Erzgebirgische Geschichten. Erster Band
Part 1
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Erzgebirgische Geschichten
von
Elfried von Taura,
Verfasser von: »Die stille Mühle« etc. etc.
Erster Band.
Hannover.
Carl Rümpler.
1858.
Druck von August Grimpe in Hannover.
Inhalt.
Bretschneiderfritz.
Die Fundgrube Vater Abraham.
Der Gimpelkönig.
I.
Bretschneiderfritz.
1.
Hoch auf dem Plateau des Erzgebirges, in der nordöstlichen Nachbarschaft des Keilberges, erhebt sich, weit nach Mitternacht und Morgen sichtbar, die rautenförmige Basaltkegelgruppe des Bärenstein, Scheibenberg, Pöhlberg und Haßberg. Es ist ein Raum von wenig Geviertstunden, den sie umschließt, aber ein Raum voll landschaftlicher und menschlicher Contraste. Die üppigsten Wiesengründe wechseln mit kahlen Bergkuppen und hochgethürmten Felsen, die herrlichsten Tannenwälder mit den traurigsten Torfmooren, die belebtesten, von bienenfleißigen Menschen wimmelnden Gegenden mit menschenleeren Wüstungen und die abgeschliffensten, auf der Höhe der Civilisation stehenden Stadtbewohner mit Gemeinden, die noch um Jahrzehente hinter jenen zurück sind. Tiefer als die Kluft, welche die Gegensätze der Bildung scheidet, kann das tiefe Thal nicht sein, welches die ganze Fläche in zwei Hälften scheidet, eine östliche und westliche. Aber von welchen Gegensätzen wüßte der Bach zu erzählen, der das Thal bald sanft, bald wild durchströmt, wenn wir ihn fragen wollten! Es genügt hier zu wissen, daß er in seinem obern Lauf die Grenze zweier Staaten und zweier Kirchengebiete bildet, daß er anfangs durch ein flaches Wiesenthal, dann durch ein enges, tiefes, felsiges Waldthal und endlich durch das tiefe und weite Thal von Königswald fließt. Da wo der schöne Bach die Grenze eines der augenfälligsten landwirthschaftlichen Contraste überschreitet, an der untern Oeffnung des erwähnten Waldthales, bespült er den Garten einer Försterei und treibt unterhalb derselben eine Mahl- und Sägmühle, oder, wie man hierzuland sagt, Bretmühle.
Es wird mir weh ums Herz, so oft ich an diese Bretmühle denke. Denn immer muß ich da auch an den armen Bretschneiderfritz denken, der einst dort lebte und, wiewohl er fast nie aus dem Thal gekommen, mehr erlebte als manches Menschenkind, das die halbe Welt am Wanderstabe durchmessen.
Wenn ich so um zwanzig Jahre in meiner Erinnerung zurückgehe, was war da der Bretschneiderfritz von Königswald für ein Mann! Alt und Jung hatte ihn gern und ehrte ihn als Einen, der sein Fach verstand und auch noch etwas mehr, der dabei ein rechtschaffen Stück Geld verdiente und »lebte und leben ließ.« Zwar der Förster drüben über dem Bach war nicht ganz gleicher Meinung mit den Königswaldern, denn er hatte den Fritz im Verdacht, daß er um die schönen Stämme und Klötze wisse, die von Zeit zu Zeit aus dem Theile des Reviers verschwanden, welcher mit dem Pöhlwasser zunächst der Bretmühle »raint«. Er konnte jedoch nichts auf ihn bringen, und so blieb Fritzens Ansehen bei den Königswaldern ungeschmälert. Er war kein Jüngling mehr, denn er hatte bereits in den Zwanzigern nichts mehr zu suchen, doch war er noch immer ein Junggeselle. Nicht als ob es ihm an Gelegenheit zum »Freien« gefehlt hätte! In Königswald mangelt es so wenig als anderwärts an heirathslustigen Jungfern, und da der Fritz ein »feiner Bursch« war, so hätte mehr als eine und nicht die schlechteste mit beiden Händen zugegriffen, wenn er gesagt hätte: »Nimm mich!« Aber unser Fritz war ein wenig wählerisch und zuletzt gab es nur Eine in Königswald, der er Herz und Hand schenken mochte, das war +Kordel+, die Mündel seines Brodherrn, des Müllers.
