Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form
Part 19
Während Antonius die Zeit am üppigen Hofe Kleopatras vergeudete, war Octavianus in rastloser Tätigkeit. Sextus Pompejus, der Sohn des großen Pompejus, Octavians tüchtigster Helfer in Krieg und Frieden, der an der Spitze einer Piratenflotte Italien und das westliche Meer jahrelang beunruhigte, ward endlich von +Agrippa+ in der Seeschlacht bei Messāna völlig besiegt und zur Flucht nach Asien gezwungen, wo er gefangen und hingerichtet wurde. Auch den unbedeutenden Lepidus wußte Octavianus auf die Seite zu schieben, als dieser an der Spitze von zwanzig Legionen Sicilien verlangte. Er ging nach Messana und begab sich in das Lager des Lepidus, wo es ihm bald gelang dessen Heer abwendig zu machen. Als nun Lepidus sah, wie sein ganzes Heer zu Octavianus überging, warf er sich diesem zu Füßen und flehte um Gnade. Octavianus verachtete ihn zu sehr; er schenkte ihm Leben und Freiheit und ließ ihm die Würde des Oberpriesters bis an sein Lebensende.
Nun war das Triumvirat zu einem Duumvirat geworden; aber auch die Verbindung zwischen Octavianus und Antonius eilte ihrer Auflösung entgegen und verwandelte sich bald in offenen Bürgerkrieg. Die Veranlassung dazu war, daß Antonius, der mit Kleopatra fortwährend ein schwelgerisches Leben führte, seine edle Gemahlin Octavia verstieß. Da erklärte der Senat den Krieg gegen Kleopatra, der Antonius natürlich Beistand leistete. Dieser Krieg wurde durch die Schlacht bei +Aktium+ (am Eingange des Meerbusens von Arta) entschieden (31 v. Chr., am 2. September), und dadurch der Untergang der Republik in eine Monarchie eingeleitet, an deren Spitze der Sieger, Cäsar, trat.
Die Kriegsmacht des Antonius bestand aus 100000 Mann zu Fuß nebst 12000 Reitern, sowie aus einer Flotte von 500 Schiffen, die von ungewöhnlicher Größe und deshalb für den Kampf in engen Gewässern zu schwerfällig waren. Octavians Landheer betrug 80000 Mann zu Fuß mit 12000 Reiter, und seine Flotte bestand aus 250 kleinen Schiffen, die aber leicht beweglich und trefflich bemannt waren. Vor allem kam es ihm sehr zustatten, daß der bewährte Seeheld +Agrippa+ sie befehligte. Des Antonius Schiffe bildeten einen dichten Wall, den die Feinde lange Zeit vergeblich zu durchbrechen suchten. Endlich gelang es doch und es entstand eine Öffnung in die Octavians Schiffe eindrangen. Bei diesem Anblick fuhr Kleopatra, die mit ihren Schiffen hinter der Schlachtreihe gehalten hatte, davon, und Antonius, der ihr Schiff an dem Purpursegel erkannte, segelte ihr eiligst nach. Die Flotte kämpfte noch fort; zuletzt aber mußten sich die Schiffe, ihres Führers beraubt, ergeben. Das dem Antonius treu ergebene Landheer wartete noch sieben Tage auf seine Rückkehr, dann streckte es auch die Waffen und ergab sich dem Sieger. Dieser gründete später an der Stelle, wo sein Lager gestanden hatte, zu dauernder Erinnerung an den entscheidenden Sieg, die Stadt Nikópolis (Siegstadt) und stiftete in Rom zu jährlicher Feier die Aktischen Kampfspiele.
