Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form
Part 8
Dagegen hatten Hannibals Truppen vor ihren Zelten Feuer angezündet, ihre Glieder mit Öl geschmeidig gemacht und in Ruhe gegessen. Rüstig an Leib und Seele ergriffen sie die Waffen und standen zur Schlacht gerüstet, als der Feind über den Fluß gegangen war. Ins Vordertreffen stellte der karthagische Feldherr als Plänkler 8000 leicht bewaffnete balearische Schleuderer und Speerwerfer; hinter diesen das schwere Fußvolk, den Kern seines Heeres; die Flügel umgab er mit seinen zahlreichen Reitern und an die beiden Flügelspitzen stellte er zu gleichen Teilen die wenigen Elefanten, welche ihm geblieben waren. Vergebens ließ jetzt Sempronius seinen hitzig verfolgenden Reitern zum Rückzug blasen; er mußte die Schlacht annehmen und ordnete die Seinen. Die ermüdeten leichten Truppen wichen gleich anfangs zurück; dann kam die römische Reiterei ins Gedränge und wurde von einer Wolke von Schleuderkugeln und Speeren, welche die Balearen warfen, überschüttet. Der Anblick und der ungewohnte Geruch der Elefanten brachte die Pferde in Verwirrung und verursachte allgemeine Flucht. Das Fußvolk hielt länger stand; aber die Punier waren, zuvor durch Speise gestärkt, in das Treffen gezogen; den ermüdeten, hungrigen, vor Kälte starrenden Römern versagte der Körper den Dienst. Da brach endlich Mago mit seinen Numidern aus dem Hinterhalt hervor und fiel den Römern zu ihrem großen Schrecken in den Rücken, so daß diese nach allen Seiten hin zu kämpfen hatten. Eine Abteilung von 10000 Römern durchbrach in fester Haltung die Mitte der feindlichen Linie und wandte sich nach Placentia; die übrigen suchten sich an verschiedenen Stellen und unter blutigem Gemetzel einen Ausweg. Die nach dem Lager ihren Rückzug nahmen, deren ertranken viele in dem Fluß oder wurden von den verfolgenden Feinden erschlagen; die meisten entrannen ohne Ordnung nach Placentia. Eben dorthin führte der verwundete und im Lager zurückgebliebene Konsul Scipio den Rest des Heeres. Sempronius, der sich mit wenigen Reitern gerettet hatte, begab sich bald darauf nach Rom, wohin er berufen war, um die Wahl der neuen Konsuln zu leiten.
Aber auch die Punier hatten starke Verluste erlitten, und die rauhe Jahreszeit nötigte sie in Winterquartieren Ruhe und Erholung zu suchen. Inzwischen bedrängten ihre Reiter und leichten Truppen fortwährend die Römer in den festen Städten Placentia und Cremona, und die gallischen Stämme folgten großenteils dem Rufe des siegreichen Puniers und kündigten den verhaßten Römern den Gehorsam.
=4. Schlacht am trasimenischen See= (217).
