Eskimomärchen

Part 5

Chapter 53,904 wordsPublic domain

Einige Tage darauf ging der Bruder eines der toten Männer aufs Meereis hinaus, ziemlich weit weg vom Dorf, um zu fischen. Er blieb lange und die Dunkelheit überraschte ihn, als er noch weit draußen war. Als er so dahinging, erschien plötzlich der Tunghak vor ihm und lief immer auf seinem Weg hin und her. Der junge Mann versuchte an ihm vorüberzukommen und zu entfliehen, konnte es aber nicht, denn der Tunghak blieb immer vor ihm und tat immer dasselbe wie er. Als ihm nichts mehr einfiel, nahm er plötzlich einen Fisch aus seinem Korb und warf ihn auf den Tunghak. Als er den Fisch herauszog war er steif gefroren, aber als er in die Nähe des Tunghak kam, kehrte er plötzlich um und fiel über die Schultern des Jünglings zurück in den Korb und schlug darin herum, denn er war wieder lebendig geworden.

Jetzt zog der Fischer einen seiner Hundsfellfäustlinge aus und warf ihn hin. Wie der nun in der Nähe des Tunghak niederfiel, wurde er ein Hund, der das Gespenst anbrummte und anknurrte und so seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, so daß der Mann vorbei und so schnell er nur konnte zum Dorf lief. Als er ein Stück Wegs zurückgelegt hatte, wurde er wieder vom Tunghak aufgehalten und gleichzeitig sprach eine Stimme von oben: »Bind ihm doch seine Füße auseinander, sie sind mit einer Schnur zusammengebunden.« Er hatte aber zu große Angst, um das auszuführen. Er warf also lieber noch einen anderen Fäustling und auch der verwandelte sich in einen Hund, der wie der erste den Tunghak aufhielt.

Der Jüngling lief so rasch er konnte davon und fiel erschöpft bei der Haustür nieder, als auch schon der Tunghak kam. Der ging, ohne ihn zu bemerken, knapp an ihm vorüber ins Haus hinein, fand aber niemand drin und kam wieder heraus. Der junge Mann stand nun auf und ging hinein; er wagte es aber nicht, was er gesehen hatte seiner Mutter zu erzählen. Am folgenden Tag ging er wieder fischen und stieß unterwegs auf einen Mann, der am Weg lag. Seine Hände und sein Gesicht waren ganz schwarz. Als er näher kam, forderte ihn der schwarze Mann auf, ihm auf den Rücken zu steigen und die Augen zu schließen. Er folgte und bald darauf durfte er die Augen wieder öffnen. Als der Jüngling dies tat, sah er gerade vor sich ein Haus und in dessen Nähe ein schönes junges Weib. Sie sprach zu ihm: »Warum hast du vorige Nacht nicht getan, wie ich dir geraten, als der Tunghak dich verfolgte?« Er antwortete, daß er sich gefürchtet habe. Das Weib gab ihm dann einen zauberkräftigen Stein als Talisman, der ihn in Hinkunft vor den Tunghak schützen sollte und dann nahm ihn der schwarze Mann wieder auf den Rücken und als er die Augen öffnete, war er zu Hause.

Seit dieser Zeit wollte der junge Mann als Zauberer angesehen werden, dachte aber immer nur an das schöne Weib, das er gesehen hatte, so daß er nicht viel Kräfte besaß. Schließlich sagte sein Vater zu ihm: »Du bist gar kein Zauberer! Du machst mir nur Schande; geh wo anders hin!« Am nächsten Morgen verließ der Jüngling bei Tagesanbruch das Dorf und man hat nie wieder etwas von ihm gehört. --

Die Auswanderung der Sagdlirmiut

In der Gegend von Ussualung gibt es zwei Orte: Qerniqdjuaq und Echaluqdjuaq. In jedem dieser Orte war ein großes Haus, in dem viele Familien zusammenlebten. Wenn sie im Sommer Renntiere jagten, so pflegten sie sich zusammenzugesellen, im Herbst aber kehrten sie in ihre Häuser zurück.

