Erziehung zur Mannhaftigkeit

Part 8

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Mit Wissenschaft befaßten sich diese Männer freilich nicht. Es war schon viel, wenn einer schreiben und lesen konnte. Aber deshalb waren sie doch nicht ungebildet. Ihre Kenntnisse von Ländern und Leuten erritten sie sich auf ihren endlosen Zügen in Freundes- und Feindesland. Die Welt war damals noch eng. Schon der alte +Hildebrandt+ rühmt sich seiner Weitgereistheit und seiner Menschenkenntnis. Ebenso +Walther von der Vogelweide+. Diese Männer waren gut vertraut mit dem Boden, auf dem sie wirkten und mit den Sitten, Sprachen und Anschauungen der Völker, mit denen sie verkehrten. Ich glaube nicht, daß sie uns den Eindruck der Unbildung machen würden, wenn es möglich wäre, plötzlich einmal in ihre Mitte einzutreten. Man lese nur Walthers Gedichte, um sich mit dem tiefen sittlichen Gehalte und mit dem Umfange ihrer geistigen Interessen bekannt zu machen.

Jedenfalls hatte der junge Adlige sein klar umschriebenes Mannesideal vor Augen und wußte, wohin er zu streben und zu wachsen habe. Der junge Parzival hielt die ersten erzgepanzerten Ritter, die er sah, für Götter. Wie Götter erschienen sie wohl jedem Kinde. Wenn man ihm dann sagte, es könne durch rechte +Zucht+ auch einmal so ein stolzes Wesen werden, dann war dem Leben Ziel und Weg gewiesen.

Deutsche Männer nennt Walther »wolgezogen« und »teutsche zucht«, sagt er, »gat vor in allem«.

Das ritterliche Mannesideal und die ritterliche Zucht blieb selbst in der besten Zeit auf den Stand der Ritter beschränkt. Bürgern und gar Bauern kam es nicht in den Sinn, ein gleiches zu erstreben, auch waren sie durch die Standesschranken davon ausgeschlossen. In den Kreisen der Ritterschaft hielten sich noch die äußeren gesellschaftlichen Formen und das Bewußtsein, durch eine Ahnenreihe den Wert und Adel ererbt zu haben. Der bloße Name genügte, einem ganzen Leben erhöhte Ansprüche und ein gesteigertes Selbstbewußtsein zu geben. Wo innerer Wert fehlte, da mußte oft der Schein aushelfen. Mit der edleren ritterlichen Kultur sank aber und verblaßte auch das edle Mannesideal.

Man beachte nur, welche Sinneswandlungen der Begriff der höfischen Zucht erfahren hat! Aus höfisch wurde im Laufe der Jahrhunderte »höflich« und »hübsch«. Wie eng umgrenzt, wie wenig einem vollen Manneswert angepaßt ist dieses »höflich«, das allein auf die gefällige äußere Form geht und einem Lakaien oder einer jungen Magd ebensogut ansteht wie einem freien Manne! »Hübsch« aber ist noch engeren Umfanges und schon auf die bloße äußere gefällige Erscheinung beschränkt. Nur in dem sächsischen Dialekt bezeichnet man als hübsch einen Menschen von angenehmen gesellschaftlichen Formen. Die Sachsen pflegen sehr mit Unrecht belächelt zu werden, wenn sie in diesem Sinne sagen: »S'is e hibscher Mann«. Sie haben sich damit gerade die gute alte Bedeutung treu bewahrt, die wir anderen Deutschen fallen ließen.

