Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form

Part 7

Chapter 73,704 wordsPublic domain

Mittlerweile wurde der Krieg zwischen Rom und Karthago mit abwechselndem Glücke fortgesetzt, bis endlich die erschöpften Karthager den Frieden wünschten. In der Person des Regulus glaubten sie einen passenden Vermittler zu besitzen. Sie schickten ihn daher nach Rom, um über den Frieden zu verhandeln, vorher aber ließen sie ihn schwören, daß er zurückkehren werde, wenn er nicht imstande wäre, den Frieden herbeizuführen. Regulus kam nach Rom und trug dem Senat seinen Auftrag vor. Aber weit entfernt davon, dem Senat zum Frieden zu raten, riet er vielmehr das Gegenteil. Er verwarf den Frieden, weil Karthago jetzt schon so geschwächt wäre, daß es bald gänzlich zugrunde gerichtet werden könnte. Der Senat billigte diese Meinung, wünschte aber zugleich den hochgesinnten Mann zu retten. Allein dieser gedachte seines Eidschwures. Vergebens baten ihn seine Freunde zu bleiben, vergebens sprachen ihn die Priester von seinem Eide los. Ja, er vermied sogar seine Frau und seine Kinder zu sehen, um nicht von ihren Tränen erweicht zu werden. Er kehrte, getreu seiner Eidpflicht, nach Karthago zurück.

Als die Karthager hörten, daß Regulus selbst gegen ihre Aufträge gesprochen hatte, wurden sie äußerst aufgebracht und töteten ihn, wie später in Rom erzählt wurde, durch die schrecklichsten Martern. Sie schnitten ihm zuerst die Augenlider ab, warfen ihn so in einen finsteren Kerker und führten ihn dann in die Sonne. Hierauf legten sie ihn in einen hölzernen Kasten, der mit scharfen Nägeln inwendig ausgeschlagen war, und ließen ihn darin langsam sterben. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß dies alles eine Erdichtung der Römer war, die dadurch ihre eigenen Grausamkeiten zu beschönigen, oder ihren unversöhnlichen Haß gegen Karthago zu rechtfertigen suchten.

Der Krieg zwischen Rom und Karthago dauerte hiernach noch neun Jahre. In dieser Zeit hatten die Karthager einen ausgezeichneten Feldherrn an +Hámilkar+ mit dem Beinamen +Barkas+ („Blitz“), der sich im Nordwesten Siziliens sieben Jahre lang gegen alle Anstrengungen der Römer siegreich behauptete, bis der Seesieg des +Lutatius Cátulus+ bei den +ägatischen+ Inseln die erschöpften Karthager zum Frieden zwang (241). Sie traten Sizilien ab, welches die erste römische Provinz ward, und zahlten 3200 Talente Silber (13½ Millionen Mark).

XX.

=Der zweite punische Krieg= (219-201).

Hannibal.

1. Hannibals erstes Auftreten.

Während bald darauf die Römer mitten im Frieden das erschöpfte Karthago zur Abtretung von Sardinien und Corsica nötigten, dann die seeräuberischen Illyrier und die Gallier im Gebiete des Po zu unterwerfen begannen, hatte Hamilkar Barkas in Karthago die Empörung der unbezahlten Söldnerhaufen zu dämpfen, die den karthagischen Staat dem Untergange nahe brachte. Nach Beendigung dieses Kampfes ging Hamilkar, ein unversöhnlicher Feind der Römer, nach Hispanien (Spanien), um durch die großen Hilfsmittel dieser damals noch freien und von den kriegerischen Stämmen der Ibēren bevölkerten Halbinsel seiner Vaterstadt wieder aufzuhelfen und neue Kräfte gegen Rom zu gewinnen. Als er im Begriff war abzureisen, bat ihn Hannibal, sein Sohn, ein Knabe von neun Jahren, ihn auf diesem Zuge begleiten zu dürfen. Der Vater versprach es und suchte zugleich das Herz seines Sohnes mit unaustilgbarem Hasse gegen Rom zu erfüllen. Er führte ihn vor den Altar, auf welchem er eben opferte. Alle Zeugen wurden entfernt, dann hieß er seinen Sohn den Altar umfassen und schwören, daß er zeitlebens ein Feind der Römer sein wolle. Das tat Hannibal, und nie ist ein Schwur treuer gehalten worden.

