Part 15
»So? Na, dann antworten Sie mir einmal auf zwei Fragen. Aber, bitte, offen und ehrlich, unerbittlich wahrhaftig!«
»Nun, das wäre?«
»+Erstens+: Erziehen unsere Schulen, wie die englischen, zur Wahrhaftigkeit? Ja oder nein? In England ist ein Schüler +geächtet+, der +einmal+ lügt. Ist das bei uns ebenso?«
»Jedenfalls erstrebt --«
»Bitte, keine Ausflüchte: ja oder nein? Ist der deutsche Abiturient stets ein Jüngling von unbedingt gefestigter Wahrhaftigkeit? Ja oder nein?«
»Allerdings -- -- nein!«
»+Zweite+ Frage: Erziehen dieselben Schulen -- wie in England -- zur Mannhaftigkeit? Ja oder nein? Wäre es der Fall, so müßten wir doch in Deutschland Millionen mannhafter Männer haben. Haben wir das? Gehen bei uns die Geraden, Verläßlichen, Tapferen, Unentwegten, Selbständigen, die echten, schlichten Persönlichkeiten von sicherem Selbstgefühl und von klarem Willen millionenweise um? Ja oder nein?«
»Nein!«
»Also, so folgere ich wohl mit Recht, ist unsere Erziehung in der Schule falsch! Wenn eine Einrichtung gerade +das+ nicht erreicht, was sie erreichen sollte, dann taugt sie nichts. Dann wäre es vielleicht sogar verdienstlicher, in dieses Nest hinein zu hofieren als neue Blumen darin aufzuhäufen, nicht wahr? Na, -- ich will Ihnen die Antwort lieber erlassen.
Noch eins: Philologie und deutsche Jugenderziehung sind völlig getrennte Begriffe. Ich bin gerne klassischer Philologe, wünsche meiner Wissenschaft eine starke, blühende Entwicklung auf den Hochschulen, nicht aber in den Knabenschulen. Wissenschaften gehören auf die Universität.
+Hofieren!?+ -- das ist kränkend, ehrenrührig und zwingt mich zur Abwehr:
Meine Schrift ›+Der Deutsche und sein Vaterland+‹, auf die allein wohl der Zeit wegen jenes Urteil gehen kann, ist in 8000 Exemplaren verbreitet, manches einzelne Exemplar haben, wie mir nachgewiesen wurde, 40--60 Leser in Lesevereinen, Leihbibliotheken u. dgl. gelesen. Ich darf annehmen, daß an 100 000 deutsche Männer und Frauen mein Buch kennen. Die deutsche Presse hat sich zu 90% mit Wärme und mit vollster Zustimmung darüber ausgesprochen: es wurde selbst in der gegnerischen Presse als eine ›mannhafte Tat‹ bezeichnet. Eine große Anzahl von Männern, deren Namen jeder Deutsche mit Achtung ausspricht, hat mir persönlich in Schrift und Rede seinen Beifall bekundet. Eine große deutsche +New Yorker+ Zeitung brachte über mich einen langen Artikel, der mit den Worten schloß (ich zitiere wieder aus dem Gedächtnis; zur Not wäre aber jene Zeitung gewiß noch zu finden): ›Einen Orden wird Gurlitt für diese Schrift in Preußen nicht bekommen. Wäre aber ich deutscher Kaiser, ich würde diesem Manne für seine Tat den Pour le mérite verleihen.‹
Ich lasse mir meine ehrliche Arbeit nicht verunglimpfen, von niemandem. Sie hat mir schwere Gewissenkämpfe und manche schlaflose Nacht gekostet, hat manch offenen ritterlichen Feind, aber auch eine wahre Meute von versteckten Neidern, Ehrabschneidern, Denunzianten und sonstigen Widersachern gegen mich in Tätigkeit gesetzt, und ich stehe dafür bis heute noch in einem heißen, aber, wie ich doch meine, guten und mannhaften Kampfe.
+Hofieren?!+ Nein, mein Verehrtester, jene Arbeit kam mir aus Kopf und +Herzen+, nicht aus dem +Gedärm+.
Auch den Ausdruck ›+litterarischer Sturmvogel+‹ lasse ich in Beziehung auf mich nicht gelten.
