Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form
Part 20
Um einem Angriffskriege der Germanen zuvorzukommen, eröffnete Germanicus den dritten Feldzug, in dem er bis zum Teutoburger Walde vordrang. Mit seinem ganzen Heere langte er bei der Walstatt der Varusschlacht an, wo seit sechs Jahren die römischen Krieger noch unbegraben lagen. Mit Grauen sahen die Römer die bleichenden Gebeine der Gefallenen, dazwischen zerbrochene Waffen, Pferdegerippe, an den Baumstämmen angenagelte Schädel, auf Altären die Reste der Geopferten. Einige, die damals der Schlacht entkommen und jetzt zugegen waren, zeigten die Stellen, wo die Legaten gefallen, wo die Adler genommen, wo Varus verwundet, wo die Gefangenen geschlachtet worden waren. Germanicus ließ alle Gebeine in ein gemeinsames Grab sammeln und legte selbst den ersten Rasen zu dem Erdhügel, der es decken sollte.
Während er auf einen sicheren Sieg seiner von Rachedurst entflammten Legionen hoffte, zogen sich die Germanen in die Wälder zurück, aus denen sie dann hervorbrachen und den Rückzug der Feinde beunruhigten.
Auf seinem vierten Feldzuge rückte Germanicus bis an die Weser, auf deren rechtem Ufer die Cherusker standen. Hier forderte Arminius seinen Bruder +Flavius+, der im römischen Heere diente, zu einer Unterredung auf, die von beiden Ufern aus gehalten wurde. Zunächst suchte Flavius, der im Dienste der Römer reichen Lohn und Ehre erhalten, aber ein Auge verloren hatte, den Bruder durch Aufzählung aller Vorteile auf die Seite der Römer zu ziehen. Aber Arminius erinnerte den Entarteten an die uralte Freiheit, an die heimischen Götter, an den Schmerz der Mutter, an die Pflicht gegen sein Vaterland, und beschwor ihn nicht der Verräter, sondern der Führer seines Volkes sein zu wollen. So leidenschaftlich und vorwurfsvoll ward schließlich die hin- und herschallende Rede, daß Flavius nach Roß und Waffen rief und es zwischen den Brüdern, ungeachtet sie der Fluß trennte, zum Zweikampf gekommen wäre, wenn nicht ein römischer Befehlshaber ihn diesseits des Stromes zurückgehalten hätte.
Nachdem Germanicus den Übergang über die Weser bewerkstelligt hatte, traf er auf die vereinigte Macht der Germanen und brachte ihnen in einer Ebene, +Idistavisus+ (Feenwiese?) genannt, oberhalb der heutigen Stadt Minden, unter eigenem schweren Verlust, eine Niederlage bei. Allein der Mut und die Kraft der Germanen war dadurch nicht gebrochen. Empört über den Anblick der römischen Siegeszeichen, stand alles Volk ringsum auf; hoch und niedrig, jung und alt griff zu den Waffen, und so kam es zu einer zweiten Schlacht am Steinhudermeer. Furchtbar wütete hier das Schwert der Römer; aber auch die Germanen fochten mit dem Mut der Verzweiflung; Arminius selber ward verwundet. Daß sie gewichen wären, wird nicht berichtet, obschon die Römer sich den Sieg zuschrieben.
Schon gedachte Germanicus im folgenden Jahre doch noch die stolzen Cherusker zu demütigen, als ihn Tiberius, nicht etwa aus Neid auf seinen Kriegsruhm, wie die Gegner des Kaisers raunten, sondern aus der Überzeugung von der Erfolglosigkeit dieser Unternehmungen, vom Oberbefehl abrief, mit der Bemerkung, es sei genug getan und gelitten, mit Klugheit richte man gegen diese Feinde mehr aus als mit Gewalt, man werde sie fortan besser ihrer eigenen Zwietracht überlassen.
Und in der Tat brach die Uneinigkeit derselben bald in einen offenen Krieg zwischen Arminius und Marbod aus.