Da hatte es nun so seinen besondern Haken, daß Fritz mit seinem Werben nicht recht vom Flecke kam. Nicht als ob er dem Mädchen nicht angestanden hätte, im Gegentheil, sie hatte deß vor ihren Freundinnen gar keinen Hehl, daß sie den Fritz gern habe; aber dieser war so bis über die Ohren in sie verliebt, daß er nicht wußte, wie er an sie kommen sollte. Das Mädchen hatte so sein eigenes Köpfchen, was sie von allen schönen Königswalderinnen unterschied: wie sie immer etwas Apartes vor diesen haben mußte, sei es nun an ihren Kleidern oder in der Art, wie sie das üppige kastanienbraune Haar scheitelte und aufsteckte, so wollte sie auch von den Männern anders genommen sein, wie jene, namentlich wollte sie dem Mann ihrer Wahl keinen Schritt entgegengehen, woran es die andern jungen Königswalderinnen keineswegs fehlen ließen. Dem Bretschneiderfritz machte Kordel's zurückhaltendes Wesen viel Herzensnoth, und in dieser verfiel er auf einen Weg, auf den er am allerwenigsten hätte verfallen sollen: er entdeckte sich dem Müller und bat ihn um seine Fürsprache. Der Müller sagte ihm ihre Hand ohne Weiteres zu, gerade als ob er als Vormund nur so mir nichts dir nichts über ein freies Menschenwesen hätte verfügen dürfen. Es war ihm indeß mit seiner Zusage gar nicht so ernst, wie er that, wenigstens schob er ihre Erfüllung auf die lange Bank, und das war Fritzens Unglück.
In Königswald hieß es schon lange, daß Fritz und Kordel auf dem Punkte ständen, ein Paar zu werden; da fehlte es denn wie gewöhnlich nicht an spitziger Neckerei, noch an neidischer Afterrede. Wäre das Gerücht wahr gewesen, so hätte sich Kordel aus Beidem nichts gemacht, aber da die Sache noch im weiten Felde stand, Fritz noch kein Sterbenswörtchen von Liebe und Heirath zu ihr gesagt hatte, so verdroß es sie, so »in der Leute Mäuler herumzugehen«, und sie wurde dem Fritz fast böse, daß er das Gerücht vom Brautstand veranlaßt und doch nicht wahr machte. Als es ihr gar zu bunt ward, meinte sie, sie wolle dem Gerede bald ein Ende machen; es müsse ja der Fritz nicht sein; es gäbe der Bursche noch genug in der Welt, und der erste Beste, der sie haben wolle, und der ihr gefalle, solle sie heimholen. -- »Ja« -- mußte sie aber dann lächelnd einwenden -- »wenn nur erst Einer käme, so »fein wie der Fritz« oder »noch a Bissel feiner.« -- »Je nun« -- raisonnirte der Trotzkopf, sich stolz in die Höhe werfend, weiter -- »wer weiß, es kann morgen Einer kommen.«
Es war eines Sonntags, als sie aus der Kirche kam, wo sie dieses Selbstgespräch hielt, und sie war dazu durch die Neckerei ihrer Freundinnen auf dem Kirchhof veranlaßt worden. Ihr Weg führte sie an ihrem von den Eltern ererbten Häuschen vorüber, welches jetzt eine alte Muhme bewohnte, die als Sibylle von Königswald bei allen jungen Mädchen, verliebten Burschen, wie lottospielenden Weibern und Männern des Ortes in hohem Ansehen stand. Kordel fand sich bei den letzten Worten ihres Selbstgesprächs gerade vor ihrem Besitzthum; was war bei der Richtung ihrer Gedanken natürlicher, als daß sie hineinging, die »Muhme Beate« zu fragen, was für ein Mann ihr beschieden wäre. Die Alte empfing ihre jugendliche Hauswirthin mit zuvorkommender Dienstwilligkeit -- ihr sibyllinisches Buch aus zweiunddreißig Blättern lag auf dem Tisch, eh' Kordel ihren Wunsch noch ausgesprochen hatte. Richtig! da war es ja ganz offenbar: ihr war »ein junger, schöner Herr in einem grünen Rock« beschieden, nicht aus Königswald, sondern weit, weit her -- aus Leipzig oder Dresden, wo nicht gar aus Bautzen;« er war bereits unterwegs und eh' drei Tage vergingen, konnte sie ihn schon gesehen haben.