Im folgenden Jahre zog Octavianus gegen Ägypten, wo Antonius und Kleopatra ihr üppiges Leben fortgeführt hatten. Von allen seinen Truppen verlassen, empfing jetzt Antonius von der Königin, die sich seiner zu entledigen wünschte, die Nachricht, sie habe sich getötet. Da wollte auch er nicht länger leben und durchbohrte sich mit seinem Schwert. Als er aber, in seinem Blute liegend, hörte, daß sie noch lebte, verlangte er zu ihr gebracht zu werden. An Stricken wurde er in das obere Stock des Grabgebäudes hinaufgezogen, in das sie sich begeben hatte, und starb in ihren Armen. Nun versuchte die listige Kleopatra auch den siegreichen Cäsar durch ihre Reize zu berücken. Als ihr dies nicht gelang und er merken ließ, daß er sie zu seinem Triumph aufspare, beschloß sie zu sterben. Man fand sie entseelt auf einem Ruhebette liegend, im königlichen Schmuck; an ihrem Arme wollte man feine Stiche bemerken, die entweder von Nadeln oder von giftigen Nattern herrührten. Octavianus ließ sie mit königlichen Ehren bestatten.
Der Sieger machte Ägypten zu einer römischen Provinz und feierte nach seiner Rückkehr in Rom einen dreifachen Triumph (29). Er bezahlte seine Schulden, belohnte seine Krieger mit Land und Geld, und suchte auch das Volk durch reiche Gaben für seine neue Herrschaft zu gewinnen.
XXIX.
Cäsar Octavianus als Augustus.
=1. Augustus’ Regierung= (30 v. Chr. bis 14 n. Chr.).
Wenngleich nun Octavianus durch die Siege über alle seine Gegner und an der Spitze eines erprobten und unbedingt ergebenen Heeres der wirkliche Beherrscher des römischen Reiches war, so war er klug genug die bisherigen Rechte des Senates und des Volkes wenigstens der Form nach bestehen zu lassen, und mit dem Senat eine Verfassung zu vereinbaren, die ihm selbst zwar nicht den Namen, aber die Gewalt eines wirklichen Monarchen verlieh. Anfangs zwar hatte er im Senate erklärt die Obergewalt niederlegen zu wollen, aber nur zum Schein. Der Senat, den er von allen unwürdigen oder feindlich gesinnten Mitgliedern gereinigt und auf die Zahl von 600 Senatoren beschränkt hatte, war auf dieses Gaukelspiel vorbereitet; er drang mit Bitten in ihn die Regierung doch länger zu behalten und Oberhaupt des Reiches zu bleiben. Lange sträubte sich Octavianus, endlich versprach er, auf inständiges Bitten der Senatoren, die Regierung über den Staat auf zehn Jahre weiter zu übernehmen. Dieses Spiel, wobei er sich seine Macht alle zehn oder fünf Jahre erneuern ließ und sie mit scheinbarem Widerstreben annahm, wiederholte Augustus in der Folge noch mehrmals. So schien es, als habe er die Alleinherrschaft nicht in gewaltsamer Weise an sich gerissen, sondern auf gesetzmäßigem Wege erlangt. Die Würden und Ämter der Republik ließ er zwar bestehen, wußte aber alle mit ihnen verbundene Gewalt auf sich zu übertragen. Als +Imperator+ führte er allein den Oberbefehl über die bewaffnete Macht; als dauernder Inhaber der +tribunicischen+ Amtsbefugnis (~tribunicia potestas~) hatte er allein das Recht das Volk zu versammeln und ihm Gesetze vorzuschlagen und wurde persönlich unverletzlich; als erstes und vornehmstes Mitglied des Senates (~princeps senatus~) hatte er die erste und maßgebende Stimme bei allen Beschlüssen dieses höchsten Staatsrates. Als diese neue Ordnung nach längeren Verhandlungen am 1. Januar 27 in Kraft trat, erhielt er vom Senat und Volk den Beinamen +Augustus+ (der Erhabene) und wurde damit als erhaben über alle Bürger und göttlicher Verehrung würdig feierlich anerkannt. Er besaß überdies die Würde des Oberpriesters (~póntifex maximus~) und übernahm wiederholt das Amt des Konsuls. Der Monat Sextīlis erhielt ihm zu Ehren den Namen Augustus. So kam er in den Besitz einer unumschränkten Macht, seine Person war heilig und unverletzlich und den jährlichen Konsuln blieb wenig mehr als die damit verbundene äußere Würde und Ehre. Auch das Volk behielt noch seine Versammlungen, lernte aber unter Festen, Spielen und Getreidespenden seine Freiheit vergessen.
