Part 5
Wenn also zugestandenermaßen die Organisation nichts taugt, so ist es doch wohl Pflicht, diese Organisation zu ändern. Auch sonst erkenne ich aus Münchs Buch, obschon es hier und da auch gegen mich gerichtete Spitzen haben mag, daß er die Berechtigungen unserer Reformvorschläge vielfach zugibt. Er klagt über ›gigantische Einseitigkeiten‹ und über die Heftigkeit der Polemik. Man kann ihm getrost in beiden recht geben und doch bei der alten Taktik verbleiben, die sich bewährt hat. Denn sie hat schon gute Erfolge zu verzeichnen. Wenn die Presse einem so festgefügten Organismus gegenüber, wie es unsere staatliche Schule ist, irgend etwas ausrichten will, so muß sie ihren Angriff mit gesammter Kraft auf deren schwächste Stellen richten. Daß bei einem solchen Sturme unnütz viel geschossen und Hurra gebrüllt wird, ist auch ein Stück allgemeiner Lebenserfahrung, die den weltweisen Münch nicht verwundern sollte.
Zieht man die Summe seiner so ruhig abwägenden Betrachtungen, so gewinnt man die unleugbare Überzeugung, daß er im wesentlichen die Berechtigung unserer Beschwerden anerkennt, daß er seine bedeutende Kraft gerne mit einsetzt, um bessere Zustände herbeizuführen. In welcher Tonart ein jeder seine Musik machen will, das überlasse man getrost seiner eigenen Natur. Besonders würde es nutzlos sein, einen vor Schmerzen Schreienden darüber freundlich belehren zu wollen, daß er zu laut sei.
Ich halte es für einen großen Gewinn unserer neuen Zeit, daß man in ihr wieder Naturlaute zu hören bekommt.
Was mich selbst betrifft, so lege ich mir nur den Zwang auf, den Kampf nicht ins Persönliche hinübergleiten zu lassen, im übrigen bekenne ich mich möglichst wahr, ehrlich und ohne jegliche Pose und glaube, so komme ich am weitesten. Die Gründe werden zwar nicht zwingender, wenn man sie laut vorträgt, aber sie werden dann doch gehört. Und wenn man es mit Schwerhörigen zu tun hat, bleibt einem nichts anderes übrig, als sein Organ anzustrengen.
IV.
Befähigungsnachweis.
»Heiße Doktor und Magister gar Und ziehe schon die dreißig Jahr --«
Meine Leser werden aber gemerkt haben, daß mir trotzdem die Frage Sorge macht, ob ich, da ich eben »nur« Lehrer und Staats+bürger+, nicht Staats+mann+ bin, auch den Beruf dazu habe, in einer so ernsten nationalen und politischen Angelegenheit öffentlich zu sprechen und Kritik zu üben. Daher mein vielleicht vergeblicher Versuch eines Befähigungsnachweises. Der Deutsche braucht einen solchen, sonst ist ihm selbst nicht wohl und sicher zumute. Es ist das ein Stück deutscher Gewissenhaftigkeit, die sich freilich ins Philisterhafte und ins Chinesentum auswächst. Man empfindet auch das Lächerliche und Hemmende dieses Zustandes immer deutlicher und gibt ihm lauten Ausdruck.
