Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form

Part 10

Chapter 103,556 wordsPublic domain

Bei all diesen Erfolgen aber blieb die Aufmerksamkeit der Römer auch auf Karthago gerichtet, das, an günstigster Stelle der afrikanischen Nordküste gelegen, durch seinen Handel, durch die Fruchtbarkeit und den Reichtum des Landes sich von neuem zu einem Wohlstand erhoben hatte, welcher den Neid und das Mißtrauen der Römer erregte. Sie ruhten nicht eher, als bis die alte Nebenbuhlerin gänzlich vernichtet war. Der Ruhm, Rom von dieser noch immer nicht ungefährlichen Stadt befreit zu haben, fiel dem Publius +Cornelius Scipio Ämilianus+ zu.

Dieser Mann war der Sohn jenes Ämilius Paullus, der den makedonischen König Perseus überwunden hatte. Er war ein tapferer und einsichtiger Soldat, wenn auch kein großer Feldherr, von reiner edler Sinnesweise, von einer Bildung, die ihn über alle seine Standesgenossen erhob, ein Kenner und Freund hellenischer Kunst, Literatur und Wissenschaft. Er war von dem kinderlosen Sohne des großen Scipio an Sohnes statt angenommen, führte deshalb nach römischer Sitte dessen Namen und außerdem, zur Erinnerung an sein väterliches Geschlecht den Beinamen Ämilianus. Nachdem er während der Belagerung Karthagos sich als der tüchtigste Offizier des Heeres bewährt hatte, wurde ihm der Oberbefehl übertragen. Dieser Krieg aber hatte folgende Veranlassung.

+Massinissa+, König von Numidien, den die Römer den Karthagern zum Nachbar und Aufseher hingestellt hatten, beunruhigte diese unaufhörlich und nahm ihnen Provinzen und Städte weg. Die wiederholten Klagen der Karthager fanden in Rom kein Gehör. Als sie endlich gegen ihn zu den Waffen griffen, sah der römische Senat darin eine Verletzung des Friedens. Der Mann, der fortwährend im Senate zur Zerstörung Karthagos aufreizte, war der schon oben (S. 90) erwähnte +Marcus Porcius Cato+.

Dieser Mann übte in Rom einen großen Einfluß auf den Senat wie auf das Volk. Als Bauer im Sabinerlande geboren, war er Zeit seines Lebens von derben bäuerischen Sitten geblieben, und ein erbitterter Feind der feineren griechischen Bildung und der damit verbundenen Sittenänderung. Wie er im punischen und makedonischen Kriege sich in vielen Schlachten hervorgetan, so war er auch im Frieden unermüdlich im Dienste des Staates und erreichte die höchsten Ämter. Als Zensor übte er gegen alle Bürger, selbst die vornehmsten, welche sich ihres Standes unwürdig benommen hatten, eine unnachsichtige Strenge. Man nennt ihn deshalb, zum Unterschiede von dem gleichnamigen Gegner Cäsars, Censorius. Zur Prüfung einer Streitsache zwischen Karthago und Massinissa war er nach Afrika geschickt worden, und sah mit Erstaunen und Sorge, wie sehr sich die Stadt in dem halben Jahrhundert des Friedens wieder gehoben hatte. Handel und Verkehr blühten, die Volkszahl war so groß wie ehemals, der Kriegshafen voll von Schiffen und die Zeughäuser angefüllt mit Waffen und aller Art von Kriegsgerät. Seit dieser Zeit stimmte Cato für die Zerstörung Karthagos und fügte jedem Vortrage, den er im Senat hielt, die Worte hinzu: „Übrigens bin ich der Meinung, daß Karthago zerstört werden muß.“ Einst brachte er einige Feigen in die Senatsversammlung. Als die Senatoren deren Größe und Schönheit bewunderten, sagte er: „Diese Feigen sind erst vor drei Tagen in Karthago gepflückt worden; so schöne Frucht trägt dies feindliche Land, und so nahe sind wir ihm.“ Durch solche und ähnliche Künste suchte Cato den Senat für seinen Vorschlag zu gewinnen.

