Part 6
Während unser Volk nach Aufklärung, nach Befreiung aus überlebten Geistesfesseln ringt, wird ihm von der Regierung und einem Klassenparlamente ein reaktionäres Schulgesetz aufgenötigt, das »unsere Lehrer durch die mittelalterlichsten Verordnungen zu besseren Drahtpuppen macht«. Wir sehen, daß ein Kultusminister, den man ohne Widerspruch in der Presse »den Feind jeden Fortschrittes, den König der Dunkelmänner, den unvolkstümlichsten und volksfeindlichsten aller Minister« (Das Blaubuch 1906 Nr. 34) nennt, von unserem Kaiser sogar in den Adelstand erhoben wird.
Immer weniger kommt in einem Parlamente, das nur den Großgrundbesitzern und der Geistlichkeit zu Willen ist, der Wunsch unseres Volkes zum Ausdruck. Es ist, als triebe man »oben« geflissentlich das, was man in Österreich als »Justement-Politik« bezeichnet: »Ihr wollt für das Abgeordnetenhaus eine Wahlreform? Wollt darin auch den Mittelstand, den Arbeiterstand, die Intelligenz vertreten sehen? An die Gewehre! Laßt Kanonen auffahren!«
»Die Studenten rufen nach akademischer Freiheit? Gut, aber auch die katholischen Korporationen sollen die Freiheit haben, den Geist der Freiheit zu zerstören. »Ihr Lehrer wollt Aufklärung? Nun gerade nicht! Zurück in eure Seminare und unter geistliche Zucht!«
Nirgends beobachten wir einen Fortschritt unseres Volkes zu politischer Selbständigkeit. Im Gegenteil, wir entwickeln uns rückwärts auf einer Bahn, die zum Absolutismus führt. Immer lauter wird deshalb der Ruf nach Männern, die uns erlösen sollen.
Gibt es in Deutschland denn nur noch Hofschranzen, Ordensjäger, Karrieremacher, Streber, Gedankenlose und Untertanen? Haben wir keinen freien +Bürgerstand+ mehr? Aber das Unerträglichste wird schon schweigend hingenommen. Paraden, Gedächtnisfeiern und anderes Schaugepränge müssen uns ein Glück vorgaukeln, das unserem Herzen fremd ist. In den wichtigsten Fragen, die unser Volk im Innersten seines Wesens treffen, versagt die Mitarbeit der sog. Intelligenz. Man ist angeblich zu guter Patriot, um der Regierung Schwierigkeiten zu machen, in Wahrheit fehlt es an Überzeugungen und an Mannhaftigkeit; es fehlt an dem Willen zur Macht.
Unser gutes deutsches Volk ist schon in Grund und Boden regiert. Das sind die Früchte unserer sog. guten Erziehung, die man so ehrend gar nicht benennen dürfte. Nicht Erziehung, sondern Abrichtung! Abrichtung zu stillen Untertanen und untertänigen Beamten. Von Kindheit an zum Schweigen erzogen, zum sog. Anstand, der zumeist gleichbedeutend mit Charakterlosigkeit ist, zur Botmäßigkeit, zur Bewunderung der »vorgesetzten« Einsicht, zum Gehorsam gegen all die staatlichen Machthaber in den Schulen, im Heere, auf dem Amte und der Polizei, und stets geduckt vor Höherstehenden, die den Bestand des Geldbeutels, die soziale Stellung, die öffentliche Wertschätzung des Mannes durch Gunst oder Ungunst eigenmächtig bestimmen! Dazu kommt dann die Kirche, die unter Berufung auf: Römer Kap. 13, 1 (»Eine jegliche Seele sei den höheren Gewalten untergeben; denn es gibt keine Gewalt, außer die von Gott. Die es aber gibt, die sind von Gott geordnet. Wer demnach der Gewalt widersteht, widerstehet Gottes Ordnung.« Vgl. Rußland!) stillen Gehorsam gegen die »Obrigkeit« predigt und die Feigheit noch mit einem Glorienschein umstrahlt.
