Part 9
Die Sucht nach dem Fremdländischen scheint dem Deutschen im Blute zu liegen. Immer wieder muß ein Reformator erscheinen, der das mühsam eingepflanzte Fremde mit verdoppelter Mühe wieder ausgräbt. Gegen das französische Unkraut kämpfte zuerst und am rücksichtslosesten der Preußenkönig +Friedrich Wilhelm I.+, nach langer Zeit der erste wieder echt deutsch empfindende und handelnde deutsche Fürst. Er hat bekanntlich bei seinem Regierungsantritte als ein junger Mann von 25 Jahren sofort allen kostbaren Prunk der Festlichkeiten, alles leere Gepränge des höfischen Zeremoniells bis auf das Notwendigste beschränkt und ein sehr gesundes Erziehungsprogramm für seinen Sohn aufgestellt mit dem Zwecke: Schaffensfreudigkeit, Kraft, Gesundheit, Sittlichkeit, Zufriedenheit zu erzielen. Deshalb drang er in der Erziehung auf Wahrhaftigkeit, Fleiß, Treue, Sparsamkeit, Einfachheit der Lebensführung, Gewöhnung an Ordnung, Gehorsam und an nützliche Beschäftigung. Auf den blendenden Schimmer einer hoch gesteigerten Schulweisheit gab er nichts. Er ist recht eigentlich der Vater des +preußischen Mannesideales+, der Schöpfer des preußischen Staates, der sich Schritt für Schritt die Vorherrschaft in Deutschland errungen hat. Seine hohe erziehliche Wirksamkeit erkannte selbst sein oft von ihm arg mißhandelter Sohn, der Große Friedrich, völlig an. Er sagte darüber zu seinem Freunde +de Catt+: »Welch ein schrecklich strenger Mensch! Aber auch wie gerecht, einsichtig und sorgsam. Sie glauben nicht, welche Ordnung er in alle Zweige der Regierung brachte! Seiner Sorge, Arbeit, Gerechtigkeit und Wirtschaftskunst verdanke ich es, daß ich das habe ausführen können, was ich ausgeführt habe.« -- -- Die Kraft des strengen und einseitigen Königs lag eben in dieser Einseitigkeit.
Er wagte es, einmal nichts anderes zu sein und scheinen zu wollen, als ein tüchtiger deutscher Mann. Selbst die lateinischen Studien galten ihm als Allotria. Köstliches erzählt darüber wieder sein Sohn: »Als ich noch Kind war und etwas Latein lernte, deklinierte ich eben mensa. Plötzlich trat mein Vater ins Zimmer. ›Was macht ihr da?‹ sagte er. ›Papa, ich dekliniere‹, sagte ich. ›Latein treibst du mit meinem Sohne, du Schurke!‹ Damit brachte er den Lehrer mit Stockschlägen aus dem Zimmer. Ich kroch vor Angst unter den Tisch und glaubte sicher zu sein. Aber er holte mich vor und bläute mich durch.«
Eine Illustration zu der Behauptung, daß es uns an einheitlicher Erziehungspraxis allzeit gefehlt hat: der König prügelt Lehrer und Sohn wegen des Lernens von mensa und Tausende von Kindern werden geprügelt, weil sie mensa nicht lernen wollen. Wer handelte nun wohl vernünftiger? Jedenfalls hatte der König seine klaren Grundsätze, die eine bewußte Abkehr von allem Fremden waren.