Der Markomannenkönig +Marbod+ hatte sein Volk in das heutige Böhmen geführt und von hier aus einen Bund mit den anwohnenden Stämmen gebildet, den er noch immer weiter auszudehnen suchte. Zwischen ihm, der sich stets von der gemeinsamen Sache der germanischen Freiheit ferngehalten hatte, und Arminius, der an der Spitze der nordwestlichen Völker stand, entstand Feindschaft. Es kam zu einer Schlacht, die unentschieden blieb; aber dennoch bat Marbod den römischen Kaiser Tiberius um Hilfe, der dann einen Frieden zwischen Cheruskern und Markomannen zustande bringen ließ. Aber nicht lange, so wußte der schlaue Tiberius einen gotischen Fürsten zu einem Einfall in das Land der Markomannen aufzumuntern, der für Marbod so unglücklich endete, daß er, von allen verlassen, über die Donau fliehen und den Kaiser um eine Zuflucht bitten mußte. Die Stadt Ravenna wurde ihm als Aufenthalt angewiesen; dort lebte er noch achtzehn Jahre vom römischen Gnadenbrot und beschloß sein Leben als ein vergessener Mann.
Nicht lange nachher wurde auch Arminius ein Opfer der inneren Zwietracht. Er fiel durch den Verrat seiner Verwandten, die, eifersüchtig auf seinen Ruhm, ihm Streben nach Alleinherrschaft vorwarfen.
Von ihm urteilt der römische Geschichtsschreiber Tacitus: „Ohne Zweifel ist er der Befreier Germaniens gewesen. Er hat nicht, wie andere Könige und Feldherren, das römische Volk in seinen Anfängen, sondern in seiner ganzen Machtherrlichkeit bekämpft, und ist zwar in Schlachten nicht immer sieghaft, im Kriege aber unbesiegt gewesen. Er starb im 37. Jahre seines Lebens, im zwölften seiner Feldherrnmacht. Noch heute wird er bei seinem Volke in Liedern gefeiert.“ Ein kolossales ehernes Standbild, auf der Höhe der „Grotenburg“, südlich der Stadt Detmold, im Jahre 1875 in Gegenwart Kaiser Wilhelms I. eingeweiht, ist ein Zeichen, daß sein Andenken und sein Verdienst um die Erhaltung deutscher Freiheit und deutscher Stammesart noch heute vom deutschen Volke dankbar verehrt wird.
XXX.
Kaiser Tiberius.
(14-37 n. Chr.)
Augustus hatte dem Tiberius die Nachfolge gesichert. Als sich der Senat beeilte ihm die Herrschaft zu übertragen, weigerte er sich anfangs sie zu übernehmen, und lehnte mit anscheinender Bescheidenheit und Höflichkeit die dargebotenen Würden ab. Aber die Senatoren, welche die heuchlerische und versteckte Art seines Wesens und Redens kannten, ließen mit Bitten und Schmeicheleien nicht ab, bis er die Herrschaft übernahm. Nachdem die Vergötterung des Augustus, kraft welcher dieser den Beinamen „der Göttliche“ (~Divus~) erhielt, den oberen Göttern zugezählt und in eigenen Tempeln und durch eigene Priester verehrt ward, stattgefunden hatte, ward die Fülle aller Würden und Ehren, die jener besessen, auf den Tiberius übertragen. Unter ihm fielen die Volksversammlungen, die unter Augustus nur selten und bloß zum Schein berufen worden waren, völlig weg; ihre Befugnisse wurden dem Senate zugewiesen.
