Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form
Part 21
Vierzehn Jahre lang hatte Nero auf diese Weise regiert, als sich einige Statthalter gegen ihn empörten. Noch hätte der Aufstand unterdrückt werden können, wenn er sich zu entschlossenem Widerstande hätte aufraffen können. Als es zu spät war, als in Rom selbst der Aufstand siegte, machte er sich, von allen verlassen, auf die Flucht, um sich auf einem Landgut bei Rom zu verstecken. Dahin ritt er mit vier Begleitern in einer sturmvollen Nacht; der Beherrscher der Erde hatte sich in einen schlechten Mantel vermummt und hielt sich ein Tuch vor das Gesicht. Zuckende Blitze erleuchteten den Weg. Neros Pferd ward scheu. Reisende, die ihnen begegneten, fragten: „Was neues von Nero?“ Einen andern hörten sie sagen: „Die setzen gewiß auch dem Nero nach.“ So geängstigt erreichte er halbtot das Landgut. Er wagte es nicht durch den gewöhnlichen Eingang in das Haus zu kommen, und bis man ihm eine Öffnung durch die Mauer gebrochen hatte, versteckte er sich im Schilf und schöpfte sich, von Durst gequält, mit der Hand Wasser aus einer Pfütze. Am folgenden Tage erhielt er die Nachricht, der Senat habe ihn als einen Feind des Vaterlandes geächtet, der, wenn man ihn fände, nach der Sitte der Vorfahren hingerichtet werden sollte. Seine Begleiter forderten ihn dringend auf dieser Schande zuvorzukommen; er versuchte auch, unter unsäglichem Wehklagen, sich selbst zu töten, aber er fand nicht den Mut dazu. „Welch ein Künstler geht in mir unter!“ rief er einmal über das andere aus. Da sprengten Reiter heran. Nun ergriff er den Dolch und ein Freigelassener half beim Stoß in die Kehle. Die Reiter, die ihn gern lebendig fangen wollten, traten ein, als er sich fast verblutet hatte. Er stand im 32. Jahre, als er starb (68). Mit ihm war Cäsars Geschlecht gänzlich erloschen.
XXXIII.
=Flavius Vespasianus= (69-79).
Seine Söhne =Titus= (79-81) und =Domitianus= (81-96).
Nach Neros Tode ward der spanische Statthalter +Galba+, der an der Spitze der Empörung stand, zum Kaiser ausgerufen, ward aber in Kürze durch +Otho+ gestürzt, wider den wieder der Befehlshaber der am Rhein stehenden Legionen, +Vitellius+, sich erhob und in blutigem Bürgerkriege obsiegte. Gegen Vitellius ward im Osten des Reiches der Statthalter Syriens, +Flavius Vespasianus+, aufgestellt, und erst diesem gelang es wieder eine dauernde Regierung herzustellen.
Vespasianus stand eben mit seinen Legionen in Palästina, wo er einen furchtbaren Aufstand der Juden gegen den Druck der römischen Herrschaft zu bekämpfen hatte. Die Juden wehrten sich als Verzweifelnde. So lag sechs Wochen lang ein römisches Heer von 60000 Mann vor der Stadt Jotápata in Galiläa, ehe es sie erobern konnte. Vierzigtausend Juden verloren dabei ihr Leben. Neben dem Krieg gegen den äußeren Feind wüteten furchtbare innere Zwistigkeiten unter den Juden selbst. In Jerusalem hatte sich eine wütende Rotte, Zeloten (Eiferer) genannt, vor welcher die Gemäßigten, die den Frieden wünschten, zitterten, der Tempelburg bemächtigt und führte eine furchtbare Schreckensregierung. Bald zerfielen auch die Zeloten in zwei Parteien, welche einander mit der größten Heftigkeit bekämpften, weshalb Vespasianus den Angriff auf Jerusalem verschob, weil er darauf rechnete, daß diese Wütenden selbst einander aufreiben würden.
Als die Nachricht von Neros Tode und von den neuen Machthabern Roms sich verbreitete, trugen die Statthalter der östlichen Provinzen dem Vespasianus die Kaiserwürde an. Er nahm sie an und überließ die Fortsetzung des Krieges seinem Sohne +Titus+.