Der damals am Berliner Hofe beglaubigte französische Gesandte Graf +Rottenburg+ berichtet darüber, der König habe gesagt: »Ein Kind, das einst in einem bestimmten Lande und in einer bestimmten Zeit +herrschen+ soll, muß in nichts anderen als in den hierzu erforderlichen Gegenständen unterrichtet werden. Mögen Dauphins, Prinzen von Wales und Infanten die Weltgeschichte studieren und Latein lernen, mögen sie Zeit und Eifer auf die nicht leicht zu erwerbende Geschicklichkeit verwenden, sich beim ›Aufstehen‹ richtig zu benehmen: in Preußen steht der König allein auf, sobald die Reveille ertönt und geht auch ohne Zeremoniell zu Bett. Er ist nicht so reich wie die Könige von England, Frankreich und Spanien, sondern ein armer König, den das Altertum mit seinen Assyrern, Ägyptern und Römern nichts angeht.« Und nun folgen Worte, die jeder deutsche Erzieher kennen sollte. Sie sind von einer verblüffenden Wahrheit, und ihnen haben wir es in letzter Linie zu danken, daß wir wieder ein starkes, selbstbewußtes Volk geworden sind: »Herodot, Thucydides, Livius und Tacitus wissen nichts von Pommern, Jülich und Berg, auf welche die Hohenzollern Ansprüche haben. Und ihre Sprache! Kann man diese in der Armee oder in der Landwirtschaft gebrauchen? Die antike Pracht geht einen preußischen König nichts an. Denn der soll marschieren, reiten, sich um die Geschäfte kümmern, keine Perücke tragen, sondern deutsch denken und arbeiten.«[6] Zugleich wurde aber stark in +Frömmigkeit+ gemacht.
Auch +Friedrich der Große+ war mit der Jugenderziehung in den Lateinschulen keineswegs zufrieden. In ihnen würde nur das Gedächtnis gefüllt mit unbrauchbaren Kenntnissen, während das eigene Denken, Bildung des Urteils nicht geweckt und besonders Bildung einer mannhaften Gesinnung nicht erzielt werde. Mehr als durch Schulinstruktionen wirkte er, indem er seinen Deutschen den Mann der Tat vorlebte. Aber die gute Wirkung, die er damit als nationaler Erzieher gewonnen hatte, wurde wieder stark beeinträchtigt durch seine Hinneigung und Vorliebe für die französische Sprache und für französischen Geschmack überhaupt.
Da mußte wieder ein Lessing kommen, um auch diese Fremdpflanze auszuroden und um nun auf dem gesäuberten Boden freilich wieder eine andere noch von ferner her importierte Kultur zu pflanzen, so daß +Schiller+ spotten konnte:
Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlassen, Bricht in der Gräkomanie gar noch ein hitziges aus.
+Napoleon+, dem grausamen Zuchtmeister, ist es zu danken, daß die Deutschen sich wieder nach einem deutschen Mannesideal umschauten. Dichter, Philosophen, Staatsmänner legten sich die Frage vor, wie die alte germanische Tüchtigkeit wieder erweckt werden könne. Seitdem arbeiteten die Führer, Schöpfer und Sänger der Freiheitskriege an der körperlichen und sittlichen Neugeburt des im läppischen Hofgetändel, in Untertanendemut und in biedermeierischer Philisterseligkeit versunkenen Volkes. Die deutsche Jugend, lenkbar und hingebend wie stets, wenn man ihr hohe Ziele zeigt, folgte ihren Führern mit einer Begeisterung und einer Hingabe, wie sie Deutschland seit den Tagen des Arminius nicht gesehen hatte.
