Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form
Part 15
Während Mithridates in die fernsten Teile seines Reiches am Kaukasus und auf die taurische Halbinsel (Krim) geflohen war, um sich zu neuem Widerstande zu rüsten, drang Pompejus durch die Kaukasusländer bis nach Kolchis am schwarzen Meere vor. Bald aber begab er sich wieder in das Reich Pontus, wo zwölf Fürsten der benachbarten Länder demütig vor ihm als ihrem Gebieter erschienen, um seine Befehle zu empfangen. Dann brach er auf, um südwärts nach Syrien zu ziehen, das, seit dem Erlöschen der Dynastie der Seleukiden (312-64), in völlige Zerrüttung geraten war, und machte auch dies große Reich mühelos zur römischen Provinz. Von da wandte er sich westwärts nach Palästina (63).
In Palästina stritten damals zwei Brüder aus dem Heldengeschlechte der Makkabäer um die Herrschaft, und beide hatten den Pompejus zu Hilfe gerufen. Dieser entschied zu Gunsten des älteren Bruders, +Hyrkānos+, dem er die Regierung und das Hohepriestertum, aber nicht den Königstitel bewilligte. Der zurückgesetzte +Aristobūlos+ zog sich darauf mit seinen Anhängern auf den Tempelberg in Jerusalem zurück und verteidigte sich dort mit der äußersten Tapferkeit. Erst im dritten Monat eroberten die Römer an einem Sabbat, als die Juden die Waffen ruhen ließen, den Tempel; 12000 Juden, darunter die Priester, die sich im Opferdienst nicht irre machen ließen, verloren hierbei das Leben. Nichts schmerzte aber die Juden mehr, als daß Pompejus sich nicht scheute, mit seinem Gefolge in das Allerheiligste des Tempels einzudringen, das doch bei ihnen niemand als der Hohepriester und auch dieser nur einmal im Jahre betreten durfte. Pompejus tat dies in der neugierigen Erwartung, daß er hier den einzigen Gott der Juden sehen werde. Allein, wie erstaunte er über das Volk der Juden, als er darin kein Götterbild wahrnahm, sondern nur den goldenen Leuchter, den goldenen Tisch mit den Schaubroten und die heiligen Schriften. Dem heidnischen Römer mußte dies alles ein verschlossenes Geheimnis sein. Pompejus legte den Juden eine schwere Kriegssteuer auf und machte das Land zinspflichtig; Aristobulus aber und seine Kinder führte er gefangen fort, um sie in Rom beim Triumphe aufzuführen.
In Palästina erfuhr Pompejus auch den Tod des Mithridates. Dieser hatte zuletzt in seiner eigenen Familie Verrat erfahren müssen. Auch sein liebster Sohn Phárnakes empörte sich wider ihn und gewann sein Heer. Der alte, sogar von seinen Leibwachen verlassene König flüchtete sich in eine Burg, wo ihn sein Sohn belagerte, um ihn den Römern auszuliefern. Aber Mithridates, als er das seiner harrende Los erkannte, nahm er das Gift, das er stets im Knaufe seines Schwertes trug, und mischte für sich, seine Frauen und Töchter, unter diesen die beiden Bräute der Könige von Ägypten und Cypern, den Giftbecher, den er selber als der letzte trank. Da er aber seinen Körper, um sich gegen Vergiftung zu schützen, seit lange an alle Arten von Gift gewöhnt und dagegen abgehärtet hatte, so wirkte der Trank nur schwach und langsam. Da bot der König einem seiner keltischen Söldner den Nacken zum Todesstreich. So endete dieser große Feind der Römer sein Leben im 68. Lebensjahre, nach 56jähriger Regierung und 26jährigem Kampf gegen die römische Weltherrschaft (63).