Kein Vater sagt aber heute seinem Sohne mit der vollen Überzeugung, ihm das Beste zu geben: »Mein Sohn, werde ein hübscher Mann -- oder ein höflicher Mann!« Dem Worte +Zucht+ ist es nicht viel besser ergangen: Es ist auch heruntergekommen. Zucht kommt von ziehen. Es bedeutet also emporziehen, aufziehen, wie man junge Pflanzen, junges Vieh aufzieht. Das geschieht mehr durch Pflege, als durch Gewalt. Mit der Zeit aber gewann der gewalttätige Teil der Bedeutung die Oberhand. Das mag durch die militärische Praxis gekommen sein. Preußen hat daran gewiß seinen guten Anteil. »Straffe Zucht« war das Ziel, dem der Vorgesetzte zustrebte. Das hat mit guten gesellschaftlichen Formen und mit ritterlicher Gesinnung nur noch wenig gemein. Man nennt jetzt Zucht und Disziplin zumeist in einem Atem. Das Wesentliche ist der blinde +Gehorsam+. Die Rute wurde zur Zuchtrute, das Verbesserungshaus zum Zuchthaus. Heute denkt man kaum noch daran, daß jemand im Zuchthause »erzogen« werden soll. Es ist ausschließlich Strafhaus geworden. Wir wollen deshalb auch auf unsere Kinder Wort und Wesen der »Zucht« ohne Einschränkung nicht anwenden. Das wäre uns zu hart und zu lieblos. Nur im Ausnahmefalle, wenn alle anderen Mittel erschöpft sind, tritt die Züchtigung ein. Dabei sind heute schon Eltern recht zweifelhaft, ob man durch Züchtigungen die Entwicklung edler Männlichkeit fördere. Sie meinen im Gegenteil vielfach mit Walther von der Vogelweide: »Niemand kann mit Gerten Kinderzucht erhärten.«

Ein einheitliches Mannesideal war deshalb der deutschen Jugend nicht beschieden, weil Deutschland keine selbständige einheitliche Kultur hatte.

Die Erziehung lag zumeist in den Händen der +Geistlichkeit+. Die »Geschorenen« waren aber dem Volke nie ganz geheuer. Man gab sich ihnen weniger aus Überzeugung hin als geblendet vom äußeren Glanze, von den unerschöpflichen Gunst- und Gnadenmitteln, von den lockenden Verheißungen und auch von äußerem Zwange bestimmt. Die großartige Organisation der römischen Kirche war natürlich mächtiger als das bürgerliche und kleinstaatliche Leben der Deutschen, die der fremden Kultur lange nichts Gleichwertiges entgegenstellen konnten. Der Geistliche hatte seinen Wert und seine Weihe durch sein Amt, er berief sich auf die höchsten Autoritäten im Himmel und auf Erden. Wer wollte dagegen an? Versuchte man es, so gab es jedesmal einen Kampf auf Leben und Tod. Kirchenbann, oft auch Reichsacht, Krieg und Verdammnis drohten dem Abtrünnigen. Fromme Mütter, nicht aber die Knaben selbst, sahen in glaubensstarken und glaubenseifrigen Priestern nachahmenswerte Vorbilder. Dem echten deutschen Burschen war es allzeit wohler im Wams als in der Kutte und die himmlische Liebe allein genügte auch ihm nicht.

Als Männer aufstanden, die den Kampf gegen die Geschorenen wagten, fanden sie eine begeisterte Jugend hinter sich. Wir lesen kein Sterbenswörtchen, daß Walther in Deutschland zu leiden gehabt hätte, weil er den Pfaffen Lug und Trug vorwarf, die Päpste wegen ihrer Untreue und Doppelzüngigkeit schmähte und Gott selbst zu Hilfe rief gegen das Treiben des zu jungen Papstes.

Nicht Frömmigkeit, sondern +Tugend+ ist es, wonach der deutsche +Bürger+ trachtete. Als das Rittertum zu Grabe gegangen war, da lebte diese +bürgerliche Tugend+ und Tüchtigkeit so kräftig auf, daß sie den offenen Kampf gegen die fremden Lehrmeister wagen durfte. Das neue deutsche Mannesideal hat sich nicht nach den Lehrsätzen der römischen Kirche, sondern im Kampfe gegen diese herausgebildet.

