Part 17
Allen denen, die sich über den neuen Geist des Unglaubens, der Zersetzung und Auflehnung entrüsten, sei gesagt, was sie selbst wissen müssen, daß nicht unsere Volksschullehrer, sondern unsere gesamte Entwicklung, der Fortschritt der Naturwissenschaften, die gelehrten Forschungen der Theologen selbst an dem herrschenden Zustand schuld sind oder -- besser gesagt -- das Verdienst daran haben. Die meisten, die über unsere Lehrer klagen, kennen die Lage gar nicht. Ich empfehle ihnen zur Probe einmal ein Jahr lang nach irgendeinem staatlich anerkannten Religionsbuch kleinen Kindern den rechten Glauben beizubringen. Ihre Seele würde sich, wofern sie überhaupt eine Seele haben, vor Qualen winden. Es gehört schon ein gehöriger Grad von Untertanen- und Beamtendemut dazu, um mit sittlichem Ernste, mit Wärme und Überzeugungskraft unschuldigen, vertrauensseligen Kindern jahraus jahrein Glaubenssätze als heiligste Kost darzureichen, an die man selbst nicht mehr glauben +kann+. Ich möchte jedenfalls den dritten Artikel meinen Kindern nicht beibringen müssen, der bekanntlich von der Heiligung handelt und -- wie die meisten christlichen Leser +nicht+ mehr wissen werden -- also lautet: »Ich glaube an den heiligen Geist, eine heilige, allgemeine, christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden. Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.« Dazu nehme man, weil es unsere armen Kinder doch wörtlich lernen, ihre noch ärmeren Lehrer es ihnen beibringen müssen, bis es »fest sitzt« aus Luthers nunmehr bald 400 (!!) Jahre altem Kleinen Katechismus (1529), seine angeblich klare Erklärung: »Was ist das? Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten« ... Zu dieser Erklärung geben nun die neuen Lehrbücher (so Fürbringer-Bertrams »Biblische Geschichte« 4. Aufl.) wieder eine notwendige Erklärung: »Der heilige Geist hat mich mit dem rechten Vertrauen auf die Erlösung durch Christus erfüllt, mich dadurch aus der Gemeinschaft der Sünden genommen und der heiligen Gemeinschaft mit Gott teilhaftig gemacht und hilft mir, daß ich darin bleibe.« Bitte, mein Verehrtester, machen Sie das einmal einer Klasse von 100--120 Bauernkindern klar und glaublich. Vor allem aber bekennen Sie sich selbst aus ehrlicher Überzeugung dazu.
Es sind jetzt 128 Jahre her, daß der sterbende Voltaire auf die Frage, ob er die Göttlichkeit Jesu anerkenne, den Pfarrer mit den Worten abwies: »Mein Gott! Sprecht mir doch nicht von diesem Menschen und laßt mich ruhig sterben!«
Was ist seitdem geschehen, die Göttlichkeit Christi zu erweisen? Nichts! Stets dasselbe Pochen auf Geschichtsquellen: »Es stehet geschrieben«, auf Geschichtsquellen, die sich obendrein als durchaus unzuverlässig erweisen und hundertfach selbst widersprechen. Und dennoch die alte Lehre in Geltung? -- stat pro ratione voluntas.