Dieser rückte im Jahre 70 vor Jerusalem, wo die Zerrüttung und das Elend den höchsten Grad erreicht hatten. Die drei Parteien machten einander den Besitz der Stadt und des Tempels streitig, und taten alles, um sich gegenseitig zu verderben. Indes war Jerusalem so stark befestigt, daß es kaum mit Waffengewalt einnehmbar schien. Titus bot den Eingeschlossenen Verzeihung an, aber sie wollten sich durchaus nicht ergeben. Die Hungersnot stieg in der von Flüchtlingen vollgedrängten Stadt so hoch, daß eine Mutter ihr Kind schlachtete und aß. Als Titus das hörte, rief er mit Entsetzen über die Empörer aus: „Sie allein tragen die Schuld dieses Frevels! Ich will den Greuel des Kindesfraßes mit den Trümmern der Stadt bedecken; die Sonne soll nicht mehr eine Stadt bescheinen, in der Mütter also sich nähren!“
Neben dem Hunger wüteten Seuchen in der unglücklichen Stadt. Die Leichen wurden zu Tausenden über die Mauern geworfen. Nachdem die Römer den äußeren Mauerring erstürmt hatten, richtete sich ihre ganze Macht gegen den Tempel, der von einem Haufen todesmutiger Männer auf das tapferste verteidigt wurde. Aber dem unaufhaltsam vordringenden Angriff erlagen alle Widerstände. Mauer auf Mauer warfen die Sturmwidder der Römer nieder und erreichten endlich die den Tempel umgebenden Hallen. Titus wünschte dies Prachtgebäude zu erhalten, aber umsonst. Die Juden glaubten, ihr Tempel könne gar nicht erobert werden, Gott selber müsse ihn beschützen. Aber die römischen Soldaten warfen Feuer hinein, und bald bedeckte ein Flammenmeer den gewaltigen Bau. Es folgte ein allgemeines Blutbad, wobei weder Alter noch Geschlecht noch Stand geschont ward. Tausende fanden ihren Tod in den Flammen oder durch Absturz von den Mauern. Die obere Stadt ward erst mehrere Wochen später eingenommen, worauf Titus alles, was von Gebäuden noch stand, vollends der Erde gleichmachen ließ. Mehr als eine Million Juden sollen in diesem Vernichtungskriege ums Leben gekommen sein. Als Titus seinen Einzug in die rauchenden Trümmer der Stadt hielt, brach er in die Worte aus: „Wahrhaftig, mit Gott haben wir gesiegt! Gott hat die Juden aus diesen Bollwerken vertrieben, denn was vermöchten Menschenhände und Brechwerkzeuge gegen solche Steinmassen?“
Also ward das Wort Christi über Jerusalem erfüllt (Luk. 19, 44): „Sie werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen.“
Noch zwei Jahre währten die Todeszuckungen des zertretenen Volkes, und erst im Jahre 72 war die völlige Bezwingung Judäas erreicht. Damit verloren die Juden ihren nationalen Mittelpunkt und den letzten Rest einer politischen Vereinigung, und es vollendete sich ihre Zerstreuung in alle Welt und unter alle Völker.
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Unterdessen war Vespasianus in Rom mit der kaiserlichen Macht bekleidet worden und feierte im folgenden Jahre mit seinem Sohne Titus, den er zum Mitregenten erhoben hatte, einen glänzenden Triumph wegen der Beendigung des jüdischen Krieges. Noch steht im ganzen wohlerhalten der prachtvolle, innen und außen mit reichem Bildwerk geschmückte Triumphbogen, der nach dem Tode des Kaisers an der sogenannten „heiligen Straße“ (~via sacra~), nahe dem Forum, errichtet wurde.
Mit Vespasianus kehrte wieder Ordnung und Gesetz in das zerrüttete römische Reich zurück. Er stellte die verfallene Kriegszucht bei den Heeren wieder her; er reinigte den Senat von unwürdigen Mitgliedern und ersetzte sie durch würdige Männer aus den Provinzen des Reiches. Er beschränkte die Anklagen wegen beleidigter Majestät, die unter seinen Vorgängern so vielen das Leben gekostet hatten, und füllte durch Sparsamkeit und weise Verwaltung die gänzlich erschöpfte Staatskasse. Unter den neuen Steuern, die er einführte, befand sich auch eine, die er auf die Urinfässer legte, welche die Tuchwalker bei ihrem Gewerbe gebrauchten. Als sich sein Sohn Titus darüber abfällig äußerte, hielt er ihm ein aus dieser Steuer herrührendes Geldstück unter die Nase und fragte ihn, ob es übel rieche. An seinem Hofe herrschte eine soldatische Einfachheit, was nicht ohne einen günstigen Einfluß auf die durch Luxus und Schwelgerei entartete römische Gesellschaft blieb.