»Leider ist es ja wahr,« sagt +Heinrich Steinhausen+, »daß immer noch Menschen unter uns etwas sein und etwas bedeuten wollen, die keine Berechtigungs- und Abgangszeugnisse aufzuweisen haben, wie das jüngst von Literaten, Schriftstellern, überhaupt Federherren bekannt geworden ist. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und die ist und bleibt: Ohne Schein kein Sein, ohne Schule kein Schein, also ohne Schule kein Sein, sondern das Nichts. Dieser Schluß ist demantfest.« Immer wieder, schreibt die »Neue freie Presse« in Wien, wird der Versuch gemacht, den Spielraum des Talents durch Befähigungsnachweise einzuengen, durch ein System von Prüfungen, durch einen geregelten Stufengang. Der Gewerbsmann will durch die Kautelen des Befähigungsnachweises sich den Konkurrenten vom Halse schaffen, den Lebenskampf, in dem nur der Tüchtigste besteht, mildern. Der Staat erzieht sich durch ein kompliziertes System von Prüfungen seine Beamten, schreibt ihnen den Studiengang vor und läßt sie langsam von Stufe zu Stufe vorrücken. Das Leben wird reglementiert und in bestimmte Ordnungen gezwängt. Aber es gibt etwas, was stärker ist als alle diese Beschränkungen: das ist das Talent. Es braucht einen gewissen Spielraum zu seiner Entwicklung, es gedeiht am besten in der Freiheit, mitten im vollen Leben. Gerade die stärksten Talente werden den Drang in sich fühlen, von den markierten Wegen des Lebens abzuweichen und sich durch Gestrüpp und Wildnis einen Weg zu bahnen. Dieser Kampf mit dem Leben, dem man Aug ins Aug blickt, diese Auserprobung aller Kräfte, dieses mutige Ringen erzieht kräftige, energische, kühne Menschen, und solche sind es, die das moderne Leben braucht, dessen Schauplatz so weit geworden ist, dessen Aufgaben so groß und mannigfach sind.
Wir verlangen aber in Deutschland nach wie vor, daß einer erst seine +Papiere+ vorzeige, ehe wir ihn hören und ihm glauben wollen. Die Amerikaner tun das nicht und kommen damit schneller voran. Sie sehen sich den Mann, sehen sich seine Arbeit an und danach urteilen und entscheiden sie.
Keine Frage, daß unser ganzes Berechtigungswesen veraltet und verzopft ist. Dabei wuchert es aber gerade jetzt in beispielloser Üppigkeit. Es werden dadurch eine Menge bester Kräfte lahmgelegt und -- was vielleicht noch schlimmer ist -- es werden die durch ihre Examen Privilegierten unmäßig überschätzt und dadurch zu selbstbewußt und viel zu einflußreich.
Aus allen Berufsklassen bleiben fähige Köpfe allein deshalb ausgeschlossen, weil sie den üblichen Instanzenweg der Fachbildung nicht durchgemacht haben. Überall steht ihnen der anspruchsvolle Fachmann im Wege, der seine Zeugnisse und sonstigen Papiere in Ordnung hat, dabei aber eine Null sein kann, eine dicke, fette, korrekte, runde Null, und oft auch ist. Die Abgestempelten sind nicht immer die wahrhaft Großen. Es läßt sich auf jedem Gebiete des Kulturlebens nachweisen, daß es in der Regel die Außenstehenden, die Nichtfachmänner sind, die den Fortschritt bringen. Sieht man z. B. die Geschichte der Pädagogik durch, so findet man das mit Staunen bestätigt. Die Bahnbrecher waren fast sämtlich ungeprüfte Leute, ohne Staatsexamina, ohne »Fakultäten«, überhaupt ohne eine amtliche Lehrberechtigung. Man denke an Hume, an Rousseau, denke vor allem an Pestalozzi. Dieser seltene Mann, der Theologe, dann Jurist werden wollte, es später als Landwirt versuchte, rief erst im vierzigsten Lebensjahre das entscheidende Wort: »Ich will +Schulmeister+ werden!« -- Keine Behörde im heutigen Deutschland würde eine solche »gescheiterte Existenz« mit irgendeinem Lehramte betrauen. Er müßte sein Heil als Literat versuchen und würde auch da schwer Gehör finden, schon weil er keine Examina hinter sich hat.
