Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form
Part 18
Inzwischen warteten bereits in der Kurie des Pompejus die Verschworenen, mit versteckten Dolchen bewaffnet, ungeduldig ihres Opfers, und besorgten schon, da Cäsar nicht kam, ihr Geheimnis wäre verraten. Sie schickten daher den +Décimus Brutus+, einen vertrauten Freund Cäsars, um sich nach der Ursache seines Säumens zu erkundigen. Cäsar erzählte ihm Calpurnias Traum. Aber Brutus stellte ihm vor, wie unklug es sei, seine Ernennung zum König verschieben zu wollen, bis ein Weib bessere Träume habe, und zog ihn an der Hand mit sich fort.
Noch hätte Cäsar dem Tode entgehen können, denn selbst auf dem Wege nach der Kurie wurde er auf mannigfache Art gewarnt. Kaum hatte er sein Haus verlassen, so drängte sich Artemidōros, ein gelehrter Grieche, zu ihm heran und überreichte ihm eine Schrift, in der die ganze Verschwörung entdeckt war. „Lies diese Schrift“, sprach er eifrig, „lies sie sogleich, sie enthält wichtige Dinge, die dich betreffen.“ Cäsar versuchte sie zu lesen, aber das Gedränge der Menschen um ihn her war zu groß; ungelesen nahm er die Schrift mit in die Kurie. Nicht mehr weit davon sah er den Spurinna und rief ihm lachend zu: „Die Iden des Märzes sind gekommen!“ -- „Aber sie sind noch nicht vorüber“, antwortete Spurinna. Ohne sich an das Wort zu kehren, ging Cäsar in die Kurie. An der Tür wurde er noch durch ein Bittgesuch aufgehalten, dann schritt er sorglos zu seinem goldenen Sessel, der am Fuße der Bildsäule des Pompejus stand. Alle Verschworenen standen auf, um ihn zu empfangen; nur Trebonius stand am Eingang der Kurie, um den Konsul +Marcus Antonius+, den treuesten und kühnsten Anhänger Cäsars, von dessen Körperkraft und Geistesgegenwart alles zu befürchten war, zurückzuhalten.
Kaum hatte sich Cäsar auf seinen Sessel niedergelassen, so drängten sich die Verschworenen an ihn heran. Voran stand Tullius +Cimber+, um von Cäsar die Begnadigung seines verbannten Bruders zu erbitten. Die Verschworenen unterstützten sein Gesuch. Cäsar aber, unwillig über ihren zudringlichen Eifer, verwies sie auf eine andere Zeit. Da ergriff Cimber die Toga Cäsars und riß sie ihm von den Schultern. „Das ist ja Gewalt!“ schrie Cäsar. In demselben Augenblick stieß der hinter seinen Stuhl getretene +Casca+ mit dem Dolche nach seinem Hals, verwundete ihn aber nur leicht. „Verruchter Casca, was machst du?“ ruft Cäsar und durchbohrt mit seinem silbernen Schreibgriffel des Mörders Arm; aber im Nu stoßen ihm alle Verschworenen ihre Dolche mit solcher Wut in den Leib, daß mehrere von ihnen sich selbst an der Hand verwundeten. Als Cäsar auch den Marcus Brutus unter den Mördern sieht, ruft er klagend aus: „Auch du, mein Sohn!“ und nun sagt er kein Wort mehr, sondern verhüllt sein Haupt und gibt sich ohne Widerstand allen Stößen preis. Von 23 Wunden durchbohrt, von denen aber nur eine tödlich war, sank er an der Bildsäule des Pompejus nieder (44).
Überrascht und entsetzt von dem schaudervollen Auftritt flohen die Senatoren auseinander. Brutus wollte sie anreden, aber niemand hörte auf ihn. Auch das Volk, unter das die Mörder mit dem Rufe der Freiheit traten, floh bestürzt. Eine Zeitlang lag der Ermordete allein in seinem Blute, bis ihn drei Sklaven in einer Sänfte in die Wohnung der Calpurnia trugen.
