Part 4
Die Kinder des Raben zogen dann fort, wie er ihnen aufgetragen und gelangten schließlich in ihres Vaters Land. Dort wurden sie in Raben verwandelt und ihre Nachkömmlinge verlernten, wie sie sich in Menschen verwandeln könnten, und so gibt es bis zum heutigen Tag Raben.
Im Dorf des Raben folgen Tag und Nacht einander, wie er gesagt hatte, daß es geschehen werde und die Länge der einzelnen blieb ungleich, da der Rabe manchmal lange Zeit ohne Licht auszuwerfen gewandert war und dann wieder in kürzeren Zwischenräumen das Licht ausgeworfen hatte, so daß die Nächte sehr kurz waren und dementsprechend ist es auch geblieben.
Der Kanibale Igimarasugdjuqdjuaq
Igimarasugdjuqdjuaq war ein sehr großer, schlechter Mann, der viele Morde begangen und seine Opfer, nachdem er sie aufgeschlitzt hatte, verspeiste. Einmal kam seine Schwägerin, um seine Frau zu besuchen, aber kaum hatte sie die Hütte betreten, als Igimarasugdjuqdjuaq sie tötete und seiner Frau befahl, sie zu kochen.
Seine Frau war sehr erschrocken, befürchtete, daß sie selbst das nächste Opfer sein werde und beschloß zu fliehen. Als Igimarasugdjuqdjuaq auf die Jagd ging, sammelte sie Heidekraut, stopfte damit ihre Jacke aus und setzte die Figur aufs Bett. Dann lief sie, so rasch sie konnte, weg, bis sie ein Dorf erreichte. Als ihr Gemahl nachhause kam und den Rock sah, glaubte er, es sei ein Fremder zu ihm auf Besuch gekommen und erstach ihn. Wie er aber bemerkte, daß seine Frau ihn betrogen und verlassen hatte, wurde er wütend und verfolgte sie.
Er kam ins Dorf und sagte: »Habt ihr nicht meine Frau gesehen? Sie ist mir weggelaufen.« Die Inuit sagten ihm nicht, daß sie sich bei ihnen aufhielt, sondern verbargen sie vor seiner Wut. Schließlich gab sie Igimarasugdjuqdjuaq als verloren auf und kehrte heim.
Die Inuit beschlossen, die vielen Beleidigungen, die er ihnen angetan hatte, zu rächen. Sie suchten ihn auf und begegneten ihm auf dem Eis, gerade unterhalb seiner Hütte. Als er ihnen sagte, er ginge auf die Bärenjagd, sagten sie: »Laß uns deinen Speer ansehen.« Dieser Speer hatte einen sehr starken, scharfen Walroßzahn als Spitze. »Ah!« sagten sie, »der ist sehr gut, um Bären zu töten; wie scharf er ist! Du mußt ihn gerade in diese Richtung stoßen.« Und wie sie das sagten, stießen sie ihn ihm in die Stirne. Die Spitze des Speeres drang ihm ins Gehirn und dann schlitzten sie ihm mit ihren Messern den Leib auf.
Der Geist des Festhauses
Eine Frau ging einmal, als es schon ganz dunkel war, ins Festhaus. Immer schon wollte sie den Geist dieses Hauses sehen und obwohl die Inuit sie davor gewarnt hatten, bestand sie doch auf ihrem Vorhaben.
Mit diesen Worten rief sie den Geist an: »Wenn du im Haus bist, so erscheine!« Und als sie nichts von ihm sehen konnte, schrie sie: »Hier ist ja gar kein Geist, er will nicht kommen.«
Da sagte der noch immer unsichtbare Geist: »Hier bin ich, dort bin ich!«
Da fragte die Frau: »Wo sind deine Füße, wo sind deine Schienbeine, wo sind deine Schenkel, wo sind deine Hüften, wo sind deine Lenden?« Und jedesmal antwortete der Geist: »Hier sind sie, dort sind sie!«
Die Frau fragte weiter: »Wo ist dein Bauch?« »Hier ist er«, antwortete der Geist. »Wo ist deine Brust, wo sind deine Schultern, wo ist dein Nacken, wo ist dein Kopf?« »Hier, da ist er.«
Wie aber die Frau den Kopf berührte, fiel sie plötzlich tot um: er war knochenlos und kahl.
