Part 20
»Die Pflichtmoralisten handeln noch immer nach dem Aberglauben, daß, wenn man nur seine Pflicht erfüllt, Gott schon die Kraft gibt. Der Lebensgläubige weiß, daß wir ein und dieselbe Kraftquelle für Leib und Seele haben und daß die Natur sich ebenso unbarmherzig rächt, ob wir uns nun in Pflichterfüllung oder in Pflichtvergessenheit überanstrengen. Die Natur ist gleichgültig gegen alle a priori ausspintisierte Sittlichkeit. Aber sie begünstigt die Sitten, die in Zusammenhang mit dem lebenserhaltenden und lebensteigernden Willen der Natur stehen. Und sie +straft+ die Sitten, die diesen Willen verletzen.« -- -- Weiter sagt sie zutreffend:
»Alle haben von Männern gehört, die z. B. am Ladentisch und Schreibpult schlechte Pflichtschüler waren, als sie aber diesen Posten verließen, Gesellschaftswerte wurden. Und was von der Arbeit gilt, das gilt auch auf den übrigen Lebensgebieten. Der heilige +Franziskus+ vermochte die Armut geliebt zu machen, weil er ›sie selbst wie eine Braut liebte.‹ +Es gibt unerträgliche Pflichterfüller, die ihre Umgebung nach ein wenig Pflichtvergessenheit seufzen lassen+, sowie man bei einem anhaltenden Regen nach Sonne seufzt. Das Leben wird für alle durch die Pflicht Unterdrückten schwühl und ängstlich.«
Soviel wissen also meine Leser jetzt schon: Mein Rezept für eine Erziehung zur Mannhaftigkeit wird nicht eben darin bestehen, daß ich eine harte Schulzucht empfehle und die Eltern bitte, nur auch recht streng darauf zu halten, daß die Kinder ihre Schulaufgaben fleißig machen. Leider beschränkt sich schon vieler Eltern erziehliche Tätigkeit allein darauf, die tyrannische Schule noch zu übertyrannisieren. Vom »Büffeln« wird aber unsere Jugend nicht mannhafter. Die Mannhaftigkeit hat ihren Sitz im +Herzen+ der Menschen, nicht in ihrem +Steiße+.
Auf die grünen Spielplätze, nicht auf die Hörsäle hinweisend sagte +Wellington+: »Hier werden unsere Siege erfochten« (oder so ähnlich); kein Grieche und Römer hätte eine tägliche zehnstündige Sitzarbeit für das rechte Mittel erklärt, die Jugend zu tüchtigen Männern heranzubilden. Unsere Ärzte verurteilen von Grund aus die nervenzerrüttenden Stubenhockerei, +eine der Hauptursachen+ überreizter und irregeleiteter Sinnlichkeit. Sogar +klüger+ werden die Kinder nicht innerhalb der vier Wände, als wenn sie im Freien sich umsähen. Schon der heilige +Bernardus+ (»Von Zeit zu Zeit hör ich die Alten gern!«) sagte zu denen, die in seinen Orden traten: »Glaubet mir, ich rede aus eigener Erfahrung, ihr werdet in den Wäldern finden, was ihr vergebens in den Büchern gesucht hättet. Die Bäume und Felsen werden euch lehren, was ihr von den geschicktesten Meistern nicht hättet lernen können.«
Mein Ruf wird auch hier sein ähnlich wie der der tapferen Bertha Suttner: »Abrüsten! Den Bakel nieder!«
+Zweiter Fundamentsatz+ alter Erziehung: »Der junge Mensch muß +gehorchen+ lernen!« Gut. Aber wem gehorchen? Den Gesetzen? -- Natürlich! Den Behörden? Auch das. Freilich lehrte schon der weise Sokrates seine Jünger, daß es auch veraltete, törichte Gesetze und sehr ungerechte, kurzsichtige Behörden gebe. Es wird also nichts schaden, den jungen Leuten gelegentlich auch mal zu sagen, daß Gesetze und Behörden Menschenwerk sind und daß sie selbst einmal berufen sein werden, beide auf ihren Wert zu prüfen und sie nötigenfalls abändern zu helfen.