Tiberius führte die Regierung mit Kraft und Umsicht, und die ersten neun Jahre derselben verdienen volle Anerkennung; nur seiner Familie und dem Senate gegenüber zeigte er ein argwöhnisches und zurückhaltendes Wesen. Darin mochte ihn, außer früheren verbitternden Erfahrungen -- er hatte sich auf Augustus’ Verlangen von seiner geliebten Vipsania, Agrippas Tochter, scheiden und die lasterhafte Julia, des Kaisers Tochter und Agrippas Witwe heiraten müssen -- die heimliche Anfeindung bestärken, die er von den Anhängern des Germanicus und dessen stolzen und ehrgeizigen Gemahlin Agrippina erfuhr. Diese war als Tochter der Julia eine Enkelin, Germanicus, durch seine Mutter Antonia und Großmutter Octavia ein Großneffe des Augustus. Beide sahen den Tiberius als Eindringling in die ihnen gebührenden Thronrechte an. Zwar hatte dieser seinen Neffen Germanicus auf Wunsch des alten Kaisers als Sohn adoptiert und ihm dadurch die Nachfolge gesichert. Auch behandelte er ihn mit großer Nachsicht und Schonung. So hatte er ihn zwar aus Germanien abberufen, weil seine eigenmächtigen Feldzüge gegen die Deutschen ohne alle bleibenden Folgen waren, hatte ihm aber doch einen glänzenden Triumph bewahrt, bei welchem des Arminius Gattin Thusnelda mit ihrem dreijährigen Söhnlein mit aufgeführt ward. Da sich aber die Vorliebe des Volkes für den Germanicus zu deutlich kundgab, so suchte ihn der argwöhnische Tiberius aus den Augen des Volkes zu entfernen. Zu diesem Zweck übergab er ihm den Oberbefehl in Asien, um dort die gestörte Ruhe wieder herzustellen. Daneben beauftragte er den Calpurnius Piso mit der Statthalterschaft von Syrien, der dort, angeblich den geheimen Weisungen des Kaisers gemäß, den Befehlen des Germanicus stets zuwiderhandelte. Dieser reiste daher nach Syrien und bestrafte den ungehorsamen Piso mit Verweis und Entfernung. Als er gleich darauf in schweres Siechtum fiel, entstand der Verdacht, daß er durch Pisos und vielleicht sogar auf des Kaisers Anstiften ein zehrendes Gift getrunken habe. Seine Gattin Agrippina teilte und verbreitete diesen Verdacht. In ihren Armen starb Germanicus, fern von Rom, im Jahre 19 v. Chr. Ganz Italien wurde bei dieser Nachricht mit Trauer erfüllt, und die mit der Asche ihres Gatten zurückkehrende Agrippina zu Rom vom Volke mit der größten Teilnahme empfangen. Piso wurde zur Verantwortung gezogen, aber noch vor der Entscheidung seiner Sache ward er eines Morgens, von einem Schwert durchbohrt, auf dem Boden seines Gemachs gefunden. So blieb das Dunkel, das auf dem Tode des Germanicus ruhte, unaufgeklärt. Agrippina aber und die Freunde ihres Gatten ließen nicht ab in geheimen Umtrieben die Schuld seines Todes auf den Kaiser zu wenden.
Diese gehässige Feindschaft und Verleumdung trug dazu bei, des Kaisers angeborene Neigung zu Argwohn und Menschenverachtung zu steigern. Die Anklagen wegen Majestätsbeleidigung, die schon unter Augustus nicht selten gewesen waren, wurden seit dieser Zeit immer häufiger. Jede unvorsichtige Äußerung des Unwillens oder Tadels gegen die Person des Kaisers, jeder zweideutige Ausdruck wurde von dem immer gefügigeren Senat mit Verbannung oder Tod bestraft, und da die Angeber belohnt wurden, so warfen sich viele verworfene Menschen mit Eifer auf dies abscheuliche Gewerbe.
So mißtrauisch Tiberius war, so wußte ihn doch sein Günstling +Älius Sejanus+, der Befehlshaber der Prätorianer, mit listiger Schmeichelei und dem Schein unbedingter Treue zu umstricken. Auf seinen Vorschlag wurden sämtliche Abteilungen dieser Garden in einem festen Standlager, dicht unter den Mauern Roms, vereinigt. Von dieser Zeit an konnte sich der Kaiser dieser Truppen zur Durchführung jeder gewaltsamen Maßregel bedienen, und der Befehlshaber dieser Prätorianer ward nach dem Kaiser die wichtigste und mächtigste Person des Staates.