Jetzt eilte Pompejus in das Reich Pontus und traf hier umfassende Anordnungen über die eroberten asiatischen Länder. Er setzte Könige und Fürsten ab und ein, löste Königreiche und Fürstentümer auf und schuf neue, ordnete die neuerworbenen Provinzen nach seinem Gutdünken, und kehrte dann, überreich an Erfolgen, Ruhm und Beute, nach Italien zurück. In Brundisium, wo er landete, entließ er sein Heer und begab sich, wie ein einfacher Bürger, nach Rom. Auf dem ganzen Wege begrüßte ihn das Volk unter stetem Beifallrufen bis zu den Toren Roms, wo ihn der ganze Senat erwartete. In Rom feierte er +als Sieger über den dritten Weltteil+ und +zweiter Alexander+ seinen dritten Triumph, der zwei Tage dauerte und alles, was man bisher in dieser Art in Rom gesehen hatte, an Pracht und Glanz weit hinter sich ließ. Voran trug man Tafeln mit den Namen von sechzehn besiegten Ländern und Völkern, mit der Angabe von 1000 Burgen, 900 Städten, 800 Schiffen, die er genommen, und von 39 Städten, die er gegründet oder bevölkert hatte. Unter den Siegeszeichen und erbeuteten Schätzen und Kostbarkeiten, die er zur Schau stellte, befanden sich 33 Kronen mit Perlen, 3 goldene Götterbildnisse, 9 Schenktische voll goldener Trinkgeschirre, die unermeßlichen Schätze des Mithridates, darunter eine kostbare Sammlung geschnittener Steine, sein goldenes, 8 Ellen hohes Brustbild, sein Thron, sein 4 Fuß breites und 3 Fuß langes Brettspiel von 30 Pfund Gold an Gewicht, mit Würfeln von Edelsteinen, ein Musentempel mit einer Sonnenuhr im Giebel u. s. w. Die Menge der Kostbarkeiten war so groß, daß sie nicht alle in diesen beiden Tagen aufgeführt werden konnten. Unter den 324 vornehmen Gefangenen aus den verschiedensten Völkerschaften, die ungefesselt vor dem Triumphwagen einhergingen, befanden sich fünf Söhne und zwei Töchter des Mithridates. Endlich folgte auf einem von Edelsteinen schimmernden Triumphwagen Pompejus selbst, angetan mit einer Rüstung Alexanders des Großen, die er in der königlichen Schatzkammer des Mithridates gefunden hatte. In den römischen Staatsschatz lieferte er 20000 Talente (fast 10 Millionen Mark).
XXVI.
Cicero.
+Marcus Tullius Cicero+ wurde im Jahre 106 v. Chr. im südlichen Latium, nahe bei Arpinum, der Vaterstadt des Marius, geboren. Er stammte aus einem wohlhabenden Rittergeschlechte und empfing von seinem Vater seine erste Bildung. Früh zeigte er den Ehrgeiz „immer der Beste zu sein und emporzustreben vor allen.“ Seine weitere Vorbildung erhielt er zu Rom, wo er schon in der Schule durch Wißbegierde, schnelle Auffassung und rasche Fortschritte allgemeine Bewunderung erregte. Dann machte er sich mit den Werken der besten griechischen Dichter, Redner und Philosophen vertraut, und ließ sich in die römische Rechtskunde einführen. Durch fleißiges Übersetzen griechischer Dichtungen und Reden erlangte er eine große Gewandtheit auch im Gebrauch der lateinischen Sprache. Nachdem er im marsischen oder Bundesgenossenkriege (S. 121) einen Feldzug mitgemacht hatte, lebte er drei Jahre in Rom als Anwalt, indem er die Verteidigung von Angeklagten übernahm. Dann ging er, um seine Gesundheit herzustellen und sich weiter auszubilden, nach Athen, Kleinasien und Rhodus, wo er die berühmtesten Lehrer der Beredsamkeit hörte. In Rhodus, erzählt man, forderte ihn eines Tages sein Lehrer, der berühmte Apollonios Molon, auf, einen griechischen Vortrag zu halten. Cicero tat es und wußte seine Zuhörer so hinzureißen, daß sie in Lobsprüchen über ihn wetteiferten; nur Molon saß lange Zeit nachdenkend da und sprach endlich: „Dich, o Cicero, preise und bewundere ich, aber Griechenlands Geschick bedauere ich, da ich sehe, daß auch der einzige Vorzug, der uns Griechen noch übrig blieb, Bildung und Beredsamkeit, durch dich den Römern zuteil wird.