Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form
Part 12
Als Marius im nächsten Jahre (107) als Konsul die Leitung des Krieges übernahm, änderte er die Kampfweise gegen Jugurtha, der sich inzwischen mit seinem Schwiegervater +Bocchus+, dem König von Mauretanien (Marokko), verbunden hatte. Statt die flüchtigen Reiterscharen des Feindes zu verfolgen, suchte er ihm alle festen Orte und Hilfsquellen zu entreißen. Er eroberte Burgen und Städte und machte große Beute. Dann griff er die im Südosten Numidiens gelegene Stadt Capsa an. Dorthin führte er sein Heer mit solcher Eile, daß seine Reiter schon die nächsten Tore der Stadt besetzten, ehe die Einwohner seine Ankunft erfuhren. Sie ergaben sich ohne Widerstand; dennoch ließ Marius alle Waffenfähigen umbringen und die Stadt anzünden. Im folgenden Jahre (106) erschien er auf der Westseite Numidiens vor der Stadt Mulucha, in der Jugurtha seine meisten Schätze verwahrte. Sie lag am gleichnamigen Flusse auf einem steilen Bergkegel, der nur einen einzigen Zugang bot, und wurde von einer zahlreichen, mit allem Nötigen versehenen Besatzung geschützt. Alle Versuche die Burg zu erstürmen mißlangen. Und schon dachte Marius sein Vorhaben aufzugeben, als eines Tages ein Soldat ihm anzeigte, wie er an der entgegengesetzten Seite des Berges beim Schneckensammeln einen Weg entdeckt habe und auf die Höhe des Felsens gekommen sei, wo die Burg unbesetzt wäre. Schon am nächsten Tage mußten vier Centurien mit fünf Trompetern unter Leitung jenes Soldaten den Fels erklettern. Sie fanden keine Gegenwehr, zumal da um dieselbe Zeit die ganze Besatzung auf der andern Seite beschäftigt war, den heftiger als je anstürmenden Feind zurückzudrängen. Plötzlich ertönten die Trompeten der Römer und das Angstgeschrei der Weiber und Kinder, die zuerst den eindringenden Feind erblickten. Bestürzt wich die Besatzung in die Stadt zurück; Marius verdoppelte seine Anstrengung und drang zugleich mit den Gegnern in die Festung ein.
Im Laufe des Jahres 106 geriet beinahe das ganze numidische Land in die Hände der Römer. Noch in zwei Treffen besiegte Marius den Jugurtha und den Bocchus. Letzterer zeigte sich endlich zum Frieden geneigt. Die Unterhandlungen mit ihm betrieb +L. Cornelius Sulla+, der im Heere des Marius Quästor war und bei Freund und Feind durch seine Tapferkeit und kluge Führung zu großem Ansehen gekommen war. Er bewog den König Bocchus seinen Schwiegersohn auszuliefern. Jugurtha wurde zu einer Unterhandlung eingeladen, und als er am bestimmten Orte und Tage erschien, von den Leuten des Königs ergriffen, gefesselt und dem Sulla überliefert. Aber Marius kränkte es tief, daß es nicht ihm, sondern dem Sulla gelungen war die Person des Jugurtha in seine Gewalt zu bekommen; vor allem aber erweckte es seinen unversöhnlichen Groll, daß sich Sulla einen Siegelring verfertigen ließ, auf dem die Auslieferung Jugurthas dargestellt war. Die Feindschaft, die von jetzt an zwischen beiden Männern bestand, sollte in der Folge dem römischen Staate großes Unheil bringen.
Am ersten Tage des Jahres 104 ward Jugurtha in Rom beim Triumph des Marius einhergeführt. Dabei riß ihm der rohe raubsüchtige Pöbel die Kleider und Ohrringe samt den Ohrläppchen ab. Dann ward er nackt in eine unterirdische Felskammer am Kapitol, ein ehemaliges Brunnengewölbe, das als Gefängnis diente, hinabgestoßen. „Hu, wie kalt ist euer Bad!“ rief der Unglückliche beim Hinabfallen. Dort ließ man ihn sechs Tage ohne Nahrung, worauf man ihn aus Gnaden erdrosselte (104). Sein Königreich ward geteilt: den westlichen Teil erhielt König Bocchus als Lohn seines Verrates, den östlichen ein Enkel des Massinissa und Halbbruder des Jugurtha.