Unter Augustus war das römische Reich zu einer ungeheuren Ausdehnung gelangt, die fast alle Länder des damals bekannten Erdkreises umfaßte. Außer Italien gehörten dazu Gallien, Spanien, Griechenland, Makedonien, Thrakien, Kleinasien, Syrien, Ägypten und die ganze Nordküste Afrikas bis zur Grenze Mauretaniens. Alle diese Völker erkannten Roms Oberherrschaft an, nur die Parther im Osten und die Stämme der Germanen hatten sich noch nicht unter das römische Joch gebeugt. Die Statthalter dieser Provinzen, Prokonsuln oder Proprätoren, wurden teils von Augustus, teils vom Senat ernannt. An Stelle der alten Bürgerheere waren allmählich Söldnertruppen getreten, die von nun an zu stehenden Heeren wurden und an den von Feinden gefährdeten Grenzen, besonders am Rhein, an der Donau und am Euphrat ihre dauernden Lager hatten. Im ganzen unterhielt das Reich etwa 25 Legionen von je 6-7000 Mann. Außerdem standen in und bei Rom 9000 Mann als Leibgarde des Herrschers, die sog. prätorischen Kohorten, die zum Teil aus Germanen bestanden. Zwei mächtige Flotten sicherten das Meer, von denen die eine bei Ravenna im adriatischen, die andere bei Misēnum, nahe bei Neapel, ihren Standort hatte.
Nachdem sich Augustus in seiner Macht befestigt hatte, war sein Streben darauf gerichtet, durch die Wohltaten eines ungestörten Friedens die Greuel der Bürgerkriege und seine eigenen Grausamkeiten in Vergessenheit zu bringen. Die Bevölkerung des weiten Reiches begann sich, dank einer umsichtigen und gerechten Verwaltung, von den Leiden der langen verwüstenden Kriege zu erholen; Ackerbau, Gewerbe, Handel blühten auf, und mit dem steigenden Wohlstand gediehen auch wieder die Künste und Wissenschaften. Die Stadt Rom verschönerte er durch Aufführung der prachtvollsten Bauten so sehr, daß er sich mit Recht rühmen konnte, er habe das aus Backsteinen gebaute Rom in ein marmornes verwandelt. In den Werken der Baukunst wetteiferte mit ihm der edle +Agrippa+, sein Feldherr, Berater und Schwiegersohn; er erbaute unter andern prachtvolle Bäder und inmitten derselben einen riesigen Kuppeltempel, das Pantheon, so genannt, weil er dem Dienste aller Götter zusammen geweiht wurde. Außer Agrippa war es besonders der kunstliebende +Mäcēnas+, der Berater und Freund des Kaisers, der Gelehrte, Geschichtsschreiber und Dichter unterstützte und ihre Werke belohnte. Dieser Kreis von hochgebildeten Männern, der den Hof des Kaisers umgab, hat besonders dazu beigetragen, dem augustinischen Zeitalter den Charakter einer Hochblüte der römischen Literatur und Kunst zu verleihen.
