Erziehung zur Mannhaftigkeit

Part 13

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Über die hohe sittliche Mission der katholischen Kirche und ihre Erfüllung bekommt man seine eignen Gedanken, wenn man liest, daß in Italien kein Stand mehr Sträflinge liefert als der Geistliche. Im Laufe der letzten zwei Jahre kamen dort 176 Gesalbte hinter Schloß und Riegel: zwei Drittel davon wegen Sittlichkeitsverbrechen, ein Drittel wegen Totschlages, Diebstahls, Veruntreuung usw. (vgl. »Es werde Licht« XXXVII. Jahrgang, Heft 8, S. 256). Solchen Führern ist das sittliche und geistige Wohl des armen Volkes anvertraut! Nirgends, wo ihr Einfluß lebt, sehen wir ein geistiges Aufdämmern, einen neuen Hoffnungsstrahl. Mit ängstlicher Sorge werden da alle die Schranken aufrecht erhalten, in denen der Geist von jeher verkümmerte. Hören wir, wie ein Italiener, der seine Kirche zu retten trachtet, +Antonio Fogazzaro+, in seinem Roman »Der Heilige« (Deutsch von M. Gagliardi) diese schildert: »Die katholische Kirche«, schreibt er, »fürchtet das Licht der Vernunft, ist in jedem und allem ein Sklave der vergötterten und deshalb despotischen Autorität, ist streng und ablehnend gegen die Draußenstehenden, ist durch irdische Interessen gefesselt, veraltet in Geist und Sprache.«

Eine Erziehung, die nur darauf ausgeht, den Angaben einer Autorität ohne Prüfung Glauben zu schenken, hat keinen Beruf in sich, wahre »Männer« heranzubilden. Es gehört kein Mut dazu, für Lehren einzutreten, die mit tausend Klammern verankert sind, ihre Verfechter mit weltlichen Ehren und göttlichen Gnaden beglücken. Wohl aber würde für einen Katholiken Mut dazu gehören, als Reformator gegen veraltete Lehren und Irrlehren, selbst gegen den Willen des Papstes aufzutreten, wie es einst Luther tat. Daß der Kirche jetzt keine solche Kämpfer mehr erstehen wollen, daß sich die aufstrebenden selbständigen Köpfe doch immer wieder unter die unerbittlich strenge Zucht beugen und ducken, daß wir immer wieder von diesem und jenen hören, er habe sich laudabiliter unterworfen -- das gereicht der Kirche nicht zum Ruhme. Freilich -- die Organisation ist erstaunlich, bewundernswert, aber es ist eine Herrschaft durch Terrorismus.

Wie unfrei der gläubige Katholik ist, das ahnt er selbst nicht, ja er küßt noch die Ketten, die ihn binden. Es ergeht ihm, wie den Haremsfrauen, die einen Arzt beinahe gelyncht hätten, weil er ihnen eine menschenwürdige Freiheit erkämpfen wollte.