Hier war es zum ersten Male der Gedanke des großen deutschen +Vaterlandes+, der Stammes- und Blutsgemeinschaft, der dem Mannesideale neuen und tiefsten Gehalt gab. Vordem hatte kein deutscher Fürst, selbst Friedrich der Große nicht an ein deutsches einiges Volk gedacht. Sie alle trieben Lokalpatriotismus. Vordem hatte selbst der Offizier als Lehnsmann nur seinem Herrn gedient. Treue knüpfte ihn an den +einen+ Mann, nicht an seine Landsmänner. In den Glaubenskriegen entschied eine Zeitlang die religiöse Überzeugung, während das Vaterland nichts galt. Darauf wurde die Kriegsführung ein Handwerk. Es galt nicht für ehrenrührig, seinen Kriegsherrn zu wechseln. Franzosen dienten im Heere des Großen Friedrich. Deutsche Offiziere waren über die ganze Erde zerstreut. Man konnte nach den Anschauungen jener Zeit, wie der Major von Tellheim in Lessings Minna von Barnhelm, ein Ritter ohne Furcht und Tadel sein, ohne Anhängigkeit an ein Vaterland. Ein deutsches Vaterland also und damit die bewußten vaterländischen Mannestugenden schuf sich das deutsche Volk erst in und durch die Befreiungskriege. Es war neu und zündete auch wie ein neues Evangelium, als Schiller die Worte ins Volk hinausrief:
»Ans Vaterland, ans teure, schließ' dich an!«
Seitdem konnte man sich eine volle Mannespersönlichkeit ohne tiefe Beziehung zum Vaterland kaum mehr denken. Goethe sogar hatte sich gegen den ungerechten Vorwurf zu schützen, daß es ihm an vaterländischer Gesinnung mangele. Wer nicht Patriot war, galt eben nicht als voll, und wenn er ein Goethe wäre.
»Es war plötzlich«, sagt +Arndt+, »wie durch ein Wunder Gottes ein großes und würdiges Volk erstanden« -- »Die Preußen sind dem ganzen deutschen Volke Anführer zur Freiheit gewesen, sie sind ihnen auch ein Muster der Tapferkeit, Zucht, Bescheidenheit und Menschlichkeit, sie sind rechte Krieger Gottes geworden. Jene Begeisterung, womit sie sich dem Tode fürs Vaterland weihten, machte sie auch stark zu jeder hohen Geduld und zu jeder menschlichen Milde: sie waren in der Schlacht wie verzehrendes Feuer und wie erquickender Sonnenschein, wenn die Schwerter ruhten ... Daß wir jetzt (1845) frei atmen, daß wir fröhlich zu den Sternen blicken und Gott anbeten: das danken wir nächst Gott diesen Beginnern der deutschen Herrlichkeit. Sie sind uns übrigen Deutschen, wie verschiedene Namen wir auch führen mögen, die glorreichen Vertreter und das erste Beispiel der Freiheit und Ehre geworden« (Schriften für und an seine lieben Deutschen I, Leipzig 1845).
Ich glaube, daß man diese Zeit in ihrer sittlichen Größe trotz Heinrich von Treitschke noch nicht genügend würdigt. Wieviel idealer Schwung, wie große Opferfreudigkeit, welch begeisterte Hingabe des Lebens und aller Lebensgüter flammten in den Jünglingen und Jungfrauen, die sich an Körners und an Arndts Liedern begeisterten und singend und betend in Kampf und Tod gingen! Das Mannesideal, das damals geschaffen wurde, hätte nicht wieder versinken dürfen.
Seit der Niederwerfung Napoleons, als die Bundesakte einen losen Verband deutscher Staaten geschaffen hatte, trat immer lebhafter der Wunsch nach Verfassungen hervor, durch die die bürgerlichen Rechte sicher gestellt werden sollten gegenüber der Regierungsgewalt. Man hoffte, daß durch die öffentlichen Verhandlungen eines Landtages eine unendliche Menge von kleinen Interessen in den Kurs des bürgerlichen Lebens kommen und diesem einen größeren Gehalt und Reiz geben würden. Das große Interesse des Staates werde so gewissermaßen in Münze umgesetzt und diese ergieße sich über gewisse Teile der Gesellschaft und belebe ihren Staatsverkehr. Man erhoffte ein reiches blühendes Staatsleben und gedachte dabei an die Form in Rom und an Athens öffentliche Plätze. Gegen eine solche Vorstellung des Bürgerlebens mußte das stille Besorgen seiner Privatgeschäfte als eine wahre Stagnation erscheinen, und in diesem Sinne beklagte man sich auch ewig über den faulen, trägen Zustand der Zeit. »Soll der Untertan«, so sagte man, »sich seinem Staate im rechten Sinne anpassen, so muß er dessen Hauptinteressen kennen; diese müßten großartig und dauernd sein und in dieser bleibenden Richtung muß sich die Teilnahme des Bürgers befinden. Die Regierung muß so eingerichtet sein, daß er Vertrauen zu ihr hat; dieses Vertrauen braucht nicht blind und unbedingt zu sein; er kann mit seinem Urteile ihren Schritten folgen, und sein Herz kann ihr mehr oder weniger Beifall zollen. In diesem mehr oder weniger einstimmenden Gefühle und Urteile der Untertanen wird die Regierung die Leitsterne erkennen und danach steuern können, um so leichter und schneller zu fahren.« (K. Schwartz, Leben des Generals Carl von Clausewitz. Bd. II. Berlin 1878.) Ideal der Zeit wurde der tüchtige und rechtschaffene Bürger, der zugleich warme Teilnahme an den großen Interessen des Landes zeigt, der +freimütige Politiker+.