Acht Jahre lang (23-31) stand der sonst gegen jedermann argwöhnische Kaiser unter dem Einfluß dieses Günstlings, dem er auch die Leitung der Regierung vertrauensvoll überließ. Er selber, in stolzer Menschenverachtung, müde der niedrigen und eigensüchtigen Unterwürfigkeit des Senates und des Volkes, hatte sich auf der einsamen Felseninsel Capreä (Capri), am Eingang des herrlichen Busens von Neapel, prächtige Schlösser gebaut, und lebte dort, fern vom Gewühl der Hauptstadt, seinen Neigungen. Aber auch dorthin verfolgte ihn die hämische Verleumdung und erzählte von unerhörten Ausschweifungen, denen sich der alternde Kaiser auf seiner Insel ergäbe.
Inzwischen schaltete Sejanus in Rom mit unumschränkter Gewalt. Seine Bildsäulen standen allenthalben neben denen der kaiserlichen Familienglieder. Bereits hatte er des Kaisers Sohn und Nachfolger +Drusus+ durch Gift aus der Welt geschafft, und gegen die Familie des verstorbenen Germanicus wütete er mit Verbannung und Einkerkerung. Agrippina ward mit einem ihrer drei Söhne auf eine öde Insel verbannt, ein anderer wurde in einem Kerker eingeschlossen. Als er aber endlich seine Hand auch nach dem Throne ausstreckte, da wurden dem Tiberius die Augen über seinen Günstling geöffnet. Er ernannte in der Stille einen neuen Befehlshaber der Garden, und dieser legte eines Tages dem Senat den kaiserlichen Befehl zur Verhaftung des ahnungslosen Sejanus vor. Nicht nur der gefallene Günstling ward hingerichtet, sondern Tiberius ließ auch seine Kinder, Verwandten und Anhänger in großer Zahl umbringen.
Denn nach dieser neuen bitteren Erfahrung verdüsterte sich der Sinn des Kaisers immer mehr. Jetzt erst ward er wirklich grausam und blutdürstig. Fast täglich fielen vornehme Männer und Frauen als Opfer schändlicher Angeberei; mancher nahm, um einer martervollen Hinrichtung zu entgehen, sich lieber selbst das Leben. Agrippina und zwei ihrer Söhne mußten im Kerker den Hungertod sterben. Von der Familie des Germanicus blieben, außer den Frauen, nur +Claudius+, sein Bruder, und sein jüngster Sohn, +Gajus Caligŭla+, übrig. Endlich erkrankte der 78jährige Tyrann auf seiner Insel und fiel in eine todähnliche Ohnmacht, worauf sogleich die ganze Umgebung den jungen +Gajus+ den Tiberius an Sohnes Statt angenommen hatte, als neuen Kaiser begrüßte. Aber Tiberius kam wieder zu sich, und nun schien Gajus verloren. Da faßte Macro, wie erzählt wurde, der Befehlshaber der Prätorianer, einen raschen Entschluß; er ließ Polster und Decken auf den Kranken werfen und ihn darunter ersticken.
XXXI.
=Die Kaiser Gajus Caligula= (37-41) =und Tiberius Claudius= (41-54).