Einmal hatten die Leute von Qerniqdjuaq viel Erfolg, während die von Echaluqdjuaq kaum ein Tier gefangen hatten. Daher waren die letzteren sehr ärgerlich und beschlossen, die andere Partei zu töten, wollten damit aber noch bis zum Winter warten. In ziemlich vorgerückter Jahreszeit wurden dann noch viele Renntiere erlegt und aufgespeichert; mit Schlitten sollten sie dann in die Winterlager gebracht werden.

Eines Tags bereiteten sich beide Parteien zu einer Ausfahrt nach diesen Vorräten vor und die Echaluqdjuaq-Männer beschlossen, bei dieser Gelegenheit ihre Feinde umzubringen. Sie zogen mit ihren Hunden und Schlitten ab und als sie schon ziemlich über Land waren, griffen sie ihre nichtsahnenden Genossen an und töteten sie. Aus Furcht, die Frauen und Kinder der Ermordeten könnten Verdacht schöpfen, wenn die Hunde ohne ihre Herren zurückkehrten, töteten sie diese auch noch. Bald darauf kehrten sie heim und sagten sie hätten die andere Partei verloren und wüßten nicht was mit ihr geschehen sei.

Ein junger Echaluqdjuaq war der Liebhaber eines Mädchens der Qerniqdjuaq und pflegte sie allnächtlich zu besuchen. Auch jetzt stellte er seine Besuche nicht ein. Er wurde von ihr freundlich aufgenommen und legte sich mit ihr schlafen.

Unter der Bank war ein kleiner Bub, der den Echaluqdjuaq kommen sah. Als alles schlief, hörte er jemand sprechen und erkannte bald, daß es die Geister der Ermordeten waren, welche ihm erzählten, was sich zugetragen und ihn baten, zur Rache den jungen Mann zu töten. Der Knabe kroch unter dem Bett hervor, nahm ein Messer und stach es dem jungen Mann in die Brust. Obwohl er ein kleiner Knabe und noch schwach war, glitt das Messer von den Rippen ab, drang tief ins Herz und tötete so den jungen Mann.

Dann weckte er die anderen Hausgenossen und erzählte ihnen, daß die Geister der Toten zu ihm gekommen, von ihrer Ermordung erzählt und ihm aufgetragen, den jungen Mann zu töten. Die Frauen und Kinder waren sehr erschrocken und wußten nicht was sie tun sollten. Schließlich beschlossen sie den Rat einer alten Frau zu befolgen und vor ihren grausamen Nachbarn zu fliehen. Da ihre Hunde getötet waren, konnten sie die Schlitten nicht verwenden. Zufällig war aber eine Hündin mit jungen Hunden im Haus und das alte Weib, welches eine große Zauberin war, befahl ihnen die jungen Hunde zu schlagen, dann würden sie schnell wachsen. So geschah es auch und in kurzer Zeit waren die Hunde groß und stark. Sie schirrten sie an und brachen so rasch als nur möglich auf. Um ihre Nachbarn zu täuschen, ließen sie alles zurück und löschten nicht einmal ihre Lichter aus, damit jene gar keinen Verdacht schöpften.

Den nächsten Tag wunderten sich die Echaluqdjuaq, daß ihr Kamerad nicht zurückgekommen und gingen zur Hütte nach Qerniqdjuaq. Sie guckten durch den Fensterspalt, sahen die Lampen brennen aber niemand darin. Schließlich fanden sie den Körper des jungen Mannes, fanden die Schlittenspuren, brachten schleunigst ihre Schlitten in Ordnung und verfolgten die Flüchtlinge.

Obwohl diese sehr rasch vorwärts kamen, folgten ihnen die Verfolger noch schneller und es schien, als würden sie sie in kurzer Zeit einholen. Da sie die Rache der Verfolger fürchteten, bekamen die Flüchtigen große Angst.

