Erziehung zur Mannhaftigkeit

Part 12

Chapter 123,474 wordsPublic domain

Dieselbe Erkenntnis haben z. T. unabhängig voneinander eine Reihe tiefer Denker gefunden. Vor allem klar und überzeugend hat sie +Ludwig Feuerbach+ (»Das Wesen des Christentums«) dargestellt. Überall, bei allen Religionen, wies er das gleiche Schauspiel nach: die Selbstdarstellung des Menschen in seinen Göttern. Der Mensch kann eben über sein eigenes Wesen nicht hinaus. »Was dem Menschen Gott ist, das ist +sein+ Geist, +seine+ Seele; Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen.« Es ist das gleiche, wenn +Anatole France+ sagt: »Die Götter haben den Menschen das Leben zu verdanken, denn ihr Wesen besteht aus den Gedanken und Gefühlen ihrer Anbeter«, oder, wie es +Walt Whitman+ ausdrückt: »Nicht die Religionen schaffen den Menschen, sondern der Mensch die Religionen.« Gleicher Überzeugung lebten +Max Stirner+ und +Friedrich Nietzsche+, leben +Maeterlinck+, +J. P. Jacobsen+, +Ellen Key+ (»Der Lebensglaube«, S. 552, wo man weitere Belege findet) und vor allem auch, es noch weiter ausbauend und tiefer erfassend, +Eduard von Hartmann+, über dessen Auffassung wir uns am schnellsten belehren lassen durch +W. von Schnehen+ (»Der Volkserzieher«, X. Nr. 19, S. 151): »Ich bin mir bewußt, daß mein wahres Selbst Gott ist, und dieser Tatsache mir bewußt zu werden und danach zu handeln, oder, wie es Schiller ausdrückt, Gott in meinen Willen aufzunehmen, das ist meine wahre Aufgabe, wenn ich als religiöser Mensch leben will. Aber mein Bewußtsein von dieser meiner wesenhaften Einheit mit Gott ist nicht diese Einheit selbst, mein Gedanke an die Gottheit ist nicht schon die Gottheit und die Vorstellung meines Selbst (d. h. mein Ich) nicht das wirkliche Sein dieses Selbst, sondern eben nur dessen mehr oder minder unvollkommenes Spiegelbild im Bewußtsein.«

»Es ist das der +konkrete Monismus+ im Gegensatz zu dem abstrakten Monismus der Inder und Mystiker, wie des +Angelus Silesius+, welcher sagte: »Ohne mich kann Gott nicht leben; rufe nicht nach Gott, denn die Quelle ist in dir; wer nicht Gott wird, sieht Gott niemals.« Über diesen konkreten Monismus, dem also Geister wie Spinoza, Lessing, Goethe, Kant, Herder, Schiller, Fichte, Hebbel, Schelling, Schopenhauer, Lange, Fechner vorgearbeitet haben, lese man +E. v. Hartmanns+ »Religion des Geistes« und wie +W. v. Schnehen+ (a. a. O.) lebhaft empfiehlt: +Arthur Drews+ neue Schrift, »Religion des Selbstbewußtseins« (Eugen Diederichs Verlag), die er als »eines der schönsten und tiefsinnigsten Werke der gesamten religiösen Literatur« bezeichnet, die ich selbst aber noch nicht kenne.

Ich glaube, selbst Christus hätte den Monismus gelten lassen. Nicht aber -- natürlich -- können ihn der Papst und Stöcker gelten lassen.

Das alte Rom bestand jahrhundertelang mit einem ganzen Blumenkorb voll Göttern, auch Griechenland ist nicht an seinen vielen philosophischen und theosophischen Systemen zugrunde gegangen.

Es ist ein Nonsens, 60 Millionen Deutsche, deren jeder seinen eigenen Kopf hat, auf einige Dutzend alter Glaubenssätze verpflichten zu wollen. Gelingt es, so feiern die Heuchelei und die Lüge, der Stumpfsinn und die Gleichgültigkeit wahre Orgien. Davor möge uns ein guter Geist behüten!