Neun Jahre focht Hamilkar in Spanien mit glücklichem Erfolg, unterwarf sich einen großen Teil der Einwohner mit Gewalt oder Klugheit, und gründete dort eine Herrschaft, welche den Verlust der Inseln reichlich ersetzte. Nachdem er in einer Schlacht gefallen war, übernahm sein Eidam +Hásdrubal+ den Oberbefehl. Dieser setzte die kriegerischen Unternehmungen mit großem Glücke fort und gab dem neuerworbenen Lande in der von ihm gegründeten Stadt Neukarthago (heute Cartagena) eine trefflich gelegene Hauptstadt. Die Römer wurden über diese Fortschritte so besorgt, daß sie in einem Vertrage mit Hasdrubal den Fluß Ibērus (Ebro) als Grenze der karthagischen Eroberungen feststellten und die griechischen Handelsplätze, darunter die Stadt Saguntum (nördlich von Valencia), in ihren Schutz nahmen.

Hannibal war nach des Vaters Tode nach Karthago zurückgekehrt; Hasdrubal ließ ihn wieder zu sich kommen und vollendete seine kriegerische Erziehung. Acht Jahre hatte Hasdrubal den Oberbefehl in Spanien geführt, als er von einem Eingeborenen ermordet wurde. Jetzt rief das Heer den jungen Hannibal als Feldherrn aus, und Senat und Volk zu Karthago bestätigten die Wahl.

Im Lager aufgezogen, war Hannibal der Liebling des Heeres; die alten Krieger sahen in ihm des Vaters Ebenbild. Wenn eine Unternehmung Mut und Ausdauer erforderte, stellte schon Hasdrubal ihn am liebsten an die Spitze, und unter keinem Führer hatten die Krieger mehr Vertrauen und Siegeszuversicht. Mit der größten Kühnheit ging er in Gefahren, mit der größten Besonnenheit benahm er sich mitten in denselben, durch keine Beschwerde konnte sein Körper ermüdet, sein Geist gebeugt werden, Hitze und Kälte ertrug er mit gleicher Ausdauer, in Speise und Trank war er mäßig, und zum Schlafe gönnte er sich nur die Zeit, die ihm die Geschäfte übrig ließen. Dazu bedurfte er keines weichen Lagers, noch der Stille der Nacht, oft sahen ihn seine Krieger, nur mit einem kurzen Feldmantel bedeckt, zwischen den Wachen und Posten auf dem Boden liegen. Seine Kleidung war von der seiner Waffengenossen in nichts unterschieden, nur Waffen und Rosse kündigten den Feldherrn an. Er war bei weitem der beste Reiter, wie der beste Fußgänger. Als vorderster ging er ins Treffen, als letzter kehrte er zurück. Unerschöpflich in klugen Anschlägen, stets wohl unterrichtet von den Plänen der Feinde, fand er in jeder Not und Gefahr einen rettenden Ausweg. Einer der größten Feldherren aller Zeiten, ein weitschauender Staatsmann, ein tapferer Krieger, ließ er sich im Glück nicht zum Übermut verleiten, und trug er das Unglück mit zäher Geduld und festem Sinn. Milde lag nicht in seiner Art; hart und grausam gegen die Feinde, scheute er keine Arglist und Untreue, wenn sein Vorteil dazu riet.

Er war erst 28 Jahre alt, als er an die Spitze des hispanischen Heeres trat (221 v. Chr.). Sofort entschloß er sich mit Rom zu brechen.