Jetzt blasen die Katholiken, die sich in jede politische Lage zu schicken wissen, aus Opportunitätsgründen in Deutschland die Friedensschalmei. »Wir wollen die soziale und konfessionelle Versöhnung. Ja, wir würden es als einen der größten Erfolge unserer Generalversammlungen betrachten, wenn wir ein Zusammengehen mit unseren protestantischen Brüdern, soweit sie auf dem Boden des positiven Christentums stehen, erreichen könnten.« Kein Wunder, daß ihnen bei uns zulande besonders wohl ist, da auf dem Boden unserer Luther, Goethe, Schiller und Bismarck jetzt -- Gott sei's geklagt! -- Zentrum +Trumpf ist+. An ihren Grundsätzen aber haben sie trotz dieser versöhnlichen Worte nie etwas geändert. Das Hoch auf den Papst wird natürlich stets vor dem auf den Kaiser ausgebracht, das Telegramm an den Kardinal ist viel wärmer und ehrfurchtsvoller als das an des Kaisers Majestät, in den Ostmarken fährt der Klerus fort, durch Kinder- und Weiberverhetzung jede Kulturarbeit des germanisierenden Staates zu vereiteln; in Bayern stimmte die katholische Partei gegen den nationalen Liberalismus im Bunde mit der Sozialdemokratie und auch sonst bleiben die leitenden Grundsätze sich stets gleich. Wenn in Essen auch geeifert wurde gegen die Sozialdemokratie, gegen den Absolutismus der Massen, der von Freiheit redet und die Freiheit gerade derjenigen beschränkt, die von der Freiheit den richtigsten Gebrauch machen würden. »Solange aber«, so wurden wir getröstet, »das katholische Volk sich im öffentlichen Leben betätigt und für eine richtige parlamentarische Vertretung sorgt, so lange braucht das deutsche Volk nichts zu befürchten für seinen Bestand und für seine wirtschaftliche Ordnung, so lange können die Regierungen unbesorgt sein, weil dann die sozialdemokratischen Bäume nicht in den Himmel wachsen.« Fistula dulce canit -- --! Trotzdem bleibt es dabei: Erst die Kirche, dann das Vaterland! -- »Mögen die Katholiken stets eingedenk sein, daß zur Erteilung und Beaufsichtigung des Religionsunterrichts nur die Kirche befähigt ist!« -- »Es galt, die Konfessionsschulen gesetzlich festzulegen, deshalb haben wir schließlich dem Gesetz, als es vom Herrenhaus zurückkam, zugestimmt.« -- »Die deutschen Katholiken müssen mit den Katholiken der ganzen Welt nach wie vor den Anspruch aufrecht erhalten, daß ihr höchstes kirchliches Oberhaupt, der Papst, eine volle und wirkliche Unabhängigkeit und Freiheit genieße, welche die unerläßliche Vorbedingung für die Freiheit und Unabhängigkeit der katholischen Kirche ist und können diese Freiheit und Unabhängigkeit erst dann als verbürgt ansehen, wenn ein Zustand hergestellt sein wird, dem auch der Papst selbst seine Zustimmung hat geben können.«

+Friedrich der Große+ wußte, wohin ein solcher Kurs führt. Der Kampf gegen die Hierarchie galt ihm als sein +vornehmster+ Herrscherberuf. Man widerspricht mir? Nun, so höre man ihn selbst: »Meine +Hauptbeschäftigung+«, schreibt er am 16. Sept. 1770 an Voltaire, »besteht darin, daß ich die Vorurteile bekämpfe und die Köpfe aufkläre,« und am 30. Dezember 1775 schrieb er schon mit größerer Zuversicht an d'Alembert: »Zusehends vermindert sich der Aberglaube. Währt dies nur noch kurze Zeit, so werden die Mönche aus ihren Klöstern zurückkehren und die Vernunft wird sich am hellen Tage zeigen können. Gute Bücher haben endlich den Star gestochen, der die Augen der Pfaffen verfinsterte. Sie schämen sich ihres unsinnigen Gottes und arbeiten heimlich am Sturze des Glaubens.«

Die Kirche +will+ gar nicht »Männer« erziehen. Ihr sind gläubige Weiber, selbst die ältesten Spittelweiber und Almosenempfängerinnen, gleich willkommen. Sie zählen nur nach Seelen. Je demütiger und vernichteter die Seele ist, um so besser ist sie, um so lenksamer und widerstandsloser.

Ich hörte einmal auf einer Dampferfahrt nach Rügen, wie ein protestantischer Geistlicher einer trauernden Witwe sagte: »Gott arbeitet am liebsten mit gebrochenen Herzen.« Es ist zwanzig Jahre her, aber ich habe es nicht vergessen. »Mit gebrochenen Herzen«, mit geknickten Persönlichkeiten, mit Lebensmüden und Gescheiterten. Bei diesen findet dann der Geistliche auch seine segensreiche Wirkung. Man lehre uns einen Gott der Gesunden, Frohen, Tapferen und Stolzen! Man zeige uns eine Kirche, in der die Kühnsten ihre größte Erhebung und Stärkung erleben!