Es soll mich wundern, wenn Kordel an diesem Abend so geschwind eingeschlafen ist, wie sonst, und wenn sie nicht von dem Grünrock geträumt hat. Der Montag verging, ohne daß er ihr den Verheißenen vor die Augen brachte, so oft sie auch zum Fenster hinaussah oder sich im Hofe, im Garten und auf der Wiese zu thun machte. Aber sonderbar -- Abends beim Essen erzählte der Müller, daß beim Förster drüben ein neuer Gehülfe angekommen sei, ein »kreuzfideler Kauz«, mit dem er auf dem Weiperter Blechhammer einen so vergnügten Nachmittag zugebracht habe, wie lange keinen. Kordel wurde roth bis in den Nacken, und diese Nacht träumte sie wirklich von einem Grünrock.
Am andern Morgen litt es sie nicht im Hause; kaum hatte sie ihren Kaffee getrunken, so nahm sie Sense und »Wetzkitze« und eilte auf die Wiese, die der Pöhlbach vom Garten des Försters trennte, dort zu mähen. Denn der Müller hielt sie nicht zum Staat in seinem Hause, sondern ließ sie ihr Brod ordentlich verdienen. Sie hatte kaum zwei Schwaden nieder, da horch! -- so etwas hatte sie noch nie gehört, -- aus dem offenen Giebelfenster des Forsthauses sang eine Tenorstimme, gegen welche die des Kantors nur heiseres Gekrächze war, das schöne Lied: »Es blies ein Jäger wohl in sein Horn -- trarah -- trarah -- trarah etc.« Das Mädchen vergaß gar das Mähen über den wunderholden Tönen, und die Empfindungen, welche Text und Melodie athmen, strömten in solchen Schauern durch ihre Brust, daß diese das fesselnde Mieder zu zersprengen drohte.
Auch den Bretschneider lockte der ungewohnte Sang an sein Fensterlein, das nach dieser Seite herausgeht, und wie ihm wurde, als er sein Lieb nur fünfzig Schritte von dem Forsthause auf ihre Sense gelehnt in Zuhören versunken sah, das will ich Niemand sagen. Aber es sollt' ihm noch schlimmer werden. Denn das Lied war kaum zu Ende und Kordel hatte kaum die Sense wieder in Bewegung gesetzt, da kommt ein schlanker grünrockiger Gesell mit fliegenden schwarzen Locken zum Forsthause heraus, setzt wie ein Hirsch über den Bach und ist wie der Blitz an Kordel's Seite.
»Guten Morgen, Jungfer Nachbarin!« grüßte der Wildfang. -- »So schöne Gelegenheit, Unterricht in der Landwirthschaft zu erhalten, finde ich im Leben nicht wieder; da muß ich gleich Stunde nehmen. Ich bitte!« Und damit nimmt er die Sense aus der Hand des erglühenden und bebenden Mädchens.
»Ach, verzeihen Sie!« fährt er zu sprechen fort. -- »Ich habe Sie erschreckt -- dictiren Sie mir welche Strafe Sie wollen, und zürnen Sie mir nicht!«
»Geben Sie mir meine Sense!« stammelte das verlegene Kind.