Als Bismarck das stolze Wort sprach: »Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts in der Welt«, gab er der Tatsache wahren Ausdruck, daß wir keinem äußeren Feinde im Felde weichen würden.
Nach seinem Rücktritte aus dem Amt wird er seine Meinung wohl eingeschränkt haben. Wir Deutschen fürchten außer Gott, ja oft mehr als Gott, unsere Vorgesetzten und das Urteil unserer Umgebung. Wir fürchten Konflikte mit den Behörden, mit den Gerichten, mit der Polizei, fürchten die Ungnade der »Maßgebenden«, fürchten die Kritik unserer Berufs- und Standesgenossen, fürchten uns sogar vor der Konsequenz unserer eigenen Gedanken und ziehen uns lieber scheu in das Faulbett des Herkommens zurück, als daß wir den Kampf in dem Staube der Arena wagten.
Die notwendigsten Schlachten auf dem Gebiete des Geisteslebens bleiben deshalb ungeschlagen, weil sich nicht genug Kämpfer dazu bereit finden. Uns erschreckt die Riesenaufgabe, daß wir uns eine neue Welt der Gedanken aufrichten müssen. Wir flicken lieber ängstlich an dem alten Bau, als daß wir beherzt zu einem Abbruch und zu dem Neubau des neuen Hauses schritten. Uns hält die Scheu vor der Tradition, die Rücksicht auf alte, zu alte »Ideale« und ihre alten Vertreter, eine unmännliche Pietät davon ab, das Gestrige abzutun und heute zu leisten, was uns der Tag gebietet. Wir können eine Scheinkultur nicht sterben lassen, die nur mit Kunstmitteln noch ihr mattes Dasein fristet.
Wie werden unsere Söhne später über uns urteilen? Ich fürchte, wir werden schlecht vor ihnen bestehen.
Wir fühlen ja selbst schon mit Beschämung, wie uns der Wille und die Kraft entschwunden sind, als ein selbstherrliches, mannhaftes Volk unsere Geschicke selbst zu bestimmen. Wir lassen uns regieren und benutzen nicht einmal die uns verfassungsmäßig zustehenden Rechte zur Mitarbeit. Das ist Pflichtversäumnis, denn Rechte +sind+ zugleich Pflichten.
Bei der neuen preußischen Schulvorlage fielen die höheren Lehrer fast ganz aus. Höchst achtbarer Beamtengehorsam und das Bewußtsein, was sie sich als akademisch Gebildete schuldig sind, mag sie zu besonnener Zurückhaltung begeistert haben. Das wird sich an ihnen vielleicht noch rächen; denn man wird im Volke aufhören, sie als Vorkämpfer unserer geistigen Kultur zu schätzen. »Res ad triarios venit!« würde Cäsar sagen. »Die Volksschule vor!« so lautete auch der Schlachtruf. Kampf und Ehre wird also den Herren »Elementarlehrern« allein zufallen.
Erst spät, zu spät, um zu wirken, traten Herren der Hochschule noch ins Feld.