“ Einige Jahre nach seiner Rückkehr ward er Quästor in Sicilien, wo er durch seine menschenfreundliche und gerechte Amtsführung sich allgemeine Achtung erwarb. Deshalb übertrugen ihm hernach die Städte dieser Provinz die Anklage gegen +Gajus Verres+, der sie als Prätor drei Jahre lang durch unersättliche Habgier, schamlose Erpressungen von Geld und Kunstwerken aller Art, durch ungerechte und grausame Urteilssprüche in Verzweiflung gebracht hatte. Cicero führte diese Anklage mit solchem Erfolge, daß Verres noch vor Beendigung des Prozesses seine Sache verloren gab und in die Verbannung ging. Dieser Erfolg begründete den Ruf Ciceros als des ersten Redners in Rom und erwarb ihm so allgemeine Anerkennung, daß er die nächsthöheren Ämter, die Ädilität und Prätur, mühelos erreichte und endlich auch, obgleich wie sein Landsmann Marius ein „Neuling“ (~homo novus~), das höchste Ziel seines Ehrgeizes, das Konsulat, für das Jahr 63 erlangte. Als Konsul erwarb er sich um sein Vaterland dadurch ein großes Verdienst, daß er die Verschwörung des Catilina entdeckte und vernichtete.
+Lucius Sergius Catilina+ war aus dem altpatrizischen Geschlechte der Sergier entsprossen. Von Jugend auf von allen Lastern jener Zeit befleckt, durch Verschwendung verarmt und verschuldet, war er vertraut mit allen durch Ausschweifung und Leichtsinn zugrunde gerichteten jungen Adligen, die er zu Meineid und Betrug, zu Gewalttat und Mord verführte. Schon zur Zeit der sullanischen Proskriptionen hatte er durch Ermordung des eigenen Bruders seine Verworfenheit gezeigt. Dennoch wußte er sich so zu verstellen, daß er hohe Ämter erlangte und sich sogar um das Konsulat bewarb. Da er aber als Proprätor in Afrika wegen Erpressungen angeklagt wurde, mußte er von dieser Bewerbung abstehen. Aus Erbitterung über diesen Fehlschlag seiner Hoffnung und aus Furcht vor weiteren gerichtlichen Verfolgungen faßte er den Entschluß die neuen Konsuln und die ihm verhaßten Senatoren zu ermorden, und sich so das Konsulat mit Gewalt zu verschaffen und die herrschende Aristokratie zu stürzen.
Da sein Versuch, diesen Plan auszuführen, zweimal mißlungen war, stiftete er eine weit verbreitete Verschwörung zum Umsturz des Staates an. Er gewann in Rom selbst zehn Senatoren, eine Anzahl Ritter, außerdem noch viele Unzufriedene in den übrigen Städten, Leute, die, wie er selbst, durch eine völlige Umwälzung aus Armut, Schuldennot oder Unehre wieder emporzukommen hofften. Diesen allen verhieß er Ämter, Tilgung ihrer Schulden und Reichtümer.
Zur Ausführung seines ruchlosen Planes bewarb er sich von neuem um das Konsulat, diesmal zugleich mit Cicero, für das Jahr 63. Zwar er selbst fiel durch, aber neben Cicero wurde ein heimlicher Gesinnungsgenosse Catilinas, Antonius Pätus, gewählt. Durch seinen neuen Mißerfolg nicht abgeschreckt, sondern zum äußersten gereizt und entschlossen, betrieb Catilina seinen Verrat mit erhöhter Kraft. Er ließ in aller Stille in allen Teilen Italiens seine Anhänger sich sammeln und bewaffnen, und traf in Rom selbst alle Anstalten, um die Stadt auf ein gegebenes Zeichen in Brand stecken und den neuen Konsul Cicero mit allen Häuptern der herrschenden Partei ermorden zu lassen. Aber er fand in Cicero einen wachsamen und unerschrockenen Gegner, der alle seine Schritte beobachtete und rechtzeitig zu vereiteln wußte. So verging ein großer Teil des Jahres. Endlich gelang es dem Konsul durch den Verrat einer Frau und durch die Aussagen eines Teilnehmers einen Beweis für Catilinas Hochverrat zu erhalten. Da trat er im Senat offen mit seiner Anklage gegen Catilina hervor. Vergebens suchte dieser sich zu verteidigen. Als er die ihm feindliche Stimmung erkannte, rief er mit drohendem Trotz: „Aus zwei Körpern besteht unser Staat: der eine ist hinfällig und hat ein schwaches Haupt; der andere ist kräftig, jedoch ohne Haupt. Es soll ihm, wenn ich am Leben bleibe, nicht lange mehr fehlen!“ Dann stürzte er hinaus.