Daneben lief eine neue Lehre her, die, von Frankreich ausgehend, vereinzelte Gemüter in Erregung versetzte, die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen. Zu dem Wunsche, selbsttätig dem Staate, der Gemeinschaft der Brüder zu dienen, gesellte sich der höhere Wunsch, dieses geliebte Vaterland zur Pflegstätte und Heimat der neuen Menschheitsideale zu machen. Männer mit freiem vorurteilsfreien Blicke, die sich über Standes- und Klassenvorurteile hinwegsetzten und »modern« empfanden, wollten nun auch mit Hand anlegen an der geistigen und sittlichen Verjüngung ihres Volkes. Aber da kamen sie übel an. So hatten sich die Fürsten und ihre Staatsmänner die Folgen des Freiheitskampfes nicht vorgestellt. Nachdem das Volk ihnen den Feind aus den Landen gejagt hatte, sollte ein jeder Untertan wieder still an seine Arbeit gehen und die Lenkung der politischen Geschicke denen überlassen, die von Gott und kraft ihres Amtes dazu da waren. Die freien deutschen Burschen aber, die sich klüger dünkten und in ihrem jugendlichen Unverstande von einem einigen, freien deutschen Vaterlande schwärmten, hatten hinter eisernen Gittern Zeit, darüber nachzudenken, daß Deutschland für die Verwirklichung ihrer Mannesideale noch nicht reif war. Als die große Hetze losging gegen die Burschenschaftler, liberalen Schriftsteller und alle für ein einiges großes Deutschland begeisterten Schwärmer, hat auch +Laube+, dessen hundertjähriger Geburtstag soeben in Deutschland festlich begangen wird, neun Monate im Gefängnis zugebracht, nicht für eine gegen den Staat gerichtete Tat, nur für seine deutsche Gesinnung. Aber er hat diese tapfere Gesinnung sein Leben lang bewahrt, ob er sie gleich in jungen Jahren so schwer büßen mußte. +Feodor Wehl+, der das zutreffendste Bild von Laube entworfen hat, sagt mit warmen Worten: +Das junge Deutschland ist ohne Überläufer und Verräter an seiner Sache geblieben. Das ist auch ein Ruhm, und dieser Ruhm schmückt Laube noch besonders+, denn er, der später an die Spitze des Wiener Burgtheaters trat, war dort ohne Zweifel vielfach der Versuchung ausgesetzt, ein Liebediener der Macht und ein Abtrünniger seiner demokratischen Gesinnung zu werden. Er ist es nicht geworden, wie sehr er auch von seiner tumultuarischen Jugend sich losgesagt. Ohnmächtig auf politischem Felde, wendete sich seine von Tatkraft strotzende Natur im Beginne der vierziger Jahre der Literatur zu, um den modernen Geist in ihr zum Ausdruck zu bringen. Sein tumultuarisches Wesen wußte eine Zeitlang nicht ein noch aus, wendete sich abenteuerlich nach verschiedenen Zielen, seine eigentliche Bestimmung suchend, sich mit verwegener Zuversicht Bahn schaffend. In all diesem Ringen ist ein Zug hervorstechend, der ihn zum Regieren bestimmt erscheinen läßt: der ungestüme Drang, Positives zu schaffen, gestützt auf ein zweifelloses Selbstvertrauen. (Josef Lewinsky in der N. Fr. Presse vom 16. Sept. 1906.)