Nicht auf Adelsbriefen und einer langen Ahnenreihe und nicht auf dem geweihten Amte, sondern allein auf seiner Kraft und Tüchtigkeit beruht der Wert des Bürgersmanns. Nur wer etwas taugt, hat Tugend, ist zu brauchen, genießt Achtung und bringt es zu etwas.

Aus diesen Regionen der harten Arbeiter stammen auch all die Männer des XVI. Jahrhunderts, die allein uns heut noch etwas zu sagen haben: Holbein, Dürer, Hans Sachs: harte Arbeiter, Männer der Tat, Bürger von echtem Bürger- und Handwerkerstolze. Die Kraft dieses Geschlechts lag in ihrer inneren Wahrhaftigkeit. Bei ihnen deckte sich Sein und Schein. Sie wollten nichts anderes sein, als Meister auf ihrem Arbeitsfelde und gaben ihren Wert sich selbst.

+Goethe+, selbst gewiß ein Aufrechter, gewillt, sich seine »Geradheit« stets ungebrochen zu erhalten, fand an jenen Männern ein herzliches Wohlgefallen:

»Ihr festes Leben und Männlichkeit, Ihre innere Kraft und Ständigkeit«

hatten es ihm angetan. Wie aus Eichenholz geschnitzt sind ihre Charakterköpfe, und ebenso fest und sicher war ihre Lebensführung: ein Siegeszug, der über alle Mühsale und Fährlichkeiten des Lebens hinweggeht, wie der Ritter, den Dürer bildete, zwischen Tod und Teufel ohne Bangen und Zagen, Zögern und Klagen, fürbaß reitet. Ihre Bahn ist nicht durch Blut und Vernichtung bezeichnet, nein, wohin ihr Fuß trat, wo ihre Hand zufaßte, da blühte es auf, da erstanden Denkmäler der Kraft, Gesundheit und Schönheit. In ihrem Wesen ist nichts Erborgtes und Unechtes, nichts Verträumtes und Gekünsteltes.

Diese Männer stellten ihre Kraft wohl auch in den Dienst der Großen in Staat und Kirche, aber sie wurden nie Hofmaler, verkauften ihre Arbeiten, nicht aber sich selbst. Sie blieben sich in ihrer Kunst treu, schlicht und wahr, selbst wenn sie Kaiser malten. Nie gewahren wir einen Pinselstrich, der uns wie Phrase, wie eine servile Huldigung, wie eine Selbsterniedrigung anmutet. Wie die Großen der Erde zu diesen Größeren des Geistes standen, dies veranschaulicht die Szene, als Kaiser Maximilian dem Dürer seinen niedergefallenen Pinsel aufhob.

Von gleichem Schrot und Korn wie jene Meister der Kunst war auch +Luther+, der bürgerliche Prediger, dessen Verdienst darin bestand, daß er den Glauben zu einer mehr bürgerlichen Angelegenheit und damit die Kirche entbehrlicher machte. Wenn wir lesen, wie viele Männer damals ihm anhingen und für ihre Überzeugung ins Exil gegangen sind, wie viele für ihren Glauben gekämpft und gelitten haben, dann ergreift uns Bewunderung und Staunen. Luthers Wort: »Hier steh' ich, ich kann nicht anders«, betrachten wir als die größte Mannestat des ganzen Mittelalters. Daß es ein Germane sprach, das eröffnete den Kampf und Siegeszug der blonden Rassen gegen die dunklen. Damit setzt die geistige Befreiung der nordischen Staaten ein. An diesem Lutherworte haben sich seitdem Millionen germanischer Männer und Frauen aufgerichtet, dieses Wort wurde ihnen auch zum Leitmotiv ihrer Erziehung. »Werde ein Mann wie Luther!« Das versteht auch ein Kind. Das heißt: werde ein Mann, der seine Überzeugung gegen eine Welt von Widerständen behauptet. Das Trutzlied: »Ein' feste Burg ist unser Gott«, darin die gewaltigen Worte: »Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr', Kind und Weib: Laß fahren dahin! Sie haben's kein'n Gewinn: Das Reich muß uns doch bleiben«, enthalten ein vollständiges Erziehungsprogramm und können einem ganzen Volke Kraft und Halt geben.

