Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes

Part 2

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Der Zwickauer Superintendent fügt seinem Berichte noch hinzu: »Ich muß selbst bezeugen, daß die Gemeinen an den Ceremonien des Engels in den Christmetten noch sehr hängen und die Pastores, die eine Aenderung machen wollen, bei mir hart anklagen.«

Auf Grund dieses Berichtes ergeht am 16. Juni 1815 an den Zwickauer Superintendenten Lorenz der königliche Befehl:

»Friedrich August usw. Wie es nun bei der unterm 11. August 1812 ergangenen Verordnung, nach welcher die Feier der Christmetten, wo dergleichen noch gewöhnlich sind, auf eine dem Geiste des Christentums und dem Zwecke religiöser Erbauung angemessenen Weise eingerichtet und mit einer Predigt oder Betstunde begangen, Ceremonien und Gebräuche aber, welche mit der Absicht einer religiösen Feierlichkeit sich nicht vereinbaren lassen oder zu Gespötte und Aberglauben Veranlassung geben, dabei schlechterdings nicht gestattet werden sollen, bewendet, also ergeht hiermit an euch unter Zurücksendung des beigefügten Aktenstückes Unser gnädigster Befehl, Ihr wollet zukünftig Vorkehrung treffen, daß die Christmetten, wo sie noch stattfinden, nur in dem vorgeschriebenen Maße gehalten werden und daher die Geistlichen und Schullehrer an obengedachten Orten wegen der von ihnen nachgesehenen beiden Christmetten des vorigen Jahres vorschriftswidrig stattgefundenen Ceremonien nicht nur rectificieren, sondern auch dieselben anweisen, daß sie künftig weder den Anfang der Christmetten vor 6 Uhr des Morgens zulassen, noch den Knaben, den zwar zweckmäßigere Gesänge zu singen nachgelassen bleibt, eine besonders sich auszeichnende Kleidung oder Kronen sich zu bedienen, Engel und Hirten vorzustellen und dergleichen Figuren dabei zu gebrauchen oder wohl gar die Kanzeln zu betreten, verstatten.«

Die Gemüter der einzelnen Gemeinden beruhigten sich natürlich damit nicht. Mag. Lorenz, der Zwickauer Superus muß am 11. Dezember 1815 an den König berichten: »die Gemeinden beruhigen sich schwer bei den Abänderungen, die ihren Metten eine andere Gestalt geben sollen und die Pastores müssen schon in hohem Ansehen stehen, wenn die Vorstellungen, die sie dagegen machen, noch gemäßigt und bescheiden sind.«

Eine solche Vorstellung oder Beschwerde war auch von der Gemeinde Lauter bei dem Superintendenten eingereicht worden. Zwei Deputierte dieser Gemeinde erschienen auf der Superintendentur und unterstützten diese Vorstellung noch durch mündlich angebrachte Gründe. Sie waren nicht einverstanden, daß die Metten nicht früher als 6 Uhr beginnen sollten. Früher, wenn ihre Kinder aus den Metten kämen und durch die Feierlichkeit besonders für Jesum Christum gestimmt wären, hätten sie ihnen ihren heiligen Christ bescheren können, was auf sie einen recht guten Eindruck gemacht habe. Alles dies müsse nun wegfallen, sobald keine Zeit zwischen den Metten und dem Hauptgottesdienst übrig bleibe. Ferner sei ihre Christmettenfeierlichkeit auch keine sogenannte Komödie, sondern eine erhebende, fromme Gefühle erregende und tiefe Eindrücke zurücklassende Feier der Geburt Christi.

Darauf kommt bald der kurze Entscheid an den Superintendenten zu Zwickau, d. d. 15. Dezember 1815:

»Friedrich August usw. Uns ist geziemend vorgetragen worden, in welcher Weise Carl Friedrich Epperlein und Consorten zu Lauter auf Abänderung des wegen der Christmetten unter dem 16. Juni d. J. an euch ergangen. Wir lassen es jedoch bei dem obenerwähnten Reskripte bewenden.«

Nun -- trotz aller Einschränkungen -- die Metten blühen noch heut in einzelnen Orten. Man lese in Oskar Seyferts »Dorf und Stadt« die entzückende Schilderung einer solchen Mettenfahrt. Auch Dr. Alfred Müller hat an einem Mettengottesdienst in Steinbach, Bez. Annaberg, teilgenommen und schildert seine Eindrücke in einem sehr ansprechenden Aufsatz »Eine Mettenfahrt« (Glückauf 1900, Seite 2.)