Laube selbst hebt in seinen Erinnerungen hervor, daß eine politische Verbindung »Junges Deutschland« nie existiert hat, sondern nur eine Erfindung des Herrn +v. Tzschoppe+ in Berlin war, »um eine polizeiliche Handhabe zu gewinnen für seine Bannbulle gegen eine Anzahl junger Schriftsteller, welche der damaligen Reaktion unbequem waren«.
Wienbarg, Heine, Laube, Gutzkow, Theodor Mundt, das waren bekanntlich die feinen Köpfe, gegen die polizeilicher Spürsinn seine Maßregeln ergriff. Was hatten diese Männer im Sinne? Hören wir sie selbst. Laube sagt:
»Es fing an deutlich zu werden, daß eine junge Schriftstellerwelt entstünde, welche außerhalb der traditionellen Bahnen unserer Klassik und Romantik eine Existenz und eine Wirkung hatte. Die erkünstelte Situation, die geschraubte, krankhafte Empfindung wurden plötzlich verspottet, die Wahrheit wurde gesucht, die Wahrheit in den Ausgangspunkten und in den Zielen, im wesentlichen das, was man später +Realismus+ genannt hat. Man nannte es damals ›Junges Deutschland‹.«
Die Reaktion war aber zu stark, um diese junge Pflanze aufkommen zu lassen. Bald wurde es auch wieder still, und der Gedanke an ein großes deutsches Vaterland mußte wieder einschlafen. Vergebens hatte also die deutsche Burschenschaft gesungen, +Jahn+ seine deutsche Turnerschaft ins Leben gerufen: in den großen Kreisen des Volkes Preußen erklangen nur noch lokale und preußisch-patriotische Lieder. »Auch in den deutschen Schulen gab es, mindestens vor 1848, niemals einen wirklichen deutschen Patriotismus. Wie man dort an Stelle großer dichterischer Eindrücke die grammatischen Lehren einer toten Sprache empfing, so an Stelle eines echten, lebendigen, Patriotismus nichts als die Geschichte toter Völker.« So berichtet einer, der die Zeit mit durchlebt hat, +L. Passage+, und stimmt darin mit +Bismarcks+ Schulerinnerungen überein.
Nie sind brave Männer mit ärgerem Undanke belohnt, nie unwürdiger behandelt worden, als die Deutschen in der Zeit zwischen der Völkerschlacht bei Leipzig und der Revolution von 1848. Unter +Metternichs+ Zucht erstarb alles Leben. Die Staatsmaschine arbeitete wieder im alten trägen Gange. Freiherr v. Stein hat einmal die Tätigkeit der damaligen österreichischen Ämter beschrieben und erzählt: »Diese Bureaus beschäftigen sich allein mit der Anwendung eines Systems plumper, verworrener Förmlichkeiten, die jeden Augenblick die freie Tätigkeit des Menschen aufhalten, um an deren Stelle Massen von Papier und die nichtige Dummheit oder Faulheit zu setzen.«
Dieses Bureaugetriebe des Vormärz hemmte jeden Fortschritt, jedes freie geistige Leben. Oder wie sollte man es anders deuten, daß unmittelbar nach einer so beispiellosen nationalen Erhebung, mit der verglichen die griechischen Befreiungskämpfe gegen die Perser eine Armseligkeit sind, jeder Aufschwung, jeder politische, wirtschaftliche, geistige Fortschritt ausbleibt, daß die Zeit krank und müde dahinschleicht und auch die Bestrebungen der Männer, die sich zum Bunde des sog. »Jungen Deutschlands« zusammenfanden, keinen frischeren Zug in das öffentliche Leben bringen können?
