Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form

Part 9

Chapter 93,574 wordsPublic domain

Inzwischen hatte der Krieg auch in Italien nicht geruht. Zwar hatte Hannibal die wichtige Seestadt Tarent durch Verrat genommen (212), dagegen mußte er sehen, wie Capua von einem römischen Heere aufs härteste bedrängt wurde. Um diese Stadt von dem Belagerungsheere zu befreien, unternahm er einen Zug gegen Rom, und schlug eine Meile vor der Ostseite der Stadt sein Lager auf (211). Von einer Anhöhe herab betrachtete er die Lage und die Mauern der Stadt, und eine Sage ging, er habe eine Lanze in eine der nächsten Straßen geschleudert. Zweimal stand er dem römischen Heere kampfbereit gegenüber, und zweimal nötigte ein Ungewitter mit furchtbarem Hagel- und Regenguß die Heere in ihre Lager zurückzukehren, während das heiterste Wetter eintrat, sobald sie sich getrennt hatten. Darin erkannten selbst die Punier einen Götterwink, und Hannibal trat den Rückweg an. Aber noch lange nachher erhielt sich im Volke der Eindruck des Schreckensrufs: „Hannibal vor den Toren!“

Nun gab Hannibal die Stadt Capua ihrem Schicksal preis. Die Belagerten erkannten ihren hoffnungslosen Zustand und beschlossen die Übergabe; da trat ein Mann, namens Vibius Virrius, der am meisten zum Abfall von Rom geraten hatte, hervor und sagte: „Von dem erbitterten Feinde ist keine Gnade zu hoffen; retten kann uns nur der Tod. Wer von euch den Mut hat dies Ende auf sich zu nehmen, der komme heute zu mir als Gast. Habt ihr euch da an Speise und Trank gelabt, so will ich euch einen Becher bieten, der von aller Schmach erretten soll.“ Siebenundzwanzig folgten ihm zu diesem Totenmahle, bei dem sie sich erst mit Wein berauschten, dann das Gift, das er ihnen reichte, tranken, sodaß sie vor dem Einzuge der Feinde den Geist aufgaben. Die Stadt aber erfuhr eine furchtbare Züchtigung. Siebzig Ratsherren wurden hingerichtet, dreihundert der edelsten Campaner starben im Kerker, eine Menge Bürger wurde verkauft, und Capua fortan als ein untertäniger, des Stadtrechts entkleideter Ort behandelt. Gleiche Strenge erfuhren mehrere kleinere Städte Campaniens als Strafe für ihren Abfall, und die treu gebliebenen fühlten sich in ihrem Widerstand gegen den Feind eines glücklichen Ausgangs sicher.

Dieser Kampf dauerte in den südlichen Teilen Italiens mit wechselndem Glück noch Jahre lang fort, ohne eine Entscheidung herbeizuführen. Marcellus, der Eroberer von Syrakus, wiederholt zum Konsul gewählt, führte ihn mit der ihm eigenen Umsicht und Zähigkeit, bis er in einem ihm gelegten Hinterhalt den Tod fand (208). Zwei Jahre nach Capuas Fall ward auch Tarent von dem Konsul Q. Fabius -- es war das fünfte Konsulat des 80jährigen Helden -- erstürmt und mit furchtbarer Härte für den Abfall gestraft. Hannibals Versuch, die unglückliche Stadt zu schützen, kam zu spät.

=8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei Zama.= (202).

