Part 11
»Kommen Sie in ein Land, wo man Sie liebt, und wo es keine Religionseiferer gibt,« schrieb er an Voltaire, und bei anderer Gelegenheit: »Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden, der Regierung können alle Religionen gleich sein, nur muß jeder ein guter Bürger sein, mehr verlange man nicht von ihm.« Und in dem Fürstenspiegel:
»Ihr Fürsten seid das Haupt der +bürgerlichen+ Religion eures Landes. Diese besteht in Rechtlichkeit und allen sittlichen Tugenden. Es ist eure Pflicht, sie ausüben zu lassen, besonders +Menschenliebe+, welches die +Haupttugend jedes denkenden Wesens+ ist. Die +geistliche+ Religion überlasset dem höchsten Wesen! Die Politik eines Fürsten verlangt meiner Meinung nach, daß er den Glauben seines Volkes nicht berühre und vielmehr, so gut er kann, die Geistlichkeit seiner Staaten und seine Untertanen zur +Sanftmut+ und +Duldung+ anleite.«
So lehrte man vor 150 Jahren vom Throne herab. Wir aber erhielten ein reaktionäres Volksschulgesetz, den Seminaristen werden Ibsen und andere große Wahrheitskünder als Gesinnungsschädlinge verboten und engherzige Geistliche wollen die jungen Leute allein auf die Bibel, als einzigen Lebensquell, verpflichten. Umsonst hatte Voltaire sich gerühmt:
»Ils condamnaient le pape et voulaient l'imiter. L'Europe par eux tous fût longtemps désolée. Ils ont troublé la terre, et je l'ai consolée. J'ai dit aux disputants l'un sur l'autre acharnés; Cessez, impertinents, cessez, infortunés!«
VIII.
Die Kirchen als Erzieher zur Mannhaftigkeit.
Die tiefsten sittlichen Kräfte des Menschen liegen in seiner Religion. Die Macht, die über den Glauben der Menschen Herr wäre, müßte das Größte auf Erden wirken können. Eine solche Macht hat jederzeit die Kirche angestrebt, die katholische und nicht minder die protestantische, und dabei auf die Hilfe der politischen Mächte vertraut -- leider!
Wie weit müßten wir in Deutschland gekommen sein, wenn die Überzeugungen und Regierungsgrundsätze des +Großen Friedrich+ von Preußen allzeit bis heute Beachtung und Nachfolge gefunden hätten! Dieser Weise auf dem Throne sprach als seinen Grundsatz aus: »Die bürgerliche Regierung kräftig zu handhaben und jedem die Freiheit des Gewissens zu lassen. +Immer König zu sein und nie den Priester zu spielen+, das«, sagte er, »ist das sicherste Mittel, um den Staat vor Stürmen zu bewahren, die den dogmatischen Geist der Theologen fortwährend zu erregen suchen.« Ja, dieser fürchterliche dogmatische Geist der Theologen! Was für unsagbares Leid hat uns der schon auf Erden gebracht! Und das alles aus lauter Liebe und Barmherzigkeit, alles zur größeren Ehre Gottes!
Es ist eine der häufigsten, aber unerwiesensten Behauptungen, daß der Bestand unseres Reiches, die sittliche Wohlfahrt unseres Volkes und vor allem auch seine kriegerische Tüchtigkeit gebunden seien an das, was man mit einem ganz allgemeinen und heute kaum noch definierbaren Worte »den Glauben« nennt. Einen solchen allgemeinen Glauben haben wir in Deutschland nicht mehr. Deshalb kann und darf der Glaube auch von Kirche und Staat nicht zwangsweise gelehrt werden, will man nicht einer rein mittelalterlichen und zudem völlig unfruchtbaren Gewissensvergewaltigung das Wort reden. Kein Kaiser oder König ist Herr über unseren Glauben, ebensowenig der Staat oder irgendeines seiner Organe. Schon deshalb nicht, weil ihr eigener Glaube mit menschlichem Irrtum durchsetzt ist. Der heilige +Augustin+ sagte schon: »nihil tum voluntarium est quam religio«, »nichts unterliegt so sehr dem eigenen Willen wie der Glaube«.