Marius war inzwischen, während er noch als Prokonsul in Afrika an der Spitze des Heeres stand, und ohne daß er sich darum beworben hatte, gegen alles Herkommen abermals zum Konsul für 104 erwählt worden. Das römische Reich nämlich und Rom selbst war an anderer Stelle in Gefahr des Untergangs geraten, und Marius sollte es retten. Ein furchtbarer Feind stand plötzlich an der Grenze Italiens.
Schon vor Beginn des jugurthinischen Krieges vernahm man in Rom, daß unter den Völkern nördlich der Alpen eine große Bewegung entstanden sei; in großen Haufen zögen sie gegen die Alpen, um im Süden neue Wohnsitze zu erobern. In der Tat erschienen im Jahre 113 v. Chr. an den Ostalpen, im heutigen Krain, die +Cimbern+, ein germanischer Volksstamm, der wahrscheinlich bis da im Norden Germaniens gesessen hatte. Zu ihnen gesellten sich später die +Teutonen+, +Ambronen+ und andere Stämme. Sie zogen mit Weibern und Kindern und aller fahrenden Habe, ein ungeheurer Schwarm von mehr als 300000 Kriegern. Bei Aquileja stellte sich ihnen der Konsul Papirius Carbo entgegen, erlitt aber eine völlige Niederlage. Doch wandte sich der feindliche Zug für diesmal von Italien ab nach Westen, wo er Gallien und Spanien raubend und verwüstend heimsuchte. Dort begegneten sie den Römern abermals im südöstlichen Gallien, in der römischen Provinz (~Gallia transalpina~, der heutigen Provence), und brachten ihnen in den Jahren 109-105 mehrere vernichtende Niederlagen bei.
Italien zitterte vor den gewaltigen Scharen des Nordens, wie in den Tagen Hannibals: der Schrecken war zu Rom so groß, daß sich niemand um das Konsulat des Jahres 104 zu melden wagte. Da hoffte das Volk von Marius, dem Bezwinger Jugurthas, Rettung. Es wählte ihn zum Konsul und übertrug ihm die Leitung des Krieges in Gallien. Nachdem er im Beginn des Jahres, wie oben erzählt, seinen Triumph über Jugurtha gefeiert hatte, begab er sich in die Provinz jenseits der Alpen, zum Kampf gegen die Germanen, fand sie aber dort nicht mehr: sie waren durch Südgallien über die Pyrenäen nach Spanien gezogen, und kehrten von dort erst nach zwei Jahren zurück. Diese durch die Torheit der Gegner gewährte Frist benutzte Marius, um ein neues Heer zu bilden und die erschlaffte Kriegszucht durch unerbittliche Strenge und harten Dienst herzustellen, und in Gallien alles vorzubereiten, was für den neuen Kampf erforderlich schien. So groß war die Furcht in Rom und die Zuversicht auf Marius, daß ihm, bis zur Beendigung des Krieges, das Konsulat noch vier Mal erneuert wurde; eine Auszeichnung, die noch nie einem Römer widerfahren war.
Im Jahre 102 kehrten die Feinde aus Spanien, wo sie hartnäckigen Widerstand gefunden hatten, nach Gallien zurück, um nunmehr mit aller Macht in Italien einzudringen. Sie teilten sich in zwei Haufen; die Cimbern gingen über den Rhein, um von Rhätien (Tirol) aus in Italien einzufallen; die Teutonen und Ambronen gedachten an der Küste entlang durch Ligurien einzudringen.