Obschon sich Italien unter Augustus des tiefsten Friedens erfreute, der nach den zerrüttenden Bürgerkriegen dem erschöpften Lande die größte Wohltat gewährte, so gemahnten doch einige Verschwörungen, die gegen des Augustus Leben gerichtet waren, diesen an das Schicksal seines Großoheims Cäsar. Um so mehr war er darauf bedacht allen Schein des Machthabers von sich zu entfernen und in allen seinen Handlungen Mäßigung und Leutseligkeit zu beweisen. Den Senat behandelte er mit der größten Achtung; in der Stadt sah man ihn nur in der Tracht eines Senators, ohne daß irgend eine Auszeichnung an den weltgebietenden Imperator erinnerte. Bei der Rückkehr von einer Reise vermied er alles Aufsehen und hielt seinen Einzug gewöhnlich zur Nachtzeit. Er bewohnte ein einfaches Haus auf dem palatinischen Hügel; erst als dieses abgebrannt war, erbaute er das sogenannte +Palatium+, wovon das Wort Palast zur Bezeichnung fürstlicher Wohnungen abstammt. Es bleibt freilich zweifelhaft, ob die Tugenden, die Augustus als Kaiser entfaltete, in seinem Charakter begründet, oder eine Folge kluger Berechnung und des heilsamen Rates seiner Freunde waren. Soviel aber ist gewiß, daß ihn das Volk als seinen Wohltäter liebte, weshalb seine Zeitgenossen von ihm sagten: „Augustus hätte entweder nie sterben oder nie geboren werden sollen!“
Der viel gepriesene Beherrscher des Reiches mußte, wie um die Unbeständigkeit alles Menschenglückes zu bestätigen, in seiner Familie schweren Kummer und Herzeleid erfahren. Seine einzige Tochter +Julia+ aus seiner dritten Ehe führte ein lasterhaftes Leben, und seine vierte Gemahlin +Livia+, die ihm zwei Stiefsöhne, den +Tiberius+ und +Drusus+, zubrachte, ward für ihn die Ursache mancher häuslichen Sorgen. Die Nachfolge in der Regierung hatte er dem +Marcellus+, einem hoffnungsvollen Jüngling, dem Sohne seiner Schwester Octavia aus ihrer ersten Ehe und Gemahl der Julia, zugedacht, aber der Tod raffte diesen in der Blüte seiner Jahre dahin. Auch zwei Enkel aus der zweiten Ehe der Julia mit Agrippa sah der Kaiser vor sich ins Grab sinken, während ein dritter, Agrippa Pósthumus, ihn zwar überlebte, aber blödsinnig und zur Nachfolge unfähig war. So schwand ihm die Hoffnung die Herrschaft in seinem eigenen Geschlechte zu erhalten. Er nahm deshalb seinen Stiefsohn +Tiberius+, den älteren Sohn der Livia aus ihrer früheren Ehe mit Tiberius Claudius Nero, an Sohnes statt an, und erfüllte damit einen von Livia lange gehegten und eifrig betriebenen Plan. Tiberius war ein im Krieg und Staatsgeschäften rühmlich bewährter Mann, und da er zugleich auf Wunsch des Augustus die Julia, nach dem Tode ihres zweiten Gatten Agrippa, geheiratet hatte, so stand jetzt niemand der Thronfolge näher.
Inzwischen hatten Alter und häusliches Unglück die Kräfte des Kaisers aufgerieben. Um seine zerrüttete Gesundheit wieder zu stärken, unternahm er eine Reise nach Campanien. Anfangs war er ungemein munter, bald aber nahm die Schwäche seines Körpers zu, und er beschloß nach Rom zurückzukehren. Doch schon zu Nola in Campanien ereilte ihn der Tod. Als er sein Ende herannahen fühlte, forderte er einen Spiegel, ließ seine Haare in Ordnung bringen und seine gerunzelten Wangen glätten. Dann fragte er seine umstehenden Freunde: „Was dünkt euch, habe ich die Rolle meines Lebens gut gespielt?“ Als sie dies bejahten, fuhr er fort: „Nun, so klatscht Beifall, denn sie ist ausgespielt!“ Darauf verschied er, am 18. August, im 76. Jahre seines Lebens und im 41. seiner Regierung (14 n. Chr.). Sein Leiche ward nach Rom gebracht und daselbst feierlichst bestattet.
