Part 10
Die Mehrzahl meiner Freunde hatte teils freiwillig, teils gezwungen die Stadt verlassen. Carriere lebte in München als Privatdozent, Wolfsohn als Rechtsanwalt in Hamburg, Oppenheim, der sich an dem Aufstand in Baden beteiligt hatte, als Flüchtling in Paris. Die beiden Brüder von Behr waren ebenfalls infolge der politischen Ereignisse nach Amerika ausgewandert, wo der ältere, Alfred, sich in New-Orleans als praktischer Arzt, der jüngere, Ottmar, als Landwirt in Texas niederließ. Traube, der durch den Einfluß unseres Lehrers Schönlein eine Stelle als behandelnder Arzt an der Charité auf der Abteilung für Brustkranke erhalten und sich unterdessen verheiratet hatte, war ausschließlich mit seinen Studien und ärztlichen Konsultationen beschäftigt, so daß ich ihn nur selten sah. Bettina von Arnim war verreist und als sie wiederkam, kannte sie mich kaum wieder. So erfuhr ich an mir im vollsten Maße die Wahrheit des alten Sprichwortes: »Les absents ont toujours tort.«
Man lernte sich bescheiden. Und da es mit der Ausgestaltung eines nationalen Staates nichts werden wollte, wurde man entweder flüchtig und »Amerikaner« oder suchte sich eine ideale Welt, ein Weltbürgertum, wurde Kosmopolit nach dem Rezepte:
»Zur Nation euch zu bilden, das hofft ihr Deutsche vergebens. Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.«
Der echte deutsche Bürger rühmte sich zugleich seines steifen Rückgrates und bekannte von sich, daß er allzeit »Männerstolz vor Königsthronen« bewahren werde. Schon Schiller hatte im Vorwort zur Rheinischen Thalia (1774) verkündet, er werde schreiben »als Weltbürger, der keinem Fürsten dient«.
Es ist kein Zufall, daß unser Kaiser an der nationalen Feier des hundertjährigen Todestages unseres Schiller achtlos vorbeiging. Kein härterer Vorwurf damals für den deutschen Bürger, als ein Höfling, ein Fürstenknecht zu sein. In den Revolutionsjahren bäumte sich dieser Bürgertrotz noch gewaltiger auf. Als der kleine Königsberger Jude Dr. +Jacobi+ gewagt hatte, dem König ins Gesicht zu sagen: »Das ist eben das Unglück, daß Fürsten die Wahrheit nicht hören wollen,« wurde er dafür von seinen Gesinnungsgenossen ebenso lebhaft bewundert, wie von den Königstreuen verspottet und beschimpft.
+Bismarck+ hat die Souveränität wieder hingepflanzt wie einen rocher de bronze, uns ein Deutsches Reich geschaffen, die Kaiserkrone geschmiedet und unseren Hohenzollern aufs Haupt gesetzt. Er konnte all das nur leisten im Kampfe gegen die noch revolutionär gestimmten Parteien. Der Erfolg hat ihm recht gegeben, und durch sein gewaltiges Lebenswerk, seine aufragende Gestalt ist er uns zum edelsten Vertreter germanischer Mannhaftigkeit geworden. Deutschland hatte wieder seinen Heros, an den es glauben, nach dem es sich bilden konnte. Damit aber ging zusammen eine ungerechte Mißachtung jener deutschen Männer, die ihm aus ehrlicher Gesinnung mannhaft entgegentraten und sein Lebenswerk hemmten. Heute lernt man sie gerechter beurteilen und fängt sogar an, sich nach ihren hohen Mannesidealen wieder umzusehen.
Damit kämen wir in die Gegenwart und auf die Frage, welches Mannesideal heute der deutschen Jugend vor den Augen und der Seele stehen mag.
Die Antwort ist nicht leicht zu geben, deshalb nicht, weil uns eben leider ein einheitliches Ideal fehlt. Wir sind nicht so glücklich wie die Engländer, bei denen der Idealmann, der gentleman, schon seit Jahrhunderten eine gegebene Tatsache ist.
