Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form
Part 5
Aus den Ländern jenseits der Alpen hatten sich nicht lange vor dieser Zeit zahlreiche Schwärme des großen +keltischen+ oder +gallischen+ Volkes in Bewegung gesetzt, um in den fruchtbaren Gefilden der apenninischen Halbinsel neue Wohnsitze zu erobern. Sie besetzten die vom Padus (Po) durchströmte reiche Landschaft zwischen den Alpen und dem Apennin, welche dann nach ihnen ~Gallia cisalpina~ (Gallien diesseits der Alpen) genannt und damals noch nicht als zu Italien gehörig betrachtet wurde. Aber mit dieser Eroberung nicht zufrieden, drangen sie bald in neuen Scharen unter König +Brennus+ über das Gebirge südwärts in das Land der Etrurier ein, und belagerten dort die Stadt Clusium, wo einst Porsenna geherrscht hatte. Die Clusinier baten in ihrer Bedrängnis die Römer um Hilfe, und diese ordneten drei Gesandte ab, welche den Galliern mit Krieg drohten, wofern sie nicht das von ihnen ohne alles Recht besetzte Gebiet räumten. Aber die Gallier antworteten: „Zum ersten Male hören wir den Namen der Römer und halten sie für tapfere Männer; unser Recht jedoch beruht auf unsern Waffen, alles gehört den Tapfern!“ Die Gesandten nahmen darauf sogar an dem Kampfe gegen die Gallier teil und töteten dabei einen ihrer Heerführer. Für diese Verletzung des Völkerrechts forderten die Gallier Genugtuung und drangen, da sie ihnen verweigert ward, gegen Rom vor. Am Flüßchen +Allia+ stießen sie auf das römische Heer, das sie in ihrer großen Überzahl und ihrer ungewohnten stürmischen Angriffsweise in jähe Flucht warfen und mit solchem Schreck erfüllten, daß ein großer Teil der Flüchtlinge nicht nach Rom, sondern nach dem näheren Veji und anderen Orten sich rettete. In Rom selbst geriet alles in die größte Bestürzung und Verwirrung. Man fand es unmöglich die Stadt gegen den vorrückenden Feind zu verteidigen und beschloß sie zu verlassen. Nur das Kapitol blieb besetzt; der Senat und etwa tausend Krieger waren entschlossen diese heilige Tempelburg gegen die Barbaren zu verteidigen. Das übrige Volk, darunter auch die Vestalinnen und Priester mit den Heiligtümern, die sie mit sich nehmen konnten, flohen nach dem seit seiner Eroberung verlassenen und leeren Veji und in andre benachbarte Städte. In der Angst und Verwirrung schloß man nicht einmal die Tore. Nur die ältesten Senatoren blieben unten in der Stadt zurück; geschmückt mit den Zeichen ihrer Würde, saßen sie auf ihren Amtssesseln auf dem Markte, des Todes durch Feindeshand gewärtig.
Nicht lange, so erschienen die ersten Gallier vor den Mauern. Da sie die Tore der Stadt offen und unverteidigt fanden, fürchteten sie anfangs einen Hinterhalt. Endlich aber wagten sie sich mit aller Vorsicht hinein. Da fanden sie niemanden als jene alten ehrwürdigen Senatoren, die still und unbeweglich auf ihren Stühlen saßen. Ihr Anblick flößte zugleich Furcht und Verwunderung ein, sodaß sie anfänglich von den Galliern für die Bildsäulen der Schutzgötter Roms gehalten wurden. Erst nach einiger Zeit trat ein kühner Gallier an einen der ältesten, Marcus Papirius, heran und zupfte ihn am Barte, um zu sehen, ob er lebte. Erzürnt hob Papirius sein elfenbeinernes Szepter und schlug damit den Gallier aufs Haupt. Da fielen die Gallier über die Greise her und töteten sie alle. Hiernach verbreiteten sie sich über die ganze Stadt, schleppten alle Beute heraus und steckten die Häuser in Brand. Das ganze Rom, mit Ausnahme des Kapitols, ging in Flammen auf (389 v. Chr.).