Nach John[9] ist in vielen Orten (Neudorf, Tannenberg, Thum, Wolkenstein, Bärenstein, Schlettau) das Turmsingen üblich. Auch in Schneeberg wird schon früh 4 Uhr vom mächtigen Turm der hochgelegenen Kirche gesungen, wobei die Reihenfolge und Auswahl der Stücke jedes Jahr ein und dieselbe ist.

1. Herr wir singen dir zur Ehre (Melodie: Wachet auf, ruft uns).

2. »Das Ehre«, ein achtstimmiger Chor auf den Text »Ehre sei Gott in der Höhe.«

3. »Das Glückauf!« ein uraltes Bergmannslied von dem Stadtältesten Biel komponiert.

4. Chor: Laut verkündet die Trompete und die Pauke rollt es dir.

5. Choral: Preiset ihn durch Jubellieder (Str. 2 von »Herr, wir singen dir zur Ehre«.)

Schmetternde Trompetenbegleitung verstärkt den feierlichen Eindruck der Gesänge, die von den Chorknaben und freiwilligen Sängern aus der Stadt ausgeführt werden. Beim Verlassen des Turmes schrieb man sich in der Turmwohnung in das dort aufliegende Kantoreibuch ein. Wer 50mal ununterbrochen am Singen teilgenommen hat, erhält eine Pelzmütze und eine Laterne. John berichtet, daß in den 90er Jahren dies letztmalig der Fall war. In anderen Orten singt man einfach einige bekannte Weihnachtslieder oder Choräle vom Turme. In Zwönitz findet das Turmblasen nachts 3 Uhr statt, um 4 Uhr singen die Chorjungen und die Metten nehmen ihren Anfang.

In Geyer wirkt die Stadtkapelle früh 5 Uhr beim Gesang der Choristen mit.

Neben den Christmetten gab es auch noch _Berg-_ und _Schulmetten_. Nach John (Aberglaube, Sitte und Brauch im Erzgeb.) haben sich die ehemals weitverbreiteten Bergmetten nur auf einzelnen Schneeberger Gruben erhalten. »An einem der Festtage kommen die Bergleute mit Lichtern in der »Hutstube«, wo sonst vor der Einfahrt die Gebete abgehalten werden, zusammen und überreichen dem Obersteiger ein Geschenk. Um 23. Dezember 1907 feierte die Belegschaft (ungefähr 45 Bergleute) des Zinnbergwerkes »Gewerkschaft Alberthütte« in Ehrenfriedersdorf seit etwa 25 Jahren wieder zum ersten Male (so lange hatte der Bergbau geruht) ihre altertümliche Mettenschicht. Von früh 5 Uhr bis zum hellen Tageslicht erglänzte das auf dem Sauberge stehende Triebgebäude, sowie die daneben befindliche Werkschmiede in hellem Lichterglanz. Die Feier dieser Mettenschicht wurde in der Betstube durch Gesang und Gebet abgehalten.«

Die _Schulmetten_, die z. B. in Buchholz bis in die neueste Zeit hinein abgehalten wurden, nahmen ungefähr folgenden Verlauf. Die Klassen versammelten sich in ihren durch lichterstrahlende Christbäume geschmückten Klassenzimmern. Jedes Kind hatte außerdem ein Lichtlein mitgebracht, das es auf seinen Bankplatz stellte. Eltern und Verwandte wohnten der Feier bei. Mit Gebet, Gesang und einer Ansprache des Lehrers wurde die Zeit ausgefüllt. Oft brachten die größeren Schüler ein kleines Weihnachtsspiel zur Aufführung. In vielen Orten war es üblich, bei dieser Gelegenheit dem Lehrer ein Geschenk zu überweisen. Zuletzt wurde der Christbaumbehang unter die Kinder verteilt. Diese Schulfeiern sind allerdings auch außerhalb unseres Gebirges gang und gäbe, selbst in den Großstädten füllt man den Unterricht am letzten Schultage gern durch eine solche Feier aus.