»+Sind denn die Gneist und Mommsen ganz ausgestorben?+« fragte mit Verwunderung Prof. +Paul Natorp+ (Marburg) in der Frankfurter Zeitung, »geht die Staatsrechtslehrer, die Geschichtslehrer die Sache etwa nichts an? Spüren unsere freigesinnten Theologen nicht, wie sehr die Richtung dieses Entwurfs auch ihrem ganzen Bestreben an den Hals geht? Kann irgendeiner, dem die ›Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre‹ mehr als eine Phrase ist, gleichgültig zusehen, daß die Mächte, die von jeher deren ergrimmteste Gegner gewesen sind, mit dem Durchgehen dieses Entwurfs einen gewaltigen, vielleicht entscheidenden Sieg erringen würden? Oder ist man so kleinmütig geworden, daß man fürchtet, unser einmütiges besonnenes, aber unverblümt deutliches Wort werde im Volke angehört verhallen? +Sind nicht die Lehrer der Volksschulen unsere Brüder, unsere nächsten Arbeitsgenossen? Können wir vor der Geschichte die Verantwortung tragen, sie auch jetzt wieder im Stich gelassen zu haben? Empfinden wir nicht, daß wir durch Schweigen uns zu Mitschuldigen machen? daß wir die Folgen eines solchen Sieges der Lichtfeinde zu allererst zu spüren bekommen werden?+ Unsere Hochschulen haben soeben, in im ganzen löblicher Tendenz und erfreulicher Einmütigkeit der Lehrenden und Lernenden, um die ›akademische Freiheit‹ gekämpft; soll die Freiheit ein Privileg der Hochschulen sein? und steht nicht das, worum wir gestritten haben, in höchster Gefahr, wenn erst die größte Provinz des nationalen Bildungswesens sozusagen ohne Schwertstreich in die Hand des Gegners gefallen ist, dessen offen erklärtes, mit zäher Energie und unleugbaren Erfolgen schon längst verfolgtes Ziel die Konfessionalisierung auch der höheren Schulen und der Universität ist?«
Lange meinte ich, meine schlechte Stimmung könnte eine persönliche Schwäche sein: geistige Überanstrengung, dienstlicher Verdruß, gestörte Verdauung, schlechter Schlaf, heruntergekommene Nerven. Aber ich empfing, als ich zum ersten Male meine Klagen laut werden ließ, tausendfach ermutigenden Zuspruch. Ich sehe seitdem, daß selbst meine Widersacher verstummen, daß selbst die Klarsichtigsten in immer wachsenden Kreisen meine Mißstimmung und Besorgnis teilen.
Ich muß auch hierfür Zeugnisse beibringen, sonst beliebt man vielleicht, mir diese Tatsache einfach abzuleugnen. Es genügte freilich auf das +Türmer-Jahrbuch+ zu verweisen, das ein ehrlicher Spiegel der öffentlichen Meinung ist, oder auf die »+Zukunft+«, die seit Jahren, eher als alle anderen, den Niedergang angezeigt hat. Am 14. Juli 1906 lesen wir dort:
»Das unbehagliche Gefühl, spottschlecht regiert zu werden, die Furcht, von schwer erklommener Höhe mählich herabzugleiten, schleicht von Mond zu Mond schneller durchs Land, und die Presse, die nicht aufhören möchte, Ausdruck der öffentlichen Meinung zu sein, darf sich nicht länger sträuben, der Drängnis eine Zunge zu leihen. Ich will«, fährt Harden fort, »nur +fromme+ Stimmen zitieren; nur aus den letzten Tagen: »Das Maß, in dem die verantwortlichen Männer ihre Haltung nach den Wünschen und Anschauungen des Staatsoberhauptes orientieren, geht gelegentlich über das Notwendige, Richtige und Nützliche hinaus. Dadurch wird nicht nur die Stellung der Minister, das Ansehen der Regierung und schließlich die Staatsautorität geschädigt, sondern direkt gegen den Geist des konstitutionellen Systems verstoßen, +das selbstbewußte Männer an den verantwortlichen Stellen verlangt. Aus Männern mit eignen Gedanken, eigenem Wollen werden Handlanger eines höheren Willens. Das Staatsgefühl geht zurück und mit ihm, trotz aller hohen und hohlen Worten, die innerliche Achtung vor dem Staat.+« (Hannoverscher Courier.) »Der Kaiser wird über die Einzelheiten der innerpreußischen Politik in so mangelhafter Weise unterrichtet, daß für die Zukunft die ernstesten Besorgnisse berechtigt sind.« (Tägliche Rundschau.) »Der Kaiser zwei Tage lang in Hamburg, als Taufpate und als Schiffsprediger, als Kriegsherr und als hoher Gönner des Rennsports, immer um die Elbhöhe herumgefahren und dem Standbild Bismarcks keinen Besuch abgestattet! Millionen treuer Söhne ihres Vaterlandes werden peinlich und schmerzlich empfinden, daß dies möglich werden konnte.« (Deutsche Stimmen, Wochenblatt für die nationalliberale Partei.) »Man wird mit Fug erklären dürfen, daß die Bevölkerung der vielen umfangreichen Mitteilungen über Reisen und Reden der Fürsten allgemach müde wird. Es wäre daher kein Unglück, wenn politische Fürstenbesuche, die sich in den letzten Jahren allzu oft wiederholt haben, einmal geraume Zeit unterblieben. Man ist so ziemlich überall zufrieden, wenn sie vorüber sind, ohne einen Mißklang erfahren oder zurückgelassen zu haben.« (Vossische Zeitung.)