Als der Schlitten der Männer näher kam und die Frauen sahen, daß es unmöglich sei zu entkommen, fragte eine junge Frau die Zauberin: »Weißt du nicht, wie man das Eis zerschneiden kann?« Die Alte bejahte und zog langsam mit ihrem Zeigefinger einen Strich über das Eis, quer über den Weg der Verfolger. Das Eis gab einen lauten Krach. Noch einmal zog sie den Strich, ein Spalt öffnete sich und erweiterte sich so rasch als sie weiterzogen. Die Flut hob sich und als die Männer herankamen, konnten sie nicht über den breiten Spalt offenen Wassers. So war die eine Partei durch die Kunst ihrer Zauberin gerettet worden.

Viele Tage zogen sie noch hin und her und landeten endlich auf der Inseln Sagdlirn, wo sie blieben und die Stammütter der Sagdlirmiut wurden.

Die Rivalen

Zwischen zwei Männern bestand scharfe Rivalität. Jeder behauptete der Stärkere zu sein und bemühte sich, dem anderen das zu beweisen. Der eine behauptete, er könne eine Insel machen, etwas nie dagewesenes. Er hob einen ungeheuer großen Felsen auf und schleuderte ihn ins Meer, wo er als Insel liegen blieb. Da gab der andere dieser Insel einen solchen Fußtritt, daß sie auf der Spitze einer anderen landete, die sehr weit weg war. Die Folgen dieses Fußtrittes kann man bis zum heutigen Tage sehen: der Platz heißt Tu-kik-tok.

Die Geschichte von den drei Brüdern

Vor langer Zeit lebten drei Brüder. Zwei von ihnen waren erwachsen, der dritte war aber noch jung; er hieß Qaudjaqdjuq. Die älteren Brüder hatten ihre Heimat verlassen und zogen jahrelang herum, indes der Jüngste mit seiner Mutter in seinem Geburtsort lebte. Da er keinen Vater mehr hatte, wurde der arme Junge von allen Männern des Dorfes mißhandelt und niemand war da, ihn zu beschützen.

Schließlich hatten die älteren Brüder es satt herumzustreifen und kehrten heim; als sie hörten, daß der Knabe von allen Inuits schlecht behandelt worden sei, wurden sie ärgerlich und sannen auf Rache. Zuerst taten sie so als sähen sie nichts, bauten aber ein Boot, in welchem sie entfliehen wollten, sobald sie ihre Pläne ausgeführt hatten. Sie waren geschickte Bootsbauer und vollendeten ihr Werk sehr bald. Als sie das Boot ausprobten, glitt es so rasch wie eine Eiderente fliegt übers Wasser. Sie waren aber noch nicht zufrieden mit ihrem Werk, zerstörten es wieder und bauten ein neues Boot; das war bei der Probe so schnell, wie eine Eisente. Immer noch waren sie unzufrieden, zerstörten auch dieses Boot und bauten ein drittes und das war gut. Nachdem sie das Boot fertiggestellt hatten, lebten sie friedlich mit den anderen Männern. Im Dorf war ein großes Festhaus, das zu allen Festen benutzt wurde. Eines Tages gingen die drei Burschen hin, schlossen es auf, und fingen an drin zu tanzen und zu singen, bis sie erschöpft waren. Da keine Sitzbank in dem Haus war, baten sie ihre Mutter, eine zu bringen und als sie die Türe öffneten, um sie hereinzulassen, entschlüpfte ein Hermelin, der im Haus versteckt gewesen war.

In der Nähe des Festhauses spielten die anderen Inuit des Dorfes. Als sie den Hermelin sahen, der mitten durchs Gedränge lief, bemühten sie sich, ihn zu fangen. Im Eifer der Verfolgung stolperte ein Mann, der das kleine Tier schon fast gefangen hatte, so unglücklich über einen Kieselstein, daß er augenblicklich tot war. Der Hermelin war, besonders ums Maul herum, ganz mit Blut bespritzt; bei der Verwirrung, die nun ausbrach, entwischte er ins Festhaus, wo er sich in seiner früheren Ecke versteckte.