Die _Schulmetten_ bedeuten bereits eine Verweltlichung der eigentlichen Metten in der Kirche. Noch einen Schritt weiter gehen die _Christfahrten_. Diese beruhen auf der altgermanischen Sitte, wichtige Festzeiten durch Umzüge zu feiern. Besonders sollen, wie schon Tacitus erwähnt, die für die Fruchtbarkeit der Felder so wichtigen Götter Wotan und Donar segnend über die Felder gezogen sein. Der alte Götterglaube ließ sich nicht ausrotten, die missionierende christliche Kirche war auch klug genug, es auf keinen Zwang ankommen zu lassen, sie setzte nur an Stelle der Götter ihre Heiligen. St. Andreas, Nikolaus, Petrus und Martin sollten nun dem Volke seine Götter ersetzen. Da dies nicht gelingen wollte, verwandelte man die hehren Heidengötter in Schreckgestalten und hoffte, das Volk dadurch völlig von ihnen abzuwenden. So ist der wackere Knecht Ruprecht jedenfalls ins Leben getreten, ja in manchen Gegenden sah man sogar zwei, einen großen und einen kleinen. Zu diesen Personen kam noch der heilge Christ selbst hinzu, der aber hier als Mann auftrat, und -- um seinen Hofstaat voll zu machen -- begleiteten ihn mehrere Engel. Diese Gruppe heiliger Personen nannte man eine _Christfahrt_.

Das Volk war nicht allenthalben mit der Christianisierung ihres alten Götterumzugs einverstanden, daher ließ es das Abbild der alten Gottheiten, den rauhen Knecht Ruprecht allein umherziehen, um die Kinder zu schrecken und zu lohnen. Der wackere Weihnachtsmann ist immer eine dem Volke liebe und traute Gestalt gewesen. So ist uns eine Nachricht erhalten, daß am 6. Dezember 1608, dem Nikolaustag, zu Chemnitz ein Leinenwebergeselle Georg Heinrich in einem besonderen »Habitu«, nämlich in einem langen weißen Hemde mit einer Kinderrute in den Händen wohlmeinend ausging, die Nachbarkinder zu besuchen. Einige Schuhknechte neckten, schlugen und stießen ihn. Ein Knabe steckte dem Weihnachtsmann ein Messer zu seiner Verteidigung zu. Ein Schuhknecht ward verwundet und starb am 3. Tage. Der Täter ward flüchtig. Durch ein Reskript des Kurfürsten Johann Georg I. vom 14. September 1615 ward der Uebeltäter aber begnadigt, wahrscheinlich hatte der Fürst volkstümliches Empfinden, das dem erstochenen Schuhknecht die Schuld an seiner Ermordung selbst zuschrieb. (Mitteil. des sächs. Altertumsvereins.)

Die Christspieler zogen in den Häusern umher. Sie führten im Flur oder in der Stube ihr Spiel vor, ermahnten und beschenkten, bez. tadelten und bedrohten hauptsächlich die Kinder. So eine Christfahrt aus dem Jahre 1631 wird von Buchwald in den »Kirchl. Nachrichten aus Zwickau und Umgegend 1890 Nr. 12« veröffentlicht. Sie befindet sich handschriftlich in der umfangreichen Zwickauer Ratsbibliothek und ist von einem gewissen Georg Petzoldt in Lengenfeld aufgezeichnet worden. Nach seinen Angaben ist das Spiel »Anno 1631, den 24. Dezember das erstemal agiret worden zu Lengenfeld.«

Das interessante Stück soll hier folgen:

Eine Komödia[10]

welche am heiligen Weihnachtsabend die Lengefelder Jugend aufführt.