Dafür blühte um so üppiger der Weizen der Mucker. In stickiger Kanzleiluft, unter der Obhut von großschnauzigen Polizeibeamten und leisetretenden, nach oben hin kriechend ergebenen, nach unten hin großtuerischen und geheimnisvollen Staatsdienern konnten mannhafte Deutsche nicht gedeihen. Wieder bildete das kleinliche Getriebe der Verwaltungmaschinen, der Klatsch bei Hof und in der »guten« Gesellschaft, das Sinnen und Sorgen um die kleinen täglichen Bedürfnisse, Wünsche, Freuden und Leiden den Inhalt des um seine großen Ziele gebrachten Lebens.
Die wirklich Großen aber, wie +Heinrich von Kleist+, +Friedrich Hebbel+ und +Otto Ludwig+ blieben sogar unverstanden. Wer Deutschland verlassen und fremde Kultur gesehen hatte, der wollte in die unfreie Heimat nicht wieder zurück. Amerika, England, Frankreich gewannen den Ruf, Länder freier Männer zu sein. Als der derblustige Wiener Dichter Eduard von +Bauernfeld+ von einem Besuche in England heimkehrte, erzählte er darüber in seiner lebhaften Art und sagte laut: »+In England ist jeder Kohlenträger gescheiter, als bei uns ein Hofrat.+« Als er sich umwendete, stand ein Hofrat +Vesque v. Püttlingen+ hinter ihm und lachte -- fast zustimmend, jedenfalls gar nicht beleidigt. Man glaubte auch sonst in Österreich, daß Bauernfeld wohl recht habe.
Der deutsche Bürger lebte wie in einem großen Staatsgefängnisse. Wie weit das Mißtrauen und die Verfolgungswut ging, dafür habe ich selbst noch eine Probe gesehen: Mein Vater, der in den Jahren um 1855 in Wien lebte, dann aber nach Gotha übersiedelte, erfuhr erst nach Jahren in Dresden, um 1880 herum, von Fürst Hugo Salm-Reifferscheid, daß alle Briefe, die er aus Gotha an Wiener Freunde schrieb, von der Zensur geöffnet worden seien und daß man seine Wege in Wien selbst überwacht habe. Dabei hat er +niemals+ politisch tätigen Anteil genommen. Der Umstand allein, daß er in Gotha lebte, mochte ihn verdächtig gemacht haben, oder vielleicht, daß er Friedrich Hebbels Freund war?
Kein Wunder, daß viele und oft gerade die Besten dem unfreien Vaterlande für immer den Rücken kehrten. +Heinrich Heine+ gab dieses Vaterland, in dem nur der Korporal und der Büttel Rechte hatten, dem öffentlichen Spott preis. Man sollte ihm heute dafür nicht mehr zürnen. Deutschland und Preußen verdienten den Spott gründlich. Das Volk war zur Ohnmacht verurteilt, der Staat omnipotent und ein gar gestrenger, ungnädiger Herr. Post, Steuer, Polizei, Militär, alles, was Uniform trug, quälte die Bürger unsäglich. Wer nicht schweigend parierte, wurde langsam aber sicher mürbe gemacht.
Der stille, fromme Untertan, der seine Steuern pünktlich zahlte und all die unzähligen Beamten tief und in Demut grüßte, der durfte sein Biedermeierleben in Frieden führen und beschließen. Erziehern, die nur zum flüchtigen Übergang in unserem Jammertale weilten, um dann zu den täglich in Gebet und Lied herbeigerufenen ewigen Freuden einzugehen, solchen pastoralen Schulmeistern war die Erziehung der deutschen Jugend anvertraut! Die Eltern gaben ihren Söhnen als tiefste Lebensweisheit den Spruch mit auf die Wanderschaft: »Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land«. Bescheidenheit, Demut, Polizistenfurcht wurden wieder die angesehensten Mannestugenden. Erst quälte man die Leute gründlich, dann empfahl man ihnen den Spruch: »Not lehrt beten.« Man wurde wieder recht weinerlich zaghaft und fromm. Von dem guten +Lavater+ hatten die Zeitgenossen gerühmt, daß er selbst durch seinen bei jedem Schritte einsinkenden Gang seine Gottergebenheit zu rührendem Ausdruck gebracht habe. Also knickebeinig sollte man durch die deutschen Lande schreiten, um gottgefällig zu sein und bei den Menschen Beifall zu finden.
