Part 18
Die Wohlanständigkeit unserer +Parlamentarier+ rechnet man ihnen in den Kreisen nicht zum Verdienste an, in denen man, der schön gedrechselten Reden müde endlich Taten sehen möchte. Auf +Bismarcks+ Zunge wohnen Blitz und Donner, auch +Eugen Richter+ traf noch kraftvolle Töne; jetzt ist es fast allein der alte +Bebel+, der das Blut der Hörer noch in schnelleres Tempo bringt.
Die +Sprache+ der Parlamentarier, rein formell betrachtet, ist jetzt »matt wie Limonade«. Wir möchten wieder einmal andere Wendungen und besseren Stil hören, als: »Ich stehe den trefflichen Bemerkungen des sehr verehrten Herrn Vorredners sehr sympathisch gegenüber, möchte mir nur hinsichtlich des ersten von ihm berührten Punktes eine kleine Abweichung gestatten und sodann eine neue Frage anschneiden, eine Materie, die, wie mir scheint, der Beachtung dieses hohen Hauses wohl wert sein möchte.« -- Himbeersauce mit Schlagsahne, aber gefälschte natürlich. Wir brauchten, da bei uns jetzt alle Lebensmittel gefälscht werden, +alle+ -- körperliche und geistige --, auch ein Reichsgesundheitsamt für geistige Nährmittel, brauchten das um so viel notwendiger als das für körperliche Ernährung, weil der Geist höher steht als der Leib.
Le stil c'est l'homme. Ist das wahr, dann haben wir in Deutschland wenig Menschen -- Männer. Vor allem haben wir dann in unseren »maßgebenden« Kreisen sehr wenige geschulte Köpfe, die schlicht denken und ein kerniges, gesundes, ich möchte sagen: hausbackenes Deutsch sprechen.
Maximilian Harden hat sich wiederholt das Vergnügen gemacht, Stilproben unserer staatlichen Volksführer mit der roten Tinte zu bearbeiten. Wir haben aus dem Munde von Ministern und Staatssekretären reine Tertianerleistungen geliefert bekommen. Das Deutsch unserer Behörden ist ja schon immer ungenießbar gewesen. Sollten es spätere Geschlechter einmal ausgraben, so werden sie daran erkennen, daß wir Barbaren waren. Nicht nur häßlich und schlecht, sondern vor allem matt ist die Sprache unserer Behörden, ohne Kern, ohne Mark, ohne Schärfe, ohne Überzeugungskraft. An Stelle der Kraft findet man aber ein vollgemessenes Maß von Grobheit: »Sie haben sich -- Sie wollen -- widrigenfalls Sie sich ... zu gewärtigen haben.« Dafür ist manche teils ergötzliche, teils empörende Probe in der »Zukunft«, im »Blaubuch«, im »Türmer«, im »Volkserzieher« abgedruckt zu finden, den deutschen Blättern, die nach meiner Kenntnis am eifrigsten an der Aufrüttelung des deutschen Mannesstolzes arbeiten.
Es wäre zu wünschen, daß sich unsere Volksvertreter in den Parlamenten weniger um die fade parlamentarische Höflichkeit kümmern wollten! Das deutsche Volk schickt sie nicht nach Berlin, damit sie dort unter sich und mit den Vertretern der Regierungen Höflichkeiten austauschen sollen. Vor allem mögen sie darauf halten, daß sie als Männer und als Vertreter des deutschen Volkes mindestens die Behandlung von Seiten der Regierung erfahren, auf die Griechen, Serben, Rumänen, Magyaren und andere Völker zweiter und dritter Größe für ihre Volksvertreter Anspruch machen.
Jeder Abgeordnete steht da kraft der »Majestät des deutschen Volkes«. Was er an Mißachtung einsteckt, das verwundet nicht ihn allein, sondern auch uns, die wir ihn zu unserem Mundstück erwählt haben.