2. Kriege gegen die Deutschen. Arminius, Deutschlands Befreier.
Das Land der Germanen war zu den Zeiten des Kaisers Augustus im Norden von der Nord- und Ostsee, im Osten von der Weichsel und den Karpathen, im Süden von der Donau und im Westen vom Rhein begrenzt. Das Land war rauh und von undurchdringlichen Waldungen durchzogen. Der magere Boden trug nur Gerste, Hafer und Hanf. In den Urwäldern hauste zahlreiches Wild, Auerochsen, Renn- und Elentiere, Bären und Wölfe; auf den Felsen horsteten Adler und Falken. Die Bewohner dieses Landes, die Germanen oder Deutschen, waren durch blaue Augen und langes blondes Haar vor anderen Völkern kenntlich und überragten an Leibesgröße und Gliederbau die Bewohner der südlichen Völker. Schon von früher Jugend an übten sie sich Schwert, Lanze und Schild zu führen, und der Krieg war ihre liebste Beschäftigung, an deren Stelle im Frieden die Jagd trat. Ackerbau und Hauswesen überließen sie den Frauen und Knechten. Obschon dem Trunk und Spiel leidenschaftlich ergeben, zeichneten sie sich doch durch die Tugenden der Tapferkeit, Freiheitsliebe, Keuschheit, Gastlichkeit und vor allem durch Treue aus. Ihre Götter verehrten sie nicht in Tempeln, sondern im stillen Dunkel heiliger Eichenhaine; dorthin wallfahrtete das Volk; dort opferte der Oberpriester im Namen des gesamten Volks, und großes Gewicht legte man auf die Weissagungen kluger Frauen.
Da die Germanen beständige Einfälle in das den Römern unterworfene, an Wohlstand und Gütern aller Art viel höher entwickelte Gallien machten, so ließ Augustus endlich seinen jüngeren Stiefsohn +Drusus+ sie in ihrem eigenen Lande angreifen. Vier Jahre nach einander, 12-9 v. Chr., machte Drusus Heerzüge in das Land der Germanen, legte jenseits des Rheines eine Reihe von Kastellen an, und drang von dort bis zur Elbe vor. Als er schon im Begriff stand diesen Fluß zu überschreiten, soll ihm eine germanische +Wole+ oder weise Frau von übermenschlicher Gestalt auf dem jenseitigen Ufer zugerufen haben: „Wohin, Unersättlicher? Nicht alles zu sehen ist dir vom Schicksal beschieden. Kehre um, denn schon bist du am Ziele deiner Taten und Tage.“
Nach Errichtung eines Siegeszeichens an diesem Strom beschleunigte Drusus seinen Rückweg. Auf diesem aber stürzte er mit dem Pferde, brach den Schenkel und starb dreißig Tage darauf in den Armen seines Bruders Tiberius, der auf die Nachricht von seinem Unfall herbeigeeilt war.
Nach seinem Tode übernahm Tiberius den Oberbefehl. Mehr durch Klugheit, indem er die Zwietracht unter den deutschen Stämmen nährte, als durch offene Schlachten suchte er die Deutschen allmählich zur Unterwerfung zu bringen. Und er tat dies mit solchem Erfolg, daß die Römer das Land zwischen dem Rhein und der Weser schon als eroberte Provinz betrachteten und alsbald auch römische Gesetze, Sprache und Sitten einzuführen begannen.
Von seinen Nachfolgern ließ es sich besonders der Statthalter +Quinctilius Varus+ angelegen sein das römische Gerichtswesen in Anwendung zu bringen. Und weil er anfangs überall Willfährigkeit zu bemerken glaubte, so wähnte er die neuen Einrichtungen in aller Ruhe durchführen zu können. Aber mit tiefer Entrüstung sahen die Germanen, wie ihnen ihre altheimischen Volksgerichte und ihre freie Gauverfassung entzogen, wie sie nach fremdem Rechte in fremder Sprache und von fremden Richtern verurteilt, wie sie mit Rutenstreichen mißhandelt, ja mit der Todesstrafe belegt wurden.
