Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

Part 6

Chapter 63,743 wordsPublic domain

Er hatte keine Ahnung, daß gerade diese Nacht, wo sein Vater die Nachtschicht aussetzte, zur Ablieferung einer Hälfte des gestohlenen Erzes bestimmt war. Um 1 Uhr nach Mitternacht stand der Steiger auf und begab sich in seinen Stollen. Wie erschrak der beklagenswerthe Mann, als das Erz nicht mehr zu finden war! Er durchsuchte alle Winkel und Schutthaufen des nicht tiefen Stollens -- das Erz war verschwunden. Wie vernichtet setzte er sich auf einen Stein im Stollen; er erschöpfte sich in Muthmaßungen, wer des Erzes habhaft geworden und es fortgetragen haben könnte; eben so wenig wie sein alter Camerad, der Hutmann, war er ganz frei von Aberglauben -- vielleicht war das Erz durch das Blendwerk eines Kobolds unsichtbar gemacht, vielleicht war es gar »heimgegangen« -- aber es konnte wohl auch von einem Menschen entdeckt und weggeschafft worden sein; dann war das Geheimniß schon nicht mehr blos unter Zweien. Er zitterte vor Angst, aber auch vor Frost; um sich zu erwärmen und zu ermuntern, nahm er einen Schluck aus seinem Fläschchen, das er jedes Mal gefüllt mit zur Schicht zu nehmen pflegte, die er heute von der Stadt aus antreten wollte. Aber statt daß er sonst das Fläschchen nur allmälig im Verlaufe der Schicht geleert hatte, trank er es jetzt in wenig Minuten aus. Neu belebt machte er sich an eine neue Durchsuchung des Stollens. Umsonst, das Erz war und blieb weg. Wieder setzte er sich nieder und versank in qualvolles Sinnen. Endlich erklang das Häuerglöcklein. Das lud zur Schicht. Er erhob sich, sein Kopf war schwer, taumelnd verließ er den Stollen und schlug die Richtung nach dem Vater Abraham ein. Was ihm noch nie begegnet, widerfuhr ihm jetzt: er verirrte sich im Walde und kam erst später als die andern Bergleute auf die Grube. Noch immer berauscht, voll Angst und Verdruß, stieg er in den Schacht. Die gewohnte Sicherheit des Trittes hatte ihn verlassen; in der halben Teufe verfehlte er eine Sprosse und stürzte hinab zu den Füßen Ferdinands, der heute bei der Förderung beschäftigt war. Dieser fing zwar noch den Oberkörper des stürzenden Greises mit seinen Armen auf, derselbe war aber bereits im Fallen durch die Wände erheblich verletzt, so daß er stark blutete und kein Lebenszeichen von sich gab. Ferdinand befahl dem nahen Hundejungen, Wasser zu bringen, und suchte dann seinen unglücklichen Vorgesetzten zu beleben. Auf den Lärm des Jungen kamen bald mehrere Häuer von ihren Oertern und theilten Ferdinands Bemühungen. Es gelang, dem Greise einige Lebenszeichen zu entlocken; aber sie blieben sehr schwach. »Wir müssen ihn hinaufschaffen,« erklärte Ferdinand, »ich fahre schnell aus und mache die Hängematte zurecht; Einer von Euch führt sie beim Herausfördern.« Die Cameraden waren damit einverstanden. Ferdinand fuhr aus, traf Hedwig schon wach, machte sie mit dem Unglücksfall bekannt, und erhielt nicht nur die nöthigen Decken und Stricke zu der Hängematte, sondern wurde auch von ihr in deren rascher Herstellung unterstützt. Nach einer halben Stunde lag der Verunglückte auf einem Sopha in der Wohnstube des Schichtmeisters, der sogleich einen Boten nach Pobersdorf schickte, um den Doctor herbeizuholen. Inzwischen kam der Steiger zum Bewußtsein; das erste Wort aber, das er wieder vernehmen ließ, war: »Ich muß sterben, ruft mir den Hutmann, daß ich ihm beichte!«