Marius hatte am Zusammenfluß der Rhone und Isère ein Lager errichtet und erwartete hier die Teutonen und Ambronen. Er vermied die offene Schlacht, obschon die Feinde drei Tage lang sein Lager bestürmten, und seine eigenen Leute ungeduldig den Kampf forderten. An der Festigkeit der Schanzen scheiterte alle Tapferkeit, aller Ungestüm der Germanen. Da beschlossen sie nicht länger zu zaudern, sondern geradeswegs am römischen Lager vorüber nach Italien zu ziehen. Höhnisch riefen sie den römischen Soldaten zu, sie zögen nach Italien; ob sie Aufträge an ihre Frauen und Kinder zu bestellen hätten? Kaum bändigte Marius den Zorn seiner Krieger. So groß war die Menge der Barbaren, so gewaltig ihr Troß an Wagen und Lasttieren, daß sie sechs Tage lang an dem Lager vorbeimarschierten. Kaum waren sie vorüber, so folgte ihnen Marius auf dem Fuße nach und gelangte auf kürzerem Wege zugleich mit ihnen an einen kleinen Fluß, an dem +Aquä Sextiä+ (~Aix en Provence~) lag. Hier wählte Marius einen Hügel zum Lagerplatz, von welchem herab er die Gegend ringsum zu übersehen vermochte. Die Germanen lagerten sich an beiden Seiten des Flusses. Durch diese Lagerung wurden die Römer vom Wasser abgeschnitten. Diese, von Durst gequält, klagten und murrten. Marius aber wies auf den Fluß hin: „Ihr seid Männer“, sprach er, „dort ist Wasser für Blut feil, und ihr klagt, daß es fehle?“ Da gingen römische Troßknechte mit ihren Tieren zum Fluß hinab und vertrieben einige Feinde; als aber mehr Barbaren erschienen, eilten auch römische Soldaten hinzu. Die Teutonen aber und ihre Bundesgenossen fühlten sich in voller Sicherheit; sie aßen, badeten und freuten sich des schönen fruchtreichen Landes. Wie nun von beiden Seiten Hilfe erschien, wurden zuletzt die Hauptheere selbst in den Kampf hineingezogen. Der Ambronen waren 30000 Mann. In dem Augenblick, wo sie über den Fluß setzten, ließ sie Marius von allen Seiten angreifen und zwar mit solchem Erfolg, daß die meisten auf dem Platze erschlagen wurden. Die Flüchtlinge drangen gleich den Römern bis an die Zelte und Wagen der Teutonen, die am Kampf noch nicht teilgenommen hatten; hier wurden sie auch von den Weibern mit Beilen und Schwertern empfangen, und erst die Dunkelheit brachte die Kämpfenden auseinander.
Nun folgte eine grauenhafte Nacht. Die Totenklagen der Teutonen um die gefallenen Brüder, dazwischen die Wehrufe der Verwundeten, und ihr wilder Schlachtgesang wiederhallten in den Wäldern und klangen in das römische Lager hinüber, daß es den Römern durch Mark und Bein ging. Marius, der 3000 Mann unter Claudius Marcellus in einen Hinterhalt gelegt hatte, stellte mit Anbruch des Tages sein Heer vor dem Lager in Schlachtordnung und reizte die Teutonen durch abgesandte Reiterscharen zur Schlacht. In dicht geschlossenen Massen stürmten diese die beschwerlichen Höhen hinan und die Römer ihnen entgegen. Noch vor Mitte des Tages waren die Angreifer in die Ebene zurückgedrängt, und schon begannen ihre Reihen sich zu lösen, als auch Marcellus aus seinem Hinterhalt hervorbrach und ihre Verwirrung vermehrte. Ordnungslose Flucht kam über ihr ganzes Heer und nun erst begann ein entsetzliches Morden unter den fliehenden Scharen. Der Erschlagenen und Gefangenen waren an 100000. Der ganze Stamm war vernichtet bis auf einen geringen Rest, der sich nach dem nördlichen Gallien rettete. Von den gefangenen Frauen und Mädchen hatten viele nach verzweifelter Abwehr, um der Schmach der Knechtschaft zu entgehen, sich selber den Tod gegeben. +Teutobod+ selber, der König, geriet in Gefangenschaft (102).