Die orthodoxe lutherische Kirche erweist sich nur noch dadurch als kulturfördernd, als sie uns Märtyrer schafft. Nur insofern interessiert sie noch die große Menge der gebildeten Deutschen, zu denen ich auch viele der drei Millionen sozialistischer Arbeiter zähle. Erst wenn ein Theologe nicht bestätigt oder seines Amtes entsetzt wird, gewinnt er für uns Bedeutung. Dann sagen wir uns: »Halt! Das muß ein ganzer Kerl sein, ein Mann der Überzeugung.« Ich selbst fand mit solchen, mit Kalthoff, Steudel, Mauritz u. a. m. sofort Verständigung: +ein+ Blick, +ein+ Handschlag, +ein+ Wort genügte. Die Männer aber mit ihren staatlich appropierten Überzeugungen sehe ich mir viel länger und kritischer an. Je »positiver« einer ist, um so verdächtiger ist er mir. »Ich hab nun mal die Antipathie.«

»Dir, Heinrich, muß es auch so sein.«

Auf der dritten öffentlichen Versammlung des deutschen +Katholikentages+ in Essen sprach Graf +Galen+ aus Prag ganz im Geiste der alten römischen Kirche und unter lebhafter Zustimmung aller katholischen Zuhörer:

»Das deutsche Volk ist krank, schwer krank. Wenn nicht baldige Heilung eintritt, dann verfällt das deutsche Volk in Siechtum und ist unrettbar verloren. Wer es mit dem deutschen Volke gut meint und es vor dem sicheren Untergange bewahren will, der muß ein Krankenpfleger werden. Man verlangt die konfessionslose Schule. (Pfui!) Graf +Caprivi+ sagt mit vollem Recht: konfessionslos bedeutet religionslos. (Beifall.) Man verlangt also im Grunde genommen die religionslose Schule. Auf der deutschen Lehrerversammlung in München verlangte Lehrer Hochheimer aus Bremen die Abschaffung der christlichen Schulen. (Pfui!) Und diesem Manne wurde auf der deutschen Lehrerversammlung Beifall gespendet. (Stürmisches Pfui!) Wenn so etwas auf einer deutschen Lehrerversammlung geschehen kann, was soll aus unserer Schule werden?« -- Darauf habe ich zu erwidern:

Nein, Herr Graf! Das deutsche Volk +war+ krank und will jetzt aus eigner Kraft gesund werden, will sich frei machen aus einer unerträglichen Gewissensfessel, die es zur Heuchelei, zur Lüge, zum feigen +Nachbeten+, zum gedanken- und tatenlosen Hindämmern verleitet. Wohin die unmännliche katholische Kirchengläubigkeit führt, das lehren uns die Beispiele von Italien und Spanien. Deutschland ist groß geworden nicht mit und durch Roms Kirche, sondern im Kampfe gegen diese.

Sie berichten mit Entsetzen von Berlin, das Sie spöttisch die Hochburg deutscher Kultur nennen. »Dort wurden«, sagen Sie, »1904 christlichen Eltern 47 200 lebende Kinder geboren, davon wurden 5800 nicht getauft.« Recht so! Wenn die Eltern nicht mehr an die Erbsünde glauben, daß nämlich, wie die Kirche lehrt, »nach dem Falle Adams alle Menschen, die natürlich geboren werden, in Sünden empfangen und geboren werden, ... daß auch dieselbe angeborene Seuche und Erbsünde wahrhaftig Sünde sei und verdammet alle unter den ewigen Gotteszorn, die nicht durch die Taufe und den heiligen Geist wiederum neu geboren werden«. -- Weiter berichten Sie, daß in Berlin 20 237 Ehen unter Christen geschlossen, davon 7388 nicht kirchlich eingesegnet wurden. Auch daraus lernen Sie, Herr Graf, daß die civiliter Getrauten der frohen Zuversicht leben, auch ohne Beihilfe einer Kirche, die sich mit ihren überlebten Dogmen selbst um ihre Verehrung beraubt hat, ein glückliches und gottgefälliges Leben führen zu können. Dabei handeln die Leute nach unserem Staatsgesetze und sind hierin nach biblischer Vorschrift der -- von Gott eingesetzten -- Obrigkeit Untertan.