_Personen_:

Gabriel. Der Heiland. Nikolaus. Raphael. Uriel. Michael.

_Der Engel Gabriel._

Fried, Freud und ewig Seligkeit sei euch allen von Gott bereit. Auch ein glückselig neues Jahr geb euch Gott und immerdar! Weil heut zu dieser Abendzeit die ganze werte Christenheit sich freuen tut des heilgen Christ, der jetzt gar noch vorhanden ist, insonderheit die Kinderlein an diesem Abend die frömmsten sein, indem sie nach den schönen Gaben ein herzliches Verlangen haben, so hat mich das Christkindelein jetzt selbst zu euch gesandt herein, daß ich euch seine Gegenwart anzeigen soll zu dieser Fahrt und ihm bereite seinen Thron, darauf sich setz' der Gottessohn. Darum, ihr lieben Kinderlein, seid still, merkt auf und lernet fein alles, was euch der heilge Christ befehlen wird zu dieser Frist.

Hierauf klopft ein anderer Engel oder auch statt des Engels ein Bauer draußen an die Tür und spricht:

Glück denen, die darinnen sein, macht auf, macht auf und laßt uns ein!

Dann tritt der Heiland ein, dem der Engel Michael vorangeht.

_Der Heiland._

Eine kurze Zeit verlaufen ist, Daß ich, genannt der heilge Christ, Mein' treuen Diener in alle Land Nicolaum hab ausgesandt, Daß er zum Gebet und Frömmigkeit Die kindlich Jugend mach bereit. Weil aber die Zeit vorhanden ist, in welcher beschert der heilge Christ, so bin ich selber kommen rein, zu sehen ob die Kinderlein gelebt han nach mein' Gebot, ob sie auch treulich gefürchtet Gott, ob sie auch meinen Namen geehrt und fleißig Gottes Wort gehört, ob sie Vater oder Mutter fein gehorcht und gehorsam gewest sein. Darum, ihr Eltern, so saget an, Wie sich die Kinder gehalten han.

Beklagen sich die Eltern über ihre Kinder, so spricht der Heiland:

Der Eltern kläglicher Bericht Erfreut mich itzund wahrlich nicht. Darum ich billig Ursach hab, Diesen Kindern durchaus keine Gab zu geben. Drum nehmt ihr Diener mein die Gaben, so ihr bracht herein. Ich weiß noch frömmer Kinderlein, Da wolln wir jetzund kehren ein und ihnen geben die schönen Gaben, die sie gar wohl verdienet haben.

Beklagen sie sich aber nicht, so hebt Uriel an zu klagen:

Ja, lieben Eltern, es wäre fein wenn eure lieben Kinderlein sich so verhielten, wie ihr bericht, mein Mund aber ein andres spricht. Als ich und der vor wenig Tagen vor dieses Haus vorüber zogen, War ein groß Geschrei und großer Saus von euern Kindern in euerm Haus. Sie schrien und blökten so schrecklich, daß wir beide entsetzten sich. Solchs ich nun nicht verschweigen kann, sondern dem heilgen Christ zeigen an.

Darauf der _Heiland_:

Meines Knechts kläglicher Bericht erfreut mich itzund wahrlich nicht usw. (wie nebenstehend).

Nikolaus tritt für die Kinder ein und spricht:

O frommer Christe, Gottes Sohn, der armen Kindlein doch verschon. Siehe doch wie ihre Aeugelein und Mündlein auf dich gerichtet sein. Ach sieh, wie stehen sie so traurig, ach sollt es nicht erbarmen dich, bist du doch sonst gütig und milde, freundlich und rechter Lieb ein Bilde, insonderheit den Kindelein pflegst du hold und gewogen sein, sie sein unverständig und klein, wissen noch nicht, was recht mag sein. Drum laß dein Zorn bald vergehen und bleib allhier bei ihnen stehen. Tu anhören die Kinderlein! Vielleicht sie frömmer werden sein.

_Der Heiland._

Nikolaus, du treuer Knecht, du erinnerst mich jetzund recht, drum geh jetzt hin und stell vor dich die Kinderlein fein ordentlich.