+Ein+ Luther wiegt für die Kulturarbeit eine Million frommer Kirchenhämmel auf. Aber die alte Kirche konnte ihn nicht brauchen, weil er eine Persönlichkeit war. +Eduard Goldbeck+ sagt sehr treffend von der »schwarzen Garde« und ihrer Gefolgschaft, die in Essen, 43 000 Mann stark, das Opfer ihres Intellektes zur Schau stellte: »-- -- Verständnis ist vom Übel, denn vom Verständnis zur Kritik ist nur ein Schritt. Hier weiß jeder: individuelle Anschauungen sind gleichgültig; hier wäre Persönlichkeit nur schädlich; es gilt sich selbst aufzugeben, in der Gesamtheit zu ertrinken -- der Machtrausch trägt alle auf ungeheurer Woge dahin -- --«

»Wollt ihr in der Kirche Schoß Alle Gläubigen versammeln, Macht die Pforten weit und groß, Statt sie ängstlich zu verrammeln!«

Das hat Geibel, der Protestant, gesagt, aber er hat es nicht für die Protestanten gesagt. Von dessen Gewaltigen hören wir nur, wenn sie Scheiterhaufen schichten. Der Katholizismus ist klüger; nie hat man in seinem Reiche so laut die Duldsamkeit preisen hören wie dieses Jahr in Essen.« Leider hat, wie ich eben (12. Sept.) lese, nun auch unser Kaiser sich diesen Gedanken zu eigen gemacht und als sein Programm öffentlich verkündet: »-- unter Zusammenschluß der Konfessionen, dem Unglauben zu steuern«.

In diesem Bunde unserer Staatsgewalt mit den konservativ-klerikalen Mächten sehen wir mehr Linksstehenden die schwerste Gefahr für Deutschlands Zukunft. Dieser Bund macht uns zu »+Schwarzsehern+«, dieser Bund wird uns nicht Männer erziehen, sondern wird uns entkräften und lähmen: es sei denn, daß im +Widerstande+ gegen ihn neue Kräfte in unserem schon tief erregten und nach Befreiung schmachtenden Volke erstehen. Der Schwerpunkt der Weltgeschichte ist seit Jahrhunderten auf der Flucht vor Rom. Die Linie führt aus Italien über Wien, Wittenberg nach Berlin, und leider jetzt nach London und Nordamerika. Wenn Deutschland aufhört, der Hort freier Forschung und die Pflanzstätte auf sich selbst gestellter unabhängiger Persönlichkeiten zu sein, dann können uns weder Kanonen noch Kriegsschiffe vor dem kulturellen Rückschritt und damit auch vor politischer Machteinbuße bewahren.

Dieses war schon geschrieben, als ich in der »Kölnischen Zeitung« an leitender Stelle einen noch viel schärferen Widerspruch gegen das neue Regierungsprogramm las. Das Blatt sagt:

»Die Liberalen, die in der monarchischen Grundlage die Gewähr des Bestandes und der gedeihlichen Entwicklung unseres Staatswesens erblicken, würden sich einer Pflichtversäumnis schuldig machen, wenn sie es unterließen, zu solchen Kaiserreden in voller Klarheit und, wenn nötig, mit gebührendem Respekt als Sr. Majestät allertreueste Opposition Stellung zu nehmen. Gerade in diesen Kreisen wird der warme Appell des Kaisers an die Mithilfe jedes einzelnen im Volke, die Mahnung daran, daß so wie er jedermann die Pflicht habe, für das Wohl des Vaterlandes zu arbeiten, freudigen Widerhall finden, aber die +Mißdeutung+ der +Kaiserworte+ wird beginnen, wenn es gilt, das Mittel, das der Kaiser dazu angibt, zu benützen. Der +Zusammenschluß+ der +Konfessionen+ zur +Bekämpfung des Unglaubens+ klingt, vielleicht unbeabsichtigt, an einen der hauptsächlichsten Programmpunkte des eben erst verhallten Essener Katholikentages an, wo ein solcher Zusammenschluß als ideale Zukunftstaktik des Ultramontanismus gepriesen wurde. Sollte der +politische Konfessionalismus+ -- katholischer oder protestantischer oder beide im Bunde -- das Breslauer Kaiserwort dahin auslegen, daß er berufen sei, als +Macht im Staate+ zu gelten, so lehnen wir von vornherein diese Deutung ab und werden sie auf das entschiedenste selbst dann bekämpfen, wenn das kaiserliche Schild sie decken sollte, denn wir erblicken in diesem Konfessionalismus, vor allem im katholischen, wie ihn der Ultramontanismus politisch so erfolgreich verkörpert, einen der +schlimmsten Feinde+ des +nationalen, modernen Staates+; er ist mit diesem staatsrechtlich schlechterdings nicht zu vereinbaren, und da, wo er es praktisch versuchen sollte, muß er der Bahnbrecher der Sozialdemokratie und Revolution werden.« Sehr richtig!!