Während nun Brennus mit seinen Galliern das Kapitol belagerte, um die Besatzung auszuhungern, unternahm ein anderer Teil seines Heeres einen Streifzug, um Lebensmittel zu holen. Diese Schar kam in die Nähe von Ardea, wo Camillus in der Verbannung lebte. Eilig sammelte er die Ardeaten und überfiel mit ihnen die Gallier, von denen viele niedergemacht wurden, die übrigen sich in wilder Flucht zerstreuten. Durch diesen Erfolg ermutigt, beschloß das nach Veji geflüchtete Volk den Camillus aus der Verbannung zu rufen und zum Diktator zu ernennen. Dazu war die Zustimmung des Senats nötig, der sich auf dem Kapitol befand. Um die Genehmigung einzuholen, erbot sich ein kühner Jüngling, +Pontius Cominius+. Nachts schwamm er die Tiber hinab, betrat nahe am Kapitol das Ufer, erkletterte die steile Burghöhe und kam, nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet, unbemerkt wieder durch die Posten der Feinde hindurch. Am andern Morgen entdeckten die Gallier aus den Fußspuren den Weg, wo jener hinauf- und herabgekommen war, und beschlossen, auf demselben einen Versuch auf die Burg zu machen. In einer mondhellen Nacht, als alles auf dem Kapitole schlief, kamen sie in tiefster Stille, da selbst die Hunde oben sich nicht regten, bis an den Rand der Höhe, als plötzlich das Schnattern der Gänse, die im Heiligtum der Juno gehalten wurden, den +M. Manlius+ aus dem Schlafe weckte. Eiligst lief er der unbewachten Stelle zu und stieß den vordersten Gallier, der eben den äußersten Felsenrand erklommen hatte, in die Tiefe. Sein Sturz riß auch alle ihm Nachfolgenden hinab. So wurde die Burg gerettet. Manlius ward von allen gepriesen und belohnt, die achtlosen Wächter aber zur Strafe über die Felsen in die Tiefe gestürzt.
Schon währte die Belagerung bis in den sechsten Monat, und der Mangel an Nahrung nahm auf der Burg mit jedem Tage zu; schon zwang der Hunger selbst das Leder von den Schuhen und Schilden zu verzehren, und noch immer erschien Camillus nicht zum Ersatz. Aber auch von den Galliern wurden viele durch Seuchen weggerafft. Unter solchen Umständen wurden beide Teile zum Frieden geneigt. Brennus versprach die Stadt und ihr Gebiet zu verlassen, wenn man ihm tausend Pfund Goldes zahle. Als es hierzu gewogen werden sollte, ließ Brennus falsches Gewicht anwenden, und auf die Beschwerde der Römer warf er sein Schwert und Wehrgehäng auf die Wagschale und rief: „Wehe den Besiegten!“ In diesem Augenblicke kam die Nachricht, daß Camillus mit dem Heere von Veji heranziehe, und als er zur Stelle war, erklärte er den ohne seine, des Diktators, Genehmigung geschlossenen Vertrag für ungültig, hieß die Römer das Gold wegtragen, die Gallier aber sich zur Schlacht bereiten: mit Eisen, nicht mit Golde wolle er seine Vaterstadt befreien. In zwei Schlachten schlug er die Gallier und vernichtete sie bis auf den letzten Mann. Brennus wurde gefangen und hingerichtet, wobei man ihm die Worte: „Wehe den Besiegten!“ höhnend wiedergab. Camillus zog triumphierend in die Stadt zurück; das Volk nannte ihn Romulus und pries ihn als Roms zweiten Gründer.
