Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

Part 5

Chapter 53,423 wordsPublic domain

»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der Greis, »und doch bist Du das einzige Wesen, um dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht weiter geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige Mutter -- o die Liebe! sie wäre der Schutzgeist vom Vater Abraham geworden, hätte sie fortgelebt und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie ihre Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner Mutter ging der gute Engel Deines Vaters von der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den letzten Segen vom Vater Abraham. Denn wie das Weib hier zu hausen begann, wurden da unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt förderte der Göpel nichts mehr zu Tage als Haldensturz.«

»Aber« -- wandte Hedwig ein -- »seit ein paar Jahren ist die Grube doch wieder recht höflich geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß sie es noch mehr wird.« --

»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis. »Wenn man unser Erz sieht, so lacht Einem das Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten kommt, ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr auf dem Vater Abraham; selbst das Gute, was die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn nicht zum Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das ist mein alter Kamerad von Kindheit auf; wie ich Hutmann ward, wurde er Steiger, und wir sind immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student aus der Art schlug, und der alte Vater dem Oben'naus und Nirgendsan die Zügel nicht straff anzog, gab's manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger Zeit ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken soll, er kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und in seinen Mienen liegt etwas, das mir weh thut.«

»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um den Sohn ausgestanden, und die Sorgen haben sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,« meinte Hedwig.

»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann werden,« -- sagte der Greis; -- »es war ein Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken, daß der schöne schwarzlockige Bube so ausarten würde! Nun, ich brauchte mein Wort gegen den Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott hatte es besser mit Dir im Sinne, als wir kurzsichtigen Menschen; er hatte Dir den Rechten schon erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage, daß ich Dich in der Hut eines so rechtschaffenen Menschen weiß, wie Dein Ferdinand ist. Das ist noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und unbefleckt.«

Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm die braune, schwielige Rechte ihres Ahnen und preßte sie zwischen ihre kleinen zierlichen Hände.

»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer Liebe,« fuhr er fort; »die hochmüthige Frau glaubt, es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn ihres Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber Ihr sollt ihr zum Trotz ein Paar werden, bevor ich meine Augen schließe. Was ich Dich noch fragen wollte, Hedwig -- was denkst Du von den Besuchen, die der Doctor Meier seit seiner Ankunft dem Vater Abraham abstattet? Sonst mied er ihn ja.«

Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren Strickstrumpf: »Ich weiß nicht, was er will,« sagte sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem Wege, wenn er kommt.«

»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich vertraut zu sein,« sagte der Alte, »es fehlte blos noch ein Laster auf dem Vater Abraham! -- Doch es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des Schichtwechsels rückt auch heran, da will ich mich zum Beten fertig machen. Da unser Volk heut' nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den Abend, geh' doch noch ein wenig aus, mein Kind!« Er streichelte ihr das volle, in Wellen gescheitelte Haar, stand auf und ging ins Haus.

Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die Halde und verlor sich im nahen Walde. Unwillkürlich schlug sie den Fußweg ein, der am alten Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf führte. Der alte Schacht befand sich auf dem höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche Hedwig benutzen wollte, nach ihrem Geliebten zu spähen, der jetzt anfahren mußte. Sie stieg daher hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher kommen, als die ersehnte. Es war der Doctor Meier, derselbe, dem sie als Kind versprochen gewesen, und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen, ehe sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte. Am letzten Sonntage war sie ihm auf dem Kirchwege begegnet, das erste Mal seit vielen Jahren. Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der blühenden Jungfrau voll Staunen stehen geblieben. Er hatte sie angeredet, doch war sie durch Ferdinands Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen, und Ferdinand auf dem halben Wege von ihr geschieden war, hatte der Doctor plötzlich vor ihr gestanden und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen. Da hatte er einen Ton gegen sie angestimmt, der mit seinem frühern Betragen in vollem Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden Aeußerungen für leeres Gerede genommen; doch war sie ihm, als er seitdem täglich im Vater Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen. Auch jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte daher in die nahe, offenstehende Kaue, welche den alten Schacht überdeckte. Aber die scharfen Geieraugen des Doctors hatten bereits die liebliche Gestalt erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie zu verfolgen. In raschen Sätzen sprang er die Halde hinan und stand bald im Eingange der Kaue, der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm und ihr klaffte der furchtbare Schlund.

