Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes
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Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele
_Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes_
von
Max Wenzel.
1921.
H. Thümmlers Verlag in Chemnitz.
Der
Chemnitzer Volkshochschule
und ihrem verdienten Leiter
Herrn Studienrat Dr. Hans Keller
in Verehrung gewidmet.
Vorwort.
Dies Büchlein will nichts, als eine Unzahl Blüten alterzgebirgischer Volkspoesie, die bisher verstreut oder vergessen waren, zu einem kunstlosen Strauße binden.
Volkslied und Volksdichtung sind lange nicht mehr kaum geduldete und mitleidig belächelte Begriffe im deutschen Kunstleben. Das Volkslied erklingt auf allen Wegen und Stegen, daheim und im Konzertsaal; die Volksdichtung hat verständnisvolle Leser und das Volksbühnenspiel durch Haaß-Berkow begeisterte Hörer und Miterleber gefunden. Die sentimental-süßliche für das Volk zurechtgestutzte Volkskunst ist als falsches Gold erkannt und entwertet worden und mit gediegener Eigenprägung wartet die künstlerische Münze unseres Volkes auf.
Durch alle Gegenden des deutschen Landes braust ein voller Chor zum Preise unseres unverfälschten Volkstums, möge das Stimmlein dieses Buches ihn verstärken helfen!
* * * * *
»Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging«, so beginnt die lieblichste aller religiösen Erzählungen. Alle Fragen geschichtlicher Kritik und fordernder Dogmatik schweigen bei dieser Weihnachtsgeschichte und selbst der dem Christentum Abgekehrte läßt die heiligen Märlein gern auf sich wirken und feiert selige Kindheitserinnerungen. Wie ein echtes und rechtes Volkslied mutet dieser Bericht von der Geburt des Heilandes an. Das traute hochheilige Paar im dunklen Stalle, wo der Weltenheiland nackt und arm geboren wird. Aus der Tiefe muß er emporsteigen, der sein Volk zur Höhe führen will. Und den armen und verachteten Hirten naht der himmlische Herold und schickt sie zu dem frierenden göttlichen Kinde. Auch der geheimnisvolle Orient muß vertreten sein, darum erscheinen die drei Weisen aus dem Morgenlande, sogar ein wirklicher Neger ist dabei, und stellen ihre reichen Gaben in den Stall. Gegensätze über Gegensätze, wie sie das Volk liebt.
Darum war es der glücklichste Gedanke der altchristlichen Kirche, die volkstümlichste Erzählung der heiligen Schriften in den Mittelpunkt eines Festes zu stellen, das heute noch seinen Zauber auf Gläubige und Ungläubige ausübt.
Seine ganze Liebe hat das Volk von jeher über dieses Fest ausgegossen. Die Volkssitte umgab es mit einem bunten Kranze von volkstümlichen Sitten und Gebräuchen, die es von jedem anderen Feste unterscheiden. Was an künstlerischer Begeisterung und inbrünstiger Liebe im Volke schlummert, von dem Rauschen der Engelsfittige ward es aufgeweckt und auf allen Kunstgebieten entstanden köstliche Werke naivsten Kunstempfindens. Aus ungefügen Holzklötzen formte sich die Gottesmutter mit dem Kinde, um den Kirchen ein festlicher Schmuck zu sein. Der Winkel der Wohnstube bevölkerte sich mit allerlei buntem Schnitzwerk, das die liebliche Erzählung figürlich darstellte. In süßen Liedern und innigen Versen ward das hochheilige Paar gepriesen. Und die aus der Tiefe des Volks schöpfende Kunst fand einen Schacht voll Gold und Edelsteinen, sodaß sie noch heute der Ausbeute froh wird. Die darstellenden Künste, Tonkunst und Dichtkunst haben gleichen Anteil an der Hebung der Schätze. Ja auch die Anfänge der Schauspielkunst berühren sich mit der volkstümlichen Darstellung der Geburtsgeschichte des liebenswertesten aller Menschen.