Drinnen hatten die Brüder wieder angefangen zu singen und zu tanzen. Als sie erschöpft waren, riefen sie nach ihrer Mutter, sie sollte etwas zum Essen bringen. Wie sie nun die Tür öffnete, entwischte der Hermelin wieder und rannte zwischen den Inuit, die noch immer draußen spielten, herum.

Als sie ihn bemerkten, glaubten sie jetzt, die Brüder wollten sie dadurch veranlassen, ihn zu verfolgen, um so nacheinander umzukommen. Der ganze Haufen stürmte daher das Festhaus, mit der Absicht die Brüder zu töten. Da die Tür geschlossen war, krochen sie aufs Dach und rissen es auf, aber als sie ihre Speere nahmen, um die drei Männer zu durchbohren, öffneten die die Tür und liefen hinunter an den Strand. Ihr Boot war ganz in der Nähe und zur Abfahrt bereit, während die der anderen Inuit ziemlich weit weg lagen.

Sie schifften sich mit ihrer Mutter ein und als sie ein wenig draußen waren und sahen, daß die anderen Männer ihre Boote noch nicht erreicht hatten, bildeten sie sich ein, daß die nie imstande wären, sie einzuholen, selbst wenn sie mit äußerster Anstrengung ruderten. Sie spielten also nur mit den Rudern am Wasser. Einige junge Frauen und Mädchen waren am Strand und sahen auf die Männer, die sich mit äußerster Kraft anzustrengen schienen. Der älteste Bruder rief den Weibern zu: »Wollt ihr uns helfen? Wir können allein nicht weiter kommen.« Zwei Mädchen sagten zu, aber sowie sie ins Boot gekommen waren, fingen die Brüder an so hart zu rudern, als sie nur konnten. Das Boot flog dahin, schneller als eine Ente und die Mädchen schrien vor Angst. Die anderen Inuits beeilten sich, begierig, die Flüchtigen einzuholen und bald waren ihre Boote bemannt.

Die Brüder hatten nicht die mindeste Angst, da ihr Boot ja das bei weitem schnellste war. Als die Verfolger fast außer Sehweite gekommen waren, wurden sie plötzlich von einem hohen, steilen Landrücken aufgehalten, der sich vor dem Boot erhob und ihren Weg versperrte. Sie wurden ganz verwirrt, denn sie mußten ein langes Stück zurück und fürchteten, von den anderen Booten überholt zu werden. Einer der Brüder aber war ein großer Zauberer und rettete sie durch seine Kunst. Er befahl ihnen:

»Macht eure Augen zu und öffnet sie nicht, bevor ich es euch erlaube; dann rudert los!« Sie taten wie er befohlen und als er sie wieder aufschauen hieß, sahen sie, daß sie mitten durchs Land gefahren waren, das sich nun hinter ihnen genau so hoch und furchtbar erhob, wie es ihnen vorhin den Weg versperrt hatte. Es hatte sich geöffnet und sie waren durchgefahren.

Nachdem sie einige Zeit weiter gerudert, sahen sie einen langen schwarzen Strich im Meer. Als sie näher kamen, erkannten sie, daß es eine undurchdringliche Masse von Seegras war; sie war so fest, daß sie aus dem Boot steigen und darauf stehen konnten. Es war ausgeschlossen das Boot durchzubringen, obwohl es schneller als eine Ente war. Der älteste Bruder erinnerte sich aber seiner Zauberkunst und sagte zu seiner Mutter: »Nimm deine Haarenden und peitsche das Seegras.« Kaum tat sie so, da versank es auch und gab den Weg frei.

Nachdem sie über dieses Hindernis hinaus waren, wurden sie nicht mehr aufgehalten und vollendeten ihre Reise in Sicherheit. Als sie ihr Ziel erreicht hatten, gingen sie an Land und errichteten eine Hütte. Die beiden Frauen, die sie ihren Feinden entführt hatten, gaben die Brüder Qaudjaqdjuq.