»Gehorchen muß vor allen Dingen das Kind den Eltern und Erziehern.« Das werden auch wir heute der Jugend mit aller Eindringlichkeit zur Überzeugung bringen. Vorher wollen wir aber besser dafür sorgen, daß Eltern und Erzieher nicht Unbilliges von den Kindern fordern. Dann wird der Zwang von selbst fortfallen und +freiwilliger+ Gehorsam sich einstellen. Denn das Verhältnis der Kinder zu ihren Erziehern soll auf Liebe und Verehrung, auf gegenseitigem Verständnis aufgebaut sein.
Weil die menschliche Natur unerschöpflich reich ist und keinem Kinde endgültig anzusehen, wohin diese seine Natur es führen will, deshalb fordern wir größte Zurückhaltung. +Schumann+, der feinsinnige Meister der Töne, sagt: »In jedem Kinde liegt eine wunderbare Tiefe.«
Der Versuch, tausendfach gemacht, die Natur nur nach dem Willen des Erziehers zu richten und zu beugen, hat bestenfalls rein äußerlichen Erfolg. Dank erntet der Erzieher selten dafür, je größer seine Anstrengung war, um so weniger. Denn nichts empfindet der Mensch tiefer und schmerzlicher, als einen Eingriff in seine innerste Bestimmung. Die schneidigen Erzieher in Schule und Haus, die Pauker und Krafthuber, gelten uns heute als die schlechtesten.
Es ist höchst lehrreich zu beobachten, wie jetzt auf allen Gebieten der Erziehung, sogar im deutschen Heere, humanere Anschauungen zum Durchbruch kommen -- gewiß nicht zum Schaden der Sache, der man dienen will: General Freiherr +von der Goltz+ berichtet in seinem Werke »Von Roßbach bis Jena und Auerstedt«, daß die preußische Truppenausbildung vor Jena allgemein als die beste in Europa galt, daß auch die Manöver, die nach der Katastrophe einstimmig als Spielerei verurteilt wurden, noch kurz vorher weltberühmt waren und allenthalben von den Militärs, auch von den ausländischen, bewundert wurden. An Pflichterfüllung und Gehorsam gebrach es diesen Truppen wahrlich nicht. Was sie innerlich vernichtet hatte, war das Übermaß des Dienstes, oder, um unseren Gewährsmann selbst sprechen zu lassen: »die Strenge in Äußerlichkeiten, den Stampfschritt, das Drillen bis zum Mondschein, die klappernden Gewehrgriffe und die unendlichen Wiederholungen bei den Exerzitien, die man so lange trieb, bis alle Frische fort und der Stumpfsinn erzeugt war«. »Mit solchen äußerlichen Mitteln«, schließt von der Goltz ein Kapitel, das auch für die Lehrer bedeutungsvoll ist, wofern sie verstehen, diese eindringlichen Lehren auf ihr Machtgebiet zu übertragen, »mit äußerlichen Mitteln wird man niemals moralisch erhebend wirken und eine Armee auf der Höhe der Leistungsfähigkeit erhalten. Für ›gute Disziplin‹ wurde das Aufgeben aller Selbständigkeit, die absolute Unterordnung des eigenen Willens unter den Wunsch der Höhergestellten, der Meinung unter die herrschende Strömung gehalten. Die außerordentliche Bevorzugung einzelner bei dem schlechten Avancement der Masse beförderte zugleich ein Strebertum, das verderblich wirkte.« Das also sagt einer unserer ersten Militärschriftsteller und Truppenführer und kennzeichnet damit zugleich den neuen, freieren Geist, der jetzt, gottlob, unser Heerwesen zu durchdringen beginnt.
Wieviel mehr werden auch wir den Schulkindern gegenüber Geduld und Nachsicht üben müssen!
Wenn man selbst in den preußischen Kaserne gegen das öde Griffekloppen und die stumme absolute Unterordnung des eigenen Willens eifern darf, mit welchem Recht sollten denn Schulen bei einer liebevollen Pflege des Kasernentones verharren?
