Part 7
»Weil meine geschäftlichen Projekte bei den chinesischen Behörden gute Aufnahme und Beachtung gefunden, weil sie die allerbesten Aussichten auf Erfolg hatten, eben deshalb, und nur deshalb wurde meine Beseitigung beschlossen, v. Brandt und v. Ketteler wollten mit einem Schlage reiche und wenn möglich berühmte Leute werden. Geld, Geld und wieder Geld war das Hauptmotiv für alle Handlungen dieser Herren. Was still und ruhig mit den chinesischen Behörden verhandelt war, was ruhig in den Geheimarchiven der deutschen Gesandtschaft ruhte und bestimmt war, dem Fürsten Bismarck vorgelegt zu werden zur Ehre und zum Vorteil Deutschlands, das wurde von diesen beiden Herren verplempert, verraten und wahrscheinlich einfach verkauft zu ihrem Vorteile ...«
»Nachdem das +Attentat+ (!!) auf mich mißlungen war, verfügte Herr v. Brandt plötzlich über Geld und wollte mir kürzlich erst abgeborgte 20 000 Mk. zurückgeben; auch Herr v. Ketteler wollte plötzlich eine ›Erbschaft‹ gemacht haben. Merkwürdig, sehr merkwürdig! ...«
»Nachdem bei solcher Lage der Dinge v. Brandt nicht abberufen wurde, da war das ganze Geschäft natürlich für Deutschland verloren. Die Chinesen hatten ja die ganze im Interesse der Hochfinanz ins Werk gesetzte Intrigue durchschaut, ehe ich sie ihnen mündlich und schriftlich berichtet hatte. Niemand geringeres als der Vizekönig Li-Hung-Chang hat mir das selbst erzählt. Der Verlust, der für Deutschland daraus entstanden ist, läßt sich annähernd kaum abschätzen. Ich beziffere ihn auf +Milliarden+. Man denke nur, China hätte derzeit die von mir vorgeschlagenen Projekte ausgeführt, was wären dann die Folgen gewesen? Wir hätten in China auf lange Zeit hinaus festen Fuß gefaßt, nicht auf Grund kriegerischer Ereignisse, sondern in freundschaftlicher Weise, so daß die Chinesen ein Interesse daran gehabt hätten, gerade uns Deutsche im Lande, wenigstens noch für lange Zeit, zu halten. Damals waren wir Deutschen geradezu eine bevorzugte Nation bei den Chinesen, während heute das Gegenteil der Fall sein dürfte. Der Gesandtenmord und die daraus resultierende Chinaexpedition wären uns erspart geblieben, und was sonst noch für Vorteile für uns in ostasiatischen Angelegenheiten erwachsen wären, mag sich ein jeder selbst auskalkulieren, der sich für diese Dinge interessiert.«
Gehen uns diese Dinge wirklich nichts an? Müssen wir Bürger nicht die hohe Zeche bezahlen, bezahlen sogar mit unserem Blute, mit unserer nationalen Ehre?
Ich kann nicht beurteilen, ob Paasch im Rechte, ob er normal oder geistig krank ist, aber ich möchte als Staatsbürger über diese Frage aufgeklärt werden.