»Warten Sie nur einen Augenblick!« versetzte der kecke Mensch. -- »Wenn Sie mir böse sind, so muß ich Ihren Vater, das fidele Haus, rufen, daß er meinen Advocaten bei Ihnen mache.«
»Der Müller ist nicht mein Vater«, versetzte sie, »sondern nur mein Vormund.«
»So vertritt mein alter Freund von gestern also doch Vaterstelle bei Ihnen. Wie ist es, muß ich mir seinen Beistand erbitten, oder verzeihen Sie mir so?«
»Ich habe ja nichts zu verzeihen.«
»Wohlan, Ihre Hand! O welche allerliebste kleine Hand! Man sollte nicht meinen, daß sie solche Arbeit verrichten könnte.«
»O Sie sollen gleich sehen, ob sie's kann; geben Sie mir nur die Sense!«
Er behielt sie jedoch und schickte sich an, eine Schwade zu hauen.
»Um Gotteswillen!« schrie das Mädchen, ihm in den Arm fallend, »so hauen Sie sich ja die Zehen weg.« Und nun nahm sie die Sense und zeigte ihm, wie man sie führen müsse.
Dem Allen mußte der gute Bretschneider von seiner Bretmühle aus zusehen, und ihm war, als ob die kreischende Säge hinter ihm mitten durch sein Herz schnitt. Jetzt -- das sah er ein -- war es die höchste Zeit, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, sonst war es für ihn verloren. Er eilte stracks hinüber in die Mühle, um mit seinem Herrn ein ernstes Wort über die Heirathsangelegenheit zu reden. Leider war der Müller ausgegangen und Fritz mußte sich gedulden bis Mittag. Als er wieder über den Hof ging, begegnete ihm die von der Wiese zurückkommende Kordel. Er sah sie mit einem traurigen und doch so innigen Blick an, daß er ihr durch die Seele drang. Jetzt hätte er dreist sein und sein ganzes Herz vor ihr bloß legen sollen; gewiß, sie hätte ihm nicht widerstanden, und wenn sie einmal Ja gesagt, da wäre sie ihm auch treu geblieben, und es wäre ganz anders geworden mit dem armen Fritz -- aber auch mit ihr. Allein er seufzte blos, und ging zu seiner Säge -- mit der konnte er um die Wette seufzen.
2.
Am Mittag, gleich nach dem Essen, als Kordel bereits wieder draußen herumwirthschaftete, zog Fritz den Müller mit sich auf die Bretmühle. Wie bekannt hat jede Schneidemühle ein Souterrain, in welchem sich die Radstube befindet. Dort häufen sich auch die von oben herabfallenden Sägespäne auf. Es mußte sich gerade treffen, daß Kordel, um dergleichen Späne einzufassen, sich in der Radstube befand, als Fritz und der Müller oben ankamen und sich auf den vor der Säge liegenden Klotz setzend, ein Gespräch begannen, in welchem das Mädchen fast das erste Wort war. Kordel war bestimmt nicht die Neugierigste ihres Geschlechtes, aber in diesem Falle konnte es ihr Niemand verargen, wenn sie sich nahe herbeischlich und sich hütete, ihre Anwesenheit zu verrathen. Der Bretschneider machte dem Müller Vorwürfe, daß er sein Versprechen bis heute nicht erfüllt hatte. Der Müller entschuldigte sich damit, daß es noch immer nicht habe passen wollen, fügte aber hinzu, daß er dem Fritz diesen wichtigen Dienst nur um einen Gegendienst leisten könnte. Auf Fritzens Befragen, was für Einer das wäre, antwortete der Müller:
»Das kann Er sich schon denken, Fritz! Er soll mir zu meinem Eigenthum verhelfen, den achtzehn Fichten oben an der Waldecke hinter der Mühle.«
Fritz kratzte sich hinter den Ohren und sagte kein Wort.
»Er meint doch nicht, es wäre ein Unrecht,« fuhr der Müller fort, »wenn wir die Fichten holen? Sie gehören mir von Rechtswegen; der Boden, worauf sie stehen, gehört zu meiner Mühle; der frühere Förster hat bei Lebzeiten meines Schwiegervaters die Grenzsteine verrückt und so die schönen Fichten, wie er keine auf seinem Revier hatte, an den Staatswald gebracht.«
»Warum suchen Sie denn Ihr Recht nicht?« fragte Fritz.