Inzwischen hatten seine Anhänger unter der Führung eines gewissen +Manlius+ bei Fäsulä (heute Fiesole, nahe bei Florenz) ein Lager bezogen. Da Catilina auch bei der Konsulwahl dieses Jahres wieder durchgefallen war, so versammelte er in der darauf folgenden Nacht die Verschworenen und wies jedem sein Geschäft zu. Die vornehmsten Gegner sollten getötet, die Stadt an verschiedenen Stellen zugleich angezündet, vor allem aber Cicero vor Anbruch des Tages ermordet werden. Dieser erfuhr den Plan, ließ die beiden Verschworenen, die ihn ermorden wollten, vor seiner Tür abweisen und berief den Senat. Auch Catilina erschien. Jetzt enthüllte Cicero das ganze ruchlose Treiben des Mannes in gewaltiger Rede, richtete dann sein Wort unmittelbar an diesen selbst und forderte ihn auf mit seiner Rotte Rom zu verlassen, wo für seine heimlichen Anschläge kein Raum mehr sei, wo der Konsul und die Staatsgewalt ihn auf Schritt und Tritt bewache und das Volk ihn verabscheue; draußen möge er den offenen Kampf gegen die Vaterstadt beginnen. Und Catilina folgte dieser höhnischen Aufforderung: in der folgenden Nacht eilte er aus der Stadt ins Lager zu Manlius.
Die Mitverschworenen aber, die er in Rom zurückließ, bestimmten die Feier der Saturnalien (im Dezember) zur Ausführung ihres Planes; die Stadt sollte an zwölf Ecken angezündet, die Häupter des Senats und die Konsuln durch bestimmte Verschworene ermordet werden, und Catilina in der allgemeinen Verwirrung mit seinem Heere einrücken. Auch eine Gesandtschaft der Allóbroger, einer Völkerschaft in der gallischen Provinz, welche gekommen war, um über ungerechte Behandlung Beschwerde zu führen, wurde mit in die Verschwörung gezogen und zum Aufstande aufgefordert; aber dies beschleunigte nur den Untergang der Frevler. Da diese Gesandten schwankten, was sie tun sollten, so teilten sie die Sache einem Senator mit, durch den Cicero alles erfuhr. Sie erhielten den Rat, sich von den Häuptern der Verschwörung Briefe an ihr Volk geben zu lassen. Dies geschah; aber Cicero ließ die abreisenden Gesandten, bei denen sich auch ein Verschworener befand, nahe bei der Stadt aufheben und bekam durch die Briefe nun auch schriftliche Beweise gegen die Verschworenen in die Hand.
Die Schuldigen wurden darauf überführt und in Haft gegeben. Cicero erhielt den Dank des Senats und den Namen Vater des Vaterlandes. Von den neun Hauptschuldigen waren vier entflohen, die übrigen fünf, an ihrer Spitze der Stadtprätor Lentulus, wurden vom Senat zum Tode verurteilt und dieser Beschluß sogleich im Gefängnis vollzogen. Mit den Worten: „Sie haben gelebt!“ verkündigte Cicero dem Volke die Vollstreckung der Strafe und ward von ihm, wie im Triumphe, nach seinem Hause begleitet.