Aber die wiedergewonnene Stadt war, mit Ausnahme des Kapitols, eine öde Brandstätte. Viele der Bürger wünschten nach Veji zu ziehen und sich in den leerstehenden Häusern anzusiedeln; Camillus und der Rat widerrieten. Eines Tages war der Senat versammelt, als gerade ein Hauptmann eine Rotte Krieger über das Forum führte und ihnen zurief: „Halt, hier bleiben wir am besten!“ Dies Wort nahmen die Senatoren für eine glückliche Vorbedeutung; das Volk gab seinen Beifall, und der Wiederaufbau der Stadt wurde beschlossen. Aber noch lange nachher ließen die engen und unregelmäßigen Straßen erkennen, mit welcher Eile der Neubau geschehen war.
Camillus führte noch mehrere glückliche Kriege gegen benachbarte Völker. Bei einem neuen Einfall der Gallier übernahm er in einem Alter von achtzig Jahren noch immer die Diktatur und schlug die Feinde abermals. Kurz darauf raffte ihn die Pest hinweg. Er hatte im ganzen vier Triumphzüge gefeiert und fünfmal die Diktatur bekleidet.
XIV.
Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus. -- M. Curtius.
Nach der Vertreibung der Gallier gerieten die Römer noch öfters mit ihnen in Krieg, weil immer neue Schwärme ihre Einfälle in das römische Gebiet wiederholten. In diesen Kämpfen zeichneten sich unter allen +Titus Manlius+ und +Marcus Valerius+ durch Heldenmut und Heldentaten aus.
Einst trat aus den Reihen der Gallier ein riesiger Streiter in prunkender Rüstung hervor und forderte den tapfersten Römer zum Zweikampf heraus. Da kein anderer Römer die Herausforderung anzunehmen wagte, erklärte sich Titus Manlius dazu bereit. Mit Genehmigung des Diktators trat er dem prahlenden Gallier entgegen, und der Kampf begann im Angesicht beider Heere. Mit wuchtigen Hieben seines gewaltigen Schwertes fiel der Riese auf den viel kleineren Römer, aber dieser wich gewandt zur Seite, drang dann dicht an den Leib und hinter den großen Schild des Gegners und durchbohrte ihm mit seinem kleinen Schwerte die Weichen, daß er totwund niederfiel. Weil er dem so erlegten Feinde den aus Draht gewundenen Halsring (~torques~), den jener nach gallischer Sitte trug, abnahm und selber als Siegeszeichen anlegte, bekam er den Beinamen +Torquatus+. Die Gallier aber wurden durch diesen Ausgang des Zweikampfes so mutlos, daß sie in der folgenden Nacht ihr Lager verließen und nach Campanien abzogen.
Ein ganz ähnlicher Vorfall ereignete sich bei einem späteren Einbruche der Gallier in das römische Gebiet. Beide Heere hatten sich in einer sehr sumpfigen Gegend gelagert, und keines wollte das andere zuerst angreifen. Auch hier trat ein gallischer Krieger hervor und forderte den tapfersten Römer zum Kampfe. Diesmal nahm ihn +Marcus Valerius+ an und bestand ihn, wie es heißt, unter dem besonderen Schutze der Götter. Denn gleich beim Anfang des Kampfes setzte sich ein Rabe auf den Helm des Valerius, der dies für eine gute Vorbedeutung ansah. Während des Kampfes blendete der Rabe den Gallier durch seinen Flügelschlag und hackte nach ihm mit seinen Krallen. Dadurch wurde dieser so außer Fassung gebracht, daß ihn der Römer mit leichter Mühe erlegte. Um den Leib des getöteten Galliers entstand ein allgemeiner Kampf der beiden Heere, in welchem die Gallier geschlagen wurden. Valerius aber erhielt von diesem Vorfall den Beinamen Corvus (Rabe).