Ob er ein fehlerfreies Deutsch spricht oder nicht, ob er mir und mich, Sie und Ihnen richtig anwendet oder nicht, das ist ganz gleichgültig. Wir wollen nicht vergessen, daß wohl 90% der Deutschen die Schriftsprache, die eine Kunstsprache ist, nicht sprechen, daß man also kein Recht hat, bei jedem diese Sprache vorauszusetzen. Onkel Bräsig spricht auch missingsch, aber sein Deutsch ist uns lieber als die Wassersuppen vieler akademisch Verbildeten.
Wenn unsere Volksvertreter aus Bescheidenheit sich zuviel bieten lassen, so büßt Deutschland das auch an äußerer Achtung ein. Ich habe mit Ausländern gesprochen, die es rein unbegreiflich fanden, daß sich die Deutschen von ihrer Regierung wie Schulbuben behandeln lassen. Der mühsam errungene Ruhm einer Weltmachtstellung geht leicht wieder in die Brüche und alte bösen Urteile oder Vorurteile werden wieder lebendig. +Luther+ sagte in seinen Tischreden: »Es ist keine Nation verachteter, denn die Deutschen. Italiener heißen uns Bestien; Frankreich und England spotten unser, und alle anderen Länder. Wer weiß, was Gott will und wird aus den Deutschen machen; wiewohl wir ein gute Staupe vor Gott wohl verdienet haben.«
Mit den großen Herren muß man deutlich sprechen. Auch dafür ein gut Wörtlein von unserem Doktor Martinus.
Der junge Markgraf Joachim der Andere hat Anno 1532, als er zu Wittenberg gewesen, Doktor Martinum Luther gefragt: »Warum er doch so heftig und so hart wider die großen Herren schriebe?« Darauf hat Doktor Martinus geantwortet: »Gnädiger Herr, wenn Gott das Erdreich will fruchtbar machen, so muß er zuvor lassen vorhergehen einen guten Platzregen mit einem Donner und danach fein mächtig regnen lassen; also fruchtet er das Erdreich durch und durch. Item«, sprach er, »ein weidenes Rütlein kann ich mit einem Messer zerschneiden, aber zu einer harten Eiche muß man eine scharfe Axt und Barten oder Keile haben, man kann sie dennoch kaum spalten; wie denn eine große Eiche von einem Haun nicht fällt.«
Wenn man das matte, fade, feige Gerede der Leute liest, die heute bei uns das große Wort haben, dann ist eine Flucht zu den alten derben Deutschen, zumal aber zu Luther, ein wahres Labsal. Man nennt ihn mit dem Stolze des »Gebildeten« grob und unfein -- ja, das war er, aber herzerquickend gesund, echt, wahr und deutlich. Selbst in der Kirche wetterte er gegen die unruhigen Hörer los: »Wollt ihr ja brüllen, brummen, grunzen und murren, so gehet hinaus unter die Kühe und Schweine, die werden euch wohl antworten, aber lasset die Kirche unbehindert!«
Pfui, wie ordinär!
»Einfältig zu predigen«, sagt er ein andermal, »ist eine große Kunst. Christus tut's selber; er redet allein vom Ackerwerk, vom Senfkorn usw. und brauchet eitel grobe, bäuerische Gleichnisse.«
Wir müssen alles daran setzen, den mehr und mehr schwindenden schlichten Bürgerstolz wieder zu heben. Wer einmal holsteinische oder Mecklenburger Höfe besucht hat, der kennt das altgermanische sichere Selbstbewußtsein der Bauern, deren jeder wie ein Fürst auf seinem Reiche steht. Ein Gleiches besaß ehedem der deutsche Bürger.
Der Bürgerstolz aber ist uns mit dem Bürgerstande selbst entwichen. Wir haben in den Städten nur noch Einwohner, Seelen, keine Bürger mehr. Deshalb ist die sog. Mittelstandsbewegung nützlich, ja notwendig.
Es gilt immer wieder den Behörden, den Verwaltenden gegenüber den Wert der produktiven Arbeiter jeden Berufes stark zu betonen.
