Erziehung zur Mannhaftigkeit

Part 14

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In der wissenschaftlichen Verarbeitung und im Ausbau der neuen Ideen erwies sich Deutschland stets als unübertrefflich -- da kam uns deutscher Fleiß, Gründlichkeit und Ehrlichkeit zustatten --, aber es mußten uns, wie gewissenhaften Schülern von fremden Lehrmeistern, die großen Probleme erst gestellt werden, ehe wir sie verarbeiten konnten.

Ich bestreite auch, daß heute in unseren höheren Schulen freie Forschung zu Hause sei. Den Schülern werden die mittelalterlichen Glaubensdogmen eingetrichtert, und sie dürfen dabei nicht muxen. Man weicht den großen Lebensfragen, denen schon jedes Kind von gesundem Sinne nachforscht und die das Tagesgespräch am Familientische bilden, in den Schulen mit geflissentlicher Sorgfalt aus. Ich kann mit Beispielen dienen. Als ein Gymnasialoberlehrer ohne jeden bösen Hintergedanken in reinster Herzensunschuld seine Tertianer über den »Unterschied zwischen der jüdischen und ovidischen Schöpfungssage« einen Aufsatz hatte schreiben lassen, kam sein Direktor, ein orthodoxer Protestant, in die Klasse und sagte offen zu den Schülern: »Ihr alle habt einen großen Irrtum begangen. Ovids Darstellung ist Sage, was aber die Bibel über die Schöpfung berichtet, das ist göttliche Offenbarung, nicht Sage.« So ist natürlich auch die sprechende Schlange nicht, die aus der Rippe geschaffene Eva, der Stillstand der Sonne, die Ruhe der Erde, der sprechende Esel Bileams ist überhaupt nichts, was im alten Testamente erzählt wird, Sage oder menschliche Dichtung, sondern alles Gottes Wort, und was unsere Astronomie, Geologie, Biologie, Anthropologie, Religionskunde und all unsere Naturwissenschaften in den letzten 500 Jahren zutage gebracht haben, ist eitel Rauch und Wind. So will es der Gymnasialdirektor, der sich in Festreden über die Freiheit der Forschung ergeht und von irgendwelchem Gewissenszwang in Preußen noch nie etwas verspürt hat. Da ist der Papst ja nicht so päpstlich:

»Die Theologie braucht die neuen Tatsachen der Naturwissenschaften nicht zu fürchten. Sie hat vielmehr alle Ursache, sich in hellem Jubel zu freuen, je gigantischer die Naturforschung fortschreitet. Denn je vollkommener die Menschheit die Natur erkennen lernt, um so mehr wird der Kosmos seinen Zweck erfüllen, die Herrlichkeit dessen zu verkünden, der den Himmel und die Erde erschaffen hat,« sagt der katholische Theologie-Professor Dr. +Norbert Peters+ und wird dafür nicht gemaßregelt. Natürlich glaubt auch jener Herr Direktor nicht an seine Worte. Er meint nur dienstlich gebunden zu sein, die Jugend zu belügen. Da sei ihm dann zum Nachdenken ein Wort des Theologie-Professors +Otto Baumgarten+ empfohlen: »Alle anderen Ziele, auch das der Religiosität, müssen dem der +Wahrhaftigkeit+ nachstehen« oder noch ein anderes tiefes und wahres Wort, ebenfalls dessen herrlichem Schriftchen »Über Kindererziehung« (Tübingen, J. C. B. Mohr. 1905, 80 Pf.) entnommen:

»Immer neu muß man die Wirklichkeit auf sich und seine Urteilsbildung einwirken lassen, nicht korrigiert durch Wünsche, Gewöhnungen, Vorurteile, überkommene Heiligtümer. Das gilt besonders gegenüber Menschen, aber auch von Grundsätzen. ... Wer sich auf religiöse, sittliche, soziale, politische Grundsätze mit jener Unentwegtheit versteift, die sich als Gesinnungstüchtigkeit, Überzeugungstreue preist, während sie absichtliche Borniertheit und Unzulänglichkeit für neue Erfahrungen und Erlebnisse ist, dem fehlt die volle Wahrheitsliebe, der Wirklichkeitssinn ... Dazu gehört, daß man stets offen bleibt für neue Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen, daß man unabgeschlossen zu jeder Überzeugung hinzusetzt: ›bis auf bessere Belehrung‹, statt die neuen Eindrücke und Erfahrungen zu beugen und zu biegen in die durch die Vorurteile vorgezeichnete Linie.«

Der Lehrer, der sich vor seinen Schülern jene direktorale Belehrung gefallen lassen mußte, schwieg dazu und tat wohl recht daran, denn ein Widerspruch hätte ihn schlecht bekommen können.