In Cäsar ging der größte Mann unter, den Rom je hervorgebracht hatte. Er war als Feldherr, Staatsmann und Gesetzgeber ohnegleichen, aber auch hervorragend als Redner, Geschichtsschreiber, Sprachforscher, Mathematiker und Architekt. Auch seine Persönlichkeit und Haltung ließ den geborenen Herrscher erkennen. Seinen von Natur etwas schwächlichen Körper hatte er so abgehärtet, daß er an Ausdauer keinem seiner Krieger nachstand. Er ertrug Hitze und Kälte, Hunger und Durst und alle Beschwerden und Anstrengungen des Krieges. In allen Leibesübungen zeichnete er sich aus und suchte als Reiter, Schwimmer und Fechter seinesgleichen. Seine Soldaten, denen er in jeder Hinsicht als Muster vorleuchtete, verehrten ihn mit abgöttischer Liebe und Treue.
XXVIII.
Der dritte Bürgerkrieg. Marcus Antonius und Cäsar Octavianus.
Nachdem die Verschworenen die blutige Tat vollbracht hatten, waren sie durchaus ratlos, was sie nun weiter tun sollten. Sie hatten geglaubt, das Volk würde ihrem Werke der Befreiung zujubeln, begegneten aber fast überall einer feindlichen oder gleichgültigen Stimmung. Denn Cäsar hatte die Menge durch den Glanz seiner Taten und seine freigebige Großmut für sich gewonnen, und die „Freiheit“, welche Brutus und seine vornehmen Genossen gegen Cäsar zu verteidigen schienen, war in Wahrheit nur das bisherige Regiment der Großen und Reichen. Bald sollten die Mörder erfahren, daß sie einen milden Herrscher mit einem furchtbaren Tyrannen vertauscht hatten.
Der Konsul +Antonius+, ein entschiedener Anhänger Cäsars, der sich in der ersten Bestürzung versteckt hatte, trat nun hervor und beschloß die Rolle des Herrschers, die Cäsar gespielt hatte, selber weiter fortzuführen Er bemächtigte sich heimlich des öffentlichen Schatzes und erhielt von Calpurnia, der Gemahlin des Gemordeten, dessen schriftlichen Nachlaß. In einer Senatssitzung, der auch Antonius beiwohnte, wurde zwar den Mördern Verzeihung bewilligt, aber auch beschlossen, daß Cäsars Anordnungen fortbestehen sollten. In einer zweiten Sitzung wurden sogar den Häuptern der Verschwörung nach einer Anordnung, die Cäsar selbst schon getroffen hatte, die ihnen bestimmten Provinzen zugewiesen: Marcus Brutus erhielt Makedonien, Decimus Brutus das cisalpinische Gallien, und Cassius Syrien.
Bisda hatte Antonius seine herrschsüchtigen Absichten mit großer Schlauheit verborgen; nun aber trat er offener auf, und bei der Leichenfeier Cäsars offenbarte er, was die Mörder von ihm zu erwarten hatten. Um das Volk gegen diese aufzubringen, machte er zuerst das Testament Cäsars bekannt, in dem er dem Volke seine großen parkartigen Gärten jenseits der Tiber zu allgemeinem Gebrauch und jedem einzelnen Bürger 45 Mark vermachte. Dann folgte die Leichenfeier, die den Abscheu des Volkes gegen die Mörder, die ihm seinen Wohltäter entrissen hatten, auf den höchsten Grad steigern sollte.
Auf einem Gerüste, neben der Rednerbühne auf dem Forum, stand eine vergoldete Kapelle, eine Nachbildung des von Cäsar erbauten Venustempels; innerhalb der Kapelle, deren Dach auf Säulen ohne Wände ruhte, war ein mit Elfenbein ausgelegtes, mit Purpurteppichen bedecktes Ruhebett sichtbar. Auf dieses wurde nach vollendetem Trauerzuge der Sarg mit der Leiche, unter dem Wehklagen des Volkes und der Soldaten Cäsars, niedergesetzt. Sodann hielt Antonius eine Rede, worin er Cäsars unsterbliche Taten und Verdienste um Reich und Volk mit überschwenglichen Worten pries, und dann den an ihm verübten greulichen Mord in grellen Farben schilderte, und zugleich, die Augen voll Tränen, das blutige, von Dolchstichen zerstoßene Gewand des Ermordeten emporhob. Dabei stieg ein aus Wachs verfertigtes Bild Cäsars mit den 23 Wunden, unter denen die entstellende Wunde des Gesichts und die tödliche Brustwunde besonders auffielen, aus dem Sarg in die Höhe.