Von altersher hat das Volk an dramatischen Vorführungen seine Freude gehabt, sowohl als andächtiger Hörer, wie als eifriger Mitspieler. Die Uranfänge dieser dramatischen Betätigung liegen teils in dem vorchristlich-heidnischen Mythos der Zwölfnächte, in denen, als in der Zeit der wiederkehrenden Sonne, die Götter lohnend und strafend Umzüge halten, teils in den Mysterien der altchristlichen Kirche. Heute noch ziehen zur Weihnachtszeit, wie in den alten Zeiten, in Norddeutschland der Schimmelreiter, der Breithut, Wotans wilde Jagd, Berchta und Holle, mehr nach dem Süden zu in mehr oder weniger christlicher Aufmachung der Pelzmärtel, der Knecht Ruprecht, St. Niklas und andere Göttergestalten umher. Die Kirche, die sich mit ausgezeichnetem Geschick dem alten Volksglauben anzupassen verstand, legte schon das Fest der Geburt des Heilandes in die mit mystischem Geiste erfüllte Zeit der Wintersonnenwende. Die alten Götter mußten sich eine Umtaufe in Gestalten der christlichen Legende gefallen lassen. Götter und Bräuche der Julzeit wurden leicht mit den ansprechenden Verhältnissen und Personen des Weihnachtsevangeliums verquickt. So kam christlich-religiöses in den germanischen Gotteskult, aber umgedreht drang auch liebes Altgewohntes und Schwerzuvergessendes in den christlichen Volksglauben ein.
Die Kirche war bestrebt, dem neuen Feste einen mystischen Zauber zu verleihen, wußte sie doch, daß sie damit die schlichten Naturmenschen unwiderstehlich in ihren Bann zog. Daher wirkte sie durch prächtige Gewänder, Weihrauch, Lichter, durch süße schmeichelnde Gesänge auf die Hörer ein, ja sie verschmähte auch die dramatische Darstellung des Weihnachtsmysteriums in ihren Gotteshäusern nicht. Dies dürften auch die Anfänge der deutschen Schauspielkunst sein. Aber wie das griechische Drama aus dem Geiste der Musik entstanden ist, so wurden auch die ältesten Weihnachtsspiele gesungen und zwar lateinisch. Dies schloß zunächst eine Mitwirkung der Laien an den Spielen vollständig aus. Die Kirche mochte wohl erkennen, welche tiefe Wirkung sie mit diesen Darstellungen auf ihre Gläubigen ausübte und war bemüht, diese Wirkung noch zu vertiefen, dadurch, daß sie die Spiele volkstümlich gestaltete. Nach und nach trat ein Laie nach dem andern in die Darsteller ein. Mehr und mehr erklangen deutsche Laute, ja endlich blieben nur die eigentlichen überirdischen Aussprachen, wie das ~Gloria~ der Engel, das ~Ave Maria~ lateinisch bestehen. Mit dem Eindringen des Volkes in diese geistlichen Spielergesellschaften traten gewisse Elemente in die Dichtungen selbst, die wohl zunächst von der Kirche nicht beabsichtigt waren, dann stillschweigend geduldet wurden, bis sie endlich eine Gefahr für die ganze Weihe des Ortes und der Handlung bildete. Das Volk drückte seine Gefühle des Wohlwollens mit einzelnen Personen und Verhältnissen anders aus, wie die gelehrte Geistlichkeit es wünschte.
Die in alten Zeiten herrschende Derbheit, ja Rohheit ließ die Spiele nicht unberührt, allerhand Allzuweltliches mischte sich hinein, es entstanden Unzuträglichkeiten, die schließlich den Geistlichen die Teilnahme an den Spielen verboten und diese aus den Gotteshäusern verwies. Die Spiele waren für die große Masse des Volks berechnet und dieses wollte sein Vergnügen haben, darum mengte es Heiliges und Possenhaftes seelenruhig durcheinander. Man ist ehrlich überrascht, wenn man sich in dieses alte Volksgut versenkt. Wunderliche, bunte Klänge umgeben uns, guter echter Volksliederton. Wie nüchtern und einsam kommen uns die paar Weihnachtslieder vor, die unseren Christfeiern geblieben sind.