Da Hannibal ohne Unterstützung von Karthago blieb, so setzte er seine Hoffnung auf das an Hilfsmitteln unerschöpfliche Spanien, von wo ihm seine Brüder Hasdrubal und Mago zu verschiedenen Malen neue Truppen zuzuführen suchten. Aber auch diese Hoffnung täuschte ihn. Hasdrubal war schon mit einem starken Heere, dem letzten, das er in Spanien hatte sammeln können, über die Alpen nach Italien und am östlichen Apennin entlang bis in die Landschaft Picenum gelangt, wo ihm der Konsul Livius Salinator entgegentrat. Auf die Kunde hiervon eilte auch der andere Konsul Claudius Nero, der in Unteritalien Hannibal gegenüber im Lager stand, bevor dieser von der Ankunft seines Bruders Nachricht erhalten, in raschem Zuge seinem Amtsgenossen zu Hilfe. Vereinigt schlugen und vernichteten sie bei Sena Gallica am Flusse Metaurus, im Jahre 207, das feindliche Heer. Als Hasdrubal die Niederlage der Seinen erkannte, stürzte er sich unter die Feinde und kämpfte, bis er den Tod fand. Darauf kehrte Nero in sein altes Lager zurück und ließ, wie erzählt wird, das blutige Haupt Hadrubals unter die feindlichen Vorposten schleudern. Als Hannibal seines Bruders Kopf erkannte und seine letzte Hoffnung geschwunden sah, soll er in bitterem Schmerze ausgerufen haben: „Daran erkenne ich Karthagos Schicksal!“

In den letzten Jahren behauptete sich Hannibal nur noch im Gebiete der ihm treuen Bruttier und verfuhr nur verteidigungsweise. Endlich ward er vom Rate zu Karthago zum Schutze der Vaterstadt zurückgerufen, da die Römer in Afrika gelandet waren und Karthago selbst bedrängten. Hannibal zögerte nicht dem Ruf zu folgen; denn seine Rolle in Italien war ohnehin zu Ende. In Kroton (Cortona) bestieg er mit dem Reste seines Heeres die Schiffe und verließ den Schauplatz seines sechzehnjährigen Kampfes (203). Ebenso wurde sein jüngster Bruder Mago, der seit drei Jahren in Norditalien sich festgesetzt und behauptet hatte, heimgerufen, starb aber auf der Fahrt an einer Verwundung.

In Rom atmete man auf, als der gewaltige „libysche Löwe“ endlich den italischen Boden freiwillig verließ. Bei diesem Anlaß ward dem einzig überlebenden der Feldherren, die gegen ihn gefochten hatten, dem bald 90jährigen Quintus Fabius von Senat und Bürgerschaft die höchste Ehre erwiesen, die ein Bürger erreichen konnte. Er empfing den Graskranz, den nach alter Sitte das Heer seinem Feldherrn darbrachte, dem es seine Rettung zu verdanken hatte. Noch in demselben Jahre starb der alte Held.

Der Feldherr aber, der den Krieg nach Afrika verlegt hatte, war +Publius Cornelius Scipio+, der Sohn jenes Scipio, der im Treffen am Ticinus verwundet worden war. Sein Vater und sein Oheim hatten, nachdem sie fast ganz Spanien erobert hatten, zuletzt im Kampfe gegen Hannibals Bruder Hamilkar schwere Niederlagen erlitten und selber den Tod gefunden (211), und so hoffnungslos schien damals die Lage der Römer auf dieser Halbinsel, daß in Rom jeder den Oberbefehl in diesem gefahrvollen Kriege ablehnte. Nur der erst siebenundzwanzigjährige Publius Scipio bot dem Vaterlande seine Dienste an. Er hatte noch nicht das zu Staatsämtern erforderliche Alter erreicht, aber der aus schönem Körper hervorleuchtende hohe und stolze Geist, seine Begierde den Tod des Vaters zu rächen und seine schon bewährte Tapferkeit bestimmten den Senat dem edlen Jüngling den Heerbefehl zu übertragen. Im Jahre 211 ging er, den die Römer mit dem Kriegsgott selber verglichen, nach Spanien, um dieses wichtige Gebiet dem Feinde zu entreißen.