Die Bärengeschichte
Vor langer Zeit fand einmal eine Frau einen zwei bis drei Tage alten Bären. Da sie so einen Liebling schon lange vermißt hatte, widmete sie ihm ihre innigste Fürsorge, als ob es ihr eigener Sohn wäre, hätschelte ihn, machte ihm neben ihrem eigenen ein weiches, warmes Bett zurecht und sprach mit ihm, wie eine Mutter mit ihrem Kind. Sie hatte keine lebenden Anverwandten mehr und bewohnte mit dem Bären allein das Haus. Als Kunikdjuaq herangewachsen war, bewies er der Frau, daß sie ihn nicht umsonst erzogen hatte, denn er begann bald Seehunde und Lachse zu jagen, die er, bevor er selbst davon aß, seiner Mutter brachte und erst aus ihren Händen empfing er seinen Anteil davon. Auf einer Hügelspitze wartete sie immer auf seine Rückkehr und wenn sie sah, daß er kein Glück gehabt hatte, bettelte sie bei den Nachbarn um Walfischspeck für ihn. Sie konnte das von ihrem Ausguck aus beobachten, denn wenn er Erfolg gehabt, kam er in derselben Spur zurück, die er beim Auszug gemacht hatte, wenn er aber keinen Erfolg gehabt hatte -- immer auf einer anderen. Da er die Inuit auf der Jagd zu übertreffen wußte, erregte er ihren Neid und so wurde nach langen Jahren treuen Dienstes sein Tod beschlossen. Als die alte Frau das hörte, erbot sie sich, von Gram überwältigt, ihr eigenes Leben herzugeben, wenn dafür nur der verschont wurde, der sie so lange erhalten hatte. Ihr Angebot wurde kurzweg abgewiesen. Als sich alle seine Feinde in ihre Hütten zurückgezogen hatten, hielt die Frau mit ihrem Sohn, der jetzt schon zu Jahren gekommen war, ein langes Gespräch und sagte ihm, daß böse Männer darauf aus wären ihn umzubringen, und daß es für ihn nur eine Möglichkeit gebe, sein und ihr Leben zu retten, nämlich auf und davonzugehen und nicht mehr zurück zu kommen. Zugleich bat sie ihn aber sich nicht weiter zu entfernen, als daß sie weggehen und ihn treffen könnte, um einen Seehund und sonst dergleichen, was sie brauche, zu bekommen. Nachdem der Bär auf das gehört, was sie ihm unter Tränen, die auf ihre runzeligen Wangen fielen, gesagt hatte, legte er freundlich seine großen Tatzen auf ihren Kopf, umschlang dann ihren Nacken und sagte: »Gute Mutter, Kunikdjuaq wird immer auf Ausschau sein nach dir und dir so gut er kann dienen.« Nachdem er das gesagt, befolgte er ihren Rat und ging zum Kummer der Dorfkinder und der Mutter fort.
Nicht lang danach ging diese, da sie Mangel an Nahrung hatte, hinaus aufs Meereis um zu sehen, ob sie nicht ihren Sohn treffen könnte und sie erkannte ihn auch bald als den einen von zwei Bären, die miteinander dalagen. Er lief zu ihr und sie patschte ihm in ihrer altgewohnten traulichen Art auf den Kopf, verriet ihm ihre Wünsche und bat ihn wegzueilen und etwas für sie zu bringen. Der Bär lief davon und wenige Augenblicke darauf sah die Frau einen fürchterlichen Kampf zwischen ihm und seinem früheren Gefährten, der zu ihrer großen Beruhigung bald damit endete, daß ihr Sohn einen leblosen Körper vor ihre Füße zerrte. Mit ihrem Messer häutete sie rasch den toten Bären ab, gab ihrem Sohn große Speckscheiben und sagte ihm, sie werde bald zurückkommen, um das Fleisch, das sie nicht auf einmal nach Hause bringen könne, zu holen und wenn es ihr wieder an Nahrung mangle, werde sie wieder kommen. Das tat sie denn auch noch lange, lange Zeit. Der treue Bär half ihr immer und genoß der gleichen Liebe, wie in seiner Jugend.