IX.

Der Gebildete.

Der deutsche »Ehrenmann« ist neben dem Gentleman ein achtbarer Philister, der »Kavalier« ein Mann von Standesdünkel und Standesenge, speziell der österreichische Kavalier, zwar von gefälligsten Formen und von großer Liebenswürdigkeit, aber oft ein Mann ohne Grundsätze, Lebemann, bei dem Volke beliebt, weil leichtlebig und gut zum »Hochnehmen«, auch bei aller Lustigkeit oft schon unterwegs zum Bankrott. Der österreichische junge Aristokrat hat jetzt das ganz unglaubliche Bestreben, »décadent« auszusehen. Die Witzblätter übertreiben nicht, wenn sie ihn, wie eine Vogelscheuche, mit krummem Rücken, schlappen Beinen, Hängelippe und müden Augen darstellen. Das ist jetzt das Modernste und Eleganteste. Als ich einen jungen Offizier fragte, wie es meinem ehemaligen Schüler, einem blühenden Bürschchen von damals zwölf Jahren, gehe, sagte er im vollsten Ernste: »Ein vornehmer, décadenter Kavalier!«.

Bei uns will der junge Mann »forsch« sein, will für einen Leutnant in Zivil gelten. Deshalb Brust raus, Nase hoch, Beine stramm durchgedrückt und den stolzen, unzufriedenen Mann gespielt, auf daß man denke, er sei aus einem hohen Haus oder doch von einem feinen »Rement«. So bei den Hohen und denen, die gesellschaftlich hoch hinaus wollen.

Der »bessere« Bürger aber erstrebt »Bildung«. Der schlichtere Bürgersjüngling will ein +gebildeter Mensch+ sein. Das ist heute bei uns wohl das am meisten begehrte Erziehungsergebnis. Das Höchste ist ein +Gelehrter+ und +höherer Beamter+. Man sieht daraus, daß wir den Stolz, ein Volk der Denker zu sein, tief in der Seele tragen.

Uns fehlt bis heute ein rechtes Wort für die Summen von Eigenschaften, die das Wesen eines echten deutschen Mannes ausmachen. Das ist ein großer, sehr schmerzlicher Mangel. Am besten paßt eben noch »+Mannhaftigkeit+«, nur daß wir diese nicht für uns Deutsche allein in Anspruch nehmen dürfen.