Bei diesem Anblick verwandelte sich das Wehklagen des Volkes in helle Wut gegen die Mörder, und man hätte sie zerrissen, wenn sie sich nicht rechtzeitig entfernt hätten. Als dann das Leichengerüst angezündet wurde, warf jedermann, was ihm an Geräten, Waffen und Schmuck zur Hand war, in das Feuer, das dadurch so gewaltig um sich griff, daß ein Haus in der Nähe in Brand geriet, und eine Feuersbrunst mit Mühe verhütet ward. Kaum konnte Antonius das wütende Volk zurückhalten, das mit Fackeln durch die Straßen der Stadt tobte und die Häuser der Mörder anzünden wollte.
Als Antonius das Volk für sich gewonnen hatte, brachte er es bald dahin, daß ihm der Senat eine Schutzwache bewilligte, die er selbst auf 6000 Mann vermehrte. Im Vertrauen auf diesen Schutz gab er, angeblich aus dem Nachlaß Cäsars, eine Verordnung nach der andern heraus, um sich Anhänger und besonders Geld zu verschaffen. Er verkaufte Ämter und Würden, verhandelte Königreiche und wußte sich dadurch Geld in solcher Menge zu verschaffen, daß er und +Fulvia+, seine schändliche Gemahlin, zuletzt das Geld nicht mehr zählten, sondern in Masse abwogen. Den Mördern Cäsars nahm er ihre Provinzen, indem er Makedonien, das Marcus Brutus hatte, für sich nahm und Syrien, das dem Cassius bestimmt war, dem Dolabella gab.
Doch auch gegen Antonius erhob sich bald ein Nebenbuhler, der schließlich den Sieg über ihn davontragen sollte.
Dies war der junge +Octavius+, der damals zu Apollonia in Illyrien sich aufhielt, wo ein Teil der Truppen stand, die Cäsar für den parthischen Krieg bestimmt hatte, und mit denen er an dem Feldzuge teilnehmen sollte. Als Enkel von Cäsars jüngerer Schwester Julia war er im Testamente Cäsars, seines Großoheims, der keinen eigenen Sohn hinterlassen, an Sohnes Statt angenommen und zum Haupterben eingesetzt. Er nannte sich deshalb fortan +Gajus Julius Cäsar Octavianus+.
Nach dem Tode Cäsars eilte er nach Italien, um sein Erbe anzutreten. Vor den Toren Roms strömten ihm die Freunde und Anhänger Cäsars entgegen. Ein farbiger Ring, der in dieser Stunde die Sonne umgab, ward als ein Zeichen seiner aufgehenden Größe gedeutet. Aber seine Lage war schwierig. Auf der einen Seite drohte ihm die Feindschaft der Mörder, die in ihm den Rächer ihrer Freveltat fürchteten, auf der anderen sperrte ihm die gewalttätige Herrschaft des Antonius den Weg zur höchsten Gewalt. Aber der achtzehnjährige Jüngling verfolgte gleich von Anfang an mit ungewöhnlicher Klugheit und Selbstbeherrschung das Ziel, das er sich steckte, Rache an den Mördern und Besitznahme der ersten Stelle im Staate. Er suchte deshalb zunächst eine enge Verbindung mit Antonius. Er verlangte von ihm die Herausgabe des Geldes, das Cäsar hinterlassen, um es nach den Bestimmungen des Testamentes unter die Bürger zu verteilen. Dies verweigerte Antonius unter allerlei Vorwänden, und behandelte überhaupt den „jungen Menschen“ mit hochfahrendem Stolze und Geringschätzung. Octavianus, obgleich tief erbittert, vermied es mit dem Gewaltigen zu brechen. Er ließ seine väterlichen Güter versteigern und zahlte aus dem Ertrag die Vermächtnisse aus, mit denen Cäsar das Volk bedacht hatte. Die Folge davon war, daß, während sich Antonius beim Volke verhaßt machte, Octavianus in dessen Gunst stieg, zumal da er nun auch der Menge kostbare Spiele gab. Während dieser Spiele zeigte sich sieben Tage lang am Himmel ein Komet, den Cäsars Partei als seinen Geist deutete, der unter die Götter versetzt sei.