Zur Zeit des Großen Friedrich galt es als ein Verdienst, der Aufklärung seine Kraft zu widmen. Die in ernstester Geistesarbeit gewonnenen Kenntnisse von dem Organismus des Weltalls, der Entwicklung der Erde, der Entstehung des Lebens auf der Erde, die historisch klarere Einsicht in die Stellung des Christentums zum Judentum und den anderen orientalischen Glaubensformen, die Prüfung und Bewertung unserer Glaubensüberlieferung, all das, geleistet unter dem Schutze des Staates und für staatliche Bezahlung, gelehrt in staatlichen Hochschulen, soll trotzdem, wenn es den regierenden Parteien so paßt, als wertloser »Aufkläricht« bespöttelt und beiseite geschoben werden? Gehören zu der wertlosen Aufklärerei etwa auch die Geistestaten des Kopernikus und Galilei? Oder wo sollen wir aufhören, der Wissenschaft zu folgen? Soll vielleicht unser Kaiser die Grenze ziehen? -- wie er es ja tatsächlich im Falle der Babel-Bibel-Forschung tun wollte. Hüllen sich nicht die Vertreter der staatlichen Kirchen selbst in den Prunkmantel der Wissenschaft? Gehen sie nicht selbst mit trockenen Schlüssen und »Beweisen« an die ewigen Geheimnisse heran, um dann, sowie sie nicht mehr weiter können, den Glauben anzurufen? Immer wieder kommen sie, uns zu sagen, daß die Wissenschaft noch keines der letzten Rätsel gelöst habe, daß Darwin, Haeckel und die Naturforscher alle uns nichts Dauerndes geben könnten. Das wissen wir auch. Aber das gleiche gilt von der Kirche. Auch der Glaube gibt uns nur menschliches Hoffen und Wähnen. Alle Götter der Erde waren bisher Menschenschöpfung. Die Wissenschaft führt uns jedenfalls weiter und belebt unsere Geisteskräfte. Sie hat für den, der ihr mit Hingabe dient, etwas Befreiendes. Das gleiche kann man von der kirchlichen Bildung nicht sagen. Im Gegenteil. Was Ludwig Thoma in seinem die katholischen Kreise tief erregenden Roman Andreas Vöst schreibt, werden Unzählige gern unterschreiben. »Alles Befreiende war dieser klerikalen Bildung genommen. Ohne Fühlung mit der Gegenwart, schöpfte sie aus der Vergangenheit keine lebendigen Kräfte. Mit ängstlichem Bemühen waren die Schranken aufrecht gehalten, in denen von jeher der Geist verkümmerte. -- Neun Jahr unter den Händen von Lehrern, die alles in eine Form gießen, wie sollte sich da ein junger Mensch ganz frei halten von ihren Einflüssen? Es war viel, wenn das Wachstum nicht ganz erstickt war.«
Leider gilt das gleiche von der religiösen Seminarerziehung, einem Fegefeuer, durch das unsere evangelischen Volksschullehrer geläutert werden. Ausgedörrt kommen sie daraus hervor, nämlich dürr und trocken an Glauben, aber zugleich heiß vor Verlangen nach wissenschaftlicher Erkenntnis. Wenn +Friedrich Paulsen+ mit Recht sagt, daß nie ein solcher Bildungshunger gesehen worden sei als jetzt in Deutschland, so gilt dieses Lob besonders unseren Volksschullehrern. Hier kommt es nur darauf an, zu sagen, daß unsere Volksschullehrer zu hoch stehen, als daß sie zu einem orthodoxen Religionsunterricht kommandiert werden könnten. Sie kennen die theologische Literatur, haben zum Teil wohl Schriften von Dr. Fr. Strauß, A. Harnack, O. Pfleiderer, B. Weiß, und wenn nicht diese größeren Werke, so doch E. von Hartmanns »Das Christentum des Neuen Testamentes« oder W. von Schnehens »Der moderne Jesuskultus« gelesen (Neuer Frankfurter Verlag, 1906. Preis 1 M.), vielleicht auch dessen Aufsatz »Die jüdische Natur der Lehre Christi« (Der Vâhan VII, 1906, Nr. 12), vor allem auch K. Kalthoff gelesen. Die pädagogischen Fachblätter, zumal Wilhelm Schwaners »Volkserzieher«, lassen keine dieser Erscheinungen unbeachtet und ungewürdigt. Allso gebildete Männer stehen der Bibel völlig frei gegenüber und verdienen deshalb nicht den leisesten Tadel. Man könnte ihnen mit gleichem Rechte vorwerfen, daß sie nicht mehr an die stillstehende Erde, an ein massives Himmelsgewölbe glauben oder daß sie mit der Eisenbahn fahren. Was soll also die Klage, daß sie nicht mehr »rechtgläubig« sind? Rechtgläubig im Sinne Luthers ist heute niemand mehr. Denn auch der Glaube, solange er noch etwas Leben hat, wandelt sich. Der Glaube an Jupiter und Hera freilich ist endgültig fest und -- erstorben.
