Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

Part 7

Chapter 73,547 wordsPublic domain

»Wenn mir's befohlen wird, -- ja!« erklärte Ferdinand fest, »aus bloßem Vorwitz wär' es wohl strafbar, aber bei Erfüllung einer Pflicht giebt man sich in Gottes Hand. Da muß ja jeder Bergmann täglich sein Leben wagen!«

»Er ist ein echtes Bergmannsblut!« rief der Gelbgießer. »Nun weiß Er was, ich hab' mir ein Plänchen erdacht. Wird der alte Schacht wieder gangbar, so müssen wir doch dort neue Bergleute anlegen und mehr als am neuen. Da reicht nun ein Schichtmeister mit einem Grubensteiger und Hutmann nicht aus, und wenn wir schon dem Frenzel die Leitung beider Gruben als Schichtmeister lassen, so brauchen wir doch noch ein paar Grubensteiger für den oberen Schacht und für beide Schächte einen tüchtigen Obersteiger. Und der wird Er und kein Anderer. Dann denk' ich, soll Er auch Sein Mädchen bekommen.«

Ferdinand drückte dem Redner freudig die Hand. »Wenn über mich befohlen wird,« sagte er, »so gehorche ich. Aber den Schichtmeister übergehen Sie nicht! Und wenn er das Wagstück auf sich nimmt, so wollen die Herren Gewerken hübsch an seine Familie denken.«

»Daran soll's nicht fehlen,« sagte Mickley und Ferdinand nahm Abschied.

Ferdinand hatte in der einzigen Buchhandlung des Ortes ein Buch über Naturlehre bestellt und wollte sehen, ob es angekommen sei. Er mußte da an dem Hause des Goldschmieds vorbei und begegnete vor der Thür desselben dem Schichtmeister mit ganz verstörtem Gesicht. Er konnte sich nicht helfen, er trat mit einem Glückauf auf ihn zu und fragte, ob ihm etwas fehle. Der Gefragte starrte ihn an, -- nach einer Weile sagte er: »Was soll mir fehlen? Ich suche meine Frau, -- hat Er sie gesehen?«

Da Ferdinand verneinte, so ließ ihn der Schichtmeister stehen und eilte in die nächste Seitengasse. Ferdinand sah ihm bedenklich und beklommen nach. Schon seit längerer Zeit war ihm eine zunehmende Abmagerung und Verdüsterung des sonst so vollen und freundlichen Gesichtes seines Vorgesetzten aufgefallen, und er und Hedwig hatten darüber oft ihre Besorgnisse getauscht; aber so verstört war ihm dieses Gesicht nie erschienen. Mit trüben Gedanken ging er in den nahen Buchladen; hier eingetreten, fand er sich dem Obereinfahrer und -- dem Doctor Meier gegenüber. Ferdinand bot dem Ersteren seinen bergmännischen Gruß und fragte dann nach seinem Buch. Es war nicht angekommen.

»Wollen Sie das Buch für sich?« fragte der Baron, und als Ferdinand bejahete, sagte er: »Dann können Sie sich die Ausgabe ersparen; vielleicht ist das Buch noch gar nicht verschrieben, oder man macht die Bestellung rückgängig. Ich habe eine sehr gute Physik zum Selbstunterricht, -- irre ich nicht, so sind Sie der neue Steiger auf dem Vater Abraham, den ich mit geprüft habe, kommen Sie mit zu mir, ich schenke Ihnen das Buch.«

Ferdinand war ganz überrascht von dieser Güte. Bis jetzt war der Herr nur immer an ihm vorübergegangen, ohne von ihm weiter Notiz zu nehmen, und nun kam er ihm auf einmal mit einem so freundlichen und werthvollen Geschenk entgegen. Hatte vielleicht Brunhild ihre Furcht vor der Mutter und ihre Schüchternheit vor dem vornehmen Bräutigam so weit überwunden, daß sie ihm von Hedwigs Liebe zu Ferdinand geplaudert? Während dieser hierüber nachsann, sagte der Obereinfahrer zu dem Doctor: »Es bleibt dabei, Robert: Du wohnst die wenigen Tage Deines Hierbleibens bei mir. Willst Du jetzt Deine Mutter begrüßen, was nicht mehr als billig ist, so geh' und komm' zurück, wann es Dir beliebt!« Dann ging er mit Ferdinand fort. Düster blickte diesem der Doctor nach und machte sich dann langsam ebenfalls auf den Weg. Auf dem Markte begegnete er der Schichtmeisterin mit ihrer zweiten Tochter. »Ei! da ist ja der Herr Doctor wieder!« rief ihm die Frau entgegen. Nach gewechselter Begrüßung fragte sie: »Wie geht's auf Hallbach? Was machen die gnädigen Herrschaften?«