Nur keine erheuchelte Bescheidenheit! Was ich schreibe, schreibt ein Mann, der sein Lebtag angestrengt geistig gearbeitet und der einen in der Wissenschaft geachteten Namen hat. Die geehrtesten Männer aus dem Gebiete der Pädagogik: +Münch+, +Cauer+, +Lyon+, +Ziehen+ u. a. haben sich eingehend mit meinen Arbeiten beschäftigt, wenn zum Teil auch sie bekämpfend. Seit wann aber wird denn mit Kanonen nach +Spatzen+ geschossen? Oder nach Möwen und sonstigen ›Sturmvögeln‹? Herr Matthias selbst hat mich, als er seine Monatsschrift gründete, schriftlich zur Mitarbeit einladen lassen und mir auch mündlich über meine gelehrte Schriftstellerei Ehrendes gesagt.
Sind noch weitere Zeugnisse zu meiner Ehrenrettung nötig? Soeben (27. IX.) lese ich in der »Schul-Reform« (I, Nr. 2), die in Wien erscheint: »In der Zeitschrift ›die Wage‹ Nr. 33 würdigt die Führerin der österreichischen Frauenbewegung. Frau +Marianne Hainisch+, eben von einer Studienreise durch Deutschland heimgekommen, auf der sie dem Schulwesen besondere Beachtung schenkte, die Verdienste der Reformliteratur und nannte Dr. Gurlitts Schriften ›+die große Tat eines Lehrers+‹.[10] Eine Elite der Lehrerschaft stehe in Deutschland an der Spitze der Bewegung, die österreichisch kapitalistische Blätter als uferlose Schwärmerei totschweigen. Dazu bemerkt sie: »Bis vor kurzem mußten wir daran verzweifeln, daß auch Österreich gleich unbefangene und mutige Schulmänner bekomme. Nun -- ist dieser Zweifel geschwunden.« Das von Schulmännern herausgegebene Blatt führt diese Darstellung mit Beifall an.
Inzwischen hat sich also das öffentliche Urteil über mein Schulgemälde deutlich genug geäußert. Etwa so: »Recht trübes, unerfreuliches Bild. Moderne Richtung, ohne rechten sog. Idealismus, zu düster, zu real, aber immerhin sicher und gut gemalt; verwünscht naturgetreu, von verblüffender Ehrlichkeit.«
Ich meine, mir als einen Malersohne mußte auch so ein Bild, wenn ich alle Kraft zusammennehme, schon gelingen. Die Kritik hatte wirklich keine zu große Mühe, die Natur und Beschaffenheit der angewandten Farbentöne zu erkennen: Semper enim valet dictum, quod cacatum non est pictum -- +und umgekehrt+!
Deshalb nochmals: Jene häßlichen Worte sind +nicht+ auf mich gezielt, sollten sie es aber sein, so +treffen+ sie mich nicht.« -- --
»Es haben sich aber doch auch andere +Autoritäten+ gegen Sie erklärt.«
»Natürlich! Nennen Sie mir in der ganzen Welt irgendeine Lehre, gegen die sich +nicht+ Autoritäten erklärt haben! Schrecken Sie noch vor Autoritäten zusammen? O, ihr Kleingläubigen, denen schon ein bloßer Name den Mannesmut raubt!
Widerlegt hat mich niemand. Da sage ich aber mit +Luther+: ›Es sei denn, daß ich mit Zeugnissen der heiligen Schrift (nein! auf die verzichte ich) oder +mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Ursachen überwunden werde+, denn ich glaube weder dem Papst, noch Konzilien allein -- noch Herrn Prof. Friedrich Paulsen allein --, weil es am Tage und offenbar ist, daß sie öfters geirrt haben und sich selbst widersprechend sind ... so kann ich und will ich nichts widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun.‹
Obgleich also schon das schwerste Geschütz gegen den Sturmvogel aufgefahren ist, kommt er sich noch keineswegs +erschossen+ vor.
Ein Mörser, +Cauer+ genannt, machte einen großen Lärm, Qualm und Gestank, war aber nur mit Vogeldunst geladen und konnte ihm die Haut nicht ritzen.