Hedwig weckte ihren Großvater, der den Schlaf der Gerechten schlief. Sie theilte ihm schonend mit, was seinem Jugendfreunde zugestoßen war. Erschüttert stand der Greis auf und war bald am Lager des Sterbenden. Als dieser verlangte, mit ihm allein zu sein, ging der Schichtmeister mit den Uebrigen aus der Stube; und nun nahm der Unglückliche dem alten Freunde das Versprechen ab, gleich wie ein Geistlicher das Beichtgeheimniß zu ehren; dann bekannte er ihm seine Schuld und beschwor ihn, den Schichtmeister vor den Fallstricken des wucherischen Goldschmiedes zu warnen. Unmittelbar darauf verschied er. Der Doctor kam nur zur Leiche des durch ihn gemordeten Vaters. Ob er die grause Schuld wohl fühlte? Ob die Schmerzensäußerungen, denen er sich überließ, echt und von tiefem Grunde waren? Der weitere Verlauf dieser Geschichte wird es lehren.

V.

Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens den Einfluß auf das Gemüth des Doctors, daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht weiter verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters seine so lange aufgeschobene Reise antrat. Der Trauerfall hatte auch bei den Bewohnern des Vater Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm von seiner Frau als nothwendig dargestellte und geforderte Ablohnung Ferdinands auszusprechen vergessen hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben, so erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten wieder an jene Maßregel. Vergebens stellte er vor, wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für die Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der sich zur Vertretung der Steigerstelle dränge, sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Allein die Frau brachte bald wieder durch den Vater den Beamten zum Schweigen. Glücklicherweise war die Verhandlung von Brunhild gehört worden, die auf einen kurzen Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den ihrer Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich ihren Großvater davon in Kenntniß.

»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten Häuer vom Vater Abraham will mein Sohn dem Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo ein Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den Steiger spielen möchte, taugt kaum zum Scheidejungen. Wart', da will ich, der Hutmann, auch ein Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief seinen Sohn aus dem Zimmer und lud ihn zu einem kleinen Gang in den Wald ein.

»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten der Tannen wandelten, »ich habe noch den Auftrag eines Sterbenden an Dich auszurichten. Der arme Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken ein schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum Theil den Unsegen erklärt, der auf dem Vater Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles sagen, aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des wucherischen Goldschmieds. Ich will hinzufügen, daß dieser Goldschmied den unglücklichen Steiger zu einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl auch Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine Gewalt bekäme wie ihn.«

»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der Schichtmeister empfindlich; »ich bin doch kein Knabe mehr.«

»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte der Greis. »Noch bin ich Hutmann auf dem Vater Abraham und das Haupt meines Stammes; ich habe darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem Hause wohne, das mir zur Hut übergeben worden, und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich hätte schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden sollen, um das Verderben abzuwehren, das dem Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber es ist so, man bessert nicht eher einen gefährlichen Pfad, bis ein Nächster darauf den Hals gebrochen. Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner Familie eingerissen, führt Dich zum jähen Fall -- vielleicht zu einem schlimmeren, als er den Steiger Meier ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand, als ihr ehrlicherweise bestreiten könnt.«

»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine eigensten Angelegenheiten!« unterbrach ihn der Sohn, »ich weiß schon, wie weit ich dem Dir allerdings unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine und Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit nachzugeben habe. Ich hoffe, der Hutmann Frenzel wird die Ehre seines Namens nicht befleckt finden durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn von Brunn.«

»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn; ist er doch mein hoher Vorgesetzter und gewiß ein vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines Namens wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt. Mein Sohn, das edle Bergwerk ist im Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten. Die sind nicht der wahren, sondern eitler Ehre nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue von den Bergen gescheucht und mit der Treue den Segen.«

»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die guten Berggeister verscheucht und so das Bergwerk zu Grunde gerichtet habe,« warf der Schichtmeister spottend ein.