»O, die sind ~in dulci jubilo~, weil ich den Papa gichtfrei aus Kissingen zurückgebracht habe. Sie senden die herzlichsten Grüße an die Braut ihres lieben Sohnes und ihr ganzes Haus, aber der gnädige Herr will nun auch die künftige Schwiegertochter sehen. Ich komme als außerordentlicher Botschafter, um sie mit ihrer Frau Mama und dem Bräutigam abzuholen!«

»O welche Ehre! die treffliche Herrschaft!« rief die Schichtmeisterin; »Klotilde, da gilt es, schnell etwas Garderobe in Stand zu setzen!« dann stellte sie noch manche Frage eitler Neugier, die der Doctor zur größten Befriedigung beantwortete. »Aber was hab' ich hören müssen?« sagte er darauf, -- »der Mensch, -- wie heißt er doch! -- nun, der früher Ihr Schwiegersohn werden wollte, der ist ja Steiger auf dem Vater Abraham geworden!«

»Das erfahren Sie jetzt erst?« versetzte die Schichtmeisterin, »freilich ist er's geworden, so sehr ich dagegen gekämpft, er hat sich die Gunst der Gewerke erschlichen und schon auf den Tod Ihres Vaters gelauert.«

»Das scheint mir selbst so,« sagte der Doctor, »und nun ist er Ihnen ein Stück näher gerückt; ich meine in Betreff seiner Heirathsabsichten.«

»Das mag er sich einbilden, aber daß er sich täuscht, dafür bin ich da!«

»Er scheint aber ein Fuchs zu sein, hat er doch auch schon den Baron für sich eingenommen. Der hat ihn jetzt freundlich zu sich eingeladen, um ihm ein Buch zu schenken. Wenn der Mensch da nur nicht von seiner Liebschaft plaudert!«

»Das wäre ja gräßlich! Was meinen Sie, da wäre der Baron wohl im Stande, die Verlobung rückgängig zu machen?«

»Das schon nicht,« erwiederte der Doctor lächelnd der erschrockenen Frau, »dazu liebt er die Brunhild zu innig; ja ich glaube, er könnte mit seinem guten Herzen wohl der Fürsprecher des Schleichers werden, aber auch dadurch sein eigenes Glück gefährden. Ich weiß, was es bedurft hat, den alten Herrn für die Verbindung mit einer so anständigen Familie, wie die Ihrige ist, zu gewinnen. Hätte ich nicht meine eigene Angelegenheit vor ihm einstweilen in den Hintergrund treten lassen, so weiß ich nicht, ob Sie so bald Hochzeit halten würden, als es nun der Fall sein wird.«

»O, Sie guter, lieber Herr Doctor!« sagte die Frau, seinen Arm drückend, »wie dankbar müssen wir Ihnen sein! Aber verlassen Sie sich auch darauf, daß wir Ihren Empfehlungen keine Schande machen werden. Lassen Sie nur erst die Hochzeit vorbei sein, dann muß das Frauenzimmer zu fernen Verwandten. Jetzt bei dem Drasch, den wir haben, kann ich sie nicht entbehren.«

Leise flüsterte der Doctor ihr zu: »Lassen Sie das Mädchen lieber da, vielleicht findet sich ein Mittel, den Steiger unschädlich zu machen -- wir sprechen weiter darüber -- auf Wiedersehen!« Damit trennten sie sich.

Die Schichtmeisterin begab sich jetzt nach der Pension ihrer Kinder, wo sie ihrem Manne das Rendezvous gegeben, das sie aber um eine Stunde versäumt hatte. Er hatte, wie wir gesehen, sie inzwischen gesucht, war aber zuletzt wieder an den verabredeten Ort gegangen und traf, abermals zum Suchen ausgehend, sie unter der Thür.