Inzwischen waren die noch unbesiegten Cimbern über den Brennerpaß vorgedrungen, hatten das Heer des +Lutatius Catulus+ an der unteren Etsch geschlagen und südwärts über den Po zurückgedrängt. Ihr Plan war, sich mit den Teutonen, deren Schicksal ihnen noch unbekannt war, zu vereinigen und dann gegen Rom zu ziehen. Darüber versäumten sie die günstige Gelegenheit, sofort nach ihrem Siege über den Po vorzurücken und das wehrlose Italien zu erobern. Im Frühlinge des folgenden Jahres (101) verband sich Marius mit Catulus. So rückten sie, 50000 Mann stark, wieder über den Po und stießen bei Vercellä auf den Feind, nahe der Mündung der Sesia in den Po, wo einst Hannibal seine erste italische Schlacht geschlagen hatte. Die Cimbern aber schickten Abgeordnete an die römischen Feldherren und ließen um Land für sich und ihre Brüder, die Teutonen, bitten. Sie erhielten die Antwort: für ihre Brüder sei bereits gesorgt; sie hätten ein Land bekommen, wo sie ewig bleiben würden. Dabei ließ Marius, um ihnen die Vernichtung der Teutonen glaublich zu machen, den gefangenen Teutobod in Ketten vorführen. Jetzt rückten die Cimbern vor das Lager der Römer, und +Bojorix+, ihr König, forderte, nach dem Brauche seines Volkes, den Gegner auf Ort und Zeit zur Schlacht zu bestimmen. Marius bezeichnete den folgenden Tag und das raudische Feld, das der überlegenen römischen Reiterei einen günstigen Kampfplatz bot.
Die Cimbern erwarteten den Angriff in einer viereckigen Schlachtstellung, die sich dreiviertel Meilen in Breite und Tiefe erstreckte. In den äußeren Gliedern hatten sich die Kämpfer mit eisernen Ketten aneinander gebunden, um das Eindringen der Feinde zu verhindern. Bei den Römern stand das Heer des Catulus im Mitteltreffen, das des Marius bildete die Flügel. Im Morgennebel ward die cimbrische Reiterei von der römischen überrascht und auf ihr Fußvolk zurückgetrieben, das sich eben erst ordnete. Schon aber rückte das römische Fußvolk, Sonne und Wind im Rücken, aus der staubigen Ebene heran. Der Tag war schwül; die Cimbern hatten Sonne und Wind gegen sich und ertrugen nicht lange die ungewohnte Hitze. So errangen die Legionen mit geringen Verlusten einen völligen, mit der Vernichtung des cimbrischen Volkes endigenden Sieg. Nachdem ein Teil der Feinde dem römischen Schwerte erlegen war, floh der Rest der Wagenburg zu, wo auch die Frauen sich zur Wehr stellten. Hier begann ein neues Gemetzel, dem nur wenige Haufen durch die Flucht entgingen. Auch hier geschah es, daß viele der Frauen, um nicht in Gefangenschaft zu geraten, erst ihre Kinder, dann sich selbst töteten. Dennoch betrug die Zahl der Gefangenen 60000; die der Gefallenen 120000.
Die Römer aber erwiesen dem Marius als dem Retter Italiens die höchste Ehre. Sie nannten ihn den dritten Gründer der Stadt und erteilten ihm zum sechsten Male das Konsulat. Am Triumphe aber ließ Marius den Catulus teilnehmen. Vor dem Triumphwagen mußte der gefangene Teutobod einherschreiten, ein Mann von so riesigem Wuchse, daß er noch über die Siegeszeichen emporragte.
XXIV.
Bürgerkrieg. Sulla und Marius.