Hasdrubal hatte den Vertrag mit den Römern, die Stadt +Saguntum+ nicht anzugreifen, treulich gehalten. Hannibal kümmerte sich nicht darum, sondern schritt alsbald zu ihrer Belagerung. Als die Römer von der Bedrängnis der mit ihnen verbündeten Stadt hörten, ordneten sie eine Gesandtschaft an Hannibal ab, um ihn an den Vertrag zu erinnern. Der aber ließ sie gar nicht ins Lager, sondern befahl sie zu bescheiden, daß er mitten im Kampfe keine Zeit habe Gesandtschaften anzuhören. Ebenso erfolglos war die Gesandtschaft in Karthago. Inzwischen erfuhren die Saguntiner alle Schrecken einer Belagerung. Unter dem heldenmütigsten Widerstand der Einwohner und erst nach einer achtmonatlichen Einschließung und Bestürmung konnte Hannibal sich der Stadt bemächtigen (219). Als den Saguntinern alle Hoffnung geschwunden war, hatten die Vornehmsten alles Silber und Gold aus ihren Häusern auf dem Markt auf einen brennenden Scheiterhaufen geworfen und sich dann selber hinein gestürzt. Alle Wehrhaften wurden getötet, viele hatten sich mit Weib und Kind in ihre Häuser verschlossen und diese in Brand gesteckt. Alle übrigen wurden in die Knechtschaft verkauft (219).

Als die Kunde von dem schrecklichen Untergang der ihrem Schutze anvertrauten Stadt nach Rom kam, war die Entrüstung über solchen Friedensbruch unbeschreiblich. Sofort ging eine Gesandtschaft nach Karthago, an deren Spitze +Quintus Fabius+ stand. Sie sollte die Auslieferung des vertragsbrüchigen Feldherrn fordern, oder, wenn diese verweigert würde, den Krieg ankündigen. Der karthagische Senat, in zwei Parteien geteilt, konnte zu keinem Entschluß kommen. Er suchte Ausflüchte zu machen und die Sache hinzuziehen, allein Qu. Fabius forderte eine bestimmte Erklärung. Indem er seine Toga zu einem Bausche faltete und dem Senate hinhielt, sagte er: „Hier liegt Krieg und Frieden: nehmt was ihr wollt!“ -- „Wir nehmen,“ rief man ihm entgegen, „was ihr uns gebt.“ -- „So nehmt den Krieg!“ erwiderte Fabius und entfaltete seine Toga mit einer drohenden Geberde, als ob er Waffen und Krieger herausschüttete.

So begann der +zweite punische Krieg+, der achtzehn Jahre (219-201) hindurch Italien, Spanien und Afrika verwüstete, Rom an den Rand des Verderbens brachte, und zuletzt mit der völligen Niederlage Karthagos endete.

2. Hannibals Zug nach Italien.

Hannibal hatte sich nach der Eroberung von Sagunt in die Winterquartiere begeben. Hier entbot er die Hauptleute der auf der Halbinsel geworbenen Krieger zu sich und machte sie mit seinem Plan, in fernes Land zu ziehen, bekannt. Um ihnen aber Zeit zu geben, sich von den Beschwerden des letzten Krieges zu erholen und ihre Familien wiederzusehen, erteilte er allem Kriegsvolk einen Urlaub, mit dem Befehl, beim Anbruch des Frühlings sich wieder einzustellen. Nachdem er dann im Frühjahr die Truppen gemustert hatte, ließ er, um Spanien zu behaupten, ein Heer von 15000 Mann und eine Flotte von 50 Schiffen unter dem Befehl seines Bruders Hasdrubal zurück. Ein anderes, größtenteils aus Ibérern bestehendes Heer von nahe an 20000 Mann schickte er nach Afrika, um teils als Besatzung von Karthago zu dienen, teils im karthagischen Gebiet verteilt zu werden. Er selbst brach im Frühjahr 218 mit 90000 Mann Fußvolk, 12000 Reitern und 37 Elefanten nordwärts nach dem Ibérus (Ebro) auf (218).