Der rote Bär Ta-ku-ka
An der Küste, dort ungefähr, wo heute Pikmiktalik liegt, lebte ein Eskimojäger namens Pi-tikh-cho-lik mit seiner Frau Ta-ku-ka. Damals waren die Berge von großen Renntierherden bevölkert und die See war voll von Seehunden und Fischen, so daß Pi-tikh-cho-lik eine Menge Nahrung und Felle nach Hause brachte.
Eines schönen Sommerabends stand Ta-ku-ka an der Küste und wartete auf die Rückkehr ihres Gatten. Obwohl er ihr auseinandergesetzt hatte, daß sich die Renntiere weiter in die Berge zurückgezogen hatten und die Seehunde nur noch weit draußen im Meer zu finden seien, war sie doch besorgt und unruhig, da er länger als bei seinen sonstigen Jagdausflügen fortblieb.
Nach einiger Zeit ging Ta-ku-ka ins Haus, um nach ihren Kindern zu sehen; als sie dann wieder herauskam, war ihr Mann gerade dabei, seinen Kajak auf das Gestell neben dem Haus zu stellen.
Sie stellte an ihn, wegen seines langen Ausbleibens, eine Menge Fragen, er antwortete aber verdrießlich, daß er weit aufs Meer hinausgefahren und so lange ausgeblieben sei, weil er ohne Beute nicht zurückkommen wollte. Sie gingen ins Haus und Ta-ku-ka setzte ihm verschiedene Lieblingsgerichte vor, aber er aß nur wenig und war überhaupt traurig und mißmutig. Seine Frau drang in ihn, ihr doch den Grund seiner üblen Laune zu sagen; schließlich sagte er: »Wenn du durchaus den Grund meiner Kümmernisse wissen willst, so höre ihn also: ich fühle, daß ich sterben muß und der dritte Tag von heute an wird mein Todestag sein.«
Darauf fing Ta-ku-ka bitterlich zu weinen an, er tröstete sie aber und sagte: »Weine nicht und mach mich nicht noch unglücklich, solange ich noch bei dir bin, sondern höre meine letzten Wünsche. Wenn ich gestorben bin, mußt du meinen Kajak ins Wasser stellen und an der Küste verankern; dann lege mein Ruder, meine Speere und Schnüre auf ihren gehörigen Platz hinein. Kleide dann meinen Körper in die wasserdichte Jacke und setz mich in den Kajak und binde die Jacke am Rand des Mannloches fest, wie ich es immer getan, wenn ich aufs Meer hinausfuhr. Stelle dann noch drei Tage hindurch jeden Abend Fische, Renntierspeck und Beeren vor mich, damit mein Schatten zufrieden gestellt wird. Versprichst du mir das?« Ta-ku-ka versprach es und weinte still. Pi-tikh-cho-lik verließ das Haus nicht mehr und starb am dritten Tage. Da weinte Ta-ku-ka sehr, tat aber, wie ihr befohlen war. Jeden Morgen sah sie, daß der Schatten gegessen hatte, denn alle Speisen vor dem Körper waren weg. Als sie am vierten Tag an den Strand ging, um wie gewöhnlich ihren Toten zu beklagen, war der Kajak mit all seinem Inhalt verschwunden. Da warf sie sich zu Boden und blieb in ihrem Schmerz lange so liegen, schließlich erinnerte sie sich aber ihrer Kinder und ging wieder ins Haus, um nach ihnen zu sehen. Nun arbeitete Ta-ku-ka viel, sie sammelte Beeren, fing Fische und trocknete sie, um für den Winter einen Vorrat anzulegen.
Als sie so eines Tages Beeren klauben ging, entfernte sie sich weit vom Haus und kam auf den Gipfel eines Hügels. Sie überschaute von da die Gegend und sah noch weit entfernt Rauchwolken vom Boden aufsteigen. Es war das erste Zeichen, das sie je von anderen Leuten gesehen und sie beschloß hinzugehen, um zu sehen, was für Menschen dort seien. Nach einiger Zeit kam sie näher an die Stelle heran und kroch vorsichtig auf den Kamm eines zum Meer steil abfallenden, landeinwärts aber sanft geneigten Hügels. Hart am Wasser lagen drei Häuser und aus dem einen stieg der Rauch, den sie gesehen hatte.