1. Sulla, Feldherr gegen Mithridates, vertreibt den Marius.
+Lucius Cornelius Sulla+ stammte aus einem patricischen Geschlechte. Ein stattlicher Mann, von vornehmer stolzer Haltung, hochbegabt, mit griechischer Sprache, Kunst und Wissenschaft gründlich vertraut, dabei ein tapferer Soldat und geschickter Heerführer, im Verkehr gesprächig, witzig, liebenswürdig und einnehmend, war er in Tugenden und Fehlern das Muster der damaligen römischen Aristokratie. Ausschweifend im Genuß, sittenlos und verschwenderisch, bewies er doch in Amt und Dienst, in den Kämpfen des Krieges und der Politik eine unermüdliche Kraft des Geistes und Leibes, und wo es den Sieg seiner Partei, der Optimaten, galt, schreckte er vor keiner blutigen Gewalttat zurück. So war er fast in allen Stücken das Gegenteil des Marius; nur in maßloser Ruhmbegier und in der Kunst der Heerführung waren beide Männer einander gleich. Schon seit dem Ende des jugurthinischen Krieges, wo Sulla dem Marius die Ehre, sich der Person des Jugurtha zu bemächtigen, entrissen hatte, lebten beide in bitterer Feindschaft, die dadurch unversöhnlich wurde, daß Marius, nach seinen glorreichen Siegen, in Rom bald offen an die Spitze der allmählich wieder erstarkten Volkspartei trat. Aber zu offenem Kampfe steigerte sich dieser Gegensatz erst, als Rom in einen neuen großen Krieg verwickelt wurde.
+Mithridátes+, der König von Pontus, an der Südküste des schwarzen Meeres, war ein Mann von ungewöhnlichen Eigenschaften. Körperlich ungemein stark und abgehärtet gegen alle Beschwerden, kühn und rastlos in Gefahren und Wagnissen, enthaltsam im Sinnengenuß, wilden, unbeugsamen Sinnes, doch nicht ohne alle Großmut, dabei von großem Verstand und außerordentlichem Gedächtnis, herrschsüchtig, mißtrauisch und grausam, war er ein unversöhnlicher, erbitterter Feind der Römer. Nicht zufrieden mit seinem Reiche Pontus, erweiterte er seine Macht durch Eroberung anderer Staaten Kleinasiens, wobei ihm der Umstand zu großem Vorteil gereichte, daß er, der zweiundzwanzig asiatische Sprachen redete, mit jedem Volke in seiner eigenen Sprache unterhandeln konnte. Er hatte die Absicht sich zum Herrn von ganz Asien zu machen. Schon hatte er einen römischen Feldherrn, den Manius Aquillius, geschlagen, und als er ihn in seine Gewalt bekommen, gefesselt auf einem Esel durch die Städte Kleinasiens führen und ihm zuletzt geschmolzenes Gold in den Hals gießen lassen, um in ihm die römische Habgier zu verhöhnen und zu strafen. Mit Freuden öffneten ihm die griechischen Städte, als dem Erretter vom römischen Druck, ihre Tore. Daran erließ er an alle Städte Kleinasiens den greulichen Befehl, an einem bestimmten Tage alle römischen Bürger, ohne Unterschied des Standes, Alters und Geschlechts zu töten. Mit schrecklicher Pünktlichkeit erfüllten die Obrigkeiten aller Orte den Befehl, und 80000 Italiker erlagen an einem Tage der Wut des Volkes. Nachdem Mithridates den Römern in Asien ihre Provinz entrissen hatte, streckte er seine Hände auch nach Griechenland aus, und es war hohe Zeit für die Römer gegen diesen Eroberer entscheidende Maßregeln zu ergreifen.
