Eskimomärchen

Part 6

Chapter 63,948 wordsPublic domain

In einer dunklen Winternacht lief eine Frau durch das Dorf Nikh-tua und hinaus in die verschneite Tundra. Sie floh vor ihrem Mann, dessen Grausamkeit ihr unerträglich geworden war. Die ganze Nacht hindurch und noch viele Tage wanderte sie nordwärts und machte um die Dörfer, in deren Nähe sie kam, einen Bogen, aus Furcht, entdeckt zu werden. Schließlich hatte sie schon alle Anzeichen menschlichen Lebens hinter sich und die Kälte wurde ärger und ärger. Ihr geringer Mundvorrat war verbraucht und um den Hunger zu stillen, begann sie Schnee zu essen. Eines Tags, als es schon Nacht wurde, war sie an einen so windigen Ort gekommen, daß sie gezwungen war, weiterzugehen. Schließlich sah sie etwas wie einen Hügel mit fünf Buckeln auf seinem Rücken vor sich, als sie näherkam, sah sie, daß er einem sehr großen Menschenfuß ähnelte. Nachdem sie den Schnee zwischen zwei Erhöhungen, die wie ungeheure Zehen aussahen, weggefegt, fand sie es warm und bequem da und schlief bis zum Morgen, wo sie dann aufbrach und bis zu einer vereinzelten Erhebung, die in der verschneiten Ebene erschien, weiterging. Diese erreichte sie bei Einbruch der Nacht und bemerkte, daß sie wie ein großes Knie geformt war. Sie fand einen geschützten Platz und blieb da, bis sie Morgens weiterging. Diesen Abend schützte sie für die Nacht ein Hügel, der einem großen Schenkel glich. Die nächste Nacht fand sie in einer runden, grubenartigen Vertiefung, um die herum verstreut Sträucher wuchsen, Schutz; als sie Morgens diesen Ort verließ, erschien er ihr wie ein großer Nabel.

Die nächste Nacht schlief sie in der Nähe zweier, wie enorme Brustmuskeln aussehender Hügel; die folgende Nacht fand sie eine geschützte, geräumige Höhlung, in der sie schlief. Als sie morgens gerade daran war von hier aufzubrechen, glaubte sie aus der Gegend, wo sie ihre Füße hatte, eine mächtige Stimme zu vernehmen: »Wer bist du? Was hat dich zu mir getrieben, zu dem menschliche Wesen niemals kommen?« Sie war sehr erschrocken, brachte es aber doch zustande, ihre traurige Geschichte zu erzählen und daraufhin sprach die Stimme wieder: »Gut, du kannst hier bleiben, aber du darfst nicht mehr in der Nähe meines Mundes oder meiner Lippen schlafen, denn wenn ich dich anhauchte, so würde ich dich wegblasen. Du mußt hungrig sein. Ich will dir etwas zu Essen verschaffen.«

Während sie wartete, fiel ihr plötzlich ein, daß sie fünf Tage über den Körper des Riesen Kin-äk gewandert war. Nun wurde der Himmel plötzlich finster und eine große schwarze Wolke kam langsam auf sie zu; wie sie näher war, sah sie, daß es die Hand des Riesen war, welche sich öffnete und ein frisch getötetes Renntier fallen ließ und die Stimme sagte ihr, sie solle davon essen. Rasch brach sie einiges Strauchholz, das überall herumwuchs, machte Feuer und aß gierig das gebratene Fleisch. Der Riese sagte wieder: »Ich weiß, du willst einen Platz, wo du bleiben kannst und da ist es am besten für dich, in meinen Bart zu gehen, dort, wo er am dichtesten wächst, maßen ich jetzt Atem holen will, um den angesammelten Reif, der mich quält, aus meinen Lungen zu bringen; geh also schnell!«

Sie hatte gerade noch Zeit in den Bart des Riesen hinunterzusteigen, als ein fürchterlicher Sturmwind über ihren Kopf dahinbrauste, begleitet von einem blendenden Schneesturm, der aber, nachdem er sich über die Tundra ausgebreitet, so rasch aufhörte, als er begonnen und mit einemmal wurde der Himmel wieder hell.