»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann, »der Unglaube kommt aus einem hoffärtigen Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt, wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen nicht länger weilen, wo Treue, Glaube und Demuth fliehen; es hängt Alles zusammen.«

»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall unsers vaterländischen Bergbaues sagen,« fiel der Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist nicht ärmer an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen Teufen ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe, und dazu ist der Metallwerth so gesunken, daß sich der Abbau manches Erzfeldes nicht mehr lohnt, das bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig gelten würde.«

»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine ganz natürliche Erklärung,« meinte der Alte, »aber ich weiß, was ich weiß, sei es, wie es sei, das kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die Mutter der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue hausen, da baut keine Schwalbe ihr Nest, da ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause, eh' er das Ei der Untreue ausbrütet! Fang' gleich damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen Weibe sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem Vater Abraham, Punktum! Was hast Du gegen den Menschen, daß Du ihn fortschicken willst?«

Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider den jungen Häuer vorzubringen, er behauptete blos, der bevorstehenden Familienverbindung mit dem Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen ihm sonst selbst lieben Menschen dem Hause entfremden zu müssen. Der schwache Mensch glaubte, seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel ebenso überzeugen zu können, wie er durch seine Frau überzeugt war. Aber er irrte sich.

»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft mit dem Häuer, hoffentlich bald Steiger Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon darüber gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen. »Also ist der ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst Deiner Frau!« sagte der Greis; »der Obereinfahrer beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine arme bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit über die lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die Ihr ihm zutraut. Ich glaube, er würde es Euch sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine Standesehre besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der Hoffart allerwegen: immer macht sie die Rechnung ohne den Wirth. Ich hoffe, der Ferdinand bleibt auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben wollen, so werde ich mich den Weg in die Stadt nicht verdrießen lassen und dem Gewerkenausschuß rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen neuen Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort noch etwas gilt bei den Herren, und ich will es geltend machen; denn dem Vater Abraham thut gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist, ein Steiger noth, der die Augen offen hat und die alte Bergmannstreue fest im Herzen!«

»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung zur Gewerkschaft bringen wollen?« sagte der Schichtmeister.

»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten Weg, so giebt's keine schiefe Stellung!« versetzte der Alte. »Du weißt nun meine Meinung -- thu, was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause zu.

Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit seiner Frau eine geheime Berathung, in welcher sie lange auf Ferdinands Entfernung bestand, sich endlich aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar war. Sie gab in der Hoffnung nach, bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen« zu entledigen.

Während der wackere Hutmann sich so eifrig seines Schützlings annahm, war auch der Gelbgießer Mickley bemüht, ihm den Steigerposten zuzuwenden. Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom Bergamte zur Prüfung geladen. Es waren zwar außer dem Vetter des Doctors noch drei Bewerber um die Stelle da, aber er durfte es mit allen aufnehmen. Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe hervor und erhielt schon am folgenden Tage seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein redlich Liebender, wenn er sich in die Lage gebracht sieht, sein Nestchen zu bauen, damit nicht säumt. So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine Bestallung aus der Hand seines Schichtmeisters, als er sich auch ein Herz faßte und um Hedwigs Hand bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im ersten Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen Zauber, den der Freier auf ihn übte, entlocken lassen, wäre nicht die Schichtmeisterin eingetreten. Ein Blick auf sie und von ihr reichte hin, den ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der junge Steiger sah sich abgewiesen. Vergebens erklärte Hedwig ihren entschiedenen Willen, niemals von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der Großvater seine gewichtige Stimme zu Gunsten der Liebenden; die Schichtmeisterin setzte jetzt ihren Willen durch.