»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen Sie, ich habe einen Auftrag von Ihrer Mutter an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den soll ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen Pariser Shawl durch mich zu schicken. Das Kleid hat ihr der Junge richtig überbracht.«

»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen, ihr den Shawl zu holen, wenn sie ihn durchaus haben muß?«

»Da fragen Sie mich zu viel; -- genug, ich kam vorhin in ihre Gesellschaft, und als ich beim Abschiednehmen sagte, ich ginge erst noch einmal nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege ihr den kleinen Gefallen zu thun.«

Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch des Schachtes herum. »So kommen Sie,« sprach sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Nach einer Weile reichte er ihr die Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber wie eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders sein! Geben Sie mir die Hand.«

»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen den Shawl holen.«

»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann entgelten lassen, was der wilde Knabe verbrach? Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste Strahl Ihrer Schönheit, der mein Auge traf, ist wie der Blitz durch meine Seele gegangen; ich möchte Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und Vergeben anflehen. -- Hedwig, lassen Sie die alten Zeiten wieder gelten, wo ich Ihnen der nächste Mensch auf Erden sein sollte! --«

»Aber nicht wollte,« fiel sie ein, »und mit Recht, denn wie paßte solch ein Gänseblümchen zu solch einem stolzen Ritter! Nein, Herr Meier, die alten Zeiten sind todt und begraben -- lassen wir die Todten ruhen. Zu vergessen und zu vergeben habe ich nichts, denn Sie haben mich nicht gekränkt; die Blume weiß nichts von dem verächtlichen Blick, der die Knospe traf. Gehen Sie jetzt, ich folge Ihnen!«

Aber er ergriff ihre Hand, und als sie sie ihm entziehen wollte, schlang er seinen Arm um ihren Leib und zog sie heftig an sich. »Nein, Mädchen! so mußt Du mich nicht abspeisen wollen. Sieh und fühle, wie Du plötzlich mein ganzes Wesen mit einer namenlosen Gluth erfüllt hast! -- Hedwig! es ist über mich gekommen wie ein plötzliches Erwachen aus wüstem Schlaf, wie ein Wirbel, der mich mit allmächtiger Gewalt zu Dir reißt. -- Hedwig -- das Wort unserer Väter muß sich erfüllen -- Du mußt mein werden!«

»Lassen Sie mich los!« rief Hedwig ringend, »ich habe weder Lust noch Zeit, Komödie mit Ihnen zu spielen!«

»Komödie? Mädchen! Siehst Du nicht, fühlst Du nicht, welch verzehrendes Feuer in mir rast, ein Feuer, das, beim Himmel! eher zu einer Tragödie paßt als zu einer Komödie! Hedwig, ich habe gelesen, daß Männer, die lange dem Geschoß des blinden Gottes Trotz boten, von ihm plötzlich mit unheilbarer Wunde gestraft wurden; ich fühle jetzt, daß dies kein bloßes Märchen ist. Hedwig, laß Gnade walten und gieb mir das Recht auf Deinen Besitz zurück!« Hedwig wand sich mit abgewandtem Gesicht ängstlich in den Armen des starken Mannes. »Gieb, gieb es mir zurück!« drängte er -- »oder ich nehme es mir!«

Da blickte sie ihm ins Gesicht und erschrak vor dessen Ausdruck bis in die innerste Seele hinein. War es möglich, daß ein Mensch so plötzlich von einer rasenden Leidenschaft ergriffen werden konnte? »Lassen Sie mich!« schrie sie, »Sie sind wie ein Wahnsinniger!«

»So scheint es mir selbst,« versetzte er, »darum gehen Sie glimpflich mit mir um -- seien Sie mild und versöhnlich!«