Was ist es aber anderes, als ein geistiges Griffekloppen, wenn man die Kinder im alten Schuldrill alle über einen Leisten schlägt und auf ihre Schädel mit allem möglichen oder unmöglichen Formelkram und Wissensballast einstürmt? Weg mit dem Gebrest!
Niemand wolle sich aber über unsere Erziehungsgrundsätze allzu sehr verwundern. Denn in früheren Zeiten hat man in Deutschland vielfach so erzogen und unterrichtet, ehe nämlich noch unsere Schulen Staatsmonopol waren. Damals, etwa um die Zeit der großen Pädagogen +Ratke+ und +Comenius+, Anfang des 18. Jahrhunderts, lag der höhere Unterricht fast nur in den Händen von jungen Hauslehrern, woher wohl der sanftere, geduldigere Ton zu erklären ist. Auch +Ratke+ stellte schon den Grundsatz auf: »Alles ohne Abneigung und Zwang!«
Wir Modernen walten des Erzieheramtes in seinem Geiste, im Geiste eines +Comenius+, +Rousseau+, +Fröbel+, eines +Pestalozzi+ als Menschengärtner, also mit pflegender, milder, schonender Hand.
Auch wir sind auf unsere Weise +fromm und gläubig+. Gläubig nämlich an die Gutheit der menschlichen Natur, wie vor mehr als 1500 Jahren der gute alte +Pelagius+, ein britischer Mönch, der von der Erbsünde auch schon nichts wissen wollte und die Lehre vertrat, daß der Mensch, in demselben sündlosen Zustand wie Adam geboren, sündlos bleiben oder doch werden könne. Darin bestehe die sittliche Aufgabe des Menschen, der sich nach Christi Vorbild aus eigener Kraft seine Seligkeit erringen müsse. Die Kirche verwarf diese schöne Lehre. Darunter hat die christliche Menschheit anderthalb Jahrtausende zu leiden gehabt, zumal die Kinder, die, als sündhaft geboren, nun immer durch eine oft recht unsanfte Zucht erst zu Menschen gemacht werden mußten. Man denke an die Mißgriffe der mittelalterlichen klösterlichen Erziehung, die uns niemand erschütternder gezeichnet hat als +Gottfried Keller+ in seinem Bericht über das +kleine Meretlein+ (im »Grünen Heinrich«), das nicht beten wollte und deshalb zu Tode gehetzt wurde; denke auch an die Pietistenschulen, in denen man armen Kindern, die noch nicht in rechte »Seelengemeinschaft mit ihrem Heiland« kommen konnten, zur Pflicht machte, »im Gebet mit Gott zu ringen«, und denen man, wenn ihnen auch das nicht recht gelingen wollte, auf die »Seelen kniete«, wie man es sinnig nannte.
Welch ekelhafte Unnatur! Welch brutale Menschenschinderei aus frommem Wahne!
Wir glauben an keine Erbsünde, wohl aber an das Erbgute. Wir haben mit +Goethe+ die Überzeugung von dem Radikalguten der menschlichen Natur und wollen nicht, wie »der Advokat des bösen Geistes« nur auf die Blößen und Schwächen sehen; denn »der Glaube an das Gute ist es, der das Gute lebendig macht; man muß das Gute tun, damit es in der Welt sei«.[18]
Wir sind ferner auch gläubig an die Prädestination, das Recht und die unbezwingbare Kraft der Persönlichkeit.
Fast jeder Tag bringt jetzt so kräftige Kundgebungen zugunsten dieser unserer Erziehungsgrundsätze, daß uns froh zumute wird und siegeszuversichtlich. Aus allen Gauen Deutschlands, ja, aus allen Enden, wo germanischer Geist lebt, dringen die Rufe der Zustimmung und stets neue Anregung, neue Belehrung auf uns ein.