Hauptschuld an der Mißstimmung trägt der Beamtencharakter und die zu strenge Gängelung der Lehrerschaft. Ich habe schon manch hartes Wort gedruckt, aber noch nie hat jemand gewagt, an meiner Wahrhaftigkeit zu zweifeln, jedenfalls habe ich nichts derart zu hören bekommen. Trotzdem liebe ich es, Zeugen für meine Behauptungen beizubringen. Doppelt genäht hält besser. Gymnasialprof. Dr. +Paul Förster+, auch kein leichtfertiger Knabe mehr, einer, der im großen Kriege mitgekämpft und im Reichstag Sitz und Stimme gehabt hat, schreibt in seiner Streitschrift »Deutsche Bildung, deutscher Glaube, deutsche Erziehung« (Ernst Wunderlich, 1906 Pr. M. 1,60, geb. M. 2.--): »+Unsere Schulen sind die Stätten des Zwanges, der Abrichtung, der Unnatur. Wo aber keine Freiheit herrscht, noch Liebe, noch Natürlichkeit, da kann sich auch keine rechte sittliche Reife herausbilden+; mindestens leidet sie an Unfertigkeit, Unselbständigkeit, an dem Mangel durchgebildeter Persönlichkeit! Die Unwahrhaftigkeit aber, aus Gehorsam, Berechnung und Gewöhnung Begeisterung für Dinge zu heucheln, für die sie keine hegen, nehmen sie mit ins Leben hinaus.« Wer uns beide aber der Übertreibung zeihen will, dem seien zum Studium all die Äußerungen von Fachmännern empfohlen, über höhere Schüler gefällt, die durch Einblick in ihre Pennalverbindungsakten einmal ihr Geistesleben näher beobachten konnten. Man findet das jetzt alles in einem sehr ernsten, nützlichen und gerechten Buche von Direktor Dr. +Max Nath+ (Schülerverbindungen und Schülervereine, B. G. Teubner, Leipzig 1906) gesammelt, gesichtet und kritisch verwertet. Da sprechen Direktoren und Lehrer mit Bitterkeit und Entrüstung von den Beobachtungen, die sie machen mußten: »Verflachung und Vernichtung alles tieferen, geistigen Lebens.« -- »Tagelang«, ruft der eine aus, »habe ich in dem Wust des vor mir aufgeschichteten Materials nach irgendwelchen Symptomen besseren Strebens, ja auch nur nach Anklängen an geistige Bildung gesucht: ich konnte mir nicht vorstellen, daß eine auch noch so weit von ihrem Ziele abgeirrte Gymnasialjugend nicht wenigstens Spuren von höherer Bildung, und wären es auch ganz unbeträchtliche, durchblicken lassen sollte. -- Das alles starrt von einer solchen Öde und Inhaltslosigkeit, ist so bar alles ernsteren Interesses, daß es schwer ist, einem anderen eine Vorstellung davon zu geben, ohne in den Verdacht der Übertreibung zu kommen.« -- Ein anderer klagt: »Der nichtige Drang, groß zu tun mit Dingen, die dem Schüler noch nicht gestattet sind -- schamlose innere Überhebung, Entwöhnung von allen den Empfindungen, welche eine tüchtige Jugend den Erwachsenen gegenüber hat« und fragt, »ob eine +so entartete Jugend+ jemals wieder zu reeller Lauterkeit und Festigkeit der Gesinnung herangebildet werden könne«. Alle Arbeit, alles Mühen, im Unterricht den Schülern +die Ideale des Lebens nahezubringen+ (sic!), ihren wissenschaftlichen Sinn zu wecken, ihre Geisteskräfte zu entwickeln und zu bilden, ihre sittlichen Anschauungen zu reinigen und die Stärke ihres guten Willens zu kräftigen, scheine vergeblich gewesen zu sein. Diese Urteile stammen aus den siebenziger Jahren vorigen Jahrhunderts, wurden also über Jünglinge gefällt, die heute Männer und zum Teil in einflußreichen Stellungen sind. Dieses Scheinwesen findet dann weitere Pflege in den Korps, wo man es mehr auf gute Beziehungen zu irgendeinem einflußreichen Fuchsmajor oder Leibburschen, als auf gelehrte Bildung, fachmännische Schulung und moralisch-sittliches Reifen absieht; das gleiche Scheinwesen trägt man ins amtliche Leben hinüber und beglückt dann, wenn man es zu hoher Stellung gebracht hat, das deutsche Volk mit den Holzfrüchten solcher Unkultur. Man freue sich ehrlich und von Herzen, daß gerade die deutsche Lehrerschaft, die Leute, denen die Zukunft Deutschlands anvertraut ist, diese Scheinkultur nicht mehr mitmachen wollen. Ihr Protest ist ein Gesundungsprozeß, ihr Freiheitsdrang verbürgt uns eine zwar kampfreiche, aber beglückende Zukunft.