»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er mit Hedwig allein war, »eigentlich ist es gut, daß es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je steiler der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit. Ich bin nun siebzig Jahre alt und hab' schon viel widerwillige Eltern gesehen; aber mir ist kein Fall vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn anders die Liebenden das Herz auf dem rechten Flecke hatten. Na, bei Dir ist das der Fall, das weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt Du noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine Weile Aschenbrödel hier sein mußt, ist gewiß ein kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich Deine Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!« Und zu Ferdinand sprach er: »Glückauf, Steiger! Du bist nun berufen, scharf nach dem Rechten zu sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung hat der Markscheider gesorgt; aber die Steigerbildung thut's nicht allein, ein echter Steiger braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so wird's wohl um Dich und den Vater Abraham stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und entging vielleicht nur durch den schnellen Tod großer Schmach. Aber wenn er selbst auch noch so wegkam, das Bergwerk hat doch den Fluch seines Strauchelns gefühlt -- trag' Sorge, Steiger, daß der Fluch wieder hinweggenommen werde; halt' auf Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und wenn Du einmal etwas siehst, was nicht ganz recht ist vor Gott und Menschen, auf welcher Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine Augen zu -- aber fahr' auch nicht mit der Hast eines Büttels drein, der ein Dutzend Kinder von seinen Denunciations-Groschen füttern muß! Weißt, es würde weniger Verbrechen in der Welt geben, wenn man das erste Verbrechen unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher sogleich der Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!«

Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand und stieg mit hoffnungsfreudigem Herzen in den Schacht zu seiner ersten Steigerschicht.

VI.

Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte der Obereinfahrer die väterliche Einwilligung in seine Heirath, und nun wurde seine Verlobung öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben, sondern mußte bis zu ihrer Vermählung im Vaterhause wohnen. Da war jetzt alle Sorge auf Vollendung der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung zu einer würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit bangem Herzklopfen sah Hedwig, der jetzt die ganze Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur Ausstattung der künftigen Baronin unerläßlich schienen, mit Kopfschütteln und Murren beobachtete der Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß, auf den seine Schwiegertochter pochte, kein Ende nehmen wollte, und der Schichtmeister selbst anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen.

Da jetzt der Obereinfahrer öfters auf dem Vater Abraham einsprach, um seine Braut zu sehen, so wachte die Schichtmeisterin strenger als je darüber, daß Ferdinand sich ihrem Familienkreise fernhielt. Doch fand sich bei ihren häufigen Stadtbesuchen und Brunhild's freundlicher Gesinnung für die Liebenden Gelegenheit genug, sich zu sehen und gegenseitig zu ermuthigen. Ferdinand ging jeden Tag mit frischer Hoffnungsfreudigkeit an sein schweres Tagewerk; er war seinen Untergebenen, von denen nur der bei der Steigerwahl durchgefallene Meier ihm mit Mißmuth gehorchte, ein Vorbild an Fleiß und Pünktlichkeit im Dienst und sah streng auf die Pflichterfüllung jedes Einzelnen. Aber er sorgte auch für die Verbesserung ihrer Lage. Die Anbrüche hielten aus, und ehe drei Monate um waren, erfuhr er durch seinen Gönner Mickley, daß die letzte Erzlieferung von der Schmelz-Administration doppelt so hoch bezahlt worden sei, als jede frühere Lieferung von gleichem Gewicht. Mußte Ferdinand, der keine so auffallende Veredlung des Ganzen wahrgenommen hatte, dies Ergebniß Wunder nehmen, so äußerte er doch nichts hierüber, vielmehr ergriff er diese Gelegenheit sogleich, um für seine Häuer eine Lohnaufbesserung zu beantragen.

»Na,« sagte der Gelbgießer; »ich werde die Sache dem Ausschuß vorlegen. Es ist schön von Ihm, daß Er Seiner armen Kameraden gedenkt und für sich nichts begehrt. Wenn der Vater Abraham so höflich bleibt wie jetzt, so glaub' ich, die Gewerkschaft wird sich billig finden lassen. Ich werde mich gewiß dafür verwenden. Aber jetzt muß ich Ihm was zeigen.« Er holte aus einem Wandschrank eine Erzstufe. »Woher glaubt Er wohl, daß diese Stufe ist?« fragte er.

