Part 22
Wenn Machthaber, Erzieher, Lehrer über Respektlosigkeit der Schutzbefohlenen klagen, dann liegt immer ein Fehler der Leitenden zugrunde. Denn der Mensch hat den inneren Drang, sich anzuschließen und unterzuordnen, wo er Kraft und Einsicht, Wohlwollen und Schutz findet. Sind die Untergebenen unzufrieden, dann ist es hohe Zeit, daß die Herrschenden mit sich zu Rate gehen. Ohne Feuer kein Rauch. Wer ehrlich sucht, findet auch den Grund der Unzufriedenheit und findet Mittel der Abhilfe, sofern nicht, wie vor 100 Jahren in Frankreich und heute in Rußland, der rechte Zeitpunkt durch Gedankenlosigkeit und brutalen Egoismus schon versäumt ist.
Nach meinem Urteile, das sich auf eine langjährige Beobachtung begründet, ist unsere jetzige »+bessere+« Jugend -- die anderen kenne ich leider zu wenig -- nicht zu respektlos, sondern zu zahm, zu autoritätsgläubig, zu unselbständig im Denken und Handeln. Diese Schwäche teilt sie mit ihren Eltern. Ihre grenzenlose Hochachtung vor Beamteten, Betitelten, Ordengeschmückten und tönenden Namen lähmt all ihr Urteil. Es wird höchste Zeit, daß man dem Volke all diese bewunderten Leute einmal in der Unterhose zeige.
In einem demokratischen Staate, wie Frankreich und den Vereinigten Staaten von Nordamerika oder in England, wo die Ministerien häufig wechseln, und morgen schwarz wird, was heute weiß war, in allen Ländern, wo das Volk zur Mitarbeit an der Regierung nicht nur pro forma, sondern de facto berufen ist, finden wir nichts von diesem Anstaunen der amtlichen Würdenträger. Wenn es bei uns nur öfters vorkäme, daß z. B. ein Ingenieur wie +Freycinet+, ein Advokat wie +Haldane+, ein Börsenmakler wie +Benteaux+ Kriegsminister würden oder ein ehemaliger Arbeiter, wie +Burns+, Arbeitsminister und wenn häufiger Subalternbeamte in höhere Stellen aufrückten, da sie doch nicht selten alle Arbeit leisten, für die die hohen Herren ihre Titel und Orden beziehen, -- dann ließe dieser lähmende Respekt vielleicht etwas nach.
Wirksamer freilich, wenn auch betrüblicher, sind die Enthüllungen letzter Jahre, die uns alle Bewunderung in Verwunderung verwandelt haben. Da entringt sich der bescheidenen Untertanenbrust der Ruf: »Na, viel ungeschickter hätt' ich's auch nicht angestellt!« -- Das hat also das eine Gute, daß sich das matte Selbstbewußtsein -- die saure Frucht von endlosen Erziehungsbemühungen -- wieder etwas auffrischt. Ich habe noch das Glück, einige sog. Diplomaten persönlich zu kennen. Das wirkt auf die Streckmuskeln des Rückens besonders stärkend.
Mit »einem Tropfen demokratischen Öles« ist schon nichts mehr zu leisten, wir brauchen alle schon einen gehörigen »Schuß« Öl, um zur Selbstbesinnung und zu einer manneswürdigen Selbstachtung zu kommen.
Fast schlimmer noch als der seit Jahrhunderten dem deutschen Untertanen angezüchtete Respekt vor der weisen Obrigkeit ist der vor tönenden Namen der Wissenschaft und der Kunst. Auch da erstirbt jedes eigene Urteil in Demut. Wer in irgendeinem Pünktchen Goethes Meinungen bekämpft, gilt als Barbar oder dreister Umstürzler.
Fast jeder »Gebildete« befindet sich bei uns im Banne des Angelernten. Werturteile über ganze Völker, über politische und sonstige Größen gehen um wie schlechte Kupfermünzen. Wie selten trifft man noch Menschen mit eigenen Köpfen! Die »Bildung«, die Schule mit ihrem von +Arthur Bonus+ so heftig angezweifelten Kulturwerte, nimmt den Menschen alle Höhen und Tiefen. Je »besser« die Schulen, um so flacher die Menschen, die aus ihnen hervorgehen.