Kaum begann der Frühling, so brach Hannibal gegen Italien auf. Ansehnliche gallische Hilfsvölker begleiteten ihn, teils aus Kampf- und Beutelust, teils um den Krieg aus ihren Gebieten entfernen zu helfen, alle aber, um mit den Puniern die ihrer Unabhängigkeit gefährliche römische Übermacht zu vernichten. Von den beiden Straßen, von denen die eine von Rom über den Apennin bei Ariminium das Meer erreichte, die andere bei Arretium, diesseits des Gebirges, endete, waren von den beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius mit vier während des Winters vom Po fortgeführten und ergänzten Legionen besetzt. Hannibal wählte den Weg deshalb mehr westlich in das Tal des Arno, der nicht besonders schwierig, damals aber durch die Schneeschmelze und die Frühlingsregen auf weite Strecken überschwemmt war. Vier Tage und drei Nächte marschierte das Heer fortwährend durch Wasser und Morast, aller Erquickung entbehrend. Die, welche ausruhen wollten, warfen Haufen von Gepäck ins Wasser, um sich damit ein Lager zu bereiten, oder legten sich auf die Leiber der gefallenen Lasttiere. Hannibal, der auf dem einzigen noch übrigen Elefanten ritt, erlitt eine Augenentzündung, in deren Folge er ein Auge verlor. Als er endlich nach Verlust vieler Tiere und Menschen auf das Trockene gekommen war und das erste Lager auf etruskischem Boden bei Fäsulä (Fiésole) bezogen hatte, meldeten Kundschafter, das römische Heer unter dem Konsul Flaminius stehe ostwärts in der Gegend von Arretium (Arezzo). Um diesen Mann, dessen Unbesonnenheit ihm bekannt geworden, zum Angriff zu reizen, verwüstete Hannibal die schönen Gefilde zwischen Fäsulä und Arretium durch Raub und Brand. Umsonst mahnte man den Flaminius erst die Ankunft des andern Konsuls, der noch jenseits des Gebirges am adriatischen Meere stand, abzuwarten. Er gab das Zeichen zum Aufbruch, weil er die Verheerungen des Feindes nicht länger dulden mochte.
Hannibal war auf seinem Marsche zu dem schmalen Landstrich gekommen, wo der +trasimenische See+ (~lago di Perugia~) nahe an die Berge von Cortona herantritt. Ein ganz enger Weg führt zwischen dem See und den Hügeln in eine breitere Fläche, an deren Ende, dem Eingange der Landenge gegenüber, eine Anhöhe emporragt. Auf dieser Anhöhe lagerte sich Hannibal mit dem Kern seines Heeres, dem spanischen und afrikanischen Fußvolk. Die Balearen und die übrigen leichten Truppen stellte er in langer Reihe hinter den Hügeln auf, welche jene Fläche auf einer Seite begrenzten; die Reiterei und die Gallier verbarg er neben den Waldhöhen, die dem engen Eingang am See gegenüberlagen. Bei diesem Eingange langte am Abend des folgenden Tages Flaminius an. Gleich am nächsten Morgen, als ein dicker Nebel auf den Wassern des Sees lag und Berg und Tal verhüllte, zog er, ohne vorher die Gegend ausgekundschaftet zu haben, durch die enge Straße in die mittlere Fläche, indem er nur die ihm gegenüber liegende Anhöhe von den Puniern besetzt glaubte. So wie er sich derselben näherte und die letzten seines Zuges an dem äußersten Hinterhalt der Feinde vorüber waren, erfolgte der Angriff der Punier von allen Seiten und mit solchem Ungestüm, daß sich die Römer nicht einmal in Schlachtordnung aufstellen konnten. Kaum drei Stunden währte die Schlacht, und so hitzig ward auf beiden Seiten gekämpft, daß man das furchtbare Erdbeben nicht gewahr wurde, das um diese Zeit die Landschaft heimsuchte. Der Konsul selbst fiel unter den ersten und 15000 der Seinen mit ihm. Viele wurden in den See gejagt und ertranken, oder wurden von den verfolgenden Reitern erschlagen. Nur einer Abteilung von 6000 Mann gelang es sich durchzuschlagen; sie retteten sich auf eine nahe Anhöhe, von wo sie, als der Nebel sich zerstreut hatte, das Schicksal der Ihrigen erkannten. Ihre eilige Flucht setzten sie auch noch den nächsten Tag fort, bis sie der Hunger zwang, sich dem Maharbal, der sie mit seiner Reiterei verfolgte, zu ergeben. Viertausend Reiter, die der andere Konsul zu Hilfe geschickt, wurden ebenfalls teils vernichtet, teils gefangen. Die Zahl der Gefangenen belief sich auf 15000. Hannibal ließ von ihnen die römischen in Fesseln legen, die italischen Bündner (~socii~) aber frei in ihre Heimat ziehen. Ebenso hatte er schon nach der Schlacht an der Trebia getan; denn er gedachte als der Befreier Italiens von der Römerherrschaft aufzutreten, und hoffte dabei auf den Beistand der bündnerischen Städte Mittel- und Unteritaliens.