Die Römer erzogen ihre Knaben und Jünglinge zur virtus. In der Schule lernen unsere Kinder, daß virtus Tugend bedeute. Eine vollgültige Übersetzung ist das nicht, wie sich ja überhaupt Wörter der einen Sprache fast nie getreu in die einer anderen übersetzen lassen. Es sind nicht konzentrische Kreise, sondern Kreise, die sich schneiden. Tugend ist weniger und etwas anderes als virtus. Tugend ist stammverwandt mit taugen, bedeutet zunächst Brauchbarkeit. Unser Volk, jahrhundertelang arm, hatte für Müßiggänger keinen Raum. Nur der tüchtige, brauchbare Mensch genoß Achtung. Und das ist bis heute trotz des gesteigerten Wohlstandes gottlob so geblieben. Unsere Erziehung sieht immer noch mehr auf den handgreiflichen Erfolg, auf die Tüchtigkeit zum Erwerb und zur Arbeit überhaupt, als auf die Entwicklung allgemein männlicher Vorzüge. Unsere Schulen sind noch mehr Lehr- und Lern- als Bildungs-, zumal Charakterbildungsstätten. Früh hat übrigens unter dem Einflusse der Kirche das Wort Tugend bei uns einen etwas weichlich-sentimentalen Sinn angenommen, so daß heute einer als »tugendhafter« Jüngling fast mit einer spöttischen Empfindung benannt wird. Man denkt dabei leicht an einen Mangel an männlicher Kraft, denkt etwa an christlich-sittliche Jünglingsvereine. Ein junger Offizier, der auf sich und seine Ehre hält, würde schwerlich dulden, daß man ihn »tugendhaft« nenne. Um den Ruhm der virtus bewarb sich aber jeder Römer, selbst der Anhänger der jeunesse d'oré. Virtus ist Mannesart, virtus umfaßt alle die Eigenschaften, die nach römischem Begriffe das Wesen eines echten Mannes ausmachen, Tapferkeit, Beharrlichkeit, Ruhe, Kraft und Stolz. Der Begriff mag im Laufe der Jahrhunderte in seinen Grenzgebieten auch geschwankt haben, aber im Kern blieb er allezeit unverändert. Die Mannestugenden, die das zähe Bauernvolk, das einen gefaßten Plan nicht wieder fallen ließ -- propositi tenax, wie Horaz sagt --, zur Weltherrschaft geführt hatten, ehrte selbst der décadente Epigone, der sie selbst nicht mehr aufbringen konnte. Ein solches Erziehungsideal, das von dem ganzen Volke anerkannt und angestrebt wird, ist, wie wir auch von Rom lernen, ein nationaler Schatz von unberechenbarem Werte.

Der akademische Lehrer, der zugleich in der Regel selbstforschender Gelehrter ist, nimmt unter den Erziehern zur Wahrhaftigkeit und damit Mannhaftigkeit -- beides ist fast identisch -- den ersten Platz ein. »Sein schönstes Vorrecht ist es, daß er nicht nur durch sein Wissen, auch durch seine Persönlichkeit die Seelen der nächsten Generation adelt.« (G. Freytag, Verlorene Handschrift, Bd. 2, S. 80.) Jedes ehrliche Streben nach Erkenntnis schafft neue sittliche Werte. Es ist einerlei, woran ein Forscher arbeitet, ob an der griechischen Grammatik, an der Textkritik eines alten Kirchenvaters, ob an geologischen Problemen, an Erforschung der kleinsten Lebewesen oder den Wundern des Sternenhimmels. Jede Arbeit, die der wahren Erkenntnis dient, trägt ihren Wert und Adel in sich selbst. Deshalb ist aber auch ein Gelehrter, der ein anderes Ziel als die Wahrheit kennt, ein Widerspruch in sich. Deshalb kann die Wissenschaft keinerlei Fesseln ertragen. Wer sie einschränkt, etwa durch Dogmen irgendwelcher Art, durch staatliche oder kirchliche Rücksichten, der geht ihr ans Leben. Eine unfreie Wissenschaft hört auf, Wissenschaft zu sein. Wer über sich einen höheren Richter kennt, als sein wissenschaftliches Gewissen, in dem sich ihm alles offenbart, was göttlich im Menschen ist, der mag ein Ehrenmann, ein Glaubensheld, ein Meister in allen erdenklichen Fertigkeiten und Künsten sein, ein Mann der Wissenschaft ist er nicht. Es gibt auch eine dichterische, künstlerische Wahrheit, auch natürlich eine Wahrhaftigkeit des Glaubens. Niemand hat ein Recht, an der subjektiven Treue ihrer Äußerungen zu zweifeln. Wenn sie sich aber dem wissenschaftlichen Beweise, in den Naturwissenschaften dem Experimente, in der Mathematik der Berechnung, in der Geschichte dem Quellenstudium und Zeit- und Sprachkenntnis entzieht -- dann ist es eben keine Wissenschaft mehr. Man muß diese Gebiete des Wissens und Glaubens reinlich scheiden, darf uns aber nicht, wie das alltäglich geschieht, Glaubenssätze als Wissen anpreisen. Ich habe es schon wiederholt ausgesprochen, daß es objektive Heilswahrheiten in keiner Religion gibt, wohl aber subjektive Glaubenswahrheiten, daß Dogma »Meinung« bedeutet, nicht aber Wissen.