Vergeblich erhob sich im Senat ein lebhafter Widerspruch gegen ein so ungerechtes und zugleich unkluges Verfahren. Man besorgte mit Recht, daß die Kräfte der Römer erschlaffen oder sich gegen den Staat selbst richten würden, wenn sie nicht mehr durch Furcht vor der Nebenbuhlerin angespannt oder nach außen geleitet würden. Endlich drang jedoch Cato mit seiner Meinung durch. Als bald darauf Karthago, durch die unablässigen Übergriffe Massinissas gereizt, sich mit Waffengewalt gegen ihn erhob, benutzte der römische Senat diesen Anlaß, um die Stadt des Friedensbruches anzuklagen, und die Konsuln erhielten den Befehl, von Sicilien aus nach Afrika zu gehen und den Krieg gegen Karthago zu beginnen (149).

Als die Karthager davon hörten, gerieten sie in die größte Bestürzung. Im Gefühl ihrer Schwäche schickten sie zu wiederholten Malen Gesandte nach Rom und unterwarfen sich gänzlich dem Willen der Römer. Der Senat nahm ihre Unterwerfung an und befahl ihnen dreihundert Geiseln, Söhne ihrer vornehmsten Bürger, nach Sicilien zu bringen und den Konsuln Folge zu leisten. Die Geiseln wurden gestellt, aber die Konsuln segelten gleichwohl mit ihrem Heere nach Afrika. Bei der Ankunft eines so großen Heeres schickten die Karthager von neuem eine Gesandtschaft an die Konsuln, um sie zu fragen, was sie tun sollten, und mit dem Versprechen, daß sie alles zu tun bereit wären. Die Konsuln verlangten, die Karthager sollten ihre vorrätigen Schiffe, Waffen und Kriegsmaschinen ausliefern. Die Karthager stellten ihnen vor, daß sie von inneren und äußeren Feinden umgeben wären und also ihrer Waffen bedürften. Allein die Konsuln antworteten in stolzem Tone: „Rom wird für eure Sicherheit sorgen.“ Und Karthago gehorchte noch einmal. Die Schiffe wurden verbrannt, die Kriegsgeräte ausgeliefert. Ihre Zahl soll sich auf 200000 schwere Rüstungen und 3000 Katapulten (Wurfmaschinen) belaufen haben. Hierauf riefen die Konsuln die vornehmsten Senatoren der Karthager zu sich, um ihnen die letzten Befehle des römischen Senats zu eröffnen. Sie erschienen, ein ehrwürdiger Zug von dreißig Greisen, denen eine nicht minder ehrwürdige Anzahl von Priestern und vornehmen Männern folgte. Jetzt verlangten die Konsuln im Namen des Senats: die Karthager sollten ihre Stadt verlassen und eine andere bauen, die über 10000 Schritte weit vom Meer entfernt wäre Und keine Mauern hätte; denn das jetzige Karthago müsse dem Erdboden gleich gemacht werden.

Mit Entsetzen hörten die Abgeordneten diese furchtbaren Befehle, und brachen in so herzergreifendes Wehklagen aus, daß selbst das umstehende Kriegsvolk dadurch gerührt wurde. Aber die Konsuln blieben erbarmungslos, sie bestanden auf ihrer Forderung, und die Gesandten kehrten ganz entmutigt nach Karthago zurück. Hier aber, als sich die Schreckenskunde verbreitete, bemächtigte sich des Volkes eine rasende Wut und Verzweiflung. Die Wut wendete sich zuerst gegen diejenigen der Senatoren, die zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten. Andere ergriffen die Abgeordneten, steinigten sie und schleiften ihre Körper durch die Straßen der Stadt. Noch andere ermordeten alle anwesenden Italiker oder zogen mit Hohngelächter in die Tempel der Götter, die, wie sie sagten, nicht einmal Kraft genug zu ihrer eigenen Verteidigung hätten. Nur wenige behielten bei der allgemeinen Aufregung einige Besonnenheit. Diese verschlossen die Tore der Stadt und trugen eine große Menge Steine auf die Mauern, um damit wenigstens den ersten Angriff zurückzutreiben.