Ich berufe mich aber lieber auf Königsworte, an denen bekanntlich nicht gerührt und gerüttelt werden darf. +Friedrich der Große+ schrieb an +Voltaire+: »Die Priester sind von den ältesten Zeiten an Heuchler und Betrüger gewesen. Welcher Nation und Religion sie auch sein mögen, sie sind vom gleichen Schlage. Immer wollen sie sich eine despotische Gewalt über die Gemüter anmaßen -- das macht sie zu Verfolgern derer, welche es wagen, die Wahrheit zu sagen. Sie sind immer bereit, den Bannstrahl zu schleudern, um die Feinde ihres Ehrgeizes zu zerschmettern.« -- -- An einer anderen Stelle schreibt er mit einem Haß und auch mit einem Mißverständnisse über den Ursprung und das Wesen der christlichen Religion, die fast ebenso erstaunlich sind, wie die Mannhaftigkeit seiner Überzeugung: »Die Gründung der christlichen Religion hat wie die aller Herrschaften einen schwachen Anfang gehabt. Ein Jude, aus der Hefe des Volkes, von zweifelhaftem Ursprünge, der unter die Abgeschmacktheiten der hebräischen Propheten Moralvorschriften mischte, dem man Wunder beilegte und der zum Tode verurteilt wurde, ist der Held dieser Sekte. Zwölf Fanatiker verbreiteten sie. Als die Christen ihre Liebesmahle heimlich einnahmen, wurden die Beherrscher argwöhnisch. Die Frommen trotzten den Verboten des Senats, stürzten Götzenbilder um, und daher entsprangen die Verfolgungen, deren die Kirche sich rühmt. Die Priester sammelten die Gebeine der Hingerichteten, und heilige Betrüger führten die Anrufung der Heiligen ein. Als Konstantin sich der Politik wegen zum Beschützer der Kirche erklärte, sah man neue Dogmen aufsprießen. Man machte Jesus zum Gotte und für den heiligen Geist erfand man das Mittel, dem Beginne des Johannisevangeliums die Worte: ›Im Anfange war das Wort, und das Wort war Gott‹ hinzuzufügen. Dieser Betrug wurde Dogma. Die Betrüger waren Päpste. Die Finsternis ward dichter von Jahrhundert zu Jahrhundert. Ein verwegener Mönch, namens Luther, empörte sich gegen Rom. Nichts ist so erbittert und unerbittlich als theologischer Haß. Nach unendlichen Schrecken erlangte Deutschland die Freiheit des Gedankens. Wer sieht nicht, daß die Kirche ein Werk der Menschen ist? Welche erbärmliche Rolle lassen sie ihren Gott spielen! Er schickt seinen einzigen Sohn in die Welt. Dieser Sohn ist Gott. Er opfert sich selbst, um sich mit seiner Kreatur zu versöhnen! Er macht sich zum Menschen, um das verdorbene Menschengeschlecht zu erlösen. Was geht hervor aus einem so großen Opfer? Die Welt bleibt so verdorben wie sie war. Dieser Gott, welcher spricht: ›es werde Licht!‹ sollte er sich unzulänglicher Mittel bedienen? Ein Akt seines Willens genügt, um das Übel aus der Welt zu schaffen, um den Nationen einen Glauben einzuflößen, der ihm gefällt. Nur Bornierte mögen Gott ein Verfahren beilegen, welches seiner unwürdig ist, indem sie ihn ein Werk unternehmen lassen, das ihm nicht gelingt.«
So sprach der größte Denker, der je auf einem deutschen Throne saß. Sollen wir nun seine Worte mißachten oder ihm folgen? Sollen wir alle Glaubensschwankungen unserer Regierungen und Behörden mitmachen?