Ob es in ganz Deutschland wohl ein Lehrer wagen darf, vor der Klasse an der Gottheit Christi zu zweifeln? Dabei weiß jedermann, daß unsere liberale Theologie selbst von der Kanzel herab ihre neue Überzeugung von dem Menschentum Christi predigt. In der Schule muß festgehalten werden an dem Nicäischen Glaubensbekenntnis, das für die katholischen und evangelischen Kirchen bis heute gleich verpflichtend ist. Danach ist Christus »aus dem Wesen des Vaters, Gott von Gott, Licht von Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott +gezeugt+, nicht geschaffen, mit dem Vater wesensgleich«. Dieser Zwang liegt nicht allein auf der Volksschule. Ich frage aber, deckt sich das mit dem Glaubensbewußtsein der deutschen Eltern?

Was würde wohl einem Primaner geschehen, der in seinem Abiturientenaufsatze als seine ehrliche Überzeugung niederschriebe, daß er an Engel nicht glaube, nicht an den Teufel, an eine »Jungfrau« Maria, nicht an einen heiligen Geist, an eine unbefleckte Empfängnis, an eine leibliche Auferstehung, an eine Wiederkehr Christi, an ein Fortleben nach dem Tode? Wagt unter den hunderttausenden deutscher Abiturienten auch nur einer eine solche »Ketzerei«? Man höre dann aber die Studenten, wie geringschätzig sie über »Glaubensbekenntnisse« sprechen, die sie als Schüler nachplappern lernten.

Selbständigkeit des Denkens lehren unsere Schulen nicht. Sie sollen und wollen es gar nicht. Ich selbst habe mit angehört, wie in der Eröffnungsrede einer Oberrealschule ein Vertreter der preußischen Regierung mit einer vor Erregung vibrierenden Stimme und in dem Tone strengster Vermahnung an die Lehrer seine Rede abschließend sagte: »Und vor allem, meine verehrten Herren Kollegen, bewahren Sie die Seelen Ihrer Schüler vor dem +Zweifel+!« Also nicht zweifeln, nicht selbständig forschen lernen sollen die Knaben, sondern gehorsam -- +glauben+: das war der Grundsatz, der Fels, auf dem auch die moderne Oberrealschule in Preußen auferbaut wurde. Ist wissenschaftliche Selbständigkeit des Denkens mit diesem Gebote vereinbar?

Und nun gar -- volle Freiheit zu selbständigem Handeln? Daß ich nicht lache! Fragt einmal unsere Schüler, +wie+ sie im Denken und Handeln gebunden sind! Für die Universität freilich, die Paulsen wohl im Sinne hatte, gilt sein Wort: in Beziehung auf unsere Schulen, die Zwangsschulen im schlimmsten Sinne sind, wirken sie wie Spott. Ich komme darauf später wieder zurück. Hier sollte nur ganz allgemein gesagt sein, daß der »Gebildete« in Deutschland weit davon entfernt sein kann, ein im Denken und Handeln selbständiger Mensch zu sein. Man findet z. B. bei den akademisch Gebildeten die nur aus gedankenlosem Nachschwatzen verständliche einmütige Bewunderung der »humanistischen Bildung« und damit einen wahren Rattenkönig von ererbten Schulphrasen: Humanität, formale Bildung, sittliche Größe des Altertums, Einfachheit der antiken Lebensanschauungen und Lebensformen -- lauter leere Worte!