Geheimer Justizrat +L. Passarge+ in Jena schreibt in seinem Buche: »Ein ostpreußisches Jugendleben«, als 81jähriger: »In meiner Jugend war fast jeder Mensch ein Original: die Bildung hatte noch nicht alle über einen Kamm geschoren.« Die Überzeugungen waren damals noch nicht im Massenvertrieb von den Regierungen ins Volk geworfene Fabrikware.
Die Wertschätzung eines strebsamen jungen Mannes liegt jetzt in der Hand irgendeines Gewaltigen der Feder: von einer herabsetzenden Kritik eines namhaften Kunstgelehrten erholt sich der Betroffene oft im ganzen Leben nicht wider: denn man traut den überbrachten Worten lieber als dem eigenen Urteile. Ich könnte zu diesem Kapitel die lehrreichsten Einzelbeobachtungen beibringen; aber die Sache bedarf wohl keiner eingehenderen Begründung. Wir alle kennen das Übel schon zur Genüge.
Noch schlimmer aber als der Respekt vor Titeln und Namen ist der von ererbten Lehren und Anschauungen. Es gibt Tausende von solchen gläubig oder nur gedankenlos hingenommenen Scheinwahrheiten, die zu prüfen man sich scheut. Zumal werden eine Menge religiöser Lehren nur deshalb noch ernst genommen, weil sie uns irgendein Mensch mit ernster Miene vorgetragen hat. Als Sklave einer anerzogenen Gedankenlosigkeit beansprucht der Unfreie noch die Achtung eines besonnenen, pietätvollen, bescheidenen Menschen. Man sollte ihn lieber feig und unehrlich nennen.
Natürlich leisten auf diesem Gebiete wieder ehemalige Militärs das Stärkste. Diesen Herren ist es zumeist unverständlich, wie ein Mensch zu abweichenden Meinungen kommen könne, da sie in der vermeintlich »tadellosen« Welt leben. Alles, wie's sein muß: Gottesdienst, patriotische Gesinnung, gesellschaftliche Haltung. Geschmack und Urteil -- alles in bester Ordnung. Als R. von Egidy ein eigenes Glaubensbekenntnis aussprach, hielt man ihn in seinem Kreise für »+einfach verrückt+ --, war ein tüchtiger Soldat und angenehmer Kamerad. Schade um den Menschen«!
Es wird gut sein, der Jugend, wenn sie in die Jünglingsjahre tritt, zu sagen, daß alle großen geistigen und moralischen Erfolge ein starkes Selbstvertrauen und damit verbunden Mangel an Autoritätsglauben voraussetzen. »+Kopernikus+ hatte keine Furcht vor der Bibel, er hätte sonst die Astronomie nicht reformieren können, +Luther+ fürchtete nicht den Papst, nicht die Mönche und die ganze katholische Kirche -- --, +Galilei+ fürchtete weder Bibel noch Aristoteles, sonst hätten alle seine Geisteskräfte nicht hingereicht, die moderne Naturwissenschaft zu begründen« (Popper, Voltaire, Dresden, Carl Reißner. 1905. S. 309) und so sind Descartes, Giordano Bruno, Spinoza, Bayle, Rousseau, Voltaire alle respektlos gewesen gegen die Autoritäten, die sie erst stürzen mußten, um selbst wirken zu können. Voltaire zumal, »der vor nichts in der Welt Furcht hatte und nie auf halbem Wege stehen blieb, der deshalb als Kämpfer, Erwecker, Aufrüttler, Bahnbrecher unübertroffen ist, als Minierer, als Feind jeden hohlen Wesens und falschen Scheines, als der Mann, der jede Maske herunterriß, dessen Schriften Schlachten, und zwar lauter gewonnene Schlachten sind, der alle Bastionen des Mittelalters mürbe schoß und mehr als irgendein andrer Mensch durch die Gesundheit seines Naturells zum Feind alles dumpfen Hinbrütens in geisteszerrüttendem Phantasiespiel wurde« (ebenda S. 310 ff.). Statt des hirn- und herzlosen Respektes, den man heute der Jugend predigt, lehre man sie Achtung vor jedem ehrlich Strebenden, vor jeder selbst erworbenen und mannhaft verteidigten Überzeugung.