Hier fand er ein niedergeschlagenes und zerrüttetes Heer, dem er erst Mut und Vertrauen einflößen mußte. Schon 210 eroberte er Neukarthago und gewann unermeßliche Beute. Die Geiseln, welche die Karthager für die Treue der Spanier hier aufbewahrten, behandelte er mit großer Freundlichkeit und Schonung. Unter ihnen befand sich eine Jungfrau von ausgezeichneter Schönheit. Er fragte sie nach ihren Eltern und ihrer Heimat. Sie sagte ihm, sie sei die Tochter eines keltiberischen Häuptlings und die Braut des Allucius, eines keltiberischen Fürsten. Sogleich ließ Scipio ihre Eltern und ihren Bräutigam herbeikommen. Sie naheten sich in banger Ungewißheit, aber Scipio beruhigte sie: „Hier ist deine Braut“, sprach er zu Allucius, „nimm sie unverletzt und ohne Lösegeld zurück, und werde ein Freund der Römer!“ Da ergriff Allucius, von Dankgefühl und Freude hingerissen, die Rechte des Scipio und bat die Götter solchen Edelmut würdig zu belohnen. Auch die Eltern des Mädchens waren tief gerührt. Sie hatten ein großes Lösegeld mitgebracht und baten ihn dies als ein Zeichen ihrer Dankbarkeit anzunehmen. Scipio nahm das Geld, wandte sich noch einmal an Allucius und sagte: „Zu der Mitgift, die du von deinem Schwiegervater erhalten wirst, nimm von mir dieses Hochzeitsgeschenk.“ Freudig kehrte der glückliche Bräutigam mit den Seinigen zurück, und indem er überall das Lob des Scipio verbreitete, brachte er seine Mitbürger auf die Seite der Römer. „Ein Jüngling,“ sagte er zu den Keltiberern, „ist nach Spanien gekommen, ganz den Göttern ähnlich, der nicht bloß durch Waffen, sondern auch durch Milde und Wohltun alles besiegt.“

Nachdem Scipio in sechsjährigem Kriege die karthagische Macht in Spanien völlig vernichtet und die Einwohner teils mit Waffengewalt, teils durch kluge Großmut und Milde unter römische Botmäßigkeit gebracht hatte, kehrte er sieggekrönt nach Rom zurück (205), wo ihm das Konsulat für das folgende Jahr übertragen wurde. Er ging nach Sizilien und traf hier gewaltige Zurüstungen zu einem Zuge nach Afrika, an dessen Küste er im Jahre 204 landete. Die Karthager hatten ein bedeutendes Heer unter Hasdrubal und Syphax, dem König von Westnumidien. Aber Scipio wußte durch eine List ihr Lager auszukundschaften, steckte es bei einem nächtlichen Überfall in Brand und rieb fast das ganze Heer auf. Auch in einer zweiten Schlacht schlug er die Feinde. Da riefen die Karthager, im eigenen Lande gefährdet, ihren Feldherrn Hannibal zurück.

Der gefürchtete Held erschien in Afrika und bezog bei +Zama+, fünf Tagereisen von Karthago, ein Lager (202). Vor der Schlacht wünschte er, da er wohl einen unglücklichen Ausgang voraussah, eine Unterredung mit Scipio, um über den Frieden zu verhandeln. Sie ward ihm gewährt. Auf einer Ebene unweit von Zama kamen beide Feldherrn zusammen. Sie gerieten beim ersten Anblick in solches Erstaunen, daß sie sich eine Zeit lang schweigend betrachteten. Beide hatten sich noch niemals gesehen und doch schon so viel von einander gehört. Beide waren die größten Feldherrn ihrer Zeit, aber in ihrem Äußeren weit verschieden. Hannibal, damals fünfundvierzig Jahre alt, zeigte ein finsteres, schwermütiges Antlitz; die Mühseligkeiten seiner langen und wechselvollen Feldzüge hatten ihre tiefen Spuren darin zurückgelassen. Scipio hingegen, damals in einem Alter von fünfunddreißig Jahren, war ein Muster männlicher Schönheit. Nach langem Schweigen fing endlich Hannibal die Unterredung an. Er sprach zuerst von der Veränderlichkeit des Glücks und seinen eigenen Schicksalen; dann riet er Scipio, er möge dem Glücke, das ihm jetzt lächele, nicht zu sehr vertrauen, und einen sicheren Frieden einem ungewissen Kampfe vorziehen. Hierauf legte er ihm seine Friedensbedingungen vor; er versprach im Namen der Karthager Spanien, Sardinien und alle anderen Inseln zwischen Afrika und Italien den Römern abzutreten. Scipio aber verwarf diese Bedingungen und forderte vollständige Unterwerfung der Karthager. Da Hannibal diese nicht versprechen wollte noch konnte, so schied man ohne Ergebnis von einander, um sich zum Entscheidungskampfe zu bereiten.