Nur in unserem innersten Wesen, das wie alle Natur ein Teil des Göttlichen und zugleich die höchste Offenbarungsform des Seins ist, tragen wir unseren Richter. Die Wissenschaft ist also selbstherrlich, ist eine Königin, niemandem dienstbar. Im Mittelalter meinte man, alle anderen Fakultäten seien Mägde der Theologie. Davon sollte heute nicht mehr die Rede sein können. Aber noch immer maßt sich die Kirche über sie Herrenrechte an. Noch immer glaubt auch der Staat berechtigt zu sein, die Wissenschaften und ihre Arbeiter zu überwachen, damit die Forschungsergebnisse nicht in Widerspruch mit dem »wohlverstandenen Interesse des Staates« treten.

Ich bezweifle, daß ehrliche Wissenschaft je schädlich werden kann. Denn da die Wahrheit göttlicher Natur ist, da Gott selbst die Wahrheit ist, so ist jede ernste wissenschaftliche Tätigkeit ein Gottesdienst, jede neue wissenschaftliche Erkenntnis eine Annäherung an Gott.

Höchst überflüssiger-, ja verbrecherischerweise hat die katholische Kirche die Wahrheitssucher auf naturwissenschaftlichem Gebiet »von je gekreuzigt und verbrannt«. Die Welt hat keinen Schaden durch die Erkenntnis erlitten, daß sich die Erde dreht, auch nicht durch Darwins Entwicklungslehren. Sie wird auch Häckels Belehrungen vertragen.

Die Wissenschaft darf überhaupt nicht fragen, ob den geistlichen oder weltlichen Fürsten oder dem Pöbel der Gasse ihre Funde brauchbar und angenehm sind. Sie kennt nur eine Herrin -- +die Wahrheit+. Wenn ihre Ergebnisse durch Mißbrauch in der Hand von urteilslosen oder gewissenlosen Menschen wirklich gemeingefährlich werden, etwa wie Pulver und Dynamit, so mag der Staat Leben und Gut der Bürger vor Gefahren schützen, nicht aber die chemischen Studien verbieten. Wenn unreifen Kindern die Lektüre aufklärender Schriften schadet, so haben wir schon gesetzliche Handhaben, zumal haben die Eltern und Lehrer Mittel, ihre Kinder davor zu schützen. Deshalb muß aber doch jede Forschung, auch die an der Bibel, frei sein und bleiben. Wahrheitssucher sind auch sittlich ernste Menschen. Vor ihnen sollte man sich weniger fürchten als vor einer blindgläubigen und dadurch leicht fanatisierten Menge. -- --

»Betrag' dich doch gebildet!« hört man oft die Eltern zu ihren Kindern sagen. Alle, die es irgend erschwingen können geben ihren Kindern eine »höhere Bildung«. Dabei kommt es besonders auf die Art der Schule und in dieser auf das Wissen an, über das die Prüfungen verläßliche Auskunft geben. Daß der Deutsche vor allem zum Denken geboren sei, das ist seit dem Reformationszeitalter und mehr noch seit dem Neuhumanismus, den uns Gelehrte schufen, ein Glaubenssatz, von dem sich kein Vertreter der höheren Schulen will abbringen lassen. Ich sehe aber nicht ein, weshalb der deutsche nicht mit gleichem Eifer bauen, malen, dichten, bilden, Handel treiben, Krieg führen, seefahren und zu all dem gleichermaßen erzogen werden soll; sehe nicht ein, weshalb man durch Beschäftigung mit diesen Dingen nicht ebensogut zu »Bildung« gelangen könnte.