»Endlich!« ruft Harden aus und fährt mit der gleichberechtigten Bemerkung fort: »Wäre vor sechzehn Jahren so gesprochen worden, dann sähe es im deutschen Land heute besser aus. Jetzt genügen so sanfte, in Watte gewickelte Andeutungen nicht mehr. Bleiben auch allzu vereinzelt. Morgen wird da wieder Weihrauch gespendet, wo sich gestern kritisches Bestreben zeigte. Jetzt muß so ernst, so vernehmlich gesprochen werden, daß keine Möglichkeit eines Mißverständnisses bleibt. So, wie es bisher war, kann's nicht weitergehen. Die ganze Methode unserer Politik muß geändert werden. Schnell; jede Woche häuft neue gefährliche Fehler.«
Stets die gleiche Klage, daß es an +Männern+ fehlt. So schreibt +H. Ilgenstein+ im »Blaubuch« 1906, Nr. 34:
»Was uns nottut, das ist eine Revolution der Geister, ein Erwachen, ein Wille, eine Kraft. Man tue sich (in gesetzmäßiger Weise) allenthalben zusammen! Man verkünde allerorten, daß man sich für einen Minister bedankt, der bei längerer Tätigkeit denn doch dem Lande eine ernste Gefahr bedeutet. Herr von Studt kommt in das Haus, in dem neben einer volksfeindlichen Majorität auch einige Männer sitzen, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt. Ist keiner unter diesen Männern, der diesem Minister für Geistesknechtung einmal auf gut deutsch die Wahrheit sagt? In den Verwaltungsbehörden unserer Städte herrscht größtenteils eine liberale, durchaus nicht fortschrittsfeindliche Gesinnung. Von diesen könnte den merkwürdigen Sondererlassen des Herrn Ministers doch eine recht gesunde Obstruktion gemacht werden. Erst neulich (Nr. 32 des »Blaubuch«) machten wir auf den widerlichen Unteroffizierston aufmerksam, in dem unter der Ära Studt die Unterrichtsbehörden mit den Lehrern verkehren. Sollte es nicht Pflicht der Gemeinden sein, in deren Dienst die Lehrer stehen, dem Minister es einmal recht klar zu machen, daß selbst preußische Volksschullehrer noch Menschen sind? Wenn alle Faktoren, die sich jetzt nur ›ärgern‹, nur eine Zeitlang auf ihrem Posten wären, dann bliebe dem Dunkelmanne nur noch der Rückzug. Aber vorläufig sind wir noch nicht auf dem Posten.«
Über die Stimmung der deutschen Volksschullehrer, mit der man sich im sog. gebildeten Publikum besser vertraut machen müßte, belehrt der »Bund der deutschen Volkserzieher« unter der Leitung +Wilhelm Schwaners+. Wenige Deutsche, von den Volksschullehrern abgesehen, lesen dessen »Volkserzieher«, der eine +Macht+ im Volksleben geworden ist. Die Lehrer lesen ihn nach vielen Tausenden und halten zu ihm in begeisterter Hingabe zu Schutz und Trutz.
Ich gebe eine Stimmungsprobe aus dem Hefte 17 des X. Jahrganges (1906), einen Aufruf von +Hans Würtz+ in Altona:
»Der Bund Deutscher Volkserzieher ist eine Gemeinschaft von deutschen Männern und Frauen, die sich zusammengeschlossen haben zu Rat und Tat, zu mutigem Kampfe und ewiger Fehde gegen die Giftmischer des Geistes und der Gesinnung, gegen Tyrannen und gegen Knechtsseelen, gegen die Orthodoxen der Religion, des Rechts und der Hygiene, gegen Papst- und Pfaffentum, gegen Feigheit und Reaktion, gegen Anarchie und Revolution -- zum ernsten Streben und Tun für die höchsten und herrlichsten Güter unseres Volkes: Wahrung, Erneuerung und Kräftigung echt germanischer Art in Religion, Sitte und Gesamtkultur gegenüber der römischen Scheinkultur, Umwandlung der papiernen Gewissensfreiheit in staatlich anerkannte Freiheit des Wissens und Glaubens, Wertung der Individualität.