Man gebe ihr +Hebbels+ und +Emersons+ Schriften in die Hand. Da wird sie Mannhaftigkeit verstehen und lieben lernen. Man nähre ihre Selbstachtung, den Stolz auf ihre Eigenart, den Willen, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln, zu behaupten und durchzusetzen!
Man lasse Überzeugungen wachsen, man gebe alles Denken frei, man schütze und ehre das freie Wort -- und mit Staunen wird man gewahren, wie viele Männer in Deutschland erstehen. Regierungen, Schulen, Eltern und Erzieher sind nicht dazu da, das geistige und sittliche Wachstum zu hemmen, sondern ihm eine freie Entwicklung zu sichern. Kultur wird von der Regierung und Behörden nicht geschaffen, sondern bestenfalls geschützt. Eine Regierung, die sich anmaßt das Geistesleben ihres Volkes in Religion, Wissenschaft und Kunst zu kommandieren, zerstört oft mehr geistige Werke, mehr Menschenglück, mehr Lebens- und Entwicklungskeime als blutige und hartnäckige Kriege, durch die doch auch Kräfte, selbst die edelsten, befreit und entfesselt werden. Nichts demoralisierender für ein Volk als die Stickluft einer Gesindestube, vermischt mit dem Weihrauchdunst der Höflinge und der Klerisei. Das ist wahrhaft männermordend.
Weshalb kommen die Japaner, weshalb die Nordamerikaner so schnell vorwärts? Weil sie Respekt nur vor dem haben, was sie selbst von seinem Werte lebhaft überzeugt, was sie für ihr eigenes Leben brauchen können. Alte, erstorbene Autoritäten gelten ihnen nichts. Sie rufen jeden noch so großen Namen vor den Richterstuhl ihres gesunden Verstandes. In England oder Amerika kann man ein Urteil wie: I dont like Raffael; I dont like Schiller, sehr oft hören und kein Mensch entsetzt sich darüber. In Deutschland +muß+ man Raffael und Schiller bewundern. Wenn das Verständnis dazu nicht langt, dann lügt man eben.
Mit den Namen unserer großen Pädagogen macht man »drüben« gar keinen Eindruck. Wenn man einen dortigen Erzieher sagt: »Aber +Herbart+, der große Pädagoge, sagt« -- so wird die Antwort lauten: »Wer ist Herbart? Ich kenne diesen Menschen nicht. Was er da sagt, ist mir gleichgültig. Es scheint sehr töricht zu sein.«
Keméni sagt bei dieser Gelegenheit: »Frei von jedem Autoritätsglauben ist der Amerikaner in kein einziges Erziehungssystem befangen, sondern prüft, vergleicht, probiert und wählt das Gute dann und daher, wo er es eben findet. Er freut sich, wenn er auf dieser Suche von Erfolg begünstigt ist und bekennt das stets mit mannhafter Ehrlichkeit.«
Die Folge dieser »Respektlosigkeit« ist eine große geistige Beweglichkeit und deren Folge wieder: ein gesundes Wachstum und blühender Fortschritt.
Ist erst das Selbstvertrauen gestärkt, dann werden wir in Deutschland endlich auch wieder das zu hören bekommen, was +Arndt+ den »Zorn der freien Rede« nennt.
Eines der handgreiflichsten Anzeichen unserer moralischen Schwäche ist, daß wir kein mannhaftes Wort mehr ertragen können.
Man darf sich nicht einmal mehr entrüsten. Das schickt sich nicht. Man ist widerlich anständig, korrekt, ruhig und sachlich geworden. Das danken wir wieder der Beamtenschaft. Im Dienste ist jedes Pathos untersagt. Da gibt es nichts Hohes, Heiliges, nichts Begeisterndes, Entrüstendes. Da herrschen nur die starren, kühlen amtlichen Maßnahmen, Verfügungen und Akten. Alles findet da seine kühl abgemessene Erledigung. Die Hauptsache: Einhaltung des Instanzenweges und gut geordnete Aktenbündel. Man tut seinen Dienst und schert sich nicht um das, was nicht mit ins Ressort gehört. Für die Stimmung wird »oben« gesorgt. Ehe man nicht weiß, wie diese läuft, ist man empfindungslos. Es ist das die Praxis von Lakaien, die auch beim Servieren nichts hören, nicht lachen und sich nicht ärgern dürfen.