»Endlich!« rief er, »Du bist aber doch auch gar zu sorglos, Frau!«

»Sorglos? Ich?« rief sie erstaunt. -- »Nun bitt' ich einen Menschen, zu entscheiden, wer mehr sorgt und schafft in dieser Zeit wie ich!«

»Geh hinauf, Klotilde,« sagte der Schichtmeister, »ich muß mit Deiner Mutter noch einen Weg gehen.«

Klotilde gehorchte, und der Schichtmeister nahm den Arm seiner Frau, blieb aber in der Hausflur stehen und sagte: »Weißt Du auch, daß wir verloren sind? Morgen ist der Wechsel fällig, und die Post ist wieder angekommen, ohne eine Entscheidung Deiner Angelegenheit, geschweige gar Geld zu bringen!«

»Nun, der Goldschmied wird wohl prolongiren,« sagte sie.

»Nicht eine Stunde. -- Ich war bei ihm, bat ihn, fiel ihm bald zu Füßen, -- umsonst: er erklärte, er könne nicht anders, er habe in jüngster Zeit solche Ohrfeigen von unsicheren Schuldnern bekommen, daß er nicht mehr schonen könne. Wenn der Wechsel morgen nicht gedeckt wäre, müsse er nach Wechselrecht verfahren.«

»Um des Himmels willen!« rief die Frau, die Hände zusammenschlagend; »was wird da aus meinen Kindern? was aus Brunhild? Dich setzen lassen, -- Herr des Himmels! das wäre ja ein Schlag, der alle Hoffnungen vernichtete! Komm, Mann! ich will selbst mit zum Goldschmied gehen, -- er muß noch warten, ich will ihm meine Erbschaft verpfänden, -- komm!«

Sie gingen zu dem Wucherer. Er empfing sie mit triumphirender Miene und führte sie in sein Zimmer. »Ist vielleicht die Erbschaft angelangt?« sagte er, »das wäre mir höchst erwünscht.«

Die Schichtmeisterin berichtigte seinen vermeintlichen Irrthum und brachte ihren Vorschlag an.

»Es thut mir leid, verehrte Frau,« entgegnete der Goldschmied, »darauf kann ich mich nicht einlassen. Ich bin schon zu sehr geprellt worden, -- verzeihen Sie, -- aber in Geldsachen keine Freundschaft! -- bis morgen Abend um fünf hab' ich mein Geld, oder der Herr Schichtmeister sitzt im Stockhaus. Ich kann's nicht ändern.«

»Aber Mann! Sie werden doch kein solcher Tyrann sein?« rief die Schichtmeisterin. -- »Sie werden uns doch nicht unglücklich machen wollen? Denken Sie doch an meine Kinder, meine armen, unschuldigen Kinder, -- meine Brunhild, die dieser Schlag auf der Stelle tödtete!«

»Die Kinder, -- hm, -- die Kinder,« sagte der Wucherer im Tone des Mitleidens, -- »um ihretwillen könnte man schon ein Uebriges thun.« --

»O Sie Guter!« rief die Frau, dem Manne fast um den Hals fallend, und der Schichtmeister sagte: »Ja, Herr Reichel, um meiner Kinder willen lassen Sie Billigkeit walten. -- Nur noch kurze Zeit Geduld, und Sie sollen mit gutem Zins bezahlt werden.«

»Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht,« sagte der Wucherer, eine Thräne im Auge, -- »aber Ihre Fräulein Tochter ist ein herrliches Geschöpf, -- ja, die Natur hat sie sichtlich zu etwas Hohem bestimmt; es wäre jammerschade, wenn sie an der Schwelle ihres Glückes ins tiefste Elend geschleudert würde.« --

Die Schichtmeisterin schluchzte laut auf, dem Schichtmeister blutete das Herz.