Sie wollten ihn nun ebenso stark machen, wie sie selbst waren. Dazu führten sie ihn zu einem ungeheuren Stein und sagten: »Versuch' diesen Stein zu heben!« Da Qaudjaqdjuq das nicht konnte, schlugen sie ihn und sagten: »Versuch' es noch einmal!« Diesmal konnte ihn Qaudjaqdjuq ein wenig von der Stelle rücken. Die Brüder waren noch nicht zufrieden und schlugen ihn nochmals. Von den letzten Schlägen wurde er sehr stark, hob den Stein auf und warf ihn über die Hütte.

Die Brüder gaben ihm dann die Rute und sagten ihm, er solle damit die Frauen schlagen, wenn sie ihm ungehorsam wären.

Qaudjaqdjuq

Vor langer Zeit lebte ein armer Waisenknabe, der keinen Beschützer hatte und von allen Dorfbewohnern mißhandelt wurde. Er durfte nicht einmal in der Hütte schlafen, sondern mußte draußen im kalten Eingang liegen, bei den Hunden, die ihm Kissen und Decke waren. Er bekam auch kein Essen, sondern man warf ihm alten zähen Walroßspeck vor, den er ohne Messer verzehren mußte. Ein junges Mädchen war die einzige, die ihn bemitleidete; sie gab ihm ein kleines Stück Eisen als Messer, bat ihn aber, es ja gut zu verbergen, sonst würden die Männer es ihm wegnehmen. Er tat so und steckte es in sein Gewand. So führte er ein elendes Leben und wuchs nicht einmal, sondern blieb der arme, kleine Qaudjaqdjuq. Nicht einmal mit den anderen Kindern konnte er spielen, da sie ihn wegen seiner Schwäche ebenso quälten und mißhandelten, wie alle anderen.

Wenn die Dorfbewohner sich im Festhaus versammelten, pflegte Qaudjaqdjuq im Eingangsflur zu liegen und über die Schwelle zu gucken. Hie und da zog ihn ein Mann an der Nase in die Hütte und gab ihm das große Uringefäß, um es auszuschütten. Das war so groß und schwer, daß er es mit beiden Händen und den Zähnen halten mußte. Da er immer an den Nasenflügeln gezogen wurde, waren sie sehr groß, obwohl er selbst klein und schwach blieb.

Schließlich kam der Mann im Mond, der gesehen hatte, wie schlecht sich die Leute gegen Qaudjaqdjuq benahmen, herunter, um ihm zu helfen. Er spannte seinen Hund Terii-tiaq vor einen Schlitten und fuhr herunter. In der Nähe der Hütte machte er Halt und schrie: »Qaudjaqdjuq, komm heraus!« Der antwortete: »Ich will nicht herauskommen, geh weg!« Als er ihn aber ein zweites und drittesmal herauskommen hieß, gehorchte er, obwohl er große Angst hatte. Dann ging der Mann vom Mond mit ihm zu einem Platz, wo einige große Steine herumlagen und nachdem er ihn geschlagen hatte, fragte er: »Fühlst du dich jetzt stärker?« »Ja, ich fühl' mich stärker.« »Dann heb diesen Stein.« Da Qaudjaqdjuq ihn noch nicht heben konnte schlug er ihn wieder und jetzt begann er plötzlich zu wachsen; zuerst wurden seine Füße ganz außerordentlich groß. Wieder fragte ihn der Mann im Mond: »Fühlst du dich jetzt stärker?« Qaudjaqdjuq antwortete: »Ja, ich fühle mich schon stärker.« Da er aber den Stein noch immer nicht heben konnte, wurde er nochmals geschlagen. Daraufhin bekam er riesige Kräfte und hob den Stein, als ob es ein kleiner Kiesel wäre. Der Mondmann sagte: »Das wird langen; morgen werde ich drei Bären schicken, dann magst du deine Kraft beweisen.«

Er kehrte in den Mond zurück; Qaudjaqdjuq, der jetzt der große Qaudjaqdjuq geworden war, ging nach Hause und schleuderte mit den Füßen die Steine nach rechts und links, daß sie nur so flogen. Nachts legte er sich wieder zu den Hunden. Am nächsten Morgen erwartete er die Bären und wirklich erschienen bald drei große Tiere und erschreckten alle Männer so, daß sie sich nicht aus den Hütten wagten.