»Lassen Sie mich erst los -- dann wollen wir vernünftig mit einander reden.«

»Versprich mit einem Kuß, daß Du nicht entfliehen willst,« und er neigte sich zum Empfang des Pfandes. In diesem Augenblick riß sie sich mit verzweifelter Anstrengung los und floh. Aber er hatte sie schnell wieder erreicht und zog sie in das Innere der Kaue zurück. -- »Hülfe! Hülfe!« kreischte sie, daß es weit durch den Wald hin gellte; aber schnell verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen. Vergebens kämpfte Hedwig mit allen Waffen, die dem Weibe gegen die Gewalt verliehen sind, um sich der ungestümen Liebkosungen des Rasenden zu erwehren; aber ihre Kraft reichte gegen die Gewalt ihres Gegners nicht aus. Da plötzlich fühlte der Doctor sich hinten kräftig gepackt, ja eh' er sich noch besinnen konnte, sah er sich zu seinem Entsetzen gerade über dem schwarzen Schachtschlunde schweben, in den er unrettbar stürzen mußte, wenn die Riesenfaust, die ihn hielt, ihn fahren ließ. War etwa ein Berggeist dem bedrängten Mädchen zu Hülfe gekommen? Insofern man die Bergleute scherzweis auch Berggeister nennt, allerdings: Ferdinand war der Retter, der auf seinem Wege zur Schicht den Hülferuf vernommen hatte. Da stand er nun und hielt mit dem nervigen Arm den Dränger seiner Trauten über die grauenvolle Tiefe, und da kniete die Geliebte zu seinen Füßen und beschwor ihn, den Elenden zu schonen. Der Doctor war zu einem Bilde des Todes erblaßt. »So, nun wird er genug haben,« sagte Ferdinand; »diese Cur wird hoffentlich gründlich sein -- meint der Herr Doctor nicht selbst?« Und er trug den bleichen Mann vor die Kaue: »Nun komm, Hedwig!« sagte er, »den Arm kann ich Dir nicht bieten in meinem lettigen Grubenzeug.« -- Aber Hedwig hing sich ängstlich an seinen Arm und ging mit Ferdinand heim. Beide sahen nichts von den racheblitzenden Blicken, die ihnen folgten.

IV.

Der Doctor stand lange brütend auf der Halde. Langsam trat er endlich den Weg nach der Stadt an. Aber er beschloß, den Jungen zu erwarten, welchen Hedwig mit dem Shawl schicken wollte. Er brauchte nicht lange zu warten; der Junge war froh, sich seines Botendienstes so leicht entledigen zu können, und ein Trinkgeld machte seine Freude vollkommen.

»Aber welche Entdeckung hab' ich machen müssen!« sagte der Doctor, als er der Schichtmeisterin den Shawl überreicht hatte und von ihr mit Dankesergießungen überschüttet worden war; »Ihre Hedwig lustwandelte ~tête-à-tête~ mit einem gemeinen Bergmann im Walde.«

»+Meine+ Hedwig?« erwiederte die Frau; »die Sie meinen, ist doch nicht +mein+ Kind, sonst würde sie sich sicher nicht zu einer Liaison mit einem Häuer verirren. Aber interessiren Sie sich vielleicht jetzt für das Gänseblümchen, wie Sie es vor Jahren getauft haben?«

»Das gerade nicht; ich wundere mich nur, daß die Liaison von ihnen geduldet wird. Immer ist Hedwig die rechte Tochter von Fräulein Brunhild's Vater, mithin des Barons künftige Schwägerin. Wenn nun die Frau Baronin Mutter erführe, daß ihr Sohn Gefahr liefe, der Schwager eines gemeinen Häuers zu werden, so könnte sie leicht --«

»Um Gotteswillen!« unterbrach ihn die Schichtmeisterin entsetzt; »ich bitte, lassen Sie den Baron und die Frau Baronin ja nichts merken von dem, was Sie gesehen; dafür, daß aus Hedwigs Liaison nichts wird, stehe ich. Von Stund' an muß mein Mann den frechen Menschen, der sich in unsere Familie drängt, ablohnen und Hedwig jeden Verkehr mit ihm untersagen.«

»Zum Glücke Ihrer Brunhild dürfte das klug und weise sein,« bemerkte der Doctor und empfahl sich in der Hoffnung eines genußreichen Abends. Er begab sich zu dem Goldschmied Reichel, der ihn wie einen guten Kunden empfing.

»Wie steht's, Bester?« fragte der Doctor, »hat mein Alter gedeckt?«

»Ich glaube -- wenn die ganze Lieferung der Probe gleicht; das muß sich erst ausweisen.«

»Wißt Ihr was? Ihr müßt mir augenblicklich noch hundert Thaler vorstrecken; ich muß morgen nach Hallbach zu meiner Erkornen und da nobel auftreten; wahrscheinlich muß ich ihren Papa nach Bad Kissingen begleiten. Wir vertauschen den alten Wechsel mit einem neuen, und -- nun Ihr wißt Euch schon bezahlt zu machen.«

»Aber Ihr Vater war schon jetzt schwierig,« wendete der Goldschmied ein.

»Nur keine Umstände, mein Guter!« sagte der Doctor. »Hoffentlich ist das der letzte Schröpfkopf, den ich an den guten Alten ansetzen muß. Zieht nur die Casse auf, mein Goldmann!«

Der Goldschmied mußte den Doctor wohl unwiderstehlich finden, er zog ein Kästchen aus seinem Ladentisch und zählte die verlangte Summe in Dukaten auf.