Auch verschönerte er Rom durch den Wiederaufbau des im Bürgerkriege niedergebrannten Capitoliums und der noch seit dem Neronischen Brande in Asche liegenden Stadtviertel. Außerdem ließ er an Stelle des Neronischen Goldenen Hauses einen Tempel der Friedensgöttin, den größten und prächtigsten Roms, bauen, und ein ungeheures Amphitheater, in dem 87000 Menschen Raum fanden. Hier wurden jährlich die blutigen Gladiatorengefechte und Tierhetzen vorgeführt, an deren Anblick sich das Volk nicht ersättigen konnte. Durch unterirdische Kanäle konnte Wasser eingelassen werden, das den ganzen Bodenraum in einen See verwandelte, worin Schiffsgefechte aufgeführt wurden. Noch jetzt machen die hochragenden Überreste dieses Riesenbaues, das den Namen Kolosséum führt, auf den Beschauer einen gewaltigen Eindruck. Bei den Einweihungsspielen wurden 5000 wilde Tiere erlegt. Es war dies der Ort, in welchem später Tausende von christlichen Märtyrern unter den Zähnen der wilden Tiere verbluten mußten.
Dieser für das Reich so wohltätige Fürst starb als ein siebzigjähriger Greis (79). Als er zum ersten Male in seinem Leben erkrankte und den Tod herannahen fühlte, sprang er mit den Worten: „Ein Imperator muß stehend sterben!“ vom Lager auf und sank tot um.
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Er hinterließ die Herrschaft seinem Sohne Flavius Vespasianus +Titus+, den er schon längst zum Mitregenten angenommen hatte. Wegen seiner unordentlichen Lebensart und Neigung zur Grausamkeit hegte man von ihm keine günstigen Hoffnungen, aber als Kaiser erschien er wie umgewandelt und offenbarte das edelste und wohlwollendste Gemüt. Als er sich einst bei der Mahlzeit erinnerte, daß er an dem ganzen Tage niemanden eine Wohltat erwiesen hatte, rief er aus: „Freunde, ich habe einen Tag verloren!“ Oft sagte er, von seinem Fürsten dürfte niemand traurig weggehen. Den Regierungsgeschäften widmete er sich mit der größten Gewissenhaftigkeit, behandelte jeden mit Milde und Güte, selbst seine Feinde mit Großmut, und suchte die Leiden der Menschheit durch Wohltätigkeit zu lindern, sodaß ihn das Volk die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts nannte. Seine kurze Regierung gab ihm Gelegenheit genug, seine Freude am Wohltun in reichem Maße zu offenbaren. Eine schreckliche Feuersbrunst wütete drei Tage lang in Rom; eine verheerende Pest raffte Tausende hin. Furchtbarer noch war der ganz unerwartete +Ausbruch des Vesuvs+. Bis fast zum Gipfel reich angebaut, begann dieser Berg damals zum ersten Male und ganz plötzlich die in ihm schlummernden vulkanischen Kräfte zu offenbaren. Am Mittag des 24. August 79, unter gleichzeitigem Erdbeben und heftiger Bewegung des nahen Meeres, erhob sich eine himmelhohe pinienförmige Rauch- und Feuersäule, welche alles Land meilenweit mit einer mehrere Meter hohen Schicht von kleinen Bimssteinen und dann mit einer noch höheren von nasser Asche bedeckte. Mehrere Tage dauerte dieser Aschenregen, der die Luft mit erstickendem Qualm erfüllte und den Tag in tiefe Nacht verwandelte. Feurige Lavaströme brachen aus den Seiten des Berges und erhöhten das Entsetzen des Volkes. Drei blühende Städte am Meerbusen, Herculanum, Pompeji und Stabiä, wurden gänzlich verschüttet. Viele tausend Menschen verloren Gut und Leben. Unter den Toten war der Befehlshaber der Flotte im Hafen von Misēnum, der gelehrte Naturforscher +Plinius+, der das unerhörte Ereignis in der Nähe schauen wollte. Sein Neffe, Plinius der Jüngere, hat in Briefen an seinen Freund, den Geschichtschreiber Tacitus, den ganzen Vorgang geschildert.