Als die Heftigkeit des ersten Schmerzes vorüber war, versammelten sich die Senatoren von neuem. Alle waren entschlossen ihre Stadt aufs äußerste zu verteidigen und entweder zu siegen oder zu sterben. Eine rastlose Tätigkeit begann und setzte alles in Bewegung. Die Verbrecher wurden aus den Gefängnissen erlöst, die Sklaven freigelassen, die Verbannten zurückgerufen und alle Einwohner zum Waffendienst verpflichtet. Aber nun fühlte man den Mangel an Waffen. Da wandelten sich alle Tempel und öffentlichen Gebäude in Werkstätten. Alle, ohne Unterschied des Standes und Alters, Männer und Weiber, arbeiteten Tag und Nacht an der Verfertigung von Waffen. Überall suchte man Eisen und Erz zusammen und nahm sogar den Gold- und Silberschmuck von den Bildnissen der Götter. Die Weiber schnitten ihre Haare ab, um daraus Stricke zu drehen. Bei einem solchen Eifer wurden täglich 140 Schilde, 300 Schwerter, 500 Lanzen und 1000 Wurfspeere verfertigt. Sogar fünfzig neue Kriegsschiffe wurden gebaut.

Die Konsuln hatten indessen mit ihrem Angriff gezögert. Als sie endlich heranrückten, um die Stadt mit Sturm zu nehmen, wurden sie zurückgeschlagen. Außerdem war Hasdrubal, ein verbannter Karthager, mit 20000 Vertriebenen zurückgekehrt. So verteidigten sich die Karthager zwei Jahre lang (149-147) mit verzweifeltem Mute, und alle Anstrengungen der römischen Feldherren blieben ohne Erfolg.

Da wählten die Römer, des langen Zauderns müde, den +P. Cornelius Scipio+ zum Konsul und übertrugen ihm den Oberbefehl gegen Karthago. Scipio fand ein zuchtloses und träges Heer; die Herstellung der Kriegszucht war daher seine erste Sorge. Dann legte er große Wälle und Dämme an, um den Karthagern die Zufuhr vom Lande und von der Seeseite her abzuschneiden. Aber die Karthager gruben auf der inneren Seite des Hafens eine neue Mündung ins Meer hinaus. Da sie die Arbeit ganz geheim betrieben hatten, so erstaunten die Belagerer nicht wenig, als sie eines Tages die Feinde mit 50 Kriegsschiffen heranfahren sahen. Scipio schlug sie jedoch in einem Seegefechte, und machte nun Anstalt zur Bestürmung der Stadt und rückte an die Mauer. Im Frühling des Jahres 146 erstürmte er zuerst den unteren Teil der Stadt, der an die Häfen stieß, während die Burg Byrsa und die zunächst anstoßenden Straßen noch von Feinden besetzt blieben. Hier waren die Häuser am höchsten und ein jedes mußte von den Römern, während die Punier Geschosse jeder Art schleuderten, mit stürmender Hand genommen werden. In den Straßen, in den Häusern, sogar auf den Dächern wurde gekämpft. Und als nun die äußerste Häuserreihe genommen war, befahl Scipio das ganze Quartier anzuzünden, um einen freien Raum für die Bestürmung der Burg selbst zu gewinnen. Sechs Tage vergingen, ehe die entsetzliche Verwüstung vollendet und die Trümmer- und Leichenhaufen weggeräumt waren. Am siebenten Tage kamen 25000 Frauen aus der Burg herab und baten um Schonung ihres Lebens. Scipio bewilligte ihre Bitte. Darauf kamen 30000 Männer und verlangten dieselbe Gnade. Noch wollte Hasdrubal, der Befehlshaber der Burg, nichts von Übergabe wissen. Mit Weib und Kind und mit 900 römischen Überläufern zog er sich zuletzt in das hohe Tempelgebäude des Äsculapius (des Gottes der Heilkunst) zurück. Als aber die Römer auch bis zu dieser äußersten Höhe herangerückt waren, verließ ihn der Mut. Ohne Mitwissen der anderen kam er mit einem Ölzweige in der Hand und bat zu Scipios Füßen um Frieden. Seine Gattin und die übrigen zündeten den Tempel an und stürzten sich in die Flammen. Die noch nicht zerstörten Teile der Stadt wurden darauf zur Plünderung den Truppen preisgegeben; nur die Beute der Tempel an Gold, Silber und Kunstwerken behielt Scipio für den öffentlichen Schatz. Die meisten Einwohner wurden als Sklaven verkauft; viele, unter ihnen auch Hasdrubal, wurden als Gefangene an einzelne italische Städte verteilt und von diesen bis zu ihrem Tode in Haft gehalten. Der Senat beschloß, daß Karthago dem Erdboden gleich gemacht und jeder verflucht sein sollte, der je die Stätte desselben wieder bebauen würde. Nach diesem Beschluß wurden auch die noch stehenden Reste der Stadt angezündet. Siebzehn Tage brannte die vorher von 700000 Menschen bevölkerte, über 700 Jahre alte gewaltige Stadt. Eines Tages beschaute Scipio an der Seite seines Freundes, des griechischen Geschichtschreibers Polybios, von einer Anhöhe aus die rauchenden Trümmer der Stadt, deren Flotten einst die Meere beherrscht hatten. Eine tiefe Wehmut ergriff ihn, da er der Hinfälligkeit aller Menschenmacht und Menschenglückes gedachte, und er erinnerte sich und die Freunde jener Worte, die der Dichter Homer dem Priamos in den Mund legt:

Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt, Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs.

Scipio erhielt von der Zerstörung Karthagos den Ehrennamen Africanus, und wird, um ihn von dem älteren Scipio, dem Sieger bei Zama, zu unterscheiden, der jüngere Afrikaner (~Africanus minor~) genannt. Das Gebiet Karthagos ward unter dem Namen Afrika eine römische Provinz.

In demselben Jahre, als Karthago fiel, wurde auch Makedonien in eine römische Provinz verwandelt, und auch das freie Griechenland infolge einer Empörung unter den Statthalter von Makedonien gestellt, nachdem die große und reiche Stadt Korinth durch den Konsul +Mummius+ erobert und zerstört worden war (146).

Nachdem Scipio zwölf Jahre in Ruhe und Muße, mit den Wissenschaften beschäftigt, gelebt hatte, wurde ihm eine neue Gelegenheit zu kriegerischer Auszeichnung zuteil. Die Veranlassung zu diesem neuen siegreichen Feldzug bot der Kampf gegen die Stadt +Numántia+ in Spanien.

In dieser Provinz hatte die Habsucht, die Willkür und rohe Grausamkeit der römischen Statthalter, von denen einer sogar wehrlos versammelte Einwohner, die sich unterwarfen, niederhauen ließ, eine allgemeine Empörung erregt. An die Spitze stellte sich +Viriáthus+, ein kühner Lusitanier. Gewöhnt an ein freies Leben im Gebirge, abgehärtet, gewandt, kräftig von Körper, keine Gefahr scheuend, geliebt von seinen Landsleuten, vertraut mit dem Boden seines bergigen Vaterlandes, verstand er sein Volk zum Kampf für die Freiheit zu begeistern. So verteidigte er sich acht Jahre lang (148-140) gegen die römischen Feldherren, bis er endlich durch Meuchelmord fiel.

Aber auch nach seinem Tode dauerte der Freiheitskampf der Spanier fort. Den heftigsten Widerstand leistete zuletzt die Stadt +Numántia+. Sie lag auf der altkastilischen Hochebene, am Flusse Durius (Dūero), auf steiler Höhe, von Talschluchten und Wäldern umgeben; Wälle und Gräben schützten den einzigen Zugang aus der Ebene. Die keltiberischen Einwohner, unter ihnen gegen 8000 wehrhafte Männer, waren wegen ihrer kriegerischen Tüchtigkeit bekannt. Schon sieben Jahre lang hatten sie sich gegen die römischen Angriffe behauptet, und in Rom begann man unruhig und besorgt zu werden. Man zieh die bisherigen Führer der Unfähigkeit oder des Verrats und meinte, nur Scipio, der Zerstörer Karthagos, könne hier helfen. So übertrug ihm das Volk den Heerbefehl in Spanien (134).