_Nikolaus._

Das der heilge Christ befohln allzeit treulich zu tun bin ich bereit. Darum, ihr lieben Kinderlein, stellt euch hier in die Ordnung fein und tut hersagen, was ihr habt gelernt nach meinem Mandat.

_Der Heiland._

Für mich dürft ihr euch fürchten nicht, euch guts zu tun bin ich verpflicht. Mein Nam' ist Gott, mein Tun ist gut, Mein Feind ist der, so Schaden tut. Ich hab mit mir viel schöner Gaben für Mägdlein und für junge Knaben, Welche ich denen tu geben, die schön und hübsch können beten. Drum kommt, ihr lieben Kinderlein Heran zu mir und betet fein!

Nachdem die Kinder ihre Gebete hergesagt, spricht der Heiland:

Das gefällt mir aus der Maßen wohl, Drum ich euch billig lohnen soll. Wohlan, Nikolaus, Diener mein, teil aus die Gaben den Kinderlein!

_Nikolaus._

Es soll geschehen, drum nehmet jetzt die Gaben, die der heilge Christ jetzt geben tut euch Kinderlein, dieweil ihr noch könnt beten fein.

_Der Heiland._

Ihr Kinderlein, nehmt so vor gut und habt damit ein' guten Mut. Wenn ihr hinfort werd't frömmer sein, so will ich tun den Dienern mein befehl'n, daß sie euch viel mehr Gaben heut diese Nacht bescher'n. Ich will euch auch geben allzeit langes Leben und gute Gesundheit. Desgleichen all mein Engelein, solln euer Hüter und Wächter sein. Wohlauf ihr Diener, allzumal singt und lobt Gott mit Freudenschall.

Dann singt man ein Lied und Michael sagt zum Schluß:

Hiermit von hinnen scheiden wir und wünsche, daß mögt erleben ihr in Fried und guter Gesundheit das künftig Jahr und allezeit. Darzu auch denn der Engel Schar wünscht ein glückselig neues Jahr. Ihr Kinderlein habt ein gute Nacht, was ihr gehört, fleißig betracht. Der Segen Gottes sei mit euch, zuteil werd euch das Himmelreich. Guter Fried sei stets in dem Haus Allen, die gehen ein und aus!

Derartige Christfahrten waren eigentliche Bescherungsspiele. Es sind auch im übrigen Sachsen solche Adventsumzüge gang und gäbe gewesen; so berichtet P. Kruschwitz im 1. Bande der »Bunten Bilder aus dem Sachsenlande« von dieser Volkssitte aus dem Eigenschen Kreis (zwischen Herrnhut und Ostritz) und H. v. Opell in Band 5 der Mitteilungen des Vereins für sächs. Volkskunde von ebensolchen »Christkindern« aus Niederfriedersdorf b. Neusalza. Der Inhalt deckt sich vollständig mit den Christfahrten des Erzgebirges, auch lassen einzelne Zeilen und Reime auf einen gemeinsamen Ursprung schließen. Der Schluß des letztgenannten Spiels ist ganz köstlich.

Die beiden »Christkinder« sprechen beim Gehen:

Nun so wünschen wir euch allen eine schöne gute Nacht, von Samt und Seide ein Bettchen gemacht, von Zucker und Rosinen eine Tür, von Pfefferkuchen ein Schlößchen dafür, und von Muskaten eine Schwell und einen Engel zum Schlafgesell.