So gewöhnte Menschen begreifen gar nicht, wie man sich erregen kann. Begeisterung nun gar würde einem da bald gelegt werden. Das beste Mittel, man läßt so einen Hitzkopf ein paarmal mehrere Stunden lang im Zimmer des Bureaudieners antichambrieren und ihm dann mit Bedauern melden, daß man wieder nicht zu sprechen sei: Dienstliche Abhaltung, wichtige Sitzung.
Über religiöse Fragen zu sprechen, schickt sich in der deutschen Gesellschaft nicht mehr; Politik schließt man auch lieber aus, weil von irgendeinem Herrn, der der Regierung nahe steht, diese oder jene Bemerkung »unliebsam« empfunden werden könnte. Man fängt leider Gottes im Deutschen Reiche selbst am Biertische wieder zu tuscheln an. Als ich auf der Sommerfrische einem General a. D. meine Ansichten über den »Racker Staat« vortrug, sah er sich scheu um und sagte: »Lieber Herr Professor, da drüben sitzt ein Staatsanwalt!« -- »Nun, da will ich etwas lauter sprechen!« Der General hatte 1866 und 1870 mit Auszeichnung gekämpft.
Und nun prüfe man unsere Zeitungen! Das Gott Erbarmen! Was wird da mit Ausnahme von wenigen, die der Wahrheit ehrlich zu dienen bestrebt sind, was wird da zusammengelogen!
Wie schlürfen da die geschäftigen Reporter auf Gummischuhen einher, wie leichtfertig »greifen sie heute etwas aus der Luft«, um es morgen zu dementieren.
Wie feig verstecken sich ihre wahren Meinungen! Wie wird da mit »sollte, dürfte, könnte, möchte vielleicht« gearbeitet, damit man nur ja nicht zu fassen ist! Wie versteckt man sich hinter Pseudonymen, um aus dem Hinterhalt zu treffen! Wie fälscht man Empfindungen und Tatsachen je nach Bedarf und nach Bezahlung!
Jüdische Artikelschreiber schwärmen für die fröhliche, selige Weihnachtszeit, machen alle Wonnen des kirchengläubigen Herzens auf dem geduldigen Papiere mit, erglühen für liebenswürdige Prinzen, Prinzeßchen, die sie nie gesehen haben und die ihnen völlig gleichgültig sind, ereifern sich für hohe Gäste ihrer Landesherren, mögen diese auch innen und außen schwarz sein wie der Teufel, dulden keine öffentliche Erregung, obschon sie sie lebhaft teilen, besänftigen jede Lebenswelle, auf daß der Bürger ruhig weiter schlafe und kein Abonnent abspringe, und berichten über Vorstellungen und Konzerte, die sie nicht mitgemacht haben mit erdichteter Begeisterung oder Entrüstung.
»Feil ist in der geschändeten Brust der Gedanke«, man lese weiter bei Schiller im »Spaziergang« nach, was den Zusammenbruch verkündet!
Wenn Wahrhaftigkeit die erste Mannestugend ist, dann hat Graf Tolstoi recht, der den Simplizissimus das beste Blatt in Deutschland nennt. Jedenfalls kann ein künftiger Historiker die Stimmungen des ungebundenen deutschen Volkes nirgends besser studieren als an diesem satirischen Blatte, das, wie die Flugblattliteratur zu Luthers Zeiten, die bestehenden Schäden rückhaltlos aufdeckt und die große geistige Revolution, die kommen muß, erbarmungslos vorbereitet.