Maler, Bildhauer, Gelehrte, Schulmeister, Arbeiter haben nicht den geringsten Anlaß, sich vor irgendeinem Fürsten oder Beamten zu demütigen. Sie sind es, die Werke schaffen, jene verwerten bloß das Geschaffene. Wollen wir auch hierzu wieder Luthers Urteil hören?
»Bürgermeister, Fürsten, Edelleute können wir entraten; Schulen können wir nicht entraten, denn die müssen die Welt regieren. Man siehet heut, daß kein Potentat und Herr ist, er muß sich von einem Juristen und Theologen regieren lassen. Sie können selbst nichts und schämen sich zu lernen, darum muß es aus den Schulen herfließen.«
Will man die Werte der Leistungen richtig einschätzen, so frage man in der Geschichte an.
Holbein, Dürer, Hans Sachs sind heute noch Machtfaktoren und herrschen mit ihrem Geiste auf dem weiten Erdenrunde. Wer aber kann uns einen der vielen Hunderte von kaiserlichen Hofräten und sonstigen Beamten nennen, die damals mit Standesstolz auf die Farbenschmierer und den verseschmiedenden Schuster herabsahen?
Wir kennen alle Rousseau, Pestalozzi, Fröbel -- wer aber im deutschen Volke weiß etwas von den Beamten, die diese Männer von Staats wegen bewachten, zum Teil sogar verfolgten und peinigten? Viel schon, wenn wir noch ihre Namen kennen.
Wie hell leuchten die Namen der +Arbeiter+ auf allen Feldern geistigen Lebens! Wie geachtet leben in dem Andenken der Menschen die Entdecker auf den Gebieten der Wissenschaft und Technik, der Chemie, der Physik, alle Bahnbrecher unter den Naturforschern, Ärzten, alle Schöpfer neuer Werte unter den Künstlern, den Malern, Bildhauern, Architekten, Musikern, Dichtern, Kunstschriftstellern, Lehrern und Predigern: wie selten haben sich Verwaltungsbeamte um die Menschheit gleiche Verdienste erworben! Woher nehmen also diese Staatsdiener das Recht und die Anmaßung, unser Volk zu schulmeistern und unwürdig zu behandeln!
Als im vorigen Jahre Prof. +Lehmann-Hohenberg+ im Berliner Architektenhause einen Vortrag über »Reform der deutschen Rechtspflege« hielt, nahmen zwei Polizisten neben dem Redner Platz. Ja, leben wir denn in einem Zuchthaus? Sind alle deutschen Männer unter polizeiliche Aufsicht gestellte entlassene Sträflinge? Muß man das alles schweigend ertragen?
Ich sagte in jener Versammlung selbst, die nur ehrbare stille Bürger und Bürgerinnen, nur Menschen von gesellschaftlicher Kultur besucht haben, daß ich nicht begreifen könne, wie man uns von Staats wegen eine solche Behandlung antue. Engländern dürfte man so etwas nicht bieten.
Die Polizei mag in solchen Fällen vor der Türe warten, ob wir ihre Hilfe wünschen und, falls wir klingeln, hereinkommen, aber recht schnell, recht bescheiden. Das wäre eher ihres Amtes.
Unsere Beamten haben dem Volke zu +dienen+. Minister ist ein lateinisches Wort und heißt Diener. Man sollte zur Aufklärung des deutschen Volkes diese deutsche Benennung wieder einsetzen: »Kgl. preußischer Diener für Bauwesen etc.«.
Es wird gut sein, in einer Zeit, die das preußische Volk wieder zu den trübsten Besorgnissen nötigt, an die harten Verfolgungen zu erinnern, die treue, edle, fleißige, fromme Vaterlandsfreunde von seiten einer geistlich erleuchteten Regierung zu erdulden hatten. Wir müssen uns mit Proben begnügen, denn sonst entstände uns unter der Feder ein starker Band. Also +ein+ Glanzstück!