Die Rollen sind in den meisten Spielen die gleichen, nur die Namen der handelnden Personen sind verschieden, z. B. wurde der heilige Martin hier und da durch St. Petrus mit dem Schlüssel ersetzt. Wie schon angedeutet, wurden die Spiele durch die Hinzunahme eines oder zweier Ruprechte recht weltlich, ja oft sogar unflätig. Es wurden nicht nur die Kinder examiniert, sondern auch die »Großen« aus dem Hause. Daß es dabei nicht ohne kräftiges Necken und Spotten abging, erscheint, bei der Neigung der Erzgebirgler zur Satire, als selbstverständlich. Der heilige Charakter der Spiele war in Gefahr und hielt sich nur dadurch, daß man ihm Teile der kirchlichen Mettenspiele anhängte. So fügte man an die Christfahrt zunächst die Hirtenszene an und nannte das Ganze »Engelschar«. Diese zog am 1. Advent bis zu Hohneujahr in den Häusern umher. Dann trat die Königsschar in ihre Rechte, die hauptsächlich die Unterhandlungen der 3 Weisen mit Herodes, die Anbetung und den Kindermord enthielt. Diese »Königsschar« spielte am Epiphanias bis zur Fastnacht. Darin liegt vielleicht auch ihre Neigung zu komischen, ja grotesken Szenen begründet, man hatte einen bequemen Ersatz für die beliebten Fastnachtsspiele. Auch die »Engelschar« und die »Königsschar« erweiterten sich. Zur ersteren kam das Herbergsspiel mit dem Wirt und der Magd hinzu, letzteres vervollständigte sich durch Auftreten des Todes.

Solange in den Privatwohnungen gespielt wurde, nahm das Bescherungsspiel einen ziemlichen Raum ein; als man aber begann, die Spiele in die öffentlichen Säle zu verlegen, beschränkte man die »Christfahrt« und führte andere Szenen und Personen dafür ein. Man war dazu gezwungen, da das Ueberbleibsel doch zu dürftig ausgesehen hätte.

Ueber die Art und Weise des Auftretens der Christspiele sind uns verschiedene Aufzeichnungen erhalten, aus denen man zugleich ersieht, daß die Spiele durchaus nicht die volle Sympathie der Geistlichen und sonstigen Obrigkeitspersonen besaßen.

In dem Wild'schen Buche »Interessante Wanderungen durch das sächsische Obererzgebirge«, 1809 in Freiberg erschienen heißt es darüber:

»Sonst war auch das sogenannte heilige Christspiel gebräuchlich, wo Bergleute und andere gemeine Leute in schön gereimten Burlesken-Versen die Geburt Jesu als Lustspiel aufführten und so von Haus zu Haus zogen. Dabei war immer eine lustige Person, welche allerhand Possen trieb, z. B. dem König Herodes, welcher frisiert, mit goldenem Zepter und Reichsapfel auf einem hölzernen Stuhle saß, Schnupftabak unter die Nase rieb, daß er nießen mußte. Joseph wurde als hektisch vorgestellt und hatte eine Säge in der Hand, Marie sprach oft im schönsten Kontrebaß; denn Frauenzimmer waren bei dieser Truppe nicht; die Engel gingen in langen Hemden, mit vielen Bändern geschmückt und gepudert, und hielten mit einem seidenen Tuche große Husarensäbel in der Hand; die Hirten hatten hohe spitzige Hüte von Zuckerpapier auf und knallten entsetzlich mit den Peitschen, auch bliesen sie auf Nachtwächterhörnern; der Stern war von Pappe und ölgetränktem Papier an einer Stange aufgesteckt und konnte gedreht werden; manchmal brannte er, denn inwendig stak ein brennendes Licht. Das Christkind endlich war nicht himmlischer Abkunft, es sah erbärmlich aus und ward oft sehr übel behandelt. Uebrigens war immer ein Knecht Ruprecht dabei, welchen man im Gebirge Rupperich nennt, mit einer Klingel und einer Ofengabel erschien und mußte die nachlaufenden Kinder abschrecken. -- Am sogenannten heiligen drei Königsfeste erschienen dabei gar diese drei Majestäten, wobei eine schwarz war. Doch seit mehreren Jahren hat dieser Unfug aufgehört, welcher eigentlich noch ein Ueberbleibsel des in Sachsen ehedem herrschenden Aberglaubens war.«

Härter noch äußert sich ein ungenannter Gewährsmann, wie man bei Behandlung des Thalheimer Spiels noch erkennen wird.