Heute verzeihen es die waschechten Zünftler dem Literaten nicht, daß er im großen Stile über Erziehung zum deutschen Volke zu sprechen wagt, wenn er vorher »nur« Volksschullehrer war. Der echte Fachmann belächelt solchen Übermut und weist den Gedanken weit von sich, als könne er von einem solchen Menschen etwas lernen. Die Folge ist, daß der selfmademan -- außer auf dem rein wirtschaftlichen Gebiete -- fast gar nicht vorkommt. Jammerschade! Denn das sind die Besten! Da kommen wir wieder auf unsere Mannhaftigkeit. Es ist unmännlich, feig und kurzsichtig, daß wir stets »Schriftliches« verlangen, um einen Menschen gelten zu lassen. »Auch noch Geschriebenes forderst du Pedant?« Der beste Befähigungsnachweis ist die Tat.
+Maximilian Harden+ war Schauspieler. Darauf wurde er Literat. Auf diesem Boden herrscht noch gottlob freie Konkurrenz. Da kann sich ein Talent seinen Platz noch selbst bestimmen, braucht sich nicht von irgendeinem breitschultrigen Vordermann Licht und Luft und alle Entwicklungsmöglichkeiten rauben zu lassen. Von der Kunstkritik ging er über zur Politik. Heut ist er eine Macht auf beiden Gebieten. Wer hat ihn dazu gestempelt?
Seine Worte finden Widerhall in ganz Deutschland und darüber hinaus. Wen er haßt, der sorge dafür, daß er nur bald in Sicherheit komme, sei er ein Dichter oder ein Minister. Natürlich wurde auch ihm von den zünftigen Zeitungsschreibern arg zugesetzt, aber sie hatten doch keine gesetzlichen Mittel, diesen »Eindringling« von einer Tätigkeit auszuschließen, zu der er -- wenn einer -- den +inneren+ Beruf hat. Anfangs witzelte man natürlich über den »frechen Preßbengel« -- Mannhaftigkeit gilt bei uns bekanntlich als Frechheit -- jetzt sehen wir ihn umworben von all den Mächten, die man als »tonangebend, maßgebend, autoritativ« oder wie sonst ehrend bezeichnet.
+(Große Ursachen -- kleine Wirkungen.)+
Was uns Harden jüngst mitgeteilt hat, das war für mich mitbestimmend, ja geradezu entscheidend für diese Schrift. Mit Schaudern las ich nämlich die Enthüllungen über die Amtstätigkeit des Herrn +von Holstein+. Da erfuhren wir, daß ein dem deutschen Volke unbekannter, aber amtlich abgestempelter Mann im Ministerium saß und von da aus das Wetter in Deutschland und Europa machte. Er wünschte auch Krieg mit Frankreich, meinte, daß die Marokkofrage zum Ausbruch Gelegenheit bieten müsse und arbeitete höchst gefährlich auf dieses Ziel hin. Ein dunkler Ehrenmann, nein, ein Giftmischer, der sich
»in Gesellschaft von Adepten In die schwarze Küche schloß, Und nach unendlichen Rezepten Das Widrige zusammengoß. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Hier war die Arzenei -- Die Patienten starben, Und niemand fragte, wer genas.
So hat dieser Mann
-- -- mit höllischen Latwergen In diesen Tälern, diesen Bergen Weit schlimmer als die Pest getobt.«
Diesem Manne also hätten wir beinahe einen Krieg mit den verbündeten Engländern und Franzosen zu danken! So Ungeheuerliches wagt bei uns ein angeblich dazu »Beamteter«!
Gut, sagte ich mir, wenn es in Deutschland möglich ist, daß ein einzelner Mann das Leben und Lebensglück von Hunderttausenden, den Bestand unseres Reiches und unseres ganzen Volkes so leichtfertig aufs Spiel zu setzen wagt, wenn er sich durch seine Examina und seine amtliche Tätigkeit den »Befähigungsnachweis« zu einem solchen Verbrechen glaubt erworben zu haben, dann kann ich wahrhaftig mit gutem Gewissen einer Entwicklung unseres öffentlichen Lebens entgegentreten, die solche Gefahren erst möglich macht und aufkommen läßt. Oder muß man sich seine Vaterlandsliebe und das Recht, sie zu betätigen, auch erst auf dem Amte bestätigen und abstempeln lassen?