Ich kenne keine Zeit der Geschichte, in der die Menschen stärker in oberflächlichen und mechanisch übernommenen Urteilen gesündigt hätten. Die Menge der Eindrücke nötigt zur Hast. Jeder Mensch bekommt seine Marke aufgeklebt, mit der man ihn für alle Zeiten abstempelt. Ein falsches Urteil zu korrigieren, erscheint fast schon unmöglich. Voreingenommenheit, nationale, kirchliche, soziale Beschränktkeit, Parteifanatismus, Mangel an Arbeitskraft und an Selbstkritik, Denkfaulheit und Unwissenheit, all diese Schwächen sind am Werke, ein gerechtes Urteil zu hemmen. +Friedrich Hebbel+, der mit gelehrtem Stumpfsinn sein Lebtag zu kämpfen hatte, sprach das Wort: Es wäre, als ob die Leute statt des Gehirnes eine geballte Faust im Schädel hätten. Früher lasen die Menschen wenig, aber lasen gründlich, früher lernten sie in der Schule weniger, aber sie lernten ihre eigenen Sinne gebrauchen. Unsere Schüler lernen jetzt viele Tausende kritischer Urteile nachsprechen, ohne einen Versuch der Selbstprüfung. Man denke nur an Lessings »dramaturgische Gesetzgebung«, die den Primanern ebenso wie dessen Laokoon eine ganze Menge von Kunstwerken, zumal französischen, als wertlos ein für allemal verleiden, ehe sie diese nur zu sehen bekommen. Wo findet man heute noch selbständiges Urteil der Schüler?!

Für Cicero erwärmt sich pflichtmäßig der Gymnasiallehrer, Voltaire aber weist er ab unter Berufung auf Goethe, der ihm »Tiefe« absprach, und unter Berufung auf Schillers Ausführung, »Voltaire habe als Dichter kein Herz abgedruckt«. Dabei merkt man nicht, daß kaum zwei bedeutendere Männer sich so ähnlich waren wie Cicero und Voltaire, nur daß der Franzose den Römer unendlich und in jeder Beziehung überragt.

Die Phraseologie der altklassischen Humanisten hat vollständig abgewirtschaftet. Man höre nur, was für einen leeren Wortschwall Männer zur Verteidigung ihres alten »Idealismus« aufbieten! So nennt man nämlich den mit altem Bücherstaub gefütterten Dünkel der »humanistisch Gebildeten«.

Herr Prof. +M. Schneidewin+ rettete diesen Idealismus im »Tag« Nr. 463 mit folgender Stilblüte: Es ist eine »Erfahrung, daß die Wucht der Vielseitigkeit des modernen Lebens und seiner tiefwühlenden und hochtönenden Weise des Denkens und Redens kaum erträglich sein würde, wenn der befreiende Durchblick auf die altklassische Einfachheit nicht immer wieder das Verständnis des Verwickelten und Ungeheuren durch Vergegenwärtigung der elementaren Lebenszwecke, die dem allen doch zugrunde liegen, erleichterte«. In diesem Tone geht es natürlich noch weiter. Man lese dazu die vernichtende Kritik, deren Dr. +Albert Gruhn+ dieses »hochtönende« und dabei seichte Geschwätz noch für würdig hält! (»Blätter für deutsche Erziehung« 1906 Heft 7.)

Solange es sich nur um Kenntnis des Altertums handelt, ist jede Mühe und jeder Aufwand berechtigt. Da mache ich selbst mit Freuden und Eifer mit. Sobald man mir aber mit dem hohen sittlich-erziehlichen Wert des Altertums für unsere Schuljugend kommt protestiere ich laut. Das ist nicht echte Überzeugung, sondern traditionelle Phrase. Ja, die Päpste, die den Horaz, Plautus, Terenz in der einen Stunde lasen, in der anderen mit gleichem Behagen Boccaccio Dekamerone, die sich im Vatikan schöne griechische Venusbilder aufstellten, denen war es ernst mit der antiken Schwärmerei. Ebenso war es unserem Goethe und Schiller noch ernst damit, jenem als er sang:

»Also, das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert, Daß Martial sich zu mir auch, der Verwegene gesellt? ...«

diesem, als er sich nach den Zeiten zurücksehnte:

»Da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia.«

Aber dem Gymnasialdirektor, der im Pastorenrocke umgeht, der für innere Mission, für den Kampf gegen den Schmutz in Bild und Wort eintritt, den »es stets tief geschmerzt hat, daß sich Goethe so weit vergessen konnte, die Römischen Elegien zu dichten«, der nichts gelten lassen will, was nicht »sittlich« ist, sittlich nämlich in dem Pastorensinne gleichbedeutend mit keusch, der deshalb einen Rousseau, Voltaire, Hebbel, Ibsen u. a. als unsittlich abweist und ihnen Kulturwert abspricht, dieser Herr +kann+ die Antike nicht +ehrlich+ bewundern: denn sein Horaz, sein Ovid, selbst sein Homer, sie alle sind ja in seinem Sinne unsittlich und werden dadurch nicht besser, daß er seinen Schülern die verfänglichen Stellen unterschlägt und ihnen den Horaz zu einer Art heidnischen Kirchenheiligen macht.

Einen solchen Schwindel durchschaut sofort jeder noch nicht ganz um seinen Verstand gebrachte Primaner. Jedenfalls nehme ich das zu seinen Ehren an. Wer Horaz mit Traktätchenfrömmigkeit liest und das Gedicht an Lalage, um daran den tiefen sittlichen Stand des jungen römischen Kaiserreiches anschaulich zu machen, für den hat Horaz nicht gelebt. Der würde sich eine solche geistige Mißhandlung ebenso energisch verbeten haben, als wenn sich jemand daran gemacht hätte, auch an seinem +Leibe+ eine solche Entmannung vorzunehmen.

Alle Sittlichkeitsbestrebungen in Ehren! Ich mache sie zum Schutze der unmündigen Jugend selbst mit, aber dann auch reinliche Überzeugungen! Dann weg aus der Schule mit der Verhimmelung antiker Sittengröße! »Zwei Zungen stehen schlecht in +einem+ Munde.« (Walther.) Es ist mir unmöglich geworden, Schriften, die im Geiste unserer alten Gymnasien geschrieben sind, überhaupt noch zu lesen: Ein ewiges Wiederkauen der Gedanken, die nun vor hundert Jahren die Begründer des Neuhumanismus -- damals mit ehrlicher Begeisterung -- vortrugen. Wie auf Regimentsbefehl lieben diese Freunde des Gymnasiums alle mit gleicher Inbrunst und gleichem Verständnisse den Homer wie den Plato, Sophocles, Cicero und Horaz. Wenn Hunderte von Köpfen so uniform auf die Eindrücke reagieren, so müssen von ihnen 90% gedankenlose Nachbeter sein. Zumal wenn die Herren in ihrer Begeisterung gerade auch in die Geleise der vorgesetzten Behörde geraten, dann regt sich bei mir die Befürchtung, daß mehr Suggestion als eigenes Urteil sie leite. Voltaire, der von Poesie mehr verstand, als ich und die Mehrzahl meiner Herren Kollegen, stellte Tasso und Ariost über Homer, Pindar existierte für ihn nicht, von dem lateinischen Altertum ließ er nur Horaz und Vergil gelten. Schiller schrieb an Körner (1794): »Pindar hat mir nie behagen wollen,« und Körner teilte diese Empfindung (vgl. Popper a. a. O.). Der Franzose +Beyle+, ein selbständiger Kopf, schreibt: »Viele unter meinen französischen Zeitgenossen bilden sich ein, die Werke Homers und Racines, die Achilles und Agamemnon (die mich zum Gähnen reizen) zu lieben; sie glauben sich selbst zu ehren, indem sie die Alten bewundern. Was mich betrifft, so verliere ich nach und nach alle Vorurteile, die auf der Eitelkeit der Jünglingszeit beruhen. Ich liebe alles, was das Menschenherz schildert; aber das Menschenherz, das ich kenne -- --.« Unsere Freunde des Gymnasiums denken mir zu uniform. Ihr Zusammenschluß macht mir gar keinen Eindruck. Diese Männer kämpfen für ihre Position nicht minder als für ihre Überzeugungen. Sie machen auch auf das Publikum keinen Eindruck. »Natürlich!« sagt man sich, »Fuhrherren treten auf gegen Einführung der Eisenbahnen, Bierbrauer eifern gegen Erhöhung der Biersteuer, Gastwirte gegen Verschärfung der Polizeistunde, Gymnasialdirektoren und ihr Anhang wirken für Erhaltung des Gymnasiums.« Diese Herren haben vielfach keine eigene, selbsterworbene Überzeugung, ja, was viel ärger ist, sie wollen sie nicht einmal andern Menschen zugestehen. Sie stellen an Andersdenkende das Ansinnen, zu schweigen oder sich ihnen unterzuordnen; sie meinen, wer ihre sog. Ideale nicht teile, dürfe an einem Gymnasium nicht unterrichten. Da gestatte ich mir doch die ernste Frage: »Glauben denn all diese unduldsamen Herren an das in ihren Schulen gelehrte Christentum? Machen sie nicht alle die Andachten feierlich mit, über die sie in den Pausen witzeln?« -- Ich bitte um Antwort.