Es verlohnt sich, bei dem Anblick dieses Mannestypus, der uns allerorten in den Weg tritt, etwas zu verweilen.
Die Menschheit zerfällt nach dem Urteile jedes einigermaßen gesitteten Engländers in zwei Gruppen, in gentlemen und nicht gentlemen. Dementsprechend in lady und nicht lady. Ein Mensch beträgt sich entweder gentlemanlike oder nicht, ladylike oder nicht -- ein Drittes gibt es nicht. Es zweifelt kein Engländer daran, daß der gentleman der Idealmann sei. Das ganze Volk erkennt dieses Vorbild an, es ist auch im Prinzip keiner davon ausgeschlossen.
Der Arbeiter entrüstet sich, wenn sich jemand erdreisten sollte, ihn den Ehrennamen eines gentleman abzusprechen, und auch der Lord weiß sich keinen höheren Titel. Der gentleman hat Achtung vor dem Gesetze und noch größere Achtung vor dem Recht der Persönlichkeit. Da er die Eigenart der Menschen achtet, beansprucht er auch für sich ein völliges noli me tangere -- und das eben auf Grund seiner Verfassung, die ihm heilig ist.
Das englische Recht, das natürlich nur wenige Deutsche kennen, da es uns ja viel wichtiger ist die Verfassungen von Athen, Sparta und Rom und das corpus iuris zu kennen, das englische Recht ist die großartige nationale Schöpfung dieses freien germanischen Volkes, ist ein Recht, das auf der Achtung der Menschenwürde aufgebaut ist.
Mit lebhafter Zustimmung lese ich die Rede, die +Josef Köhler+ zur Begrüßung der englischen Gäste der International Law Association gehalten hat. (»Der Tag« A. Nr. 510) darin heißt es u. a.: »England hatte das große Glück, sich sein Recht, bürgerliches wie öffentliches, aus angelsächsischen und normannischen Elementen selber schaffen zu dürfen, und wie unser Goethe einmal sagt: ist es ein großer Vorzug einer Kultur, wenn sie, ungehindert durch Einflüsse von außen, ihre eigenen Kräfte voll entfalten kann« -- Und weiter: »Ich bewundere das englische Recht wegen seiner Biegsamkeit und seines Anpassungsvermögens; wie es, hierin dem römischen Rechte vergleichbar, mit einem gewissen konservativen Zuge das alte Gefüge beibehielt, dann aber in seinen Ausläufern sich befähigte, allen Anforderungen des vielseitigen Lebens zu entsprechen; wie es, zuerst voller Formeln und Seltsamkeiten, sich seit Mitte vorigen Jahrhunderts immer mehr vereinfachte und sich dem heutigen Wesen anschmiegte. So konnte das englische Recht ein Weltrecht werden und in der Neuen Welt wie in der Alten die Leuchte der Kultur vorantragen; so konnte es, dem genialen Triebe germanischen Denkens entsprechend, immer neue Rechtsgebiete beherrschen; und wie wir England das Parlament verdanken, so verdanken wir ihm die heutige Gestaltung des Erfinder- und Urheberrechtes.