Übrigens ist es sogar eine ideale Aufgabe, die Lüge zu bekämpfen und den Heuchlern die Maske vom Gesicht zu reißen. Für dieses Verdienst nimmt man manche Roheit, manchen zu plumpen Witz gerne mit in Kauf. In der tapferen Zeitschrift »Das freie Wort« stand jüngst ein bitterböser, aber sehr zutreffender Artikel über die berechtigte »Simplizissimusstimmung«.[19] Man findet dieses Blatt jetzt auch in allen »guten« Familien, in allen vornehmen Restaurants Deutschlands und Österreichs und das gegen den Simpel gerichtete Verbot eines Eisenbahnministers (der nur für guten Bahnverkehr, nicht auch für die politische Erziehung der großen Kleinkinderbewahranstalt Deutschland zu sorgen hätte) hat das Vaterland vor »Reichsverdrossenheit. Nörgelsucht und Schwarzsehern« nicht behüten können.
Überhaupt werden die Leute dadurch nicht vergnügter, daß man ihnen verbietet, ihren Ärger laut werden zu lassen.
»Ruhig, sachlich, objektiv,« sollen auch die Lehrer sein und bleiben. Es geht eben wieder der Ruf durch Deutschland: »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!« Die stille, unendlich mühsame und segensreiche Arbeit, die von unseren Lehrerstande jahraus jahrein geleistet wird, hat ihren Lohn in sich und bedarf keiner lauten Lobpreisung.
Ich mag in meiner Kritik der deutschen Schule zu streng gewesen sein -- freilich stimmt mir die Öffentlichkeit und der Erfolg von Tag zu Tag mehr zu -- ich mag zu sehr verallgemeinert und vielfach Gutes nicht gekannt und deshalb nicht genannt haben, was hier und da schon gewollt und geleistet wird: das Recht und den Zorn der freien Rede lasse ich mir nicht bestreiten und nehmen. Aber es gibt Zeiten und Stimmungen, in denen diese »innere stille Reform«, wie man es jetzt nennt, nicht ausreicht. Jetzt geben selbst hohe Schulbeamte zu, daß der laute Schrei des Unwillens berechtigt war, daß trotz und zum Teil infolge jenes stillen, geduldigen und fügsamen Lehrfleißes ein unheilvolles »Regiment des Buchstaben und der Paragraphen, eine krankhafte Anschwellung des nüchternen Verstandes auf Kosten der Herzens- und Gemütsbildung, der Phantasie, des Anschauungsvermögens, zumal des Wollens und Empfindens, eben eine ganz verkehrte und einseitige Überernährung des Verstandes erzielt worden sei. »(Worte des Dresdner Stadtschulrates Dr. Lyon. Man vergleiche dazu mein Buch: »Der Deutsche und seine Schule«, 2. Aufl. S. 240.)
+Ein riesenhaftes Sündenregister der deutschen Schule!+ Jetzt erkennt man endlich, daß uns das Regiment der Schulkanzlisten »in das niedere Gestrüpp der Kleinigkeitskrämerei« gelenkt hat, daß in der »philisterhaften Enge, in der die Spießer das große Wort hatten« (Worte von Dr. Otto Anthes; s. meine oben genannte Schrift, Vorwort zur zweiten Auflage), keine starken und fröhlichen Menschen, keine Persönlichkeiten wachsen =konnten=! Also eine staatliche Entmannungsanstalt!?
+Ein vernichtendes Verdikt über diese deutsche Schule!+ Und wenn das wahr ist, auch nur zur Hälfte wahr ist, so soll und darf man sich doch nicht erregen? Ja, beim Himmel, wo wäre denn ein heiliger Zorn am Platze, wenn nicht hier, wo es unserem Volke ans Innerste geht, an das Mark des Lebens? Auch da sollen wir korrekt, ruhig und sachlich bleiben und uns auf unsere Instruktionen beschränken?