Der Doctor strich sie ein. »Die habt Ihr aber gehörig mit Königswasser getauft,« sagte er, die Münzen prüfend, »Ihr seid doch ein unverbesserlicher Anabaptist!«

Gleichgültig, als ob er die Anspielung nicht verstehe, füllte der Goldschmied ein Wechselformular aus und legte es dem Schuldner vor. Dieser unterzeichnete. »So, wieder ein Geschäft gemacht!« sagte er, sein Gold einsteckend.

»Nun noch Eins: Vergeßt um Eurer selbst willen nicht, daß die Klausel, »nach Wechselrecht verfahren,« keine andere Bedeutung haben kann, als die eines Schreckschusses! Ihr kennt das Sprichwort vom Hehler!« Und er ging.

»Das ist der leibhaftige Satan!« murmelte der Goldschmied, ihm nachstarrend.

Diese Verhandlung zeigt, daß der unglückliche alte Steiger sich sehr irrte, indem er wähnte, seinem Sohne sei das verzweifelte Mittel, dessen übermäßige Geldbedürfnisse zu befriedigen, so verborgen geblieben, wie er es zu halten gesucht. Der entartete Sohn selbst hat den Goldschmied auf den Vater gehetzt. Nur der Ort, wo dieser das Erz aufbewahrte, war jenem unbekannt, und er hatte bisher auch nicht Ursache gehabt, danach zu forschen.

Während der Vater tief im Schoße der Erde nicht nur mit seinem schweren Tagewerk sich plagte, sondern auch von Gewissensbissen gequält wurde, verlebte der Sohn einen genußreichen Abend im Salon des reichen Handelsherrn Neuhoff. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter, als solcher schon früher der Baronin von Brunn, in deren Haus ihn ihr Sohn eingeführt hatte, so lieb und werth geworden, daß man an ihrem Wohnorte Hallbach lange von einem zärtlichen Verhältniß zwischen Beiden munkelte, bis es offenkundig ward, daß der junge Arzt sich Hoffnung auf die Hand der Baronesse Lydia mache. Heute entfaltete er alle seine Gaben, theils um sich in guter Gesellschaft über die am Nachmittag erlittene Niederlage erhoben zu fühlen, theils um seinen Einfluß auf die Baronin zu befestigen. Diesen Einfluß bedurfte er nicht nur für seinen Heirathsplan, der freilich mit seinem Benehmen gegen Hedwig im Widerspruch stand, sondern auch zur Förderung der Wünsche des jungen Barons und Brunhild's, wodurch er an der Schichtmeisterin eine dankbare Bundesgenossin gegen Hedwig und ihren Häuer gewann. Seine Bemühungen gelangen vollständig; er wußte die Baronin dergestalt auf die in Wahrheit vorhandenen trefflichen und zum Theil glänzenden Eigenschaften Brunhild's aufmerksam zu machen, daß am Schlusse des Abends der Baron es wagen konnte, der Mutter seine Wahl zu gestehen. Und die von der schönen, und, was ihr allerdings viel galt, eleganten jungen Dame bezauberte Gnädige beschloß den Abend mit einer stillen Verlobung, vorbehältlich der Einwilligung ihres gichtkranken Gatten, an der sie nicht zweifelte. »Ich curire ihn,« sagte der Doctor, »und im schlimmsten Falle geht das Glück des Freundes dem meinigen vor, wenn ich liquidire.«

Als er früh zwischen vier und fünf Uhr sich seiner väterlichen Behausung näherte, sah er aus der schwer zugänglichen Oeffnung eines alten Stollens eine dunkle Gestalt treten und gleichfalls auf das Haus zugehen. Er ging ihr schnell nach und stieß an der Hausthür auf seinen Vater. »Du kommst so spät aus der Stadt?« redete der Greis den Sohn an, »so lange hast Du geschwärmt? Und ich muß mich mit der sauern Nachtschicht plagen! Du solltest doch nun ein anderes Leben anfangen!«

»Du hast keine Idee von dem Leben einer Gesellschaftssphäre, zu der ich nun einmal durch Anlage und Neigung gehöre,« antwortete der Doctor. »Ich muß meine höhere Bestimmung erfüllen, und Du wirst bald Ursache haben, Dich über alle Opfer zu freuen, die Du mir gebracht. Du sollst sie an keinen Undankbaren verschwendet haben. Laß Dir sagen, daß ich heute glücklich die Verlobung zwischen dem Obereinfahrer und Schichtmeisters Brunhild zu Stande gebracht habe; und was ich über die Mutter zu Gunsten Anderer vermocht, das vermag ich auch zu meinen eigenen. Du wirst sehen, in wenig Wochen darfst Du die reiche Baronesse Lydia von Brunn als Deine Schwiegertochter begrüßen!«

»Dann werde ich wohl am längsten einen Sohn gehabt haben,« sagte der Greis, »wer seinen Vater auf der Straße nicht kennen will, wenn er nur in eines Barons Gesellschaft geht, wird ihm vollends fremd sein, wenn er der Mann einer Baronesse ist. Nun, ich wünsche Glück zu dem hohen Flug -- freuen könnte ich mich nur, wenn Du mir eine Schwiegertochter brächtest, wie meine Hedwig, die Du im tollen Hochmuth von Dir gestoßen.«

»Die hat sich längst zu entschädigen gewußt,« sagte der Doctor.