Die Eltern jubeln uns zu, die junge Lehrerschaft ist zumeist schon gewonnen, mehr noch die Studenten, die sich schon von mehreren Hochschulen mit der Bitte an uns gewandt haben, ihnen Vorträge und Lehrkurse über diese Pädagogik zu halten. Besonders lebhaft setzt die Agitation im deutschen Österreich ein. Da hat die Lehrerschaft eine wahre Begeisterung ergriffen. Da fühlt man, daß wir mit diesen Erziehungsgrundsätzen ihnen zugleich ihr bedrohtes Deutschtum schützen helfen. »Schon ist auch weit mehr Frische im +höheren+ (und niederen?) +Lehrerstand+ vorhanden, als sie manche Jahrzehnte hindurch gefunden zu werden pflegte, mehr Gefühl für die Natur der Jugend, mehr Unbefangenheit, mehr Sinn für die berechtigte Freiheit neben der notwendigen Zucht, weniger frühe Greisenhaftigkeit, weniger grämliches Mißgönnen, weniger Beschränkung auf das Fordern und Richten, mehr Bemühen um das Verständnis der einzelnen werdenden Persönlichkeit.« So urteilt einer der ruhigsten und menschlichsten Richter, +W. Münch+ (»Menschenart und Jugendbildung«, S. 182). Kurz, wir dürfen hoffen und singen:
Es blüht das tiefste, tiefste Tal, Das Blühen will nicht enden, Nun, armes Herz, vergiß der Qual, Nun muß sich alles, alles wenden!
Schon wird es schwer, alles zu überschauen, was dieser Frühling zutage fördert. »Der Tag« meldet mir heute (24. August) durch die Feder von +Ellen Key+ von »Briefen an Eltern von Deiphobe«, Simions Verlag, Berlin 1906. Das muß nach den Proben, die wir da lesen, ein goldiges Buch sein: »Gehorsam, Ehrfurcht, Demut, Selbstbeherrschung, Aufblicken zu Autoritäten, Geduld, Fleiß, Hilfsbereitschaft u. dgl., was den Kindern seit Jahrtausenden gepredigt oder in sie hineingeprügelt worden ist, all das ergibt sich von selbst, wenn nur die Eltern sich ihren Kindern gegenüber zur Ehrfurcht, Geduld, Demut, Selbstbeherrschung, Entsagung erziehen wollten.«
Richtig! Wer selbst vorbildlich lebt, der braucht sich um die Erziehung und Zukunft seiner Kinder keine Sorgen zu machen. Das weiß auch +Peter Rosegger+, der in seinem anmutigen Geschichtchen von dem »Mann mit den sechs Händen« erzählt: »Herb sein mit den Kindern und greinen, das trug sich nicht zu, erziehen tat er sie gar nicht, er war bloß selber so, wie er die Kinder haben wollte, und sie taten ihm unwillkürlich nach.« Dieselbe Weisheit trägt er uns bekanntlich auch in seinem unübertrefflichen Geschichtchen von der »Familie ohne Autorität« vor.
Jeder Satz dieser Briefstellerin Deiphobe hat meinen Beifall. Es sind wahre Goldkörner, ist zugleich ein Hagelschauer gegen die ererbte mittelalterliche Menschenabrichterei durch Kirchen- und Schulpfaffen.
Nun noch eine Bemerkung, um ein für allemal Mißverständnissen vorzubeugen! Ein Allheilmittel für alle Gebrechen der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes haben auch wir nicht. Wurmstichiges Fallobst findet man unter jedem noch so gehüteten Baume. Uns hat aber eigene Beobachtung und die Wissenschaft der Psychologie und der Psychopathologie gelehrt, daß man moralische und geistige Schwächen und Erkrankungen weder mit harten Reden, noch mit ungebrannter Asche heilen kann. Es wird jetzt von den Ärzten in solchen Fällen besonders Ruhe und »allgegenwärtiger Balsam allheilender Natur« empfohlen. Auch wir sind in der Erziehung für ein solches Naturheilverfahren und werden versuchen, nach diesem, soweit es in unseren Kräften liegt, die bestehende Erziehungspraxis umzugestalten -- zum Wohle der deutschen Jugend und zum Segen für unser teures Vaterland.