Mannhaftigkeit ist ohne +Offenheit+ nicht denkbar. Bismarck hat uns in seiner überragenden Größe das Bild eines Beamten und Staatsmannes vorgelebt, der die Lüge verabscheute und gerade Wege ging. Er hatte damit das ganze Wesen der Diplomatie geändert, die vordem eine Geheimkunst war, auf List, Lug und Trug aufgebaut, die Diplomaten eine elegante, hochangesehene Gaunerzunft, die ihre französische Sprache dazu gebrauchte, ihre Gedanken zu verbergen, stets das Gegenteil von dem zu sagen, was das Herz meinte. Auch das war im Grunde völlig undeutsch.
Der ehrliche +Walther von der Vogelweide+ hatte, jede Doppelzüngigkeit verabscheuend, den Deutschen ins Gewissen geredet: Ihre Rede sei ja, ja, nein, nein, ein ehrlich Nein sei ihm lieber als ein erlogenes Ja, ›zwo zungen stan unebene in einem munde.‹ Solche Lehren waren längst vergessen und hätten einem Diplomaten vorbismarckischer Zeit und Schule nur ein überlegenes listiges Lächeln abgelockt. Die Welt, jedenfalls die gut deutsche, hatte gehofft, daß Bismarcks Reckengestalt mit ihrer derben, aber wahrhaft deutschen Rede all dem heimlichen Getuschel und Gemunkel auf den Hintertreppen der Behörden und Gesandtschaftswohnungen ein Ende gemacht hätte, hatte gehofft, wie Bismarck selbst, daß alle, die in seine Schule gingen, von ihm wenigstens »ein bißchen Vornehmheit« lernen würden. Solange er im Amte war, wagten sich auch die lichtscheuen Nachtgestalten nicht in die Nähe seines Adlerblickes. Jetzt aber lesen wir mit wachsendem Unbehagen, daß selbst in den Regionen höchster Politik das alte Intrigenspiel, das Lügen, Betrügen, Spionieren, Denunzieren und Ehrabschneiden wieder üppig in Blüte steht. Was uns +Harden+ über die 30jährige Amtstätigkeit des Herrn +von Holstein+ berichtet, müßte uns als Mythe erscheinen, wenn er nicht so glänzend unterrichtet und wenn von Holsteins Abwehr nicht so kläglich ausgefallen wäre. Hören wir also, wie dieser uns vordem kaum dem Namen nach bekannte, aber einflußreichste deutsche Staatsmann sein Geschäft betrieb! Nur einige Proben! Wem Deutschlands Geschichte und Deutschlands »neuer Kurs« nicht vollständig gleichgültig sind, der hat natürlich schon das Ganze gelesen (»Zukunft« 1906 Nr. 38).