Als Lützower Jäger kämpfte +Friedrich Fröbel+ für die Befreiung seines Vaterlandes. Als ihm Körners Tod gemeldet wurde, verband er sich im Felde mit zwei Freunden unter Schwüren, dem heiligen Gedanken treu zu bleiben, deren Erkenntnis ihm im Kriegsgetümmel aufgegangen war, ihr Leben der Erziehung der kleinen Kinder zu weihen, dafür zu arbeiten »daß das Christentum Wahrheit werde«. Er arbeitete dann demgemäß mit beiden Freunden an seiner Schöpfung, dem Kindergarten in Keilhau, und brachte ihn zu Ansehen und zur Blüte.
Seine Grundsätze lauteten: »Alle Erziehung, soll sie Frucht bringen, muß sich auf Religion gründen« -- »Alle und jede Erziehung, die sich nicht auf die christliche Religion, auf die Religion Jesu gründet, ist mangelhaft und einseitig.« Ich halte diesen Ausspruch selbst für mangelhaft und einseitig, aber einerlei, er beweist jedenfalls Fröbels streng christliches Denken und Fühlen.
Und so sah man denn diesen Mann mit dem reinen Kinderherzen täglich unter Kindern von 3--6 Jahren auf der Wiese spielen und umherhüpfen, daß ihm die langen Haare und die Rockschöße flogen und die Leute stehen blieben, um über den Narr zu lachen. Er aber ließ sich nicht beirren, in den Kinderherzen den Ausgang seiner Lehre und seines Wirkens zu suchen; das Christentum zur Wahrheit zu machen.
Was aber geschah nun? Auf das Revolutionsjahr von 48 folgte die Demagogenverfolgung, und unser lieber, sanfter Fröbel wurde demagogischer oder sozialistischer Tendenzen beschuldigt. Das damalige preußische Unterrichtsministerium +von Raumer+ verbot aus politischen Bedenken die Kindergärten. Fröbel, für sein schönes, frommes, edles Lebenswerk zitternd, bat in seiner Eingabe mit beigelegten Druckschriften, sich über Geist und Ziele seiner Kindergärten besser zu unterrichten. Vergeblich, »das von mir reichlich erwogene Verbot«, schrieb v. Raumer, »der nach Ihrem System eingerichteten und geleiteten Kindergärten« bleibt bestehen! Und die Gründe? »Ihre beiden Systeme stimmen im wesentlichen darin überein, daß sie dem Christentum entschieden abgewandte Theorien zugrunde zu legen beabsichtigen.« -- Hat man je von einem gröberen Blödsinn einer hohen Behörde gehört? Freilich, die Kindchen von 3--6 Jahren trugen langes Haar und Sommer und Winter keine Kittel -- entsetzlich!
Die Schulen mußten geschlossen werden; Fröbel, bis dahin ein Mann von jugendlicher Frische und unermüdlicher Rüstigkeit, war im tiefsten Lebensnerv getroffen, da er sein Werk dahinsinken sah, und starb bald an gebrochenem Herzen.[13]
So wurden deutsche Männer, die für ihr Volk mit ihrem Herzblute stritten, rangen und litten, von ihrer Regierung behandelt! Wer mochte sich da noch aufrecht erhalten?
Aber getrost! Es gibt noch einen Richter, dem selbst preußische reaktionäre Minister sich beugen müssen: das Urteil der künftigen Geschlechter, das Zeugnis der Gerechtigkeit, Wahrheit, Mannhaftigkeit.
Das sinnlose Verbot gegen die Kindergärten mußte in den sechziger Jahren aufgehoben werden. An Fröbels Grab sprach Pfarrer +Rückert+ die stolzen Worte, die ihm jetzt die ganze gebildete Welt aus Überzeugung nachspricht: »Hier ruht ein großes, edles Herz von seiner Arbeit. Er hat gearbeitet für die früheste Kindheit und für die späteste Zukunft, gearbeitet auf Hoffnung, und seine Hoffnung war nicht verloren.«
In allen Städten der Erde blühen Fröbelsche Kindergärten auf, ein Strom des Segens ergießt sich von ihnen auf die Kindheit und damit auf die ganze Menschheit, die Ehre des kleinen närrischen Schulmeisterleins, den der Unwille des Ministers mit einem Hauche still machte, ertönt von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht. Von dem Minister selbst aber gilt, was ich in der neuesten Fröbelbiographie lese: »Er hat sich durch das Verbot der Kindergärten in einer für ihn wenig schmeichelhaften Weise den Ruhm der Unsterblichkeit erworben.«
Wenn man in künftigen Jahrhunderten Fröbels Namen preisen wird, dann, aber auch nur dann, wird man auch den eines engherzigen und beschränkten Ministers nennen, etwa wie man den Namen des Herostratus nennt, der auch einen Tempel, freilich nur einen von kaltem, harten Stein, vernichtete, um sich berühmt -- berüchtigt zu machen.