»Red' Er mir nicht von Rechtsuchen dem Fiskus gegenüber!« versetzte der Müller. »Soll ich mich um die Mühle prozessiren? Er weiß doch, wie es den Grumbachern geht, die nun seit funfzig Jahren wegen des Streitwaldes mit dem Fiskus im Proceß liegen. Fritz -- sei Er nicht wunderlich! Es ist ja keine Gefahr bei der Sache. Der neue Forstgehülfe ist auf dem Revier noch unbekannt, auch bin ich bereits gut Freund mit ihm und will ihn schon lenken.«
Fritz schüttelte den Kopf und sagte: »Mit dieser Sache möcht' ich nicht gern zu schaffen haben.«
»So hab' ich auch nichts mit Seinen Absichten auf die Kordel zu schaffen und ich gebe sie, wen sie sonst will.« Damit erhob sich der Müller und ließ den armen Fritz in der traurigsten Stimmung sitzen.
Kordel hatte von dieser Unterredung nicht ein Wort verloren. Sie vergaß die Sägspäne vor Zorn über den Vormund, daß er sie um achtzehn Fichten verkuppeln wollte und auch über den Fritz, daß er sich mit seiner Werbung an den Vormund statt an sie selber gewendet hatte.
Ihr Groll gegen den Vormund milderte sich indeß schon am Abend; denn da brachte er den Forstgehülfen mit nach Hause. Dieser hatte jetzt seinen grünen Anzug durch einen Tirolerhut vervollständigt, der ihm verwegen auf dem rechten Ohre saß. Statt Büchse und Waidtasche trug er ein weit friedlicheres Instrument am Arme: eine Guitarre, auf der er im Schreiten über die Hausflur bis in die Mitte der Stube einen Marsch spielte, zum Ergötzen der Müllerin und des gesammten Hausgesindes, nur nicht des Bretschneiders. Der ärgerte sich über die Musik dermaßen, daß er mit einer verteufelten Unmusik gegen sie ins Feld rückte: er nahm die Feile zur Hand und fing an, die Säge in einer Weise zu schärfen, daß es über eine halbe Stunde weit schrillte. Da konnte der Jäger allerdings nicht spielen und singen, weshalb die Müllerin hinausrannte und dem Fritz das Schärfen untersagte.
Der Forstgehülfe war in der That ein Sänger, wie ihrer nicht viele in grünen Pikeschen umherlaufen. Hätt' er nur einen bessern Gebrauch von seiner schönen Gottesgabe gemacht. Die gute Kordel hatte gar keine Ahnung, was für ein Springinsfeld der dunkellockige Sänger war, sonst hätte sie seinen schmeichelnden Tönen nicht so freien Eingang in ihr Herz gestattet, wie es schon am Morgen der Fall gewesen war und noch weit mehr diesen Abend geschah. Und diesem Abend folgten noch andere, ja, einen wie den andern stellte sich der Jäger ein, und eh' die Woche um war, fand er sich in der Mühle wie zu Hause, und Kordel's Herz hing wehrlos in seinem aus Gluthblicken und Tönen gewobenen Liebesnetz.
Um den Bretschneiderfritz war es geschehen. Am Sonntage mußte er sehen, wie Kordel in Begleitung des Müllers und des Grünrocks in »das Gericht« zu Tanze ging. Da fuhr die Hölle in sein Herz, und wie er ihnen nachsah, ballte er seine Faust und sprach: »Warte, du Tagedieb, dich will ich bald aus meinem Gehege vertreiben.« Darauf zog er sich an und ging ebenfalls in das Gericht.