Nun hat uns aber gerade in jüngster Zeit Prof. +Friedrich Paulsen+[8] wieder eingeschärft, daß die höheren Schulen aus dem Bedürfnisse geboren seien, die höheren Stände durch wissenschaftlichen Unterricht zu voller Freiheit und Selbständigkeit des Denkens und Handelns zu erheben. Das ist richtig, ist eine historische Tatsache. Die weitere Folgerung: Demgemäß müsse auch nach wie vor ihre Fundamentalaufgabe bleiben, die Schüler zu wissenschaftlicher Arbeit in elementarer Form anzuleiten, in ihnen den Trieb zu eigener Beobachtung und Sammlung, Untersuchung und Prüfung zu wecken, den Forschertrieb und den Wahrheitssinn zu entwickeln, ließ aber einige Einschränkungen zu.

Damit soll nämlich der Gegensatz scharf gezeichnet sein zu dem rhetorischen Virtuosen, wie ihn die französische, und dem rohen Utilitarier, wie ihn die englische Erziehung angeblich züchte. Gegen den Versuch etwa, mehr künstlerische Kultur oder mehr moralische und sittliche Bildung in unsere Schulen zu tragen, ist damit aber nichts gesagt. Freilich verwahrt sich der Mitberichterstatter auf der Direktorenkonferenz zu Stettin dagegen mit den Worten, daß die höhere Schule weder Theaterschule noch Konservatorium, auch keine Maler- und Bildhauerakademie werden dürfe. Dahinter steckt immer das alte deutsche Urteil, daß Wissen und eben nur das Wissen, nur die wissenschaftliche Anleitung Bildung gebe, daß beides vereint das höchste Lebensziel sei.

Dem Wissenschaftler gegenüber ist aber vom Standpunkte des Künstlers die Frage berechtigt: Wenn unsere höheren Schulen nicht Kunstschulen sein sollen, mit welchem Rechte sind sie denn einseitig wissenschaftliche Schulen? Darauf antwortet der Universitätsprofessor +Ludwig von Sybel+: »Weil der Deutsche lernen soll, unsere Kultur an der Wurzel zu fassen und aus der geistigen Wurzel heraus sie immer neu zu treiben.«[9] Das heißt, weil wir die historische Schulung einseitig überschätzen, weil wir die Jugend immer wieder auf Bücher, statt auf die Natur, auf die Autorität statt auf die Selbstbeobachtung verweisen, weil wir Alexandriner geworden sind und nicht mehr im glücklicheren perikleischen Zeitalter leben. Nicht Gelehrte, freilich auch nicht Künstler, sondern +Männer+ soll uns die Schule heranbilden. Das tut sie bisher in unzureichendem Maße.

Bildung ist eine bloße Lebenszier geworden, ein Ornament, wie schöne Kleider und Orden. Bildung kann man in Deutschland ersitzen. Um für das ganze Leben ein Übergewicht, ein gesteigertes Hochgefühl anderen Sterblichen gegenüber zu haben, muß man »akademisch gebildet« heißen. Der akademisch Gebildete hat seine besonders delikate Ehre und beansprucht eine Ausnahmsbehandlung. »Wer bißchen was is«, läßt deshalb in Deutschland seine Söhne das Abiturientenexamen machen und studieren. Daher die unglückselige Überfüllung der gelehrten Berufe!

Nun wird kein billig denkender Mensch die Verdienste der höheren Schulen in Deutschland verkennen, bei ruhiger Betrachtung aber auch ihre großen Nachteile sehen. Ja, wenn es mit der Selbständigkeit des Denkens und Handelns nur seine Richtigkeit hätte!

Ich erlaube mir auf Grund meiner Erfahrungen daran zu zweifeln. Ich glaube, +ohne+ unsere staatlichen höheren Schulen wären wir im selbständigen Streben und Handeln ein gut Stück weiter gekommen, ohne sie hätten wir mehr Menschen, die Selbstdenker, Selbsthandler, mithin eigenartige Persönlichkeiten wären, mehr Baumeister, weniger Handlanger. Ist es wahr, daß wir seit Luthers Großtat alle freiheitlichen Fortschritte, selbst auf den Gebieten wissenschaftlicher Forschung, dem Auslande, zumal den Engländern, verdanken? Oder muß man eine so offenkundige Tatsache erst ausführlich belegen?