Ebenso stark ist aber auch eine gewisse Befremdung über den unerhört freien und kecken Ton, in dem hier die heiligen Gestalten und Ereignisse behandelt werden. Die allzu große Intimität und Heimatlichkeit möchte uns fast zweifeln lassen, ob nicht etwa hier schon gespottet wird. Die ganze heilige Geschichte ist eine heimische Angelegenheit geworden. Draußen auf dem Feld am Bergwald hat sich alles zugetragen. Zwischen die Veitel und Stöffel, Matz und Jaköbl platzt auf einmal so ein unerhörtes Geschehnis, wie das Erscheinen eines Engels, hinein. Doch man betrachtet die Sache mit gutem Humor. Es geht so gemütlich zu, daß man das »Fürchtet euch nicht!« des Engels recht unnötig findet. Der Joseph ist ein alter Mann, schon so zittrig, daß er den Brei des Christkindleins verschüttet, er geht ganz krumm und hustet fortgesetzt. Man muß es recht deutlich merken, daß er viel zu alt ist, um der natürliche Vater des Kindleins sein zu können. Und der König Herodes ist doch ein recht dummer Teufel, der sich von den drei Weisen und dem Engel Gabriel nasführen lassen muß. Ueberhaupt, was an biblischen oder dogmatischen Tönen erklingt, mutet fast etwas fremd an. Es klingt, als wenn in das lustige Geplapper der Kinder eingelernte Bibelsprüche und Liederverse aus dem Gesangbuch gemischt werden. Mir erscheint die volkstümliche Behandlung der biblischen Erzählung geradezu charakteristisch für den deutschen Volkshumor. Dieser verbindet gern einen kleinen Scherz, ja sogar einen gutmütigen Spott mit den Gefühlen der Achtung und Ehrfurcht. Ist es bei Gottfried Keller, Wilhelm Raabe und Fritz Reuter nicht ebenso? Auf dem Gebiete der Religion haben wir diesen Humor durch die zeitweilige Einwirkung einer erkältenden Orthodoxie etwas verloren. Gerade dieser Humor ist ja alles andere wie eine Verhöhnung. Nur mit Personen, die seinem Herzen nahe stehen, die es mit Liebe und Wohlwollen betrachtet, erlaubt sich das Volk solch köstlichen Spott.
Die Freude an solchen Spielen war in Deutschland allgemein. Besonders in Schlesien und Süddeutschland waren sie zu Haus. Von hier brachten sie zuziehende Bergleute, die das Gerücht von dem fabelhaften Silberreichtum des _Erzgebirges_ von ihrer Heimat weglockte, in unsere Berge. Nicht gedruckt oder handschriftlich wurden sie mitgebracht. Einer oder der andere hatte zu Haus schon den Joseph, den Wirt oder einen Hirten gespielt. Seine Rolle kannte er genau, die anderen waren ihm zum Teil auch geläufig. Was noch fehlte, konnten andere ergänzen, die ebenfalls zu Haus an solchem Tun teilgenommen hatten. Im Notfall wurde auch ein Verslein hinzugedichtet. So sind jedenfalls die _erzgebirgischen Weihnachtsspiele_ entstanden.
Es erscheint unzweifelhaft, daß sie hauptsächlich aus Schlesien zu uns gekommen sind. In dem grundlegenden Werke »Weihnachts-Spiele und Lieder aus Süddeutschland und Schlesien« von Dr. Karl Weinhold (ordentl. Professor an der Universität Kiel, neue Ausgabe 1875 bei Braumüller in Wien erschienen) treten einige schlesische Spiele auf, die man ohne Zweifel als die Urformen der erzgebirgischen Spiele ansehen kann. Man vergleiche das nachfolgende _Christkindlied_ aus Niederschlesien mit dem Beginn der später in diesem Hefte angeführten _Wiesaer_ Engelschar.