Auf die erste unbestimmte Nachricht von der unglücklichen Schlacht und der Vernichtung der zwei Legionen geriet das Volk in unbeschreibliche Aufregung. Keiner wußte Genaues, selbst die obersten Beamten nicht; Männer und Weiber bestürmten sie mit Fragen. Erst gegen Abend erhielt der Senat sichere Kunde, und der Prätor teilte sie auf dem Markte mit: „Wir haben eine große Schlacht verloren, das Heer ist vernichtet, der Konsul tot, die Stadt in Gefahr.“
Man war darauf gefaßt den Sieger alsbald vor den Toren der Stadt erscheinen zu sehen, und traf in höchster Eile alle Vorkehrungen zur Abwehr. Vor allem galt es die Verteidigung des Vaterlandes, da der eine Konsul tot, der andere fern war, in +eines+ Mannes Hand mit unbeschränkter Machtbefugnis zu legen, das heißt einen Diktator zu ernennen. Die Wahl fiel auf +Fabius Maximus+, der sich den Minucius Rufus als Reiterobersten zugesellte.
5. Hannibal gegen Fabius Cunctator.
Aber Hannibal zog nicht gegen Rom, sondern wandte sich von Etrurien ostwärts nach Umbrien und drang bis zur Stadt Spoletium, die er vergebens bestürmte, da sie von einer tapferen Besatzung verteidigt ward. Von da ging er in die fruchtbare picenische Landschaft hinüber, ließ die Truppen einige Tage ausruhen und drang dann, unter schrecklichen Verwüstungen, südwärts die Küste entlang bis nach Apulien. Aber seine Hoffnung, daß sich die Bundesgenossen Roms, der römischen Herrschaft überdrüssig, auf seine Seite schlagen würden, blieb unerfüllt. Alle Städte schlossen ihre Tore und behandelten ihn als Feind.
Inzwischen hatte der alte bedächtige Diktator Fabius zwei neue Legionen gebildet und die beiden des Konsuls Servilius sowie den versprengten Rest des geschlagenen Heeres an sich gezogen. Er folgte dem Feinde auf seinem Marsche, nicht um im offenen Felde eine neue und vielleicht letzte Schlacht zu schlagen, sondern um seine neuen Truppen zu üben und zu ermutigen, die Bündner in Treue zu halten und dem Gegner keine Rast zu lassen. Bei Arpi in Apulien bekam er ihn zuerst zu Gesicht. Hannibal bot ihm gleich die Schlacht an; aber Fabius wich vorsichtig aus und hielt sein Heer im festen Lager, das er immer auf den Höhen der Berge und in ziemlicher Entfernung vom Feinde aufschlug. Da Hannibal den vorsichtigen Gegner zu keiner Schlacht bewegen konnte, so brach er endlich auf und zog unter steten Verwüstungen durch Samnium, um wieder auf die Westseite des Gebirges nach Campanien zu gelangen.
Auf dem Wege dorthin kam er in eine von Bergen und Flüssen eingeschlossene Talebene. Fabius war ihm auf dem Fuße gefolgt, hielt die Höhen ringsum besetzt und hatte auch den Rückweg nach Samnium verlegt. Schon schienen die Karthager verloren zu sein, als Hannibal sich der Umschließung durch folgende List zu entziehen wußte. Er befahl gegen zweitausend Ochsen aus den erbeuteten Herden zusammenzutreiben, ließ ihnen dürre Reisbündel an die Hörner binden und, nachdem diese angezündet waren, den ganzen Haufen mit Anbruch der Nacht gegen die Anhöhen jagen, die der Feind besetzt hielt. Die römischen Truppen, die unten am Ausgange des Tales standen, sahen mit Staunen die eilenden Feuerlinien über sich auf den Bergen, und da sie glaubten, die Karthager hätten sie umgangen und zögen bei Fackelschein ab, so wichen sie seitwärts auf die Anhöhen, während die, welche oben standen, vor dem Ansturm der wütenden Tiere flohen. Selbst Fabius wagte es nicht seine Stellung auf der andern Seite des Tales zu verlassen. Indessen zog Hannibal durch die geöffneten und unbewachten Pässe und entkam so der Falle, die ihm Fabius gelegt hatte.