Darum finden sich bei uns auf gemeinsamem Boden des Verstehens: die Philosophen und Theosophen, die Mystiker und Wirklichkeitsmenschen, die Abstinenten, Vegetarier und Gemäßigten, die Männer der Tat und die in der Welt der Kunst und Schönheit träumen. Den neuen Frühling des Germanentums wollen wir herbeiführen: darum stellen wir naturgemäß die Tatreligion, die wir in den alten und neuen Schriften unserer germanischen Rasse niedergelegt finden, höher als die offizielle jüdisch-christliche Scheinreligion der Kirchen. Die Religion der +deutschen+ Propheten, der Luther, Lessing, Goethe, Schiller, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Lagarde, Emerson, Friedrich II., Wagner, Bismarck u. a. hat unser Führer in der »Germanenbibel« aufgebaut, und wir Bundesmitglieder haben dieses bahnbrechende Werk zu unserm Hausbuch erhoben. Freunde, laßt euch von Berlin Prospekte der »Germanenbibel« schicken und sorgt für Verbreitung des Werkes, damit unsere Ideen auch auf diesem Wege ins Volk dringen! -- -- --«
Noch deutlicher und deutscher spricht +Wilhelm Schwaner+ selbst, ein ehemaliger gemaßregelter Lehrer, dem die +rechte+ Kirchengläubigkeit fehlte, ehedem ein harmloses Wiesenbächlein, das man hätte sollen gewähren lassen, jetzt zum reißenden Strom angeschwollen.
»Es ist richtig,« schreibt er in einem Aufsatz über »Schulproletarier« im »Volkserzieher« X, Nr. 17, »daß in Zukunft preußische Volksschullehrer im Gehalt +hinter+ den Schutzleuten zu rangieren haben, obgleich ihnen +vor+ den ehemaligen Sergeanten die Offizierskarriere und der regelrechte Besuch bestimmter Universitäten und damit die Ministerlaufbahn offensteht.
Aber es ist trotz der hundserbärmlichen Entlohnung, insbesondere der meisten Landlehrer, +unrichtig+, von Schulproletariern zu reden. Denn wenn es schon welche gibt, welche jährlich 720 M. Gehalt beziehen -- ich selber habe drei Jahre lang pro anno 600 M. (hört, hört) gehabt, also weniger als ein Großknecht, weniger als jeder mittelmäßige Fabrikarbeiter, weniger sogar als eine sechzehnjährige Kontoristin der Großstadt -- so sind sie doch noch lange keine Proletarier. Unsere Lehrer haben nämlich, was den unglücklichen Proletariern der roten Partei absolut fehlt, immerhin eine gewisse wissenschaftliche Bildung, und sie haben, was sie gegenüber den Millionären des Kapitals zu Milliardären erhebt, Ideale, unverwüstliche, +hohe und heilige Ideale+. Gewiß, die stempeln unsere Schulmeister zu Revolutionären des Geistes -- eine eingehende Geschichte des Lehrerstandes würde zu überraschenden Entdeckungen führen, wenn es auch den Juristen Studt wenig interessieren mag, was für »Kerle« gerade auf dem von ihm beaufsichtigten Felde Bahnbrecher und Führer geworden sind -- aber zu Revolutionären der Straße werden die deutschen Lehrer niemals werden. Obgleich es auch unter ihnen gelegentlich einen richtigen Umreißer geben kann, ähnlich wie die neuere Geschichte einen Anarchisten Johannes Miquel gekannt hat, den der nachmalige Kaiser Wilhelm II. ›+seinen+ Mann‹ nannte.