V.
Bedürfnisfrage.
»Das Volk steht auf, der Sturm bricht los, Wer legt noch die Hände jetzt feig in den Schoß, Pfui, über dich Buben hinter dem Ofen, Unter den Schranzen, und unter den Zofen -- Bist doch ein ehrlos, erbärmlicher Wicht!«
Körner.
Viel wichtiger als der Befähigungsnachweis ist die Bedürfnisfrage. Als Bismarck ging, war Frankreich isoliert, heute ist es Deutschland. Der Dreibund hat seine Bedeutung verloren. Darin stimmen alle unsere Politiker, die ein freies Wort wagen, mit bedauerlicher Einstimmigkeit überein. Da man mich als Politiker vielleicht nicht anerkennen wird, so lasse ich andere sprechen, deren Urteil mir am schwersten wiegt, deren Voraussagen ihr Urteil bisher am besten bestätigt haben. Ein solcher ist nach meinen Beobachtungen +Carl Peters+. Ich lese regelmäßig seine wertvollen politischen Aufsätze, die »+Die Finanz-Chronik+«, Wochenschrift für finanzielle und wirtschaftliche Interessen, in London erscheinen läßt, und bedauere stets von neuem, daß unserem Staatsdienste seine bedeutende Kraft entzogen ist.
Er schreibt am 1. September: -- »Der Schwerpunkt der großen Entscheidungen hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr von Berlin nach London verlegt. In der europäischen Politik ist die englisch-französische Entente cordiale jetzt der Rocher de bronze. -- -- Sie ist heute fester als je. -- -- Die vereinten Westmächte planen, zurzeit wenigstens, keinen Angriffskrieg gegen uns. Aber sicherlich ist es unbequem für die deutsche Politik, daß wir gegen Westen das alte gute ›divide et impera‹ so gar nicht mehr anwenden können. Die Algeciras-Konferenz ist ein kleines Vorspiel für das, was wir in der kommenden Zeit von internationalen Kongressen zu erwarten haben: ›Einer gegen alle‹ ist stets ein gefährliches Spiel. -- -- Eine Umwandlung der konservativ-slawischen Großmacht in einen liberalen oder gar republikanischen Staat wäre eine direkte Gefahr für unsere internationale Stellung. -- -- Erst ein +konstitutionelles+ Rußland wird Ernst machen mit der französischen Allianz und mit der britischen Entente. Deshalb war das Wort des britischen Premierministers: ›la Douma est morte; vive la Douma!‹ kein bloßer Einfall, sondern ein wohlüberlegter staatsmännischer Akt. -- -- Damit wäre dann die Isolierung Deutschlands eine vollendete Tatsache; und unsere Feinde könnten anfangen, von einem Angriffskrieg gegen uns zu träumen. -- --
Diesen Möglichkeiten und Gefahren gegenüber haben wir im wesentlichen nur unsere eigene Wehrkraft. Fortdauernd bleibt der alte Friedericianische Grundsatz für uns bestehen: ›toujours en vedette‹; oder, wie Kaiser Wilhelm es faßte: ›Wir müssen unser Pulver trocken halten‹. Das Deutsche Reich, solange es sich selbst treu bleibt, ist so stark, daß selbst das vereinigte Europa es sich zweimal und dreimal überlegen wird, darüber herzufallen. Und wenn das +Germanentum+ (?) einer Koalition aller Weltmächte gegenüber treten müßte: unter allen Umständen würde das Ende stolz und ruhmvoll sein. Und was will eine Nation schließlich mehr! Das Dasein als solches ist nicht gerade ein absolutes Gut, für die Völker ebensowenig wie für die einzelnen.«
All dem muß man leider als richtig zustimmen, nur dem Schlußgedanken nicht, daß Deutschland nicht mehr zu wollen habe, als ein stolzes und ruhmvolles Ende.