In Rom aber war man über die Weise, wie Fabius den Krieg führte, unwillig, und auch im Lager erhob sich lautes Murren über den Feldherrn, den sie wegen der Art seiner Kriegsführung spöttisch den Zauderer (~cunctator~) nannten. Am meisten suchte sein Reiteroberst +Minucius+ den Diktator in ein ungünstiges Licht zu stellen, und als er nun gar eines Tages, während der Diktator in Rom beschäftigt war, ein glückliches Gefecht geliefert hatte, brachte er es wirklich dahin, daß die Diktatur und der Heerbefehl zwischen ihm und Fabius geteilt ward. Sie bezogen, jeder mit zwei Legionen, getrennte Lager. Eines Tages reizte Hannibal, der die Zwietracht seiner Gegner kannte, das Heer des Minucius in einem engen Tale zum Gefecht. Eine plötzlich aus einem Hinterhalte hervorbrechende Schar von 5000 Puniern faßte es in Seite und Rücken; schon schien seine Vernichtung unvermeidlich, als Fabius, der den ganzen Hergang von seinem nahe gelegenen Lager aus beobachtet hatte, mit seinen Legionen ausrückte und die bereits siegreichen Feinde so bedrängte, daß nicht nur das Heer des Minucius entsetzt wurde, sondern auch Hannibal den Rückzug antrat und sich für besiegt erklärte. „So habe ich doch einmal,“ sagte er zu den Seinen, „diese Wetterwolke, die immer um den höchsten Berggipfel schwebt, in die Tiefe herab und zur Entladung gebracht.“ Den Fabius aber begrüßte der beschämte Minucius als Vater, und seine Legionen die des Diktators als ihre Patrone (Beschützer). Die beiden Lager wurden wieder vereinigt, und Minucius verzichtete gern auf den ihm eingeräumten Mitbefehl.
Von da an wurde das Verfahren des Fabius, der den Krieg in die Länge zu ziehen und den Feind zu ermüden suchte, als weise anerkannt, der Spottname Cunctator ward ihm jetzt zu einem Ehrennamen und der größte Dichter jener Zeit, +Quintus Ennius+, pries ihn mit dem Verse:
+Ein+ Mann brachte dem Staat durch klügliches Zaudern Errettung.
=6. Die Schlacht bei Cannä= (216).
Die hinhaltende Kriegführung des Diktators hatte auch ihre Nachteile; sie erschöpfte die Hilfsmittel des Landes und drohte die Treue der darunter leidenden Bundesgenossen ins Wanken zu bringen. Deshalb beschloß der Senat, nach Ablauf der Amtszeit des Diktators, wieder Konsuln an die Spitze des Heeres zu stellen und dieses in solcher Stärke ins Feld zu schicken, daß man hoffen konnte den Krieg mit einem Schlage zu beendigen. Statt der bisherigen vier wurden acht überstarke Legionen aufgestellt und eine gleiche Anzahl bündnerischer Truppen einberufen. Außerdem wurde eine neunte Legion ins Po-Tal geschickt, um die bei Hannibal stehenden Gallier zum Abzuge in ihre bedrohte Heimat zu bewegen. Niemals hatte Rom eine solche Kriegsmacht aufgestellt. Aber die Wahl der neuen Konsuln war nicht glücklich. Neben dem besonnenen und kriegserfahrenen +L. Ämilius Paullus+ stand der beim Volk beliebte, aber ebenso anmaßende wie unfähige +G. Terentius Varro+.