Hier wartete Ta-ku-ka ruhig, um zu sehen was für Leute da wären; bald kam eine Frau heraus, hob eine Hand vor die Augen und blickte hinaus aufs Meer. Dann lief sie zurück ins Haus und rief irgend jemanden drinnen etwas zu. Nun kamen noch zwei andere Frauen heraus und alle gingen hinunter an den Rand des Wassers; dort stimmten sie ein Liebeslied an und tanzten am Sandstrand. Ta-ku-ka hatte die Frauen und ihre schönen Fellkleider so aufmerksam betrachtet, das sie nichts anderes bemerkte; jetzt aber traf leise der angenehme Ton einer singenden Männerstimme ihr Ohr und ihr Herz schlug höher. Über die Frauen hinweg sah sie einen Mann in seinem Kajak langsam der Küste zusteuern. Er sang und warf spielend seinen Seehundsspeer vor sich und hob ihn, wenn er daran vorbei kam, wieder auf.
Wie er näher kam, erkannte Ta-ku-ka in seinem Gesang ein Lied, das in früheren Tagen Pi-tikh-cho-lik ihr vorzusingen pflegte. Der Kajakmann landete nun und die Frauen empfingen ihn mit Freudenrufen. Ta-ku-ka wollte kaum ihren Augen traun, als sie sah, daß der Mann wirklich ihr Gatte war, den sie für tot gehalten. Er ging mit den Frauen ins Haus und da empfand Ta-ku-ka ein früher nie gekanntes, merkwürdig grimmes Gefühl im Herzen. Sie stand am Hügelrand und lauschte bis tief in die Nacht hinein dem Gesang und Gelächter, das aus dem Haus zu ihr drang.
Es wurde Morgen, Pi-tikh-cho-lik kam heraus und brachte am Kajak sein Jagdgerät in Ordnung. Nachdem er den Frauen an der Küste »guten Tag« gesagt, ruderte er lustig singend aufs Meer hinaus. Als er außer Sicht war, stieg Ta-ku-ka vom Hügel herab und folgte den Frauen in eines der Häuser. Die waren erstaunt, sie zu sehen, bewillkommten sie aber trotzdem und stellten viele Fragen an sie. Sie bewunderten ihr Gesicht und ihre Hautfarbe, die heller als ihre war und verschiedene tätowierte Linien in ihrem Gesicht: eine auf- und abführende zwischen den Augen und drei von der Unterlippe übers Kinn herunter, die auch anders waren, als die ihrigen. Im Laufe des Gesprächs sagte eine der Frauen: »Diese Gesichtslinien stehen dir sehr gut; ich würde viel dafür geben, wenn du mich lehrtest, mein Gesicht wie deins zu machen.« Ta-ku-ka antwortete: »Ich will dir zeigen, wie das gemacht wird, wenn ich dir damit einen Gefallen erweisen kann, aber ich werde dir dabei weh tun und du wirst den Schmerz vielleicht nicht aushalten.« »Ich werde den Schmerz nicht beachten und bin bereit, ihn auszuhalten, wenn ich nur so schön werde, wie du.« »Wie du willst!« sagte Ta-ku-ka, »geh ins Haus, zünde ein Feuer an und setze einen großen irdenen Topf mit Fett auf; wenn das Fett kocht, rufe mich, ich werde dann dein Gesicht so schön, wie das meine, machen.« Nachdem ihr die Frau gedankt hatte, ging sie, alles fertig zu machen und nun stellten die anderen Frauen noch eine Menge Fragen, wie: »Wird es sehr weh tun?« und »Wird sie wirklich so schön werden, wie du bist?« und noch andere mehr. Ta-ku-ka entgegnete darauf: »Es wird ihr nicht sehr weh tun und sie wird noch schöner werden, als ich.«
Die Frau kam bald zurück und meldete, das Fett sei fertig. Ta-ku-ka ging dann mit ihr ins Haus und befahl ihr, sich vor den Topf mit dem siedenden Fett zu knien und den Kopf darüber zu beugen. So wie das geschehen war, packte Ta-ku-ka sie bei den Haaren und stieß ihren Kopf ins heiße Fett und hielt ihn drin, bis die Frau tot war; dabei sagte sie: »Da! Jetzt wirst du immer schön sein!« Dann legte sie ihren Körper auf die Bettstatt, deckte das Gesicht zu und ging hinaus zu den anderen Frauen. In ihrer Abwesenheit hatten die beiden anderen miteinander geschwätzt und als sie zurückkam, fragten sie, ob es ihr gelungen sei, ihre Gefährtin zu verschönern, und Ta-ku-ka nickte mit dem Kopf.