Zum Glück waren die Jungen gesünder und klüger als ihre Lehrer.
Sie brachten uns eben als Männer die Verfassung von 1848 und damit erst die Möglichkeit, zu einem selbstherrlichen Volke zu werden. Der Wind kam wieder von Westen. »Die Freiheit lag aber damals in der Luft. So einen Vorfrühling hatte man in Deutschland noch nicht erlebt.«
»Die Herzen waren heiß«, läßt Ludwig Thoma im Andreas Vöst seinen alten Revoluzzer sagen, »und der Verstand war nicht immer kühl, aber in den Leuten war mehr Weisheit, als in den trockenen Dienern der Nützlichkeit, die heute die Nase rümpfen und sich das bißchen Freiheit wegstehlen lassen, was ihre Väter errungen haben.«
Die Regierungen haben die Männer von 48 und die Früchte ihrer Revolution bis heute noch nicht aus Überzeugung anerkannt. In Preußen gelten die Achtundvierziger in »maßgebenden« Kreisen noch heute als Unbotmäßige, als dreiste Auflehner gegen die Staatsautorität. Man überläßt den »Reichsfeinden« die Ehrenpflicht, die Gräber der damals gefallenen Bürger zu schmücken.
Wie schwer der Geist der Reaktion auf Deutschland und besonders auch auf Berlin lastete, ist den meisten bekannt, muß aber immer wieder auch an dieser Stelle betont werden, damit wir die traurige geistige Verfassung des damaligen Deutschland und ihre bis heute noch unheilvollen Nachwirkungen richtig einschätzen lernen. In demselben Verlage wie diese Schrift sind »Erinnerungen« von +Max Ring+ erschienen. Dort lesen wir über Berlin in der Reaktionszeit:
»Der Eindruck, den Berlin nach zehnjähriger Abwesenheit auf mich machte, war nichts weniger als erfreulich und angenehm. Gleich auf dem Bahnhof drängten sich mir die Maßregeln der siegreichen Reaktion auf. Eine Abteilung Infanterie und eine Schar der neuen Konstabler empfingen den ankommenden Eisenbahnzug und ließen keinen Reisenden ohne strenge Kontrolle passieren. Wer sich nicht durch seine Papiere als vollkommen unverdächtig legitimieren konnte, wurde zurückgewiesen oder zur nächsten Polizeiwache gebracht. Selbst Frauen und Kinder waren von dieser lästigen Untersuchung nicht ausgenommen. Auch ich mußte mich einem strengen Examen unterwerfen und über meine Person die genaueste Auskunft geben. Erst nachdem ich alle Fragen zur Zufriedenheit des betr. Beamten beantwortet hatte und auch meine Zeugnisse sorgfältig geprüft worden waren, erhielt ich die Erlaubnis, den Bahnhof zu verlassen. In einer Droschke fuhr ich nach dem nächsten, wenn auch nicht besten Hotel, wo ich so lange blieb, bis ich eine passende Wohnung gemietet hatte. Seit meiner Abwesenheit fand ich Berlin nicht gerade zu seinem Vorteil verändert und umgewandelt. Es herrschte eine mißmutige, gedrückte Stimmung, eine wahre Belagerungsatmosphäre, eine aller Beschreibung spottende Polizeiwillkür, die sich in dem bekannten, damals allgewaltigen Herrn von Hinkeldey verkörperte.