Keines der Preßzeugnisse, die ich hier beigebracht habe, entstammt einem sozialistischen Blatte. Keiner der genannten Zeugen würde sich abstreiten lassen, daß es ein guter Patriot sei. Nicht die sind unsere guten Freunde, die über unsere Schwächen schweigen, sondern die, welche es wagen, uns freimütig das zu sagen, was man »+die Wahrheit+« nennt, also ihre ehrliche, wenn auch tadelnde Überzeugung. Noch eins: Auffallend wie wenig bei uns die aufklärende und fortschrittliche Arbeit der Männer mit der unserer Frauen Schritt hält. Nichts ebenbürtiges haben wir der starken Propaganda der Frauenbewegung innerhalb der letzten zehn Jahre an die Seite zu stellen. Mit dem Kultureifer unserer jungen Damen verglichen macht der gebildete Korpsjüngling eine schlechte Figur. Ideenloser und nüchterner, als diese vermeintliche Blüte der deutschen Nation, deren Umgang jungen kaiserlichen Prinzen gestattet wird, flacher, unmännlicher kann man unmöglich sein. Wenn sie noch jugendlich froh und ausgelassen wären! Aber auch das nicht, sondern nur patent und korrekt, schon in jungen Jahren auf Karriere spekulierend, auf Protektion, die das eigene Denken und Arbeiten ersetzen soll. Ihr Mannesmut erschöpft sich auf dem Paukboden bei der Mensur: einer mittelalterlichen, wohl mutstählenden Spielerei, die man anerkennen und sogar begünstigen dürfte, wenn sie nicht mit unseren Staatsgesetzen und mit dem öffentlichen Rechtsbewußtsein in Widerspruch stände -- für entsprechende Handlungen kommt nämlich der Arbeiter ins Gefängnis -- und wenn sich dabei nicht der Mannesmut des jungen Herren ganz zu verausgaben schiene. Zu diesem zwar blutigen, aber im Grunde doch ungefährlichen Spiele würden sich für angemessene Bezahlung auch Dienstmänner abrichten lassen. Was wir vermissen: eigene, mannhafte Überzeugungen, jugendliche Geistesfrische, den »Zorn der freien Rede«, das begeisterte Eintreten für alle wahren Menschheitsideale, davon finden wir in dieser vornehmen jungen Vertretung der herrschenden Kasten nichts. Da waren die alten Burschenschaften mit ihren Brauseköpfen und dem Überschwang hoher Gefühle doch ganz andere Kerle!
Als jüngst eine Dame in öffentlicher Versammlung wegen sog. »Schürzenpolitik« unfreundliche Worte zu hören bekam, sagte sie entrüstet: »Wir lassen uns von den heutigen Männern Deutschlands nicht mehr verspotten. Wo wir einmal eine wahrhaft mannhafte Tat brauchen, da wenden wir uns an eine -- Frau. »Wenn ich«, sagte sie, »auf der Straße elegante Herren mit Zylinder und schwarzen Aktenmappen darum bat, mir als Zeugen bei empörender Pferdequälerei zu dienen, so erhielt ich noch jedesmal die gleiche Antwort: ›Bedaure, gnädige Frau; ich befasse mich nicht gern mit dergleichen. Man hat nur Schererei davon.‹ Wandte ich mich an Damen, so fand ich selten eine Ablehnung.«
Ich muß gestehen, daß ich selbst als Vorstand eines Tierschutzvereins gleiche Erfahrungen nicht selten gemacht habe und der Beifall, der jener Dame gespendet wurde, sprach für die Allgemeingültigkeit ihres Urteils.
Die empörendste Pferdeschinderei gehört in und um Berlin zu den scheinbar unausrottbaren Übeln, die der Mensch als ein Gegebenes ertragen muß. Wenn ich von den noch brutaleren Griechen und Italienern absehe, so kenne ich im übrigen Europa keinen Platz, wo sich vor aller Augen rohe und vielfach versoffene Kutscher dergleichen offene Verhöhnung aller Menschlichkeit gestatten. Dies wäre ganz unmöglich, wenn jeder deutsche Mann seine Pflicht täte. Aber da fehlt es eben. Man wendet den Blick ab, will lieber nichts gesehen haben und macht sich durch solche Schwäche zum Mitschuldigen. Es müßte doch wunderbar zugehen, wenn alle gesitteten Leute einer Großstadt unfähig sein sollten, eine solche öffentliche Schmach auszurotten! Aber man begnügt sich bestenfalls mit einer Anzeige bei der Polizei und hat davon -- wie ich selbst immer wieder durchmache -- tatsächlich viel Schererei. Dazu kommt, daß der bedrohte Kutscher natürlich saugrob wird -- denn er lebt noch immer des Wahns, Pferdeschinden wäre sein gutes Kutscherrecht --, das gibt dann noch Beleidigungsklagen und weitere Umständlichkeiten.