Am folgenden Tage stellte Scipio die drei Linien seines Fußvolkes in die Mitte, und zwar in durchbrochenen Gliedern, um den achtzig Elefanten, welche Hannibal vor seiner Schlachtlinie aufstellte, Raum zum Durchbrechen zu lassen. Auf dem linken Flügel stand die italische Reiterei, auf dem rechten +Massinissa+, der mit den Römern verbündete König von Ostnumidien, an der Spitze seiner numidischen Reiter. Auch Hannibal ordnete sein Fußvolk in drei Linien. Vorn, gedeckt durch die Reihe der Elefanten, die karthagischen Soldtruppen, hinter diesen die libyschen Truppen, und darauf die Veteranen, die er aus Italien hergeführt hatte. Auf den beiden Flügeln standen wie üblich die Reitergeschwader.

Gleich beim Beginn des Treffens wurden die Elefanten durch das Kampfgeschrei und die Feldmusik der Römer, dann durch einen Hagel von Geschossen scheu, brachen durch die Lücken der römischen Aufstellung und warfen sich auf die Reiterei des eigenen Heeres. Diese geriet in Unordnung und ergriff, als jetzt die römische zum Angriff vordrang, die Flucht. So wurden gleich anfangs die Flügel des punischen Heeres entblößt. Aber auch die Leichtbewaffneten in der ersten und zweiten Linie der Karthager wurden nach kurzem Gefecht auf die Hauptkolonne zurückgeworfen. Ganze Haufen von Erschlagenen lagen der vordringenden ersten Linie der Römer im Wege und hinderten sie im weiteren Vorrücken. Da ließ Scipio die zweite und dritte Linie eine Schwenkung machen und in die Flanken des Feindes vordringen. Gleichwohl hielt das punische Heer, von Hannibal rasch wieder gesammelt und geordnet, und zumal seine italischen Kerntruppen noch tapfer stand, bis die römische Reiterei von der Verfolgung der punischen zurückkam und dem Fußvolk in den Rücken fiel. Dies entschied die Niederlage der Punier; 20000 lagen tot auf dem Schlachtfelde, etwa ebenso viele wurden gefangen. Hannibal selbst entkam mit wenigen Reitern. Er erkannte, daß fortan jeder Widerstand vergeblich sei, und riet in Karthago dringend zum Frieden.

Der Friede kam auf folgende Bedingungen zustande (201): die Karthager behalten nur ihr Gebiet in Afrika, bezahlen 10000 Talente (über 47 Mill. Mark) in 50 Jahren, liefern ihre 500 Kriegsschiffe bis auf 10 aus, ebenso die Elefanten, und dürfen ohne Roms Genehmigung keinen Krieg anfangen. Damit war die Macht und die Vorherrschaft Karthagos im westlichen Mittelmeer gebrochen. Sicilien und die iberische Halbinsel standen fortan als die ersten Provinzen des erstehenden römischen Reiches (~imperium~) unter der Verwaltung römischer Statthalter. Nicht lange, so gerieten auch die Küstenländer des östlichen Mittelmeeres unter die Hoheit dieses Reiches.

Nach seiner Rückkehr feierte Scipio in Rom einen Triumph, der alle früheren an Bedeutung und Glanz übertraf, und erhielt den Ehrennamen +Africanus+.