Den andern Tag sagte ihr Kin-äk, sie solle sich einen guten Platz suchen und aus seinen Barthaaren eine Hütte bauen. Sie sah sich um und wählte unweit seines Nasenloches, auf der linken Seite der Nase, eine Stelle und baute aus seinen Schnurrbarthaaren ihre Hütte. Hier lebte sie lange Zeit; der Riese half ihren Nöten ab, indem er seine große Hand ausstreckte und Renntiere und Seehunde oder was sie sonst immer zur Nahrung wollte, erbeutete. Aus Wolfsfellen, Fellen von braunen Vielfraßen und anderen befellten Tieren, die er für sie fing, machte sie sich selbst nette Kleider und bald hatte sie einen großen Vorrat von Fellen und Pelzen zurückgelegt.

Kin-äk fand mit der Zeit, daß sein Schnurrbart schütter werde, da sie die Haare als Feuerholz verwandte und er verbot ihr fürder, welche zu nehmen, aber er sagte, sie könne von den Haaren nehmen, die an der Seite des Gesichts wuchsen, wenn sie noch welche brauche. Lange Zeit verging so.

Eines Tages fragte sie Kin-äk, ob sie nicht nach Hause gehen wolle. »Ja«, sagte sie, »nur fürchte ich, mein Mann wird mich wieder schlagen und ich werde niemand haben, der mich beschützen wird.«

»Ich will dich beschützen«, sagte er. »Geh, schneide die Ohrspitzen von allen Fellen, die du hast, ab und gib sie in einen Korb. Dann setz dich selbst vor meinen Mund und wenn du einmal in Gefahr sein solltest, vergiß nicht zu rufen: »Kin-äk, Kin-äk, komm zu mir« und ich werde dich beschützen. Geh jetzt und tu, wie ich dir gesagt habe. Es ist Zeit. Ich bin schon müde, so lange an einem Platz zu liegen und will mich umdrehen, und wenn du dann hier wärest, würdest du zerquetscht werden.« Dann tat die Frau, wie ihr gesagt worden und kauerte sich vor seinen Mund.

Auf einmal erhob sich ein Wind und Schneewehen und die Frau fühlte sich davongehoben bis sie schläfrig wurde und die Augen schloß; als sie erwachte, war sie in der Gegend der Häuser von Nikh-tua, konnte aber nicht glauben, daß dem so sei, bis sie das gewohnte Geheul der Hunde hörte. Sie wartete den Abend ab und ging dann, nachdem sie den Korb mit den Ohrspitzen ins Vorhaus gestellt, in das Haus des Gatten. Der hatte sie schon lange als tot betrauert und seine Freude über ihre Rückkehr war sehr groß. Dann erzählte sie ihre Geschichte und ihr Mann versprach, sie nie mehr schlecht zu behandeln. Als er den nächsten Tag durch sein Vorhaus ging, war er sehr erstaunt, es mit wertvollen Pelzen angefüllt zu finden; es hatte sich jede Ohrspitze, die seine Frau gebracht, über Nacht in ein ganzes Fell verwandelt.

Diese Felle machten ihn sehr reich und er wurde infolgedessen einer der Häuptlinge des Dorfes. Nach einiger Zeit aber fühlte er sich unglücklich, denn er hatte keine Kinder und sprach daher zu seiner Frau: »Was wird mit uns sein, wenn wir alt und schwach sind und niemand haben, der für uns sorgt? Ja, wenn wir nur einen Sohn hätten!« Eines Tages hieß er seine Frau sich sorgfältig zu baden; dann tauchte er eine Feder in Öl und zeichnete damit die Gestalt eines Knaben auf ihren Bauch. Nach der bestimmten Zeit gebar sie einen Sohn und sie waren sehr glücklich. Der Knabe wuchs rasch auf und zeichnete sich vor allen Kameraden durch Stärke, Gewandtheit und als guter Schütze aus. Zur Erinnerung an den Riesen wurde er Kin-äk genannt. Schließlich wurde der Gatte dann aber doch wieder unfreundlich und mürrisch wie früher und eines Tages gar so aufgebracht, daß er einen Stock nahm, um seine Frau zu schlagen. Sie lief aus Angst aus dem Haus, glitt aber draußen aus und fiel; und wie ihr Mann dicht an ihr war, erinnerte sie sich des Riesen und rief: »Kin-äk! Kin-äk! komm zu mir.« Sie hatte diese Worte kaum gesprochen, als ein fürchterlicher Windstoß über sie wegblies und den Mann wegfegte, daß er nie mehr gesehen wurde.