Am 24. August, erzählt er, erhob sich plötzlich ein Geschrei, es steige aus dem Berge Vesuv eine ganz ungewöhnliche, fürchterliche Wolke auf. Der unerschrockene Oheim wollte ein so merkwürdiges Ereignis in größerer Nähe beobachten, bestieg ein Schiff und eilte der Gefahr entgegen. Schon auf dem Meere erreichte ihn fallende Asche und Bimsstein; der Steuermann bat ihn umzukehren. Vergebens. „Mit dem Tapfern ist das Glück!“ rief er und ließ sich nach Stabiä bringen, wo er die Nacht hindurch ruhig schlief, während die Flammen aus dem Vesuv hervorbrachen und alles, was fliehen konnte, floh. Am Morgen aber entstand die Besorgnis, daß der stärker strömende Aschenregen zuletzt den Ausgang aus der Stadt versperren, oder die von dem heftigen Erdbeben schwankenden Mauern einstürzen möchten. So zog man denn hinaus, auf das Meer zu, welches fürchterlich tobte. Eine stockfinstere Nacht überall, nur von den Fackeln, welche die Sklaven trugen, und den Flammen des Berges erhellt. Da sank Plinius plötzlich tot nieder. Er war von den bösen Dämpfen erstickt; seinen Leichnam fand man erst am dritten Tage, denn so lange dauerte die Finsternis. Sein Neffe war indes in Misenum geblieben, bis auch dort das entsetzliche Erdbeben die Gebäude zu verlassen zwang. Eine Menge Volks zog aus; da wandelte sich auch hier in so weiter Entfernung der Tag in Nacht, und die Asche begann zu stäuben. Das Rufen, das Geschrei und Gejammer der auf dem Felde umhertappenden, die Ihrigen suchenden Menschen war schrecklich. Endlich, als der lange und schwere Aschenregen nachließ, und die Sonne, wiewohl mit fahlem Scheine, wieder hervortrat, boten die Gegenstände umher den traurigsten Anblick dar; der Boden war hoch mit Asche wie mit Schnee bedeckt. -- Aus dem, was bei Misenum geschah, kann man sich ungefähr vorstellen, wie die dem schrecklichen Ausbruch so viel näheren Städte Pompeji und Stabiä unter der Asche, Herculanum unter den Lavaströmen verschüttet wurden und gänzlich verschwanden. Erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts sind ihre Reste teilweise wieder aufgedeckt und zugänglich gemacht worden.
Titus, der Rom auch durch ein herrliches Werk der Baukunst, die nach ihm genannten Thermen (allem Volk zugänglichen Bäder), zierte, regierte zum Unglück für das Reich nur zwei Jahre und drei Monate. Er starb kinderlos nach kurzer Krankheit (81).
Sein Bruder +Domitianus+, der ihm in der Herrschaft folgte, schien anfangs die Regierungsweise seiner beiden Vorgänger fortsetzen zu wollen, bis allmählich die übermäßige Vorstellung von seiner persönlichen Bedeutung, mit der er schon dem Vater lästig und dem Bruder feindselig gewesen war, in eine Art Herrscherwahnsinn ausartete, und seine Regierung für alle gefährlich machte, welche seine Eifersucht oder seinen Argwohn weckten. Die Zeiten Caligulas und Neros schienen sich zu erneuern. Endlich bildete sich unter den Freigelassenen, seinen Günstlingen, welchen er die Verwaltung der Staatsgeschäfte anvertraut hatte, und Mitgliedern des Senates, die alle in steter Furcht für ihr Leben standen, eine Verschwörung, die ihm ein blutiges Ende bereitete (96). Selbst seine Gemahlin Domitia half den Wüterich zu beseitigen. Mit ihm erlosch die Dynastie der Flavier. Das Reich aber hatte unter ihm, wenn auch ohne sein Verdienst, eine ansehnliche Erweiterung erfahren. Die +Eroberung Britanniens+, die schon von Cäsar eingeleitet, aber erst unter Kaiser Claudius ernstlich begonnen war, wurde im Jahre 85, trotz des langen und heldenmütigen Widerstandes der Britanner, durch Julius Agricola, den Schwiegervater des Geschichtschreibers Tacitus, vollendet.