»Nie hatte ein Beamter in einem modernen Staate solche Stellung gehabt. Bis ins ancien régime muß man zurückgehen, um Ähnliches zu schauen. François le Clerc du Tremblay, den die Geschichte als Pater Josef kennt, hat im dunkeln fünfzehn Jahre lang Frankreichs internationale Politik geleitet. Doch der Kapuziner, dem Richelieu blind vertraute, trat immerhin manchmal hervor, ging nach Regensburg auf den Reichstag, verhandelte selbst mit Bernhard von Weimar und hätte gern den Kardinalshut aufs Haupt gesetzt. Daß er bis zu seinem Tode die Graue Eminenz blieb, war nicht sein Verdienst, sondern Urbans des Achten, der dem skrupellosen Politiker den Purpur weigerte. Holstein hat nie in hellem Licht, nie vor einer Hörermenge eine Verhandlung geführt. Er war noch weniger eitel als der Provinzial der Touraine und fühlte sich eigentlich nur in seinem Winkel wohl. Da spann er still sein Netz und pries den guten Tag, wenn eine arme Fliege sich drin gefangen hatte. Solche Tage waren nicht selten; denn das Netz war von Jahr zu Jahr größer geworden. Polyphemos (so nannten ihn manche, weil er mit einem Auge kaum noch sah und, wie der Sohn Poseidons, Menschen verschlang), der unheimliche Kyklop, hieß es, weiß alles; nie bleibt ihm verborgen, wer die Räume eines Reichsamtes betritt und was dort dann geredet wird. Er hat, wie weiland der spanische Karl, die Hand über den ganzen Erdboden und ist euch alles in allem. Überwacht die Diplomatie, hat in jeder Hauptstadt seine Agenten und Spione und liefert Geheimberichte, aus denen der Kaiser erfährt, wie seine Botschafter, Gesandten, Räte und Sekretäre arbeiten und sich die Zeit vertreiben. Vorsicht! Einer, dem der nicht traut, ist verloren. Den Kaiser sieht er fast nie (das würde ja auffallen), kann sich dennoch mit besserem Recht aber als jeder Minister rühmen, das Ohr des Monarchen zu haben. Er hat Schloezer aus Rom, Radowitz aus Konstantinopel, den Zarengünstling Werder aus Petersburg, den Prinzen Reuß aus Wien weggebracht und alle durch Leute ersetzt, auf die er sich verlassen konnte ... So mächtig war, als so mächtig galt dieser Mann, dessen Name öffentlich nie genannt werden durfte.«
Keine Frage, daß ein solcher Mann an solcher Stelle auf die ganze Beamtenschaft +tief korrumpierend+ wirken mußte. Unfaßbar, daß ein solcher Schädling sich all seinen zahllosen Gegnern zum Trutze, am hellen Tage der deutschen Geschichte, inmitten unseres von tausend Zeitungen bedienten öffentlichen Lebens jahrzehntelang an einflußreichster und verantwortungsvollster Stelle halten konnte. Das beweist uns, daß die Mächte der Finsternis wieder von unseren hohen Regionen Besitz ergriffen haben, daß da Treue und Glauben, Manneswert und Manneswort nicht mehr gelten. Welch Aufrechter getraut sich noch in solche Umgebung, auf so eisglatten Boden?!
Das also ist die hohe Schule für all die »gewissenhaften Beamten«, die sich Führungslisten über ihre Herren Kollegen, geheime Aktenbündel anlegen, die mit verstellter Schrift den Vorgesetzten »schätzbares Material« liefern und mit Anklagen, die der Beschuldigte nie zu hören bekommt, seinen Ruf und seine Stellung untergraben? Natürlich nur »in Wahrung berechtigter Interessen«, »im Dienste der guten Sache«, um als treuer Diener auch über die Amtspflicht hinaus dem Staate und dem Herrn »Chef« nützlich zu sein. Vor unsere Phantasie tritt das häßliche Bild einer ganzen Zunft berufsmäßiger Spione, Ehrabschneider, Hintertreppenzuträger, Lügner, Betrüger und Meineidiger, die für ihre schmutzigen Dienste Ehren und Ämter empfangen und mit dem Gelde deutscher Steuerzahler obendrein ein behagliches Leben führen. Werden von oben her so böse Beispiele gegeben, dann darf man sich nicht wundern, wenn korrupte Seelen der »unteren Organe« auch den Bestechungen zugänglich werden und wertvolle Dokumente an Gegner der Regierung ausliefern. Dann hat sie eben jeder, der gut zu zahlen weiß.