Im Jahre 362 v. Chr. soll mitten auf dem Forum, wahrscheinlich durch ein Erdbeben, ein tiefer und breiter Spalt im Boden entstanden sein, den man vergeblich auszufüllen versuchte; denn alle Erdmassen, die man hineinschüttete, verschwanden spurlos in der Tiefe. Da erklärten die Weissager, er werde sich nur schließen, wenn Rom das Kostbarste, was es habe, hineinwerfe. Alsbald trat, wie die Sage berichtet, +Marcus Curtius+, ein junger berühmter Krieger, in vollem Waffenschmuck hervor, mahnte die Römer, daß Waffen und tapferer Mut Roms beste Kleinode seien, und weihte sich selbst den Göttern der Unterwelt als Opfer. Darauf schwang er sich auf sein Schlachtroß und sprang in den Abgrund, während das Volk, Männer und Frauen, Früchte und andere Gaben ihm nachwarfen. Und sofort schloß sich der Abgrund über ihm.
XV.
Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der Plebs.
Obschon sich die Plebejer durch die Auswanderung auf den heiligen Berg das Recht, Tribunen als ihre Schützer und Vertreter zu wählen, erzwungen hatten, so blieben doch die Patrizier noch immer im Besitze bedeutender Vorrechte. Namentlich konnten zu den höheren Ämtern nur Patrizier gewählt werden, obgleich doch schon viele plebejische Familien an Reichtum und Ansehen hinter keiner patrizischen mehr zurückstanden, und in den häufigen Kriegen zahlreiche plebejische Führer sich durch Tapferkeit und Einsicht hervorgetan hatten. Um den immer dringenderen Forderungen der Plebs auf Anteil an der Regierung auszuweichen, hatte man schon Jahre hindurch an Stelle der Konsuln sogenannte Kriegstribunen gewählt, aber selbst dieses den Plebejern zugängliche Amt war meist den patrizischen Bewerbern zugefallen. Dieser lange erbitterte Streit endete damit, daß immer der eine von den beiden Konsuln aus den Plebejern gewählt werden sollte. Die beiden Tribunen +Licinius Stolo+ und +Lucius Sextius+ waren es, welche den Plebejern dieses Recht erwarben. Der Hergang wird in folgender Weise erzählt.
Der vornehme Patrizier Fabius Ambustus hatte zwei Töchter, von denen die eine mit einem Patrizier, die jüngere mit dem Plebejer Licinius Stolo vermählt war. Einst besuchte die Frau des Licinius, als dieser Volkstribun war, ihre Schwester, deren patrizischer Gatte damals einer der Kriegstribunen war, als sie plötzlich erschrocken zusammenfuhr: die Trabanten des Kriegstribunen, die sogenannten Liktoren, hatten durch Schläge auf das Tor seine Heimkehr verkündigt. Sie verriet dadurch, daß ihr dieser Gebrauch nicht bekannt war, und mußte den Spott der älteren, vornehmeren Schwester über diese Unkenntnis ertragen. Aber sie konnte es nicht verwinden, daß sie der Schwester an Stand und Ehre soweit nachstehen sollte, und ruhte fortan nicht, bis ihr Gatte und selbst der Vater ihr versprachen, sie würden alles aufbieten, daß ihrem Hause und Stande die gleiche Ehre zuteil werde.
Nun brachte Licinius zusammen mit Sextius den Antrag vor das Volk, daß der eine der beiden Konsuln immer aus den Plebejern gewählt werden solle. Diesen Vorschlag bekämpften die Patrizier aus allen Kräften, und bestachen von den zehn Tribunen die acht übrigen, damit diese durch ihren Einspruch den ganzen Antrag vereiteln sollten. Aber Licinius und Sextius hielten fest zusammen und hinderten ihrerseits durch ihre Einsprache die Wahl aller höheren Obrigkeiten fünf Jahre hindurch, während sie selbst vom Volk immer wieder von neuem zu Tribunen gewählt wurden. Mit der Zeit wurde der Widerstand der Patrizier schwächer, da es ihnen nicht mehr gelang die übrigen Tribunen durch Bestechungen für sich zu gewinnen. Endlich, nach einem zehnjährigen Kampfe (376 bis 367 v. Chr.), wurde der Antrag zum Gesetz erhoben. Von da an waren auch die Plebejer zum Konsulat berechtigt, und Lucius Sextius, der mit Licinius so beharrlich um das Recht gestritten hatte, ging aus der Wahl als der erste plebejische Konsul hervor (366).