Warum ist es denn bei anderen gesitteten Völkern möglich, das Übel abzustellen? So in England, wo ich +nie+ eine Pferdeschinderei gesehen habe? Dort würde eben nicht nur +ein+ Mann, sondern gleich 20, 30, 40 Mann dem Kutscher sofort ihre geballten Fäuste (mit und ohne Glaçé) unter die Nase halten, so daß ihm auch das Schimpfen gleich vergehen sollte. Ein stolzes, gesittetes, selbstherrliches Volk! -- Wir werden natürlich auf die Polizei verwiesen, wie Quartaner, die dem Herrn Ordinarius Anzeige zu machen haben. Und diese Polizei? Man betritt mit entblößten Haupte das Wachtzimmer, bietet artig seinen »Schönen guten Morgen« und beginnt schüchtern seinen Vortrag: »Ich wollte mir gestatten, Ihnen usw. ... wollen Sie so freundlich sein« usw. ... Keiner von den blauen Bären erhebt sich vom Sitze, über die Achsel hin wird man mit kritischem Blicke betrachtet und dann kommt, nachdem anderes Wichtigeres seine gemütliche amtliche Erledigung erfahren, auch der unbequeme Gast zu Verhör.
Dabei haben die Behörden selbst die Bürgerschaft öffentlich zur Mithilfe im Kampfe gegen ein Übel aufgerufen, dessen sie eingestandenermaßen selbst nicht Herr werden. Ein Recht zur Klage haben wir Deutsche deshalb nicht, weil jedes Volk die Polizei, die Kutscher, die Pferdeschinderei hat, die es verdient. Man kann daran -- nicht etwa deutsche Gemütsrohheit -- wohl aber deutsche Untertanenschwäche studieren.
Wer kennt nicht Prof. +Rudolf von Jerings+ tapferes Schriftchen »Der Kampf ums Recht«? Für mich bedeutete es eine Entwicklungsstufe in meinem Leben. Es lehrte mich, daß =jeder= berufen ist, Mitstreiter für das Recht zu sein. Die meisten gebildeten Deutschen +drücken+ sich heute von dieser Pflicht. Diese Drückebergerei, das Nichtsehenwollen, das Ablehnen von jeder Verantwortung, der Mangel an Sozialgefühl, an anderen als rein selbstischen Wünschen, das sind unzweifelhaft Anzeichen der Décadence. Dabei bückt sich die bürgerliche Ehrbarkeit bis tief zum Boden und der Korrekte erfleht sich den kirchlichen Segen für seine armselige Tugendhaftigkeit.
Wann endlich wird sich das deutsche Volk ermannen? +Friedrich Hebbel+, einer der Mannhaftesten, den je die Erde trug, litt sein Leben lang an der deutschen Demut und Unmännlichkeit. »Das Volk wird nicht bloß geschunden, es ist dahin gebracht, daß es sich selbst schinden muß« (Tagebuch, 12. Febr. 1841); »Ich weiß im Ernst nicht«, schrieb er am 25. Sept. 1840, »wer eher geköpft zu werden verdient: der, welcher bei Shakespeare kalt bleibt, oder der leidenschaftliche Mörder. Aber das Nichts gilt für den Inbegriff aller Tugenden«: -- »Die Menschen haben viele absonderliche Tugenden erfunden, aber die absonderlichste von allen ist die Bescheidenheit. Das Nichts glaubt dadurch etwas zu werden, daß es bekennt: ich bin Nichts« (ebenda 19. Okt. 1843). »Er nahm einen Fußtritt hin, aber er mußte von einem gewichsten Stiefel apliziert werden« (13. Okt. 1840).
Man liest jetzt oft Vergleiche zwischen unseren Tagen und der Zeit von Jena und Auerstedt. Ich halte den Vergleich für falsch. Nein, wir leben in einer neuen +Metternich-Periode+, wieder ist nach glänzender Waffentat dem guten, opferfreudigen Volke sein Lohn ausgeblieben, wieder haben wie damals Hierarchie, Staatsanwälte, Polizei und die ganze schwerlastende Bureaukratie auf den Lebensfrühling ihre Nachtfröste gesandt, wieder dieselbe Entmündigung, Abrichterei, Gängelung und Frommacherei des Volkes, das endlich doch der Kinderstube entwachsen sein dürfte.