Sie fahren fort, Herr Graf: »Es starben 32 000 evangelische und katholische Christen in Berlin, davon wurden nur 17 392 kirchlich beerdigt.« Und Sie knüpfen daran eine schauerlich-schöne Betrachtung: »Mit Schrecken vernahm man im März d. J. von dem großen Unglück in dem Bergwerk Courrières. Was ist aber dieses Unglück zu dem, das über unser deutsches Volk gekommen ist? Hunderttausende sterben bei uns den Hungertod, den geistigen Hungertod. Von 100 Menschen sind 52 ohne geistlichen Beistand gestorben und ohne kirchliche Begleitung beerdigt worden. Sie waren schon tot, noch ehe sie gestorben waren. Tausende Menschen sterben in einer Nacht den geistigen Hungertod.«

Wir sehen daraus. Herr Graf, wie sehr Sie noch im alten Kirchenglauben befangen sind. Sie irren, wenn Sie meinen, daß wir am geistigen Hunger litten, weil wir Ihre zähe Kost verschmähen. Auf geistlichen Beistand verzichten wir Protestanten und Freidenker gerne. Ohne diesen sind Kant, Lessing, Goethe, Schiller, die meisten unserer Geistesheroen gestorben, Männer, von denen selbst Sie in Ihrem kirchlich beengten Denken und Wissen nicht werden behaupten wollen, daß sie schon lebend tot waren. In der Zucht düsteren katholischen Glaubens -- vermutlich von Jesuiten -- und in der Furcht vor der Hölle mit ihren sieben Stationen, vor ewiger Verdammnis und sonstigen seelischen Qualen auferzogen, ahnen Sie, Herr Graf, gar nicht, wie frei und glücklich, wie geistig gesund und kampfesfroh, wie zuversichtlich fürs Leben und Sterben ein Mensch sein kann, der Gott und die Welt mit seinen hellen gesunden Augen, nicht aber durch eine trübe Pfaffenbrille betrachtet. Sie ahnen nicht, wie überlebt, wie mittelalterlich, wie -- wie -- wie -- nein, ich will es nicht niederschreiben. Weshalb Sie kränken? Sie können nichts dafür. Sie sind einer der Unzähligen, die im Dämmerschein und im Weihrauchdunst einer Kirche leben, die durch ihre bewundernswerte Kenntnis der menschlichen Schwächen und Bedürfnisse eine übermächtige Institution geworden ist, die den Geist aber betäubt, anstatt ihn zu erleuchten.

Sie nehmen gewiß auch teil an Umzügen der Bauern zur Fürbitte um Regen oder Sonnenschein. Sie stellen gewiß auch Ihr Haus unter den Schutz des heiligen Florian und ihre Viehherden -- falls Sie welche besitzen -- in die gnädige Obhut des heiligen Leonhard. Wie uns dabei zumute ist, das können Sie nicht einmal ahnen. Wir stehen kopfschüttelnd da, falten die Hände wahrhaft ergriffen über solche Glaubenskraft und unserer Brust entringt sich der Ausruf der Bewunderung: O sancta simplicitas! Wenn sie nun aber auf uns schmähen, uns beklagen und unseres Vaterlandes Ende voraussagen, weil wir nicht so -- so -- so -- gläubig sind wie Sie, dann müssen wir herzinnigst +lachen+.