Gegen Catilina selbst aber wurde mit Waffengewalt vorgeschritten. Der Feldzug gegen ihn fiel ins folgende Jahr (62). Bei +Pistoria+ in Etrurien kam es zum Treffen. Catilina und seine 3000 Gefährten fochten mit verzweifelter Tapferkeit; sie fielen bis auf den letzten Mann.
Wiewohl Cicero durch die Entdeckung der Verschwörung den Staat gerettet hatte, so wurde doch der Umstand, daß er die Verbrecher wider das herkömmliche Rechtsverfahren, ohne gerichtliche Untersuchung und Verurteilung, bloß auf einen Senatsbeschluß hin, hatte hinrichten lassen, die Ursache, daß er später heftig angegriffen wurde, wobei er von seinen politischen Freunden nur schwach unterstützt wurde. Der Volkstribun +Clodius+ beantragte einige Jahre nachher ein Gesetz, daß jeder, der einen römischen Bürger ohne Richterspruch hingerichtet habe, geächtet sein solle. Dieses Gesetz, das unverkennbar gegen Cicero gerichtet war, fand die Zustimmung des Volkes, und so mußte dieser, um seinen Feinden zu entgehen, freiwillig in die Verbannung wandern (58). Er ging nach Thessalonike in Makedonien. In Rom zog man seine Güter ein und zerstörte sein Haus. Doch schon im folgenden Jahre (57) wurde er durch Volksbeschluß zurückgerufen. Seine Rückkehr glich einem Triumphzuge. Sein Haus und seine Güter wurden ihm wieder hergestellt.
XXVII.
Julius Cäsar. Der zweite Bürgerkrieg.
1. Cäsar bis zum Kampfe gegen Pompejus.
+Gajus Julius Cäsar+ wurde im Jahre 100 v. Chr. zu Rom als Sprößling eines der vornehmsten alten Adelsgeschlechter, dem der Julier, geboren. Von seiner Mutter Aurelia mit der größten Sorgfalt erzogen, zeigte er schon als Knabe eine ganz ungewöhnliche Begabung des Geistes und eine Willenskraft, die vor keinem Widerstande, vor keiner Schwierigkeit zurückwich. Von seinem Gedächtnis und seiner Geisteskraft erzählte man Erstaunliches: er sei imstande und gewohnt, zu gleicher Zeit zu schreiben, zu lesen und zu hören, und auf einmal vier bis sieben Briefe zu diktieren. Bei so seltenen Gaben, die mit rastloser Tätigkeit verbunden waren, erwarb er sich eine reiche Fülle von Kenntnissen aller Art und erreichte die volle Bildungshöhe seiner Zeit.
Zur Zeit der Diktatur Sullas stand Cäsar auf Seiten des Marius. Schon durch Verwandtschaft war er mit dieser Partei verbunden, da Marius mit Cäsars Tante vermählt war und er selbst eine Tochter Cinnas, Cornelia, zur Gemahlin hatte. Dadurch zog er sich die Feindschaft des allgewaltigen Diktators zu. Sulla verlangte, Cäsar sollte sich von seiner Gemahlin scheiden; dieser aber weigerte sich standhaft, während Pompejus, an den Sulla eine gleiche Forderung gestellt hatte, sich dem Willen des Diktators nachgiebig fügte. Durch diese Weigerung erbittert, ließ Sulla Cäsars Namen auf die Liste der Geächteten (Proskribierten) setzen. Dadurch verlor dieser das Heiratsgut seiner Frau und sein väterliches Erbe, mußte Rom verlassen und eine Zeitlang unter den größten Gefahren umherirren. Fast jede Nacht war er genötigt sich an einem anderen Orte zu verbergen, und hatte unter solchen Umständen um so schwerer zu leiden, als zugleich ein Fieber seine Kräfte verzehrte. Als er dennoch zuletzt entdeckt wurde, mußte er sich von den Häschern mit vielem Gelde loskaufen. Endlich verzieh ihm Sulla und begnadigte ihn auf Fürbitten einiger vornehmen Freunde und besonders der Vestalinnen, dabei sprach er aber die merkwürdigen Worte: „So nehmt ihn denn hin, aber wisset, daß dieser Jüngling uns einst zum Verderben gereichen wird; denn in dem einen Cäsar stecken viele Marius!“