Daraufhin sagten die beiden Frauen: »Wir wollen dir auch Geschenke geben, wenn du uns schön machen willst.« Sie war damit einverstanden. Dann gingen sie alle zum Haus der toten Frau und Ta-ku-ka sagte zu ihren Begleiterinnen: »Stört eure Freundin nicht, sie schläft jetzt, und damit nichts ihre Schönheit beeinträchtigt, ist ihr Gesicht zugedeckt. Wenn sie aufwacht, wird sie sehr schön sein.« Darauf brachte sie dann die beiden anderen Frauen, wie die erste um und sagte, wie sie sie niederhielt: »Ihr werdet auch sehr schön sein.« Sie fertigte nun aus Stäben drei Gestelle an und stellte sie, wo die Frauen am Abend vorher an der Küste getanzt hatten, aufrecht in den Sand und legte die Kleider der Toten darüber, sodaß man auf die Entfernung glauben konnte, sie stünden dort. Dann nahm sie das Fell eines roten Bären und ging zu ihrem Versteck in den Felsen zurück. Es wurde Abend und der Jäger kam, wie in der vorigen Nacht, singend zurück. Es drang zwar keine Antwort zu ihm, aber er glaubte doch, seine Weiber an der Küste stehen zu sehen, obwohl auf sein Loblied keine Antwort kam. Er wurde ärgerlich und hielt mit seinem Gesang inne. Dann begann er sie zu schelten und beschimpfen, aber noch immer blieben sie stumm. Nachdem er gelandet, lief er auf die schweigenden Gestalten zu und dann ins nächste Haus. Dort und im nächsten fand er nichts, aber im dritten sah er seine Weiber tot daliegen und Ta-ku-ka hörte die Schmerzensschreie, die er ausstieß, als er das sah.
Rasend stürzte Pi-tikh-cho-lik aus dem Haus; vor Trauer klagend und aus Ärger schrie er: »Wenn irgendwelche böse Geister das getan haben, so fürchte ich mich gar nicht vor ihnen; sie sollen nur kommen und versuchen auch an mir Rache zu nehmen; ich hasse und verachte sie!« Alles blieb ruhig. »Wenn irgend ein Rachegeist, Mensch oder Tier, das getan hat, so soll er nur aus seinem Versteck herauskommen und«, so brüllte er, »es wagen, einem Mann Trotz zu bieten, der ihm das Herz herausreißen und sein Blut trinken wird! Oh, elendiger Nichtsnutz!«
Wie zur Antwort darauf hörte er vom Hügel her ein tiefes Gebrumm und sah dort einen roten Bären aufrecht auf seinen Hinterfüßen stehen und seinen Körper vor- und zurückneigen. Das war Ta-ku-ka, die sich ins Bärenfell eingewickelt, und um sich vor Pfeil-oder Speerwunden zu schützen, darunter an jede Körperseite flache Steine gelegt hatte.
Pi-tikh-cho-lik sah sie und glaubte, es sei wirklich ein Bär und begann alle Schimpfnamen, die er sich nur ausdenken konnte, zu rufen, während er rasch einen Pfeil auf den Bogen legte und ihn losschoß. Der Pfeil traf auf einen der Steine und fiel unschädlich herab; der Bär wandte ihm die andere Seite zu. Wieder schoß er einen gutgezielten Pfeil ab und wieder war er wirkungslos. Da rutschte der Bär den Abhang zu ihm herunter und als Pi-tikh-cho-lik dem Bären den Speer in die Flanke stieß, zerbrach er ihm in der Hand. In ein paar Augenblicken hatte der Bär ihn leblos niedergeworfen, ihm das Herz herausgerissen und es aufgefressen. Daraufhin schien die Raserei, die Ta-ku-ka ergriffen hatte, sie zu verlassen und ihre besseren Gefühle kamen wieder zurück. Sie versuchte das Bärenfell abzustreifen, aber es saß so fest an ihr, daß es ihr nicht gelang.