Aus der Ära Metternich errettete uns die Revolution von 1848. Wenn nicht Umkehr in der öffentlichen Politik eintritt, scheint mir eine ähnliche Katastrophe nicht ausgeschlossen. Die Mißstimmung wächst von unten auf immer bedrohlicher und ergreift schon Kreise, die noch vor wenigen Jahren bei keinem Kaiserkommerse vermißt wurden.
Wir wünschen und hoffen, daß es eine rein geistige Revolution sein möge, diese aber sehnen wir herbei, weil sonst das Volk verkommt, weil wir sonst unseren Beruf versäumen, Bahnbrecher und Fackelträger der Menschheit zu sein. Den Ruhm, gehorsame Untertanen und sanfte Schafe der Kirche zu sein, gönnen wir unseren Brüdern in Rußland und Spanien. Der Kurs führt von Luther, Kant, Goethe, Schiller, Hebbel, Nietzsche, de Lagarde, Bismarck auf den Bahnen der Aufklärung zu einer germanischen Gesittung und Kultur. Der Weg nach Rom ist eine Umkehr ins dunkelste Mittelalter. Dort ist keine Kultur zu holen, sondern nur ein cäsarisches Imperium und geistige Entmündigung -- ein Cäsareopapismus nach russischem Muster.
Im Jahre 1816 sang +Ludwig Uhland+ ein Lied, das heute im Jahre 1906 nicht weniger Gehör verdient, jedermann kennt es, aber wenigen ist es noch tief ins Herz geschrieben. Wir stehen vor der Gedächtnisfeier von Jena. Da ist es gut, sich auch daran zu erinnern, was auf Jena und Leipzig folgte:
Am 18. Oktober 1816.
1. Wenn heut' ein Geist herniederstiege, Zugleich ein Sänger und ein Held, Ein solcher, der im heil'gen Kriege Gefallen auf dem Siegesfeld, Der sänge wohl auf deutscher Erde Ein scharfes Lied, wie Schwertesstreich, Nicht so, wie ich es künden werde, Nein! himmelskräftig, donnergleich.
2. Man sprach einmal von Festgeläute, Man sprach von einem Feuermeer, Doch was das große Fest bedeute, Weiß es denn jetzt noch irgendwer? Wohl müssen Geister niedersteigen, Von heil'gem Eifer aufgeregt, Und ihre Wundenmale zeigen, Daß ihr darein die Finger legt.
3. Ihr +Fürsten+ seid zuerst befraget: Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht, An dem ihr auf den Knien laget Und huldigtet der höhern Macht? Wenn eure Schmach die Völker lösten, Wenn ihre Treue sich erprobt, So ist's an euch, nicht zu vertrösten, Zu leisten jetzt, was ihr gelobt.
4. Ihr +Völker+, die ihr viel gelitten, Vergaßt auch ihr den schwülen Tag? Das Herrlichste, was ihr erstritten, Wie kommt's, daß es nicht frommen mag? Zermalmt habt ihr die fremden Horden, Doch innen hat sich 's nicht gehellt, Und Freie seid ihr nicht geworden, Wenn ihr das Recht nicht festgestellt.
5. Ihr +Weisen+, muß man euch berichten, Die ihr doch alles wissen wollt, Wie die Einfältigen und Schlichten Für klares Recht ihr Blut gezollt? Meint ihr, daß in den heißen Gluten Die Zeit, ein Phönix, sich erneut Nur um die Eier auszubruten, Die ihr geschäftig unterstreut?
6. Ihr +Fürstenrät'+ und +Hofmarschälle+, Mit trübem Stern auf kalter Brust, Die ihr vom Kampf um Leipzigs Wälle Wohl gar bis heute nichts gewußt: Vernehmt! an diesem heut'gen Tage Hielt Gott, der Herr, ein groß' Gericht, Ihr aber hört nicht, was ich sage, Ihr glaubt an Geisterstimmen nicht.