Soviel aber ist gewiß. Unsere Zukunft hängt allein von +unserer Kraft+ ab. Wir stehen allein, und nur Eintracht und Mannhaftigkeit können uns beschützen. Damit ist auch die Bedürfnisfrage für eine Erziehung zur Mannhaftigkeit schon beantwortet. Man könnte höchstens sagen, es geschähe schon alles Notwendige, es könne sich nur um eine gewissenhafte Beibehaltung unserer »altbewährten« Praxis handeln. Darauf ist zu antworten, daß sich diese Praxis eben zu unserem Herzeleid nicht bewährt, jedenfalls nicht in vollem Umfang bewährt.
Es kommt nicht allein darauf an, daß wir im Kampfe auf Leben und Tod unseren Mann stehen, sondern viel wünschenswerter ist es, daß wir es als ein starkes Volk gar nicht so weit, zu einer solchen nationalen Pferdekur, kommen lassen. Mit dem »rühmlich Untergehen« hat es noch Zeit, das pressiert nicht. Wir wollen doch lieber rühmlich +leben+. Tun wir das, dann wird uns und anderen der Gedanke an einen Niedergang oder Untergang gar nicht kommen. Der Starke will vom Sterben nichts hören. Erst wenn es einem hier und da zu zwicken anfängt, stellen sich die Todesgedanken ein.
Weshalb waren wir denn zu +Bismarcks+ Tagen so lebensfroh und lebenszuversichtlich? Wir hatten damals kein größeres Heer, keine größere Flotte, keine besseren Waffen, von allem das Gegenteil, aber wir hatten dafür etwas, was alles andere aufwiegt, wir hatten +große Männer+ an der Spitze. Jetzt erkennen wir am eigenen Staatsleibe, was ein Mann vermag, was wahrer Manneswert bedeutet: die Geschichte enthüllt es immer deutlicher, daß das Deutsche Reich die Schöpfung fast des +einen+ Bismarck ist und lehrt uns wieder mit eindringlicher Sprache, daß es nicht die Massen, nicht Konferenzbeschlüsse und politische Organisationen sind, sondern daß es vor allem der klare Wille +einzelner+ Männer ist, der die Welt vorwärts bringt.
Wichtiger noch als Anschaffung neuer Gewehre und neuer Kriegsschiffe ist tatsächlich eine Erziehung der Jugend zur Mannhaftigkeit. Darin hat unser Kaiser recht. Zur Mannhaftigkeit aber in +dem+ Sinne, daß sie freidenkende, selbständig handelnde und mutvoll ihre Überzeugung wagende Männer werden. Wir haben in Deutschland zuviel »Jasager«, zu viele in ihrer Jugend schon gebrochene Existenzen, zu viele treue Diener, zu viele »brave« Beamte, zu wenig Männer.
Hätte Bismarck sich mit dem Ruhme begnügt, ein gehorsamer Fürstendiener zu sein, so hätten wir kein Deutsches Reich. Alle großen Fortschritte der preußisch-deutschen Entwicklung hat er seinem mit Hingabe geliebten königlichen Herrn +abtrotzen+ müssen. Wir haben die Überzeugung, daß heute kein Mann in Deutschland lebt, der ihm in gleicher Stellung einen solchen Mannesstolz nachleben würde. Das ist der springende Punkt! Im Felde versagt kaum einer.
Es leben im deutschen Heere »Leonidasse« und »Pelopidasse« zu Dutzenden, zu Hunderten, ja, ich glaube, zu Tausenden. Sprechen wir doch nicht weiter von einer Tugend, die auch den Mamelucken ziert! Es handelt sich um etwas viel Höheres, als um brutale Gewalt, als um den Mut der Verzweiflung eines in seiner Existenz bedrohten großen Volkes.
Wer in dieser Hinsicht eine Kraftprobe mit unserem Volke wagen will, der wird sein blaues Wunder erleben. Aber bei Hof, in den »Ämtern« und in den Parlamenten vermißt man immer schmerzlicher, mit immer lauteren Klagen die Bismarck-Naturen, ja, selbst solche Leute, die Männer wachsen lassen.