Und woher schöpften jene Männer diese unverwüstliche Kraft? Aus der Wahrhaftigkeit ihres Wesens. Sie holten sich ihre Lebensgesetze nicht aus der Fremde, suchten die Schönheit nicht in Hellas und Rom, die Wahrheit nicht in der Kurie oder bei den Schriftgelehrten, sondern suchten und fanden sie in der Natur und in ihrer eigenen Brust. So schufen sie in ihrer großartig schlichten Natürlichkeit einen germanischen Glauben und eine deutsche Kunst, eine Heimatkunst. Und weil alles so ehrlich, schlicht und wahr, so gesund und selbstverständlich ist, deshalb bleibt es ewig jung und wirkt es auch so unwiderstehlich. Da findet man die Behauptung bestätigt, daß der Deutsche nur sich selbst treu zu bleiben braucht, um mannhaft zu sein. So wie er aber mehr oder etwas anderes sein will, als wozu ihn seine Natur bestimmt hat, wird er unsicher und kraftlos. Alle Wanderungen in fremdes Geistesland, zu denen es uns allezeit verleitet hat, sind auf Kosten der deutschen Mannhaftigkeit gemacht worden. Wir kommen davon wie Seeräuber mit reicher Beute beladen heim, aber wie mit einem inneren Knacks, da wir wohl das fremde Klima nicht vertragen konnten. Selbst wenn wir Bürgersleute uns nur in die »höhere« Gesellschaft unseres eigenen Volkstums begaben, bekam uns das jedesmal schlecht. Wir wissen uns da nicht zu benehmen, werden unsicher und unwahr, entweder demütig und verlegen oder protzenhaft und prahlerisch.

Nicht mit der Flinte oder mit dem Ruder haben diese Männer ihre Mannhaftigkeit betätigt, sie haben viel Höheres und Größeres geleistet. Sie haben den Kampf gegen eine Welt von sichtbaren und unsichtbaren Feinden aufgenommen, gegen die Hölle und den Himmel, gegen Kaiser und Papst. Als +Luther+ in den Saal zu Worms eintrat, wo ein Kranz von Würdenträgern der Kirche und des Reiches über ihn richten sollte, da sagte zu dem »Pfäfflein« der Kais. Feldhauptmann +Frundsberg+ mit Recht, daß er einen schwereren Gang mache, als er und sonst ein Ritter je gemacht habe. Da sah die staunende Welt einmal wieder, was ein +Mann+ ist. Gegen eine Schanze anstürmen, einen Seesturm bestehen, das war dem harten Geschlechte des XVI. Jahrhunderts nichts Bewunderungswürdiges mehr. Mut im Felde und auf den Wogen setzte man bei jedem schlichten Bauernburschen und bei dem jüngsten Seemann voraus. Was +Luther+ tat, war etwas viel Größeres, etwas Unerhörtes an Wagemut und Mannhaftigkeit. Nicht Gehorsam vor irgendeinem Machthaber, nicht Unterwürfigkeit unter eine Kirche, die jeden Dienst mit reichstem Lohne vergelten konnte, sondern Trotz allen anerkannten Mächten, Schutz und Lohn allein in der eigenen Brust. So lebte Luther seinem Volke den Mann der unbeugsamen Überzeugung vor, der seinem Gewissen folgt -- »und wenn die Welt voll Teufel wär«.

Im konfessionellen Hader und unter der einseitigen Ausbeutung durch herrschsüchtige Geistliche erfuhr aber auch dieses Ideal bald seine Trübungen. In rein germanisch-protestantischen Ländern, wie in Schweden, scheint es sich länger erhalten zu haben. Schiller hat im Wallenstein den Typus des glaubensstarken ritterlichen Protestanten in der Gestalt des schwedischen Oberst Wrangel festgehalten.