»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr der Goldschmied fort, »borgen kann ich nicht länger, aber aus Erbarmen mit Ihrer lieben Fräulein Tochter will ich -- könnte ich -- nun, man ist auch ein Mensch -- ich könnte -- für Sie freilich ist es ein Leichtes, ich riskire doppelt und dreifach dabei, aber was thut man nicht aus christlicher Liebe! -- ich könnte mich allenfalls zur Annahme von Waare an Zahlungsstatt verstehen.«

»Waare?« rief die Frau; »was für Waare sollen wir Ihnen denn bringen? Ich habe unbeschränkten Credit bei den Schnitt- und Modehändlern.«

»Sie verstehen mich nicht,« sagte der Goldschmied lächelnd, »ich kann doch keinen Schnittladen etabliren! Ich meine: der Herr Schichtmeister soll mir von seiner Waare liefern.«

»Von meiner Waare?« rief der Schichtmeister zusammenfahrend, »was hab' ich denn für Waare?«

»Ich glaube, die Frau Schichtmeisterin versteht mich nun, ich kann mich nur auf Waare einlassen, die in mein Fach schlägt, denken Sie, ich wäre der Schuster und Sie der Gerber, liefern Sie dem Schuster Leder!«

Der Schichtmeister sah starr zur Erde. Der Wucherer wechselte mit der Frau einen Blick der Verständigung.

»Ich sehe, Sie sind unentschlossen,« sagte er dann zu dem Schichtmeister, »und Unentschlossenheit steckt an, ich finde doch, es sei gut, daß ich mir die Sache selbst erst noch überlege. Was Ihnen bedenklich scheint, muß es mir doppelt sein. Gut! ich will aus warmem Antheil an Ihrem Familienglück den Wechsel um acht Tage prolongiren, bis dahin wollen wir uns den Handel überlegen, aber ich schwöre, daß ich länger keinen Augenblick warten kann.«

Wie Verhungernde ein Brodkrümchen, ergriffen die beiden Gatten die dargebotene Frist. Sie schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß inzwischen der Erbschaftsstreit sich entscheiden und sie in den Besitz der nöthigen Zahlungsmittel bringen müsse. So gingen sie heim.

VII.

Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich sehr bald enttäuscht sehen. Am folgenden Morgen brachte der Postbote ein Schreiben von ihrem Sachwalter aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und dieses Erkenntniß sprach der Gegenpartei die Erbschaft ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das drittinstanzliche Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß wieder herstellen würde, -- aber welche weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos für die Gefahr, in der man schwebte!

Brunhild, welcher aus den aufgeregten und verstörten Mienen ihrer Eltern eine Ahnung von dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren Schmuck, selbst den bezahlten, zurückzugeben; die Mutter und Schwester sollten das Gleiche thun, um den Goldschmied zu befriedigen.

»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau; »in einigen Tagen sollen wir zu Deinem Schwiegervater reisen, sollen uns dem freiherrlichen Hause präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten, nachdem uns die gnädige Frau so geschmückt gesehen! Da müßte sie ja denken, wir hätten die Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht! Nur nicht ängstlich, meine Tochter! Es wird sich Alles machen. Der Goldschmied wird befriedigt, kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem Gatten, der bei ihrem Eintritte schnell ein paar Terzerole im Pulte verbarg. Sie bat ihn, mit in den Wald zu gehen, und er folgte ihr.

»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den Bäumen, nachdem sie sich sorgfältig umgesehen. »Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken; -- einmal ist nicht immer, -- und den kargen Gewerken, die ihrem Schichtmeister längst hätten eine Gehaltzulage geben können, da der Vater Abraham so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn wir uns selber helfen.«

»Weib!« rief der Schichtmeister, -- »wo denkst Du hin? Es hieße ja ewige Schande über uns Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte. Nein, lieber geh' ich ins Gefängniß, oder --«

»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja aller Deiner Kinder! Ich fürchte nicht, daß Du solch ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds schönes Herz bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis, -- denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann nicht mehr hoffen, Baronin von Brunn genannt zu werden.«

»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte der Mann; »ich sehe keine Möglichkeit der Rettung. Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus gewesen, um Geld zu erborgen, -- verlorne Mühe! Alles zog sich hinter Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich, schrecklich mit uns!«

»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit vorspiegelt,« versetzte die Frau, »Du wärest nicht der Erste, der sich auf die Art rettete, wie ich meine -- ein paar Centner Erz sind bald auf die Seite geschafft.«

»Aber, Weib! wenn es herauskäme.«

»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht herauskommt.«

»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte gute Steiger Meier -- --« er konnte nicht vollenden; ihm fiel die Warnung seines Vaters ein, und ein Schauer durchrieselte ihn.