Gajus, der jüngste Sohn des Germanicus und der Agrippina, hatte, da er mit seiner Mutter als Kind im Feldlager seines Vaters am Rhein lebte, von den Soldatenstiefelchen (~caligae~), die er trug, von den Soldaten den Beinamen +Caligula+ erhalten. Ihm allein war es gelungen durch den Schein kindlicher Demut und Liebe das Herz des Tiberius zu gewinnen, und als er nach dem Tode des alten Despoten als junger Kaiser in Rom erschien, jauchzte ihm alles Volk wie einem Erlöser aus harter Knechtschaft entgegen. In der Tat schien er anfangs die auf ihn gesetzte Hoffnung erfüllen zu wollen. Er stellte die Untersuchungen gegen die Verfolgten ein, wies die Angeber zurück, und machte sich durch Freigebigkeit beliebt. Aber schon nach wenigen Monaten zeigte er seine wahre Natur. Er erwies sich in Wirklichkeit als der schreckliche Tyrann und ausschweifende Lüstling, für den Tiberius so lange gegolten hatte. So sehr ging sein Tun und Denken gegen alle Vernunft, daß man ihn für wahnsinnig halten mußte. In solchem Wahnsinn verfiel er auf die grausamsten Handlungen. Den ungeheuren Schatz von 420 Millionen Mark, den sein sparsamer Vorgänger gesammelt hatte, verschwendete er gleich im ersten Jahre seiner Regierung. Über die Meeresbucht zwischen Bajä und Putéoli, unweit des heutigen Neapels, eine Stunde weit, baute er eine Schiffbrücke und legte auf derselben eine Kunststraße an mit Häusern auf beiden Seiten, bloß um einmal in einem Prachtzuge darüber fahren und sagen zu können, er habe das Meer in Land verwandelt. Seinem Leibpferde Incitatus, dem er die Würde eines Konsuls zugedacht hatte, ließ er einen Palast mit Hofhaltung einrichten, es mit vergoldetem Hafer füttern, ja sogar an seiner eigenen Tafel fressen. Als er durch solche wahnsinnige Streiche, durch Volksspeisungen und öffentliche Spiele den Schatz vergeudet hatte, zwang er, um wieder Geld aufzubringen, die Reichen die Kosten der öffentlichen Spiele zu tragen und ihm große Geschenke und Vermächtnisse zu machen. Viele ließ er hinrichten, um ihr Vermögen einzuziehen; er drückte die Reichen durch eine Menge von Steuern und errichtete endlich eine Spielbank, wobei er selbst den falschen Spieler machte. Seiner Grausamkeit wurden viele Menschen geopfert; manche ließ er lebendig zersägen, andere den wilden Tieren vorwerfen, ja bei den Tierhetzen, wenn gerade keine Verbrecher mehr da waren, Zuschauer ergreifen und den Tieren preisgeben. In seinem Blutdurste wünschte er, daß das ganze römische Volk nur +einen+ Kopf haben möchte, um ihn mit einem Streich abschlagen zu können. Sein Wahlspruch war: „Mag man mich hassen, wenn man mich nur fürchtet!“ (~Odĕrint, dum métuant!~)
In seiner Eitelkeit wollte er auch als siegreicher Eroberer glänzen. Er unternahm deshalb sogenannte Feldzüge nach Germanien und Britannien. Er ließ nämlich von Gallien aus einige germanische Söldner über den Rhein setzen und sich dort verstecken; dann zog er mit einem Teil der Reiterei hinüber und brachte sie als Gefangene zurück: das war sein Sieg über die Germanen! Ebenso stellte er ein ungeheures Heer an Galliens Nordküste auf, angeblich zum Zuge gegen Britannien, fuhr dann auf einem Prachtschiff ein wenig ins Meer hinaus, und ließ nach seiner Rückkehr die Soldaten am Strande Muscheln sammeln, die er nachher als eine dem Ozean abgenommene Beute samt einer Anzahl Gefangener, die aus Galliern in germanischer Tracht bestanden, bei seinem Triumph in Rom aufführte.
Nachdem er so fast vier Jahre lang gewütet hatte, bildete sich unter seiner Umgebung, die zuletzt ihres eigenen Lebens nicht mehr sicher war, eine Verschwörung, und zwei Hauptleute seiner Leibwache ermordeten den Kaiser samt seiner Gemahlin und seiner Tochter (41).