Seit der beste Teil der Lehrerschaft angefangen hat, sich auf sich selbst zu besinnen, Selbsterziehung zu üben durch Alkohol- und Nikotinabstinenz oder gar durch Fleischenthaltung und vor allem durch sittenstrengen Lebenswandel; seit die Lehrer durch Selbsthilfe und energisches Studium sich die Quellen der Wissenschaft und damit die Tore zum Tempel der Weisheit erschlossen haben; seit wir eine Volkserzieherbewegung kennen und hinter ihr als Rückgrat und Träger in die Zukunft einen Bund, der alle deutschen Gaue überspannt: seitdem, ihr Leute vom ›Vorwärts‹, die ihr als Millionär Paul Singer und als Schloßbesitzer August Bebel ja selber keine Proletarier seid, seitdem ist es mit eurer Hoffnung auf eine rote Avantgarde aus Schulmeisterkreisen ein für allemal vorbei. Es hätte auch noch schlimmer kommen können, als es ja leider Gottes schon ist, so würden +wir+ doch +nicht+ unseren Patriotismus ›revidieren‹. Denn +unsere+ Gesinnung hängt nicht wie die eurige oder wie die der Agrarier, Industriellen, Junker und anderer Sippen vom ›+Brotkorb+‹ ab, sondern von der Höhe unseres Seelen- und Geisteslebens, das eben lediglich und allein +durch uns selbst+ bestimmt wird! (Mitläufer, Schmarotzer, Feiglinge, Mantelträger, Rückenmärker und dergleichen Gelichter selbstverständlich ausgenommen. Auch die Bierbank-, Schnaps- und Weinhelden, die als Lehrer regelmäßig dem kirchlichen Abraham im Schoße sitzen, wie sie als Arbeiter und »Proleten« für die Paule der roten Partei unentbehrlich bleiben, weshalb man ja auch auf den sozialdemokratischen Parteitagen niemals die Alkoholfrage zur Hauptdebatte stellen läßt: zur politischen Revolution haben eben wie zum Verrat Elende des Alkohols nötig.) Uns ›Schulproletariern‹ wird man Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann, Henrik Ibsen und andere nicht so leicht entreißen, wie man aus eurem Zentralorgan die Leute der besseren Feder und des einfachen politischen Anstandes weggebissen hat. Denn bei uns wird ebensowenig die Knute des Despoten je etwas erreichen wie die Phrase des Pöbels. Wir bauen uns eben unsere eigene Welt, die deutsch und pädagogisch ist!«
Ideale, mein lieber Schwaner haben die Sozis auch, nur etwas andere als wir beide. Ich nenne jeden Menschen einen Idealisten, der sich für seine Überzeugung einsperren läßt. Aller andere sog. Idealismus beruht auf Selbsttäuschung.
Und während ich diese Zeilen schreibe -- buchstäblich zu verstehen -- reicht mir das Sopherl, das mich bedient, einen Brief herein, in dem ich von einer Redaktion aufgefordert werde, über die »Pflege der Willenskraft in der Erziehung« zu schreiben, »als Grundlage einer gesunden deutschen Erziehung, die an die Stelle treten müsse der zur tatenlosen Träumerei verführenden Drillmethode der alten +Lern+schule«. Der Briefschreiber ist Schul+direktor+!