Auf diesem Zuge erschien ihm einst, wie die Sage erzählt, im Schlaf ein Jüngling von göttlicher Gestalt, welcher sagte: „Ich bin von Jupiter als dein Wegweiser nach Italien gesandt; mache dich auf und folge mir unverwandten Auges.“ Hannibal folgte anfangs schüchtern, nirgends um oder hinter sich blickend; dann aber konnte er aus menschlicher Ängstlichkeit, was das wohl sein möge, wonach er sich nicht umsehen solle, seine Augen nicht mehr beherrschen. Er blickte hinter sich und gewahrte eine Schlange von wundersamer Größe, die hinter ihm herschoß, Bäume und Sträucher weithin niederschlagend, und hinter der Schlange einen Platzregen mit Donnerschlägen. Auf seine Frage, was das für ein Ungetüm sei, und was das Zeichen bedeute, erhielt er die Antwort, daß es die Verwüstung Italiens sei; er solle aber nur vorwärts gehen, nicht weiter fragen und das fernere Schicksal in seinem Dunkel ruhen lassen.

Froh über dieses Gesicht setzte er über den Ebro und bezwang die noch unabhängigen Völkerschaften zwischen diesem Fluß und den Pyrenäen. Um die Pässe des Gebirges und die neu eroberten Landschaften zu hüten, ließ er eine Truppe von 11000 Mann zurück, während er noch andere 11000 Mann, welche die Furcht vor einem Kriege mit Rom entmutigt hatte, nach Hause entließ. Ihm selbst blieben damals 50000 Mann zu Fuß und 9000 Reiter, alle bewährte Krieger, zum größeren Teil Libyer aus dem Gebiete Karthagos, zum kleineren Teil Hispanier (Ibérer). Die Völker des südlichen Galliens gewann er durch List und Geschenke, und als man in Rom vernahm, er habe den Ebro überschritten, stand er bereits am rechten Ufer der unteren Rhódanus (Rhone), an der Stelle des heutigen Avignon.

Die dort seßhaften Gallier standen auf seiten der Römer, fühlten sich aber zu schwach, um den Anmarsch des punischen Heeres in offenem Felde aufzuhalten. In der Hoffnung auf die Hilfe des römischen Heeres, das bereits bei Massilia (Marseille) an der Rhonemündung eingetroffen war, nahmen sie auf dem linken Flußufer eine feste Stellung ein. Aber Hannibal ließ sich nicht aufhalten. Er ließ alle Schiffe und Kähne aufwärts und abwärts des Flusses zusammenholen, Bäume fällen und Flöße bauen, und traf alle Anstalten zu raschem Übergang. Aber auf der anderen Seite standen die Feinde, die zu Pferd und zu Fuß das ganze Ufer innehatten. Um sie von dort zu vertreiben, befahl Hannibal dem Hanno mit einem Teil des Heeres zwei Tagereisen weit am Flusse hinaufzuziehen und dort an einer geeigneten Stelle überzusetzen. Pünktlich führte Hanno den Befehl aus. Auf Flößen und verkoppelten Baumstämmen brachte er Roß und Mann und alles übrige hinüber. Die Hispanier steckten ihre Kleider in Schläuche, legten sich darauf und schwammen ohne weitere Vorkehrung über den Fluß. Von dort zog er eilends stromabwärts in den Rücken der Feinde, und bereits am dritten Tage seit seinem Aufbruch meldete er durch Rauchsignale dem Feldherrn seine Ankunft. Sofort gab Hannibal den Befehl zum Übergang. Die Gallier anderseits stürzten gegen das Ufer mit vielstimmigem Geheul, ihrem gewohnten Schlachtgesange, die Schilde zusammenschlagend und in der Rechten den Speer schwingend. Da plötzlich loderte in ihrem Rücken das eigene Lager in hellen Flammen auf. Hanno hatte es überfallen und bedrohte ihre Rückseite. Zwar suchten die Gallier anfangs nach beiden Seiten das Feld zu halten, gaben aber bald den hoffnungslosen Widerstand auf und zerstreuten sich in ihre Dörfer. So konnte Hannibal sein ganzes Heer mit allem Troß ungefährdet über den reißenden Strom führen und jenseits ein Lager schlagen.