Ein zweiter berühmter Mörser, +Paulsen+ genannt, hatte zwar gute Munition, schoß aber zu vielfachem Staunen ganz daneben.
Ein dritter stattlicher, aber alter Mörser, +Kruse+, sollte lieber ausrangiert werden als schon unbrauchbar und völlig ausgeschossen.
Ein anderer guter, +Münch+, wollte mich wohl gar nicht verwunden, sondern wurde an meiner Seite losgeknallt.
Das gleiche gilt von dem wackeren Mörser +Lyon+.
Daneben ist dann noch mit kleinerem Kaliber, gezogenen und auch recht ungezogenen Geschützen, selbst mit Pistolen, Windbüchsen und Pustrohren fleißig auf mich geschossen worden -- dieses nämlich aus dem Versteck hinter dem Gartenzaune hervor, von kleinen Gassenbuben mit Rotznäschen -- hat mir alles nichts anhaben können.
Andere waren noch klüger und legten sich nächtlich in den Hinterhalt. Mit treuem Fleiße brachten sie allerlei Netze an, Leimruten, Fußangeln und Selbstschüsse und sperrten so die Futterplätze. Das waren die Korrekten, Gewissenhaften, mit einem Worte die lieben -- Frommen. Gott der Herr hat ihrer Hände Werk gesegnet. Gefangen haben sie zwar den »literarischen Sturmvogel« nicht, aber doch erreicht, daß er sein ihm verleidetes »Nest« aufgibt. Er wird sich jetzt einen höheren, freieren Horst suchen. Haben Sie was dagegen?« --
»Niemand wird Ihnen das Recht der freien Meinungsäußerung in Deutschland streitig machen. Wir fordern nur, daß über die ernsten Erziehungsfragen ruhig, sachlich und nüchtern verhandelt werde. Wir verabscheuen den demagogischen Ton.«
»Demos, mein Verehrtester, heißt Volk, demagogisch heißt sich ans Volk wendend. Eine Angelegenheit, die jedem im Volke angeht, gehört auch vors Volk.«
»Ja aber Ihre leidenschaftliche Sprache!«
»Muß die Pädagogik nüchtern sein?«
+Pestalozzi+ schrieb über Erziehungsfragen im Tone des Priesters, des Sehers. Manche seiner Schriften haben eine so gehobene Sprache, daß man Oden, Dithyramben zu lesen glaubt: Man denke z. B. an die »Abendstunde eines Einsiedlers«. Sie erinnern mich im +Tone+ an Nietzsches »Also sprach Zarathustra«.
Begeistert und begeisternd schreibt auch +Fröbel+, schrieben alle, denen die Sache wirklich ans Herz ging. Seit wann ist es Vorschrift und Gesetz, daß der Lehrer ein nüchterner, leidenschaftsloser Mensch sein muß?
»Ja, aber. --«
»Was wollen Sie wieder mit ihrem »ja aber«? Ist es etwa falsch was ich sage? Unser Kaiser hat seinen Deutschen empfohlen ›ja also‹ zu sagen!«
»Ja aber, Sie dürfen nicht übersehen, daß diese Männer in Begeisterung +aufbauen+ wollten, nicht aber einreißen, anschwärzen, nicht das ›Erhabene in den Staub ziehen‹.«
»Das Falsche einreißen ist eine eben so wichtige, ernste auch erhebende Arbeit, wie Neues aufbauen. Erst muß Platz, Raum, Luft geschaffen werden, ehe Neues gedeihen kann. Zudem: hat etwa +Herder+ sanft gesäuselt, als er gegen die Unnatur des Lateinkultus in Deutschland auftrat? Nein, wie ein wilder Gießbach brauste seine Rede dahin, riß alte morsche Baumstämme und Felsblöcke mit sich und übertönte das Klagen und Jammern der Sachlichen, Besonnenen, Maßvollen, ruhig Abwägenden. Hätten nicht Geheime Beschwichtigungsräte was Herder wollte und schuf, wieder leise, leise beiseite geschafft, nicht wieder den alten Boden von allem seinen Schotter und Steingeröll gesäubert, um dann in ›altbewährter Weise‹ ihre exotische Gartenkultur neu herzurichten, hätten sie der +Natur+ Einlaß gewährt, so wäre die heutige Schule kein gekünstelter Ziergarten mit kümmerlichem Spalierobst, mit langen, langweiligen Reihen von Orangenbäumen in Holzkübeln, Pflanzen, die reife Früchte nicht bringen können, dann hätten wir jetzt ein Stück echten, schönen deutschen Waldes mit hundertjährigen derben Eichen, Buchen, Kiefern, Fichten, Tannen, Erlen, Eschen -- die deutsche Natur ist ja so reich an jeglichem Gewächs. Dann sähe es anders aus in den deutschen Landen!