Zu ihm spricht Wallenstein die ehrenden Worte:

-- -- »Er urteilt wie ein Schwed und wie Ein Protestant. Ihr Lutherischen fechtet Für eure Bibel, euch ist's um die Sach'; Mit eurem +Herzen+ folgt ihr eurer Fahne. -- Wer zu dem Feinde läuft von +euch+, der hat Mit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen. Von all dem ist die Rede nicht bei uns.«

Worauf dann der erstaunte Ausruf Wrangels:

»Herr Gott im Himmel! Hat man hierzulande Denn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?«

In Deutschland, selbst im protestantischen, verlernte man bald in den Wirren des unglückseligen Dreißigjährigen Krieges die Hingabe für seine religiöse Überzeugung, weil die Fürsten mit der Gesinnung ihrer Männer elenden Schacher treibend, eigenmächtig über das Glaubensbekenntnis ihrer Untertanen nach dem Grundsatze: cuius regio eius religio entschieden; weil die Fürsten aus Interessenpolitik ganz nach äußerem Bedarf ihren Glauben wechselten und dann getreue Gefolgschaft ihrer Charakterlosigkeit von dem Volke forderten.

Heute noch wechseln auch protestantische fürstliche Damen, um zu heiraten, ihren Glauben je nach Bedarf und erschüttern durch dieses Beispiel fort und fort das Erziehungsideal lutherischer Gesinnungstreue in ihrem Volke, dem sie Vorbild und Erzieher zu sein den an sich berechtigten Ehrgeiz haben.

Es kommt hinzu, daß sich im Laufe der Jahrhunderte der Inhalt der lutherischen Überzeugungen für Unzählige verflüchtigt hat. Man ehrt diese Überzeugungen noch, teilt sie aber nicht mehr. An überlebten Idealen aber kann man ein Volk, zumal die Jugend nicht aufrichten. Gedanken und Ziele müssen werbende und hinreißende Kraft haben, wenn wir dafür die Jugend begeistern wollen, wenn diese sich mit Leib und Seele in ihren Dienst stellen soll. Gerade sie verlangt das, denn sie folgt mehr der Stimmung als der Überlegung. Was schert sie aber heute, ob z. B. Luther oder Zwingli in der Abendmahlslehre recht hatten? Wer die Probe darauf machen will, wie tief oder wie flach diese und verwandte theologische Streitfragen in der Volksseele wohnen, der versuche einmal einen Kongreß über ein solches Thema zustande zu bringen, einen Kongreß deutscher Männer, Frauen, Jünglinge und Jungfrauen! Ich zweifle an irgendeinem Erfolge. Und dabei bearbeiten die Geistlichen beider Konfessionen unser Volk von der Wiege bis zur Bahre mit allen diesen religiösen Fragen, als ob von ihnen alles Wohl und Wehe in Zeit und Ewigkeit abhinge.

Nicht Luthers Persönlichkeit also, aber die lutherische Lehre und der lutherische Katechismus haben abgewirtschaftet und damit sein Erziehungsideal.

Wir brauchen nur an den Katechismus zu denken, um sofort von einem Grausen überfallen zu werden vor all dem widerlichen pfäffischen Gezänke, vor all der blutrünstigen, düstern und so unsagbar elenden Wirtschaft, die uns daraus in Staat, Schule und Haus erwachsen sind.

Wir werden später der Frage nicht ausweichen können, wie weit heute die Geistlichkeit noch ihren Beruf als Erzieher zur Mannhaftigkeit erfüllt.

