Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

Part 3

Chapter 33,743 wordsPublic domain

Da schlang Kordel weinend ihre Arme um seinen Hals -- seine Thränen mischten sich mit den ihrigen, und der Engel, der den Schlummer des kleinen Knaben hütete, war Zeuge ihrer Verlobung.

Sechs Wochen später wurden sie getraut. Hochzeitgepränge, Schmaus und Tanz gab es freilich nicht dabei; ihr einziger Hochzeitsgast »bei einem Gericht Gerngesehen« war der Kadenlieb. Dem ging es bei den Königswalder Pharisäern natürlich auch nicht besser oder vielmehr noch schlimmer, als dem Bretschneiderfritz, aber er machte sich nicht viel aus den »Dickköpfen«, wie er sie nannte, und Arbeit und Brod mußte ihm der Müller schaffen.

Hätte Fritz nur einen Theil von dem leichten Sinn seines Schicksalsgenossen gehabt, so hätte er sich in seiner neuen Lage recht zufrieden fühlen mögen. Eine Zeitlang schien es auch, als ob er mit seinem Geschicke ausgesöhnt sei. Es gab vor und nach der Hochzeit vollauf für ihn zu thun: die Hafer- und Kartoffelnernte und andere Feldarbeit, verschiedene Reparaturen im Hause und an den Wirthschaftsgeräthen beschäftigten ihn mehrere Wochen lang recht gehörig, und da sein Weib immer mit einem Lächeln, einem zärtlichen Worte bei der Hand war, so vermißte er die Liebe und Achtung der Welt nicht. Dazu kam, daß Kordel sich merklich zu erholen schien, sie bekam ein frischeres Aussehen, als sie bisher gehabt hatte, und Fritz schöpfte daraus Hoffnung für ihre völlige Wiederherstellung. Auch die Zuneigung, womit der kleine Fritz sich an ihn gewöhnte, war eine Quelle der Freude und des Trostes für ihn. Als aber die Arbeit in Feld und Haus nachließ und der müssigen Stunden zu viele für ihn kamen, wollte ihn der alte Mißmuth wieder beschleichen. Es kränkte ihn doch, daß er sein Gewerbe nicht ausüben konnte; auch daß er unter polizeilicher Aufsicht stand, keine Ehrenrechte in Gemeinde und Staat besaß und von seinen Mitbürgern verachtet war, konnte er nicht verschmerzen. Er gerieth auf den Gedanken, sich selbst eine Bretmühle zu bauen, statt einen Handel anzulegen, und Kordel willigte mit Freuden ein. Sie kündigte ihr Kapital und machte ihm zu seinem Geburtstage, welcher im December fiel, ein Angebinde damit.

Fritz lebte wieder etwas auf, da er nun einen sicheren Weg zu Arbeit und Verdienst vor sich sah. Er suchte und fand bald einen geeigneten Platz zu einer Schneidemühle an einem wasserreichen Nebenbach des Pöhlwassers. Da er aber mit dem Bau vor dem nächsten Frühjahr nicht beginnen konnte und auch zur Holzanfuhr die jetzige Zeit noch nicht günstig war, so trug er das Kapital, um es nicht nutzlos daliegen zu lassen, nach Annaberg zu einem Kaufmann, der zugleich Bankiergeschäfte trieb. Vierzehn Tage später erhielt er die Schreckensnachricht, daß der Kaufmann Bankerott gemacht habe und Fritzens Geld verloren sei.

Das war ein furchtbarer Schlag für unser Paar; Fritz wollte sich nicht darüber zufrieden geben und jammerte immerfort: »Das arme Kind! das arme Kind!« Kordel, die den Verlust eher zu verschmerzen schien, suchte ihn zu trösten, doch gelang es ihr nur unvollkommen. »Wer weiß, wie der liebe Gott auf andere Weise für das Kind sorgt,« sagte sie, wenn Fritz so wehklagte.

Sie hatte Recht -- der liebe Gott sorgte bald für das Kind, daß es das Geld entbehren konnte -- er nahm es zu sich; das Scharlachfieber raffte es weg.