XXXIV.
=Die glücklichste Periode der römischen Kaiserherrschaft: Nerva, Trajanus, Hadrianus und die beiden Antonine= (96-180).
Auf die Flavier folgte, während einer fast hundertjährigen Zeitdauer, eine stetige Reihe trefflicher Fürsten, unter denen die Bewohner des Reiches sich einer einsichtigen und gerechten Verwaltung, ungestörten inneren Friedens und zunehmenden Wohlstandes erfreuten, sodaß man diesen Zeitraum das goldene Zeitalter des römischen Reiches genannt hat.
Zunächst wurde der alte würdige Senator Coccejus +Nerva+ auf den Thron erhoben (96-98). Er gab dem Senat den ihm gebührenden Anteil an der Regierung zurück, bemühte sich durch Milde und Gerechtigkeit, den Leiden und Klagen der armen Bevölkerung abzuhelfen, den zerrütteten Staatshaushalt zu ordnen, erleichterte die Abgaben und ließ arme Kinder auf öffentliche Kosten erziehen. Da er aber fühlte, daß ihm, dem Übermut und den Ansprüchen der Leibgarden gegenüber, die nötige Kraft fehlte, so adoptierte er den kriegserprobten Statthalter des oberen Germaniens, +Ulpius Trajanus+, einen in Spanien geborenen römischen Bürger, und ernannte ihn zu seinem Mitregenten. Er starb einige Monate nach dieser Wahl, worauf ihm Trajanus als Alleinherrscher folgte (98-117).
Durch seine Kraft und Milde, Güte und Bescheidenheit, Einsicht und Gerechtigkeit erwarb er sich die Liebe und Bewunderung der römischen Welt in dem Grade, daß ihm der Senat den Beinamen der „Beste“ erteilte, und noch nach zweihundert Jahren die neugewählten Kaiser den Thron unter dem Glückwunsch bestiegen: „Sei glücklicher als Augustus und besser als Trajanus!“ Alle Tugenden, die den Herrscher, Feldherrn und Menschen zieren, übte er in gleichem Maße. Die Majestätsprozesse hörten auf; der Senat erhielt Freiheit der Beratungen. Der Kaiser selbst unterwarf sich den Gesetzen und förderte dadurch auch in allen Bürgern die Achtung vor Gesetz und Recht. Jedem Bürger gestattete er freien Zutritt; die Provinzen beschützte er vor Bedrückung der Beamten; die Armen unterstützte er, indem er in allen Teilen Italiens arme Kinder auf Kosten des Staates erziehen ließ. Das Christentum aber, in dem der heidnische Römer nichts anderes als einen jüdischen Aberglauben sah und verachtete, suchte dieser beste der Kaiser planmäßig zu unterdrücken. Wenn er auch geheime Anklagen und Verfolgungen der Christen nicht gestattete, so befahl er doch die gesetzmäßig angeklagten und überführten, wenn sie nicht widerrufen wollten, hinzurichten.
Auch glänzende Kriegstaten und eine erhebliche Ausdehnung des Reichs sind mit dem Namen dieses Kaisers verknüpft. Zur Sicherung der Provinz Moesia an der unteren Donau unternahm er einen Kriegszug gegen das unruhige Volk der +Daken+ am jenseitigen linken Ufer des Stromes (im heutigen Rumänien und Siebenbürgen), deren König +Decébalus+ dem römischen Reiche unter Domitianus gegen die jährliche Zahlung eines Tributes Frieden gewährt hatte. Trajanus befreite Rom von dieser schmählichen Abgabe; Decebalus mußte seine Hauptstadt erobert, seine Festungen geschleift und einen Teil seines Landes von den Römern besetzt sehen (103). Als er sich dann, dem Friedensvertrage zuwider, heimlich mit Nachbarvölkern gegen die Römer verband, zog Trajanus zum zweiten Mal gegen die Daken. Zu diesem Zwecke baute er, in der Nähe der heutigen Stadt Czernetz in der Walachei, über die Donau eine steinerne Brücke, die aus 20 steinernen Pfeilern ruhte und 2500 Fuß lang war. Dann drang er tief in das Land der Feinde und bedrängte den Decebalus so, daß dieser sich selbst das Leben nahm (106). Sein Land ward römische Provinz (~Dacia~) und nahm bald römische Sprache und Art so gründlich an, daß noch der Name und die Sprache der heutigen Rumänier davon zeugen.