Dem Deutschen aber ist das englische Recht noch namentlich dadurch lehrreich: was wir heutzutage in Deutschland erstreben, die schöpferische Kraft der Rechtsprechung, das ist in England schon jahrhundertelang geworden. Das Heil der Rechtspflege liegt da nicht in dem wörtlichen Auslegen der Gesetze, nicht in dem ständigen abgöttischen Sichverbeugen und Sichverneigen vor den gesetzlichen Ausdrücken sondern in dem kühnen Erfassen der im Gesetz und Rechtsleben waltenden Rechtsvernunft. Gerade in dieser Beziehung hat die englische Rechtsprechung Hohes, vielleicht das Höchste erreicht. Sie hat gezeigt, wie unrichtig es ist, eine solche schöpferische Tätigkeit der Gerichte zu scheuen. Welche Fülle von klarer Lebensbeobachtung, von gesundem Sinn, von feinem Takt, von rechtlicher Weisheit und kerniger Kraft ist in den englischen Entscheidungen des 18. und 19. Jahrhunderts niedergelegt! Wie weiß sich hier die Rechtspflege den Bedürfnissen des Falles anzupassen, wie klar und tief alle Geheimnisse des Lebens zu ergründen und allen Einzelheiten gerecht zu werden! Das soll für uns ein ständiges Vorbild sein!«
Wie nur der gentleman ein solches edles Recht schaffen konnte, so konnte auch unter einem solchen Rechte allein der gentleman wachsen und sich erhalten. +Denn alle Kraft eines Volkes wurzelt in seinem Rechte.+ Unser römisch-germanisches Recht macht die Deutschen zu Tausenden rechtlos, unterwirft sie der Tyrannei des Kapitals, und des Buchstabens, der von der Menschenwürde nichts weiß und stumme Unterwerfung des Lebendigen unter das Tote fordert. -- Ich könnte kleine Musterproben englischer Rechtssprechung geben, die mit wenigen Strichen den Gegensatz grell anschaulich machen würden. Aber es führt hier zu weit. Genug an der Erkenntnis, daß der gentleman nur möglich ist unter englischem Rechte. Dieses Recht ist wirklich ein Schutz und eine Zuflucht jedes Engländers, der lebhafte Ausdruck des Volksbewußtseins und Volkswillens, ist ein Stück England selbst, nicht Fremdkörper, ist der Stolz der Bürger, nicht sein Spott und Fluch!
Unter diesem Gesetze gedieh auch eine vernünftige Erziehung. Als ich auf diese vor Jahren als vorbildlich hinwies, bespöttelte man die Geschmacklosigkeit, als könnten wir von John Bull etwas lernen. Heute schreibt +Wilhelm Münch+ mit viel tieferer Einsicht: »Selbst das uns so nahe englische Vorbild, von dem wir ja glücklicherweise manches in den letzten Jahrzehnten übernommen haben und hoffentlich noch mehr übernehmen werden, kann nicht etwa als ganzes und unbedingt unsere Wahl werden.« Gewiß nicht! Will auch niemand.
Doch zurück zum gentleman!
Der gentleman lügt nie. Eine einzige offenkundige Lüge bringt selbst den Knaben um alle Reputation bei seinen Mitschülern; der gentleman ist nicht laut und vorlaut, hält sich gemessen und würdevoll. Es gehört zum gentleman auch, daß er körperlichem Sporte huldigt, irgendeiner Kirche angehört, Klubs und öffentliche Versammlungen besucht, bestimmte Hüte, Handschuhe, Hosenschnitt nach der Mode, ebenso Stiefel, Bartfrisur u. dgl. habe. Der gentleman führt beim Essen das Messer nicht zum Munde, nimmt keinen Senf zum Hammelbraten, grüßt nicht durch Hutabnehmen, sondern nur mit der Hand. Er hat Tausend kleine Pflichten zu befolgen -- aber er trägt diesen beschwerlichen Dienst gern, denn er erkauft sich damit das Köstlichste, was ein Mensch haben kann, Selbstachtung und die Achtung der Mitmenschen. Die politische Überzeugung kommt dabei nicht mit in Rechnung. Man kann liberaler und ebensogut konservativer gentleman sein. Man braucht in England keine Titulaturen; denn es genügt ja, daß man gentleman ist. Dadurch gewinnt der Verkehr seine gefälligen und festen Formen. Kurz, es ist etwas Köstliches mit diesem gentleman. Ein Kind ist leicht zu lenken, wenn das ganze Volk so fest geprägte Begriffe und unwandelbare Formen für das hat, was den Wert des Mannes ausmacht. Ich glaube, diese großartige Kulturleistung -- die Herausbildung eines schönen Mannesideals -- trägt das Hauptverdienst an allen weiteren kulturellen Errungenschaften der Engländer. Zumal die Erfolge in der Kolonisation fremder Völker dankt England gewiß größtenteils dem gentleman. Man kann in den Augen der Engländer auch als Ausländer gentleman sein, freilich nicht eben leicht. Am sichersten ist schon, ganz englisches Wesen anzunehmen. Und so zwingend ist dieses Erziehungsgebot, daß sich ihm wirklich selbst reife Männer die aus fremden Ländern kommen, willig beugen. Kein Volk der Erde hat dem etwas Gleichwertiges an die Seite zu stellen.