Jahre vergingen und Jung-Kin-äk wuchs zu einem schönen, starken jungen Mann heran, wurde ein sehr erfolgreicher Jäger, hatte aber ein wildes und grausames Temperament. Eines Abends kam er nach Hause und erzählte seiner Mutter, daß er mit zweien seiner Gefährten Streit gehabt und beide getötet habe. Seine Mutter machte ihm Vorwürfe, indem sie ihn an die Gefahren der Blutrache seitens der Verwandten der Ermordeten erinnerte. Eine Zeit verstrich und die Sache schien vergessen.

Wieder einmal kam Kin-äk damit nach Hause, daß er einen Genossen getötet habe. Seither hatte er alle paar Tage mit jemand Streit, was immer damit endete, daß er ihn erschlug. Schließlich hatte er so viel Leute erschlagen, daß seine Mutter ihm nicht länger erlauben wollte, mit ihr zu leben. Er schien aber darüber sehr erstaunt und sagte: »Bist du denn nicht meine Mutter? Wie kannst du mich so behandeln?«

»Ja«, sagte sie, »ich bin deine Mutter, aber dein Ungestüm hat es so weit gebracht alle unsere Freunde umzubringen, oder zu vertreiben. Jeder haßt und fürchtet dich und bald wird niemand, außer alten Weibern und Kindern im Dorf leben. Geh weg! Verlaß diesen Ort, das wird für uns alle besser sein.«

Kin-äk sagte nichts, sondern jagte eine Zeitlang unausgesetzt, bis er seiner Mutter Vorhaus mit Fleisch und Pelzen angefüllt hatte. Dann ging er zu ihr und sagte: »Jetzt habe ich dich mit Nahrung und Pelzen versehen, wie meine Pflicht war, ich bin bereit, dich zu verlassen« und ging weg.

Zufällig schlug er die gleiche Richtung ein, die seine Mutter auf ihrer Flucht gegangen war und kam schließlich zum Kopf des Riesen. Als der Riese erfuhr, daß er der Sohn jener Frau sei, die bei ihm gewesen, erlaubte er dem jungen Mann dazubleiben, sagte ihm aber, er solle ja nie an seine Lippen kommen, denn wenn er das wage, werde ihm etwas Böses zustoßen. Einige Zeit lebte Kin-äk da ganz ruhig, aber zuletzt fiel ihm doch ein zu den Lippen des Riesen zu gehen und zu sehen, was denn dort wäre. Nach einem guten Stück harter Arbeit durch das Bartdickicht auf des Riesen Kinn, erreichte er den Mund. Im Augenblick, da er über die Lippen schritt und zur Öffnung zwischen ihnen gelangte, blies ein mächtiger Windstoß heraus, wirbelte ihn in die Luft und er ward nicht mehr gesehen.

Der Riese lebt noch immer im Norden, obwohl bis auf den heutigen Tag seit jener Zeit niemand dort war. Aber wenn er atmet, geben die wilden, schneeigen Nordstürme des Winters von seinem Dasein Kunde.

Der seltsame Knabe

In einem Dorf, weit im Norden, lebte ein Mann mit Frau und Kind; das war ein Sohn. Dieser Knabe war ganz anders als die anderen: wenn die Dorfkinder herumliefen, schrien und miteinander spielten, saß er still und gedankenvoll am Dach des Hauses und niemals aß er oder trank er etwas anderes, als was seine Mutter ihm gab.