Allerhand Unzuträglichkeiten stellten sich ein. So berichtet Mosen (Seite 21), daß oft in der Stadt »zwei oder drei Engel- oder Königsscharen zusammenkamen, was bisweilen zu Unordnungen Anlaß gab.« So kam es endlich zu Verboten der Spiele. Sie verschwanden aus der Oeffentlichkeit. Im Geheimen lebten sie aber noch lange fort. Zäh hingen die Erzgebirger an dem alten Brauche, die Lokalchroniken bestätigen dies. Von Mund zu Mund erbten sich die Reimlein fort. Schließlich gedachte man ihrer noch als einer alten überlebten Sitte und alte Leute berichteten leuchtenden Auges von der schönen Zeit, da sie noch die Engelschar erlebt oder selbst mit dargestellt hatten. So kam auch mancher volkskundliche Sammler zu solchem Gut und hier und da stieß man in den Zeitungen auf einen Bericht über ein solches Spiel. Leider ward in den seltensten Fällen das ganze Spiel aufgezeichnet, sodaß man wohl eine Menge Bruchstücke, aber wenige vollständige Spiele besitzt. Der Bruder des bekannten Dichters Julius Mosen, der Gymnasiallehrer Gustav Mosen in Zwickau hat das große Verdienst, viele bis zum Jahre 1861 vorhandenen Bruchstücke gesammelt und aufgezeichnet zu haben. Das schlichte Büchlein, das er im Auftrage des Vereins zur Verbreitung guter und wohlfeiler Volksschriften herausgab, ist hier und da noch in Büchereien anzutreffen.

Mosen berichtet von Weihnachtsspielen in folgenden Orten: Gersdorf, Ernstthal, Zschopau, Annaberg und Umgegend, Frohnau, Wiesa, Hermannsdorf, Königswalde, Sehma, Cranzahl, Raschau, Markersbach, Großpöhla, Grünhain, Crottendorf, Aue, Pfannenstiel, Rittersgrün, Jöhstadt, Cunnersdorf, Geyer, Scheibenberg, Schlettau, Bockau, Grumbach, Buchholz, Bärenstein, Wildenau, Neudorf. Merkwürdigerweise sind ihm zwei vollständige Spiele nicht in die Hände gekommen, nämlich das Thalheimer und das Löwenhainer.

Auffallend ist eine gewisse Aehnlichkeit in den Spielen. Im Grunde genommen sind es wohl nur 4 oder 5, alle anderen sind durch die mündliche Weitergabe und durch die Anpassung an dem jeweiligen Ort und die verschiedene Zeit »zerspielt«.

Das Ernstthaler Spiel.[11]

Bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts hinein wurde das Stück regelmäßig in Ernstthal und jedenfalls auch in Gersdorf aufgeführt. Bühnendekoration war unnötig. Mosen fand leider nur noch Bruchstücke vor. Seine Uebereinstimmung mit dem Reichenbacher Spiel (R. in Schlesien) wurde schon erwähnt. Mosen teilt nur den Anfang mit.

Die Spieler singen in der Hausflur den Vers:

Hosianna, Davids Sohn, kommt in Zion eingezogen.

Dann geht der Schriftgelehrte ins Zimmer und spricht:

»Geliebte in dem Herrn! Wir treten hier ein ohn allen Spott. Einen schönen guten Abend, den geb Euch Gott einen schönen guten Abend, eine fröhliche Zeit, die Sie und Ihre Kinder erfreut.

Geliebte in dem Herrn! Wir sind heut hier versammelt, den großen Gedächtnistag unseres Erlösers mit unseren Mitchristen feierlich zu begehen und denselben, wie sichs bei Christis Geburt hat zugetragen, deutlich ans Herz zu legen und vor Augen zu stellen. Denn es ist ein Tag, den der Herr gemacht, sei Lob in alle Welt gebracht. Das laßt uns freuen und fröhlich sein und Gott die Ehre geben. Ja

Wie groß ist dieser Freudentag, daran man sich versammeln mag, zu loben unsern Gott allein, der jetzt sein Volk läßt fröhlich sein. Uns Menschen aber sei bewußt die wundersüße Weihnachtslust. Wir fangen an mit frischem Mut, Euer Jesulein, das höchste Gut!