Auf einmal wurden uns aber doch von oben her heitere und ermunternde Worte zugerufen: »Kinder, seid doch lustig! Kinder, seht doch: die Sonne geht uns noch täglich auf! Kinder, wir meinen es ja so gut mit euch! Freut euch doch! Wir haben ja das große, herrliche schöne deutsche Vaterland! Wer will da noch trübe sehen? Laßt euch von der modernsten Sorte deutscher Philisterei, von der Nörgelsucht die gute Laune nicht nehmen! Kommt, Kinder, wir wollen hinaus auf die Wiese, in den Wald! Kommt, laßt uns singen, laßt uns baden! Wollt ihr Ruderfahrten machen? Wollt ihr? Alles, alles sei euch gewährt. Nur seid lustig, Kinder, lacht doch! Lacht doch einmal wieder! Wir wollen frohe Menschen, frohe Menschen sehen!«
Staunend hört die Kapelle diese neuen, fremden Worte. »Das war doch früher nicht so?« Sofort werden alle Instrumente neu gestimmt. Auf das Serioso soll also jetzt ein Scherzetto folgen. »Zu Befehl!«
Wenn der Meister mit seinem Dirigentenstäbchen auf das Pult schlägt, da horcht die ganze Kapelle aufmerksam auf. »Also los: Scherzetto!« In den Konferenzen wird nun kund getan: »Meine Herren, sorgen Sie dafür, daß die Jugend heiteren Mutes sei!« »Verzeihen, Herr Direktor, aber strenge Pflichterfüllung werden wir doch nach wie vor --« »Bitte, Herr Kollege, wollen Sie nicht vom Thema ablenken. Wir haben es hier mit einer höheren Anweisung zu tun, die sich unserer Kritik entzieht. Dieser Anweisung haben wir Folge zu leisten und ich lege Wert darauf, daß Sie mir bekennen, von dieser Willenskundgebung der hohen vorgesetzten Behörde durch mich Kenntnis erhalten zu haben. Herr Kollege, Sie haben wohl die Güte, diese Tatsache zu Protokoll zu nehmen.« -- »Darf ich mir, Herr Direktor, noch eine Frage gestatten?« -- »Bitte sehr, Herr Kollege!« -- »Tritt diese Verfügung sofort in Kraft oder erst von nächsten Ostern ab?« »Darüber gibt der Wortlaut der Urkunde keine sichere Aufklärung. Es dürfte sich also empfehlen, gleich morgen damit zu beginnen.« Die jüngeren Herren werfen sich beglückte Blicke zu. ›Also morgen! Endlich!‹
Und so geschieht's. Der Leiter der Anstalt selbst, wie in allem auch hierin vorbildlich, tritt gleich nächstenmorgens mit seinem neuen Gesicht an. Sein Antlitz, von fast 50jähriger unerbittlich strenger Pflichterfüllung, von dem düsteren, durch Lebensgrundsätze und Lebensstellung geforderten »sittlichen Ernst« erstarrt und kalt wie ein von Eisspalten zerklüftetes Gletscherfeld, versucht mit einmal heiter, sonnig, glücklich und beglückend zu blicken. Er will lachen und milde schauen, aber sein Gesicht verzieht sich ihm -- zur Fratze.
»Mehr Licht, Luft, Sonnenschein in den Schulen!« -- »Die Schulfenster auf!« -- »Freude an der Schule!« -- so tönt es jetzt aus hundert Kehlen. In den Schulprogrammen ergeht man sich in immer neuen Vorschlägen, wie man die Schule zur Pflegestätte der Lebensfreude machen könne. Man plätschert in Humanität!
Sonderbar, daß sie's jetzt auf einmal alle wissen! Sonderbar, daß kein Widerspruch laut wird. Wo stecken denn die bekannten alten knorrigen, überzeugungsstarken Lehrer, die Unentwegten, die ihren »Grundsätzen« treu sind bis in den Tod? Tritt denn keiner hervor und warnt vor der gefährlichen Neuerung? Keiner? Beziehen diese alten Catone sich alle ihre unerschütterlichen Lebens- und Erziehungsgrundsätze von oben? Vordem, als nur unangenehme Schulreformer, die Krakeeler der Presse, unerfahrene Probekandidaten und noch nicht »fest Angestellte« das gleiche forderten, da belächelte man doch den »Blödsinn«, jetzt wird der Blödsinn auf einmal zur Weisheit? Sonderbar, höchst sonderbar! Aber richtig, es war ja bei der Kunsterziehung, der Schularztfrage, der Berechtigung der realen Schulen gerade ebenso: wir haben eben doch eine musterhaft geschultes Beamtenheer! Das macht uns kein Volk der Erde nach!