Jeder Hof findet natürlich in seiner Umgebung Anhänger seiner Überzeugungen. So auch der Große Friedrich.
Geh. Reg.-Rat Dr. +Hahn+ schreibt darüber (Friedrich der Große S. 241): »Es konnte nicht verborgen bleiben, daß die Leugnung der christlichen Wahrheiten in seinem vertrautesten Kreise eine begünstigte Stätte fand und die verrufensten Schänder alles Heiligen, z. B. der berüchtigte Schriftsteller +Bahrdt+, von ihm mit offenen Armen aufgenommen wurden, auch die frivolsten Verächter des Christentums sich seiner Gunst erfreuten« usw. -- Man male sich einmal aus, wie heute unsere Behörden denken, glauben und handeln würden, wenn Friedrich der Große deutscher Kaiser wäre! Ein großes ehrenwertes Volk läßt sich aber in seinem tiefsten und unantastbarsten Wesen durch amtliche Verfügungen nicht treffen und umstimmen.
Die katholische Kirche erklärt mit dreistem Munde: »Wenn Wissenschaft und Forschung +in die Bahnen positiven Glaubens+ gelenkt sind, dann wird dem, was heute von vielen Vertretern einer ungläubigen Wissenschaft erstrebt wird, ein Ziel gesetzt werden können.«
Demgegenüber ist zu sagen, daß vor der Wissenschaft die christliche Religion überhaupt nicht mehr bestehen kann. Denn die Wissenschaft kann die Gottheit Christi nicht anerkennen.
Der greise +Darwin+ hatte recht, als er schrieb: »Wissenschaft hat mit Christus nichts zu tun, außer insofern, als die Gewöhnung an wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht, Beweise anzuerkennen.« -- »Was mich selbst anbetrifft,« fügte er hinzu, »so glaube ich nicht, daß +jemals irgendeine Offenbarung stattgefunden hat+. Im betreff eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich selbst +zwischen widersprechenden unbestimmten Wahrscheinlichkeiten die Entscheidung treffen+.« (Dowe, 5. Juni 1879.)
Wer hat den Glauben? Niemand weiß es; jeder nimmt ihn für sich in Anspruch: Katholik, Protestant, Jude, Heide, Mohammedaner, Buddhist, Dissident, Kirchliche und Unkirchliche. Innerhalb der allein seligmachenden Kirche entschied höher die Inquisition über die Glaubensechtheit. Unzählige starben auf dem Scheiterhaufen, die man heute würde unbehelligt leben lassen. Ihres Unglaubens wegen wurden von der Kirche +Galilei+ verfolgt, +Giordano Bruno+ verbrannt. Unser Protestantismus ist für die Katholiken Unglaube. Wir behaupten: »Der Protestantismus ist nichts anderes als eine andere Form derselben wahren Religion, in der es möglich ist, Gott in demselben Grade zu gefallen, wie in der katholischen Kirche.«
Aber der unfehlbare Papst hat diesen Satz in seinem Syllabus vom 8. Dezember 1864 (§ 3, 18) als Irrtum verdammt.
+Kant+ wurde seines Unglaubens wegen unter Wöllner von der preußischen Regierung an der weiteren Aussprache über Religionsfragen gehindert. Unser Kaiser aber bezeichnet jetzt Kant als einen der von Gott erleuchteten Männer.