Mit einem Worte also: +Wir haben Achtung vor der Natur+. Deshalb auch unsere Warnung vor all den Erziehungsrezepten, die ein bestimmtes Ziel vorwegnehmend dieses mit einseitigem Eifer erstreben.
»Mensch,« ruft +Pestalozzi+ aus, »Mensch, Vater deiner Kinder, dränge die Kraft ihres Geistes nicht in weite Fernen, ehe sie durch nahe Übung Stärke erlangt hat und fürchte dich vor Härte und Anstrengung!
Die Kraft der Natur, obwohl sie unwiderstehlich hinführt zur Wahrheit, hat keine Steifigkeit in ihrer Führung; der Schall der Nachtigall tönt im finstern Dunkel und alle Gegenstände der Natur wallen in erquickender Freiheit, nirgends ist ein Schatten einer zudringlichen Ordnungsfolge.
Wäre erzwungene und steife Ordnungsfolge in der Lehrart der Natur, auch sie würde Einseitigkeit bilden, und ihre Wahrheit würde nicht in die Fülle des ganzen Wesens der Menschheit sanft und frei hineinfallen. -- -- Der Mensch verliert das Gleichgewicht seiner Stärke, die Kraft der Weisheit, wenn sein Geist für einen Gegenstand zu einseitig und gewaltsam hingelenkt ist. Darum ist die Lehrart der Natur nicht gewaltsam. Aber dennoch ist in ihrer Bildung Festigkeit und in ihrer Ordnung ist haushälterische Genauigkeit.«
Da hören wir die tiefe Weisheit des größten pädagogischen Genies, das je gelebt hat, dem sich alle Schulmeister mit und ohne Titel in Demut beugen sollten.
»Und doch«, so wird man fragen, »hier eine Einseitigkeit, nämlich eine Abhandlung über +Erziehung zur Mannhaftigkeit+? Ist das nicht ein Widerspruch?«
Mit Verlaub -- nein! Denn jeder Knabe soll und will ein Mann werden. Ihm dazu behilflich sein, ist nicht nur erlaubt, sondern ist Pflicht des Erziehers. Damit greift er der Natur nicht vor, pfuscht ihr nicht ins Handwerk, sondern leistet ihr nur nützliche Dienste.
XIV.
Erziehung zur Tat.
Unsere ganze Erziehung muß jetzt eine Erziehung zur Tat werden, um vorerst ein Gegengewicht zu schaffen gegen die durch Jahrhunderte gepflegte rein verstandsmäßig-abstrakte Erziehung. Das war auch +Goethes+ Wunsch schon. Dahin drängt jetzt unser ganzes öffentliches Leben und die Erkenntnis aller neuen Pädagogen aller Länder. Kein Mensch hat in Deutschland für diese Erkenntnis früher und lebhafter gewirkt als der eminente, noch lange nicht genügend geschätzte Kinderfreund +Friedrich Fröbel+, der einzige deutsche Erzieher, der den Amerikanern auch heute noch Respekt einflößt und vorbildlich erscheint.
Mit Recht sagte von ihm Dr. +Wichard Lange+: »Ich erkenne in diesem Mann den dereinstigen Reformator der Erziehung kleiner Kinder im Elternhause sowie den Bildner des weiblichen Geschlechts, um es für seine hohe erziehliche Mission zu befähigen«, aber damit sagt er noch nicht genug. Fröbels Grundsätze, die sich mit denen +Pestalozzis+ vielfach berühren, verdienen noch eine Erweiterung auch auf die Erziehung größerer Kinder. Er klagte, daß die herrschende Erziehung zur Körperträgheit und Denkfaulheit führe; unsägliche Menschenkraft gehe dabei verloren, unsägliche Menschenkraft bleibe dabei unentwickelt. Richtig gewählte Arbeit aber mache das Kind glücklich und artig.
+Adele von Portugall+, die bei Teubner in der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« das Lebensbild Fröbels gezeichnet hat, sagt sehr richtig: »Ich glaube nicht, daß ein entsprechend beschäftigtes Kind jemals unartig ist.« Ich möchte aber auch diesen Satz verallgemeinern und sagen: Der entsprechend beschäftigte +Mensch+, jung oder alt, ist nicht böse und unartig.