Während Antonius den Senat mit steigender Anmaßung und trotzigem Übermut behandelte, bewies ihm der schlaue Octavianus die größte Ehrerbietung. Unter den alten Soldaten Cäsars hatte er viele Anhänger, die zu Tausenden seinen Fahnen zuströmten. An der Spitze dieser Truppen gelang es ihm den Antonius aus Rom zu verdrängen. Dieser ging, nach dem Ablauf seines Konsulates, in das diesseitige Gallien, welche Provinz er dem Decimus Brutus entreißen wollte; aber von den beiden neuen Konsuln und Octavianus bei Mútina (Módena) geschlagen, mußte er ins jenseitige Gallien fliehen (43).
Als die nächste Sorge vor Antonius vorüber war, glaubte der Senat den Octavianus entbehren zu können und begann ihn mit Kälte zu behandeln. Aber dieser wandte sich an seine treuen Legionen und stellte ihnen vor, daß ihnen in Rom der Lohn ihrer Taten verweigert würde. Da sandten die Truppen aus ihrer Mitte Abgeordnete an den Senat und forderten für Octavianus das Konsulat. Als man dies abschlug, rief einer der Abgeordneten, an sein Schwert schlagend: „Dieses wirds ihm geben!“ worauf Cicero erwiderte: „Wenn das bitten heißt, so wird man es ihm gewähren müssen.“ Nach dieser Weigerung des Senats rückte Octavianus mit acht Legionen gegen Rom vor, wo das Volk ihn mit Jubel aufnahm und der Senat sich in alle seine Forderungen fügen mußte. Seine Soldaten belohnte Octavianus aus dem öffentlichen Schatze; dann ließ er sich zum Konsul wählen und das Verbannungsurteil über Cäsars Mörder aussprechen. Um aber nachdrücklich an ihnen Rache nehmen zu können, hielt er es für zweckmäßig sich wieder mit Antonius zu verbinden.
Dieser hatte sich inzwischen in Gallien mit +Lépidus+ vereinigt und eine Macht von 23 Legionen und 10000 Reitern zusammengebracht. Octavianus zog beiden entgegen, und Antonius ergriff die dargebotene Hand zu einer Vereinigung. Sie wählten eine kleine Insel auf dem Flusse Rhenus, unweit Bononia (Bologna) zum Orte ihrer Zusammenkunft. Beide Parteien, Antonius und Lepidus einerseits und Octavianus anderseits, rückten mit fünf Legionen an die Ufer dieses Flusses und schlugen von beiden Seiten eine Brücke nach der Insel zu. Lepidus, ein gemeinschaftlicher Freund der beiden andern, ging zuerst hinüber, um ihre Sicherheit zu prüfen; dann kamen auf ein gegebenes Zeichen Octavianus und Antonius, jeder mit 300 Mann, herbei. Diese blieben am Ende der Brücken zurück; sie selbst aber gingen auf eine Anhöhe, wo sie von ihren beiderseitigen Heeren gesehen werden konnten. Als sie beisammen waren, durchsuchten sie erst ihre Kleider, aus Furcht, daß irgend einer einen Dolch bei sich tragen möchte. Dann setzten sie sich nieder, um den Plan ihres Bündnisses zu entwerfen. Die Verhandlung dauerte drei Tage. Endlich kam nach manchem heftigen Streit ein Vergleich zustande. Der erste Punkt desselben betraf die höchste Gewalt im Staate; diese sollten alle drei gemeinschaftlich fünf Jahre lang ausüben unter dem Titel „Triumvirn zur Einrichtung des Gemeinwesens“. Dann verteilten sie die Provinzen unter sich; Italien als das gemeinsame Mutterland und die morgenländischen Provinzen, die damals noch Brutus und Cassius innehatten, wurden von dieser Teilung ausgenommen. Die Abendländer aber wurden auf folgende Art verteilt: Octavianus bekam Afrika, Sicilien und Sardinien, Antonius das diesseitige und jenseitige Gallien, Lepidus Spanien und einen Teil des jenseitigen Galliens. Hierauf verteilten sie die Geschäfte unter sich. Octavianus und Antonius sollten jeder mit zwanzig Legionen vereinigt den Krieg gegen Cäsars Mörder, namentlich