Ich will Zeugnisse gegen das humanistische Gymnasium aus der Blütezeit anführen. +Häckel+ sagt: »Wahre Bildung besteht nicht in totem Wissen und leerem Gedächtniskram, sondern in lebendiger Entwicklung des Gemütes und der Arbeitskraft. Darum aber fehlt so oft den Studierenden und zumal den Hochgelehrten, was man mit Recht den gesunden Menschenverstand nennt. Sie stehen dem Leben meist ratlos gegenüber und befänden sich etwa in der Lage eines Soldaten, der, von einem Feinde angegriffen, erst in seinem Exerzierreglement nachschaut, was er zu tun habe. Fast alle bedeutenden tatkräftigen Männer haben ein beschränktes Wissen gehabt. Die Wissensdressur schwächt ebenso den Geist wie den Willen und macht aus dem Schüler in den meisten Fällen einen guten Räsonneur nach Art Hamlets und sehr oft einen boshaften Jago.« Ein anderer Greis, Geh. Justizrat L. +Passage+, zitiert diese Worte mit Zustimmung und sagt dazu: »Das damalige Gymnasium (um 1840) mit seiner pedantischen Härte, ein wahres Fegefeuer der Jugend, doch ohne dessen reinigende Kraft; eine wohlorganisierte Anstalt, in der so viele Jungen körperlich und oft auch geistig ruiniert wurden. Denn man belastet nicht ungestraft sein Gedächtnis mit totem Wissen; es nimmt dem Geiste alle ursprüngliche Kraft und entfernt das ganze Leben und Denken von der Natur.«

Nichts seltener bei unseren »Gebildeten« als selbständiges Denken. Selbst unsere Studenten laufen einfach im Trott mit.

Jetzt endlich, wohl zum Teil durch Anregungen von außen her, regt sich bei ihnen der Wille, ihr Leben gleichsam selbst in die Hand zu nehmen. Zu meiner Studentenzeit war man einfach der Sklave alter Sitten und Anschauungen; wer sich dem Sauf- und Raufzwang nicht fügen wollte, war vor Insulten nicht sicher.

Wir machten natürlich mit, heulten mit den Wölfen, obschon wir uns sagen mußten, daß diese »Bildung«, die sich mit wüstem Saufkomment verträgt, keine wahre Menschenhöhe bedeutete. Wie der Simplizissimus lehrt, ist sie dem niederen Volke nicht weniger als den wirklich »erzogenen« Menschen schon zum Gespött. Diese ›Bildung‹, die für viele schon mit dem Einjährigenzeugnis abschließt, schafft uns heute schwerlich noch den vorbildlichen Manneswert. -- Der deutsche Universitätsprofessor ist verwöhnt: er sieht sich gern als die Blüte Deutschlands gefeiert. Er nimmt auch bis an unsere Zeit heran in Romanen und auf der Bühne eine Ausnahmestellung ein. Der Fachmann aber kann nie allgemeingültiges Vorbild werden. In den letzten Jahrzehnten haben auch der Künstler und der Industrielle dem Gelehrten empfindlich Konkurrenz gemacht: das Bildungsideal hat sich gewandelt. Man scheint bei ihm gerade die rechten Mannestugenden zu vermissen. Wer in das Kleinleben der Universitäten und in den Kleinkrieg der akademischen Literatur tiefere Einblicke getan hat, dem schwindet auch manches von dem Nimbus, mit dem sich die Vertreter der freien Forschung zu bekleiden wußten. Auch da wird mit Wasser gekocht. Auch da oft geschwiegen, wo es Mannespflicht wäre, den Mund weit aufzutun. Wir haben auch unter den Akademikern schon zu viele gesehen, die sich in entscheidenden Fragen laudabiliter unterworfen haben.