Das ganze Geheimnis der Erziehung beruht also darin, die Saite der Seele zu finden, die auf die äußeren Anregungen am lebhaftesten anklingt. Dazu gehört nur ruhige, geduldige und feine Beobachtung. Oft ist für ein Menschenleben ein einziger Augenblick entscheidend. Ludwig Richter wurde zum Künstler, als er einen wandernden Maler bei der Arbeit sah: das Bildchen auf dem Tabakpaket seines Vaters war seine erste Vorlage. Wie ein Funke genügt, eine ganze Stadt in Brand zu setzen, so oft ein Wort, eine menschliche Seele zu entzünden. Aber man muß zu warten wissen und auf die armen Kinder nicht einen wahren Feuerregen von Pech und Schwefel herablassen.
Für Kinder ist die entsprechende Beschäftigung zunächst -- das selbstgewählte +Spiel+, die freie, ungebundene Tätigkeit. »Spiel«, sagt Fröbel, »hat hohen Ernst und tiefe Bedeutung. Es ist die höchste Stufe der Kindesentwicklung; Spiel ist das reinste geistige Erzeugnis des Menschen, auf dieser Stufe; es gebiert darum Freude, Friede und Zufriedenheit. Die Quellen alles Guten ruhen in ihm, gehen aus von ihm. Ein Kind, das tüchtig, ausdauernd bis zur körperlichen Ermüdung spielt, wird gewiß auch ein tüchtiger, ausdauernder Fremd- und Eigenwohl mit Aufopferung fördernder Mensch -- --« »Friede und Freude, Gesundheit und Lebensfülle findet da in bezug auf das Kind statt, wo die Entwicklung im Einklang mit dem Alleben steht.«
Sehr richtig, aber weshalb wieder nur auf das Kind beschränkt? Diese Wahrheit gilt ganz allgemein: denn die Arbeit des größeren Schülers und des Erwachsenen ist oder sollte auch nichts anderes sein als die Fortsetzung des Spieles. Sie wird das auch, wenn man dem Menschen freie Berufswahl und eine unbeschränkte Entwicklungsfähigkeit gibt. Sowie der Mensch eine ihm entsprechende Beschäftigung findet, ist er dabei fleißig und in jeder Hinsicht mannhaft. Er mutet sich dann selbst mehr zu, als ihm andere zutrauen und von ihm verlangen. Jede Arbeit muß der anderen gleich bewertet werden. Es ist nicht verdienstlicher griechische Grammatik zu lernen, als ein Pferd zu zeichnen. Eines paßt aber nicht für alle. Jeder suche sich sein Gebiet, jeder folge seiner Natur. Sie wird ihn besser leiten als Eltern und Lehrer. Schlechte Psychologen sagen: »Alle Jungen sind von Natur faul und müssen zu Arbeit angehalten werden.« Deshalb hat man von jeher bei der Erziehung Gewalt und Strafen angewandt. Ich las eben in den Bekenntnissen des heiligen Augustin, daß auch ihm deshalb der Stock nicht erspart blieb. Ich sage dagegen: »Alle Kinder sind von Natur fleißig« -- fleißig freilich nach eigener Wahl; fleißig im Wandern, Schmetterlingfangen, Rudern, Klettern, Reiten, wenn ihr Herz sie dazu treibt, faul in all dem, wenn sie das Verlangen haben, im Robinson zu lesen oder sich einen Pfeil zu schnitzen. Zu lateinischer Grammatik hat noch kein Zehnjähriger einen eigenen Antrieb gehabt. Die Aufgabe ist eben falsch gestellt. Sprachprobleme sind Kindern gleichgültig. Deshalb verschone man sie damit, bis der Wissenstrieb sich meldet.
Unsere Schulerziehung ist deshalb falsch, weil sie diese Forderung nicht genügend befolgt. Gesundheit, Kraft, Mannhaftigkeit können nur aus einer solchen Harmonie des eigenen Lebens mit dem Alleben erwachsen.