Das war kurz nach Weihnachten, -- am Aschermittwoch senkten sie neben der Hülle des Kindes die seiner Mutter ein. Die Auszehrung, welche ihr der Gram über die Treulosigkeit ihres Verführers, noch mehr aber über die Kränkungen, die sie von den Königswaldern erdulden mußte, zugezogen hatte, war nach dem Tode ihres Knaben plötzlich in ein entschiedeneres Stadium übergetreten. Ruhig und ergeben sah sie ihr Ende herannahen und sanft, wie sie in der letzten Zeit gelebt, schlummerte sie hinüber.

Mit ihr erlosch aller Glanz aus dem Leben des armen Fritz; er schleppte es fortan als eine finstere und bleierne Last mit sich herum. Seine Heimathgenossen fingen allgemach an, mit dem hart Geschlagenen einiges Mitleid zu fühlen, sie zeigten sich freundlicher gegen ihn und boten ihm Arbeit an, aber er mochte nichts mehr von ihnen wissen. Sie waren vornehmlich schuld an dem Tode seines Weibes -- dies konnte er ihnen nicht verzeihen, wenn er ihnen auch die eigene Schmach verziehen hätte. Er schloß sich völlig von ihnen ab; außer dem Kadenlieb pflog er mit keinem lebendigen Menschen Umgang -- sein Herz war bei den Todten und ihrer Wohnstätte galten seine Besuche. Ihm war am wohlsten, wenn er zwischen seinen Gräbern weilen, oder doch nahe bei der Kirchhofmauer so sitzen konnte, daß er die Kreuze darauf sah. Kordel's Kreuz war allezeit frisch bekränzt. Eine Ziege, die sie aufgezogen und so an sich gewöhnt hatte, daß sie ihr überall hin folgte wie ein Hund, trug diese Anhänglichkeit bald auf ihren trauernden Herrn über, sie war immer bei ihm, wenn er seines traurigen Kultus pflog. So hat er es zwei Sommer getrieben.

Am zweiten Jahrestage von Kordel's Tode brach in Königswald ein Feuer aus, welches bei dem starken Winde, der gerade wehte, für den größten Theil des Ortes verderblich zu werden drohte. Fritz eilte zum Löschen; es war das erste Mal, daß er sich wieder unter seine Mitbürger mischte, von denen es ihm keiner an entschlossener Thätigkeit gleich that, obschon die meisten tüchtig zugriffen. Leider war die Löschanstalt nicht im besten Stande und noch dazu schlecht geleitet. Fritz sah die Nothwendigkeit des Niederreißens zweier Gebäude ein, um das Fortschreiten der Flamme, die bereits ein zweites Haus ergriffen hatte, zu hemmen. Der Richter, welcher Feuer-Commissarius war, widersetzte sich Fritzens Rath und ordnete an, alle Thätigkeit auf das Löschen der brennenden Gebäude zu verwenden. Fritz, von der Nutzlosigkeit dieser Anstrengung überzeugt, rief nun die Hülfeleistenden auf, ihm mit dem erforderlichen Geräthe zu folgen und zum Niederreißen der bezeichneten Gebäude zu schreiten. Alle Einsichtigen folgten seinem Rufe; dadurch wurde der Richter in Wuth versetzt, er stürzte auf den Bretschneiderfritz los, packte ihn bei der Brust und schrie:

»Was will Er hier? Commandiren? Aufwiegeln? Weiß Er, was Er ist? Er hat gar kein Recht in der Gemeine; nicht ein Wort hat Er zu sagen! Unter meiner Aufsicht steht Er, und ich kann Ihn ohne Weiteres ins Loch sperren lassen.«

Fritz erwiederte kein Wort -- er vermochte keins hervorzubringen. Er wandte seinen Blick nach Oben und ging zu sehen, wo er sonst helfen konnte. Das zuerst in Brand gerathene Haus gehörte einer armen Wittwe. Sie hatte nur wenig von ihrer Habe zu retten vermocht, und Niemand getraute sich mehr in das über und über brennende Gebäude, um noch Etwas herauszuholen.