Ich gönne einem jeden seinen Glauben, und wenn es der dickste Köhlerglaube ist, ich kann mit Juden, Mohammedanern und Heiden jeder Farbe im besten Frieden leben; ich würde auch Sie, Herr Graf, unbehelligt lassen, wenn Sie nicht, aus Prag (sprich leider Praha) kommend, sich in Deutschland als Kulturträger aufspielten und uns Aufgeklärte nicht in unseren »heiligsten Empfindungen« (so heißt es doch wohl in Ihrem Kirchenlexikon?) verletzten. Glauben Sie mir, ich spreche im Ernst und mit vollstem Bewußtsein: lieber möchte ich tot als zu Ihrem Glauben verurteilt sein, der mich zurückwerfen würde in vorlutherische Unkultur und mir alles rauben, worauf sich mein Mannesstolz aufbaut; alles rauben, was uns die protestantisch-germanische Geistesarbeit seit einem halben Jahrtausend an höchsten geistigen Lebensgütern errungen hat. Bei Gott, lieber tot als Beichte, Rosenkranzbeten, Messenlesen, Anbetung heiliger Knochen und sonstiger Reliquien, öffentliche Prozessionen durch die Straßen, Knierutschen auf Marterstiegen usw. Ich würde mich schämen, falls ich zu Kreuze gekrochen wäre, mich vor den Meinigen wieder blicken zu lassen. So empfinde ich das, was sie, Herr Graf, für unentbehrlich zum Leben und zum Sterben halten. Ich verzichte gern auf alle Verheißungen Ihrer Kirche, wofern sie mich mit ihren Geistesgaben verschont!

Und was Ihre Besorgnis für Deutschlands Zukunft anlangt, so setze ich Ihnen Überzeugung gegen Überzeugung. Ich sage: Wenn Deutschland zugrunde geht, so geschieht dies nicht durch das, was sie »Unglauben« nennen -- Deutschland ist ja auch nicht, wie Ihre unfehlbaren Päpste prophezeiten, an der Lutherischen Ketzerei zugrunde gegangen -- aber ohne Luther und die übrigen deutschen Ketzer, wie Lessing, Kant, Goethe, Schiller, Hebbel, Bismarck, die auch Sie wenigstens dem Namen nach kennen dürften, hätten wir niemals ein neues Deutsches Reich erlebt -- wenn dieses Deutschland zugrunde geht, so geschieht das auch nicht durch die Schuld der Sozialdemokratie, sondern allein durch die Schuld der Ultramontanen, die schon seit vielen Jahrhunderten an allen Übeln Deutschlands die schwerste Schuld tragen und die auch das alte heilige Reich deutscher Nation auf dem Gewissen haben. Dieses +wollte+ protestantisch sein und war es schon bis in die letzten steirischen Bergdörfer hinein, als die schwarzen Sendlinge Roms kamen und die unglückseligen Habsburger dazu begeisterten, »lieber über eine Einöde als über Ketzer zu herrschen«. Sie haben es erreicht!

Ich teile die Überzeugung der Franzosen, bei denen es schon Sprichwort geworden ist: qui mange du pape en meure.

Und wenn ich den Katholizismus jetzt von dem Standpunkte meines Themas aus betrachte, wie muß ich da urteilen?

Erzieht die katholische Kirche zur Mannhaftigkeit? Nein! sie tut es nicht. Sie ertötet sie, ertötet den Trieb der freien Forschung, ertötet das Verantwortlichkeitsbewußtsein, indem sie schweigenden Gehorsam und unbedingten Glauben nach päpstlicher Vorschrift fordert. Der gute Katholik ist verurteilt, seine eignen Vernunfts- und Glaubensregungen zum Schweigen zu bringen, sowie sie mit den Lehren seiner Kirche in Widerspruch geraten. Die Kirche fordert Unterwerfung. Der Mannhafte aber unterwirft sich keiner Gewalt, wenn er ihre Forderungen nicht billigt. Der Mannhafte trägt seinen Richter in der eignen Brust. Er braucht keinen Vormund, wie das Kind, dem man sagen muß, was es zu tun und zu lassen hat, was es lesen darf, was nicht. Den »Index« sehen wir freien Männer als einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen an. Der Index ist eine der Waffen, mit denen der geistige Fortschritt gehemmt wird. Ihm zum Trotze vollzieht sich die kulturelle Mission der aufgeklärten Völker, der Fortschritt, dem die katholische Kirche dann stets langsam folgen muß, um nicht völlig zu erstarren. Sehen wir uns einmal genauer an, welchen Geistes diese Kirche von jeher lebt!