9. Hannibals und Scipios Ausgänge.

Nach Abschluß des Friedens war Hannibal rastlos bemüht die durch den langen Krieg erschöpften Kräfte seiner Vaterstadt wieder herzustellen und einer besseren Zeit, auf die er immer noch hoffte, vorzusorgen. Vor allem verwaltete er die Einkünfte und Ausgaben des Staates so weise und sparsam, daß nicht nur die außerordentliche Kriegssteuer regelmäßig an die Römer bezahlt wurde, sondern sogar noch ein Überschuß blieb. Aber unter den Bürgern fehlte es ihm nicht an mächtigen Feinden, die, von den Römern heimlich ermuntert, auf sein Verderben sannen. Um ihren Nachstellungen zu entgehen, verließ er nach vier Jahren sein Vaterland und ging zu +Antiochus+, dem König von Syrien, mit dessen Hilfe er aufs neue einen Kampf gegen Rom zu beginnen hoffte. Dieser mächtige König geriet einige Jahre später in Krieg mit Rom, den er auf Hannibals Rat in Griechenland und Italien zu führen beschloß. Aber statt mit aller Macht nach Italien zu gehen, zögerte er in Griechenland, bis ein römisches Heer dort erschien und ihn bei +Thermopylä+ besiegte, worauf er eiligst nach Asien zurückkehrte (191). Hier trat ihm im folgenden Jahre der römische Konsul +Lucius Cornelius Scipio+ entgegen, dem sein Bruder Publius, der Sieger von Zama, als Berater und eigentlicher Leiter des Feldzugs beigegeben war. Die entscheidende Schlacht erfolgte in Lydien bei +Magnesia+ am Berge Sípylos (190).

Den Angriff machten die Syrer mit ihren furchtbaren Sichelwagen. Aber die römischen Schleuderer und Bogenschützen scheuchten die Pferde derselben durch ihre Geschosse und ihr Geschrei, sodaß sich diese mit den Wagen wendeten und auf den einen syrischen Flügel einstürmten, und als hier durch die Fliehenden eine Lücke entstand, drangen die römischen Reiter ein und brachten denselben samt dem ganzen Mitteltreffen in Verwirrung. Auf dem rechten Flügel dagegen war Antiochus schon nahe daran das römische Lager zu erobern, als er von der dort aufgestellten Besatzung so empfangen wurde, daß er sein Pferd zur Flucht wandte und den Römern das Schlachtfeld überließ. Von den Syrern waren 50000, von den Römern nur einige hundert Mann gefallen.

Antiochus, gänzlich geschlagen, mußte in einem schimpflichen Frieden Kleinasien bis an das Gebirge Taurus abtreten und 15000 Talente (über 70 Millionen Mark) zahlen. Auch gehörte zu den Friedensbedingungen Hannibals Auslieferung. Dieser floh aber zu +Prúsias+, dem König von Bithynien, der ihn sehr freundlich aufnahm und mit einer Burg beschenkte. Hier lebte er eine Zeitlang in Frieden, richtete aber seine Wohnung so ein, daß sie nach jeder Seite einen Ausgang hatte; denn er zweifelte ebenso sehr an der beharrlichen Treue des Königs, als er von dem Hasse der Römer gegen sich alles fürchtete. Und er irrte sich nicht.

Als die Römer von dem Aufenthalte ihres größten Feindes Nachricht erhalten hatten, schickten sie eine Gesandtschaft zu Prusias, an deren Spitze Flaminius stand. Dieser bat den König um die Auslieferung Hannibals. Der König scheute sich das Gastrecht zu verletzen, er fürchtete aber nicht minder das Gesuch abzuschlagen. Er ließ daher die Römer selbst hingehen, um sich Hannibals zu bemächtigen. Eines Tages sah dieser sein Haus auf allen Seiten von Bewaffneten umringt und keinen Ausweg zur Flucht mehr übrig. Eingedenk seiner großen Vergangenheit wollte er sich nicht lebendig gefangen geben. „So will ich denn endlich die Römer“, rief er aus, „von ihrer Angst befreien, da sie den Tod eines alten Mannes doch nicht erwarten können!“ Darauf nahm er das Gift, das er schon längst bei sich zu führen gewohnt war, und starb, wie er gelebt hatte, voll Haß gegen die Römer (183), einer der größten Feldherrn der alten wie der neuen Zeit, der furchtbarste Feind, den Rom je zu bestehen hatte.