»Helft mir doch wenigstens meine Ziege retten!« rief die jammervolle Wittwe aus; »hört doch, wie das arme Thier schreit!« Damit wollte sie in das Haus; doch Fritz, der eben hinzutrat, ergriff sie, schleuderte sie zurück und eilte selbst in das Gebäude, eh' Andere ihn zurückzuhalten vermochten. Es mag Manchem tollkühn erscheinen, um einer Ziege willen ein Menschenleben zu wagen, aber Fritz wußte, was einem verlassenen Menschen solch' ein Stück Vieh sein kann, und die Wittwe war verlassen wie er -- und was galt ihm sein Leben? Es gelang ihm wirklich, das Thier zu retten, ein Freudenruf entrang sich mancher beklommenen Brust, als er sich wieder unter der Thür zeigte. Schon war er fast aus dem Bereiche der fürchterlichen Gefahr, als plötzlich ein brennender Sparren niederstürzte und ihn zu Boden streckte. Der eben herbeigeeilte Kadenlieb trug ihn für todt in sein Haus; schnelle ärztliche Hülfe rief ihn jedoch wieder ins Leben. Der Arzt hoffte ihn zu retten, obschon seine Brust schwer verletzt war. Fritz wünschte blos, von den Menschen errettet zu sein und sein Wunsch ging in Erfüllung. Ein heftiger Blutsturz bahnte seiner Seele den Ausweg aus ihrem vergänglichen Gefäß. Der Kadenlieb, welcher nicht von seinem Bette wich und ihn wie ein Bruder pflegte, wurde sein Erbe.

Der macht' es gescheidt -- als der Frühling ins Land kam, bepflanzt' er die Gräber seiner Freunde mit Veilchen und Immergrün, verkaufte Haus und Feld, gab dem Todtengräber ein Sümmchen, damit er die Gräber wohl pflege, und ging mit dem Rest nach Amerika.

II.

Die Fundgrube Vater Abraham.

I.

Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die Auslohnung war vorbei, und das muntere Bergvolk stand in Gruppen längs der Rathhausseite des großen Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen des Krammarktes. Denn seit undenklichen Zeiten war in der freien Bergstadt dafür gesorgt, daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen, sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen auf leichte Art wieder entäußern konnten. Und wie man Fischreußen vor die Abflußöffnungen der Gewässer legt, so baute man die Buden gerade in die Verlängerung der Gasse, in welcher das Berg- und Zehntamt lag. Da mußten selbst diejenigen hindurch, welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent bestand, so daß gar manches für die Sparcasse bestimmte Fischlein dort hängen blieb. Das konnte freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke gelten, denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern gesegnete Knappe konnte höchstens mit Hülfe eines Heckethalers sich an der Sparcasse betheiligen. Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges Frühstück in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft duftet -- an das gegenüberliegende »süße Löchel«, die Conditorei, ist gar nicht zu denken, sondern er verzehrt höchstens in den Brodbänken ein »Dreierstöllchen« mit einer halben Knackwurst, nachdem er die Hälfte für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie noch jung ist, im Kittel geborgen.

Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken höchstens den Bergner Ferdinand vom Vater Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener, blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der leinene Kittel kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön lackirt, auch das Schuhwerk blank gewichst. Unter der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden Conditorei, aber wohl eher nach dem lockigen Kopfe einer Dame, die dort an einem Fenster an der Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden Dingen des Schaufensters. Dicht neben den Brodbänken befand sich der Laden eines Gelbgießers, an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers und eines Zinngießers reihten. Diesen drei Geschäftsleuten schien der Lohntag keine Weizenblüthe zu sein; standen sie doch schon seit einer halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten über den flauen Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde ihre Aufmerksamkeit nach der Conditorei hinübergelenkt, aus welcher eine hochgewachsene Dame mit einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher Größenabstufung hervorquoll.

»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham mit ihren Küchlein!« rief der Tuchmacher; »acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und richtig -- der Liebhaber der Aeltesten, der neue Herr Obereinfahrer, ist auch dabei; der wird wohl die ganze Schaar tractirt haben.«

»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch ein Nehmer wird,« sagte der Zinngießer; »der Herr Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und von Adel, wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der armen Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als was sie auf dem Leibe trägt.«

»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,« fiel der Tuchmacher ein; »ich will mein Contobuch vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all den Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein prangt, nicht über Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern ungelöscht stehen.«

»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort; »macht's nur nicht so gefährlich! Dazu ist mein Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden sollte. Es ist wahr, die Schichtmeisterin trägt die Nase ein wenig hoch und macht am Ende mehr aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt; aber sie ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man findet nirgends eine so ausgesuchte Ordnung und Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.«

»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte der Tuchmacher. »Ihr als Gewerke vom Vater Abraham solltet doch wissen, wer da eigentlich die Hauswirthin ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt. Das ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame dort, die Einzige von des Schichtmeisters erster Frau.«

»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der Gelbgießer.