Kurz vorher hatte sich Sulla in dem gefährlichen Kriege der Römer mit ihren aufständischen italischen Bundesgenossen (90-88), die sich die völlige politische Gleichstellung erkämpfen wollten und auch größtenteils erlangten, ausgezeichnet und wegen seiner überall siegreichen Erfolge den Ehrennamen des Glücklichen erhalten. Während seines Konsulats (88) wurde der Krieg gegen Mithridates beschlossen, und da ihm für das folgende Jahr, bei der üblichen Verlosung der Provinzen, die Verwaltung der Provinz Asia (des westlichen Kleinasiens) zufiel, so übertrug ihm der Senat auch den Oberbefehl gegen Mithridates. Dadurch fühlte sich der alternde Marius, dessen Ehrgeiz trotz seiner 68 Jahre noch nicht gesättigt war, zurückgesetzt und gekränkt. Wenn auch kränklich, besuchte er täglich das Marsfeld und machte dort unter den jungen Männern alle körperlichen Übungen mit, um den Verdacht der Hinfälligkeit zu entfernen. Er verband sich mit dem verwegenen Volkstribunen +Sulpicius Rufus+, der ein ihm ergebenes Gefolge von 600 Rittern hatte, die er ihrer dem Adel feindlichen Gesinnung wegen seinen Gegensenat nannte, und außerdem noch eine Schar von 3000 Bewaffneten in seinem Sold hatte.
Mit Hilfe dieses Sulpicius und seines Anhanges wußte Marius einen Volksbeschluß zu erzwingen, durch den der Oberbefehl gegen Mithridates dem Sulla genommen und ihm, dem Marius, übertragen wurde. Unter solchen Umständen verließ der Konsul Sulla nicht ohne persönliche Gefahren die Stadt und begab sich nach Nola in Campanien, wo die ihm angewiesenen Legionen standen. Diesen stellte er die ihm widerfahrene Unbill und Gewalt vor, worauf sie ihn mit stürmischem Eifer aufforderten sie ungesäumt nach Rom zu führen, um sich sein Recht zu holen. Als daher die von Marius abgeschickten Kriegstribunen kamen, um das Heer für ihn zu übernehmen, wurden sie von Sullas erbitterten Soldaten gesteinigt. Bald rückte dieser an der Spitze von sechs Legionen gegen Rom vor. Als seine Soldaten anfangs von der Partei des Marius zurückgeschlagen wurden, befahl Sulla den Bogenschützen Brandpfeile auf die Dächer zu schießen, und ergriff selbst eine brennende Fackel. Darauf drangen seine Legionen aufs neue vor, und umsonst riefen die Anhänger des Marius Bürger und Sklaven zu den Waffen. Sulla zog siegreich in Rom ein, vertrieb den Marius, Sulpicius und zwölf ihrer Genossen aus der Stadt und brachte es dahin, daß sie als Feinde des Vaterlandes in die Acht erklärt wurden. Hierauf schickte er Reiter aus, um die Flüchtigen aufzusuchen und zu töten. Sulpicius wurde gefunden und ermordet, aber Marius entging mit seinem Sohne und einigen Freunden den Verfolgern.
2. Flucht des Marius.
Er hatte sich an der Tibermündung nach Ostia begeben, wo er ein Boot fand, das ihn aufnahm, aber durch einen Sturm genötigt wurde, bei Circeji zu landen. Von den Anstrengungen der Fahrt erschöpft, von Hunger gequält und auf allen Seiten von Gefahren umgeben, irrte Marius mit seinen Begleitern in der Gegend umher. Gegen Abend stieß er auf einige Kuhhirten, die er um Lebensmittel ansprach; allein sie waren selbst arm und konnten ihm nichts geben. Indessen rieten sie ihm doch sich eilig zu entfernen, denn eben wären Reiter dagewesen, die nach ihm geforscht hätten. Marius verließ daher die Landstraße und floh mit den Seinigen tief in den Wald. Am folgenden Morgen ging er, von Hunger genötigt, wieder an die Küste, um Unterhalt und Mittel zur ferneren Flucht zu suchen. Er war sehr ermattet, dennoch aber bestrebte er sich seine Begleiter zu erheitern. Er bat sie nicht zu verzweifeln, und erzählte ihnen folgendes Geschichtchen. Einst wäre er als Knabe auf dem Felde gewesen, da wäre ihm ein Adlernest mit sieben Jungen in den Schoß gefallen. Seine Eltern hätten die Wahrsager darüber befragt und von diesen die Antwort erhalten, er werde einst unter den Sterblichen sehr berühmt werden und siebenmal die höchsten Würden bekleiden. Durch solche und ähnliche Unterhaltungen stärkte Marius den Mut seiner Gefährten und zeigte ihnen, daß er selbst mitten im Unglück die Hoffnung hegte, noch einmal Konsul zu werden; denn schon hatte er sechsmal diese Würde bekleidet.