Am meisten empört über die Herrschaft fremden Rechts und fremder Sitte waren die Cherusker und unter ihnen vorzüglich +Arminius+ (Hermann?), der Sohn +Segimers+, eines Cheruskerfürsten. Er hatte in römischen Kriegsdiensten gestanden, wie viele seiner Volksgenossen, und dort als Anführer einer cheruskischen Söldnerschar das römische Bürgerrecht und die römische Ritterwürde erlangt, aber auch die unersättliche Eroberungssucht und die Unterjochungskünste der Römer kennen gelernt. Jetzt, da Roms Absicht, die freien Germanen dem Reiche einzuverleiben, nahezu erfüllt schien, fühlte sich Arminius zum Retter seines Volkes berufen, und entwarf mit andern cheruskischen Edlen den Plan der Befreiung.
Sorglos waltete Varus in Germanien; die scheinbare Willfährigkeit der deutschen Häuptlinge hatte ihn sicher gemacht, und am allerwenigsten besorgte er von seiten des Arminius eine Gefahr, dem er solches Vertrauen schenkte, daß nicht einmal die Warnungen des +Segestes+, eines andern Cheruskerfürsten und Oheims des Arminius, bei ihm Eingang fanden. Während er an dem linken Ufer der Weser ein vergnügliches Lagerleben führte, erhielt er plötzlich Kunde von dem Aufstande eines benachbarten Stammes. Sofort traf er Anstalten zum Aufbruch und ließ sich bei einem Gastmahl von den cheruskischen Häuptlingen das Versprechen des Zuzugs wiederholen. Zwar machte ihn Segestes noch am Tage vor dem Aufbruch mit der ganzen Gefahr bekannt; aber Varus, der wohl wußte, daß zwischen Segestes und Arminius bittere Feindschaft bestand, weil dieser jenem seine Tochter +Thusnelda+ entführt und wider seinen Willen zu seiner Ehefrau gemacht hatte, schenkte ihm keinen vollen Glauben. Eine höhere, den Germanen günstige Macht schien seinen Sinn geblendet zu haben, daß er jählings in das bereitete Verderben fiel.
Unter dem Vorwande, dem Prokonsul ihre Scharen zuführen zu wollen, trennten sich die germanischen Fürsten von ihm; daheim aber riefen sie die Ihrigen zur Freiheit. Von Gau zu Gau erscholl der Ruf und riß alle mit sich fort. Selbst Segestes, der Römerfreund, mußte sich anschließen, während sein Sohn Segimund, ein Priester, die heilige Binde zerriß und zu dem Freiheitskampfe eilte.
Nichts schlimmes ahnend, zog das Römerheer unter Varus, ohne strenge Ordnung, mit großem Troß und Gepäck, in langem Zuge durch Wald und sumpfiges Gelände, wo erst Wege durch das Dickicht gebahnt und Gewässer überbrückt werden mußten. Bald lockerten anhaltende Regengüsse den Boden so sehr, daß Roß und Mann einsank und allgemeine Erschöpfung eintrat. Plötzlich brachen die Germanen, anfangs einzeln, dann in Haufen von allen Seiten aus dem Dickicht hervor und griffen die vom Wege und Wetter erschöpften Römer an. Unter schweren Kämpfen erreichte das Heer endlich eine lichte Stelle, wo der Angriff nachließ und ein Lager zur Nachtrast geschlagen werden konnte.
Am folgenden Morgen ging der Zug weiter. Kaum hatten die Legionen den +Teutoburger Wald+ erreicht, so wurden sie von neuem auf allen Seiten angefallen, und mit Mühe gelangten sie am Abend wieder an einen Platz, wo einige Ruhe die Ermüdeten erquickte. Aber auch am dritten Morgen wiederholte sich der Regensturm und der Angriff der Feinde. Die vom Regen erschlafften Bogensehnen versagten, und die schwere Bewaffnung empfand man als verdoppelte Last, während die leichtbewaffneten, mit ihrem Boden und Klima vertrauten Deutschen weniger gehemmt waren. Zwischen den Quellen der Lippe und Ems war die germanische Hauptmacht versammelt; hier kam es zum letzten Kampfe. Vor dem ungestümen allgemeinen Angriff weichen die erschöpften Legionen; ihre Reiter werfen sich in Flucht; ihre Adler werden genommen. Varus selbst, als er alles verloren sah, stürzte sich in sein Schwert, um die Schande nicht zu überleben; die noch übrigen Römer erlagen dem Schwerte der Germanen, und nur wenige entkamen.