Er hat leider wenig Schule gemacht. Genie läßt sich freilich nicht vererben, aber er selbst meinte, daß man in seinem Hause doch wenigstens ein »bißchen Vornehmheit« hätte lernen müssen. Was er darunter verstand, ist leicht ersichtlich: vor allem eben doch Mannhaftigkeit, ein offenes, ehrliches, freimütiges, tapferes Wesen, nicht etwa jene glatte gesellschaftliche Politur, jenes gleißende Nichts, das Walther von der Vogelweide sehr treffend als »geliehene Zucht« bezeichnete.
Man führt uns immer wieder auf den Wahn, als ob sich der Mannhafte nur mit Flinte und Säbel bewähren könne. Ich habe so manchen Ritter des Eisernen Kreuzes als Subalternbeamten kennen gelernt, der nichts mehr von einem Helden an sich hatte, wohl aber jenen Blick und jenes Benehmen, das uns an einen homerischen Vers erinnert (Il. I, 225). Es ist viel leichter, einen Befehl ausführen, dem Willen eines anderen folgen, als sich seine eigenen Gesetze schreiben und mit diesen zur Not einem höheren Willen auch trotzen. Wir finden viele Tausende, die ohne Zögern eine feindliche Stellung stürmen helfen, aber nur wenige darunter, die ihrem Chef offen ihre Überzeugung ins Gesicht sagen. Ja, was gäbe mancher Subalterne dafür, wenn er seinen Geheimrat einmal vor die Pistole laden dürfte! -- Ihm aber widersprechen? Lieber nicht. Man hat Weib und Kind, ein Avancement steht in Aussicht, nächstes Jahr ist man mit dem Kronenorden an der Reihe, man mag sich doch nicht von allen Kollegen verachten lassen. Also, -- nieder mit dem Ärger, und wenns eine Gallenkolik gibt! Lieber nichts merken lassen, still seinen Dienst tun, Zufriedenheit und Zustimmung heucheln. »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.« Man tut halt seine sog. Pflicht und sieht nicht nach rechts und links ... Oller tüchtiger Beamter!
Ein Fabrikarbeiter kündigt und geht seiner Wege. Wohin soll der entlassene Beamte gehen? Es gibt für ihn kaum einen anderen Weg als den ins Elend.
Derselbe Geist herrscht überall, wo der Staat der dienstgebende Herr ist. Also auch in der Schule für Lehrer und Schüler.
»Das ist ja eben«, wird man mir zurufen »die hohe, sittliche, bildende, erziehliche Kraft des Staates! Wehe dem, der daran rüttelt! Das sind die Säulen, die unser Reich tragen, das ist die hohe Schule der Zucht und Ordnung. Dadurch ist Preußen und Deutschland groß geworden: das allein kann uns auch in Zukunft erhalten. Das ist unsere Macht, unser Stolz, darum beneiden uns alle Nachbarstaaten, das ist der Fels, an dem alle Bemühungen der Wühler, Nörgler, Aufhetzer, all der gewissenlosen offenen oder versteckten Vaterlandsfeinde elend scheitern werden.«
Ich kenne all diese Behauptungen so gut, weil ich sie selbst lange vertreten habe und sie jetzt von den »Stützen von Thron und Altar« ja täglich wieder hören muß -- in allen Tonarten vom freundlich-belehrenden Piano bis zum polternden Furioso, selbst in erregt vibrierendem Prophetentone mit dem Posaunenklang des jüngsten Gerichtes.
»Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.«
Ob unsere nationale Erziehungspraxis im weitesten Sinne gefaßt eine Reform braucht, darüber ist allein unser Volk in seiner Gesamtheit Richter. Und dieses unser Volk spricht immer lauter, immer vernehmlicher seine Unzufriedenheit über den herrschenden Geist unseres öffentlichen Lebens aus, fordert immer lebhafter, daß auch die Schule eine geistige Verjüngung herbeiführen helfe.