Der Engel tritt ein, weißgekleidet, in der Hand ein Schwert und singt:
Vom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch neue gute Mär, der guten Mär bring ich so viel, davon ich sing und sagen will.
Das Christkind tritt ein, bunt gekleidet, in der Hand eine Rute und singt:
Ein schön guten Abend geb euch Gott, ich komm herein ohn allen Spott. Hat es auch fromme Kinder innen, die fleißig beten und singen künnen, die fleißig in die Schule gehn und züchtig vor dem Tische stehn. Wenn sie fleißig beten und singen, so werd ich eine große Bürde bringen.
_Engel._
Ei, liebes Christkind, wenn ich dir soll die rechte Wahrheit sagen, so muß ich über die kleinen Kinder klagen, des Morgens wenn sie aufstehn, kein Gebet aus ihrem Munde geht, Die Bücher tun sie zerreißen, die Blätter in die Winkel schmeißen.
_Christkind._
Ei lieber Engel, hätt ich das eher vernommen, in das Haus wär ich nicht gekommen; da hätt ich mir meine Gaben erspart und wär wieder gen Himmel gefahrn.
_Engel._
Ei liebes Christkind, bis nicht to hart gegen die kleinen Kinder zart! sie wollen fromm sein und beten, daß du kannst mit deine Gaben vor sie treten.
_Christkind._
Ach lieber Engel, weil du der Kinder tust gedenken, so will ich ihnen etwas geben und schenken, damit sie an das heilge Christkind gedenken.
Das _Christkind_ teilt seine Gaben aus, unterdessen singt der _Engel_:
Ach liebes Christkind, wenn ich wär wie du, so hieb ich mit der Rute zu.
_Der Engel_ und _das Christkind_ bleiben vor einander stehen und singen:
Wir stehen auf einem Lilienblatt wir wünschen euch allen eine gute Nacht, ein schöne gute Nacht, ein fröhliche Zeit, die uns Herr Christus vom Himmel bereit.
_Im Herausgehen_:
Gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht, wir haben uns noch weiter bedacht; wir haben draußen stehen ein schönen Wagen, Der ist mit lauter Gold und Silber beschlagen.
* * * * *
An einigen herausgegriffenen Beispielen sollen weiter gewisse Uebereinstimmungen zwischen den schlesischen und erzgebirgischen Spielen festgestellt werden. Dabei wurde in den meisten Fällen die Rechtschreibung des Originals beibehalten, auch gewisse Verballhornungen lateinischer Sentenzen blieben bestehen, z. B. das typische »~Landevere~« für ~laudavere~.
Niederschlesisches Spiel.[1]
Einen schön guten Abend geb euch Gott ich komm herein ohn allen Spott.
Reichenbacher Dreikönigsspiel.
Wir treten herein ohn allen Spott, einen schön guten Abend den geb euch Gott, einen schön guten Abend, ein fröhliche Zeit, die uns Herr Christus hat bereit.
Reichenbacher Dreikönigsspiel.[2]
_Laban_:
Jetzt tret ich wieder herein ins Haus, meine Sachen hab ich gerichtet aus. Viel tausend Mann hab ich erschlagen, trotz dem, der mir ein Wort kann sagen! Die Kinder schrien zwar jämmerlich, bei mir war kein Erbarmen nich.
Ernstthaler Spiel.[3]
Wir treten herein ohn allen Spott, einen schönen guten Abend, den geb euch Gott, einen schönen guten Abend, eine fröhliche Zeit, die Sie und Ihre Kinder erfreut.