Der Bretschneiderfritz war kein Säufer, und Niemand in ganz Königswald konnte auftreten und sagen, er habe ihn ein einziges Mal betrunken gesehen; heute betrank er sich, und das Bißchen Verstand, welches der Teufel der Eifersucht ihm noch gelassen, das trieb der Schnapsgeist vollends aus. Zwar war er nicht so voll, daß er taumelte, als er sich vom Müller bereden ließ, aus der Schänkstube hinauf in den Tanzsaal zu gehen, aber wer ihn kannte, sah, daß das Thier in ihm jetzt die Oberhand hatte. Die Kordel sah es ihm gleich an, als er auf sie zukam, und obschon sie nicht wagte, ihm den Tanz abzuschlagen, so riß sie sich doch gleich von ihm los, als er sie fest an sich riß, daß es ihr den Athem versetzte. Er wollte sich ihrer wieder bemächtigen, aber sie stieß ihn mit solcher Heftigkeit von sich, daß er zu Boden taumelte. Der Müller hob ihn auf und führte ihn fort, während Kordel sich unter den Schutz des Forstgehülfen flüchtete.
»Herr!« sprach Fritz zum Müller, als sie wieder nach der Schänkstube gingen, »wollen Sie die Fichten noch haben?«
»Er holt sie mir doch nicht,« erwiederte der Müller kühl.
»Ich hole sie -- heute Nacht noch fang' ich an. Geben Sie auf die Kordel Acht und halten Sie den Försterburschen auf!«
»Verlaß Er sich auf mich!« sagte der Müller, worauf Fritz, ohne noch ein Wort zu sagen, davon eilte.
Der Forstgehülfe ließ sich nur zu gern halten, weniger durch das Zureden des Müllers, als durch den Zauber, den Kordel auf ihn übte. Es graute schon der Tag, als die drei Nachtschwärmer in die Mühle zurückkehrten. Der Forstgehülfe hängte sein Gewehr über, das er hier eingelegt hatte, nahm mit einem Kusse von Kordel Abschied und eilte dem Walde zu, um da nachträglich seine Pflicht zu erfüllen. Als er aber an ein wunderheimliches Plätzchen kam, wo ein von jungen Tannen beschatteter schwellender Mooshang zum Ruhen einlud, meinte er, es sei Eins besser als das Andere, legte sich und schlief ein. Erst als die Mittagssonne durch eine Oeffnung des dichten Gezweiges ihm ins Gesicht schien, erwachte er, und da mußte es sich noch schicken, daß ihm zwei Weiber mit schwergeladenen Holzkörben in den Weg kamen, gegen die er das Interesse des Staates durch Pfänden und Aufschreiben der Namen wahren konnte. Glücklich, zwei schneidende Beweise seines Diensteifers -- eine Handsäge und ein Beil -- dem Prinzipal überliefern zu können, betrat er das Forsthaus -- aber mit einem »Hol' Sie der Henker mit Ihrem Bettel da!« wurden ihm die Pfänder von dem erzürnten Förster vor die Füße geworfen.
»Bei Ihnen heißt es wohl auch: Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen?« fuhr der Förster fort; »hätten Sie lieber aufgepaßt, daß man nicht die drei schönsten Fichten im Walde gestohlen hätte, als daß Sie auf ein paar alte Weiber mit Kaffeeholz fahndeten. Wenn Sie sich noch eine solche Nachlässigkeit zu Schulden kommen lassen, so sind wir auf der Stelle geschiedene Leute. Von heute an inspiciren Sie lediglich den Kriegwald, und da haben Sie Acht auf die Bretmühle, denn irre ich nicht, so haust dort unser Dieb, obgleich eine genaue Haussuchung in allen Ställen und Schuppen der Mühle nicht das Geringste ergeben hat.«
3.
Als der Gehülfe am Nachmittage den Platz besah, wo in der Nacht die stattlichen Bäume verschwunden waren, wurde es ihm gleich klar, daß dieselben nicht gut anders wohin als in die Mühle gewandert sein konnten. Sicher aber war der Müller unschuldig daran, denn wie sollte ein so bemittelter Mann Holz stehlen? Er ließ sich daher durch den Vorfall nicht abhalten, gegen Abend wieder in die Mühle zu gehen und eine Blumenlese theils verliebter, theils lustiger Lieder zum Besten zu geben. Länger aber als bis es finster geworden war, ließ er sich diesmal nicht halten, sondern er ging an seinen Posten, schwörend, daß wenn die Diebe heute kämen, sie ihren Mann finden sollten. Sie kamen aber nicht, und auch die folgende Nacht nicht, noch die dritte.