Die Jahre verstrichen und er wurde mannbar, aber seine Gewohnheiten waren noch immer die gleichen geblieben. Seine Mutter nähte ihm nun ein Paar Fellschuhe mit sehr dicken Sohlen, einen doppelten wasserdichten Anzug, und noch einen aus den Fellen einjähriger Renntiere. Täglich saß er am Hausdach, ging am Abend hinein essen und schlief bis zum nächsten frühen Morgen, ging dann wieder aufs Dach zurück und erwartete den Tagesanbruch.

Eines Tages aber ging er, nachdem die Sonne aufgegangen war, wieder nach Hause und fand seine neuen Kleider fertig. Er versah sich mit Lebensmitteln, zog die neuen Kleider an und erklärte dann seiner Mutter, daß er auf eine Reise nach Norden gehe. Seine Mutter weinte bitterlich und bat ihn, doch nicht dorthin zu gehen, denn keiner von denen, die nach dem hohen Norden gegangen, sei jemals zurückgekehrt. Er beachtete das aber nicht, sondern nahm seinen Bärenspieß, verabschiedete sich und ging fort; die Eltern ließ er weinend und ohne alle Hoffnung auf seine jemalige Heimkehr zurück, obwohl sie ihn sehr liebten und seine Mutter ihm ausdrücklich gesagt hatte, daß noch keiner ihres Dorfes, der nach Norden gegangen, je wiedergekommen wäre.

Der junge Mann wanderte weit und erreichte, als es Abend wurde, eine Hütte, aus deren Dachluke Rauch aufstieg. Er zog nun den wasserdichten Anzug aus, legte ihn vor den Eingang und kroch dann behutsam aufs Dach und blickte durch den Rauchabzug. In der Mitte des Raumes brannte ein Feuer und eine alte Frau saß am Platz des Hausvaters, während ein alter Mann, der gerade vor ihr saß, Pfeile schnitzte. Während der junge Mann noch am Dach lag, rief der Alte ohne seinen Kopf emporzuheben: »Warum liegst du da draußen? Komm doch herein!« Der Junge glaubte sich entdeckt, obwohl der Alte gar nicht aufgesehen hatte, erhob sich und ging hinein. Als er eintrat begrüßte ihn der Mann und fragte, warum er nach Norden auf die Suche nach einem Weib gehe und fuhr dann fort: »Es sind dort viele Gefahren, du tätest besser daran, umzukehren; ich bin der Bruder deines Vaters und meine es gut mit dir. Weiter hinaus zu sind die Leute sehr schlecht und wenn du weitergehst, wirst du nie zurückkommen.«

Der junge Mann war sehr erstaunt, den Zweck seiner Reise zu hören, da er ihn nicht einmal seinen Eltern verraten hatte. Nachdem er hier etwas gegessen, schlief er bis zum nächsten Morgen und schickte sich dann an, weiter zu gehen. Der alte Mann gab ihm ein kleines schwarzes Ding, das mit etwas gelbem, wie ein Eidotter, gefüllt war und sagte dabei: »Wenn du unterwegs wenig zu essen haben wirst, soll dich das stärken.« Der junge Mann schlang es mit einem Schluck hinunter, fand es sehr schmackhaft, schöpfte tief Atem und sagte: »Ah, jetzt fühle ich mich stark.« Dann nahm er seinen Speer und zog los. Knapp vor Einbruch der Nacht kam er zu einer anderen einsamen Hütte und als er hineinsah, bemerkte er wieder ein Feuer, eine alte Frau an der einen Seite sitzend und gerade unter sich einen Mann, der Pfeile schnitzte. Wieder rief der alte Mann, ohne den Kopf zu heben hinaus und fragte, warum er nicht hereinkomme, sondern draußen stehe. Wieder war er erstaunt den Zweck seiner Reise zu vernehmen und abermals wurde er gewarnt weiterzuziehen. Auf all das aber achtete der Jüngling nicht, sondern aß und schlief da, wie tags zuvor. Als er am Morgen bereit war aufzubrechen, sah der alte Mann ein, daß er ihn nicht zurückhalten könne und so gab er ihm ein kleines, rein-weißes Ding und bedeutete dem Wanderer, er werde unterwegs nicht viel zu essen bekommen und dies werde ihm helfen. Auch dies Ding schluckte der Jüngling auf einmal hinunter, fand es aber nicht so kräftigend, wie das Ding, das er am vorigen Morgen genossen hatte. Der alte Mann gab ihm noch den Rat, wenn er unterwegs etwas hören sollte, was ihn erschrecke, das zu tun, was ihm zuerst einfalle.