+Paul de Lagarde+ sagte (ich zitiere aus dem Gedächtnis): »nur ein Gott Christus geht uns an, der Mensch Christus wäre in hohem Grade langweilig.«
+Harnack+ aber lehrt: »Jesus hat den Menschen die höchste Religion gegeben, nicht weil er Gott war, sondern weil er den Menschen den höchsten Begriff von Gott gegeben hat.«
+Delitzsch+ bekämpft die Lehre, daß die Bibel das Werk göttlicher Offenbarung und einer Verbalinspiration sei. »Unglaube ist für die Orthodoxie, was Lessing gelehrt, was Goethe geschrieben hat, Unglaube so ziemlich die ganze moderne Literatur. Als ungläubig wurde Fichte vom sächsischen Konsistorium angeklagt. Nahezu alle großen Denker und Dichter sind des Unglaubens beschuldigt worden. Und vom Standpunkt der Kirche nur mit Recht; denn sie glaubten nicht, was die Kirche geglaubt wissen wollte. In der katholischen Kirche wird in gemessenen Zwischenräumen ein Gelehrter und wieder einer wegen Unglaubens belangt und mit Exkommunikation bedroht, bis er sich »löblich unterwirft«; in der evangelischen Kirche erlebt man Jahr für Jahr Maßnahmen gegen Geistliche, die das Apostolikum nicht buchstäblich nehmen.«
(Vossische Ztg. 1906. Nr. 425.)
Lessing hat seinen Nathan umsonst gedichtet. Noch immer gibt es gebildete Deutsche, die »den rechten Glauben« allein zu besitzen wähnen.
+Friedrich Naumann+ hat buchstäblich recht, wenn er sagt: »Es gibt keinen einheitlichen Glauben mehr, nicht einmal in ein und derselben Konfession. Jeder Kopf glaubt etwas anderes. Ich will nicht sagen,« fährt er fort, »daß heute weniger geglaubt wird, als früher, aber es wird unregelmäßig geglaubt. Die Glaubensbegriffe decken sich nicht mehr ... Der vielfältige Glaube ist unbequem zu verwalten, aber er ist wahrhafter als die Einförmigkeit.«
Ein Glaube, der nicht wahrhaftig ist, ist ein Widerspruch in sich, ist geradezu sündhaft, sittenverderbend, männertötend in dem Sinne, daß er ihnen das Mark der mannhaften Gesinnung aufzehrt. Ein solcher Scheinglaube ist schlimmer als gar kein Glaube.
Wenn unsere Kirchen die Kraft nicht mehr haben, ihre Gemeinde zu begeistern, Hingabe an ihre Lehren zu erwecken, dann haben sie sich eben überlebt. Nichts aber ist törichter, als den Menschen einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie nicht mehr glauben. Zum Glauben kann man weder sich selbst, noch einen anderen zwingen. Glaube ist nicht einmal lehrbar. Wenn die Gemeinden +den+ Trost nicht mehr suchen, den ihnen die Kirchen geben wollen, dann werden sie sich an andrer Stelle Trost suchen.
»Es ist nun eine offenbare Tatsache, daß die großen Massen der Gemeinden der Kirche entfremdet und voll Haß und Feindschaft gegen die christliche Religion erfüllt sind.« Das ist das Bekenntnis eines Protestanten, dessen Zeugnis keinen Zweifel zuläßt, des Vorsitzenden der Berliner Kreissynode.
Sein Bericht hebt hervor, daß die Agitation der Sozialdemokratie für den Massenaustritt aus der Landeskirche anscheinend größeren Erfolg gehabt hat als früher. Im vorigen Jahre wurden 254 Austritte in dieser Diözese gegen 104 im Jahre vorher gezählt. In diesem Jahre sind bis Ende April 458 Austritte teils vollzogen, teils angemeldet.