Da zog Qaudjaqdjuq seine Stiefel an und lief hinunter aufs Eis. Ein Mann, der aus dem Fensterspalt guckte, sagte: »Schaut her, ist das nicht Qaudjaqdjuq? Die Bären werden bald mit ihm sich auf den Weg machen.« Er aber packte den ersten bei den Hinterbeinen und schlug seinen Kopf gegen einen Eisberg, in dessen Nähe er gerade stand. Dem anderen ergings nicht besser. Den dritten aber trug er zum Dorf hinauf und erschlug einige seiner Feinde mit ihm. Andere würgte er mit den Händen zu Tode, oder er spaltete ihre Köpfe und schrie: »Das ist dafür, daß ihr mich mißhandelt habt; das ist für eure Quälereien!« Die er nicht umbrachte, liefen weg, um niemals wiederzukehren. Nur einige, welche zum kleinen, armen Qaudjaqdjuq freundlich gewesen waren, darunter auch das Mädchen, welches ihm das Messer geschenkt hatte, verschonte er. Qaudjaqdjuq lebte dann als großer Jäger weiter und zog, viel Heldentaten vollbringend, durchs Land. --

Der Mann im Monde

Vor langer Zeit lebte einmal ein Mann, der seine Frau wenig gut behandelte. Eines Tags schlug er sie wieder, obwohl sie schwanger war. Spät am Tag ging er dann Seehunde jagen. Es war eine klare Nacht, Sterne und Mond schienen hell. Da rief die Frau den Mann im Mond an und bat ihn herunterzukommen. Gegen Morgen hörte sie jemand mit Hunden sprechen und sah einen von zwei Hunden gezogenen Schlitten. Es war der Mann vom Mond und seine beiden Hunde Terii-tiaq und Kanageak. Der Mann vom Mond rief ihr zu: »Komm heraus!« Sie folgte und er hieß sie sich auf seinen Schlitten setzen. Dann befahl er ihr die Augen zu schließen und sie nicht früher zu öffnen, als bis sie an ihrem Bestimmungsort angekommen wären. Sie schloß die Augen und dann schwebten sie aufwärts durch die Luft. Nach geraumer Zeit sagte der Mann vom Mond: »Mach jetzt deine Augen auf!« Sie antwortete: »Ich glaube, wir sind angekommen.« Sie sah sich um und bemerkte ein Schneehaus. Die beiden traten ein. Innen war alles sehr hübsch. Der Mann lud sie ein bei ihm zu bleiben und sagte: »Du sollst auf der linken Seite gegenüber der Haustüre sitzen.« Er selbst setzte sich auf die rechte Seite, der Lampe gegenüber. Nach einiger Zeit bat er sie, zu ihm herüber zu kommen und zeigte ihr dicht bei seinem Sitzplatz ein Loch, durch welches sie auf die Erde hinunter sehen konnte. Sie konnte ihren Mann in Kleidern voll Schnee und Eis vor seiner Haustür sitzen sehen. Er war gerade vom Seehundsfang zurückgekehrt und hatte die Abwesenheit seiner Frau entdeckt. Sie war sehr erstaunt, trotz der großen Entfernung, alles so klar zu sehen.