Thalheimer Spiel.[4]
_Kriegsknecht_:
Viel tausend Mann hab ich erschlagen, trotz dem, der mir ein Wort kann sagen, die kleinen Kinder schrien erbärmlich bei mir war aber ganz und gar kein Verschonen nich.
Löwenheiner Spiel.[5]
Von Bethlehem komm ich zu Haus und hab mein Sach gerichtet aus: Viele tausend Mann hab ich erschlagen, trotz dem, der mir ein Wort kann sagen. Die Kinder schrien jämmerich, bei mir war kein Verschonen nich.
Im _Schlaupitzer Spiel_ (Weinhold Seite 106) spricht _Joseph_:
Gotts Pudrament, Gotts Schwefel und Pech.
Im _Wiesaer Spiel_ bricht der große Ruprecht los:
Hopp, hopp, Gotts Perlemann, Gotts Schwefel und Pech.
Fast übereinstimmend schließen unsere _erzgebirgischen Spiele_ mit dem Gesang der Liedstrophe:
Heut schleußt er wieder auf die Tür zu seinem Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür, dem Herrn sei Lob und Preis.
Dieses Lied führt _Weinhold_ (Seite 124 Anmerkung) in einer ganz köstlichen Verballhornung an:
Jetzt schleicht er wieder aus der Tür der fromme Paradeis. (fehlt) Gott sei Lob und Preis.
Daß aber auch süddeutsche Klänge, wie halbverloren, in unsere Spiele hineintönen, zeigt die Uebereinstimmung des Anfangs des Ernstthaler Spiels mit dem eines Paradeisspiels, das Weinhold (Seite 302) aus Vordernberg in Obersteier mitteilt. Dort heißt es:
Ich trat herein ganz abends spat ein glückselgen Abend geb euch Gott, ein glückselgen Abend, ein fröhliche Zeit, gleich wie uns Gott vom Himmel zeit.
Naturgemäß waren auch die zugewanderten Bergleute die ersten Regisseure und Darsteller der Spiele. Man darf wohl annehmen, daß zunächst die religiöse Begeisterung die Triebfeder des ganzen Tuns gewesen ist. Dies spricht dafür, daß zunächst das Gotteshaus als Schauplatz der Aufführungen in Frage kam. Diese im Gotteshause aufgeführten Spiele sind die _Christmetten_, Ueberbleibsel jener alten geistlichen Mysterien. Die Christmetten waren in ganz Sachsen verbreitet.
Sie wurden in den Kirchen mit aller Pracht gefeiert. Die heilige Erzählung wandelte man, in ihren einzelnen Abschnitten, dramatisch um. Anfangs waren nur die Geistlichen die Darsteller, später gingen die Rollen nach und nach in den Besitz von Leuten aus dem Volke über. Die schon angedeuteten Uebelstände führten endlich dazu, sie durch Reskripte der Landesregierung aus der Kirche zu verbannen. Die bei den Landtagen im Jahre 1805 und 1811 von den Landständen »~in Consistorialibus~ angebrachten Anliegen und Beschwerden« betreffen auch die »sogen. Christmetten.« 1805 beantragten Ritterschaft und Städte, »die Christmetten wegen des dabei gewöhnlichen Unfugs durch ein Landesgesetz abzustellen.« Der König[6] war zunächst nicht für eine völlige Beseitigung der alten Sitte, er ordnete nur an, daß bei fernerer Beibehaltung der Metten allem Unfug auf wirksame Weise gesteuert werden möchte. Es wurden nun Berichte von den Superindenturen des Landes eingezogen, um über die Art und Weise der Kirchenspiele Klarheit zu erhalten. Nach den gewonnenen Unterlagen konnte das Konsistorium zu Leipzig am 27. November 1811 an den König berichten, »daß die Christmetten weniger als eine religiöse Feier und Vorbereitung auf das Weihnachtsfest anzusehen seien, vielmehr als eine Art Volksbelustigung, weshalb die Christmetten ohne allen Nachteil abgeschafft werden können.«
Der König entschied jedoch mittels Reskriptes vom 21. August 1812, »daß an denjenigen Orten, wo Christmetten seither stattgefunden haben, selbige auch noch fernerhin beibehalten werden mögen, hingegen an denjenigen Orten, wo sie abgeschafft worden sind, es bei deren Abstellung bewenden solle.«[7]
Trotzdem ließen sich die althergebrachten Feiern nicht aus den Kirchen verdrängen. Viele Gemeinden hielten zäh daran fest. Dies gab u. a. Veranlassung zu einem heftigen Artikel eines anonymen Verfassers, im »Gemeinnützigen Erzgebirgischen Anzeiger für alle Stände« (3. Stück, Schneeberg, den 14. Januar 1815, Seite 15).