Syn. +D. Stöcker+ warnt dringend, die gegenwärtige Agitation zum Austritt aus der Kirche zu unterschätzen. Sie habe einen anderen Charakter als die früheren Austrittsbewegungen. Jetzt treten nicht bloß Sozialdemokraten, sondern auch +Angehörige bürgerlicher Kreise+ aus, weil ihnen die Kirchensteuer nach und nach zu hoch erscheint und sie in dieser Beziehung durch die öffentlichen Angriffe auf die Kirchensteuer noch bestärkt werden. Die Sozialdemokraten unter Hinweis auf die erfolglosen Bestrebungen zur Erringung des Wahlrechts für den Landtag -- was die Kirche doch nichts angeht --, zum anderen unter Hinweis auf das +Schulgesetz+ und zum dritten auf die Kirchensteuer. »Das sind«, sagte Stöcker, »ganz andere Motive als früher, +die Lage ist weit gefährlicher+ und die einzelnen Punkte sind weit aufreizender als früher. Es kommt schon vor, daß ein Meister zusammen mit 17 oder 18 Gesellen austritt, daß ein ganzes Haus von Familien den Austritt erklärt. Auch die psychologische Situation ist anders als früher; früher hatten die Stadtmissionare bei ihren Besuchen in den Familien der Austretenden noch Erfolg, jetzt aber +stoßen sie auf Wut, Haß+ und +Verbitterung+. Zweifellos hat die jetzige Bewegung einen viel stärkeren und bösartigeren Charakter als früher. Es ist bedauerlich, daß weite Kreise so zur Kirche stehen, und wer es mit der letzteren wohl meint, sollte sich in Weisheit, Behutsamkeit und Besonnenheit hüten, den +Haß gegen die Kirche und die kirchlichen Einrichtungen+ noch zu schüren und der Agitation noch Nahrung zu geben. Die Sache«, sagte er abschließend, »ist sehr bedenklich und zeigt, daß wir +auf der schiefen Ebene des Abfalles des Volkes von der Kirche weit vorgeschritten sind+.«
Das also sind die Wirkungen einer Kirche, die ihre Glaubensgemeinde trösten und beglücken sollte, die mit allen staatlichen Mitteln gestützt wird und für die Unsummen erzwungener Steuern verausgabt werden!
Die wahre Ursache dieser Ablehnungen, Mißstimmungen und Austritte aus der Landeskirche sehen die frommen Herren natürlich nicht und suchen sie in Äußerlichkeiten. Das beweist nur, daß sie das deutsche Volk nicht kennen, dasselbe Volk, das vor 400 Jahren mit staunenswertem moralischen Mute von der alleinseligmachenden Kirche zu Luther abfiel, dasselbe Volk, das eben erst in blutigen Kriegen seine sittliche Kraft vor den Blicken aller Welt erprobt hat.
Es war wenigstens ein Versuch, den wahren Problemen auf den Grund zu kommen, als dem unduldsamen Fanatiker Stöcker, der in des Großen Friedrichs Staate nie mehr hätte möglich werden sollen, von dem Syn. Rechnungsrat Burghard (Heiligkreuz) erwidert wurde: »Ich freue mich, daß Herr Stöcker sich in der Behandlung der Gegensätze zwischen Positiven und Liberalen jetzt geändert hat. (Heiterkeit.) Früher wurden wir Liberalen als gleichberechtigte Glieder der Kirche nicht anerkannt, wir waren gut genug, Steuern zu zahlen, im übrigen sollten wir den Mund halten. Jetzt, wo die Not sich zeigt, sollen wir auch mithelfen. Wenn die Agitation auch zum Austritt an das Landtagswahlrecht und das Schulgesetz anknüpft, so hat das wohl darin seinen Grund, daß die Leute sagen: Diejenigen, die uns das Wahlrecht nehmen und das Schulgesetz geben, sind die Hauptstützen der orthodoxen positiven Kirchenpartei. (Sehr richtig!) Hofprediger Stöcker sagt uns, wir sollen beileibe nicht von der Kirchensteuer sprechen. Es ist das ein eigentümliches Verlangen. Nachdem wir Liberalen in der Stadtsynode erklärt haben, daß wir die Verantwortung für die Erhöhung der Kirchensteuer nicht übernehmen, werden wir natürlich nun nicht einfach den Mund halten!«