Aber auch nach seiner Begnadigung mochte sich Cäsar noch nicht für ganz sicher gehalten haben, denn bald verließ er Rom und begab sich nach Rhodus, um sich dort in der Beredsamkeit auszubilden. Auf der Fahrt dorthin geriet er in die Hände von Seeräubern, die damals noch ihr Unwesen trieben. Während der vierzig Tage, die er bei ihnen bleiben mußte, bis er das verlangte Lösegeld herbeischaffen konnte, wußte er sich so in Achtung zu setzen, daß er nicht ihr Gefangener, sondern ihr Herr zu sein schien. So hatten sie für seine Auslösung zwanzig Talente verlangt, da rief er: „Wie? für einen Mann, wie ich bin, nur zwanzig Talente? Ihr sollt fünfzig haben.“ Während der Gefangenschaft beschäftigte er sich mit der Abfassung von Reden und Gedichten, die er dann wohl den Piraten vorlas. Kargten sie dabei mit ihrem Beifall, so schalt er sie und drohte, er werde sie alle ans Kreuz schlagen lassen. Wenn er schlafen wollte, verbot er ihnen jedes Geräusch, und sie gehorchten. So mächtig erwies sich seine geistige Überlegenheit selbst auf die verwilderten Gemüter dieser rohen Gesellen. Kaum war er frei, so brachte er einige milesische Schiffe zusammen, überfiel damit die Seeräuber und ließ sie wirklich, wie er ihnen im Scherze gedroht, in Pergamon ans Kreuz schlagen.
Nach Rom zurückgekehrt, schloß er sich an Pompejus an, den er bei Herstellung der Gewalt der Tribunen unterstützte, und wußte durch seine Beredsamkeit und Leutseligkeit die Gunst des Volkes zu gewinnen. Besonders erwarb er sich den Beifall der noch zahlreichen Anhänger des Marius dadurch, als er seiner Tante, der Witwe des Marius, bei ihrer Bestattung eine Grabrede hielt, worin er die Verdienste des den Optimaten so verhaßten Mannes zu preisen wagte und sein Bildnis, dem Verbote trotzend, unter den Ahnenbildern seines eigenen Geschlechtes einhertragen ließ. Auch ließ er auf dem Kapitolium die Bildsäule desselben und seine Siegeszeichen aus dem jugurthinischen und cimbrischen Kriege, die von Sulla zerstört waren, wieder herstellen.
Im Jahre 67 wurde er Quästor in der spanischen Provinz Lusitanien. Als er dort zu Gades im Herkulestempel ein Standbild Alexanders des Großen sah, rief er unter Tränen aus: „Der hatte in meinem Alter schon die Welt erobert, und ich habe noch gar nichts getan!“ Als Ädil gewann er durch ungemein prachtvolle und kostbare Spiele, wobei er unter anderem 320 Fechterpaare in silbernen Rüstungen auftreten ließ, die Gunst der Volksmenge in hohem Grade, stürzte sich aber auch in große Schulden. Im Vertrauen auf diese Volksgunst bewarb er sich, obwohl noch sehr jung, um die erledigte Würde des Oberpriesters, die bislang nur die ältesten und geehrtesten Konsulare zu bekleiden pflegten. Als ihn am Tage der Wahl seine Mutter nicht ohne Tränen zur Tür geleitete, sagte er: „Heute, Mutter, siehst du deinen Sohn entweder als Oberpriester oder als Verbannten wieder!“ Und in der Tat hatte er das Glück dem an Alter und Amtswürde weit überlegenen Catulus bei der Wahl vorgezogen zu werden. Als Prätor bekam er die Verwaltung desselben Spaniens, in dem er Quästor gewesen war. Doch hätte er Schulden halber nicht abreisen können, wenn nicht Crassus für ihre ungeheure Summe (18 Millionen Mark) seine Bürgschaft gewährt hätte. Als er auf dieser Reise durch ein kleines Städtchen jenseits der Alpen kam, warf einer aus seiner Begleitung die Frage auf, ob man sich in diesem Örtchen wohl auch um Rang und Ämter streite. „Gewiß“, antwortete Cäsar, „ich wenigstens will lieber hier der erste als in Rom der zweite sein!“ In seiner Provinz Spanien erwarb er übrigens so viel, und machte in glücklichen Kriegen solche Beute, daß er nicht nur seine Schulden bezahlen, sondern auch noch eine große Summe in den Staatsschatz legen konnte.