Wenn Beamte, die von dem Wohlwollen ihrer Vordermänner und Vorgesetzten alles zu hoffen, von deren Feindschaft alles zu fürchten haben, erst einmal wissen, daß ihnen Zuträgerei und geheime Anzeigen Vorteil bringen, dann ist es aus mit aller Mannhaftigkeit und Offenheit. Wenn den Denunzianten nicht grob die Türen gewiesen werden, wenn nicht -- wie das für einen Menschen von normalen Ehrbegriffen selbstverständlich sein müßte -- anonyme Anzeigen sofort zerfetzt in den Papierkorb fliegen oder besser noch (da es ja auch Papierkorbplünderer gibt) ins Feuer wandern, dann wanken alle Fundamente des Vertrauens, dann hat der Pfiffigste und Durchtriebenste gewonnenes Spiel und der Aufrechte tut gut, das Feld rechtzeitig zu räumen. Es ist nicht jedermanns Sache, sein Leben dem Kampfe mit Ratten, Schwaben und Wanzen zu weihen.
In unseren Behörden sitzen schon Poloniusnaturen, zu jeder Heuchelei bereit. Wer da Überzeugungen sucht, könnte ebensogut (wie mein alter Lehrer zu sagen pflegte) »Wurscht im Hundestall suchen«. Diese Leute machen alles mit, was verlangt wird. Ich glaube auf Wunsch selbst ein kleines Konfessionswechselchen. Der pflichttreue Beamte weiß, was er sich schuldig ist. Als Bismarck stürzte, sahen wir schon ein beschämendes Stück »deutscher Mannestreue«. Kein Wunder, daß der greise Kanzler ein Menschenverächter wurde.
Als ich jüngst einen hohen Beamten fragte, was ein Herr eines Ministeriums, den ich von Ansehen kannte, für Überzeugungen habe, lachte der Mann hell auf: »Überzeugungen? Mein Gott, sind Sie anspruchsvoll. Der arme Mensch soll auch noch Überzeugungen haben? +Die+ Ware gibt's da oben nicht, da sieht nur jeder zu, daß er nicht falle. Im übrigen wird fortgewurschtelt und man sagt sich: ›Solange ich mitmachen muß, hält die Geschichte wohl noch. Nur keinen Spektakel! Und die Presse nicht auf sich aufmerksam machen. Denn dann ist man geliefert‹.«
Das sind unsere »altbewährten Stützen«, von denen muß sich der Untergebene quälen, muß sich das deutsche Volk zureiten lassen!
Im Kolonialamte ist es schon zum Bruch gekommen. Andere Ämter werden folgen. Wo nicht Mannhaftigkeit das Regiment führt, wo nur Beamtengehorsam und dienstliche Gesinnungslosigkeit herrschen und der am besten gedeiht, der am besten zu schweigen, sich zu beugen, anzupassen und Gesinnungen zu heucheln versteht, da »kann die Wohlfahrt nicht gedeihen«.
Unser Kaiser, ehrlich bemüht und tätig um Deutschlands Macht und Zukunft, hat richtig erkannt, daß wir vor allem +Männer+, +Charaktere+ brauchen. Wir handeln monarchisch und nach dem alten Grundsatze: »Mit Gott für König und Vaterland«, wenn wir ihm sagen, daß nicht sowohl auf dem +Salzwasser+ als in Berlin, bei den hohen und höchsten Behörden der Anfang gemacht werden müßte. Tüchtige Ruderer und Radfahrer, Sportmänner jeder Art, Boxer, Schwimmer, Reiter, verwegene Wagenfahrer hatte man in dem byzantinischen Kaiserreich auch zu einer Zeit, als alle wahrhaft männlichen Tugenden im Volke schon erstorben waren. Tollkühne Seefahrer finden wir unter den chinesischen Piraten, unter griechischen Hammeldieben, unter verbrecherischem Hafengesindel von Neapel und Konstantinopel. Vertrautheit mit dem Meere, zumal von Jugend an gepflegt, sichert uns wahren Manneswert noch nicht. Es ist nur eine seiner Äußerungen und lange nicht die wichtigste.