Das sei denen gesagt, die vor +jedem+ Minister in Bewunderung platt auf den Bauch fallen und die im kleinen Schulmeister ein Nichts sehen, eine zum Dienen und Gehorchen bestellte Maschine, ein willenloses Werkzeug höherer behördlicher Einsicht; sei allen denen gesagt, die da meinen, ein Mann sei gerichtet und vernichtet, wenn sich ihm die Gnadensonne des hohen Vorgesetzten entzieht; sei all den Unmännlichen gesagt, die im Leben nie aus der Schulbubengesinnung herauskommen, nicht leben können ohne ein Wohlverhaltungszeugnis ihres Meisters, die verstummen, sowie sich ein Urteil oder Wille von »autoritativer Seite« kund tut; sei all den feigen und kriechenden Schranzen gesagt, die wie hungrige Hunde die Ministerien umschleichen und gierig nach Gnadenbrocken schnappen; sei allen denen gesagt, die das stolze Wort des Obersten von Butler noch nicht an sich selbst erlebt haben:
»Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Wie hoch ich Mich selbst anschlagen will, das steht bei mir. So hoch gestellt ist keiner auf der Erde, Daß ich mich selber neben ihm verachte. Den Menschen macht sein +Wille+ groß und klein. Und weil ich meinem treu bin, muß -- -- --«
Nun frage man noch, weshalb wir so viele Knechtseligkeit, Lakaiengesinnung, Feigheit und Charakterlosigkeit in Deutschland haben!
Die +Frommen+ und +Korrekten+ sind es, die uns die besten Männer rauben. Der Freigeist Friedrich der Große pflegte nach feilen Kriechern und Speichelleckern, die sich vor seinen Augen entwürdigten, den Krückstock zu werfen. Er sprach die Worte, die man an das noch immer aufschriftlose Reichstagsgebäude anbringen sollte: »Ich will absolument, daß so regieret werde, daß die Leute ins Land kommen und nicht hinauslaufen.« Oder noch zeitgemäßer wäre vielleicht sein zweites Wort von ihm: »Ich finde es unverzeihlich, wenn man in die Gewissen und Bedenken der anderen hineinregieren will.«[14]
Wenn sich selbst ein Fröbel wegen unchristlichen Treibens in Preußen nicht halten konnte, dann war darin nur noch für Mucker und Heuchler Platz.
Sollten jetzt wieder die »Positiven« das Heft in die Hand bekommen, dann dürfte sich positiv mancher überlegen, ob er nicht lieber den Staub von seinen preußischen Pantoffeln schütteln soll, um sich ein besseres -- das heißt ein +freieres+ -- Land zu suchen, wo er als ehrlicher Mann mit seinem eigenen Glauben unangefochten und ungeschmäht leben und wirken darf.
So denken heute, wie die Zeitungen verraten, viele deutsche Männer, die sich bedroht sehen durch den uns in Aussicht gestellten Zusammenschluß der Konfessionen »zum Kampfe gegen den Unglauben«. Man sollte meinen, es handelte sich um einen Kreuzzug gegen die Mamelucken! Es wäre nicht das erstemal, daß Deutschland einen Aderlaß erführe, bei dem wie in der Regel gerade das gesundeste Blut abgeht. In den Kampf für ethische Güter treten natürlich nur die tieferen Naturen ein.