Aber man war schon vor hundert Jahren lieber +besonnen+ und +maßvoll+ und ließ die leidenschaftlichen Schreier sich ausschreien. Schließlich wird ja wohl jeder matt, müde und still.
Ist aber nicht alles Große auf Erde mit +Leidenschaft+ erstritten worden? Waren Luther, Lessing, Schiller, Freiherr von Stein, Arndt maßvoll?
Euren Ohren tut mein »Gepolter« wehe?
Ich schlafe ein bei eurem matten Gerede.
Muß ich sprechen und schreiben wies euch gefällt? Hat nicht eben eure Mattherzigkeit die Schulen heruntergebracht? Klagt man nicht tausendfach in Deutschland, wie ihr jede lebendige Empfindung, jedes wahre, schlichte Gefühl, jedes Aufjauchzen, jede Sehnsucht, jedes Hoffen und Träumen des Herzens, wie ihr das ganze Leben der Jugend eingefangen in eure klirren Verstandesregeln eingefangen, eingeengt und eingesargt habt?
Klagen nicht deutsche Greise noch, daß ihr ihnen die Jugend geraubt? Nein? Nun, so lest +L. Passage+ »Ein ostpreußisches Jugendleben«,[11] wo ein 81 jähriger Geheimer Justizrat sein Herz ausschüttet und »unter dem Beifalle einer großen Zahl von Männern, zumal Lehrern« diese seine schwere Anklage gegen das deutsche Gymnasium erhebt.
Jetzt kommt man +mir+ mit der vermeintlich vernichtenden Anklage, daß ich, nervös überreizt, das rechte Augenmaß für die Dinge verloren hätte. So druckt die »+Staatsbürger Zeitung+«, die solange sie unter Dr. +Wachlers+ Leitung stand, ein ernstes, der Wahrheit dienendes Organ war, jetzt aber in +Stöcker+sche Geistesregionen hinabgezogen, den Kampf für den rechten Glauben und eine rechte Verlogenheit rüstig wieder aufgenommen hat. Sie glaubt mich dadurch zu vernichten, daß sie mich, ebenso wie es der gleich fromme »+Reichsbote+« tat, ihren gläubigen Lesern und einer über Deutschlands Wohl wachenden Behörde als einen Roten, einen Sinnesgenossen von Mehring vorstellt.
Wer nämlich nicht mit den bestehenden staatlichen Einrichtungen einverstanden ist, nicht unduldsam, engherzig, kurzsichtig und verlogen, wie jene Muckerblätter selbst, der ist ein Reichsfeind, ein Umstürzler, ein Kulturschädling. Schade, daß die Scheiterhaufen abgeschafft sind. Es sind dadurch diese treuen Diener Christi um die schönsten Lebensfreuden gekommen.
Wenn sich meine Nerven im Dienste für die deutsche Jugenderziehung abgenutzt haben, so sehe ich darin keinen entwürdigenden Vorwurf. Es urteilen aber gerade so hart wie ich über unsere staatlichen Zustände, zumal über unsere Schulen, junge, gesunde, blühende Männer von ungeschwächter Nervenkraft. Ich werde gleich ein Pröbchen davon geben. Wenn Hüter altbewährter Schulweisheit mir sagen, daß meine geistige Kraft erschöpft, und ich nicht mehr im Stande sei, neue Gedanken zu finden, so antworte ich ihnen: Neue Gedanken habe ich bei euch noch niemals gefunden; ihr kaut nun schon seit hundert Jahren denselben Brei, und daß meine Kraft noch nicht ganz erloschen ist, das sollt ihr, wenn ich am Leben bleibe, an euren sog. Idealen und am eigenen Behagen noch schmerzlich empfinden lernen.