Als Stöcker darauf sagte, er habe abweichenden Glauben nie als Unglauben bezeichnet und sei viel besser als sein Ruf, quittierten ihm die Hörer, wie die Zeitungen berichteten, hierfür mit »Unruhe« und »Heiterkeit« und das in einer +Synodalsitzung+! -- +Wir+ wissen sehr wohl, weshalb die alten Kirchen leer stehen. Wir wollen es mit den Worten Gustav +Frenssens+ sagen:
»Es geht wieder ein Sehen durch unser Volk, die drei gewaltigen Mächte, die es aus sich selbst erzeugt, die Obrigkeit, die Religion und die Sitte zu verjüngen. Es geht ein Wille und Wunsch durchs Volk, zur Natur zu kommen, zu einer schlichten schönen Religion, zur sozialen Gerechtigkeit, zu einem einfachen, edlen, germanischen Menschentum.«
Hören wir noch ein zweites modernes Bekenntnis:
»Jesus hat den modernen Christen weder das +Weltbild+ gegeben, das sie jetzt besitzen, noch den +Gottesbegriff+, den sie jetzt umfassen, noch den +Lebensweg+, den sie jetzt gehen. Aber ein Glaube, dem man weder buchstäblich folgen kann, noch im Geiste ganz in sich aufnehmen will, sondern den man nur nach Behagen und Erfordernis gebraucht, dieser Glaube +ist nicht mehr eine gottgegebene Religion+ und das Christentum ist allen denen entbehrlich, die wissen, daß Sünden und Sorgen zum Entwicklungslauf gehören. Das Kreuz ist nicht mehr ihr Sinnbild.« (Ellen Key »der Lebensglaube«.)
Ich kenne auch die Einwände der »Positiven«. Der »Reichsbote« hat mich selbst schon einmal mit seiner Aufklärung beehrt. In einem Aufsatze über »Radikalismus« wurde mit Grausen gemalt, daß durch solchen Subjektivismus die Gesellschaft und der Staat in seine Atome zerfallen müsse. Ein großer Irrtum: England und Nordamerika mit ihrem stark entwickelten Sektenwesen halten geistig besser zusammen als unsere kirchlich zentralisierten Staaten. In jenen glücklichen Ländern läßt man tatsächlich jeden nach seiner Fasson selig werden und erlöst sogar die Schulkinder aus dem Glaubenszwange. Man scheint also dort erkannt zu haben, welche Achtung man der persönlichen Überzeugung eines freien Bürgers schuldig ist, daß ein Mensch nicht den oder jenen Glauben hat, daß vielmehr umgekehrt dieser oder jener Glaube den Menschen habe. Man schafft sich doch seinen Glauben nicht willkürlich, sondern er wächst uns von innen heraus als eine Naturnotwendigkeit. Was aber geht den Staat mein Glaube an? Ich trage ihn ja still in mir herum, niemandem zuleide.
Hat Deutschland irgendeinen Nachteil bisher z. B. von dem +Positivismus+ des Bundes für »freie Denker und ernste Wahrheitssucher« gehabt? (Dr. H. Molenaars Jahrb. Bd. V. »Religion der Menschheit«.) Oder von dem Bunde der +Monisten+? Liegt Verbrecherisches, Gemeingefährliches in ihren Glaubenssätzen? Man höre und prüfe gerecht:
Der Deutsche Monistenbund will die Kultur des einzelnen, des Volkes und der Menschheit fördern, indem er
wissenschaftlich unhaltbare und überwundene Weltanschauungen, vor allem aber ihre Eingriffe in das Einzel- und Gesellschaftsleben bekämpft;
neue Erkenntnisse als Grundlagen einer neuen Weltanschauung verbreitet;
neue Ideale der Lebensführung aufzuweisen und zu verwirklichen strebt.
I. Irrig und kulturhemmend ist jeder Dualismus in der Weltanschauung und Lebensführung. Irrig und kulturhemmend ist im besonderen:
1. die Annahme offenbarter göttlicher Wahrheiten mit absoluter Autorität gegenüber dem menschlichen Forschen nach Wahrheit;
2. die Annahme unbedingter übernatürlicher Kräfte und Gewalten, gedacht als freie Ursachen des natürlichen Weltgeschehens;
3. die Annahme eines himmlischen Jenseits, das Ziel und Vollendung des menschlichen Lebens auf Erden.