Marius war mit seinen Gefährten nicht mehr weit von der Küstenstadt Minturnä entfernt, als er auf der einen Seite einen Haufen Reiter erblickte, die auf ihn zueilten, und zugleich auf der andern Seite zwei Fahrzeuge gewahr wurde, die nicht weit von der Küste hinsegelten. Ohne sich lange zu bedenken, warf er sich mit den Seinen ins Meer und kam, durch zwei seiner Diener unterstützt, in eines jener Schiffe; seine übrigen Gefährten gelangten zu dem andern. Inzwischen kamen die Reiter heran und schrieen den Schiffern zu, sie sollten landen und den Marius entweder ausliefern oder über Bord werfen. Lange Zeit schwankten die Schiffer, endlich ließen sie sich durch die Bitten des alten Mannes rühren und riefen zurück, sie würden den Flüchtling schützen. Aber kaum hatten die Reiter sich entfernt, so änderten die Schiffer ihre Gesinnung. Sie fuhren zur Mündung des Liris zurück. Hier rieten sie dem Marius ans Land zu gehen, einige Nahrung zu sich zu nehmen und ruhig zu schlafen, so lange sie hier am Ufer verweilten. Er folgte ihnen, schlief ein, und sogleich entfernten sich die Schiffer. Als Marius erwachte und sich allein, von allen verlassen sah, blieb er lange Zeit entmutigt am Ufer liegen. Traurige Betrachtungen mochten sein Herz erfüllen und seinen Mut beugen. Erst nach einiger Zeit faßte er sich wieder. Er schleppte sich durch unwegsame und sumpfige Gegenden fort und kam zur einsamen Hütte eines Greises, den er um Schutz und Beistand bat. Der Greis wurde durch den Anblick des Unglücklichen gerührt und verbarg ihn unter dem gehöhlten Ufer des Liris. Aber nicht lange darauf kamen die Reiter des Sulla und verlangten die Auslieferung des Marius. Das hörte dieser; er verließ das Ufer und eilte zu den Morästen bei Minturnä. Hier zog er seine Kleider aus, tauchte sich bis ans Kinn ins Wasser und verhüllte den Kopf mit Rohr. Dennoch ward er von einigen Reitern entdeckt. Diese warfen ihm einen Strick um den Hals, zogen ihn aus dem Wasser und führten ihn nach Minturnä ins Gefängnis.
Die Obrigkeit von Minturnä war entschlossen den Befehlen des Senats zu folgen und den Marius zu töten. Sie schickte deshalb einen cimbrischen Sklaven von riesigem Wuchs ab, um durch diesen das Todesurteil vollziehen zu lassen. Als der Sklave in das Gefängnis des Marius trat, sah ihn dieser mit grimmem Blick und feuersprühenden Augen an und rief ihm mit donnernder Stimme zu: „Sklave, du unterstehst dich den Gajus Marius zu töten?“ Voll Schrecken und Entsetzen warf der Riese sein Schwert weg, lief hinaus auf die Straße und rief: „Ich kann den Marius nicht töten!“ Da wurden auch die Minturnenser unsicher in ihrem Vorhaben; sie glaubten in der Furcht des Sklaven vor dem hilflosen Greise einen Wink der Götter zu erkennen, ließen den Marius frei, versahen ihn mit Geld und Kleidung und halfen ihm zur Flucht nach Afrika.