Daß viele Nachfolger Luthers jahrhundertelang als leuchtende Vorbilder ihrer Gemeinde in diesem Sinne gewirkt haben, ist eine historisch anerkannte, unerschütterliche Tatsache. Das deutsche Pastorenhaus in Ehren! Ein wahrer Strom des Segens hat sich von ihm auf unser Volk ergossen. Es ist die Wiege zahlloser führender Männer auf allen Gebieten unseres Kulturlebens geworden -- eine wahre +Heldenschule+ für geistige Kämpfer gewesen. Wenn es heute nicht mehr so ist, so liegt die Schuld außer an der Geistlichkeit selbst auch an der völligen Neugestaltung des Geisteslebens, die unsere Kirche ihrer bestimmenden, führenden Macht beraubt hat. Nicht am wenigsten sind es die bösen Lehrer, die ihr diese Wunden geschlagen haben -- mehr aus Notwehr als aus Frevelmut.

Die traurigste Zeit der deutschen Geschichte, die zwischen dem Westfälischen Frieden und den Befreiungskriegen liegt, ist eine Schule der Gesinnungsschwäche und aller Lakaientugenden gewesen. Fürsten von Gottes Gnaden in unabsehbarer Menge forderten sklavischen Gehorsam und hielten sich ein Heer von Hofbeamten, Eunuchen der Gesinnung, die wie abgerichtete Hunde nach den Launen Serenissimi spähten und sich zu jedem niedrigsten Dienst hergaben. Der aufrechte Mann hatte damals einen schweren Stand. Französischer Einfluß tat das übrige zur Ertötung jeder männlichen Haltung und Gesinnung. Die Trachten jener Zeit spiegelten ihren sittlichen Tiefstand. Die Männer mit ihren Perücken, Wadenstrümpfen, kleinen Schuhen, ihren gestickten Westen und spitzen Zierdegen suchten in allem französisch à la mode zu sein: elegant, geschmeidig, geistreich, witzend, gesinnungslos. Erziehungsideal selbst der männlichen Jugend war die politesse. Französisch parlieren, die Damen als verliebter Täuberich umgirren, auf der Gitarre klingeln, sentimentale Verslein schmieden. Der Galante stand in höherem Ansehen als der Mannhafte. Kichern statt frohen Lachens, nippen statt herzhaft essen und trinken, stets mit gekrümmtem Rücken ja sagen, nie einmal mannhaft aufrecht stehend auch mit einem offenen Nein trotzen. Daß Männer solcher Sitten keine Bärte tragen, das paßt ganz zum Bilde: Kastraten, Lakeien und allem unmännlichen Volke kommt diese Manneszier nicht zu. Man muß sich nur Gemälde jener Zeit betrachten. Auf den Städtebildern fehlt fast nie die stattliche Hofkarosse mit bunten Lakeien hinten auf dem Tritte, auf der Straße die Bürger, die Hüte und Nacken bis zum Boden niederbeugen. Man muß die Huldigungsgedichte lesen, mit denen das Geburtstagsfest Serenissimi oder die glückliche Niederkunft der Landesmutter gefeiert wurde, muß die Widmungen gelehrter Bücher sehen, mit denen, in tiefster Demut ersterbend, selbst die größten Geister jener Zeit ihre Geistesgaben als gehorsamste Diener ihrem Herrn zu Füßen legen zu dürfen submissest und untertänigst bitten und muß den ganzen Schnörkelkram des höfischen Zeremoniells einmal betrachtet haben, mit dem sich diese Halbgötter auf deutschen Fürstenthronen umgaben. Vieles davon lebt noch heute nach, so der häßliche Gruß »Gehorsamster Diener!« und der Unfug, der mit den Titulaturen und Wohlgeboren, Hochwohlgeboren etc. getrieben wird.