gegen Brutus und Cassius, führen, während Lepidus als Konsul des nächsten Jahres (42) mit drei Legionen Rom und Italien in Gehorsam halten sollte. Der vierte Punkt ihrer Verabredung betraf die Belohnung der Legionen. Die Triumvirn machten aus, daß, nach Beendigung des Kampfes im Osten, achtzehn Städte in den reichsten und blühendsten Gegenden Italiens als Kolonien unter die Soldaten verteilt werden sollten, denen sie übrigens noch ansehnliche Geschenke baren Geldes versprachen. Zur Ausführung aller dieser Pläne brauchten sie unermeßliche Geldsummen, zu denen ihnen die Achtserklärung (Proskription) ihrer Gegner die Mittel liefern sollte. 300 Senatoren und 2000 Ritter wurden von der Ächtung betroffen, von denen jeder Triumvir einen Teil vorschlug und dabei selbst seine eigenen Freunde und Anhänger dem Haß der beiden andern preisgeben mußte. Endlich verpflichteten sich die Triumvirn zur Erfüllung dieses Vertrages durch einen feierlichen Eid und kehrten mit ihren Legionen nach Rom zurück, wo alsbald die Ächtungen ihren Anfang nahmen.
Überall in Italien wüteten Verrat und Mord; nur wenige der Geächteten retteten sich durch die Flucht, die meisten wurden von den Verfolgern ereilt, ihre Köpfe auf der Rednerbühne ausgestellt. Jedem Freien wurde der Kopf eines Verurteilten mit 12000, jedem Sklaven mit beinahe 6000 Mark bezahlt; die Angeber erhielten den gleichen Lohn; der Tod traf den, der einen Geächteten verbarg. Die Schreckenszeit Sullas kehrte wieder, aber die Zahl der Opfer war noch größer.
Unter den Opfern dieser Proskriptionen befand sich auch der große Redner +Cicero+, der einst, zur Zeit der Verschwörung des Catilina, sein Vaterland gerettet hatte. Er hatte sich den Antonius dadurch zu einem unerbittlichen Feinde gemacht, daß er gegen dessen eigenmächtiges und gewalttätiges Auftreten seine berühmten „philippischen Reden“ (~Philippicae~) hielt, und Octavian, von dem er bisher wie ein Vater verehrt worden war, hatte ihn herzlos dem Hasse des Verbündeten geopfert. Als die Listen der Geächteten in Rom bekannt wurden, auf denen auch sein Name stand, befand sich Cicero auf einem seiner Landgüter. Um sich zu retten, beschloß er nach Makedonien zu Marcus Brutus zu fliehen, allein körperliche Schwäche, Ängstlichkeit und Unentschlossenheit hinderten ihn an der Ausführung seines Entschlusses; zweimal ging er zu Schiffe und zweimal landete er wieder. Endlich drängten ihn seine Diener, die schon einen Haufen Soldaten gesehen hatten, welche nach ihrem Herrn spähten, die Flucht fortzusetzen. In einer Sänfte trugen sie ihn zur Küste. Aber mitten auf dem Wege begegneten sie den Häschern. Da Cicero sah, daß er nicht entrinnen konnte, ließ er die Sänfte niedersetzen und steckte den Kopf hinaus. An der Spitze der Soldaten stand Popilius Länas, ein Kriegstribun, dem Ciceros Beredsamkeit einst vor Gericht das Leben gerettet hatte. Eben dieser Mann eilte seinen Leuten zuvor, um selber den Blutlohn zu verdienen, und schlug seinem greisen Wohltäter, nach dem besonderen Auftrage des Antonius, des Todfeindes Ciceros, nicht nur das Haupt ab, sondern auch die Hände, mit denen er den Vortrag seiner Reden eindrucksvoll zu begleiten pflegte. Dies geschah am 7. Dezember des Jahres 43. Das abgehauene Haupt wurde dem Antonius überbracht, und nachdem Fulvia in ihrer Rachsucht die Zunge mit ihren Haarnadeln durchstochen hatte, nebst den Händen auf derselben Rednerbühne am Forum ausgestellt, wo Cicero so oft das Volk zu stürmischem Beifall hingerissen hatte. Er stand erst im 64. Lebensjahre.