Nachdem erst die weise Verordnung des »Kirchenrathes«, die Christmettenfeier betreffend, gepriesen worden ist, heißt es weiter: »Man hätte nun glauben sollen, daß der zeitherige Mettenunfug die Farcen mit den als Engel und Hirten verkleideten Kindern wie durch einen Zauberschlag vernichtet sein würden. Aber nein! Dieser Unfug dauert in vielen Ortschaften des Erzgebirges und Vogtlandes noch immer fort. Engel im weißen bebänderten Gewande, mit Sonnen und Welten tragenden Kronen, das flammende Schwert in der Rechten haltend und Hirten mit Tasche und Stab machen ihre mystischen Herumzüge in der Kirche, singen von der Kanzel und Altar ihre Lieder, leiern ihre Weihnachtssprüche ab und machen ihre englischen Tänze um den Altar herum. Bald erblickt man sie auf der obersten Emporkirche bald an den Stufen des Altars. Auch sogar ein Wiegenlied wird gesungen. Die dem Volke so gefälligen Schulmeister halten die Kirchenuhren zurück, damit die Feier durch die Finsternis der Nacht begünstigt wird. Alles dieses und die volle Erleuchtung der Kirche verbreitet einen so mystischen und magischen Zauber, daß das tollsinnliche Volk ganz entzückt ist. Zwei Stunden läuft es in der Nacht, um nur die lieben Engelchen zu sehen und zu hören. Man trägt die Säuglinge auf den Armen in die Kirche. Jede Familie kommt mit ihren Kinderchen gezogen. Auf die Predigt hört niemand. Das Getöse der großen Volksmenge, das durch das Aufschreien der vielen Kinderchen noch vermehrt wird, läßt auch nichts davon vernehmen. So saugen schon kleine Kinder durch die Anschauung die grobkörperlichsten Vorstellungen vom Geisterreiche ein, die bei dem gemeinen Manne das ganze Leben hindurch nicht wieder zu vertilgen sind.«
Der Verfasser war wohl in den Reihen der Geistlichen zu suchen, die in dem ganzen Treiben eine Konkurrenz des Predigtgottesdienstes erblickten. Auch dem obersten Kirchenrat zu Dresden war eine anonyme Zuschrift zugegangen. Dies veranlaßte einen neuen Befehl am 25. Januar 1815 an die Superintendenturen zu Zwickau, Annaberg, Plauen und Oelsnitz, Erkundigungen einzuziehen, welche Bewandtnis es mit der Darstellung der Engel und Hirten überhaupt habe und inwiefern die Geistlichen und Schullehrer beteiligt seien. Die nun erfolgten Berichte sind nicht uninteressant. In Grünhain und Breitenbrunn waren zwar die Schulmädchen mit weißen Kleidern und Kränzen auf dem Kopfe erschienen; jede andere Verkleidung war unterblieben, weshalb die Pfarrherrn keinerlei Grund gehabt hätten, die Feier zu verbieten.