Der Gelehrte ist eben bei uns zugleich in erster Linie +Beamter+. Damit kommen wir auf einen Typus, der heute in Deutschland herrschend und tonangebend ist.

Gewiß, der Gelehrte hatte und hat in Deutschland nach wie vor einen mächtigen Einfluß. Solange unsere Lehrer ihren Stolz darin suchen, Gelehrte zu sein, nehmen sie an dieser Stellung ehrenden Anteil. Aber unser Lehrerstand ist noch jung. Er hat noch seine Not, sich selbständig neben dem der Offiziere und Juristen zu behaupten, hat keine alten gefestigten Formen und Anschauungen, die ihn im öffentlichen Urteil schützen, hat kein äußeres Ansehen, keine äußere Macht als Erbe empfangen: fast muß ein jeder Lehrer in der Öffentlichkeit sich seine geachtete Stellung erst selbst erkämpfen, die man dem jungen Leutnant oder Juristen als selbstverständlich einräumt. Deshalb jetzt der Zusammenschluß der Lehrer. Sie wollen durch Massenwirkung, durch eine Vertretung ihrer Standesinteressen den Wert jedes einzelnen heben, deshalb vor allem auch ihr Streben nach +Beamtenqualität+. Ob das ein richtiger Weg ist? Je mehr die Standes-Kasten- und Herdentriebe gepflegt werden, um so leichter versinkt der einzelne in der großen Masse, um so weniger wird er Lust und Beruf in sich verspüren, seine +Eigenart+ zum Durchbruch zu bringen. Parteiwesen, Kasten-, Cliquen-, Trustwirtschaft -- all diese Zusammenschlüsse sind die Pflege des Besten, der Persönlichkeit, feindlich. Dem Lehrerberufe, in dem +nur+ der Mann in seiner Eigenart Großes vermag, ist diese Entwicklung und Pflege des Standesbewußtseins zunächst wohl nötig, auf die Dauer aber gewiß von Schaden. Alle großen Lehrer waren Eigenbrodler. Geist läßt sich nicht uniformieren oder zu gleichen Rationen auf Tausende verteilen. Auch hier gilt das stolze Wort: »Selbst ist der Mann!«

Man wird auch beobachten, daß die zur Vertretung ihrer Standesinteressen vereinigten Berufsarten den einzelnen Mann, der eigene Gedanken und Ziele verfolgt, nicht schützen, sondern lieber als Sonderling fallen lassen oder gar verfolgen. Wo Majoritätsbeschlüsse entscheiden, da gedeihen keine selbständigen Köpfe, noch weniger aber da, wo Gesinnungen und Leistungen amtlich vorgeschrieben werden.

An Stelle der gelehrten Bildung müssen wir in der Erziehung die +Mannhaftigkeit+ als Ziel setzen.

X.

Fragen ans Gewissen.