Hannibal, der im ganzen über 10000 Reiter und etwas mehr als 40000 Mann Fußvolk verfügte, hatte im Frühjahr 216 eine starke Stellung in der kornreichen apulischen Ebene eingenommen, bei +Cannä+ (zwischen den heutigen Städten Canōsa und Barletta), südlich des Flusses Aufĭdus (Ofanto). Nordwärts standen die beiden Konsuln in gesonderten Lagern zu beiden Seiten des Flusses. Hannibal wünschte nichts mehr als eine entscheidende Schlacht; denn die Ebene gestattete ihm den unbehinderten Gebrauch seiner überlegenen Reiterei, und die Nähe des feindlichen Heeres erschwerte ihm die Verpflegung des eigenen. Eben deshalb wollte Paullus, der die Lage des Gegners richtig beurteilte, den entscheidenden Kampf noch hinausschieben und auf ein den Römern günstigeres Schlachtfeld verlegen. Aber der hitzige Varro achtete nicht auf seine Vorstellungen, und da sie im Heerbefehl einen Tag um den andern wechselten, so führte er an seinem Tage das Heer, gegen 80000 Mann, zur Schlacht hinaus auf das rechte Flußufer, während ein kleiner Teil, 10000 Mann, auf dem linken im Lager zurückblieb.
Beide Schlachtlinien lehnten sich mit einem Flügel an das rechte Flußufer, so daß der römische nach Süden stand, der punische nach Norden gewandt war. Varro hatte die römischen Reiter am Flusse, die der Bundesgenossen auf dem andern Flügel, in der Mitte das Fußvolk in tiefen Massen aufgestellt; vor der ganzen Linie standen in mäßigen Zwischenräumen die Leichtbewaffneten. Auf dem rechten Flügel befehligte Ämilius Paullus, auf dem linken Varro, in der Mitte Servilius, der Konsul des vorigen Jahres. Auch Hannibal stellte seine Leichtbewaffneten vor die Front, links zunächst am Flusse die schwere gallische und spanische Reiterei, auf der andern die leichte numidische. Dazwischen bildete das schwerbewaffnete Fußvolk eine weite halbmondförmige Linie, in deren Mitte die Gallier und Spanier am meisten nach vorn, die Afrikaner nach beiden Seiten mehr zurück standen. Diese mittleren Truppen befehligte Hannibal selbst mit seinem Bruder Mago, den linken Flügel Hasdrubal, den rechten Hanno.
Es war ein heißer Junitag; glühend blies der Südwestwind den Römern ins Gesicht und wirbelte ihnen große Staubwolken entgegen. Die Leichtbewaffneten begannen die Schlacht, jedoch auf beiden Seiten ohne Entscheidung. Dann aber erfolgte ein blutiger Kampf zwischen den am Flusse stehenden Reitern, die in dem engen Raum zum Teil absprangen und zu Fuß Mann gegen Mann stritten. Die Römer, völlig geworfen, wurden teils niedergemacht, teils in den Fluß getrieben und zersprengt. Paullus, schwer verwundet, rettete sich zu dem Fußvolk. Dieses hatte inzwischen den Angriff auf die feindliche Mitte siegreich begonnen. Die Gallier und Spanier, überwältigt von dem ersten Stoße der Legionen, wichen zurück und öffneten die Linie, während die Afrikaner etwas weiter seitwärts unbewegt feststanden. Die römische Schlachtlinie, die Weichenden verfolgend, drang immer tiefer in den offen gelassenen Raum hinein und sah sich auf einmal von den Afrikanern in ihren Flanken angegriffen. Indes währte das Gefecht auf dem andern Flügel unentschieden fort, bis Hasdrubal von der linken Seite den Puniern zu Hilfe kam und auch hier die römische Reiterei zum Weichen brachte. Das Verfolgen der Geschlagenen überließ er den Numidern; er selbst schwenkte mit seinen Reitern nach der Mitte hin und griff das römische Fußvolk im Rücken an. Dieses, nunmehr von allen Seiten eingeschlossen, wurde fast bis auf den letzten Mann niedergemacht. Von den 76000 Mann, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, lagen 70000 auf der Walstatt, darunter ein Konsul des vorigen Jahres, über dreißig, die andere hohe Staatsämter bekleidet hatten, achtzig Senatoren und auch der Konsul Ämilius Paullus selbst. Auch die Besatzung des Lagers, 10000 Mann, mußte sich großenteils ergeben. Viel geringer war der Verlust auf punischer Seite, kaum 6000 Mann.