In demselben Jahre endete auch das Leben seines großen Gegners Publius Scipio, des Siegers von Zama. Auch dieser war dem Neide und der Mißgunst seiner Mitbürger nicht entgangen. Er war als Unterfeldherr seinem schwächlichen und wenig begabten Bruder Lucius im Krieg gegen Antiochus nach Asien gefolgt, nach dessen siegreichem Ausgang jener den Ehrennamen Asiaticus erhielt. Nach seiner Rückkehr wurde er nebst seinem Bruder, auf Anstiften des +Cato+, angeklagt, sie wären von Antiochus bestochen worden, um ihm einen milden Frieden zu gewähren, und hätten einen Teil der Beute unterschlagen. Viele ehrliche, aber allzu argwöhnische Bürger mißbilligten zwar eine solche Anklage gegen einen so verdienstvollen Mann; dennoch ward Scipio von den Tribunen vor das Volksgericht geladen. Und er erschien am bestimmten Tage, aber wie ein Triumphator, das Haupt bekränzt, von zahlreichen Freunden und Anhängern begleitet. Mitten durch die Versammlung schritt er zur Rednerbühne. Aber anstatt sich gegen den schmählichen Vorwurf der Bestechlichkeit und der Unterschlagung zu verteidigen, zerriß er vor den Augen des Volkes die Rechnungen über seine und des Bruders Amtsführung, und rief: „An diesem Tage habe ich einst Hannibal bei Zama geschlagen und Karthago euch zinsbar gemacht. Laßt uns nicht undankbar gegen die Götter sein! Auf! gehen wir aufs Kapitol, um ihnen zu danken!“ Mit diesen Worten verließ er die Bühne und stieg zum nahen Kapitol hinan. Alles Volk brach in Beifall aus und folgte ihm, nur die Tribunen blieben, beschämt und verhöhnt, allein auf dem Platz zurück. Scipio wurde von dem Volke zuerst auf das Kapitolium, dort zum Tempel des Jupiter und endlich in seine eigene Wohnung zurückbegleitet. So ward dieser Tag der Anklage für ihn fast noch ehrenvoller als der Tag seines Triumphes.

Da aber die Anfeindungen seiner Neider und Gegner gleichwohl nicht nachließen, so erfüllte sich das Gemüt des stolzen Mannes mit solcher Bitterkeit, daß er nicht mehr inmitten so vieler Undankbarkeit weilen mochte: er verließ Rom und zog sich auf sein Landgut Liternum in Campanien zurück. Aber der Haß der Tribunen verfolgte ihn auch hier. Sie erneuerten ihre Anklage; vergebens entschuldigte ihn sein Bruder durch eine Krankheit. Erst als Tiberius Gracchus, sonst ein Feind der Scipionen, eine solche Anklage für eine des römischen Staates unwürdige Handlung erklärte, ließen die Tribunen davon ab. Scipio aber verlebte den Rest seiner Tage in Liternum, ohne je nach Rom zurückzukehren. Ja der Groll gegen seine Vaterstadt war so groß, daß er seiner Gattin befahl seinen Leichnam nicht in dem Grabmal der Scipionen an der appischen Straße, nahe vor Rom, sondern in Liternum beizusetzen und dort auf sein Grab die Worte zu schreiben: „Undankbare Vaterstadt, auch meine Gebeine sollst du nicht haben!“

XXI.

Kriege gegen Makedonien. Ämilius Paulus. -- Der jüngere Scipio Africanus. Karthagos Zerstörung.

Nachdem die Römer aus dem zweiten punischen Kriege, der anfangs ihren Staat mit dem Untergang bedroht hatte, siegreich hervorgegangen waren, dehnten sie ihre Eroberungen auch nach Osten aus, wo sie den Kampf mit den aus Alexanders des Großen Weltmonarchie entstandenen Reichen begannen. Schon ehe Lucius Scipio, wie bereits erwähnt, Antiochus, den König von Syrien, bei Magnesia besiegte, war Philippus III. von Makedonien, der im punischen Kriege auf Hannibals Seite getreten war, in der Schlacht bei +Kynosképhalä+ in Thessalien, wo die berühmte makedonische Phalanx den römischen Legionen gegenübertrat, von +Quinctius Flamininus+ geschlagen worden (197). Im Frieden mußte Philippus alle seine Eroberungen in Griechenland herausgeben, worauf Flamininus, für griechische Bildung begeistert, bei den isthmischen Spielen Griechenlands Freiheit verkündigte. Die Griechen sollten fortan nach eigenen Gesetzen leben, keine fremde Besatzung im Lande haben und keinen Tribut bezahlen.