Der stumpfen Masse derer, die, um mit Sallust zu sprechen, ventri et peni ergeben sind, ist es gleichgültig, wer ihnen ihr faules und gedankenloses Leben sichert. Als sich im republikanischen Rom die führenden Männer im hundertjährigen Bürgerkriege gegenseitig erschlagen hatten, konnte, wie Tacitus berichtet, ein Kaiser leicht das erschöpfte und um seine Führer beraubte Volk wie eine scheue Sklavenherde beherrschen: die Catonaturen waren eben sämtlich vernichtet. Eine solche Auslese der Stärksten und Besten, öfters im Laufe der Jahrhundert wiederholt, bringt ein Volk schließlich herunter. Wenn man die Sahne abschöpft, bleibt keine nahrhafte Milch zurück. Nimmt man hinzu, wie viele tapfere und starke Männer in den endlosen Kriegen Deutschlands gefallen sind, so erklärt es sich nach dem Darwinschen Gesetz von der Auslese der Besten, wenn die Qualität des Volkes schließlich heruntergeht.
Wir können tatsächlich nicht +einen+ Mann entbehren: Jeder aufrechte Bürger ist uns lieb und kostbar.
Mit dem armseligen Bündel auf dem Rücken entwichen Germanias verschmähte und verfolgte Kinder in die Fremde; ihre Enkel kehren als recht protzige Milliardäre zu einem Besuche unseres Kaisers zurück. Man achte keinen Menschen gering; es könnte sich strafen. Louis XIV. wies spottend den »kleinen Abbé« ab, der sich dann in österreichischen Diensten als der gewaltige Kriegsheld Prinz Eugen entpuppte. Graf von Moltke wäre uns beinahe als junger Offizier an Dänemark verloren gegangen.
Und wieviel gute Kraft und guter Wille wurde in Deutschland zwar zurückgehalten, aber lahmgelegt! Umgekehrt: wieviel guten Zuwachs verdankt unser Volk, zumal Preußen, der früher geübten religiösen Duldung! Sollte es sich nicht empfehlen, zu dieser Regierungspraxis zurückzukehren? Unsere Schüler lernen aus ihren Geschichtsbüchern, daß religiöse Duldung alte Tradition der preußischen Königspolitik sei. Soll das in Zukunft anders werden?
Es ist Sache unserer Parlamentarier, das freie Manneswort des deutschen Bürgers wieder zu Ehren zu bringen!
XIII.
Moderne Pädagogik.
»Die Hauptsache ist, daß man eine Seele habe, die das Wahre liebt und die es aufnimmt, wo sie es findet.«
Goethe.
Die Menschen sind gewohnt, alles, was sie durch ihr Leben hin getrieben, gedacht und erstrebt haben, als das Natürliche und Notwendige zu betrachten. Jede Abweichung davon erscheint ihnen als sündhaft. Chinesen wollen von ihrem Zopf nicht lassen, Haremfrauen nichts von der Emanzipation des Weibes, nichts von Frauenrechten hören, der Buschmann lehnt das Gewehr ab und bleibt bei Pfeil und Bogen, und unsere guten alten Tanten lassen es sich nicht nehmen, daß der Mensch so erzogen werden müsse, wie sie vor 50 bis 60 Jahren von ihren seligen Eltern erzogen wurden. Sie zweifeln keinen Augenblick daran, daß das die einzig richtige, die Normalerziehung war. Wir, die wir die Früchte dieser Erziehung vor Augen haben, gestatten uns im stillen manchmal einen höchst respektlosen Zweifel.
Nicht jeder freilich ist so ergrimmt über alte Unnatur und Hohlheit der üblichen ererbten Hauserziehung, wie es mein Vater war. Man höre! Eine unberufene Erziehungskünstlerin war ihm in seine häuslichen Herren- und Vaterrechte vorlaut eingebrochen, um seiner Tochter, die sie zu »studentenhaft« fand -- sie war nämlich frisch, lustig, derb und unangekränkelt --, in das einzuführen, was der Altenburger Bauer die Kondefitche nennt (conduite). Täglich und stündlich gab es da Ermahnungen: »Ein junges Mädchen darf so laut nicht lachen, darf das nicht sagen, darf soviel nicht essen, darf nicht pfeifen, nicht laufen, nicht über Zäune und auf die Bäume klettern, nicht müßig dasitzen. Es muß französisch fließend sprechen lernen, muß ein Tagebuch führen, muß, muß, muß --« ja, was mußte so ein armes Ding nicht alles?