Die Hauptsache aber: Herrscht denn jetzt in unseren Schulen dieser freiere, gesunder Geist? Ja, er fängt an zu herrschen, er fängt aber vorsichtig an.
Und weshalb ich mich nun doch nicht beruhige? Weil die Pflichtfanatiker doch nur zum Schein mitmachen und weil ich eine Umkehr fürchte. Das neue Schulgesetz und die Vormacht der Kirche verheißen uns nichts Gutes. In solcher Luft +kann+ eine innerlich starke Jugend nicht erwachsen. Schon ist die Volksschule den Kirchen ausgeliefert, schon hat sich der Kampf auf die Hochschulen übertragen, die Mittelschulen werden folgen. Daher meine Sorge und Unruhe! -- Auch deshalb, weil man alle Lehrziele und Examina beibehält und gegen die Schulreformer noch feindlich vorgeht.
Wenn nämlich Jünglinge, die diese Schulen verlassen hatten, mit unauslöschlichem Ingrimm im Herzen, mit dem Wunsche, nichts mehr von ihr zu hören und zu sehen oder mit dem brennenden Durst nach Rache, Rache für eine geraubte Jugend, für ein geknechtetes Gewissen, für ein gehemmtes moralisches Wachstum hervortraten, was geschah dann?
Man denunzierte diese Jünglinge bei den Behörden, zieh sie der Lüge, hetzte andere ehemalige Schüler gegen sie auf und machte sich und der Mitwelt weis, daß nichts an den Klagen wahr und berechtigt sei. Sanfte Jasager, unausgebackene Semmeln, gefügige und um ihr bißchen Rückgrat schon gebrachte Studenten, feige Bürschchen, die schon auf Karriere spekulieren, haben auch gegen mich in einem Lokalblättchen eine sog. Preßfehde eröffnet (auf die ich natürlich nie mit einem Wörtchen geantwortet habe) und haben sich dabei von einem Amtsbruder mit wertvollem Material und guten Winken bedienen lassen. Es wird zur Aufklärung der Wahrheit nützlich sein, dieses ganze dunkle und ehrenrührige Treiben einmal an die Öffentlichkeit zu bringen: zunächst aber habe ich Besseres zu tun.
Wenn meine öffentliche Tätigkeit nichts anderes gewirkt hat, als daß sie vielen jungen Leuten wieder den Mut belebt und die Zunge löst, dann hat sie genug gewirkt.
Wollte ich alle Zeugnisse der Zustimmung, des Zuspruchs und des oft überschwenglichen Dankes mitteilen, den mir gerade junge Leute, Schüler und Studenten, ins Haus schicken, dann würde man erkennen, daß ich ein gutes Wort zur rechten Stunde gesprochen habe.
Wer dem Deutschen, ohne ihn vorlaut, dreist und frech zu machen, sein Selbstbewußtsein belebt, tut etwas Nützliches, Notwendiges.
XVI.
Unsere Wünsche.
Das alles schreibe ich nicht als Reichsnörgler und nicht in hoffnungsloser Stimmung, sondern nur zum Nachweise, daß mein Thema »Erziehung zur Mannhaftigkeit« zeitgemäß und dringlich ist, +höchst dringlich+.
Allerorten, sehen wir, meldet sich ein neues Leben, ein Sehnen nach sittlicher und geistiger Verjüngung. Noch leben in unserem edlen Volk all die Kräfte, die ihm seinen ehrenvollen Bestand und eine große Zukunft sichern. Aber mit der bisherigen Regiererei muß ein Ende gemacht werden, lieber heute als morgen. Geschieht das nicht, dann geht es unhaltbar mit uns bergab, dann geraten wir in eine Art römischen Imperiums mit seinen Prätorianern, seinem Bediententroß, seinem leeren Prunke, seiner zu Statisten degradierten Geistlichkeit, seinem entrechteten Pöbel mit dem Rufe nach »panem et Circenses«, dann müssen uns alle selbständigen Völker, zumal die Amerikaner und Engländer, so weit überholen, daß der Vorsprung nicht wieder einzubringen wäre.