Seine Siege über die Daken feierte Trajanus durch glänzende Triumphe und Festspiele, bei denen an 123 Tagen 11000 wilde Tiere getötet wurden. Das Andenken daran erhält noch heute die Trajanssäule in Rom. Sie erhebt sich auf dem vormals mit Säulenhallen umgebenen Platze des Trajanischen Forums, ist 117 Fuß hoch und aus hohlen Zylindern von weißem Marmor zusammengesetzt, welche einen unten 11, oben 10 Fuß starken Schaft bilden, an dessen Außenfläche Trajans Kriegstaten mit etwa 2500 menschlichen Figuren dargestellt sind. Die Säule, unter der sich des Kaisers Grabkammer befand, ist innen hohl, und 184 Stufen führen auf ihre Spitze, auf welcher eine 22 Fuß hohe eherne Bildsäule Trajans stand, die aber im Laufe der Zeit zerstört und im 16. Jahrhundert durch die Bildsäule des Apostels Petrus ersetzt worden ist.
Da die +Parther+ die Grenze des römischen Reiches im Osten beunruhigten, so unternahm Trajanus auch einen Feldzug in die Morgenländer. Er unterwarf Armenien, Mesopotamien und Assyrien und machte diese Länder zu römischen Provinzen, deren Besitz jedoch von nur kurzer Dauer war. Mit einer Flotte fuhr er den Tigris hinab in den persischen Meerbusen und war schon nahe seinem Ziele, der Herstellung des Reiches Alexanders des Großen. Das Reich der Parther machte er, unter einem einheimischen, von ihm eingesetzten Fürsten, abhängig von Rom. Aber diese Eroberungen waren nicht von Bestand. Die Parther setzten ihren vertriebenen König wieder ein, und bevor er den Aufstand bezwingen konnte, starb Trajanus zu Selinus in Cilicien, das ihm zu Ehren Trajanopolis genannt ward. Seine Gebeine wurden nach Rom geschafft und unter der Trajanssäule beigesetzt.
Nach seinem Tode ließ sich T. Aelius +Hadrianus+, der vom sterbenden Trajan als Sohn angenommene Befehlshaber des Heeres und Statthalter von Syrien, sogleich von dem Heere zum Kaiser ausrufen, und der Senat bestätigte ihn in dieser Würde. Er war ein sehr gebildeter Mann und mit einem so außerordentlichen Gedächtnis begabt, daß er schon in seinem fünfzehnten Jahre die griechische Sprache so vollkommen wie ein Grieche sprach und jedes einmal gelesene Buch fast auswendig wußte. Als Kaiser wandte er den inneren Angelegenheiten seines Reiches die größte Sorgfalt zu. Er bereiste selbst fast alle Provinzen seines weiten Reiches, und zwar meistenteils zu Fuß, „denn ein Kaiser,“ sagte er, „muß wie die Sonne alle Teile seines Reiches beleuchten“. Auch die Literatur und die bildenden Künste gediehen unter ihm zu einer Art von Nachblüte. Von den zahlreichen Bauwerken, die er in allen Provinzen errichten ließ, verdient das sogenannte Mausoléum oder Grabmal des Hadrianus Erwähnung, das jetzt die Engelsburg heißt. Außer seinen glänzenden Eigenschaften besaß er aber auch grobe Fehler, und besonders waren Neid und Argwohn hervorstechende Züge seines Charakters, die ihn zuweilen zu grausamen Handlungen verleiteten. Er regierte von 117 bis 138.
Es folgte ihm sein Adoptivsohn +T. Aelius Hadrianus Antoninus+ (138-161). Die kindliche Ehrfurcht, mit der er das Andenken seines Vorgängers in Ehren hielt, erwarb ihm den Beinamen +Pius+. Er regierte wie ein zweiter Numa, den er sich auch zum Muster genommen haben soll. Von ihm, den seine Zeit mit Recht den Vater der Menschen genannt, hat die Geschichte keine Kriegstaten, sondern nur wohltätige Einrichtungen zu melden. Selbst die unter früheren Kaisern verfolgten Christen konnten unter ihm ein ruhiges Leben führen. Er pflegte zu sagen: „Ich will lieber das Leben eines einzigen Bürgers erhalten, als tausend Feinde töten!“