In der vierten Nacht meinte der junge Forstwart, es sei doch eine Thorheit, da umsonst und nichts im kühlen Forst die halbe Nacht hindurch zu wachen, statt mit dem nettesten Mädchen, das je an eines Waidmanns Brust gelegen, zu kosen. Er ging zwar wie gewöhnlich um neun Uhr aus der Mühle fort und hinauf in den Wald, aber als im Dorfe der Wächter die zehnte Stunde abblies, schlich er sich wieder in die Mühle, wo Kordel ihn bereits erwartete -- das arme, arme Ding! --
Als am frühen Morgen der pflichtvergessene Bursche aus Kordel's Armen hinauseilte nach dem Walde, rührte ihn das Gewissen nicht, daß er ein holdes Menschenleben vergiftet hatte; dagegen wurde er von dem Anblick der drei frischen Stöcke, die neben den drei ersten entstanden waren, wie vom Donner gerührt. Jetzt mußte er aus dem Dienst, das wußte er, denn der Förster spaßte nicht, und dies und wieder dies allein war sein Gedanke und seine Sorge -- was aus der armen Kordel werden würde, daran dachte er nicht im Geringsten. Aber vielleicht konnte sie ihm zur Entdeckung des Diebes behülflich sein -- dieser Gedanke trieb ihn flugs in die Mühle zurück, wo, wie er wußte, Kordel noch wachte, da sie jetzt den Backofen zu heizen hatte.
Kordel saß, beleuchtet von der röthlichen Flamme, die sie eben angezündet hatte, auf den Stufen vor dem Backofen und hatte ihr Antlitz in die Schürze gehüllt, als der Verführer wieder zu ihr trat. Sie fiel ihm weinend um den Hals und dankte, daß er wiederkomme, denn ihr sei so angst und bange geworden, seit er sie verlassen. »O nicht wahr« -- fuhr sie, ihm in die verführerischen Augen blickend, fort -- »nicht wahr, Du verlässest mich nicht?«
»Wenn ich nur nicht muß, lieber Schatz!« erwiederte er, sie küssend. Das Mädchen fuhr erschrocken zurück und fragte, wie er das meine? Nun berichtete er ihr seine Entdeckung, theilte ihr mit, was er zu erwarten habe, und versetzte sie dadurch in die schrecklichste Angst. Gleichwohl gelang es ihm nicht sogleich, ihr das Geheimniß, um das sie wohl wußte, zu entlocken, erst nachdem er sie überredet hatte, daß das Vergehen mit einigen Wochen Gefängniß gesühnt sei, und als er mit traurigen Geberden für immer von ihr Abschied nahm, verrieth sie ihm den Ort, wo die entwendeten Fichten, in Klötze geschnitten, untergebracht waren; mehr aber konnte er nicht von ihr erfahren.
Der Müller saß mit seinen Leuten beim Frühstück, als der Förster mit einem Gerichtsschöppen erschien, um abermals Haussuchung vorzunehmen. Aber diesmal nahmen sie sich nicht die Mühe, in Ställen und Schuppen herumzukriechen, sondern sie verfügten sich stracks hinter die Bretmühle, wo sie unter dem »Fluther« nach einigem Suchen ein großes verdecktes Gewölbe und darin die gesuchten Klötze entdeckten. Der Müller schien nicht im Geringsten verlegen bei dieser Entdeckung; er fluchte auf die Diebe, die sein Haus verunehrten, und that, als ob er nicht das Mindeste um das Vergehen wüßte, was der Förster auch glaubte, da er einem solchen Manne, der noch dazu sein Gevatter war, eine solche Handlung nimmermehr zutraute.
»Ich habe dem Bretschneider schon lange nicht getraut,« erklärte er, »und kein Anderer als er und der Kadenlieb sind die Diebe.«