Ferdinand nahm sie, wog und betrachtete sie genau. »Soll sie aus dem hiesigen Revier sein?« fragte er nach einer Weile. Der Gelbgießer bejahete, und der junge Metallurg begann seine Prüfung von Neuem. Endlich sagte er: »Die Gangart ist ganz die unsrige, und ich glaube nicht, daß im hiesigen Revier noch irgendwo Weißgiltigerz mit gediegenem Silber zugleich so in den Quarz einbricht, wie auf dem Vater Abraham. Ich kenne hier herum wohl jedes Gestein, wo man auf Silber baut, aber nirgends sonst hab' ich dergleichen gesehen, wie dieses ist.«

»Hm!« sagte der Gelbgießer, »ich dachte mir's auch -- aber ich traute doch meinen Augen nicht ganz. Nun will ich Ihm auch sagen, wie ich zu der Stufe gekommen bin. Der Goldschmied Reichel hat seinen Lehrjungen mißhandelt, daß er ihm davongelaufen ist. Da er nicht wieder zu ihm und lieber Gelbgießer werden wollte, so bat mich sein Vater, es mit ihm zu versuchen. Nun, es scheint ein anstelliger Junge zu sein; deshalb brauchte ich ihn bei der neuen Einrichtung meines Stufen-Cabinets nach dem Breithaupt'schen System. Da sagte er, er hätte auch ein paar Stufen zu Hause, ob ich sie haben wolle. Nun, ich bin ein Liebhaber von dem Zeug und hieß ihn danach gehen. Da brachte er mir die schöne Silberstufe da, aber nur diese, die andere hatten seine Geschwister verschleppt. »Aber, Junge!« rief ich erstaunt, »wo hast Du die prächtige Stufe her?« Ganz unbefangen gab er zur Antwort, er habe sie beim Kartoffelabkeimen für seine Meisterin im Keller unter den Kartoffeln gefunden, und weil es gerade Weihnachten gewesen, wo bei seinen Eltern das Bergwerk für die Kinder aufgebaut worden, da habe er beide Stufen mit hingenommen und in das Bergwerk gethan. Was sagt Er dazu?«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« sagte Ferdinand, »wie können die Stufen vom Vater Abraham in den Keller des Goldschmieds gekommen sein, der nicht einmal zu den Gewerken gehört?« Bei sich mußte er wohl an die Anspielung des alten Hutmanns auf ein Verbrechen des Steigers Meier denken; aber er wagte nicht, den Gedanken laut werden zu lassen.

Der Gelbgießer sah dem jungen Mann forschend ins Gesicht, doch nicht mißtrauisch, denn dieses Gesicht war ihm ein treuer Spiegel des fleckenlosesten Gemüthes. »Ich will Ihm was sagen, Steiger,« nahm Mickley endlich das Wort, »dem Goldschmied hab' ich nie getraut, er ist ein Wucherer, und wer einmal Wucher treibt, der ist auch zu andern Schlechtigkeiten fähig! Wer nur einmal in seinem Kartoffelkeller nachgraben könnte, der fände vielleicht noch mehr Erz vom Vater Abraham.«

»Wenn er es nicht bei guter Zeit fortgeschafft hat,« fiel Ferdinand ein. »Aber Sie haben Recht, wo die zwei Stufen gelegen, da können auch noch mehr gelegen haben. Nur ist es mir ein Räthsel, wie sie hingekommen.«