VII.
Ergebnis.
Der um die Betätigung seiner mannhaften Triebe betrogene Deutsche wurde immer wieder auf sein Gemütsleben hingewiesen. Man machte ihm weis und er glaubte es schließlich selbst, daß er von Natur mit einem besonderen Beruf nur für diese Seite des Lebens ausgestattet sei. Man behandelte ihn von Staats und Kirchen wegen wie ein krankes Kind, das vom Fenster seines armseligen Kämmerleins aus zusehen muß, wie sich draußen auf der Wiese die gesunden Bengel tummeln und balgen, wie sie singen und springen und sich die reifen Äpfel von den Bäumen schütteln. Trauernd sinkt das kranke Kind in sich zurück, baut sich im Innern seine schöne Märchenwelt und lernt ein Glück in der Selbstbeschränkung und in der Entsagung finden. Es pflanzt sich seine Blümchen auf dem Fensterbrett und fängt sorgsam die matten Sonnenstrahlen auf, die sich bis in diesen versteckten Winkel hereinwagen. So wurde aus dem Deutschen, der von Haus aus ein recht gesunder, handfester Draufgänger war und das Leben sehr praktisch und real zu leben wußte, ein Stubenhocker, ein Betbruder, ein Dichter und Denker. Bescheidenheit und Demut wurden seine Tugenden, die stille, behaglich erwärmte, enge Stube des Kleinstädtchens wurde seine Welt, in der ihm tatsächlich das Herz aufging.
Niemand führt uns in diese Stimmungssphäre besser ein als der schlichte, kindlich-fromme +Ludwig Richter+, der Verherrlicher des äußerlich engen, aber dabei innerlich tiefen sächsischen Philisterlebens; Richter, der nach seinen eigenen Worten darzustellen trachtet: »in aller Sichtbarkeit der Menschen Lust und Leid und Seligkeit, der Menschen Schwachheit und Torheit, in allem des großen Gottes Güt' und Herrlichkeit«, dem es aber nie in den Sinn kam, Äußerungen menschlichen Wagemutes, Trotzes und Kampfes darzustellen. Sein Leben war von einer rührenden Hingabe und Selbstlosigkeit, Schlichtheit und Demut, durchwärmt von einem stillen Glücke und deshalb groß, ja erhaben in seiner Beschränkung. Aber -- füge ich hinzu -- ein +Volk+, das seines Sinnes lebte, wäre dem Untergang geweiht.
Der unfreie Deutsche fand vielfach seinen Trost in der Kneipe beim Schoppen Bier. Da sah ihn die weise Behörde auch recht gerne sitzen. Am Stammtisch trank er sich seine Bierleber und sein Bierherz an, wurde satt und genügsam. »Laßt dicke Männer um mich sein,« war noch stets der Wunsch aller Autokraten. Sie lieben die Mageren und Hohläugigen nicht, die zuviel denken. Im Bier ersäuft der Deutsche seinen jugendlichen Tatendrang und jeden Untertanenärger. Beim Biere durfte man große Worte ertönen lassen, denen keine Taten zu folgen brauchten. Beim Biere konstruierte sich der Studio seinen idealen Bierstaat, der zu nichts als zu wackerem Saufen verpflichtete. Bierselig ist die ganze Poesie +Victor Scheffels+, der immer erst einen tüchtigen Schluck nehmen mußte, ehe seine Muse erwachen wollte. Im Biere erlosch leider auch der Ingrimm des liebenswürdigen +Fritz Reuter+. Ich schätze ihn unendlich hoch und danke ihm Stunden wahren Glückes -- so sinnig, so echt und gesund sind seine Dichtungen --, aber ich kann ihm nicht nachempfinden, daß der so Mißhandelte wieder heiter und zufrieden werden konnte. Ich würde es natürlicher und auch männlicher gefunden haben, wenn er sein Leben der +Rache+ und dem Kampfe für Deutschlands innere Befreiung geweiht hätte. Er war eben auch einer der unzähligen von der eigenen Mutter Germania gebrochenen, um ihr Bestes, ihr mannhaftes Herz, betrogenen Kinder. Auch er lernte schließlich beim Biere lachen und scherzen, während sein edles Herz verblutete.