Die Knebelung der Presse nahm ihren Anfang schon auf dem Tridentiner Konzil, wo durch ein Dekret Anzeige der Bücher gefordert wurde, in welcher »eine unreine Lehre« vorgetragen wurde.

+Leo+ X. erließ dann eine Verordnung, »daß das, was zur Mehrung des Glaubens und zur Verbreitung der schönen Künste als heilsam und nützlich erfunden wurde« -- nämlich die Buchdruckerkunst -- »nicht einen entgegengesetzten Gebrauch erlangen und den Christengläubigen anstatt zum Heile, zum Verderben gereicht«. (Act. Conc. Lateran V § 55. 10.)

Demnach wäre der Buch- und Zeitungsdruck nur dazu bestimmt, den gläubigen Katholiken und der katholischen Kirche zu dienen. Denn eine jede Meinung, die von den Lehren der katholischen Kirche abweicht, gilt bekanntlich als Irrtum. Wer nicht gläubiger Katholik ist, wer sich den tyrannischen Befehlen der Kirche nicht beugt, der ist ausgeschlossen von allem Segen, den Gott für die Menschheit bereit hält. So sagt +Gregor XVI.+ in seinem Rundschreiben vom 15. August 1832 wörtlich: »Es ist ein falscher Wahn, man könne in jedem Glauben die ewige Seligkeit erlangen, wenn man nur einen rechtschaffenen und ehrbaren Lebenswandel führt.«

Er beruft sich dabei auf des heiligen Augustinus Worte: »Wo gibt es einen gefährlicheren Tod für die Seele, als die Freiheit des Irrtums?« (Augustin. Ep. 166) und auf Papst Clemens XIII., der in einem Rundschreiben über die Verdammung schädlicher Bücher befahl:

»Man muß mit Kraft einschreiten, wie es die Sache selbst erfordert und mit aller Macht die tödliche Pest so viele schädliche Bücher zu entfernen suchen, denn nimmermehr wird es an Stoff zu neuem Irrtum fehlen, solange nicht die Werkzeuge und Mittel zur Verbreitung der Gottlosigkeit, die schlechten Bücher, im Feuer verbrannt zugrunde gehen« (Lit. Clem. XIII Christianae 5. Nov. 1766).

Als schlecht und verdammungswürdig gelten natürlich alle die Bücher, die sich mit den Lehren der katholischen Kirche nicht decken. Das meiste und beste, was uns seitdem die sog. klassische Literaturperiode und die gelehrte Forschung auf dem Gebiete der Naturerkenntnis, der Religionsgeschichte und der Bibelforschung geleistet haben -- die staunenswerte Gedankenarbeit eines ganzen Jahrhunderts -- ist der katholischen Kirche zum mindesten verdächtig. Freiheit der Forschung gilt ihr als Freiheit des Irrtums. Was braucht denn der Mensch noch zu forschen? Alle Wahrheit steht ja schon in der Bibel, in den päpstlichen Erlassen und in den Beschlüssen der Konzilien. So lesen wir in allen katholischen Lehrbüchern. Ich will irgendein wörtliches Zeugnis anführen, das ich zufällig in Händen habe:

»Die katholische Kirche stützt die Lehre, die sie verkündet, nicht auf Vernunftbeweise und glänzende Demonstrationen, sondern rein auf das +Ansehen+, welches ihr Jesus Christus gegeben, da er sie auf einen Felsen gründete, den selbst die Pforten der Hölle nicht überwinden werden. Dieses Ansehen ist ohne Vergleich größer und wirksamer, als jeder Vernunftsbeweis, und gibt der Kirche eine Auszeichnung, die sie kennbar und unterscheidbar macht unter allen existierenden christlichen Konfessionen. ›Denn‹, sagt der heilige Augustin, ›es ist unter den Ketzern eine allgemeine Regel, daß sie sich auf die Vernunfteinsicht viel zu gute tun, und sie in Widerspruch zu bringen bemühen mit dem Ansehen der Kirche, das doch so fest begründet ist; sie müssen aber so handeln, weil sie wohl die Lächerlichkeit und die Verachtung sehen, die sie auf sich ziehen würde, wenn man ihr Ansehen mit dem der Kirche vergleichen würde.‹ (118. Brief). ›Alle Ketzer‹, sagt er an einer anderen Stelle, ›betrügen im allgemeinen durch ein stolzes Prahlen mit Wissenschaft, und durch Spöttereien über die Einfalt derjenigen, die da glauben‹.«