»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich eher etwas wagen, als unter den Späheraugen des neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?«

Der Schichtmeister seufzte tief auf. -- »Bertha! brechen wir ab von dem Capitel!«

»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen, was geschehen soll. Geschehen muß etwas; wir sind es unsern Kindern schuldig, daß wir handeln. Es ist mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre zu bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten, schönsten Kinder der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit und Elend verkommen! Auf, Mann! Vater!«

»Aber der Steiger -- der Ferdinand -- er hat seine Augen überall.«

»Der Spion! -- Aber halt! -- ich entsinne mich -- wart' einmal, Mann! ich denke, wir werden den Aufpasser los.«

»Wie so?«

»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund hat mir gestern etwas zugeflüstert. Ich gehe diesen Nachmittag wieder in die Stadt, um das Nähere zu erforschen.«

»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom Huthause her. Es war Brunhilds Stimme. Die Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den Nachmittag um 4 Uhr in der Wohnung des Gelbgießers Mickley zu einer Berathung des Gewerkeausschusses sich einzufinden.

»Das paßt prächtig, da können wir zusammen gehen!« rief die Schichtmeisterin. -- Und so geschah es.

Dem Schichtmeister wurde vom Ausschusse der Beschluß mitgetheilt, es solle ein Versuch gemacht werden, den alten Vater Abraham wieder zu befahren, und man wolle ihm diesen Versuch unter Zusicherung einer Gratification von 100 Thlrn. von der nächsten Quartalausbeute übertragen. Der Schichtmeister war überrascht, sich zu einem Wagstück erlesen zu sehen, das er früher widerrathen -- und doch erschien es ihm wie ein vom Himmel selbst ihm gewiesener Ausweg aus den Verstrickungen der Schuld. »Lieber ehrenvoll im Berufe sterben, als der Schande verfallen!« dachte er, -- »und wenn ich als ein Opfer meiner Pflicht sterbe, wird meiner Familie der Antheil aller Guten -- dann ist auch das Glück meiner Brunhild gewahrt!« Laut und fest erklärte er seine Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen.

Der Ausschuß war theils verwundert, theils erfreut hierüber. Man rühmte den mannhaften Sinn, der noch immer unter dem Bergstande nicht erstorben wäre; doch unterließ man auch nicht, ihn auf die Gefahr aufmerksam zu machen, der er entgegenging, man erinnerte ihn an seine zahlreiche Familie und wie es ihm Niemand verargen werde, wenn er um der Seinen willen einem Jüngeren, Familienlosen, vielleicht dem Steiger Bergner, das gefahrvolle Unternehmen überließe. Aber er blieb bei seiner Erklärung und verließ am Ende mit leichterem Herzen als er gekommen, die Versammlung.

Der Schichtmeister fand seine Frau bei Klotilden. Sie war nicht so heiter gestimmt wie er, denn sie hatte den Doctor nicht daheim getroffen. Dieser hatte einen Ausflug gemacht, von dem er erst den dritten Tag zurückkehren würde. Der Schichtmeister theilte ihr, nachdem Klotilde entfernt worden, das auf seiner Seite Geschehene mit.

»Gott im Himmel!« rief die Frau entsetzt aus, »und darüber kannst Du froh sein Mann? Siehst Du denn nicht ein, daß das nur eine Falle ist, die sie Dir legen? Sie wollen Dich los sein und ihren Liebling, den Schleicher Ferdinand, an Deine Stelle bringen! Es ist eine Verschwörung gegen Dein Leben, -- begreifst Du das nicht?«

»Du bist entsetzlich, Bertha! Die Herren haben mich wohl auf die Gefahr aufmerksam gemacht und wollten mir es gar nicht verargen, wenn ich eben dem Ferdinand das Wagstück überließe. Aber das duldet einmal meine bergmännische Ehre nicht, und dann ist es für mich der einzige Weg, mit Ehren aus dieser verzweifelten Lage zu kommen.«