Das Programm der Metten in Bernsbach war allerdings reichhaltiger. Die Gemeinde hatte zum Eingang das Lied »Vom Himmel hoch« gesungen. Dann kam eine Kirchenmusik, nach der das sogenannte ~Quem pastores landavere~ von den Schulknaben gesungen worden war. Dann hatte ein Knabe unter Orgelbegleitung die Weissagung des Jesaias von der Kanzel gesungen. Dieser Knabe war weiß gekleidet und trug eine Krone auf dem Kopf. Hierauf hatte der Ortspfarrer gepredigt. Zum Schluß versammelten sich die Knaben in den Sonntagsanzügen und die Mädchen in weißen Kleidern auf dem Altarplatz, hier haben sie Reden, Gespräche und Gesänge gehalten, die die heilge Geburtsgeschichte zum Inhalt hatten. Pfarrer, Schulchor und Gerichte versehen ausdrücklich, daß der ganze Gottesdienst nichts Unziemliches enthalten habe. Prachtvoller wurden die Christmetten in Beyerfeld gefeiert.
1. Ein Weihnachtslied mit Pauken und Trompeten[8].
2. Das ~Quem pastores landavere~ mit abwechselnden Chören von den Kindern allein gesungen mit Begleitung blasender Instrumente.
3. Die Weissagung des Jesaias unter musikalischer Begleitung durch einen Knaben von der Kanzel gesungen.
4. Weihnachtslied 5. Predigt. 6. Musik. 7. Die Unterhaltung der Kinder am Altar oder der sogenannte Auftritt, d. i. Gespräche der Kinder mit Gesängen über die Geburt Jesu nach Anleitung der heiligen Schrift.
8. Dankgebet, von 4 Knaben kniend nach der Reihe verrichtet. 9. Kollekte, Szene und Schlußgesang.
Allegorische Verkleidungen der Kinder hatten stattgefunden, die Knaben bemittelter Eltern haben grüne oder blaue Jacken, weiße Beinkleider, Schuhe und Strümpfe und grüne Hüte oder Kappen auf dem Kopfe und Stäbe in den Händen gehabt, die Mädchen aber sind weiß gekleidet gewesen, mit grünen Kränzen auf dem Kopfe und Stäben in den Händen. Der Knabe, der die Weissagung gesungen, hat, hergebrachter Gewohnheit nach, ein weißes Gewand mit einem Bande gebunden und eine Krone oder Kranz auf dem Kopf gehabt, aber dieses Gewand auch sogleich nach Beendigung seines Gesanges abgelegt. Vor dem Altar ist dann noch ein sogenanntes Theater, eine kleine Erhöhung mit Schranken von Stangen, errichtet worden, weil der Platz zu eng sei und damit die Kinder vor jedem Gedränge in Sicherheit wären und das Volk die Kinder besser sehen könnten. Zu ihrer Entschuldigung bringen der Pfarrer August Friedrich Blüher und der Schulmeister Christian Gottlob Tag vor, daß keinerlei Ungebührnis oder Unordnung vorgefallen sey, daß die Feier der Christmetten in diesem Orte seit den ältesten Zeiten stattgefunden habe, daß zwar der höchste Befehl vom 21. August 1812 anstößigen und zu Spöttereien Veranlassung gebende Ceremonien untersage, die vorerwähnte Feier aber ihnen nicht anstößig erschien, auch niemals Anstoß erregt, sondern zur Erbauung gedient hätte und daß es bei der Gemeinde großen Verdruß erregt hätte, wäre die Feier unterblieben. Der Kirchenpatron Freiherr v. Müller auf Sachsenfeld und die Gerichte zu Sachsenfeld, Beyerfeld und Wildenau bestätigen dies durchaus. -- Der Pfarrer zu Lauter glaubt auch, daß er bei der Beibehaltung jener Ceremonien nichts getan habe, was der erwähnten Verordnung entgegen sei. In Oberschlema war der Pfarrer gerade neu ins Amt gekommen und hatte, um nicht gleich den Haß der ganzen Gemeinde auf sich zu lenken, die Ceremonien geduldet.