* * * * *
Nachdem sich die Triumvirn auf so blutige und habgierige Weise eines großen Teiles ihrer Gegner im Senat und in der Ritterschaft entledigt hatten, beschlossen Octavianus und Antonius gegen Brutus und Cassius zu Felde zu ziehen, die inzwischen in Makedonien und Asien eine große Streitmacht und alle noch übrigen Anhänger der Republik um sich gesammelt hatten. Als diese von dem nahen Anzuge der beiden Triumvirn hörten, eilte Brutus nach Asien, um gemeinschaftlich mit Cassius über die Führung des Krieges zu beraten. Bei dieser Gelegenheit war es, wo, wie man sagt, dem Brutus ein Gespenst erschien. Einst saß er nämlich, wie er gewohnt war, bis tief in die Nacht in seinem Zelte, beschäftigt mit den Gedanken an den ungewissen Ausgang des bevorstehenden Krieges. Seine Diener schliefen, das Licht brannte düster, nichts regte sich, er war allein. Da hörte er plötzlich ein Geräusch; die Zelttür öffnet sich, und eine gespenstische Gestalt tritt auf ihn zu, ohne zu reden. Brutus richtet sich erschrocken auf und fragt: „Wer bist du, ein Gott oder ein Mensch, und was begehrst du?“ -- „Ich bin dein böser Geist,“ antwortet die Gestalt, „bei Philippi sehen wir uns wieder.“ Furchtlos erwiderte Brutus: „Wohl, ich werde dich dort wiedersehen!“ Da verschwand die Gestalt. Gleich darauf rief Brutus seine Diener und fragte sie, ob sie etwas gesehen oder gehört hätten. Sie verneinten beides. Sobald der Morgen graute, ging Brutus zum Cassius und erzählte ihm den Vorfall der vergangenen Nacht. Cassius, der nicht an die Wirklichkeit eines Gespenstes glauben mochte, suchte sich die Erscheinung aus der erregten Gemütsstimmung seines Freundes zu erklären.
Von Sardis aus, wo sie ihre Legionen vereinigt hatten, brachen Brutus und Cassius nach dem Hellespont auf und setzten nach Thrakien über, wo bereits acht Legionen der Triumvirn standen. Bald kamen diese mit ihrer gesamten Macht hinzu und nötigten die Gegner, welche bei +Philippi+ ein festes Lager bezogen hatten, zur Schlacht. Es kam dort zu einer Doppelschlacht, die aber den ganzen Krieg entscheiden sollte; sie endete mit der Niederlage der Mörder Cäsars (42). Die Triumvirn befehligten ein Heer von 100000 Mann zu Fuß und 13000 Reiter, ihre Gegner 80000 Mann zu Fuß und 20000 Reiter. Auf beiden Seiten siegten die rechten Flügel; Brutus drang siegreich vor und eroberte das Lager des Octavianus, der sich damals wegen Krankheit aus dem Lager entfernt hatte; dagegen schlug Antonius den Cassius vollständig zurück. Der geschlagene Cassius wußte noch nichts von des Brutus Sieg, als dieser eine Abteilung Reiter mit der Siegesbotschaft absandte. Cassius hielt sie in der Dunkelheit für Feinde und glaubte schon die Seinigen gefangen; da ließ er, um der Gefangenschaft zu entgehen, sich durch einen Sklaven töten. Als Brutus von seinem Tode hörte, rief er unter Tränen aus: „So ist der letzte Römer gefallen!“
Nach dieser Schlacht beschloß Brutus ein zweites Treffen zu vermeiden und sich in seiner vorteilhaften Stellung zu behaupten. Allein der Ungestüm seiner Soldaten, der weder durch Bitten noch durch Geschenke und Versprechungen zu bändigen war, forderte eine Schlacht, und so kam es denn ungefähr zwanzig Tage nach dem ersten zu einem zweiten Treffen bei Philippi. In der Nacht vor dieser Schlacht soll dem Brutus dieselbe Gestalt erschienen sein, die sich ihm vor seinem Übergange über den Hellespont gezeigt hatte; stumm ging sie diesmal vor ihm vorüber und verschwand.