Es war ein -- allerdings vergeblicher -- Protest gegen diesen Geist des Entsagens gewesen, der dem deutschen Volk erst aufgezwungen, dann zum Bedürfnis geworden war, als +Schiller+ »in tyrannos« auftrat. Auch sein ganzes Leben war ein Ringen mit den Fesseln des deutschen Kleinmuts, kleinbürgerlicher Selbstgenügsamkeit und ein Trieb, aus den niedrigen Stuben mit ihrem schwülen Dunst und den »engen Gesprächen« hinaus in die freie weite Luft zu kommen.
Er hatte dem Leben wieder Schwung gegeben, den Mut zur Tat, die frohe Lust am Dasein, die Begeisterung zum Heldentod. Aber es erging ihm wie noch immer den Deutschen, die mehr und Besseres sein wollten, als still genügsame und fügsame Untertanen. Es erging ihm, wie dem Vogel, der dem Käfig entschlüpft, nun ins Freie eilen will, aber bei jedem frischen Anflug mit dem Kopf an einer harten Glasscheibe anschlägt. Er träumte von den herrlichen Alpen, von dem weiten, lockenden Meere, von dem sonnigen Süden, von einem großen, stolzen Volke, er rief es aus: »Wir wollen frei sein, wie die Väter waren«, aber auch seine Welt blieb eine Traumwelt, ein die ganze Menschheit umfassender Rausch und Freudentaumel, ein himmelstürmender Gedankenbau, dem eine Wirklichkeit nicht entsprechen wollte. Er sah nicht mit Augen all die Herrlichkeit der Erde, der seine Seele erglühte, sah vor allem kein großes stolzes Vaterland und verzehrte seine edle Natur im Kampfe und Kleinkrieg mit körperlichem Leiden, den traurigen Folgen einer echt deutschen Stuben-Erziehung, materieller Not und unzureichender Körperpflege.
Wir Deutschen sind allzeit schlecht erzogen und schlecht behandelt worden. Wir sind noch heute das unfreieste Kulturvolk der Erde. Wir leben noch immer als Untertanen und lassen uns regieren, anstatt daß wir unsere Geschicke selbst leiten lernten. Wir glauben noch, so gut es gehen will, was uns irgendeine Kirchenbehörde als rechte Seelenkost zubereitet, wir lassen uns von Zeit zu Zeit wie ungezogene Kinder bei den Ohren nehmen, lassen uns eine herbe Strafpredigt halten und nehmen sie ohne Trotz entgegen.
Wollen wir unsere besten Männer nennen, -- Schiller, Arndt, Jahn, Heine, Reuter, Richard Wagner, Bucher, Miquel, Kinkel, Schurz, Laube etc. --, so müssen wir von Staat und Kirche Verfolgte nennen. Unsere Kultur- und Literaturgeschichten nehmen sich aus wie Kriminalberichte. Die besten Kräfte unseres Volkes müssen immer darauf verwandt werden, uns vor uns selbst zu schützen. Kein Wunder, wenn uns andere Völker zuvorkommen. Wenn wir die größten Namen im Gebiete des deutschen Geisteslebens im XIX. Jahrhundert suchen, so fallen auf die kleine Schweiz mit ihren freiheitlichen Einrichtungen im Verhältnisse weit mehr als auf das große Deutschland. Der größte Pädagoge -- Pestalozzi -- ein Schweizer, der größte Maler -- Böcklin -- ein Schweizer, der größte Schriftsteller -- Gottfried Keller -- ein Schweizer. Ebenso leben wir jetzt auf den wichtigsten Gebieten fast schon ausschließlich von Pump: Carlyle, Ruskin, Emerson, Walt Whitman, Björnson, Ibsen, Tolstoi, Gorki gelten uns mehr als unsere schriftstellernden Landsleute.