»Welche Nation in Europa«, so fragte schon Herder, »hat sich die Anrede der Menschen und Stände aneinander erschwert und verkünstelt wie die deutsche? Nicht nur die langweilig abgeschmackten Titulaturen, mit denen wir ein Spott aller Nationen sind und deren wir dennoch nicht entraten mögen, sondern der ganze Bau unserer öffentlichen Anreden, Zuschriften, Verhandlungen usf. zwingen uns in Knechtsfesseln zu sinnlos heuchelnden Knechtsgebärden. Unsere demütigen Bittschriften und die gnädigen oder allergnädigsten Resolutionen darauf, wer kann sie ohne Lachen, ohne Verdruß und Scham lesen? Und die förmlichen Oppositionen unserer Rechts- und Staatssachen, die Devotion, mit der wir verharren und ersterben, die krausen Züge, die dabei gemalt, die Papierballen, die Menschenleben, die mit und zu dieser unseligen deutschen Kunst verschwendet werden, die kopflose Steifheit, der Formelstolz, die pedantische Grobheit und Seelenschläferei, die daher ganzen Ständen, Kollegien und Ämtern zur zweiten Natur werden, wer kann und darf diesen Wust ausfegen? Und doch ist der gerade Vortrag der Wahrheit so auffallend leichter und lichter, indes die Verkünstelung und Verwirrung so viel Zeit, Mühe, Geld und Papier kostet! Länder, Stände, Städte, Menschen leiden unter dieser langweilig-hochpeinlichen Verkreiselung; wer kann und mag sie ändern? Im gesellschaftlichen Umgange sogar ist jemanden bei seinen Namen zu nennen, Schimpf; Titel und Würden bei Männern und Weibern dürfen allein genannt werden; dem Ohr wie dem Auge wollen wir nur in der Livree erscheinen. Wie leicht haben sich andre Nationen dies alte Joch gemacht oder es gar abgeworfen; der Deutsche trägt's geduldig.

Kriechende Gefälligkeit, ein solches Loben, wo nichts zu loben ist, sinnlose Titulatur- und Bücklingsschmeicheleien, die alle gerade Anrede der Menschen und Stände gegeneinander aufheben, die Kanzleien ermüden und den Geschäftsstil nicht nur, sondern oft die gesunde Vernunft verderben, jene süßliche Hingabe, die man (man verzeihe der niedrigsten Sache einen niedrigen Ausdruck) kaum anders als deutsche Hundsfötterei nennen könnte, legen uns treu-devotest zu Füßen der Majestät Dullneß. Die meisten Nationen Europas haben sich diesen Wortpraß erleichtert oder ihn weggeworfen, weil er die Larve knechtischer Falschheit, den Charakter einer Nation abstumpft, jedem Vortrage seine Richtung und Schärfe nimmt, und die ganze Rede in ein »Um den Brei gehn« verwandelt, zu dem wir Deutschen am wenigsten gemacht sind. Und eben wir Deutsche tanzen nicht nur noch in diesem spanischen Mantel, sondern unsre Formularisten setzen in diesen Tanz sogar alle Kunst ihres Geschäftes, so daß sie vor lauter falschen Umschreibungen und Titularbrücken zur Sache, zur Person und Geschäft nicht kommen mögen.«

Dazu damals ewige Kriegswirren, unerschwingliche Steuern für Bestreitung monarchischer Großmannssucht, dazu ferner die Enge des ganzen bürgerlichen und zünftigen Lebens, der Klatsch und die philisterhafte Überwachung jeder Lebensführung, die strenge Zensur jeder geistigen Regung, die Umständlichkeit des Verkehres, all die Schikanen durch Paß-, Zoll- und Grenzzwang. Daß in einer solchen Stickluft aufrechte Männer nur selten gedeihen wollten -- wen kann das noch wundern? Man muß sich dieses Bild nur recht anschaulich machen, um die ragenden Größen des Preußen Friedrichs und die geistigen Taten der Männer wie Lessing, Herder, Goethe und Schiller gerecht würdigen zu lernen. Ohne den befreienden Lufthauch, der aus England und Frankreich herüberwehte, wären diese Erscheinungen fast unerklärlich. Auch das alte Griechenland, das Winckelmann entdeckte, half uns aus tiefer Not erlösen. Damals war es wirklich eine Errettung, daß es unserem Volke zeigte, wie gesunde und unverbildete Menschen einstmal gelebt haben und glücklich gewesen sind.