Als Paullus sich ins Lager zu retten suchte, hatte er sich, von seiner Wunde ermattet, auf einen Stein gesetzt und hier den Tod erwartet. So traf ihn Lentulus, ein Kriegsoberster, der selbst verwundet aus der Schlacht floh, und bot ihm sein eigenes Pferd zur Flucht. Aber Paullus schlug es aus und sagte: „Rette dich, edler Freund, sage den Vätern, sie sollten Rom verrammeln und stark besetzen, und dem Fabius, ich hätte seine Lehren im Leben befolgt und im Tode noch gebilligt. Mich laß unter diesen Leichenhaufen meiner Krieger den Tod finden, damit ich nicht als Ankläger meines Amtsgenossen aufzutreten brauche.“ Kaum hatte er dies gesagt, so naheten die Feinde. Lentulus entkam durch die Schnelle seines Rosses, der Konsul wurde niedergemacht. Und gleichsam als wollte das Schicksal Roms sich in diesem Unglücksjahre ganz vollenden, geriet auch jene neunte Legion in einen Hinterhalt der Gallier und wurde völlig vernichtet.
Varro entkam mit wenigen Reitern nach Venusia, wohin sich auch eine Anzahl der Versprengten und ein kleiner Teil der im Lager Gebliebenen rettete. Als er von dort, tief gedemütigt, auf Einladung des Senats nach Rom kam, zog ihm dieser vor das Tor entgegen und dankte ihm, daß er am Vaterlande nicht verzweifelte.
Die Folge dieser furchtbaren Schlacht war, daß nunmehr viele Städte und Landschaften Unteritaliens, sowie alle cisalpinischen Gallier von Rom abfielen. Rom war am Rande des Untergangs; stündlich erwartete man den Sieger vor den Toren. Aber die Römer zeigten wiederum, daß sie niemals größer waren, als im Unglück, und bewiesen eine Stärke der Seele, welche die höchste Bewunderung verdient. Niemand sprach von Frieden, und die Abgeordneten Hannibals, welche Friedensanträge brachten, ließ man nicht einmal in die Stadt, ja sogar den Loskauf der Gefangenen lehnte man ab. Hannibal aber marschierte nicht sofort gegen Rom, wie ihm Maharbal riet, und mußte deshalb von diesem den Vorwurf hören: „Zu siegen verstehst du, aber den Sieg auszunutzen verstehst du nicht.“
7. Hannibal und Marcellus.
Mit dem Siege bei Cannä hatte Hannibal den Gipfel seines Glückes erstiegen; von nun an sehen wir ihn, obgleich den Römern noch immer furchtbar, keine so glänzenden Taten mehr verrichten. Sein Heer legte er zum Winterquartier in die große und reiche Stadt Capua, deren Bewohner ihn als einen Befreier vom römischen Joche zu sich eingeladen hatten. Unter dem milden Himmel Campaniens und durch die üppigen Genüsse, die dieses ihm bot, soll das Heer verweichlicht worden sein und die alte Kriegszucht und Manneskraft eingebüßt haben. Dazu kam, daß Hannibal von Karthago aus ohne Unterstützung blieb, weil ihm eine feindliche Partei entgegenarbeitete, obschon zwei Scheffel goldener Ringe, die in der Schlacht bei Cannä von den Händen römischer Ritter gezogen und nach Karthago geschickt worden waren, eine große Begeisterung für den Sieger erweckt hatten.