»Niemand würde, wenn mir etwas zustößt, um mich weinen«, sagte der Wanderer und zog, den Speer in der Hand, davon. Ungefähr um die Mittagszeit gelangte er in der Nähe der Küste an einen großen Teich und umging ihn auf der Landseite. Als er schon ein Stück dieses Umwegs hinter sich hatte, hörte er ein entsetzliches Gebrüll, wie Donnerschläge; aber so laut war es, daß ihm ganz schwindlig wurde und er für einen Augenblick gar nichts von seiner Umgebung bemerkte. Er lief vorwärts, aber der fürchterliche Lärm wiederholte sich alle Augenblicke, so daß er jedesmal stolperte, schwindlig wurde und ganz nahe der Ohnmacht war; er hielt es aber doch aus. Der Lärm nahm zu und schien mit jedem Schrei näher zu kommen, bis er dicht an seiner Seite ertönte. Er sah in die Richtung, aus der er herkam und bemerkte einen großen Korb aus Weidenruten durch die Luft auf sich zufliegen; von dem rührte der entsetzliche Lärm her.

Der Wanderer sprang in eine nahgelegene Erdhöhle, als ein fürchterlicher Krach die Erde erschütterte und er bewußtlos wurde. Einige Zeit, während der Korb sich herum bewegte, als suche er ihn und fürchterliche Laute von sich gab, lag er wie tot da. Als der Jüngling dann wieder zu sich kam, horchte er erst einige Zeit auf und da alles ruhig war, stieg er aus seinem Versteck und sah sich um. Ganz in der Nähe lag der Korb am Boden und eines Mannes Kopf und Schultern sahen oben heraus. Wie der Jüngling das sah, schrie er: »Auf was wartest du? Geh, sei nicht langweilig und mach mir einen anständigen Lärm, du!« Dann sprang er zurück in die Höhle und wurde von dem fürchterlichen Gebrüll aus dem Korb sofort wieder bewußtlos. Als er wieder genugsam zu sich gekommen war, stieg er heraus, konnte den Korb aber nirgends sehen. Da hob er beide Hände auf und rief Donner und Blitz an, ihm zu Hilfe zu kommen. Da kam auch der Korb gerade wieder heran, aber oben sah nur der Kopf des Mannes heraus. Nun hieß er Donner und Blitz auf den Korb losfahren und die machten ein derartiges Gekrach, daß dem Korb-Zauberer Angst und bange wurde und er zu Boden fiel.

Sobald der Donner aufhörte, begann der Korb sich zurückzuziehen; der Zauberer war schon fast tot vor Angst. Da rief der junge Mann: »Donner, verfolg ihn! Geh vor ihm und hinter ihm und erschrick ihn!« Der Donner tat so und der Korb flog davon, von Zeit zu Zeit zu Boden fallend. Dann ging der Wanderer weiter und erreichte in der Dämmerung ein Dorf. Wie er näher kam, lief ihm ein Knabe entgegen und sagte: »Wieso kommst du aus dieser Richtung hierher! Von der Seite ist noch nie jemand hergekommen, denn der Korbzauberer läßt kein lebendes Wesen am See vorbei, gar keins, nicht einmal eine Maus. Er bemerkt es immer, wenn irgend etwas diesen Weg daher kommt und geht ihm entgegen, um es umzubringen.«