König Philipp suchte zwar den Frieden mit dem stetig vordringenden Rom solange als möglich zu erhalten, erkannte aber die seinem Reiche von dort dräuende Gefahr und traf alle Vorbereitungen zu einem neuen Kriege, der auch bald nach seinem Tode unter seinem Sohne +Perseus+ zum Ausbruch kam. Die Römer führten diesen Krieg in den ersten Jahren sehr lässig, und erst +Ämilius Paullus+ erzwang durch den entscheidenden Sieg bei +Pydna+ die Unterwerfung Makedoniens (168).

Kurz vor dieser Schlacht trat eine Mondfinsternis ein, die ein römischer, der Astronomie kundiger Oberst, Sulpicius Gallus, dem Heere vorhergesagt und erklärt hatte, damit sie dieselbe nicht für ein böses Vorzeichen halten möchten, während die Makedoner sie für ein Unglückszeichen hielten und vor Angst laut schrieen. Als die Schlacht begann, bot der starre Lanzenwald der dichtgeschlossenen makedonischen Phalanx den Römern einen so furchtbaren Anblick dar, daß es lange Zeit nicht gelingen wollte die Legionen zum Angriff heranzubringen. Erst als Ämilius hier und da Lücken bemerkte, befahl er in Keilstellung sich in die Lücken einzudrängen, und während die Elefanten den einen seiner Flügel zum Weichen brachten, sprengte er selbst mit einer Legion die Mittelstellung des Feindes. So ward der Sieg in +einer+ Stunde entschieden; 20000 Makedoner bedeckten das Schlachtfeld, 11000 wurden gefangen. Bald darauf war Perseus genötigt sich mit den Seinigen den Römern zu ergeben.

Ämilius Paulus feierte zu Rom einen dreitägigen Triumph und brachte eine unermeßliche Beute heim. In allen Straßen und auf allen freien Plätzen waren Schaugerüste für das Volk errichtet; alle Tempel waren geöffnet und strömten, mit Kränzen geschmückt, den Duft des köstlichsten Weihrauchs aus. Am ersten Tage wurden die erbeuteten Gemälde, Bildsäulen, Vasen und sonstiges Kunstgerät auf 250 Wagen aufgeführt. Am zweiten Tage wurden die eroberten Waffen und Rüstungen im hellsten Glanze und in kunstreicher Anordnung umhergefahren, darauf 750 Gefäße mit gemünztem Silber, zuletzt die kunstvollsten Silbergeräte der verschiedensten Art, von zahlreichen Trägern vorübergetragen. Am dritten Tage eröffneten 120 bekränzte Opferstiere den Zug; ihnen folgten festlich geschmückte Knaben und Jünglinge mit Opfergefäßen; dann kam des Perseus Schatz und sein Wagen mit dem Diadem und Waffenschmuck, endlich seine Kinder, Perseus selbst mit verstörtem Gesicht, samt seiner Gemahlin und Verwandtschaft. Alsdann wurden 400 goldene Ehrenkronen, welche die griechischen Städte dem Sieger gewidmet hatten, vorbeigetragen. Den Schluß machte Ämilius selbst auf einem mit vier weißen Rossen bespannten Triumphwagen in goldgesticktem Purpurgewand, einen Lorbeerzweig in der Hand, und hinter ihm das siegreiche Heer.

Perseus endete in römischer Gefangenschaft. Makedonien wurde in vier gänzlich von einander getrennte Gemeinwesen geteilt. Mit dem Siege bei Pydna war Roms Oberherrschaft auf der Balkanhalbinsel entschieden.