Wo der Grundsatz gilt: nihil innovetur, nisi quod traditum est, gibt es keine freie Meinung, keinen Forschertrieb, keine selbstgefundene Überzeugung; denn der Satz heißt zu deutsch: »Keine Neuerung! Nur was überliefert wurde!« oder noch deutlicher und deutscher: Geistiger Stillstand, geistiger Tod!

Es ist ganz im Sinne dieser Kirche, daß der Papst +Pius X.+ jetzt wieder an alle seine Lämmer neue Scheuklappen verteilt. Wie das auf uns geistig freien Deutschen wirkt, sagt mit wenigen Worten das »Blaubuch« (1906 Nr. 32 S. 1266):

»Pius X., der angeblich zur Versöhnung geneigte liberale Papst, der einst mit Wonneschluchzen begrüßte ›schlichte Priester‹, hat eine Enzyklika wider den ›Modernismus‹ geschleudert, die so ziemlich die stärkste Leistung des Obskurantentums ist, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Zeitungen dürfen in den Seminaren nicht mehr gelesen werden; nur in seltenen Ausnahmefällen ist es Theologen gestattet, an einer Staatsuniversität zu studieren; die Bischöfe sollen inkorrekte Prediger während ihrer Predigt öffentlich unterbrechen. Kurz, der Katholizismus verdammt sich selbst zur Erstarrung. Und angesichts einer solchen Geistesverfassung des leitenden Mannes sollte es nicht Pflicht sein, die Partei, die diesen Gedankengängen notgedrungen beipflichtet, mit aller Energie zu bekämpfen?«

Wir wissen aber, daß der neue Papst damit nichts fordert, was nicht vor ihm die Kurie schon immer gefordert hatte. Man höre nur, falls weitere Zeugnisse erwünscht sind, wie z. B. Papst +Gregor+ XVI. den Liberalismus und die von diesem erstrebte +Preßfreiheit+ bekämpft (1832), dieselbe Preßfreiheit, die dann Gesetz wurde und mit deren Hilfe wir jedenfalls doch ein großes Deutsches Reich erstritten haben. Er nennt sie »jene verruchte und nie genug zu verwünschende Preßfreiheit, die einige mit so vielem Geschrei zu ertrotzen und weiter auszudehnen suchen, um Schriften jeder Art unter das Volk zu verbreiten« und ergeht sich über sie in Zornesergüssen, die wenig angebracht waren, da wir ohne diese leider noch nicht genügend durchgeführte Preßfreiheit zweifellos in russische Zustände hineingeraten wären. Denn wenn man dem geistigen Wachstum eines Volkes keinen Raum, wenn man dem Volkswillen kein Ventil gibt, dann sind Kesselexplosionen unausbleiblich. Wir haben in Deutschland nicht zuviel, sondern zuwenig Preß- und Redefreiheit.

+Maximilian Harden+, ein Sachkundiger, schrieb erst jüngst bei seiner Kritik von allerlei betrübenden Zuständen in der deutschen Politik (»Zukunft« 1906, Nr. 38): »Nicht alles kann man unter der Herrschaft eines bis zu völliger Lächerlichkeit veralteten, von Nikolaus' Asiatenstaat überholten Preßgesetzes drucken; selbst der Furchtloseste nicht die Hälfte dessen, was er knirschend vernimmt,« -- aber selbst der Gedanke an diese bescheidene Preßfreiheit versetzte schon den heiligen Vater in wilde Ekstase:

»Wir erschaudern, ehrwürdige Brüder,« ruft er aus, »wenn wir betrachten, welche sonderbare Lehren oder vielmehr welche Ungeheuer von Irrtümern wie eine Flut über uns hereinbrechen, Irrtümer, die weithin sich ausbreiten durch einen Schwall von Büchern, Zeitschriften und Flugschriften, die zwar dem Umfange nach klein und unbedeutend, aber der darin enthaltenen Bosheit nach desto größer und bedeutender sind; und aus denen, wie wir beweinen müssen, der Fluch über die Erde sich ausgegossen hat. Und doch gibt es, ach! noch Menschen, die sich so weit von der Unverschämtheit dahinreißen lassen, daß sie eigensinnig behaupten, dies von der Preßfreiheit entspringende Zusammenströmen von Irrtümern werde hinreichend wieder ersetzt durch irgendein Buch, das in diesem Sturme der Zeiten zur Verteidigung der Religion und Wahrheit herausgegeben werde. Es ist ja gottlos und allem Rechte entgegen, geflissentlich eine gewisse und überwiegend schlechte Tat zu begehen oder geschehen zu lassen, weil man Hoffnung hat, daß daraus irgend etwas Gutes hervorgehen könnte. Wird wohl auch jemand von gesundem Menschenverstande behaupten, daß man Gifte frei verbreiten, ja öffentlich verkaufen und austragen, ja sogar trinken dürfe, weil man irgendein Mittel besitzt, durch dessen Gebrauch diejenigen, die da Gift getrunken haben, manchmal vielleicht vom Tode gerettet werden könnten?« -- Es ist nützlich, sich von Zeit zu Zeit mit Geist und Ton der Kurie auf Grund ihrer eigenen Urkunden vertraut zu machen, damit man sich nicht durch ihre kluge Taktik betören lasse. Fistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps!

Während wir Protestanten jedem das Studium aller katholischen Schriften völlig freistellen, verbietet die Kurie unseren katholischen Landsleuten zu lesen, was in +unserem+ Lager erscheint, macht ihnen dadurch eine Verständigung mit uns, einen Einblick in unser geistiges Leben unmöglich, arbeitet also der inneren Verschmelzung und Einigung unseres Volkes entgegen, ja, hält geflissentlich die Kluft offen und preist ausdrücklich noch, daß diese »Sorgfalt des heiligen apostolischen Stuhles, womit er verdächtige und schädliche Bücher zu verdammen und sie den Händen der Gottlosen zu entreißen suchte, zu allen Jahrhunderten sich gleich und beständig geblieben sei; daraus gehe deutlich hervor, wie falsch, wie verwegen, wie beschimpfend für denselben apostolischen Stuhl, ja wie furchtbar an all den ungeheuren Drangsalen des christlichen Volkes die Lehre jener Leute sei, welche nicht bloß die Zensur der Bücher als eine drückende Last verwerfen, sondern sogar so weit in ihrer Bosheit gehen, daß sie behaupten, die Zensur widerspreche allen Rechtsprinzipien, daß sie es auch wagen, der Kirche das Recht abzusprechen, eine solche Zensur (nämlich über Bücher von geistlichem und kirchlichem Inhalte) aufzustellen und auszuüben«.

Eine der haltlosesten Behauptungen der katholischen Volksbeglücker ist die, daß der »Unglaube« die Sozialdemokratie, mithin den politischen Zusammenbruch züchte. Das ist natürlich nur ein schlauer Geschäftstrick, um die Regierungen zu gewinnen.

Was geht es überhaupt die Kirche an, ob einer Konservativer oder Sozialdemokrat ist? Ihr Reich sollte doch nicht von dieser Welt sein. Aber sie hält es gerade mit den Mächtigen und Reichen, also mit denen, welchen ihr Herr den Himmel verschlossen hat. Die Behauptung, daß die geistliche Schule in Frankreich ein Schutzmittel gegen die Sozialdemokratie gewesen sei, ist völlig hinfällig, wie +I. Tews+ (Schulkämpfe der Gegenwart, Teubner 1906) mit dem Hinweis lehrt, daß bei den Kammerwahlen im Jahre 1898 unter 584 französischen Abgeordneten 131 Sozialisten waren, während gleichzeitig die deutsche Reichstagswahl von 398 Abgeordneten nur 57 Sozialisten ergab.