Ganz eigentümlich war die Art, wie Hannibal die Elefanten hinübersetzen ließ. Er ließ ein 200 Fuß langes und 50 Fuß breites Floß vom Lande aus in den Fluß hineinbauen und damit es nicht vom Strome fortgerissen würde, durch starke Taue am Ufer festbinden. Dann ließ er es mit Erde beschütten, damit es die Tiere ohne Scheu gleich wie festes Land betreten könnten. Ein zweites Floß, ebenso breit, 100 Fuß lang und zur Überfahrt eingerichtet, wurde an jenes angebunden. Wenn nun die Elefanten über das feststehende Floß, wie auf einer Straße, auf das zweite kleinere Floß hinübergegangen waren, so wurden sogleich die Bindetaue gelöst und dies Floß an das andere Ufer gezogen. So lange sie auf dem ersten Floß wie auf einer breiten Brücke gingen, blieben sie ruhig; dann erst zeigten sie Angst, wenn das zweite Floß abgelöst war und mit ihnen in die Mitte des Flusses trieb. Da drängten sie sich vom Wasser weg zusammen und verursachten ziemliche Störung, bis endlich die Furcht selbst sie ruhig machte.

Um die Zeit, da Hannibal über die Rhone ging, stand der römische Konsul P. Cornelius Scipio an der Mündung dieses Stromes. Er hatte mit seinem Heere nach Spanien übersetzen sollen, um dort den Krieg zu beginnen, während der andere Konsul, Titus Sempronius Longus, von Sicilien aus Karthago selbst angreifen sollte. Als er aber auf dieser Fahrt nach Massilia kam, mußte er zu seiner großen Überraschung erfahren, daß der Feind bereits in der Nähe stände und sich anschickte über die Rhone zu gehen. Statt nun sofort dem Hilferufe der Gallier zu folgen, zauderte er, bis es zu spät war. Ein Reitergeschwader, das er darauf den Fluß hinaufsandte, um Erkundigungen über den Standort und die Stärke des feindlichen Heeres einzuziehen, traf auf eine zu gleichem Zwecke abgeschickte Abteilung Numider (aus Nordafrika). Es kam zu einem sehr hitzigen Gefecht, in dem sich der Sieg endlich auf die Seite der Römer neigte. Doch als Scipio in eiligem Marsche nach der Übergangsstelle hinaufzog, war das feindliche Heer schon in weiter Ferne, und es blieb ihm nichts übrig als nach Italien zurückzukehren und dort den Feind zu bestehen.

Für Hannibal aber begann jetzt erst der schwierigste Teil seiner kühnen Unternehmung. Es galt den Marsch zu wagen mitten durch zahlreiche Feinde, über die schnee- und eisbedeckten Alpen, auf ungebahnten, vielleicht noch nie betretenen Wegen, die selbst für Fußgänger kaum gangbar waren, viel weniger noch für Elefanten, Rosse und schwerbeladene Karren und Saumtiere. Kein Wunder, daß beim Anblick der steilen Gebirge selbst die abgehärtesten Krieger zu zagen begannen. Nur ihr Feldherr blieb festen Mutes und verstand es auch seinen Truppen neue Zuversicht einzuflößen. Er schilderte ihnen die reichen Gebiete, die sie jenseits des Gebirges erreichen, die große Beute, die sie dort gewinnen, und die Hilfe, die sie im Tale des Po bei den kriegstüchtigen und von Römerhaß erfüllten gallischen Stämmen finden würden. Er führte ihnen sogar einen eben von dort eingetroffenen gallischen Fürsten vor, Magilus mit Namen, der dies alles bestätigte.

Man kannte damals nur zwei Pässe zum Übergang von Gallien nach dem oberen Italien. Der eine kürzere aber rauhere führte durch das Tal der Dürance über die cottischen Alpen (Mont Genèvre) in das Gebiet der Tauriner (Turin), der längere aber weniger schwierige im Tal der Isère aufwärts zu den graischen Alpen und über den kleinen St. Bernhard ins Tal der Doria (Baltéa). Diesen zweiten wählte Hannibal auch deshalb, weil die an seinem jenseitigen Ausgange wohnenden Gallier nur auf seine Ankunft warteten, um sich mit ihm gegen die Römer zu verbinden.