Auf einmal erinnerte sich Ta-ku-ka ihrer Kinder zuhause; sie nahm von der Hügelspitze ihren Korb mit den Beeren und machte sich nach ihrer Wohnung auf den Weg. Als sie so dahinging, bekam sie plötzlich Angst vor ihrem merkwürdigen Blutdurst, in den sich Gedanken an ihre Kinder mischten. Sie lief weiter, kam endlich zum Haus und lief hinein. Die beiden Kinder schliefen, und als sie Ta-ku-ka sah, überkam sie wieder unbezähmbare Blutgier und sie riß sie augenblicklich in Stücke. Dann ging sie hinaus und schweifte im Land umher, voll Gier, einen jeden, der ihr entgegenkam, umzubringen.
Bis dahin waren die roten Bären harmlos gewesen, aber Ta-ku-ka pflanzte ihnen ihre eigene Leidenschaft ein, sodaß sie seither ganz wild geworden sind. Zuletzt kam sie an den Kuskokwimfluß und wurde von einem Jäger getötet, dessen Pfeil doch einen Weg durch einen Sprung in einem der Steine an ihrer Seite gefunden hatte.
Der rote Bär
In der Tundra südlich der Yukonmündung lebte einst ein Waisenknabe mit seiner Tante. Sie waren ganz allein und eines Sommertags nahm der Knabe seinen Kajak und fuhr weg, um zu sehen, wo die Leute am Yukon lebten, von denen er gehört hatte. Als er an den Fluß kam, fuhr er ihn hinauf, bis er ein großes Dorf erreichte. Dort legte er an und die Bewohner liefen hinunter zur Küste, packten ihn, brachen sein Kajak in Stücke, rissen ihm die Kleider vom Leib und schlugen ihn fürchterlich.
Bis zum Ende des Sommers wurde der Knabe dortbehalten, als Zielpunkt ständiger Prügel und schlechter Behandlung. Im Herbst faßte einer der Männer Mitleid zu ihm, baute ihm einen Kajak und sandte ihn nachhause, wo er dann nach langer Abwesenheit eintraf. Als er zu Hause ankam, sah er, daß um das Haus seiner Tante ein großes Dorf entstanden war. Nachdem er gelandet, ging er zum Haus seiner Tante, trat ein und erschreckte sie sehr, da er wie ein Skelett aussah, weil er so lange gehungert hatte und so viel geschlagen worden war.
Als seine Tante ihn endlich wiedererkannte, erzählte er seine Geschichte mit wehleidigen Worten, statt mit solchen des Ärgers über die grausamen Dorfbewohner. Nachdem er die Erzählung seiner Leiden beendet, sagte sie ihm, er solle ihr ein Stück Holz bringen. Das tat er auch. Daraus schnitzten sie ein kleines Tier mit langen Zähnen und scharfen Klauen und bemalten es an den Seiten rot und weiß an der Kehle; dann trugen sie das Tier ans Ufer der Bucht und setzten es ins Wasser. Dann beschwor es die Tante zu gehen und in dem Dorf, wo ihr Knabe gewesen, jeden, den es finde, zu töten.
Das Schnitzwerk bewegte sich aber nicht und die Frau nahm es aus dem Wasser, beschimpfte es, ließ ihre Tränen auf es herunterfallen und setzte es dann wieder ins Wasser mit den Worten: »Jetzt geh und bring die schlechten Leute um, die meinen Buben geschlagen haben.« Darauf schwamm das Tier über die Bucht und kroch am anderen Ufer hinauf, wo es zu wachsen begann und bald ein roter Bär von ziemlicher Größe wurde. Er wandte sich um und sah die alte Frau an, bis sie ihm zurief zu gehen und ja niemanden zu schonen.