Doch nicht bloß dieses, sondern noch ein anderes Recht setzten die beiden Tribunen für die Plebejer durch. Bis dahin hatten sich nämlich die Patrizier allein das Recht angemaßt, das Gemeinland des Staates, das durch die fortdauernde Unterwerfung italischer Gemeinden immer größer geworden war, in billiger Erbpacht zu erhalten. Zugleich mit seinem Antrage über das Konsulat brachte deshalb Licinius auch das Gesetz durch, daß kein Patrizier mehr als 500 Morgen des Gemeinlandes besitzen, das übrige aber in Teilen von je sieben Morgen an arme Plebejer verteilt werden sollte.
Durch diese Gesetze, welche die Gleichstellung der Plebejer mit den Patriziern sehr beförderten, erwarben sich die beiden Tribunen ein großes Verdienst um den römischen Staat, der nur durch vollkommene Einheit und Eintracht der beiden Stände zu jener Größe und Macht sich entwickeln konnte, die ihm in der Folgezeit zur Weltherrschaft verhalf. Denn auch zu den drei übrigen höheren Ämtern, welche zum Eintritt in den Senat befähigten, wurden die Plebejer nach und nach zugelassen. Das waren 1. die +Prätur+, die im Jahre 366 von dem Konsulat abgetrennt wurde. Die Prätoren, anfangs nur einer, später bis acht, leiteten die Gerichte und vertraten die abwesenden Konsuln. 2. Die +Ädilen+ übten die Aufsicht über Handel, Verkehr, Straßen- und Staatsbauten. 3. Die +Quästoren+ verwalteten, als Gehilfen der Konsuln und Prätoren, die Einnahmen und Ausgaben des Staates. Alle diese Beamten wurden nur auf je ein Jahr gewählt. Außerdem wurden alle fünf Jahre aus den angesehensten früheren Konsuln, den Konsularen, zwei +Zensoren+ gewählt, denen es oblag die Listen der drei Bürgerklassen (Senatoren, Ritter, Bürger) zu prüfen und festzustellen, das Einkommen der Bürger einzuschätzen, und damit zugleich eine Oberaufsicht über das sittliche Verhalten jedes einzelnen zu üben und Unwürdige durch Ausstoßung aus ihrer Klasse zu bestrafen. Hatten sie diese Schätzung und Musterung der Bürger (~census~, daher ihr Name ~censōres~) beendigt, so legten sie ihr Amt nieder. Aus den Familien aber, deren Angehörige eines der hohen Ämter bekleidet hatten, bildete sich mit der Zeit, an Stelle des Patriziats, das ein Geschlechts- oder Geburtsadel gewesen, eine neue Adelsklasse, die einen Dienst- oder Amtsadel darstellte.
XVI.
Die zwei ersten Samniterkriege. -- P. Decius. -- Papirius Cursor. -- Der Samniter Pontius.
Nachdem sich die Römer ganz Latium und die Nachbarstädte im sabinischen und etrurischen Lande untertänig gemacht und die Kämpfe mit den Schwärmen der Gallier siegreich bestanden hatten, gerieten sie in einen langen und wechselvollen Krieg mit dem stammverwandten, großen und streitbaren Bergvolk der Samniter. Diese waren aus ihren rauhen Bergtälern in die fruchtbaren Gefilde Campaniens vorgedrungen, um sich dort festzusetzen. Die Stadt der Sidiciner, Teānum, von ihnen hart bedrängt, wandte sich an die mächtigste Stadt Campaniens, Capua, um Hilfe, und diese hinwieder rief den Beistand der Römer an. So kam es zwischen den Samnitern und Römern zu einem Kampf, der, mit mehrjährigen Unterbrechungen, über fünfzig Jahre, von 343-290 v. Chr. dauerte.
