber daran war, es anzuprobieren, fing der Rabe an herumzuhüpfen und wollte nicht stillhalten. Die Eule wurde ärgerlich und sagte: »Jetzt sitz still, oder ich werde die Lampe über dich gießen!« Da der Rabe aber fortfuhr, herumzuhüpfen, wurde die Eule wütend und goß den Tran über ihn. Da schrie der Rabe »Yaq! Yaq!« und seit diesem Tag ist er ganz schwarz.

Der Rabe nimmt ein Weib