Als Cäsar nach Rom zurückkehrte, stand gerade die Konsulwahl für das Jahr 59 bevor. Um das Konsulat zu erlangen, verband er sich mit Pompejus, der durch seine Taten und Erfolge der angesehenste Mann in Rom war, und mit Crassus, der einen ungeheuren Reichtum besaß. Diesen Bund der drei Römer nannten ihre Gegner spöttisch ein +Triumvirat+ (Dreimännerschaft). Sie versprachen sich einander, in den Kämpfen mit ihren politischen Gegnern bei Wahlen und im Senat mit allen Mitteln zu unterstützen. Denn auch Pompejus war mit dem Senat zerfallen, der die Einrichtungen, die er aus Eigenmacht in Asien getroffen hatte, nicht bestätigen wollte. Diese Bestätigung versprach ihm Cäsar beim Volke durchzusetzen. Cäsar erlangte das Konsulat, erhielt aber als Kollegen in diesem Amte den Kandidaten seiner Gegner, +M. Calpurnius Bibulus+.
Als Konsul fuhr er fort sich um die Gunst des Volkes zu bewerben und die Macht der Senatspartei zu schwächen. Dazu diente ihm besonders ein Gesetz, das armen römischen Bürgern Landbesitz in Campanien anwies. Als Bibulus sich diesem Gesetze entgegenstellte, entstand eine solche Bewegung in der Volksversammlung gegen ihn, daß er nur mit Mühe sein Leben rettete. Seit dieser Zeit wagte der eingeschüchterte Mitkonsul überhaupt keinen Widerstand mehr; ja, er hielt sich fortan, aus Furcht vor Cäsars gebieterischem Auftreten, während des Restes seines Amtsjahres in seinem Hause verschlossen. Daher nannten die Spötter dieses Konsulat nicht das des Cäsar und Bibulus, sondern das des Julius und des Cäsar.
Am Schlusse des Jahres ließ sich Cäsar die Provinzen Illyrien und das diesseitige Gallien (~Gallia cisalpina~) als Statthalterschaft auf fünf Jahre zuweisen, worauf der Senat noch die Provinz des jenseitigen Galliens (~Gallia transalpina~) hinzufügte, in der geheimen Hoffnung, er werde dort in allerlei Verlegenheiten verwickelt und auf diese Weise am besten von Rom ferngehalten werden. Um seine Verbindung mit Pompejus zu befestigen, gab Cäsar ihm seine Tochter +Julia+ zur Gemahlin. Sodann wußte er noch zwei Männer aus Rom zu entfernen, die seine geheimen Absichten durchschaut hatten und seinen Plänen gefährlich werden konnten. Diese Männer waren Cato und Cicero; Cato ward nach der Insel Cypern gesandt, um dieselbe in eine römische Provinz zu verwandeln, Cicero aber durch den Volkstribunen Clodius genötigt in die Verbannung zu gehen (S. 151).
Im Frühjahr des Jahres 58 eilte Cäsar hinüber nach Gallien, dem Lande der Kelten. Von diesem Lande besaßen die Römer damals nur den südöstlichen Teil (s. S. 116); das übrige Gallien war von den Römern noch nicht bezwungen. Hier fand Cäsar in achtjährigem Kriege (58-51) Gelegenheit, das römische Reich um drei große Provinzen zu vergrößern, sich selber aber den Ruhm eines der größten Feldherrn zu erwerben und ein ihm treu ergebenes großes Heer zu bilden, mit dessen Hilfe er sich bald der Reichsherrschaft selber bemächtigen konnte.