»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie sich ein Besuch auf dem Vater Abraham zeigt, muß sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen. Sie würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze Henne unter den bunten Küchlein der Frau Mama zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich das ganze Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben, daß die Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin sein wollte, nicht mehr Staat treiben würde, wie eine Bergmeisterin!«

»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer den Sprecher, »wer weiß, ob sich der Schichtmeister nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der Vater Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen Schichtmeister, der auf seiner Grube wohnt, so genau --« hier stockte der Redner; ein Blick auf das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen. Doch dieser rief schnell: »Was wolltet Ihr sagen, Nachbar Paul? Redet weiter, was meint Ihr? Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham bin, und mich das sehr nahe angeht, was Ihr da auf der Zunge hattet!«

»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der Zinngießer; »Ihr wißt ja, Nachbar Mickley, es kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen und glaube, daß der Schichtmeister Frenzel ein wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn nanntet.«

»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat seine Gewerkschaft alle Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden zu sein, und er gilt allgemein als der tüchtigste Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist eine böse Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht mehr trauen, und was Ihr da angedeutet, will ich mir hinter die Ohren schreiben.«

»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer fast ängstlich, »seid doch nicht so wunderlich! Ich habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein Mensch kann wider ihn auftreten, auch der Nachbar Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet Ihr nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten so übel stehe, wie Ihr vorhin sagtet.«

»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« versetzte der Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen Beweis für meine Worte sehen, so schaut in mein Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt habe. Aber jetzt ist meine Geduld zu Ende, und wenn ich morgen mein Geld nicht habe, geht's vor Gericht!«

Das ganze Gespräch war von dem jungen Bergmann, der unter der Brodbänkenthür stand, mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden. Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen Unwillens angenommen, und bei den letzten Worten des Tuchmachers geschah dies wieder. Er fuhr hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen hervor, dessen Inhalt er überzählte. Ach! es war viel, viel zu wenig, um die Schuld seines Vorgesetzten zu decken. Er besann sich aber nicht lange; er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der Spar-Casse. Der Geschäftsführer derselben wunderte sich nicht wenig, daß sein treuester Sparkunde heute Geld entnehmen wollte, statt welches einzulegen; aber es half nichts, er mußte dem drängenden Häuer acht blanke Thaler auszahlen. Mit diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn verfügte dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo die drei Bürger noch immer beisammen standen und jetzt neue Glossen über die Schichtmeisterin machten, die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen Goldschmiedsladen getreten war.

»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand, zu dem Kleeblatt tretend, nachdem er nicht unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten.

»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was steht zu Diensten? Ich seh's Ihm an, Er bringt Handgeld -- nun Er soll heute einen guten Handel machen.«

»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,« sagte Ferdinand; »soll Ihnen die zehn Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.«

»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das ist auch Handgeld, -- doch ein Ehrenmann der Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas gebraucht hätte. Komm Er, ich will Ihm gleich die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer mit in sein Gewölbe.

»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu dem Gelbgießer: »da hat der Nachbar Kunz auch raisonnirt über den schlechten Zahler; nun ist er doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen Floh ins Ohr setzen lassen. Ich für meine Person weiß nichts Unlauteres von Euerm Schichtmeister und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann. Ich habe nichts gesagt, behüt' Euch Gott!«

Damit entfernte sich der Zinngießer und ging in die Garküche nach seinem Morgentöpfchen. Der Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen und schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile kam Ferdinand daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals meinen gehorsamsten Dank an den Herrn Schichtmeister!« rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.«

Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem Rest seiner Baarschaft und wollte sich auf den Heimweg machen. Als er aber an das Gewölbe des Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte ihn hinein. Er holte aus einem Wandschrank einen Teller mit Knackwurst und Brodschnitten, eine Flasche und ein Gläschen, schenkte ein und bat den jungen Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen, verschmähte aber den Inhalt des Gläschens, weil er nie Branntwein trinke. Der Gelbgießer nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu dem echten »Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand beharrte bei seiner Weigerung, und als der Gelbgießer einen Grund dafür wissen wollte, sagte er: »Ich halte das Branntweintrinken für eins der Hauptübel der Menschheit.«

»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel Meister Mickley ein; »aber ein Gläschen zum Imbiß dient zur Gesundheit.«