7. Was ich gesollt, hab' ich gesungen, Und wieder schwing' ich mich empor; Was meinem Blick sich aufgedrungen, Verkünd' ich dort dem sel'gen Chor: »Nicht rühmen kann ich, nicht verdammen, Untröstlich ist's noch allerwärts, Doch sah ich manches Auge flammen, Und klopfen hört' ich manches Herz.«
Damit vergleiche man, um sich der Stimmungsgemeinschaft bewußt zu werden, ein +modernes+ Gedicht des Wiener Palamentariers und Schriftstellers +Karl Iro+:
Entnervt!
Viel deutsches Lärmen und Schreien Hört man ringsum im Land -- Doch all' die Schreier halten Beim Schlagen niemals Stand.
Beim Zechen brüllt man sich heiser Mit deutschem Sing und Sang -- Ruft man zu deutschen +Taten+ Wird all' den Zechern bang.
Im Geisterkampf der Tage Ein marklos schwach Geschlecht -- Kein männermutig Streiten Für Ehr' und deutsches Recht!
Das Tänzeln und Scharwenzeln Ist jetzt die deutsche Art, Und Kriechertum und Feigheit, Die haben sich gepaart!
Sie zeugten im Lotterbette Den deutschen Volksverrat, Der geht nun durch die Straßen Frech schamlos früh und spat.
Wie Stickluft, bleiern und drückend Liegt's über dem Jammer all', Kein Aufwärtsjauchzen zur Höhe -- Ein deutscher Sündenfall.
Bräch' doch ein wildes Wetter In diese deutsche Nacht, Bis die Gewissen alle Zum Mahneramt erwacht.
Und auf den deutschen Wangen Schamröte wieder glüht, Wenn die entnervte Masse Des Stammes Elend sieht. --
Ein heiliges großes Ringen Tut unserem Volke not, Ein Reitersäbelklingen Wie einst bei Gravelott'.
Ein blutig Kämpfen und Streiten Für Ehre, Hab und Gut Muß durch die Adern treiben Das alte Heldenblut!
Und aus dem schaurigen Sterben Ein neu Geschlecht ersteh'n, Das seinem deutschen Gotte Kann +frei+ ins Auge seh'n.
Das wieder groß und edel Und mannhaft, stolz und stark -- Ein Hüter und ein Schirmer Der freien deutschen Mark.
+Heuerts+ 1906. (Unverfälschte deutsche Worte. 5. Heft 1906. Wien.)
Es wäre unmännlich und feig, all die Sorgen und Befürchtungen zu verschweigen, die uns heute beunruhigen. Deshalb fort mit allen Bedenken! Es hat jeder Bürger das Recht, »Feuer!« zu rufen und Löscheimer herbeizuschaffen, wenn er aus dem Dachstuhle Rauch aufsteigen sieht. Noch schlagen zwar im deutschen Reichsbau die Flammen nicht empor, aber im Nachbarhause wütet der Brand, und das wissen wir klassisch Gebildeten ja aus Vergil, daß es um unsere Sache geht, wenn die nächste Wand brennt. -- Bei uns herrscht jetzt doch auch eine gar schwüle, drückende Luft. Es ist, als ob es heimlich schon unter den Dielen schwele. Wie leicht schlägt die Flamme über, wenn sie so aufgehäuften Zündstoff findet!
Wir alle sind zu Warnern, zu Rettern berufen. -- Wo sich andere das Recht nehmen, dem Staat von amtswegen zu schaden, wird niemandem das Recht verwehrt sein, ihm selbst außeramtlich nach seinen Kräften zu nützen. Dort geht es um Gut und Blut, hier vorerst nur um Papier und Druckerschwärze.