Die Rache der erbitterten Sieger schonte auch der Gefangenen nicht: die vornehmsten Kriegshauptleute wurden an den Altären der Götter geopfert. Vorzüglich aber kehrte sich die Wut der Germanen gegen die römischen Richter und Sachwalter, die unter grausamen Martern getötet wurden. Der Leichnam des Varus wurde zerfleischt, sein Kopf von Arminius an Marbod, dem Könige der Markomannen in Böhmen gesendet, der sich eigensüchtig von dem Freiheitskampf ferngehalten hatte. Von den Gefangenen, die zu Leibeigenen gemacht wurden, hat mancher ehemalige Ritter oder Senator als Hausknecht oder Viehhüter eines deutschen Bauern seine übrige Lebenszeit zubringen müssen.
Diese +Hermannsschlacht+, im Jahre 9 n. Chr., vernichtete eines der tapfersten und geübtesten römischen Heere, das mit den Hilfstruppen auf 40000 Mann geschätzt wird. Als die Schreckensnachricht von der Niederlage nach Rom gelangte, geriet alles in größte Bestürzung. Schon glaubte man das linke Rheinufer samt Belgien und Gallien verloren und Italien bedroht; selbst Augustus verlor anfangs die Fassung so sehr, daß er, im Schmerz sein Gewand zerreißend, ausrief: „Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!“ Mit ängstlicher Hast, als ob der Feind schon gegen Rom heranzöge, wurden alle Germanen und Gallier aus der Stadt entfernt und die deutsche Leibwache auf Inseln abgeführt. Allein die Sieger dachten nicht an Eroberung; sie zerstörten alle Denkmale römischer Knechtschaft, und kehrten dann wieder an ihren Herd zurück.
Tiberius eilte an den Rhein, um dem erwarteten Einbruch der Germanen zu wehren, beschränkte sich aber klüglich auf die Befestigung der römischen Herrschaft an diesem Strom. Jedoch unmittelbar nach Augustus Tod begann des Drusus Sohn, +Germánicus+, der Nachfolger des Tiberius im Oberbefehl am Rhein, den Eroberungsversuch zu wiederholen. Viermal in drei Jahren drang er in Germanien ein (14-16 n. Chr.) Im zweiten dieser Feldzüge hatte er das Land der Chatten (Hessen) verwüstet und war schon auf dem Rückzuge begriffen, als ihn der alte Römerfreund Segestes zur Hilfe gegen Arminius rief.
Segestes nämlich hatte seine Tochter +Thusnelda+, des Arminius Gemahlin, in dessen Abwesenheit wieder in seine Gewalt gebracht, und ward deshalb von seinem Eidam hart bedrängt. Sogleich kehrte Germanicus um und zwang durch einen Überfall den Arminius zur Aufhebung der Belagerung, worauf sich Segestes samt seiner Tochter in den Schutz der Römer gab. Bei dieser Übergabe schritt Thusnelda, ihrem Gatten, nicht ihrem Vater ähnlich, ohne Tränen, ohne Worte, die Hände unter der Brust gefaltet, mit gesenktem Blicke einher. In der Gefangenschaft gebar sie den +Thumélicus+, der späterhin zu Ravenna erzogen ward und dessen weiteres Schicksal unbekannt blieb. Arminius und Thusnelda sahen sich nie wieder.
Auf die Nachricht von des Segestes Übertritt und Thusneldas Gefangenschaft durchflog Arminius mit der Wut der Verzweiflung die cheruskischen Gaue und rief alle seine Bundesgenossen zur Rache auf gegen die Römer, die, sagte er, sich nicht schämten den Krieg durch Verrat und gegen schwache Weiber zu führen. So gelang es ihm wieder einen großen Bund der nordgermanischen Stämme gegen die Römer zustande zu bringen.