Bei seiner Ankunft im Lager fand er die Kriegszucht im Heere gänzlich erschlafft; im Lager wimmelte es von Krämern, Schenkwirten und Gesindel; die Soldaten lebten nur in Lust und Spiel. Die Herstellung der alten Mannszucht beschäftigte ihn daher ein ganzes Jahr. Er übte die der Arbeit entwöhnten Soldaten unaufhörlich und mit unerbittlicher Strenge im Lagerbau, Lasttragen, Marschieren, in Manövern und Streifzügen. Da er die Stadt auszuhungern gedachte, so vermied er einen Sturm, rückte aber immer näher an sie heran, schloß sie mit Wall und Graben ein und schnitt ihr so von allen Seiten die Zufuhr ab. Da der reißende Strom des Duero die Linie der Einschließung unterbrach und den Bau einer Brücke nicht zuließ, so baute er an beiden Ufern Kastelle, von denen aus schwere, mit Seilen aneinander hangende Balken, die rundum von Sicheln und eisernen Spitzen starrten, über das Wasser von einer Seite zur andern gespannt wurden, so daß man weder schwimmend noch fahrend den Fluß hinabkommen konnte. Das Heer hatte Scipio bis auf 60000 Mann gebracht und die Belagerten bei mehrmaligen Ausfällen mit großem Verlust zurückgeschlagen. Schon währte die Belagerung fünfzehn Monate; die Hungersnot wütete unter den Numantinern; Gras und das Lederwerk von den Waffen dienten zur Nahrung; man verzehrte Leichname, und die Mütter schlachteten zuletzt ihre Kinder. Endlich baten die Belagerten um Frieden. Aber Scipio verlangte Übergabe auf Gnade oder Ungnade. Die Gesandten, welche diesen Bescheid brachten, wurden von den verzweifelten Einwohnern erschlagen; dennoch blieb ihnen nichts anderes übrig. Sie öffneten die Tore, baten aber die Römer erst am dritten Tage einzuziehen. Diese Frist benutzte ein Teil der Einwohner sich durch freiwilligen Tod der Knechtschaft zu entziehen. Der kleine Rest, von Elend und Krankheit furchtbar entstellt, ergab sich dem Sieger. Sie wurden als Sklaven verkauft; nur fünfzig sparte Scipio für seinen Triumph auf. Die Stadt wurde gänzlich zerstört. Scipio erhielt von dieser Eroberung einen zweiten Beinamen, +Numantīnus+.

Als er nach Rom zurückgekehrt war, stand er in den dort ausgebrochenen blutigen Parteikämpfen auf der Seite des Adels gegen die von den Gracchen geführte Demokratie, bis er, wahrscheinlich ein Opfer des Parteihasses, starb. Nachdem er in einer Volksversammlung eine dem Volkswillen abgünstige Rede gehalten, fand man ihn am folgenden Tage tot im Bette; der Dolch eines Meuchelmörders hatte ihn getroffen (129). Wer die Tat verübt und auf wessen Anstiften, ist niemals aufgehellt worden.

XXII.

Die beiden Gracchen.