Dann ging der Bär fort, bis er zum Dorf am großen Fluß kam. Er traf da einen Mann, der gerade um Wasser ging und zerriß ihn sogleich in Stücke; dann blieb der Bär in der Nähe des Dorfes, bis er mehr als die Hälfte aller Leute getötet hatte und die anderen sich vorbereiteten, es zu verlassen, um dem Verderben zu entgehen. Der Bär schwamm darauf über den Yukon zum weiter entfernten Kuskokwimfluß und tötete jeden, den er sah, denn selbst das geringste Lebenszeichen versetzte ihn in Raserei, bis es vernichtet war. Vom Kuskokwimfluß kehrte der Bär wieder zurück und stand eines Tags wieder am anderen Ufer der Bucht, wo er einst belebt worden war. Als er am drüberen Ufer die Leute sah, wurde er wieder wild, riß mit seinen Krallen den Boden auf, knurrte und begann dann über die Bucht zu setzen. Als die Dorfbewohner dies sahen, erschraken sie sehr, liefen herum und sagten: »Der Hund der alten Frau ist da; wir werden alle getötet werden; sagt der Frau, sie soll ihren Hund aufhalten!« Sie schickten sie, den Bären zu empfangen. Der Bär versuchte nicht sie zu verletzen, sondern ging vorbei, um die anderen Leute zu erwischen, sie hielt ihn aber an seinen Nackenhaaren und sagte: »Laß diese Leute in Ruhe, die waren zu mir freundlich und gaben mir Essen, wenn ich hungrig war.«
Danach führte sie den Bären in ihr Haus, setzte sich, sagte ihm, daß er ihren Auftrag gut ausgeführt und sie zufriedengestellt habe; er solle jetzt aber die Leute nicht mehr angreifen, außer, wenn sie versuchten, ihn zu mißhandeln. Nachdem sie ihm das gesagt, führte sie ihn zur Tür und schickte ihn weg in die Tundra. Seit dieser Zeit gibt es rote Bären.
Der Feuerball
Vor langer Zeit lebte in dem Dorf Kin-i-gim ein armer Waisenknabe, der niemanden hatte, der für ihn sorgte, von jedermann schlecht behandelt wurde, und auf Geheiß der Dorfbewohner immer dahin und dorthin laufen mußte. Eines Abends wurde er aus dem Haus geschickt um zu sehen, wie das Wetter sei. Er hatte keine Fellschuhe und da es Winter war wollte er nicht gehen, wurde aber doch hinausgejagt. Er kam gleich wieder zurück und sagte das Wetter habe sich nicht geändert. Daraufhin sandten ihn die Leute wieder mit demselben Auftrag hinaus, bis er schließlich zurückkam und erzählte, er habe einen großen Feuerball, wie den Mond, über einem nahen Hügel aufsteigen gesehen. Die Leute lachten ihn aus und schickten ihn wieder hinaus und da sah er, daß das Feuer herangekommen und schon ganz in der Nähe war. Da lief der Waisenknabe hinein, erzählte, was er gesehen und versteckte sich, denn er hatte Angst.
Bald darauf sahen die Leute eine Feuergestalt vor der Haut, die die Dachluke verschloß, herumtanzen und gleich darauf schlich auf den Knien und Ellbogen ein Menschengerippe durch den Eingang in den Raum.
Wie das Gerippe herankam, machte es eine Bewegung gegen die Leute, wodurch sie gezwungen waren, in der gleichen Stellung, wie das Gerippe, auf Knie und Ellbogen zu fallen. Es wandte sich nun um und kroch, wie es gekommen war, von den Leuten, die ihm nachgehen mußten, gefolgt, hinaus. Draußen kroch es weiter zum Dorf hinaus, noch immer gefolgt von den Leuten: bald darauf verschwand es und alle waren tot. Einige Dorfbewohner waren nicht dagewesen, als das Gerippe, der Tunghak, gekommen war und als sie zurückkamen, sahen sie überall Leichen herumliegen. Als sie ins Haus gingen, fanden sie den Waisenknaben und der erzählte, wie die anderen umgekommen waren. Sie verfolgten dann die Spuren des Tunghak und kamen jenseits des Hügels an ein uraltes Grab, bei dem die Spuren endeten.