Auch dieses zweite Treffen entschied gegen Brutus. Von beiden Seiten ward mit der größten Erbitterung gestritten; abermals drang Brutus in das Lager des Octavianus, da sprengte Antonius die Mitte des ihm gegenüberstehenden Flügels und trieb die Feinde in ihr Lager zurück. Dadurch bekam Octavianus Luft, drang auch wieder vor und half den Sieg vollenden.
Brutus wandte sich mit vier Legionen nach dem Gebirge und hoffte in der einbrechenden Dunkelheit zu entkommen, aber alle Ausgänge waren schon besetzt. Da seine Legionen keine Lust zeigten sich durchzuschlagen, gab er alle Hoffnung auf und stürzte sich in sein Schwert. Seine Truppen streckten die Waffen. Seine Gemahlin +Porcia+ folgte ihm in den Tod, indem sie durch den Dunst glühender Kohlen ihr Leben endete.
Nach diesen Siegen nahmen die beiden Triumvirn eine neue Teilung des Reiches unter sich vor, wobei Octavianus den Westen, Antonius den Osten erhielt. Lepidus, der wegen seiner Unbedeutendheit von den beiden andern verachtet wurde, mußte sich mit der Provinz Afrika abfinden lassen.
In Kleinasien überließ Antonius sich ganz und gar seinem maßlosen Hange zur Schwelgerei, mit der er ungeheure Reichtümer in kurzer Zeit verschwendete. Einst schenkte er einem Zitherspieler die Steuern von vier Städten, und Köchen gab er für ein gutes Gericht reiche Häuser und Güter. Seine Lust an ausschweifenden Genüssen erreichte aber den höchsten Grad, als es der ägyptischen Königin +Kleópatra+ gelungen war ihn, wie einst den Cäsar, in ihre Netze zu ziehen.
Diese Königin hatte es mit Brutus und Cassius gehalten und wurde deshalb von Antonius zur Rechenschaft gezogen. Sie kam, aber nicht als Angeklagte, sondern, um Antonius durch ihre Reize zu gewinnen, in dem Aufzuge der Göttin Venus. Auf einem vergoldeten Schiffe mit silbernen Rudern und purpurnen Segeln fuhr sie an der Küste Ciliciens, bei der Stadt Tarsos, den Kydnosfluß herauf. Als Venus gekleidet, saß sie in der Blüte der Schönheit unter einem goldgewirkten Zelte; zierliche Knaben als Liebesgötter fächelten ihr Kühlung zu, schöne Jungfrauen bedienten sie, während andere als Meergöttinnen die Ruder unter dem Klange von Flöten und Harfen bewegten, und angezündetes Räucherwerk den lieblichsten Duft verbreitete. Anstatt vor Antonius zu erscheinen, lud sie ihn zu sich zum Mahle. Er kam, und von dieser Zeit an lebte er mit Kleopatra in einem steten Taumel von Lüsten und ließ sogar die Parther ungestraft in Syrien einbrechen.
Durch solche Aufführung gab Antonius gegründeten Anlaß zu Klagen und Beschwerden, und sein Verhältnis zu Octavianus, das nie aufrichtig gewesen war, da jeder nur den andern zu verdrängen und sich zum Alleinherrscher zu machen suchte, wurde immer gespannter und feindseliger. Nur die Vermählung des Antonius mit des Octavianus tugendhafter Schwester Octavia vermochte die Eintracht auf kurze Zeit wieder herzustellen.