»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte Ferdinand; »unser Herr Markscheider, der alle Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie erforscht haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen, daß der Branntwein, in was immer für einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen für die menschliche Natur sein könne; daß er aber in einiger Menge genossen immer verderblich wirke. Die Säufer, die unter das Vieh herabgesunken sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken. Doch selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde gegen Gott und Menschen, weil er immer die Mitschuld trägt, daß das, was Gott den Menschen zur Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße getreten wird. Lieber Meister, Sie dulden gewiß nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in Ihrem Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem Glase Schnapps werden ein paar Loth Brod zu nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister, wie viel tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm lieben Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt werden -- das ist Brod für viele tausend Menschen. Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so darf es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über den Greuel einmal ergrimmt und uns ganz entzieht, was wir so schmählich mißbrauchen.«

»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer aus; »na, so lassen wir den Schnapps! Also Er ist auf der Bergschule -- sagte Er nicht?«

»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf und fahre auf dem Vater Abraham an, besuche aber die Bergschule seit zwei Jahren.«

»Und da kommt Er alle Tage anderthalb Stunden weit herein in die Stunden? Das macht jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde Unterricht!«

»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand, »in der Stadt ist theuer leben, dazu reicht das Häuerlohn nicht aus.«

»Und von der Grube wohnt Er auch eine Stunde entfernt; da hat Er täglich einen Marsch von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die saure Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13 Stunden täglich, mit der Schule 14 -- da bleibt Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!«

»Freilich nicht; -- nun, ich richte mich mit meiner Mutter ein, und da wir eigne Herberg haben und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon aus. Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit vom Feuer, aber dafür hat's uns noch kein Jahr an den lieben Kartoffeln gefehlt. Uebrigens leb' ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung, daß unsere Herren Gewerken uns bald auch zu einem wenig Fleisch helfen werden, da der Vater Abraham neuerdings so höflich geworden.«

»Höflich?« versetzte Meister Mickley, -- »es geht wahrlich an mit der Höflichkeit. Es ist wahr, es hat in den letzten Quartalen einige Ausbeute gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht, daß wir Gewerken viele Jahre nicht einen Heller von unsern Kuxen gehabt, ja gar einmal Zubuße gezahlt haben.«

»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder erstattet, und nach meiner Ansicht muß es in der letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute gesetzt haben.«

Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an; dann ging er an sein Schreibpult und brachte ein Schreiben zum Vorschein, welches er dem Knappen vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog, indem er den jungen Mann fixirend fragte: »Wie hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute vom Vater Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal sehen, ob Er schon einen tüchtigen Steiger abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig würde. Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im Ausschusse der Gewerken sitze, also ein Wörtlein mitzureden habe, wenn es eine Stelle auf dem Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen, ob Er schon ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß Er hören!«

Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte sich des Gesprächs der drei Bürger erinnern, namentlich der halben Aeußerung des Zinngießers, die zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte der Gelbgießer ihn aushorchen, und er war im Begriff, eine kurze Antwort zu geben; doch lag auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden, daß Ferdinand das rauhe Wort nicht über die Lippen brachte. Zudem war seine Ehrliebe erregt und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht gezeigt worden, die sein höchstes Lebensglück zum Hintergrund hatte. Nach einigem Nachsinnen sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe ist es immer ein unsicheres Ding, -- aber nach meinem Dafürhalten kann die Ausbeute im letzten Quartal nicht unter 1300 Species betragen haben.«

»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er meint wohl den Gesammtwerth des gewonnenen Erzes?«

»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der Gewinnungskosten und des Zehntens.«

Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und hielt es dem Häuer vor das Gesicht: »Da les' Er, was unter Quartal Crucis notirt ist.«

Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit dem Kopfe. »Da hätte ich mich stark verrechnet,« sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5 Species auf den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640 Species, also noch nicht die Hälfte der von mir vermutheten Summe. So stark sollte sich einer, der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!«

»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?« sagte der Meister. »Er scheint mir einen offenen Kopf zu haben -- vielleicht hat Er doch recht gerechnet -- he?«

»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,« antwortete Ferdinand.

»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz Anderem liegen, als an Seiner Berechnung? Sei er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein Schade nicht sein. -- Hat Er keine Vermuthung, auf welche Art die schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft zugeschätzt hat, auf weniger als die Hälfte geschwunden sein kann?«