Noch fühle ich Kraft in mir, vor allem die Kraft, Unwürdiges von mir abzuschütteln und mir mein Leben nach meinen inneren Gesetzen zu bauen. -- Und nun jenes versprochene Stimmungsbildchen eines jungen, kerngesunden deutschen Mannes, der nicht Lehrer, nicht Vater, also persönlich zunächst nicht interessiert ist. Wie er urteilen viele Tausende deutscher Männer und Frauen mit und ohne Nerven.
Man lese also den Artikel von +H. Ilgenstein+ über »Mißhandelte Volkserzieher«, um zu erfahren, wie man in aufgeklärten Kreisen über die Geistesfesselung der Lehrer und Kinder denkt (»Blaubuch« 1906 Nr. 26):
-- -- »So sind gerade unsere Schulen wahre Brutanstalten für Heuchelei und Verlogenheit. Doch wir wollen nicht mehr. Die Unsittlichkeit eines freien Männern gegen ihre Überzeugung aufgezwungenen Religionsunterrichts stinkt zum Himmel. Wer diese Einrichtungen in Schutz nimmt, liefert seine Kinder Männern aus, die es für ersprießlich halten, von ihren Untergebenen unsaubere Handlungen an Reinen und Schuldlosen zu fordern.
Die Brüder im Herrn sagen natürlich: »Wenn der Lehrer nicht unsern Glauben hat, so mag er gehen, wo der Pfeffer wächst; wir halten ihn nicht. Das Vaterland ist weit, und derer, die an der Staatskrippe sichere Futterstellen suchen und dafür gern ihr bißchen Überzeugung drangeben, gibt es in Deutschland weiß Gott genug. Brauchen wir Männer oder brauchen wir Beamte? Gott. Religion. Was für ein Unsinn, wenn es sich um die Erziehung von Untertanen handelt. Ihr erklärt es für unsittlich, mit der Gottessehnsucht werdender Menschen Schacher zu treiben? Habt euch nicht! Wer sagt euch, daß wir Menschen brauchen? Wir brauchen Knechte, Soldaten, Assessoren, Oberlehrer, Schulräte. Wir brauchen Wesen, die befehlen und Wesen, die Ordre parieren. Alles andere ist vom Übel. Was wollt ihr? Lehrer, die sich nicht als Untertanen fühlen, können doch keine Untertanen erziehen. Müssen wir, die Schulräte und Ministerialdirektoren, nicht auch den Pfaffen gehorchen, die im Parlament jede neue Kanone streichen würden, wenn wir euch nicht zwängen, bei den Werdenden immer wieder Reklame für sie zu machen? Geben wir euch deshalb Hungerlöhne, daß ihr euch wie die Reichen gebärdet, die es nicht nötig haben zu dienen? Was Gott ist, das ist in den amtlichen Vorschriften klipp und klar für ewig festgelegt. Wozu der Lärm? Wir verlangen nicht, daß ihr glaubt. Ihr sollt nur andere glauben lehren. Im übrigen seht die Armee: wie herrlich klappt es da mit unserm Gott: »Helm ab zum Gebet! ... Fertig!« ... Wer nicht fertig ist, wird ins Loch gesteckt.