»Sagen Sie, Herr +Professor Gurlitt+, Sie sind doch selbst klassischer Philologe: Können Sie es mit Ihrem Gewissen verantworten, daß Sie in dieser Weise gegen die Schule eifern, der Sie Ihre eigene Ausbildung verdanken, an der Sie selbst mehr als 20 Jahre gewirkt haben? Können Sie das?«

»Ja -- kann ich!«

»Wissen Sie denn, daß Herr Geheimer Regierungsrat Dr. +Matthias+, Vortragender Rat im Ministerium, den Sie doch selbst so sehr schätzen, wissen Sie, daß der Ihr Treiben verurteilt?«

»So? Tut mir leid. Mir hat er nichts derart gesagt. Im Gegenteil. Er hat mir zu dem Erfolge meiner ersten Broschüre Glück gewünscht und sie in seiner Monatsschrift warm besprechen lassen.«

»Wissen Sie nicht, daß er von ›literarischen Sturmvögeln‹ schrieb, die sich nicht scheuten ins eigene Nest zu hofieren?«

»Ja, das habe ich einmal gelesen, aber nicht auf mich bezogen.«

»Aber es geht auf Sie. Man ist ermächtigt worden, Ihnen das zu sagen.«

»Man? -- wer ist das? Wer ist dieser Mann, der zu solchem Botendienste sich hergeben könnte? -- Zudem -- nein! unmöglich! So spricht kein hochgestellter preußischer Beamter zu einem ohnmächtigen Unterstellten! Der hat andere Mittel, ihm seinen Willen und sein Urteil kund zu tun. Wird wieder gelogen sein, wie so vieles heute.«

»Ja, aber wie wollten Sie sich gegen dieses Urteil, falls es wirklich auf Sie gemünzt wäre, rechtfertigen?«

»Höchst einfach! +Erstens+ ist das Gymnasium nicht mein Nest -- nie gewesen. Sie könnten mit gleichem Rechte einem Gefangenen sagen, er solle sein Nest, nämlich das Gefängnis, ehren. Ich +mußte+ in das Gymnasium gehen, weil mich meine Eltern dort hinschickten und weil ich sonst in Deutschland nichts hätte erreichen können. Es hat aber niemals ein Mensch danach gefragt, ob ich in diesem angeblichen Neste mich irgend wohl und warm gebettet fühlte. Mein +Nest+? Sonderbar! Mein Nest ist mein Elternhaus, -- auf das lasse ich nichts kommen. Mein Nest ist mein Vaterland, dem ich in Treue diene.

Als ich Lehrer wurde, dachte ich in meiner Einfalt, man könnte da nach eigenen Überzeugungen leben und wirken, dachte nicht, daß in diesem Neste Gesetze herrschen, so streng und unausweichlich wie auf dem Kasernenhofe. Aber auch hier ist es in 25 Jahren niemals irgendeinem Menschen eingefallen, mich zu fragen, wie es mir denn in meinem sog. Neste gefalle. Ich würde ihm geantwortet haben: ›Sehr mäßig‹.

Ich bin dem Gymnasium entwachsen. Ist das so schwer zu verstehen? Muß ich heute noch Hoffnungen und Überzeugungen hegen, die vor 30 Jahren mein Tun bestimmten? Habe ich nicht über meine innere Entwicklung ehrlich Rechenschaft abgelegt? Bin ich denn auf irgendeine Schulgattung eingeschworen? Was für eine Philisterei, von mir zu verlangen, daß ich mein Lebtag überzeugter Gymnasiast sein und bleiben müsse! Hat sich nicht ringsum die ganze Welt gewandelt? Mich geht Deutschland und die deutsche Jugend an, die Schulgattungen aber als bloße Mittel zum Zwecke sind mir Nebensache.

+Zweitens+: Von Beschmutzen kann gar keine Rede sein. Wohl aber erlaubte ich mir, darauf aufmerksam zu machen, daß in dem schönen Nest viel alter Unrat liegt, und daß es hohe Zeit wird, den alten Schmutz hinauszuschaffen, sonst könnte man mit dem ›Simplizissimus‹ sagen und singen:

›Zum Teufel, wenn nur der Haustürknopf vorne blinkt, Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt?!‹« --

»Aber, lieber Gurlitt, immer wieder dieselben maßlosen Übertreibungen! Ich hatte gedacht. Sie hätten sich jetzt gründlich erholt und Ihre Nerven beruhigt!«

»Danke, ja! Fühle mich wieder recht frisch und kampfeslustig. Ich übertreibe aber gar nicht.«

»Ja doch, schauderhaft übertreiben Sie, jedes Wort ist eine Maßlosigkeit.«