Nun besteht aber bei uns zu Lande die Meinung, daß ein Beamter nichts »gegen die Regierung« schreiben dürfe. +Ich+ schreibe nicht +gegen+, sondern +für+ die Regierung. Wie weit außerdem das gesetzliche Verbot geht, weiß ich nicht. Wohl aber weiß ich, daß z.B. +Paul de Lagarde+ trotz seines Beamtentums mit der rückhaltlosesten Offenheit die Schäden der Staatspolitik beleuchtet hat, weiß freilich auch, daß diesen Mannhaften nicht die Behörden, wohl aber alle Wohlgesinnten mit einem Haß verfolgten, der ihnen ebenso zur Unehre gereicht, wie dem Gehaßten zum Nachruhm. Er fragte verwundert, ob es denn ein Unrecht sei, wenn man den Lokomotivführer darauf aufmerksam macht, daß an seiner Maschine ein Schaden sei. Er hat es selbst noch erlebt, daß seine trüben Voraussagen in noch trübere Erfüllung gingen. Jetzt beruft sich jeder gute Patriot schon gerne auf diesen Volkserzieher, der neben Fichte seinen Ehrenplatz hat. Jetzt scheinen selbst seine ehemaligen Kollegen von der Hochschule vergessen zu haben, daß sie ihn zum Einsiedler machten, ihn wie einen Geächteten mieden und wie durch geheime Übereinkunft all seine bedeutenden politischen Arbeiten totschwiegen.
Und wie haben die Zünftler einen +Nietzsche+ behandelt! Stets haben wir das gleiche Bild: »Wenn ein Jagdhund durch die Dorfstraße läuft, kläffen alle Kettenhunde.« »Die ganze Gesellschaft ist verschworen gegen die Mannhaftigkeit des einzelnen,« sagt Emerson. Er muß also in dem angeblich freien Amerika dieselbe trübe Erfahrung gemacht haben. -- Wenn wirklich allen Beamten eine Kritik der staatlichen Zustände untersagt wäre, dann wäre die Intelligenz zum großen Teile von einer einschneidenden Mitwirkung ausgeschlossen: denn auch all unsere Hochschullehrer sind Beamte. Vielleicht hätte es die weitere Wirkung, daß die Unsitte, unter Pseudonymen zu schreiben, überhand nähme -- eine wenig mannhafte Kampfesweise.
Ich bin so wenig rechtskundig, daß ich mich bloß auf mein Gefühl verlasse. Sollte, was ich in guter Absicht schreibe, in der Meinung, dem Vaterlande nach meinem schwachen, aber ehrlichen Willen zu dienen, mit unseren Gesetzen in Widerspruch geraten, so nehme ich die Folgen auf mich. Ich bilde mir ein, ein gutes Werk zu tun. Von einem dolus -- wonach die Juristen immer suchen -- wird hier nichts zu finden sein, wohl aber von »Wahrung berechtigter Interessen« eines Jugenderziehers und Staatsbürgers.
Jedoch ich will den Herren Juristen nicht vorgreifen, mich lieber mit dem von Herrn Geheimrat Prof. Dr. +Gierke+ proklamierten »felsenfesten Vertrauen auf unsere Gerichte« ausrüsten.
Ich meine, man darf sich, wenn man seine Überzeugung verfechten will, um den Beifall oder den Widerspruch aller amtlich Gebundenen nicht kümmern. Die sind stets für Ruhe und Sachlichkeit, für eine korrekte Amtsführung, Einhaltung des Instanzenweges, kurz für all das, was den Fortschritt hemmt. Neue Gedanken und nun gar eine Kritik des Bestehenden empfinden sie als lästige Ruhestörung, als Übergriff.
Kümmern wir uns also um sie nicht mehr als nötig ist, um ihren schädlichen Einfluß zu brechen! Ob ich zu dieser Arbeit berechtigt und befähigt bin, das soll, soweit es davon Kenntnis nimmt, das deutsche +Volk+ entscheiden, das heißt die, deren Urteil ungebunden ist.
VI.
Das deutsche Mannesideal in der Geschichte.