Und dieses Mal nicht deshalb, weil wir eine Sucht nach dem Fremdländischen hätten -- nein, es lebt gerade jetzt in uns der lebhafte, starke Wunsch zur Heimatkunst, zur Selbstbestimmung zu kommen -- aber jene fremden Autoren haben uns tatsächlich über unser eigenes Denken und Fühlen, für unsere eigenen geistigen Bedürfnisse mehr zu sagen. Sie sind nicht klüger, aber sie sind innerlich freier, gefestigter, selbstvertrauender.
Wie anders sollte man erklären können, daß z. B. die Erziehungschriften der Schwedin +Ellen Key+ in Deutschland rein verschlungen werden, während hervorragende deutsche Pädagogen kaum Gehör finden. Ellen Key »Essays« sind in 11 Tausend, »Das Jahrhundert des Kindes« in 26 Tausend, »Über Liebe und Ehe« in 28 Tausend Exemplaren bei uns verbreitet. Dagegen haben der im preußischen Ministerium an führender Stelle wirkende Geh. Regierungsrat +Dr. Matthias+, ebenso wie der gleich anerkannte Pädagoge, Universitätsprofessor Geh. Rat +Wilhelm Münch+ für ihre Werke, die wohl in Fremdsprachen überhaupt nicht übersetzt wurden, in Deutschland nur eine Verbreitung von 1--3 Auflagen, wobei alle höhere Schulen schon selbstverständlich als Abnehmer gelten müssen.
Die Pädagogik der höheren deutschen Lehrer aber, die nicht an leitender Stelle stehen, ist völlig mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Sie wagt sich an die Lebensprobleme nicht einmal heran, +getraut+ sich nicht von dem zu sprechen, worum sich doch die ganze Erziehungspraxis und Erziehungsweisheit drehen sollte. Der Erziehungs+beamte+ versagt eben vollständig:
In früheren Zeiten boten die Abhandlungen, die den Schulprogrammen beigefügt wurden, den Lehrern, die eigene Gedanken hatten, Gelegenheit, diese in die Öffentlichkeit zu bringen.
Wenn wir die Programme lesen, die z. B. der blutjunge Herder veröffentlicht, so staunen wir über den rückhaltlosen Freimut und den geradezu übermütigen Reformationseifer, mit dem er den damals herrschenden Schulbetrieb geißelte. Ich habe aber in den eindringlichsten Lebensbeschreibungen Herders keine Zeugnisse dafür gefunden, daß ihm diese offene Aussprache verübelt worden wäre, Feindschaften und Schaden gebracht hätte. Heute sind diese Herderschen Abhandlungen vielleicht die einzigen unter vielen tausenden älterer Zeit, die noch Bedeutung haben und in dem pädagogischen Kampf unserer Tage wieder zu Worte kommen.[7]
Jene Zeit, die der Unkundige sich gerne als geistig unfrei denkt, gestattete selbst dem jüngsten Lehrer das freie Manneswort. Und so erhielt es sich bis an unsere Zeit heran, bis aus Zentralisationsbedürfnis der Beamtencharakter und damit Beamtengehorsam höhere Wertung erhielt, als die mannhafte, wenn auch unbequeme Überzeugung eines selbständigen Kopfes. Da wurde denn die Verfügung erlassen, daß die Programmabhandlungen sich möglichst eng an die Schulaufgaben anzuschließen und vor der Drucklegung einer Begutachtung von seiten des Schulleiters zu unterziehen hätten. Die höhere deutsche Lehrerschaft ließ diese wie andere Demütigungen ohne einen Laut der Klage, ohne ein Wort des Widerspruches über sich ergehen, ließ sich geduldig einen Backzahn nach dem anderen ziehen. Jetzt geht der Oberlehrer mit seinem Manuskripte zum Herrn Direktor, läßt es sich wie ein braver Tertianer durchsehen, und nachdem alle irgend bedenklichen Stellen ausgemerzt sind, setzt der Direktor sein imprimatur darunter. Daher denn die jetzigen Schulprogramme höchst sachlich, ruhig, lehrhaft und höchst langweilig sind: nahrhafte Haferschleimsuppen und gezuckerter Milchgrieß.