In dem ersten Kriege gegen die Samniter (343-340) zogen zwei Heere unter den beiden Konsuln +M. Valerius Corvus+ und +A. Cornelius Cossus+ ins Feld, von denen das eine den Marsch nach Campanien nahm, das andere bestimmt war in Samnium selbst einzurücken. Valerius schlug sein Lager in der Nähe der griechischen Seestadt Cumä, am Berge +Gaurus+, auf, und kampflustig rückte ihm der Feind entgegen. In der Schlacht standen seine Reihen unerschüttert und wiesen alle Stürme der Römer zurück. Schon war der Tag weit vorgerückt, als der Konsul selbst an der Spitze seines Heeres mit einem letzten ungestümen Angriff die Samniter endlich zum Weichen brachte. Auf der Flucht wurden viele erschlagen und gefangen, bis die Nacht der Verfolgung ein Ende machte.
Inzwischen war das Heer des andern Konsuls in große Not geraten. Von der Grenze Samniums führte Cornelius Cossus sein Heer über die Gebirge auf einem Wege, der nach der Stadt Beneventum lief. Nirgends zeigten sich Feinde, und die Römer wurden sorglos. So kamen sie durch einen Paß in eine tiefe Talschlucht, wo die Samniter die Höhen ringsum besetzt hatten. Doch nicht eher gewahrte man sie, als bis schon der Rückweg abgeschnitten war. In dieser Gefahr erbot sich der Kriegstribun P. Decius mit den beiden ersten Schlachtreihen einer Legion, 1600 Mann, einen Gipfel zu besetzen, der den Weg, aus dem die Samniter vordrangen, beherrschte. Es gelang ihm denselben vor dem Feinde zu erreichen. Von hieraus griff er diese an und zog ihren Angriff auf sich, sodaß das übrige Heer den Bergpaß wieder erreichen und in einiger Entfernung von da eine bessere Stellung nehmen konnte. Decius behauptete sich indessen mit den Seinen in unaufhörlichem Gefecht bis in die Nacht. Während sich nun die Samniter um die Höhe lagerten und sich dem Schlafe überließen, machte sich der kleine Haufe der Römer nach der zweiten Nachtwache in aller Stille auf, um sich einen Weg zu ihrem Heere zu bahnen. Sie waren schon in der Samniter Mitte, als einer von ihnen an einen Schild stieß und dieses Geräusch die zunächst liegenden Samniter aufweckte. Allein ehe die schlaftrunkenen und verwirrten Feinde sich zu gehörigem Widerstande geordnet hatten, gelang es den Römern zu entrinnen. In der Nähe des römischen Lagers ließ Decius sie Halt machen, bis es tage; denn es gezieme sich nicht, daß so tapfere Männer unter dem Dunkel der Nacht ins Lager einrückten. Auf die Kunde, daß die, welche sich für die Rettung aller dem Tode dargeboten, wohlerhalten und in der Nähe wären, zog ihnen fast das ganze Heer aus dem Lager entgegen. Unter allgemeinem Jubel rückte die tapfere Schar ins Lager. Als dort der Konsul anhub ihm eine Lobrede zu halten, unterbrach ihn Decius mit der Mahnung lieber sofort den Feind zu überraschen, bevor er sich von dem nächtlichen Schrecken erholt und in sein festes Lager zurückgezogen hätte. Und so geschah es. Ungesäumt wurden die Legionen über die Berge geführt, die Feinde zerstreut, verfolgt und alle, die sich in ihr Lager gerettet, niedergehauen und das Lager geplündert. Decius erhielt als Belohnung von dem Konsul einen goldenen Kranz, hundert Rinder und einen weißen Stier mit vergoldeten Hörnern; seine Leute empfingen auf immer doppelte Portionen, jeder zwei Mäntel und einen Ochsen. Das Heer überreichte dem Decius einen aus Gras gewundenen Kranz, den gewöhnlichen Ehrenlohn dessen, der eine Schar aus Feindes Gewalt und Belagerung befreit hatte.