»Nein! nein!« rief sie, ihm um den Hals fallend. »Ich lasse Dich nicht, Du darfst Dich nicht opfern, darfst Deine Kinder nicht zu Waisen machen!« Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, -- sie fuhr in die Höhe, ihre Augen funkelten, ihre Nasenflügel dehnten sich weit. »Ich hab's! ich hab's!« rief sie, »weißt Du was? Du versprichst dem Ferdinand die Hand der Hedwig, -- und er stiege in die Hölle! Du mußt mir und Deinen Kindern bleiben, -- der Ferdinand wird vor Wonne tanzen, wenn ihm plötzlich die Hand seines Herzblattes geboten wird. Kostet ihm das Wagstück das Leben, nun so stirbt ein lediger Mensch und er stirbt im Rausche des Glückes; kommt er davon, nun, so muß die Verlobung so lange geheim bleiben, bis Brunhild Baronin von Brunn ist!«

»Aber was wird dann aus mir? Wie entrinn' ich den Klauen des Wucherers?«

»Folge nur jetzt dem Fingerzeig des Himmels! das Uebrige findet sich.« Bei sich dachte sie: ist nur erst der Aufpasser vom Wetter erschlagen, so haben wir freies Spiel auf dem Vater Abraham; es fällt mir nicht ein, den gemeinen Menschen in die Familie aufzunehmen. Es ward ihr nicht leicht, den Gatten von seinem gefaßten Entschlusse abzubringen; aber endlich siegte der Gedanke, seiner halbverwaisten und arg zurückgesetzten ältesten Tochter sich endlich einmal väterlich gerecht erweisen zu können, über seine Bedenken; und er überließ sich wieder ganz dem Einflusse seiner Frau.

Ferdinand hatte sich inzwischen mit dem ganzen Feuer seines wißbegierigen Geistes über das Werk gemacht, das ihm von dem Obereinfahrer geschenkt worden war. Es war Müller-Pouillet's großes physikalisches Werk, für den armen Steiger ein außerordentlicher Schatz. Der Zufall hatte gewollt, daß ihm im ersten Durchblättern des Werkes die Beschreibung der von Humphry Davy erfundenen Sicherheitslampe in die Augen gefallen war, und in der Erinnerung an das letzte Gespräch mit Mickley ergriff er sogleich den Gedanken, eine solche Lampe nach Anleitung des Buches zu construiren. Er eilte in die Stadt und kaufte sich den dazu erforderlichen feinen Draht. Mochte nun der Schichtmeister selbst den Auftrag der Gewerken übernehmen oder ihm die Ausführung überlassen, jedenfalls sollte die Sicherheitslampe dabei ihre Dienste leisten.

Es war kurz vor dem Schichtwechsel, wo er, schon wieder aus der Stadt zurückgekehrt, mit Hedwig und ihrem Großvater auf der Hausbank saß und Beiden seine schöne Entdeckung mittheilte, als Hedwigs Eltern heimkehrten. Der Schichtmeister forderte ihn sogleich auf, mit ins Zimmer zu kommen, und fragte ihn hier, ob er Hedwigs Hand unter der Bedingung annehme, daß er sich der Versuchsfahrt in den alten Schacht unterziehe. Dem jungen Manne war, als thäte sich plötzlich der Himmel vor ihm auf. »Und wenn zehntausend Kobolde darin hausten, ich führe hinein!« rief er trunken vor Entzücken, -- »aber ich nehme Sie beim Wort.«

»Hier meine Hand!« sagte der Schichtmeister. »Bertha, gieb ihm die Deine auch zur Bekräftigung, daß er unser Schwiegersohn werden soll, wenn --«

»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater holen und verloben Sie uns ordentlich,« bat Ferdinand und eilte hinaus. Thränen rollten über seine Wangen, als er zu den Beiden trat und sie, keines Wortes mächtig, auf- und mit in die Stube zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die Brust, dann in die Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß ward unter der Bedingung vorläufiger Geheimhaltung geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr, um welchen Preis ihr Glück erkauft worden, erschrak sie freilich; aber Ferdinand tröstete sie mit seiner Sicherheitslampe.

Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt. Bis dahin wollte der Schichtmeister alle nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der Hutmann, welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute, sorgte dafür, daß sie ihr Wort später nicht zurücknehmen konnte; obgleich das Schreiben bei ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen, sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen Verlöbnisses aufzusetzen und es von beiden Eltern unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch dafür, daß die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes streng nach der Regel getroffen wurden. Haspel, Seil, Signalschnur und Glocke, Fahrstuhl, -- Alles untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen. Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung bei dem Unternehmen ausgewählt.