Der Marsch ging zuerst sechzehn Tage lang durch das fruchtbare Gebiet der Allóbroger zwischen Isère und Rhone, bis zum Fuße des Hochgebirges. Der von den Bewohnern gesperrte nächste Paß wurde genommen; aber auf dem steilen und glatten Abstieg von der Höhe geriet das Heer in harte Not: feindliche Haufen brachen in die Reihen, ein wildes Getümmel entstand, Menschen und Tiere stürzten in die Tiefe. Erst als man ins Tal der Isère gelangte, ward der Marsch gefahrlos, bis man in das Gebiet der Centronen hinaufstieg, welche das Heer mit allen Zeichen der Freude gastlich empfingen und aus dem Tale zum Fuß der Paßhöhe des kleinen St. Bernhard geleiteten. Da plötzlich griffen sie die nächste durch eine Schlucht emporklimmende Abteilung von allen Seiten an. Unter blutigen und verlustvollen Kämpfen gelangte man am folgenden Tage auf die Hochfläche des Passes.

Den erschöpften und durch die schweren Verluste an Menschen und Tieren entmutigten Truppen gewährte hier der Feldherr eine kurze Rast, die er benutzte, um alle Nachzügler und Versprengte zu sammeln und durch den Hinweis auf die Nähe des ersehnten Zieles, durch den Ausblick auf die in der Ferne sich breitende Ebene Italiens die gesunkene Stimmung wieder zu heben. Man näherte sich zwar den befreundeten Galliern, aber die vorgerückte Jahreszeit -- es war schon Anfang September -- brachte neues Ungemach. An den engen und steilen Talrändern der Dora, auf denen der Abstieg geschah, lag frischer Schnee, der die Pfade verdeckte; haufenweise stürzten Menschen und Tiere in die Abgründe. An einer Strecke von nur 200 Schritt Länge mußte vier Tage lang mit Aufgebot aller Kräfte gearbeitet werden, um die Elefanten und das Gepäck über die glatten Eismassen hinüber bringen zu können. Nach weiterem dreitägigen Marsch bergab gelangte man endlich in die Talebene, wo die Dörfer der Gallier, in der Gegend des heutigen Ivréa, Rast und Pflege boten.

So war das Ziel endlich erreicht, aber mit welchen Opfern! Mehr als die Hälfte des Heeres, die meisten Pferde und Elefanten waren auf den Märschen und in den Kämpfen zugrunde gegangen, und was hinübergelangt war, bedurfte längerer Erholung, um sich zu den bevorstehenden harten Kämpfen zu stärken und neu auszurüsten. Hätte Hannibal beim Austritt aus dem Gebirge ein römisches Heer kampfbereit sich gegenüber gefunden, so wäre er dem Untergang schwerlich entronnen.

3. =Hannibals Siege am Ticinus und an der Trebia= (218).

Anfangs hatten die Römer, wie oben berichtet ist, die Absicht den Krieg gegen Karthago in Spanien und Afrika zu führen. Sie hatten daher den Konsul T. Sempronius Longus mit der größeren Heeresmacht, 24000 Mann zu Fuß, 1800 Reitern und 160 Kriegsschiffen, nach Sicilien gesandt; der andere Konsul, P. Cornelius Scipio, sollte mit 22000 Mann zu Fuß, 1600 Reitern und 60 Schiffen einen Angriff auf Spanien unternehmen. Aber Hannibal war den Römern zuvorgekommen. Schon stand er an der Rhone, als Scipio auf seiner Fahrt erst an der Mündung derselben angekommen war, wo er dann die Nähe des Feindes erfuhr und das bereits erwähnte Reitergefecht vorfiel. Nun änderte Scipio seinen Plan, er sandte seinen Bruder Gnaeus mit dem größeren Teile des Heeres nach Spanien, während er selbst mit dem übrigen zurück in die Ebene des Po eilte, um sich dort an die Spitze des römischen Heeres zu stellen, welches dort die aufrührerischen Gallier niederzuhalten bestimmt war, und dem anrückenden Feinde die Stirn zu bieten. Hannibal hatte inzwischen seinem Heere die nötige Rast gegönnt, hatte den Widerstand der Tauriner durch Erstürmung ihrer Hauptstadt gebrochen, und war dann rasch bis an den +Ticīnus+ (Tessin), einen Nebenfluß des Po, vorgedrungen. Scipio ließ eine Brücke über den Po schlagen und rückte ihm entgegen. Nicht lange, so kam es dort in der Ebene am Ticinus zu einem ersten Zusammenstoß. Beide Feldherren zogen eines Tages an der Spitze ihrer Reiterei, Scipio auch von leichtem Fußvolk begleitet, aus, um die Stellung der Feinde auszukundschaften. So stießen sie aufeinander. Gleich nach Beginn des Kampfes floh das leichte römische Fußvolk, das Scipio in die vorderste Reihe gestellt hatte, vor dem Anprall der schweren punischen Reiter, warf sich unter die eigene Reiterei und brachte sie in Verwirrung. Gleichwohl nahm diese den Kampf auf und bestand ihn eine Zeitlang, unerschüttert durch die feindlichen Angriffe. Als dann aber die leichten numidischen Geschwader sie auf den Flanken und im Rücken anfielen war die Niederlage und Flucht der Römer nicht mehr aufzuhalten. Der Konsul selbst ward im Getümmel verwundet und nur durch die Entschlossenheit seines siebzehnjährigen Sohnes, des später als Besieger Hannibals berühmt gewordenen Scipio Africanus, aus dem feindlichen Gedränge herausgehauen und gerettet.