Dagegen zeigten die Römer bei den härtesten Schlägen des Schicksals eine große, unerschütterliche Standhaftigkeit. Neue Legionen wurden ausgehoben, und der Prätor +Claudius Marcellus+ war der Erste, unter dem die Römer wieder siegen lernten. Der alte Mut kehrte allmählich zurück, und wie sie Fabius ihren Schild nannten, so den Marcellus ihr Schwert. Er stand mit einem Teil des neuen Heeres bei Nola in Campanien und hinderte Hannibal an der Eroberung dieser Stadt. Anfangs hielt er seine noch ungeübten Truppen innerhalb der Mauern, dann machte er Ausfälle und übte es in kleinen Gefechten; zuletzt überfiel er die Feinde in ihrem Lager und erschlug ihrer mehrere Tausende. Im folgenden Jahre (215) kam es vor +Nola+ zu einer förmlichen Schlacht, in welcher Marcellus den ersten vollständigen Sieg über die Punier erfocht.
Nach diesem Siege ward Marcellus von Italien nach einem andern Schauplatz des Krieges abgesandt. In Sicilien war die mächtige und blühende Stadt +Syrakus+ nach dem Tode ihres Königs Hiero, des treuen Bundesgenossen der Römer, von ihnen abgefallen, und Marcellus hatte den Auftrag sie wieder zu unterwerfen. Allein die Belagerung zog sich bis ins dritte Jahr hin (214-212). Von zwei Seiten, vom Lande und vom Hafen aus, versuchte er sie zu erstürmen; aber ein Bürger der Stadt, der große Mathematiker +Archimēdes+, erfand Maschinen, durch die er die Schiffe und Sturmwerke der Römer vernichtete und alle ihre Versuche vereitelte. Die Mauern versah er mit jeder Art von Geschützen, welche die feindlichen Schiffe mit Steinkugeln bewarfen; in die Mauer brach er von unten bis oben breite Schießscharten, durch welche die Verteidiger mit Pfeilen und Handgeschossen den Feind ungesehen überschütteten. Wenn römische Schiffe in die Nähe kamen, so ließ er eiserne Ketten mit Haken herab, zog durch Hebelkräfte die Schiffe in die Höhe und stürzte sie dann wieder ins Meer hinab. Auch soll er Brennspiegel erfunden haben, um die feindlichen Schiffe anzuzünden. Durch diese Maschinen fügte er den Römern furchtbare Verluste zu und setzte sie so in Angst, daß zuletzt alle, wenn nur ein Seil oder Holz sich auf der Mauer zeigte, eiligst die Flucht ergriffen. Aber endlich wurde Marcellus doch auf folgende Weise Herr der Stadt.
Einst unterhandelten die Syrakusaner von einem Turme herab mit den Römern. Einer von diesen zählte dabei die Quadersteine der Mauer und merkte sich ihre Größe. Daraus berechnete man ihre Höhe an dieser Stelle und verfertigte Leitern zum Ersteigen. Als nun das dreitägige Fest der Göttin Artĕmis (Diána) in der Stadt gefeiert wurde, und die Bürger nach den Festmahlen des Tages sich zur Ruhe gelegt hatten, erstiegen tausend der kühnsten Krieger die bezeichnete Mauerstelle, töteten die hier aufgestellten Wachen und erbrachen das nächste Tor, durch welches Marcellus mit dem Heere eindrang. Den Bürgern ward Leben, Freiheit und Wohnung gesichert und nur das bewegliche Gut geplündert. Eine Menge von Kunstwerken und Schätzen ward nach Rom geschleppt. Der große Archimedes soll im Getümmel seinen Tod gefunden haben. Ein Krieger, der ihn nicht kannte, stürmte in sein Haus und fand ihn in das Zeichnen von Sandfiguren vertieft. „Zertritt mir meine Kreise nicht!“ rief er ärgerlich dem Manne zu, worauf dieser ihn erschlug. Gern hätte ihm Marcellus das Leben erhalten; den Toten ehrte er durch ein Denkmal.