II. Unsere neue Weltanschauung ist der Monismus, das ist:
1. die Einsicht, daß die Natur aus sich selbst erklärt werden muß, ohne ein übernatürliches Prinzip;
2. die Erkenntnis, daß alles Geschehen nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen verläuft, die in der Natur der Dinge selbst begründet sind;
3. die Gewißheit, daß die Natur einheitlich ist, dieselbe in allem Geschehen und in allen Gestalten.
III. Unser neues Ideal ist die Menschheit, die ihre Stellung in der Natur kennt und auf Grund dieser Kenntnis in ihr Schicksal selbstbestimmend eingreift. Die Anwendung der erkannten Naturgesetze auf die Gestaltung des Einzel- und Gesellschaftswesens soll uns befähigen:
1. durch Selbst-, Haus- und Volkserziehung eine immer größere Zahl gesunder, tüchtiger, vernünftiger und edler Persönlichkeiten heranzubilden;
2. durch planmäßige Arbeit dieser Persönlichkeiten unser Volks- und Staatsleben auf eine immer höhere Stufe der Freiheit und Ordnung, der Gerechtigkeit und Fürsorge zu erheben;
3. durch bewußte Fortführung ihres allgemeinen Entwicklungsprozesses die menschliche Gattung selbst zu erhalten, zu kräftigen und zu immer höheren Stufen der Naturerkenntnis und Naturbeherrschung, der Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung zu führen.
In den +Religionen+ sieht der Monismus also nicht übernatürliche Offenbarungen, sondern wandelbare Erzeugnisse des Gefühls und Geisteslebens der verschiedenen Völker in den verschiedenen Zeiten. Er erkennt den Wert der Religionen und ihre Bedeutung für die Veredelung der Menschheit völlig an, doch bestreitet er entschieden, daß Religiosität immer und untrennbar mit übernatürlichen Vorstellungen verknüpft sein müsse.
Von den +Konfessionen+ behauptet der Monismus, daß sie durch den Zwang, den sie mit Hilfe staatlichen und gesellschaftlichen Druckes schon auf die Bildung der Jugend ausüben und durch den Zwiespalt, den sie in unser Volksleben hineintragen, vielfach schädigend auf die Entfaltung wahrhaft religiösen Lebens einwirken.
Den +Staat+ betrachtet der Monismus als ein Ergebnis menschlichen Daseinskampfes und Organisationsstrebens. Er sieht in ihm die den einzelnen im Daseinskampfe stärkende Organisation einer verwandtschaftlich oder geschichtlich zu einer Rechts- und Kulturgemeinschaft verbundenen Menschengruppe. Entsprechend dieser hohen Bedeutung des Staates für die Erhaltung und Entwicklung des Volkes gebührt den staatlichen Interessen im allgemeinen der Vorrang vor den individuellen. Das Entwicklungsziel des Staates erblickt der Monismus darin, größtmögliche Freiheit der einzelnen mit möglichst vollkommener Ordnung des Ganzen zu verbinden und so eine Versöhnung von entwicklungskräftigem Individualismus mit echtem ethischen Sozialismus herbeizuführen.
Der Monismus maßt sich nicht an, alle Zweifel beseitigen und eine Lösung aller Welträtsel geben zu können, doch glaubt er eine dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechende Weltanschauung zu vertreten.
Welcher Ernst, welch hohes sittliches Streben, welche wissenschaftliche Treue, welcher Wille zur Wahrhaftigkeit, welche Duldsamkeit! Es gibt keinen alleinseligmachenden Monismus, keinen Glaubenszwang, keine Ächtung Andersgläubiger; hier wird niemand mit ewiger Verdammnis bedroht, niemandem etwas genommen, keiner vergewaltigt und überlistet, keinem Kinde in der Entschließung vorgegriffen, keinen Manne Umkehr verboten. Ich sehe nichts, was an diesem »Monistenbunde« Tadel verdiente und habe Lust ihm beizutreten.