»Denn sieh, meine Liebe, ich habe schon mit zwölf Jahren ..., ich habe als erste Schülerin meiner Klasse ..., ich habe --« ja, was hatte die gute Tante nicht alles geleistet! Höchst wunderbar, höchst staunenswert! Freilich, das Wichtigste hatte sie leider versäumt, nämlich zu heiraten und Kinder zu gebären, auf die sie den Schatz ihrer Tugenden hätte vererben müssen.
Der Schluß solcher Belehrungen und Vermahnungen war gewöhnlich ein großer Spektakel, Tränenerguß und Verstimmung des ganzen Hauses.
Mein Vater hatte dem lange mit verhaltenem Ärger zugesehen. Endlich aber platzte ihm die Galle und er warf der Tugendpredigerin die Worte ins Gesicht: »Nun aber hat es sein Ende! Hören Sie, was ich Ihnen sagen muß: Das Fürchterlichste, was mir passieren könnte, wäre, daß meine Tochter +Ihnen+ ähnlich würde!« Das half.
Nach diesen Vorbemerkungen wage ich es, sogar vor unsere selbstbewußtesten Väter, Mütter, Tanten, Lehrer, männliche und weibliche Gouvernanten mit unseren modernen Erziehungsketzereien frohgemut hinzutreten.
Ich merke, ich +muß+ eine Vorstellung dieser allgemeinen pädagogischen Anschauungen und Bestrebungen hier erst einschieben, ehe ich von dem Teile, der Erziehung zur Mannhaftigkeit, sprechen kann. Sonst würde ich ganz unverstanden bleiben. Wir müssen also unseren Bau von dem Grunde an neu aufführen.
Die Erziehung ist eben wieder Problem geworden. »Leider!« sagen die Hüter des angeblich bewährten Alten; »gottlob!« sagen wir Zukunftsfrohen.
Unsere Väter wußten, wie man Kinder zu erziehen habe; und wenn sie es selbst nicht genau wußten, so wußte es jedenfalls +ganz+ genau der Herr Gymnasialdirektor oder Volksschulrektor ihres Heimatstädtchens, die staatlich anerkannten Hüter ererbter Erziehungsweisheit und Lehrpraxis.
»Erziehung zu edler Humanität,« sagte der eine, »und zwar auf dem festen Boden altklassischer, christlich-nationaler Bildung«. ›Drei sei einer in ihm, der Hellene, der Christ und der Deutsche!‹ -- Nichts einfacher als das! Sehen Sie mich an!«
»Erziehung nach den Geboten der Heilslehre,« sagte der andere als gehorsamer Diener seiner Kirche; denn unsere Volksschullehrer waren im Nebenamte und auch in der Gesinnung zumeist Küster und hatte, wie auch viele Gesalbte des Herrn, neben dem schwarzgebundenen und mit goldenem Marterkreuze gezierten Gotteswort in der Regel eine schwanke Haselgerte liegen. In Ausübung der christlichen Nächstenliebe hielten sie sich lieber an das Alte als an das Neue Testament, lieber an Jesus Sirach als an Jesus selbst. Jener empfahl, die bösen Buben überzubiegen und durchzubläuen, Jesus in seiner unendlichen Güte und Menschlichkeit legte bekanntlich den Kindern -- guten wie bösen -- segnend die Hände aufs Haupt. Man muss halt die Bibel zu lesen und deuten verstehen. Jeder findet darin, was er sucht.
Wer vor diesen Autoritäten nicht bestand, der war für Deutschland so gut wie verloren. Wenn das alte Latein und der kleine Katechismus plus Haselrute nicht weiterhalfen, dann mußte das junge, damals noch so ferne Amerika helfen.