»Ich habe nichts gesehen«, sagte der Wanderer. »Gut«, sagte der Knabe, »du bist ihm noch nicht entronnen, denn der Korbmann ist jetzt da und wird dich umbringen, wenn du nicht umkehrst.« Und als der Jüngling sich umsah, erhob sich ein großer Adler und flog auf ihn zu; der Knabe lief weg. Der Adler kam näher, erhob sich noch ein wenig und schoß dann auf ihn herab, um ihn mit seinen Klauen zu zerreißen. Wie er so herabkam, schlug sich der Jüngling mit der Hand auf die Brust und aus seinem Mund flog ein Geierfalke schnurstracks auf den Adler los, ihm zum Hinterleib hinein und beim Schnabel heraus und davon.

Dieser Geierfalke entstammte dem Stärkungsmittel, das der erste alte Mann dem Jüngling unterwegs gegeben hatte. Während der Geierfalke aus dem Adler herausflog, schloß dieser die Augen und schnappte nach Luft; diese Gelegenheit benutzte der Jüngling, um zur Seite zu springen, so daß dort, wo er gerade gestanden, des Adlers Klauen in den Boden griffen. Wieder erhob sich der Adler und stieß herab und wieder schlug sich der junge Mann mit der Hand auf die Brust und ein Hermelin sprang aus seinem Mund, fuhr wie ein Blitz dem Adler unter die Flügel und fast im gleichen Augenblick hatte er sich schon zweimal durch den Leib des Vogels hin und her hindurchgefressen, so daß dieser tot niederfiel, worauf der Hermelin verschwand. Dieser Hermelin entstammte dem Geschenk des anderen alten Mannes, bei dem der Wanderer gerastet hatte.

Nachdem nun der Adler gefallen war, begab sich der Jüngling zum Haus des Zauberers und der Knabe schrie ihn an: »Geh nicht dorthin, du wirst umgebracht werden!« Daraufhin entgegnete ihm der Wanderer: »Ich habe keine Angst, ich will das Weib dort drinnen sehen und ich muß jetzt hingehen, denn ich bin wütend und wenn ich bis morgen warte, wird mein Ärger verflogen sein und ich werde nicht so stark sein wie jetzt.« »Du tätest besser daran, bis morgen zu warten«, sagte der Knabe, »denn es bewachen zwei Bären den Eingang und die werden dich sicherlich umbringen. Aber wenn du durchaus willst, so geh und laß dich umbringen. Ich wollte dich nur retten und will nun nichts mehr mit dir zu tun haben.« Und ärgerlich ging der Knabe ins Haus zurück. Der Jüngling ging nun zum Haus und bemerkte, als er in den Eingangsflur hineinsah, dort einen großen weißen Bären schlafend liegen. Er schrie ihn an: »Ah, Weißbär!« worauf dieser aufsprang und auf ihn zulief. Der junge Mann sprang nun auf die Decke des Eingangsflurs und als der Bär hinter ihm herauslief, stieß er ihm seinen Speer ins Hirn, daß er tot zusammenbrach. Den Körper wälzte er nun beiseite, sah wieder hinein und erblickte einen roten Bären dort liegen. Wieder rief er: »Ah, Rotbär!« Der rote Bär rannte ihm nach und er sprang wieder auf seinen vorigen Platz. Als der rote Bär draußen war, schlug er mit seiner Vorderpratze nach ihm; da packte der Jüngling die Pratze mit der Hand und schwang den Bären über seinem Kopf und schlug ihn gegen den Boden, bis nichts mehr von ihm übrig war, als die linke Pratze. Die warf er weg und ging nun ohne weitere Schwierigkeiten ins Haus. An der einen Hauswand saß ein alter Mann und eine alte Frau und an der gegenüberliegenden, ein schönes junges Weib, dessen Antlitz er in seinen Träumen gesehen hatte und die der Anlaß zu seiner langen Fahrt gewesen war. Sie weinte, als er hereinkam; er ging auf sie zu, setzte sich neben sie und sagte: »Warum weinst du? Was hast du verloren, daß du danach weinst?« Sie antwortete: »Du hast meinen Mann umgebracht, aber deswegen bin ich nicht traurig, denn er war ein schlechter Mann. Aber du hast auch die beiden Bären getötet, die meine Brüder waren und um die traure und weine ich.« »Weine nicht«, sagte er, »denn ich will dein Gatte sein.« Er blieb nun eine Zeitlang da, nahm dieses Weib zu seiner Frau und lebte in dem Haus zusammen mit ihren Eltern. Jede vierte Nacht schlief er im Festhaus und die übrige Zeit zu Hause.