Während der Ermordung Caligulas hatte sich sein Oheim +Tiberius Claudius+ hinter einem Türvorhang versteckt. Ihn zogen jetzt die Soldaten der Leibgarde hervor und huldigten ihm als Kaiser, wofür er ihnen eine große Summe Geldes versprechen mußte. Der Senat ward genötigt ihn anzuerkennen. Wenn auch Claudius in Geschichte und Sprachen wohl unterrichtet war, so fehlten ihm doch alle Eigenschaften zur Regierung des Reichs. Er überließ sie Günstlingen und Frauen. Unter diesen hatten besonders die durch ihren sittenlosen Wandel berüchtigte +Messalina+, und nach ihrer Hinrichtung die, zwar nicht sittenlose, aber weit herrschsüchtigere +Agrippina+, eine Tochter des Germanicus und Schwester des Caligula, großen Einfluß. Da Agrippina den Sohn des Kaisers von der Messalina, den +Britannicus+, vom Throne zu verdrängen suchte, um ihrem eigenen Sohn aus erster Ehe, dem Domitius +Nero+, Platz zu machen, so bewog sie den alten willensschwachen Kaiser diesen als Sohn anzunehmen. Sobald ihr dies gelungen war, ließ sie den alten Kaiser durch vergiftete Pilze töten, welche die berüchtigte Giftmischerin Lacusta bereitet hatte. Daran ward Nero, als der ältere der beiden Söhne, auf den Thron gehoben.
XXXII.
=Nero= (54-68).
Nero gelangte im Alter von siebzehn Jahren zur Regierung. Solange er sich der weisen Leitung des +Burrus+, des Obersten der Garde, und seines Erziehers, des beredten und geistvollen +Séneca+ hingab, regierte er ohne Tadel und zeichnete sich durch Bescheidenheit und Milde, durch Wohltätigkeit und Enthaltsamkeit so sehr aus, daß man die ersten fünf Jahre (~quinquennium~) seiner Herrschaft das glückliche Quinquennium des Nero genannt hat. Doch alle diese Tugenden waren nur die Wirkung des Zwanges und der Verstellung. Länger vermochte der junge Monarch die Maske der Tugend nicht zu tragen, er warf sie ab und offenbarte alsbald einen solchen Hang zu Grausamkeit, Eitelkeit und Heuchelei, daß er ein wahres Ungeheuer von einem Tyrannen wurde.
Da ihm seine Mutter Agrippina Vorwürfe über seine Ausschweifungen machte und ihm drohte den jüngeren Stiefbruder Britannicus, an dem sich treffliche Eigenschaften entwickelten, auf den Thron zu erheben, so beschloß Nero sofort dessen Tod. Eines Tages ward bei einem Festmahle ein warmes Getränk umhergereicht, dieses aber dem Britannicus so heiß gegeben, daß er es nicht trinken konnte. Eiligst wurde kaltes Wasser zugegossen, das die oben erwähnte Locusta vergiftet hatte. Kaum hatte Britannicus davon getrunken, als er vor Neros und aller Gäste Augen leblos niederfiel. „Es ist nichts als die Fallsucht, die er schon öfters gehabt!“ rief der heuchlerische Nero und ließ die Leiche wegschaffen, aber gleich in der Nacht auf einem Scheiterhaufen verbrennen, Agrippina mußte den kaiserlichen Palast räumen und verlor allen Einfluß. Bald ließ sich Nero durch die schöne, aber lasterhafte +Poppäa Sabina+ bewegen seine tugendhafte Gemahlin Octavia, die Schwester des Britannicus, zu verstoßen und seine eigene Mutter zu ermorden. Burrus und Seneca bebten vor diesem Entschluß zurück, hatten aber nicht den Mut sich zu widersetzen. Auf den Vorschlag eines Günstlings wurde in der Nähe von Bajä eine Lustfahrt auf dem Meere veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit sollte Agrippina mit dem Schiffe versenkt werden. Doch der Anschlag mißlang, Agrippina rettete sich ans Land, ward aber gleich darauf von gedungenen Mördern in ihrer Wohnung umgebracht.