Viele -- sehr viele schon heutzutage -- ziehen es natürlich unter diesen Umständen vor, ins Privatlehrerelend zu gehen oder, wenn es nicht zu spät ist, sich nach einem anständigen Berufe umzusehen, wo sie wenigstens vor sich selbst ehrliche Kerle bleiben können. Die meisten aber fügen sich leider noch immer dem auf sie als Beamte ausgeübten Zwange. Aber wer könnte ihnen daraus einen Vorwurf machen? Was soll ein Philologe oder gar ein Elementarlehrer anfangen, wenn er von Ekel erfaßt seinem unerfreulichen Berufe Valet sagt? Es kommt hinzu, daß es draußen im praktischen Beruf jenseits aller Behörden durchaus nicht als Empfehlung gilt, ein »gewesener Lehrer« zu sein. Man verbindet eben durch die eigenen Beobachtungen, die man als Kind gemacht hat, mit dem Lehrer unwillkürlich den Begriff persönlicher Unfreiheit, Unselbständigkeit und nicht selten -- von der famosen Religionstunde her -- den der Heuchelei. So muß der Volkserzieher in Voraussicht der Not, die seiner harrt, sich vor den Karren der triumphierenden Pfaffen spannen. Er mag mit den Zähnen knirschen. Er muß. Er wird geknebelt. Die Pension ist der Köder, die den sonst Berufslosen gefügig macht. So wird er, der uns den Menschen der Zukunft schuldet, zu einem der gefährlichsten Bazillenträger der Reaktion. Von niemanden beneidet, von keinen geliebt, von den Schülern gehaßt und betrogen, wie er die Schüler betrügt, von der Gesellschaft als notwendiges Übel empfunden, so übt er mit Ekel einen Beruf aus, der ihm als freiem Manne ein Stolz und ein Gottesdienst wäre.«
»Übertreibung!« wird man ausrufen.
»Maßlose Übertreibung!« Mag sein. Doch es kommt hier auf die Stimmung an und +die+ ist =echt=!
XI.
Der Beamte als Erzieher zur Mannhaftigkeit.
Bei der herrschenden Anbetung des Staates gilt unserem Volke der berufsmäßige Diener des Staates als unentbehrlichste und würdigste Person. Auch der Ehrgeiz des »kleinen« Mannes geht dahin, Beamter zu werden. Es ist das »sichere« Brot, hat auch eine mit dem Amte verbundene sichere Einschätzung und Würde. Der Deutsche trägt seine Beamtenuniform gern. Es kommt ihm nie zum Bewußtsein, daß es eine Tracht der Unfreien sei. Dem Staate dienen gilt ihm als höchste und damit als ehrende Pflicht. Deshalb werden in Deutschland jetzt diejenigen Tugenden am höchsten geschätzt, die ein tüchtiger Beamter braucht. Gehorsam, Pflichttreue, Pünktlichkeit, Amtsverschwiegenheit, Bescheidenheit, Zurückhaltung im politischen Leben, vorbildlich kirchlicher Lebenswandel, +Korrektheit+. Wie man sieht, eine Reihe trefflicher Tugenden, aber -- bei Licht besehen -- doch vorwiegend Tugenden von Unfreien, eben von Bediensteten.
Der Beamte hat ein Amt, aber keine Meinung. Er hat seine Pflicht zu tun, dafür wird er bezahlt und dienstlich befördert. Eigene Meinungen hat er am besten für sich zu behalten, höchstens darf er sie -- natürlich in angemessen bescheidenem Tone -- gegebenen Ortes zur Begutachtung unterbreiten. Man sieht es aber nicht gerne, daß er mit eigenem Kopfe denke. Am angenehmsten ist der Beamte, der seiner Behörde am wenigsten Mühe macht, nie widerspricht, mit seiner Person im verborgenen bleibt, Konflikte vermeidet, gefällige Berichte einreicht und dadurch der Behörde bestätigt, wie doch so weise sie alles eingerichtet hat. Die Staatsmaschine darf halt nicht knarren. Jedes Rädchen hat geräuschlos einzugreifen. Wer sich dazu nicht eignet, der kann gehen. Er ist ja nicht gerufen worden. Unentbehrlich ist keiner. Verstanden? +Maximilian Harden+, der die deutschen Beamten wohl genügend kennt, nennt sie Regierungskommis: boshaft, aber treffend.