Dagegen begnügten sich bisher viele mit der wohlfeilen Auskunft, daß die Unzufriedenheit nur ein Kunstprodukt sei, erzeugt durch Verhetzung der urteilslosen Massen von selten gewissenloser Agitatoren. So denkt vielleicht noch heute der ostelbische Agrarier, so denken unsere »korrekten« Behörden, so denkt der Adel und die ihm verbündete orthodox-konservative Partei. Diese lernen auch aus der Geschichte nichts und wollen aus ihr nichts lernen, selbst wenn sie eine so eindringliche Sprache spricht wie jetzt in Rußland.
Es wird also gut sein, sie über das aufzuklären, was unser Volk -- und nicht gerade die Schlechtesten unseres Volkes -- jetzt beunruhigt, und was zu Reformen an Haupt und Gliedern immer unaufhaltsamer drängt.
Wir beobachten mit steigender Sorge das Anwachsen der Menge von wirtschaftlich und auch innerlich gebrochenen Menschen, die nicht mehr die Kraft, den Mut und den Trieb haben, nach eigener Bestimmung, eigener Überzeugung, eigenen Idealen zu leben. Wir sehen trotz aller Fortschritte im wirtschaftlichen Leben »eine ungeheure Rückständigkeit, sehen in Kirche und Schule eine schlimme Geistesverkrüppelung«, im Rechtswesen das Gegenteil von dem, was Geheimrat Prof. Dr. +Gierke+ unserem Kaiser vortrug, daß nämlich »in der Tiefe des Volksgemütes ein felsenfestes Vertrauen auf die Gerichte unerschüttert« sei, wir sehen, daß die aufrechten und wahrhaften Männer immer weniger zu Wort kommen, daß auch in der Presse Überzeugungstreue und Mannhaftigkeit immer mehr schwinden, um einer glatten und bequemen Gesinnungslosigkeit das Feld zu räumen; sehen eine unheilvolle Trennung des im Formalismus und Bureaukratismus versinkenden amtlichen Lebens vom Privatleben; sehen eine gerade von den herrschenden Kreisen ausgehende Verflachung des Daseins, die unsere Offizierkreise und das feudale Korpsleben zuerst erfaßte und dann immer tiefer auch in die Beamtenkreise und in das begüterte Bürgertum eindrang, sehen eine von den Regierungen begünstigte Klassenwirtschaft, eine gefährlich anwachsende Zersplitterung unseres Volkes nach Konfessionen, Ständen und Kasten, sehen ein unheilvolles Regiment des Buchstaben und der Paragraphen eifrig bei der Arbeit, alles geistige Leben zu nivellieren, alle Persönlichkeit zu erdrücken. Die Menschen werden zu Maschinen herabgewürdigt, werden als Nummern in zahllosen Akten und Listen geführt, werden herz- und geistlos nach »Schema F« abgefertigt. Ein Wald von Vorschriften engt unser Leben ein und wir drohen unter Aktenpapier und in Tintenfluten zu ersticken. Alles das ertragen wir mit wachsendem Unwillen.
Wir sehen, um mit Tacitus zu sprechen, unser Volk in die Knechtschaft hinabgleiten. Byzantinismus, unmännliche Ergebenheit Würden und Titeln gegenüber, Bewunderung des äußeren Scheines, protzenhaftes Verachten aller tiefliegenden geistigen und ethischen Schätze und bei allem großtuerischen Gebahren in entscheidenden Stunden doch Verzagtheit und Feigheit. Wir haben den Eindruck, daß unsere Kultur krank, zumal daß jene berühmten »Stützen« innerlich hohl sind, wir sehen, daß dem Rechtsbewußtsein, dem Wahrheitsbedürfnisse, dem Entwicklungstriebe unseres Volkes von seiten der Regierungen und Behörden entgegengearbeitet wird. Wir beklagen es bitter, daß die Regierung das Volksempfinden unausgesetzt verletzt.