Ein nochmaliger Sieg des Valerius bei +Suéssula+ führte den Frieden herbei, in dem die Römer Campanien behielten. Aber nach Beendigung eines Kampfes mit den Latinern (s. XVII) veranlaßte die Anlage einer römischen Kolonie in der Grenzstadt +Fregellä+ den zweiten Samniterkrieg (326-304).
Im vierten Jahre dieses Krieges hatten die Römer, da die Zahl der Feinde sich durch den Beitritt mehrerer Stämme im Süden Italiens vermehrt hatte, den +Papirius Cursor+ zum Diktator gewählt. Allein abergläubische Furcht hielt den Fortgang seiner Unternehmungen auf. Da man glaubte, daß bei der feierlichen Wahl des Diktators ein Fehler vorgekommen sei, so eilte Papirius nach Rom, um sie von neuem anstellen zu lassen, befahl aber seinem Unterfeldherrn, dem Reiterobersten (~magister equitum~) +Fabius Rullianus+ während seiner Abwesenheit ruhig im Lager zu bleiben. Allein durch Ehrgeiz und Kampflust angetrieben, lieferte dieser dennoch den Samnitern ein Treffen, und das Glück war ihm so günstig, daß er den Feinden eine schwere Niederlage beibrachte. Alle freuten sich dieses Sieges. Als aber der Diktator ins Lager zurückkehrte, ließ er sogleich die Legionen zusammenberufen und den Fabius vor sich fordern. Vergebens suchte sich dieser wegen seines Ungehorsams zu verteidigen. Der Diktator befahl ihn zu entkleiden und hinzurichten. Aber Fabius entfloh den Händen des Liktors, der ihn ergriffen hatte, und barg sich unter die Haufen der umherstehenden Krieger. Es entstand ein lautes Murren; die Befehle des Diktators wurden nicht mehr gehört, und der Tumult dauerte, bis die anbrechende Nacht die Versammlung zu entlassen nötigte. In der Nacht floh Fabius aus Furcht vor der unerbittlichen Strenge des Diktators nach Rom. Auf Betreiben seines Vaters, eines sehr angesehenen Mannes, wurde sogleich der Senat berufen. Hier klagte er über die Härte des Diktators und beschwor den Senat das Leben seines Sohnes zu retten. Dieser war dazu geneigt, aber er vermochte es nicht. Denn plötzlich erschien der Diktator selbst in seiner Mitte, fest entschlossen den Ungehorsam seines Untergebenen kraft seines Amtes nach Kriegsrecht zu bestrafen. Umsonst baten ihn alle Senatoren um Milde. Papirius befahl den Fabius zu ergreifen. Nun blieb dem alten Fabius nur noch ein Ausweg übrig: er wandte sich an die Versammlung der Volksgemeinde. Dies war zwar eine gesetzwidrige Handlung, denn gegen die Entscheidung des Diktators gab es keine Berufung (~provocatio~) an das Volk. Gleichwohl gestattete sie Papirius. Er ging in die Versammlung und zeigte dem Volke, wie nötig es sei die Strenge der Kriegszucht aufrecht zu halten und die Amtsgewalt des Diktators unverletzt zu wahren. Obschon nun das Volk geneigt war, den Fabius zu retten, konnte es doch das Recht des Diktators nicht mißachten. Es wagte daher keine Entscheidung, sondern legte nur seine Fürbitte für das Leben des Reiterobersten ein. Eben dies taten auch seine Verwandten, indem sie sich zu den Füßen des Diktators niederwarfen. Da erst ließ Papirius Milde walten. Nachdem er das Ansehen des Oberbefehls vor Senat und Volk behauptet hatte, konnte er den Ungehorsam verzeihen, nicht weil er mußte, sondern weil er wollte. Und er tat es zur Freude des ganzen Volkes.