»Wohl ihr,« erwiederte der Steiger, »Gott hat ihr trefflichen Ersatz gegeben. Das ist auch mein Trost bei der ganzen Geschichte, daß das Mädchen nun doch noch glücklich wird. Doch jetzt laß uns hineingehen, ich höre die Mutter Licht anschlagen.«

Sie gingen hinein.

Die letzten Worte hatten den Stachel der Eifersucht und Rache, den der Sohn im Herzen trug, tiefer hineingetrieben. Daß sein Vater aus dem alten Stollen gekommen war, leitete ihn auf die Vermuthung, daß dort die geheime Erzniederlage desselben sei, und diese Vermuthung führte sein brütendes Gehirn auf einen Gedanken, dessen Tücke er vor sich selbst mit der Ausflucht beschönigen konnte, er müsse von seinem Vater die nahe Möglichkeit der Entdeckung seines Verbrechens entfernen; denn so gut wie er konnte auch ein fremder Mensch, vielleicht gar der Bergner, den Vater einmal bei seinem nächtlichen Gange von oder zu dem Stollen beobachten, Verdacht schöpfen, untersuchen -- und dann war der Vater verloren.

Wie kein Mensch so bös ist, daß er nicht nach einer Rechtfertigung seiner bösen Absichten suchte und sie auch glücklich fände, so fand der Doctor, als er am Tage wieder in die Stadt kam und da zufällig den Häuer Ferdinand Bergner aus dem Laden des Gelbgießers treten und diesen das Abschiedswort rufen hörte: »Auf Wiedersehen, mein lieber Steiger ~in spe~,« in diesem Worte mehr als eine bloße Rechtfertigung seines schon fertigen Anschlages, er fand sich als Sohn verpflichtet, einen Menschen unschädlich zu machen, der offenbar seinem Vater nach dem Brode trachtete. Er hatte eigentlich heute abreisen wollen, aber sein tückischer Plan nöthigte ihn, noch eine Nacht in der Heimath zu verweilen. Sobald es finster war, verließ er die Stadt, nicht ohne sich vorher mit Wachszündern zu versehen, eilte nach Pobersdorf und in den alten Stollen bei der väterlichen Wohnung. Er mußte lange suchen, ehe er seine Vermuthung bestätigt fand; aber er fand sie bestätigt: in einem Haufen alten Schuttes lagen die schimmernden Stufen.

Wie das Haus des Steigers, war auch Ferdinands Wohnung ein altes Zechenhaus, das von ersterem etwa tausend Schritte entfernt stand. Daher fehlte es auch nicht an einem Stollen daselbst, der dicht hinter dem Hause mündete. Der Doctor kannte, als Ferdinands Jugendgespiele, die Oertlichkeit genau; er wußte auch, daß dieser Stollen durch eine Thür verschlossen war; aber auch dafür hatte er sich gerüstet; er kannte die einfache Schließvorrichtung solcher Grubenthüren und hatte sich mit einem Stück Draht versehen, das er hier gleich in die rechte Form brachte. Seine Absicht war, die Erzstufen in Ferdinands Stollen, die sogenannte Jakobszeche, zu schaffen, dort zu verbergen und nach einiger Zeit den Verdacht der Erzentwendung auf den verhaßten Häuer zu lenken. Sein Werkzeug zur Vollendung des verruchten Vorhabens sollte ein naher Anverwandter, ebenfalls Häuer auf dem Vater Abraham und Aspirant auf die Steigerstelle, werden. Mittels einer Leinenschürze, welche seine Mutter am Gartenzaun zum Trocknen aufgehangen, bewirkte er in drei Gängen den nicht leichten Transport. In einer Stunde war das Werk der Bosheit geschehen. Er hatte das Erz in der Jakobszeche so untergebracht, daß nur ein mit Absicht spähendes Auge es entdecken konnte. Froh über das Vollbrachte ging er heim, um noch eine Nacht unter dem väterlichen Dache zuzubringen.