Seitdem von Gewissensangst verfolgt, suchte sich Nero durch den Taumel wilder Vergnügungen zu zerstreuen. Er scheute sich nicht, um seiner krankhaften Eitelkeit zu frönen, öffentlich als Wagenrenner, Zitherspieler, Sänger und Schauspieler aufzutreten, ohne auf die Mahnungen des Burrus und Seneca Rücksicht zu nehmen. Als Burrus starb und Seneca sich ganz vom Hofe zurückzog, konnte sich nun Nero ganz den Einflüsterungen elender Günstlinge hingeben. Seine Verschwendung war schrankenlos; oft warf er am Schlusse der Feste, die er dem Volke gab, kleine Kugeln unter dasselbe, auf denen Anweisungen auf Geld, Edelsteine, Gemälde, Pferde, Äcker und Landgüter standen, die dann dem glücklichen Erhascher ausgehändigt wurden. Darum mochte ihn sowohl das Volk, das er durch Spiele und Kornspenden befriedigte, als auch das Heer, das er reich besoldete, wohl leiden.
Die größte Greueltat in seiner Regierung war der Brand von Rom. Um sich eine schönere Hauptstadt bauen zu können, ließ er Rom an verschiedenen Stellen anzünden; seine Mordbrenner durchzogen die Stadt, drangen mit Fackeln und Brandstoffen in die Häuser und hinderten die Leute mit Gewalt am Löschen. Während der Feuersbrunst stand er auf einem Turme und sah mit grausamer Lust dem furchtbaren Schauspiel zu, indem er dabei ein Gedicht von Trojas Untergang deklamierte. Durch diesen Brand ward ein großer Teil der Stadt in Asche gelegt und unsägliches Elend über die Bevölkerung gebracht, die damals bereits gegen eine Million betrug. Es war also natürlich, daß sich eine wütende Entrüstung gegen die Anstifter zu verbreiten begann. Darum suchte er mit teuflischer Arglist die Schuld auf die Christen zu schieben, die, weil sie sich von allen öffentlichen, mit heidnischen Gebräuchen verbundenen Festlichkeiten zurückhielten, dem Volke schon lange verdächtig und verhaßt waren. Viele derselben wurden als Mordbrenner angeklagt und verurteilt, ein Teil enthauptet oder gekreuzigt, ein anderer in Felle wilder Tiere genäht und den Hunden zum Zerfleischen vorgeworfen, andere mit Pech übergossen und angezündet, um wie Fackeln in langen Reihen bei nächtlichen Rennspielen zu leuchten. So ward Nero der Urheber der ersten +Christenverfolgung+.
Darauf ließ Nero die Stadt neu aufbauen, wobei er ein ganzes Quartier für sich nahm und daselbst mit verschwenderischer Pracht einen Palast, das sogenannte +goldene Haus+, bauen ließ, das mit Gärten, Bädern, Lusthäusern, sogar mit Seen und Wildbahnen umgeben ward. Um die ungeheuren Kosten zu decken und das Innere auszuschmücken, mußten alle Provinzen, besonders die Tempel Griechenlands und Asiens, einen Teil ihrer Geld- und Kunstschätze dazu steuern, und selbst die Heere ihren Sold entbehren. Dadurch machte er sich allgemein verhaßt, und es bildete sich eine Verschwörung von Senatoren und Rittern, um ihn zu stürzen und den edeln +Gajus Piso+ auf den Thron zu setzen. Aber die Verschwörung wurde entdeckt, Piso gab sich selbst den Tod, und viele andere wurden hingerichtet Auch Neros Lehrer Seneca wurde, obschon unschuldig, zum Tode verurteilt. Da man ihm die Gunst gewährte sich selbst töten zu dürfen, so öffnete er sich die Adern; da aber bei dem Greise das Blut zu langsam floß, ließ er sich durch die Dämpfe eines Bades ersticken. Seine treue Gattin teilte freiwillig sein Schicksal.
Um die Angst seines Gewissens zu betäuben, stürzte sich Nero in immer neue Zerstreuungen. Er reiste nach Griechenland, wo er in den Spielen als Sänger und Wagenlenker auftrat. Als die Griechen seine Kunst bewunderten und ihm den Preis zuerkannten, verkündete er selber als Herold Griechenlands Freiheit, was ihn jedoch nicht hinderte die griechischen Tempel zu plündern. Mit 1800 Siegeskränzen geehrt, kehrte er nach Rom zurück und feierte wegen seiner Kunstsiege einen Triumph.