In England und Amerika können wir lernen, wie Männer herangebildet werden: nicht sowohl durch gelehrte Vorträge, durch den Anblick der großen Vorbilder in Athen und Rom, durch Stubenfleiß, als durch Körperkultur und moralisch-sittliche Zucht, die von klein auf besonders eben durch das Spiel geübt wird. Bei uns wollte man die sittlichen Kräfte durch strenge Pflichtgebote stählen und setzte auf alle Übergriffe harte Strafen, forderte zumal ein geistiges Arbeitsmaß, das die Gedanken vor unmoralischen Abschweifungen bewahren sollte.
Realschuldirektor +Franz Kemény+ in Budapest hat das amerikanische Erziehungswesen anlässig der Weltausstellung in St. Louis 1904 studiert. Er berichtet über seine Beobachtungen an den österreichischen Unterrichtsminister:
»Um selbst der studierenden Jugend Amerikas auch +außerhalb der Schule+ Gelegenheit zu körperlicher Kurzweil zu bieten, werden dort unter der Leitung und Aufsicht von Schul- und Fachmännern Anstaltssportvereine und Jugendverbände organisiert. An den Hochschulen gibt es drüben ausnahmslos einen, ja selbst mehrere Sportklubs, die sich als stärkstes und sicherstes Bindeglied der Studentenschaft erweisen, der Kartenspielen und »Lumpen« fremd ist.«
Gehorsam aber und Selbstzucht lernen die Kinder dort nicht sowohl an der Arbeit als im Spiele. Auch für diese bekannte Tatsache das Zeugnis von +Kemény+:
»Sowohl in den Schulen als in den Vereinen wird innerhalb der Körperkultur ein großes Gewicht auf die +moralischen+ und +sittlichen Faktoren+ gelegt. Der aus Selbstzucht und Unterordnung quellende Gehorsam, die Pflege kameradschaftlicher Tugenden und der Wahrheitsliebe haben edle Spielweise (fair play) zur Folge (umgekehrt!).
So umsichtig im öffentlichen Leben mit der Zeit hausgehalten wird, so verschwenderisch ist man damit in der Schule, wo das Gespenst der geistigen Überbürdung +unbekannt+ ist, da die Lehrpläne nicht mit überflüssigen Einzelheiten überladen sind und das sogenannte elective System (wahlfreies System) bereits von der +Mittelstufe+ aufwärts neben wenigen verbindlichen Unterrichtsfächern die Wahl nach Neigung, Bedürfnis und Zeit freistellt. Der Unterricht beginnt in der Regel um ½9 oder 9 Uhr. Samstag oder Donnerstag sind ganz frei, die Ferien ausgiebig. Die freie Zeit wird fast ausschließlich den Bewegungsspielen und der körperlichen Abhärtung gewidmet.« -- Hört! hört!
Dazu lese man als stark kontrastierendes Gegenstück die Darstellung des erbitterten und erfolglosen Kampfes, den deutsche Lehrer gegen geheimes Verbindungswesen der Schüler mit seinem Sauf- und Lumpwesen, seinen Heimlichkeiten, Lügnereien und Ausschweifungen führen.
Es bildet dieses Schattenbild eine Ausnahme, aber immerhin -- es besteht in Wirklichkeit, daneben tritt jetzt freilich ein -- von der Jugend selbst ausgehender -- Heilprozeß, der sich in Wander-, Ruder-, Gesangvereinen u. a. m. äußert. Ich würde den hohen erziehlichen Wert dieser Neuschöpfungen hier eingehend behandeln müssen, wenn diese Aufgabe nicht in dem schon wiederholt genannten Buche von Direktor +Nath+ erschöpfend erfüllt wäre. Dort möge man nachlesen!
Hier muß auch einmal mit aller Schärfe ausgesprochen werden, daß die Schule mit ihren zu hoch geschraubten Ansprüchen an die Nervenkraft der Kinder die Hauptschuld trägt oder doch bisher getragen hat an dem Leiden der Selbstbefleckung, an der nach Aussage unserer Ärzte die Mehrzahl der deutschen Kinder (manche Ärzte sagen etwa 90%) kranken.