In unserem Beamtenstaate wird über die tiefsten ethischen Fragen auf dem Verwaltungswege entschieden. Im Reformationszeitalter hat man doch allen Ernstes um jeden Satz des »Glaubens« gestritten und gerungen. Da ging es wirklich um die Sache. Wenn Luther mit Zwingli um das Wörtchen ἔστι heiß debattierte, da lauschte ihnen in ihrer Gewissensnot mit tiefer Spannung und Erregung die Christenheit und spaltete sich in die zwei Lager der Lutherischen und der Reformierten. Von all dem ist ja gar nicht mehr die Rede.
Was würde geschehen, wenn heute durch Ministerialerlaß den Lehrern »bekannt gegeben« würde, daß der Glaube an den heiligen Geist nicht mehr zu halten und den Lehrern deshalb verboten wäre, diesen Teil des christlichen Glaubens den Schülern weiter vorzutragen? Würden die Lehrer eine große Kundgebung veranstalten? Würden viele den Dienst aufgeben und lieber mit ihrer Familie darben, als ein solches Opfer ihres Glaubens bringen? Die Religions- und Schulfrage ist keine Gewissensfrage mehr, sondern eine Machtfrage und Verwaltungssache, wird deshalb von Juristen besorgt, die noch nie in ihrem Leben eine Religionsstunde erteilt haben und von denen so mancher wohl schlecht bestehen würde, wenn man ihn in Religion für Untertertia prüfen wollte. Man muß solche Herrn, wie ich das Glück hatte, als flotte Korpsstudenten gekannt und ihre damaligen Glaubensbekenntnisse noch im Gedächtnis haben, um zu wissen, was es mit der Forderung auf sich hat, daß »dem Volke die Religion erhalten bleiben müsse«. Soll und muß das geschehen um des Seelenheils willen der Mühseligen und Beladenen? Ach nein, -- aus Staatsräson, damit sie gehorsame Untertanen werden und keine Sozialdemokraten wählen. Wer fragt nach der Überzeugung dieser Menschen? Wen kümmert es, ob sie aus schlauer Berechnung irgendeines materiellen Vorteils wegen oder aus ehrlicher Gewissensnot ihre Stimme für oder gegen den von der Regierung empfohlenen Kandidaten abgeben?
Warum wir also so wenige Männer haben? Weil bei uns Überzeugungen und Ideale verstaatlicht sind und weil die Leute am besten vorwärts kommen, die sich ihren Glauben und ihre politische Gesinnung von der Regierung beziehen. Deshalb haben wir so viele Streber im Lande, einen Menschentypus, den das glückliche England auch nach Carl Peters Zeugnis nicht einmal dem Namen nach kennt. Es ist wohl zu allen Zeiten geheuchelt worden, aber so tief ist man wohl selten in charakterloses Scheinwesen versunken, wie jetzt in unseren herrschenden Kreisen. Von deren sog. Idealen ist auch so gut wie nichts mehr echt und stichhaltig.
Ohne eine tiefgreifende Reform unseres ganzen Staatswesens ist nicht zu helfen. Schon ist unendlich viel versäumt. Nur ein Herkules kann die Arbeit leisten, die vonnöten wäre; nur ein +ganzer Mann+! Mit Maßnahmen, Verfügungen, sanften Verschiebungen und dem ganzen nun schon zum Spott gewordenen kleinlichen Bureaubetrieb ist nichts mehr auszurichten, am wenigsten aber mit Vertuscheln und mit dem Maulverstopfen unangenehmer Schreier und:
»+Wasser tut's freilich nicht!+«
XII.
Parlamentarier.