»Weiß Er noch, wie ich Ihn vor einem Vierteljahr fragte, wie hoch Er das gelieferte Erz schätze, und wie wenig die Ausbeute Seiner Schätzung entsprach? Junger Freund,« fuhr er seine Hand fassend fort, »wir sind jetzt unter uns, und was wir reden, bleibt unter uns: ist Ihm denn noch nicht der übermäßige Aufwand unseres Schichtmeisters aufgefallen?«

»Seiner Frau, wollen Sie sagen,« versetzte Ferdinand, »denn der Schichtmeister selbst ist ein schlichter Mann, nur leider zu gut gegen seine Frau. Allerdings ist das für einen Schichtmeister eine sehr theure Ehehälfte.«

»Zumal jetzt,« fiel der Gelbgießer ein, »wo sie Schwiegermutter eines Barons wird. Es ist ja übertrieben, was die Frau zusammenkauft -- borgt, wollt' ich sagen; aber später oder früher muß es doch einmal bezahlt werden. Wovon aber? he? etwa von dem da?« Er deutete auf die Stufe.

Ferdinand erschrak -- »Herr Mickley!« rief er, -- »Sie thun unserm Schichtmeister Unrecht.«

»Ich sage nicht, daß er schon auf solche Art gezahlt hat, aber es kann dazu kommen; Schulden und Schuld und Schuft -- es ist nur ein Unterschied von wenig Buchstaben, gewöhnlich geht's vom ersten zum letzten.«

»Aber nicht Jeder, der Schulden hat, ist oder wird ein Schuft.«

»Das sag' ich ja nicht, ich habe selbst einen Schuldner, einen Poeten, der hier die Schule besuchte; ein strebsamer, offener Kopf, aber armer Teufel, der hinter dem Webstuhl verkommen wäre, hätte er keine Schulden machen wollen. Nun, er hat als Student und Poet mehr Schulden machen müssen, als ich zu bezahlen haben möchte; aber er ist darum doch eine grundehrliche Haut und wird's auch bleiben, denn bei allem hohen Geist hat er ein demüthiges Herz. Aber wo Schulden eine Frucht der Hoffart und des Uebermuthes sind, da hat der Teufel sein Spiel.«

»Für den Schichtmeister bin ich gut,« sagte Ferdinand warm, »und was die Frau betrifft, so hab' ich helle Augen, und wäre ich auch blind, so würde kein Häuer, kein Hundejunge ihr zu einem Unterschleif behülflich sein, drehte es sich auch nur um eine Bleiglanzstufe wie ein Daumenglied groß.«

»Nun, ich will Ihm glauben,« sagte der Gelbgießer, -- »eine sonderbare Sache bleibt es mit der Stufe, -- aber es läßt sich vor der Hand nichts damit machen. Ein Glück, daß wir jetzt einen tüchtigen Steiger haben, -- der alte, -- na, man soll die Todten ruhen lassen. -- Seh' Er nur wacker zum Rechten, -- es wird Sein Schade nicht sein. Da fällt mir noch etwas ein. Neulich wurde im Ausschuß die Frage aufgeworfen, ob es nicht gut wäre, den alten Schacht wieder einmal zu untersuchen, es könnten die bösen Wetter wohl gewichen sein. Vor Jahren wurde schon einmal ein Gutachten darüber von unserm Schichtmeister verlangt. Der fand den Versuch nur unter der Bedingung möglich, daß wir einen neuen Stollen zur Wetterlosung vom Höllengrund aus treiben ließen. Das war und blieb uns ein zu kostspieliges Unternehmen. Jetzt wollen wir den Schichtmeister geradezu mit der Untersuchung beauftragen, weil wir glauben, bei gehöriger Vorsicht sei die Sache nicht nothwendig lebensgefährlich. Einen gemeinen Bergmann hinabzulassen, wie es vor Zeiten geschehen, das würde wenig nützen. Gesetzt aber, der Schichtmeister lehnte den Auftrag ab, was dem Vater einer so zahlreichen Familie Niemand verdenken könnte, hätte Er wohl den Muth, das Wagstück zu unternehmen?«