Wie jede Sache, so hat auch das deutsche Mannesideal seine geschichtliche Entwicklung. Ohne deren Kenntnis lernt man auch die Gegenwart nicht verstehen. Wenn wir uns also von unseren Vorfahren auch nicht belehren lassen wollen, so wollen wir sie und damit uns selbst doch kennen lernen. Denn unser ganzes Sein und Denken ist aufgebaut auf ererbte Zustände und Anschauungen. Es ist kein durchaus erfreuliches Erbe, das wir antreten mußten: Deutschland war ein viel geplagtes, dürftiges Land. Es galt von ihm, was Herodot von dem athenischen Staate sagt: »Die Armut war ihm Amme.«
Armut, sagt man, stählt die Lebenskräfte, Armut drückt sie aber auch nieder und läßt eine freie Mannesgesinnung nicht leicht aufkommen. Die Armen leben meist in knechtischer Abhängigkeit. Da gilt das alte homerische Wort: »Der Tag der Knechtschaft nehmen dem Manne seinen halben Wert.«
In seinem Aufsatze »Der Deutsche der Zukunft« sagt Prof. +A. Lichtwark+ ganz in diesem Sinne: »Aus den Jahrhunderten der Armut und Beschränktheit, der Hörigkeit und Knechtschaft nach innen und außen haften dem Wesen des Deutschen so viele beklagenswerte Züge an, daß wir als politisch und wirtschaftlich voran gekommenes Geschlecht mit Ruhe und Entschlossenheit nicht nur an die erbarmungslose Ausrottung alter Fehler, sondern vor allen an die Entwicklung alter zurückgebliebenen edlen Kräfte zu gehen haben.«
Um das also zu können, bedürfen wir einer Rückschau und einer Einkehr in unsrer eignen Natur.
Von den alten Germanen wissen wir zu wenig Verläßliches. Wir wollen uns auch in so ferne und so dunkle Gegenden lieber nicht verlieren. Es ist gar zu schwer, entschwundene Zeiten zu verstehen, je ferner sie liegen, um so schwerer, um so weniger verlohnt es auch, an sie anzuknüpfen. Bei Wodan und Freia werden wir doch nicht wieder warm. Jene alte Welt hat uns Rom ein für allemal so zertrümmert und so entrückt, daß keine Brücke uns dorthin zurückführen, kein Gedenken uns je dort wieder heimisch machen kann.
Im +Mittelalter+ -- um damit zu beginnen -- hatte man ein Bildungsideal verkörpert, das vorbildlich erziehliche Kraft hat. Freilich blieb es beschränkt auf den Ritterstand.
Hier sind die edelsten Mannestugenden vereint, noch bereichert, geadelt und gemildert durch den Einfluß des Christentums. Mit der himmlischen Liebe allein wollten aber die lebensfrohen Ritter sich nicht zufrieden geben, und die besten unter ihnen wurden den Zwiespalt ihrer Seele nie los, so oft sie sich auch die bange Frage vorlegten, wie man drei Dinge erwürbe, nämlich Vermögen, Ehre und Gottes Huld, ohne daß eines davon verdürbe. Vielleicht ist die Höhe echt männlicher und dabei menschlicher Bildung nie wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden, wie sie in den besten Vertretern der christlichen Ritterorden verkörpert war. Noch heute empfinden wir den Zauber, der in dem Begriffe echter Ritterlichkeit liegt. Uns tritt dabei vor die Seele das Bild der stattlichen, im Waffenschmuck erglänzenden, körperlich durchgebildeten, in allen Künsten des Kriegshandwerkes, im Jagen, Reiten, Fechten und Schießen gewandten Männer, die ihre rüstige Kraft begeistert in den Dienst der Schwachen stellten, das Gelübde ablegten, ehrbar zu leben, Treue zu pflegen, mildtätig zu sein, Witwen und Waisen zu schützen, jedem Unrecht entgegenzutreten und dabei stets in Haltung und Ton vornehm und bescheiden zu bleiben. Wenn diese Männer zugleich den Frauen in anmutigen Formen huldigten und ihre Feste mit Gesang und Saitenspiel, mit ungekünsteltem Frohsinn würzten, dann muß da wirklich eine Blüte des Mannestums ins Leben getreten sein, mit der wir uns nicht ohne beschämende Sehnsucht beschäftigen können.