Unsere Zeit wird künftigen Geschlechtern trotz aller Betriebsamkeit und staunenswerten Kleinarbeit als pädagogische Wüste erscheinen.
Nur +ein+ Gebiet gibt es, auf dem der Deutsche allzeit frei geschaltet hat. Das ist das der +Musik+. Da ist er denn auch unbestritten Herr der Erde; da huldigen ihm alle Völker.
In der Musik konnten sich deutscher Freiheits- und Tatendrang ungehemmt ausleben. +Beethovens+ und +Wagners+ gewaltige Trotz- und Siegesfanfaren unterlagen keiner Zensur, da hatte die Macht der Kirche und des Staates keine Handhabe. Töne stehen gottlob noch nicht unter polizeilicher Aufsicht. Da sieht man denn auch, daß wir Deutschen +nicht+ unmännlich, +nicht+ unselbständig, auch nicht Klassizisten sind, daß unser Geistesleben von Hellas und Rom nichts in sich aufgenommen hat. In dieser wahrsten, weil von keiner weltlichen oder kirchlichen Macht beschränkten Lebensäußerung der Volksseele bekennt sie sich selbst mit Stolz als selbstherrlich und unerreichbar hochstehend.
+Richard Wagner+ hat das Abiturientenexamen an einem Gymnasium bestanden -- aber wann erinnert er wohl auch nur mit einer Note an diese Schulvergangenheit? Das klassische Altertum ist durch seine Seele gezogen, ohne darin irgendeinen Lebenskeim zurückzulassen. Dasselbe gilt übrigens von dem Maler +Moritz von Schwind+. Auch er blieb völlig immun gegen die klassische Seuche und wurde dadurch der bedeutendste Seelenkünder deutschen Naturempfindens.
Wir Deutschen sind stets gegängelt und irregeführt, und groß sind nur die geworden, die ihre Schule überwanden. Den wenigsten gelang es und gelingt es heute. Es ist ein harter Kampf, wie eine Neugeburt. Wem es aber gelingt, der ist -- gerettet.
Anstatt, daß wir von den Erziehungsmächten auf unsere eigene Flur geführt würden, drängte man uns immer und immer wieder in fremde Länder und machte unser Herz heimatlos. Stets sollte uns irgendeine ferne, unbekannte, unverstandene, aber »heilig gesprochene Vergangenheit« das Leben selbst ersetzen. Was aber die Geologen und Biologen längst wissen, das sollten auch Theologen und Pädagogen endlich lernen, daß es nämlich in der Welt keine Rückkehr gibt. Die Griechen wußten es schon, denn +Heraklit+ hatte gelehrt, daß du nie in denselben Fluß steigen kannst. Denselben Sinn hatte wohl auch der Spruch: ρόδον παρέλθὼν μηκέτι ζήτει πάλιν (Wenn du an an einer Rose vorbeigegangen bist, so suche nicht wieder nach ihr) -- ein Wort, so tief, daß es des Heraklit würdig scheint.
Wir Deutschen haben aber von den Griechen, die wir zu lieben vorgeben, nie etwas gelernt und sollten in der Schule von ihnen nicht viel anderes lernen als ihre Grammatik, von der sie selbst wenig wußten und über die nachzudenken sie klüglich einigen wenigen Sophisten überließen.
Wir Deutschen lernen überhaupt schwer und, weil in unserer Erziehung keine Einheit und Vernunft herrscht, vergessen wir auch wieder, was wir einmal gelernt haben. So haben wir z. B. die Lehren des Großen Fritz vollständig verloren. Denn der lehrte in Übereinstimmung mit seinem großen Lehrer Voltaire religiöse Duldung, Toleranz, Aufklärung und rief Freidenker nach Preußen.