Vom deutschen Beamten erwartet man, daß er sich im Dienste zuschanden arbeite. Der »pflichttreue« Beamte kann übrigens auch nie genug bekommen an Arbeit: er läßt sich geduldig, ja mit rührendem Dankesblick, immer neue Bürden aufpacken. »Überbürdet« sind sie, wenn man ihnen glauben darf, Mann für Mann. Der Staat, den ein Preußenkönig selbst einen »Racker« nannte, ist gegen seine Diener unsagbar anspruchsvoll. Er verlangt den ganzen Menschen. Dagegen hat schon Paul de Lagarde lebhaft protestiert. Erst kommt der Mensch, der Gatte, Vater, Freund, Bürger und dann erst der Beamte. Ich kann es nur als unsittlich bezeichnen, wenn jemand mit Haut und Haar in seinem Dienste aufgeht. Ich kenne Beamte, die nicht Zeit gefunden haben -- vor lauter Dienstpflichten -- sich zu verlieben, zu heiraten und fortzupflanzen. Das sind die Musterbeamten, die Wonne ihrer Vorgesetzten -- nur noch Maschinen, höchst »tüchtig und brauchbar«. Schade, daß mit ihrem Leben die Kette abreißt! Oder wollte Gott nicht, daß diese Menschengattung sich auf Erden ausbreite? Dafür winkt ihnen aber auch in der Ferne die Verdienstschnalle oder irgend ein bunter Adler. Der bekannte Schulmann und pädagogische Schriftsteller Geheimrat +Wilhelm Münch+ erzählt einmal, -- ich zitiere aus dem Gedächtnis! -- er habe an einem Handwagen einen Ziehhund mit so wunderlich scheuen Augen beobachtet. Woher, fragte er sich, kenne ich nur diesen Blick? Ach richtig! Es ist der Blick unserer Kanzlisten. Also »hündisch«? Κυνὸς ὅμματ' ἔχων κραδίην ἐλὰφοιο (»Mit dem Blicke eines Hundes und dem Herzen eines Hirsches«) würde Homer sagen.
Ein hoher Ministerialbeamter klagte einmal vor Freunden, daß ihm ein Schuldirektor in unterwürfiger Haltung für die »Gnade« gedankt habe, ihn »zur Audienz« zu empfangen. »Ich war froh,« schloß er seinen Bericht, »wie der widerlich kriechende Mensch wieder zur Tür hinaus war.« Aber, so frage ich, wer züchtet denn erst diese Demut? Ein Regierungsrat G. erzählte mir, er habe endlich in heftigem Tone es sich verbitten müssen -- da freundliche Vorstellungen nichts halfen --, daß der »akademisch« gebildete Unterstellte täglich wie ein Pikkolo durch den Museumssaal gelaufen sei, um ihm seinen Überrock aus- oder anzuziehen. »Herr Doktor,« sagte er ihm, »es schickt sich das für einen ›gebildeten‹ Mann nicht, der auf sich hält.«
Als ich vor einem Jahre etwa vor einer Versammlung von Volksschullehrern gegen den erschreckend überhandnehmenden Bureaukratismus mit all seinen Schädigungen sprach, dabei auch der unwürdigen Behandlung erwähnte, die sich der deutsche Lehrer von seinem Vorgesetzten bieten lasse, trat ein Rektor auf und sagte unter vielfachem Beifall: »Jedes Kollegium hat den Direktor, den es verdient. Ich möchte meine Herren als meinesgleichen behandeln, aber sie dulden es nicht. ›Herr Rektor vorn und Herr Rektor hinten‹, besonders eifrig sind dabei die Damen im Lehrerkollegium, die möchten am liebsten für jedes Löschblatt, das sie brauchen, erst den direktoralen Segen haben.«
Reichsgerichtspräsident +von Oehlschläger+ erzählte mir: »Ich hatte einen jungen Lehrer zum Freund; er hatte meinen Sohn unterrichtet. Als er nach Jahren wiederkam, hatte er seinen ›Doktor‹ gemacht und fragte mich, ob er seine Dissertation seinem früheren Schulrat überreichen solle. ›Gewiß, eine solche Aufmerksamkeit wird man Ihnen danken, zumal Sie nicht mehr im Machtgebiete dieses Herrn wirken.‹ In Frack und weißer Binde trat der Herr zur Zeit der Sprechstunde bei dem Schulrat ein. ›Was wollen Sie?‹ donnerte es dem scheu Eintretenden entgegen. ›Nichts‹ war die Antwort und schleuniger Rückzug. Wir haben wohl auch dann und wann einen groben Juristen, aber so etwas halte ich bei uns doch für ausgeschlossen. So muß sich in Preußen nur der höhere Lehrer behandeln lassen.«