Jener Tiberius Sempronius Gracchus, der sich des älteren Scipio gegen seine Ankläger angenommen hatte (S. 91), vermählte sich in der Folge mit dessen Tochter +Cornelia+. Einst, erzählt man, ergriff er auf seinem Lager ein Paar Schlangen. Die Wahrsager, über dies schreckhafte Zeichen befragt, erklärten, daß, wenn das männliche Tier getötet würde, dies dem Tiberius, der Tod des weiblichen aber der Cornelia den Tod bringen werde. Da ließ Tiberius, in edler Gattenliebe, das männliche töten, das andere aber verschonen, und nicht lange hernach starb er. Cornelia aber gab ihren beiden Söhnen +Tiberius+ und +Gajus+, und ihrer Tochter Sempronia, die sich später mit dem jüngeren Scipio Africanus vermählte, die sorgfältigste Erziehung. Einst erhielt sie den Besuch einer vornehmen Campanerin, welche ihren reichen Schmuck von Gold und kostbaren Steinen vor ihr ausbreitete. Als sie dann Cornelia bat, sie möchte ihr nun auch den ihrigen zeigen, da ließ die stolze Römerin ihre beiden Söhne kommen und sagte, auf sie hinweisend: „Diese sind mein Schmuck, meine Kleinodien.“

Zum Jüngling herangewachsen, machte der ältere, +Tiberius Sempronius Gracchus+, mit seinem Schwager Scipio als dessen Zeltgenosse den Kriegszug gegen Karthago mit. Er zeichnete sich hier durch Pflichttreue und Tapferkeit aus und erstieg zuerst von den Römern die Mauer der Stadt. Später ging er als Quästor (Schatzmeister) mit dem Konsul Mancīnus nach Spanien in den Krieg gegen die Numantiner. Als dieser ungeschickte Feldherr einst, nach vielen großen Verlusten, aufbrechen und das Lager verlassen wollte, wurde er mit seinem ganzen Heere von den Numantinern eingeschlossen und in Gegenden gedrängt, die keine Flucht zuließen. Mancinus, an aller Rettung verzweifelnd, schickte Gesandte an die Numantiner um Waffenstillstand und Friedensunterhandlungen. Die Numantiner erklärten, daß sie allein zu Tiberius Vertrauen hätten und nur mit ihm unterhandeln wollten. So ward denn Tiberius gesandt, und er schloß mit den Feinden einen Friedensvertrag, der dem römischen Staate 20000 Bürger rettete. Als er aber nach Rom zurückkehrte, ward der ganze Vertrag vom Senate verworfen, und der Beschluß gefaßt, daß alle Befehlshaber, die sich an dem Abschluß des schmachvollen Vertrages beteiligt hätten, dem Feinde ausgeliefert werden sollten. Doch des Tiberius menschenfreundliche Denkungsart, sein leutseliges Wesen und seine Rechtlichkeit hatten ihm bereits die Volksgunst in solchem Grade gewonnen, daß seine Auslieferung abgelehnt wurde. So wurde nur der Konsul Mancinus ausgeliefert, aber die Numantiner waren edelmütig genug dieses Sühnopfer des Vertragsbruchs nicht anzunehmen und den unglücklichen Mann unverletzt zu entlassen.

Doch nicht seine Taten im Felde, sondern seine Wirksamkeit im Staate war es, die den Tiberius berühmt gemacht hat. Schon früh hatte Cornelia den Ehrgeiz ihrer Söhne geweckt und genährt. „Warum rühmt man mich“, sagte sie zu ihnen, „immer nur als die Schwiegermutter des Scipio und nicht auch als die Mutter der Gracchen? Den Kriegsruhm eures Schwagers werdet ihr einst übertreffen oder erreichen; aber eine andere nicht minder ehrenvolle Laufbahn steht euch offen, durch weise Gesetze für das gemeine Wohl des Volkes zu sorgen.“

Diesen von der Mutter angedeuteten Weg schlug jetzt Tiberius ein. Erbittert durch den ihm in der numantinischen Sache angetanen Schimpf, wandte er sich von seinen adligen Standesgenossen ab, um fortan die Sache des Volkes zu vertreten und die Vorherrschaft des Adels im Staate und in der Ausnutzung des Staatsgutes zu bekämpfen. Zu diesem Zwecke bewarb er sich um das Volkstribunat für das Jahr 133, und ward unter großem Beifall des Volkes gewählt, das seit langer Zeit von gärender Unzufriedenheit erfüllt war.