Nachdem er einige Zeit hier gelebt hatte, fiel ihm auf, daß seine Frau und ihre Eltern immer trauriger wurden und sehr oft weinten. Dann sah er Dinge vor sich gehen, die ihn glauben machten, sie sännen darauf ihm etwas anzutun. Als er sich hierüber Gewißheit verschafft hatte, ging er eines Tags nach Hause, legte seiner Frau die Hand auf die Stirne, drehte ihr Gesicht zu sich herum und sagte: »Ihr wollt mich umbringen, du treuloses Weib; zur Strafe sollst du sterben!« Dann nahm er sein Messer und schnitt ihr den Hals durch. Traurig ging er nun zurück in sein Heimatsdorf, wo er nachdem die Erinnerung an sein treuloses Weib verblaßt war, wie früher, bei seinen Eltern lebte. Er nahm aus den Jungfrauen des Dorfes eine zur Frau und verlebte mit ihr glücklich den Rest seiner Tage.

Das Land der Finsternis

Vor langer Zeit lebte auf der Insel Aziak ein Mann mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Der Mann liebte seine Frau sehr, war aber so eifersüchtig auf sie, daß er sie sehr oft ohne Grund schlecht behandelte. Nach einiger Zeit wurde die Frau so unglücklich, daß sie lieber sterben, als noch länger mit ihm zusammenleben wollte. Sie ging zu ihrer Mutter, die in der Nähe lebte und trug ihr ihren ganzen Kummer vor. Die alte Frau hörte die Klagen an und gab dann der Tochter den Rat, ein Seehundsfell zu nehmen und es mit der Losung von drei Schneehühnern und drei Füchsen einzureiben; dann sollte sie eine Holzschüssel mit Speisen füllen, das Kind auf den Rücken nehmen und zu ihrem Mann zurückgehen; es werde vielleicht alles wieder gut werden.

Sie tat, wie ihr geraten war und ging dann an die Küste hinunter, ihrem Mann entgegen. Als er in Rufweite kam, fing er wieder, wie gewöhnlich, an, sie zu schmähen und zu beschimpfen und befahl ihr, sofort nach Hause zu gehen; sowie er heimkomme, werde er sie prügeln. Als das arme Weib das hörte, lief sie an den steilen Rand des überhängenden Ufers und warf ihr Seehundsfell ins Wasser, gerade als ihr Mann seinen Kajak an den Strand zog, und sprang ihm nach. Der Mann sah dem erschrocken zu und lief schnell auf einen Hügel, um zu sehen, was mit seiner Frau geschehen sei. Er sah sie auf dem ausgebreiteten Seehundsfell, das an jeder Ecke von einer Blase getragen wurde, sitzen und rasch von der Küste wegtreiben. Als die Frau ins Meer gesprungen war, hatte sich das Seehundsfell ausgebreitet und an jedem Ende war ein Schwimmer erschienen; es fing sie auf und hielt sie unversehrt an der Oberfläche. Gleich darauf begann sie fortzutreiben, ein Sturm erhob sich und die Nacht brachte sie ihrem Mann außer Sicht. Der ging schimpfend nach Hause und machte alle, nur nicht sich selbst, für seinen Verlust verantwortlich.