In der folgenden Nacht führte Scipio sein Heer ungestört über den Po zurück und nahm an dem rechten Ufer des +Trébia+, eines kleinen Nebenflusses des Po, eine feste Stellung, wo sein rechter Flügel sich an den Po bei der Koloniestadt Placentia (Piacenza), sein linker an die Vorberge des Apennin lehnte, in einem hügeligen Gelände, das die Bewegung der überlegenen feindlichen Reiterei hinderte. Hier stieß auch der andere Konsul, Sempronius, der auf die erste Nachricht von dem Erscheinen Hannibals aus Sicilien zurückberufen worden war, mit seinem Heere zu ihm. Aber zwischen den beiden Konsuln herrschte keine Eintracht: Sempronius drang auf eine entscheidende Schlacht, während Scipio, durch seine Wunden an der Führung behindert, sich von einer bloß abwehrenden Haltung mehr Vorteil versprach. Ihre Uneinigkeit blieb Hannibal nicht unbekannt. Er war den über den Po zurückweichenden Römern alsbald nachgezogen und hatte ihnen gegenüber auf der linken Seite der Trebia sein Lager genommen. Als er durch seine Kundschafter erfahren, daß die Römer zum Kampf bereit wären, wählte er einen Ort zum Hinterhalt. In der Nähe seines Lagers war ein Bach, auf beiden Seiten von einem sehr hohen Ufer eingeschlossen und rings mit Gesträuch und Dorngebüsch dicht besetzt, wo ein Reitertrupp eine ganz verdeckte Aufstellung nehmen konnte. Darin versteckte Hannibal tausend auserlesene Reiter und ebenso viel Fußvolk unter Führung seines Bruders Mago.

Früh am folgenden Tage ließ er seine numidischen Reiter über die Trebia setzen, sich vor den Toren des feindlichen Lagers tummeln, um den Feind zum Kampfe herauszulocken und, wenn ihnen dies gelungen war, langsam über den Fluß zurückzuweichen. Kaum hatten sie sich gezeigt, so führte Sempronius, der an diesem Tage den Oberbefehl auch über Scipios Legionen führte, erst seine ganze Reiterei, darauf 6000 Mann Fußvolk, endlich sein ganzes Heer zum Kampfe heraus. Es war ein kalter schneeiger Dezembertag; Roß und Mann wurden, ohne vorher durch Speise gestärkt zu sein, ungeschützt gegen die Kälte, ins Treffen geführt. Als sie aber auf der Verfolgung der fliehenden Numider sogar ins Wasser gingen, das ihnen bis an die Brust reichte, erstarrten ihnen vollends die Glieder, daß sie kaum die Waffen zu halten vermochten und bald der Ermattung und dem Hunger erlagen.