Da sagte der Mann im Mond zu ihr: »Es wird jetzt bald eine Frau namens Ululiernang hereinkommen. Lache über nichts, was sie tun wird, sonst schneidet sie dir die Eingeweide heraus; sie ist ganz versessen auf solche Speise. Wenn du merkst, daß du dir das Lachen nicht verbeißen kannst, steck deine linke Hand unters Knie und streck sie dann aus mit allen Fingern, vom zweiten Glied an abgebogen, nur den Mittelfinger mußt du ausstrecken.« Kaum hatte er das gesagt, als auch schon Ululiernang herein kam. Sie trug eine flache Schüssel und ein Frauenmesser. Sie stellte beides hin und fing eine Menge Possen an. Sie nahm den Vorderlatz ihrer Jacke, rollte ihn zusammen und hielt ihn vor, als wollte sie sagen: »Weiche ja nicht von diesem Weg ab!« Und sie machte viele Luftsprünge, um die Frau zum Lachen zu bringen. Als die Besucherin sich schon nah daran fühlte, herauszulachen, zog sie die Hand unter dem Knie hervor und streckte sie gegen Ululiernang. Da sagte diese: »Ich habe große Angst vor diesem Bären.« Sie glaubte die Hand der Frau sehe genau wie eine Bärenpratze aus. Dann aßen der Mann und die Frau zu Mittag. Nach einiger Zeit sagte der Mann im Mond zur Frau, es wäre jetzt Zeit, auf die Erde zurückzugehen, »und sobald dein Kind geboren sein wird, wirst du ein Geräusch hören, als ob etwas heruntergefallen wäre. Du mußt dann hinausgehen und nachsehen, was es ist.« Dann brachte er sie zurück auf die Erde; zur Hütte ihres Mannes.

Ihr Mann erzählte ihr, wie unglücklich er sich gefühlt, als er bemerkt hatte, daß sie weggegangen war. Er hatte sie schon tot geglaubt. Dann erzählte sie ihrem Mann, was sich alles zugetragen hatte.

Nach einiger Zeit gebar sie das Kind. Es war ein Knabe. Ihr Gatte war wieder beim Seehundsfang und sie war allein. Da hörte sie etwas fallen und ging hinaus, um zu sehen, was es sei. Sie fand einen Renntier-Schinken, den sie in die Hütte nahm. Am Abend kam ihr Gatte zurück und als er das Renntierfleisch sah, fragte er, woher sie das bekommen hätte. Sie erzählte, daß es vom Himmel gefallen sei: »Es ist vom Mann im Mond, der versprochen hat, mir etwas zu schicken.« Als nach einiger Zeit alles Fleisch aufgegessen war, ging der Mann wieder auf Seehunde aus. Die Frau hatte kein Fett für ihre Lampe. Auf einmal sah sie Fett heruntertropfen, zuerst in die eine, dann in die andere Lampe. Als die Lampen voll waren, rief sie: »Das ist genug!« Sie wußte, daß auch das ein Geschenk vom Mann im Mond war. Abends kam ihr Mann zurück. Er war erstaunt, als er das Öl sah und fragte, woher es komme. Sie erzählte: »Die Lampen haben sich selbst gefüllt und wie ich sah, daß genug Fett da war, sagte ich >halt<!«

Den nächsten Tag ging der Gatte wieder hinaus Seehunde jagen. In seiner Abwesenheit hörte die Frau wieder etwas fallen und als sie hinausging, fand sie wieder einen Renntierschinken. Am Abend kam der Mann zurück und hatte einen Seehund erlegt. Er fragte: »Hast du noch Renntierfleisch?« »Ja!« erwiderte sie, »der Mann im Mond hat mir wieder welches gegeben.« Abends sah dann der Mann, wie sich die Lampen mit Öl füllten.

Als er am nächsten Tag wieder auf der Seehundsjagd war, erbeutete er einen anderen Seehund und brachte ihn nach Hause. Während er ihn zerlegte, sagte er zu seiner Frau: »Hier ist doch genug Seehundsfleisch, warum ißt du nicht davon? Ich selbst habs ja erlegt.« Die Frau hatte bisher nur Renntierfleisch gegessen, das ihr der Mann vom Mond gegeben hatte; jetzt verzehrte sie etwas vom Seehund ihres Mannes. Von dieser Zeit an fiel nie mehr Renntierfleisch vom Himmel und ihre Lampen füllten sich nicht mehr mit Fett. Bald wurde sie krank. Das Renntierfleisch war aus und sie starb. Auch ihr Kind starb. Der Übergang von Renntierfleisch zu Seehundsfleisch, während das Kind noch so klein war, war so schädlich gewesen, daß er den Tod des Kindes verursacht hatte.

Der Riese