Der Grund bestand darin, daß bei weitem der größte Teil alles Landes in Italien in den Besitz der reichen herrschenden Familien, der Optimaten, gekommen war, während die große Masse der eigentlichen Bauern mehr und mehr verarmt war und ihre kleinen Höfe verkaufen oder ihren harten Gläubigern überlassen mußten. Und doch waren sie es, die in den unaufhörlichen Kriegen Roms den Kern des Heeres bildeten und ihr Blut für die Eroberungen des Staates vergossen. Um nun dieser für den Bestand des Staates so wichtigen Klasse von Bürgern einen neuen Grundbesitz zu verschaffen, erneuerte Tiberius als Volkstribun jenes alte licinische Gesetz (S. 47), daß kein Bürger mehr als 500 Morgen des ursprünglich dem Staate gehörigen Landes (~ager publicus~) besitzen sollte. Dies Land war nämlich den unterworfenen Städten und Gemeinden Italiens abgenommen und als Eigentum des römischen Staates gegen geringen Pachtzins an vornehme römische Bürger vergeben worden und bildete einen großen Teil alles anbaufähigen Landes der Halbinsel. Der Staat hatte demnach das Recht diesen Besitz zurückzunehmen oder einzuschränken, zumal er nur den großen Familien zugute kam. Jedoch erlaubte das neue Gesetz, daß ein Familienvater für jeden Sohn, der noch unter seiner Aufsicht lebte, 250 Morgen mehr besitzen dürfe. Alles übrige Land sollte eingezogen und, zu kleinen Gütern vermessen, unter die besitzlosen Bürger verteilt werden. Um dieses Gesetz durchzuführen, verband sich Tiberius mit einer Anzahl der angesehensten und wohlmeinendsten Männer, welche seine politischen Ansichten teilten; unter ihnen war sein Schwiegervater Appius Claudius, der Oberpriester Crassus und der große Rechtsgelehrte Mucius Scävola.

Es war natürlich, daß Tiberius durch seinen Vorschlag die Gunst des Volkes in vollstem Maße gewann, dagegen aber auch den Haß und den Widerstand der herrschenden Partei aufs heftigste reizte. Mit hinreißender Beredsamkeit schilderte er die traurige Lage des armen Volkes: „Die Tiere des Feldes und Waldes haben ihre Gruben und Nester, und jedes findet eine Stätte zum Ruhen. Aber die Männer, die für Italien bluten und sterben, haben nur Anteil an Luft und Licht; ohne Häuser, ohne feste Wohnsitze irren sie umher mit Weib und Kind. Was will es noch bedeuten, daß der Heerführer seine Krieger, wenn es in die Schlacht geht, ermahnt, für Haus und Herd und die Gräber ihrer Väter zu fechten? Keiner von all den Tausenden besitzt mehr die Stelle, da einst die Hausgötter seiner Vorfahren standen, oder wo ihre Väter begraben liegen. Für anderer Wohlleben und Reichtum kämpfen und fallen sie, und werden Herren der Welt genannt, die doch selbst keine Scholle mehr zu eigen besitzen.“

Gegen den Vorschlag des Tiberius erhob sich, wie zu erwarten gewesen, der heftigste Widerstand, und die Erbitterung der Gemüter stieg auf beiden Seiten, bis endlich der Tag herannahte, an welchem in der Volksversammlung über das Gesetz abgestimmt werden sollte. Als Tiberius an diesem Tage seinen Vorschlag noch einmal dem Volke vortrug, trat plötzlich ein anderer Tribun, +Octavius+, auf und hinderte durch seine Einsprache die Verlesung des Vorschlags und die Abstimmung darüber. Diesen Tribunen hatten die Optimaten für sich gewonnen, da sie sonst kein Mittel hatten, das Gesetz, das ihrer schrankenlosen Habsucht Grenzen setzte, zu hintertreiben. Denn nach dem geltenden Rechte konnte kein Vorschlag Gesetzkraft erhalten, wenn auch nur einer der zehn Tribunen dagegen Einspruch tat.