Überall die gleiche Sehnsucht nach einer inneren geistigen Reform. Das Notwendigste aber hat doch wieder +Harden+ gesagt (»Zukunft« 1906 Nr. 38):
»Im Reichstag sitzen gescheite und redliche Männer, die etwas leisten können. Weshalb finden wir, wenn monatelang gedroschen ist, die Tenne leer? Weil dieser Reichstag nicht zur Regierung berufen, sondern nur als Ornament gedacht ist. Weil die Regierenden sich bemühen, ihn schmeichelnd zu überlisten und er selbst in technischem Kleinkram, in Paragraphenflickerei, die jeder Geheimrat besser besorgt, seine Aufgabe sieht. Weil der Wille zur Macht ihm versiegt ist. Die Änderung oder Ablehnung eines Gesetzes, nach Jahren vielleicht die bundesrätliche Zustimmung zu einem Initiativantrag: das kann er erreichen; mehr nicht. Keinen Kanzler noch Staatssekretär stürzen; seiner Majorität nie die Wirkensmöglichkeit erobern. ›Wenn die Kerle sich ausgeschimpft haben, sind sie wieder still‹; und die Karre rumpelt, als sei nichts geschehen, ein Stückchen weiter bergab. Wer mag für solchen Preis das Leben einsetzen? Wer sich mutwillig die Exzellenten verfeinden, die er doch nicht vom Thrönchen stoßen kann? Da sie bleiben, solange es dem Kaiser paßt, stellt man sich mit ihnen lieber auf leidlichen Fuß und bekümmert sich eifriger um ihre Umgangsformen als um ihre Leistungsfähigkeit. Dieser Reichstag hat kein Ziel vor, keinen Willen zur Herrschaft in sich; er ist zum Disputierkränzchen geworden und drischt in jedem Herbst wieder dasselbe Stroh. In England, Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn, Belgien, Skandinavien, in Österreich und den Balkanstaaten sogar regiert das Parlament, in Rußland heischt es Konventsrechte; in Deutschland redet es den Regierenden ins Handwerk drein und knickert ihnen unklug die Pfennige ab. There's the respect that makes calamity of so long life. Dieser Zustand darf nicht noch länger dauern. Das nächste Ziel politischen Trachtens muß die Sicherung des parliamentary government nach britischem Muster sein.
Übt euch in zähem Widerstand gegen Ungebühr! Warnt das Volk, sein Geld einer schlechten Regierung anzuvertrauen! Und stählt den Willen zur Macht!«
Ganz meine Meinung! Wir witzeln über den unfähigen Reichstag, tuen aber nichts ihn zu stärken. Noch fehlt dem Reichstagsgebäude die Aufschrift. Erträgt das unser lammfrommes Volk noch weitere Jahrzehnte?
In allen großen Kulturfragen unseres Volkes wollen und werden wir uns erlauben mitzureden, werden auch die Amtstätigkeit unserer Beamten öffentlich kritisieren, wenn sie uns gemeingefährlich erscheint. Paul de Lagarde verlangte schon eindringlichst, daß die Beamten für ihre Verfehlungen regreßpflichtig gemacht würden. Was sagt man nun zu folgender ›amtlichen‹ Angelegenheit? Man lese das Buch ›Mein gutes Recht‹ des deutschen Kaufmanns +Karl Paasch+ (Kommissionsverlag von Meyer & Hendeß in Zürich, 1906), den man für verrückt erklärt hat, weil er über deutsches Kolonialwesen die unglaublichsten Dinge veröffentlicht hat. Nach den jüngsten Erfahrungen wird er auch für Unglaubliches jetzt Gehör finden.
+Lehmann-Hohenberg+, auch so ein Unbequemer, der in alle dunklen Ecken unseres Reiches hineinleuchtet, nennt in seinem »Rechtshort« (1906, Nr. 13/16) diesen Paasch einen modernen Michael Kohlhaas und ruft, nachdem er den wirklich ganz ungeheuerlichen Fall in großen Zügen dargestellt hat, in Erregung aus: ›Ward je ein Fürst und Volk schändlicher betrogen und verraten!?‹ -- -- »Hier kann und darf keine Aufklärung gescheut werden! Stecken wir schon mitten in vollster Korruption? Das deutsche Volk hat ein Recht darauf, zu erfahren, wie es hiermit steht, und daß mit stählernem Besen die Stuben unseres Beamtentums ausgefegt werden, wenn die Angaben von Paasch auch nur zu einem Teil auf Wahrheit beruhen.«
Um mich etwas verständlicher zu machen, will ich mit seinen eigenen Worten andeuten, worum es sich handelt, mache dabei auf die Tatsache aufmerksam, daß verwandte Anschauung und Stimmung hervorleuchten aus »den Briefen, die ihn nicht erreichten«. Paasch also schreibt: