Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form

Part 1

Chapter 13,157 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1904 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn die jeweiligen Formen mehrmals bzw. gleich oft im Text vorkommen.

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Erzählungen

aus der

alten Geschichte.

Von

Prof. ~Dr.~ Ludw. Stacke.

II. Teil. 27. Auflage.

Römische Geschichten.

Oldenburg, 1904.

Druck und Verlag von Gerhard Stalling.

Erzählungen

aus der

Römischen Geschichte

in biographischer Form.

Von

Prof. ~Dr.~ Ludwig Stacke.

Siebenundzwanzigste, verbesserte Auflage.

Oldenburg. Druck und Verlag von Gerhard Stalling. 1904.

Aus dem Vorwort zur 1. Auflage.

Dieses zweite Bändchen meiner Erzählungen enthält eine Auswahl derjenigen Momente der römischen Geschichte, welche für den biographischen Unterricht geeignet schienen. Die eigenen Worte der Quellen anzuführen, wie ich es im ersten Bändchen, namentlich mit den aus Herodotos gewählten Erzählungen getan habe, war hier fast ganz unstatthaft; dagegen sind angemessene Darstellungen aus neueren quellenmäßigen Bearbeitungen, wenn sie sich für meinen Zweck eigneten, ganz oder teilweise aufgenommen worden. -- Über Marc Aurel hinaus mochte ich die Erzählungen nicht fortsetzen; auch die Zeiten des Unterganges des Reiches sind in dem angehängten +Schluß+ nur sehr übersichtlich berührt, weil man mit dem Auftreten der Germanen zweckmäßiger die Geschichte des Mittelalters eröffnet.

~Dr.~ =Stacke=.

Vorwort zur 25. Auflage.

Nach denselben Gesichtspunkten, wie bei der letzten Auflage der „Erzählungen aus der römischen Geschichte“, ist auch bei der Bearbeitung des vorliegenden Bändchens verfahren worden. Man wird die Tätigkeit der nachbessernden, ergänzenden oder berichtigenden Hand auf jeder Seite gewahren. Unverändert dagegen ist die Grundanlage und die Auswahl des Stoffes geblieben, mit der einen, schon bei dem griechischen Teil der Erzählungen eingeführten Ausnahme, daß die seit der 8. Auflage zugefügte „Geographische Überschrift des alten Italiens“ durch eine kurze historisch geographische Einleitung in die Geschichte Roms ersetzt worden ist.

+Oldenburg+, im März 1898.

~Dr.~ =H. Stein=.

Vorwort zur 27. Auflage.

Die erneuerte Durchsicht hat bei dieser Auflage, außer vielfachen kleineren, meist formalen Nachbesserungen, auch einige erhebliche Erweiterungen und Ergänzungen zur Folge gehabt, durch welche der Umfang des Bändchens um zehn Seiten gewachsen ist.

+Oldenburg+, im Juni 1904.

~Dr.~ =H. Stein=.

Inhalt.

Seite.

+Einleitung+ 1

+Rom unter Königsherrschaft.+

I. Gründung Roms. König Romulus (754-717 v. Chr.) 3

II. König Numa Pompilius (716-673 v. Chr.) 9

III. König Tullus Hostilius (673-641 v. Chr.) 10

IV. König Ancus Marcius (641-617 v. Chr.) 13

V. König Tarquinius Priscus (617-578 v. Chr.) 15

VI. König Servius Tullius (578-534 v. Chr.) 17

VII. König Tarquinius Superbus (534-510 v. Chr.) 20

+Rom als Republik.+

VIII. Brutus, erster Konsul der Römer (506 v. Chr.) 25

IX. Krieg mit König Porsenna 27

X. Innerer Zwist. Menenius Agrippa und C. Marcius Coriolanus 29

XI. Untergang der Fabier (477 v. Chr.) 32

XII. Appius Claudius und die Decemvirn (451-449 v. Chr.) 35

XIII. M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier 38

XIV. Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus. -- M. Curtius 44

XV. Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der Plebs 45

XVI. Die zwei ersten Samniterkriege. -- P. Decius. -- Papirius Cursor. -- Der Samniter Pontius 48

XVII. Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg. Titus Manlius. Die beiden Decius Mus 53

XVIII. Pyrrhus, König von Epirus 55

XIX. Der erste punische Krieg (264-241). Gajus Duilius. M. Atilius Regulus 60

XX. Der zweite punische Krieg (219-201). Hannibal.

1. Hannibals erstes Auftreten 63

2. Hannibals Zug nach Italien 66

3. Hannibals Siege am Ticinus und an der Trebia 70

4. Schlacht am trasimenischen See 73

5. Hannibal gegen Fabius Cunctator 76

6. Die Schlacht bei Cannä (216) 78

7. Hannibal und Marcellus 81

8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei Zama (202) 84

9. Hannibals und Scipios Ausgang 88

XXI. Kriege gegen Makedonien. -- Ämilius Paulus. -- Scipio Africanus der Jüngere. -- Karthagos Zerstörung 91

XXII. Die beiden Gracchen 100

XXIII. Gajus Marius. -- Jugurtha. -- Cimbernkrieg 111

XXIV. Der erste Bürgerkrieg. Sulla und Marius.

1. Sulla, Feldherr gegen Mithridates, vertreibt den Marius 119

2. Flucht des Marius 122

3. Sullas Krieg gegen Mithridates 124

4. Cinna in Rom. Marius’ Rückkehr und Tod 127

5. Sullas Rückkehr und Proskriptionen. Sein Tod 128

XXV. Pompejus Magnus.

1. Sein erstes Auftreten 131

2. Pompejus gegen Sertorius 133

3. Pompejus besiegt die Reste des Sklavenaufstandes 136

4. Pompejus besiegt die Seeräuber 139

5. Pompejus in Asien 141

XXVI. Cicero 147

XXVII. Julius Cäsar. Der zweite Bürgerkrieg.

1. Cäsar bis zum Kampfe gegen Pompejus 151

2. Cäsars Kampf gegen Pompejus (49-48) 157

3. Cäsar in Afrika. Catos Tod 166

4. Cäsars fernere Taten und Tod 170

XXVIII. Der dritte Bürgerkrieg. Marcus Antonius und Cäsar Octavianus 177

XXIX. Cäsar Octavianus als Augustus.

1. Augustus’ Regierung (30 v. Chr.-14 n. Chr.) 188

2. Kriege gegen die Deutschen. Arminius, Deutschlands Befreier 191

XXX. Kaiser Tiberius (14-37 n. Chr.) 199

XXXI. Die Kaiser Gajus Caligula (37-41) und Tiberius Claudius Cäsar (41-54) 202

XXXII. Nero (54-68) 204

XXXIII. Flavius Vespasianus (69-79). Seine Söhne Titus (79-81) und Domitianus (81-96) 208

XXXIV. Die glücklichste Periode der römischen Kaiserherrschaft: Nerva, Trajanus, Hadrianus und die beiden Antonine (96-180) 213

XXXV. Bis zum Ausgange des weströmischen Reiches (180-476) 218

Einleitung.

Das römische Reich (~imperium Romanum~), das zur Zeit der Geburt Christi alle Länder am Mittelmeer umfaßte und später sich noch weiter nach Norden und Osten ausdehnte, ist benannt nach der Stadt Rom (~Roma~), in der es seinen Ursprung und bis zum Beginn des Mittelalters seine Hauptstadt hatte. Wann und wie diese Stadt entstanden ist, weiß man nicht mit Gewißheit. Die Römer selber setzten die Zeit ihrer Gründung in das Jahr 754 vor Christi Geburt, und nannten ihren Gründer und ersten Beherrscher Rómulus.

Ihre Lage war trefflich gewählt, sowohl zum Verkehr mit dem Binnenlande als mit dem Meere. Da wo die Tiber (~Tiberis~), der an sich nicht bedeutende, aber unter allen Flüssen des mittleren und unteren Italiens bedeutendste Fluß, seinen raschen Lauf zwischen Bergen und Hügeln beendet und in den flachen Küstenrand hinaustritt, an einer Stelle, die in alter Zeit auch Seeschiffe erreichen konnten, drei Meilen vom Meer, lagen die ältesten Teile der Stadt auf den Hügeln an der linken Flußseite. Ihr Gebiet gehörte zu der fruchtbaren teils hügeligen, teils ebenen Landschaft +Látium+, der heutigen Campagna, über welche sie zuerst ihre Herrschaft ausdehnte. Diese Landschaft bewohnten die Latiner (~Latini~), ein Volksstamm, der nach Abstammung, Sprache und Sitten verwandt war mit den andern umwohnenden Stämmen des mittlern Italiens, den Umbrern, Marsern, Sabinern, Volskern, Samniten oder Sabellern, Oskern. Alle diese Stämme, unter denen neben dem latinischen der samnitische der angesehenste war, gehörten einem Volke an, das mit dem hellenischen oder griechischen stammverwandt war und ein Glied jener alten Völkerfamilie bildete, zu der die Inder, Perser, Germanen, Kelten und Slaven gezählt werden.

Aber nicht alle Nachbarn Roms waren gleichen Stammes. Nordwestlich von Latium, zwischen dem Meer und den umbrischen Bergen, im heutigen Toskana, und jenseits des Apennin bis in die Ebenen des Po (~Padus~) saß das mächtige, betriebsame Volk der Etrusker oder Etrurier (~Tusci~), über dessen Sprache und Herkunft man noch nichts sicheres weiß.

An den Küsten des südlichen Italiens, in den fruchtbaren Landschaften Campanien, Lucanien, Bruttium und Calabrien, hatten sich seit alter Zeit zahlreiche griechische Einwanderer angesiedelt, deren Städte zu solcher Blüte gelangten, daß man diesen Teil Unteritaliens als das „Große Griechenland“ (~Graecia magna~) bezeichnete.

Der Name Italien (~Italia~) selbst war ursprünglich auf die kleine Landspitze beschränkt, welche der Insel Sicilien gegenüber liegt, und wurde erst allmählich auf die nördlichen Landschaften, zuletzt auch auf das Gebiet zwischen Apennin und Alpen ausgedehnt.

Rom blieb in den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte den Griechen fast unbekannt. Um die Zeit, da Athen die Welt mit dem Glanz seiner Macht und seiner Bildung erfüllte, wußten die griechischen Geschichtschreiber noch nichts von der zukünftigen Beherrscherin der Welt zu berichten. Und da die Römer selber erst verhältnismäßig spät, seit dem dritten Jahrhunderte vor Christi Geburt, anfingen sich eine höhere Bildung anzueignen und Schriften über ihre Geschichte zu verfassen, so sind die Nachrichten über die früheren Zeiten lückenhaft und unsicher geblieben. Insbesondere ist das meiste von dem, was spätere römische und griechische Geschichtschreiber über die Gründung der Stadt und die Jahrhunderte der Königsherrschaft zu erzählen wußten, teils dunkle und ungewisse Sage, teils willkürliche Erdichtung.

Rom unter Königsherrschaft.

I.

Die Gründung Roms. König Romulus.

(754-717 v. Chr.)

Bei der Zerstörung Trojas war +Änēas+, der Sohn des Anchīses und der Göttin Venus, dem allgemeinen Verderben entronnen. Göttersprüchen vertrauend, durchsegelte er mit seinen Gefährten das weite Meer, um sich im fernen Westen eine neue Heimat zu suchen. Nach jahrelangen Irrfahrten, auf denen er wunderbare Abenteuer und Mühseligkeiten aller Art zu bestehen hatte, landete er endlich an der Westküste Italiens, südlich von der Tibermündung, in der Landschaft Latium. Hier wohnten die Aboriginer (d. h. Ureinwohner), über welche König +Latīnus+ herrschte. Die göttliche Abkunft des Äneas, sein mit Heldenmut und frommer Zuversicht ertragenes Geschick, die wackere Haltung seiner Genossen, und ihre Bitte im Lande bleiben zu dürfen, bewogen den König die Fremdlinge freundlich aufzunehmen und nicht lange nachher dem Äneas seine Tochter +Lavinia+ zur Gattin zu geben. Dieser baute eine Stadt, die er nach dem Namen seiner Gattin Lavinium nannte. Aber der Bund des Königs mit den Fremden hatte alsbald eine harte Probe zu bestehen. +Turnus+, König der benachbarten Rútuler, dem Lavinia früher verlobt gewesen, ertrug es nicht, daß ihm der heimatlose Äneas vorgezogen worden, und beschloß Rache zu nehmen. Es kam zum Krieg, auf der einen Seite stand Turnus mit seinen Rutulern, auf der andern die Aboriginer und Trojaner unter Latinus und Äneas. Turnus ward geschlagen, aber die Trojaner und Aboriginer hatten den Verlust des Latinus, der im Treffen geblieben war, zu beklagen. Nun ward Äneas König und verband Trojaner und Aboriginer, die einander an Treue und Liebe zu ihrem Herrscher nichts nachgaben, zu einem einzigen Volke unter dem Namen +Latiner+. Im Vertrauen auf die Zuneigung seines Volkes konnte Äneas der Erneuerung des Kampfes ruhig entgegensehen. Denn Turnus, an seiner eigenen Kraft verzweifelnd, hatte sich mit +Mezentius+, dem König der damals mächtigen Etrusker, verbunden, und beide drohten dem neuen Staate den Untergang. Auch in diesem Kriege waren die Latiner siegreich; aber wiederum hatten sie den Sieg mit dem Verlust ihres Königs erkauft: Äneas war im Kampfe gefallen.

Sein Volk erwies ihm göttliche Ehren; sein Sohn +Ascánius+ folgte ihm in der Herrschaft. Unter ihm kam der Friede zwischen Latinern und Etruskern zustande, und die Tiber bildete fortan die Grenze beider Völker. Die von Äneas gegründete Stadt Lavinium blühte herrlich auf und faßte bald die Menge ihrer Bewohner nicht mehr. Da überließ Ascanius Lavinium seiner Mutter und gründete am Fuße des Albanerberges eine neue Stadt, die er +Alba Longa+ nannte, wo seine Nachkommen als Könige über die ganze ringsum sich ausbreitende Landschaft herrschten.

Einer dieser Könige von Alba Longa, Procas, hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere +Númitor+, der jüngere +Amúlius+ hieß. Numitor folgte anfangs seinem Vater in der Regierung; doch bald verdrängte Amulius seinen Bruder, ließ dessen Sohn töten, die Tochter Rhea Silvia zur Priesterin der Göttin Vesta wählen, in deren Dienst sie unvermählt bis zum Lebensende verbleiben sollte. Denn er besorgte, daß ihre Kinder einst den Verlust des Thrones an ihm rächen könnten. Doch Rhea Silvia gebar zwei Knaben, +Rómulus+ und +Remus+, als deren Vater die Sage den Kriegsgott Mars nannte. Auf diese Kunde befahl Amulius die Priesterin in den Fluß Anio zu stürzen, in dessen Fluten sie zur Göttin ward, die Zwillinge aber in die nahe Tiber zu werfen. Allein damals war gerade die Tiber über ihre Ufer getreten, und die königlichen Diener setzten die Knaben in einer Wanne in das ausgetretene Wasser am Fuße des Berges Palatium. Als sich das Wasser verlaufen hatte, blieb die Wanne auf dem Trockenen stehen. Da kam, durch das Gewimmer der Kinder herbeigelockt, eine Wölfin, die sich ihrer erbarmte und sie säugte, während ein Specht, des Mars heiliger Vogel, ihnen Speise zutrug. Dieses seltsame Schauspiel gewahrte Faústulus, ein Hirt der königlichen Herden, er sah darin eine göttliche Fügung, nahm die Kleinen und brachte sie seiner Frau, Acca Larentia, um sie zu ernähren und aufzuziehen. Er forschte ihrer Herkunft nach, erkannte, daß sie die Enkel des Numitor seien, schwieg aber aus Furcht vor der Rache des Königs.

So wuchsen Romulus und Remus unter den Hirten am Ufer der Tiber zu rüstigen Jünglingen heran, und übten gemeinsam mit den Hirtensöhnen ihre Kraft in der Jagd auf wilde Tiere, bald auch in Angriffen auf die in der Nachbarschaft hausenden Räuber, denen sie ihre Beute entrissen. Darüber aufgebracht, stellten die Räuber den Brüder nach, und eines Tages, als die Hirten sich den Freuden eines Festes hingaben, gelang es ihnen beide zu überfallen. Romulus schlug sich durch; den Remus führten sie gefangen zum König, unter der Anklage, daß er mit seinem Bruder die Herden des Numitor beraubt habe. Der König übergab deshalb den Gefangenen seinem Bruder, dem Numitor, den er einst vom Thron gestoßen hatte, zur Bestrafung. Diese Gelegenheit benutzte Faustulus, um das über der Herkunft der beiden Jünglinge ruhende Geheimnis ihrem Großvater zu offenbaren.

Als Numitor seine Enkel anerkannt hatte, faßten diese den Entschluß, an Amulius Rache zu nehmen. Sie drangen auf verschiedenen Wegen in die Stadt Alba Longa, griffen die Königsburg an, erschlugen den Amulius, und setzten ihren Großvater wieder als König ein.

Nun beschlossen beide Brüder auf dem Palatium, dem Orte, wo sie ausgesetzt und erzogen worden waren, eine neue Stadt zu gründen. Zahlreiche Jünglinge aus Alba Longa und anderen latinischen Städten, auch ihre Gespielen unter den Hirten sammelten sich unter ihrer Führung. Aber schon bevor die Stadt erbaut war, erhob sich über ihre Benennung und Beherrschung zwischen beiden Brüdern ein heftiger Streit, dessen Entscheidung sie den Göttern anheimstellten. Aus dem Fluge der Vögel suchten sie, nach landesüblichem Brauche, den Willen der Götter zu erkennen. Zu diesem Zwecke begab sich Romulus auf den palatinischen, Remus auf den nahe gelegenen aventinischen Berg. Zuerst erschienen dem Remus sechs Geier. Allein kaum hatte er dieses Zeichen dem Romulus gemeldet, als diesem zwölf Geier erschienen und zugleich Blitz und Donner folgten. Da entstand ein neuer Streit, weil jeder sein Zeichen für das bessere hielt; Remus, weil er zuerst sechs Geier gesehen hatte, Romulus, weil ihm die doppelte Anzahl erschienen war. Von Worten kam es zum Kampf, und Remus fiel im Getümmel. Eine andere Sage berichtet, Remus sei, um seinen Bruder zu verhöhnen, über die noch niedrigen Mauern der neuen Stadt gesprungen, und deshalb habe ihn Romulus mit den Worten erschlagen: „So geschehe jedem, der über meine Mauern springt!“

Als Jahr der Gründung Roms galt bei den späteren Römern das Jahr 754 vor Christi Geburt, und der 21. April, an dem das Hirtenfest der Palilien gefeiert wurde, als der Stiftungstag.

Um die Bevölkerung der neuen Stadt zu vermehren, eröffnete Romulus eine Freistätte (Asyl) für heimatlose Leute jeder Art, und nun strömten zahlreiche Haufen von Verbannten, Verbrecher und Schuldlose, Freie und Knechte, nach Rom. Aus der ganzen Bevölkerung wählte der König die hundert Ältesten und Angesehensten und bildete aus ihnen einen Senat (~senatus~, „Rat der Alten“), um mit ihm die gemeinsamen Angelegenheiten zu beraten und zu leiten. Auch sorgte er für die notwendigsten Gesetze und für Einrichtung des Götterdienstes.

Aber noch fehlte es der neuen Stadtgemeinde an Frauen. Um diese zu erhalten, schickte Romulus an die benachbarten Gemeinden Gesandte und ließ sie bitten mit seinem Volke eheliche Verbindungen einzugehen. Allein die Gesandten wurden überall mit Hohn abgewiesen und gefragt, warum zu Rom nicht auch eine Freistätte für heimatlose Frauen eröffnet würde. Diese Zurückweisung kränkte den Romulus; er beschloß durch List und Gewalt zu rauben, was man seinen Bitten abgeschlagen hatte. Er ließ ein Fest mit Kampfspielen zu Ehren des Meergottes Neptūnus veranstalten und alle Nachbarn dazu einladen. Und sie kamen, von der Schaulust getrieben, in großen Haufen mit ihren Weibern und Kindern, besonders zahlreich die Sabiner aus den benachbarten Tälern und Bergen des Apennin. Aber mitten unter den Spielen fielen die römischen Jünglinge mit bloßen Schwertern über die Fremden her, und während diese überrascht und erschrocken von dannen eilten, griff sich ein jeder der Römer eines der Mädchen und trug es als sein zukünftiges Weib nach seinem Hause.

Die verwegene Tat brachte alle Städte, die davon betroffen waren, unter die Waffen gegen die Räuber. Sie verbanden sich zu gemeinsamer Rache. Aber noch ehe die Sabiner völlig gerüstet waren, begannen die übrigen vereinzelt den Krieg, und Romulus schlug sie nach einander mit überlegener Macht.

Viel schwerer war der Kampf mit +Titus Tatius+, dem König der Sabiner. Dieser fiel nicht nur mit einem Heere von 25000 Mann zu Fuß und 1000 Mann zu Pferde in das römische Gebiet ein, sondern bemächtigte sich auch der auf dem Kapitolium gelegenen Burg durch folgende List. +Tarpeja+, die Tochter des Befehlshabers der Burg, war ausgegangen, um Wasser zu holen, und den Feinden in die Hände gefallen. Sie versprach ihnen die Burg zu öffnen, wenn ihr die Sabiner das gäben, was sie am linken Arm trügen. Sie meinte damit die goldenen Armbänder und Spangen. Nun trugen aber die Sabiner nicht nur diese, sondern auch ihre Schilde am linken Arm. Als daher Tarpeja den Feinden die Tore geöffnet hatte, sollen diese, um Betrug durch Betrug zu bestrafen, ihre Schilde über die Verräterin geworfen und sie so getötet haben. Von dieser Tarpeja ward in der Folge der steilste Teil des kapitolinischen Hügels der tarpejische Fels genannt, und noch heutzutage herrscht zu Rom der Volksglaube, die schöne Tarpeja hause tief im Berge verzaubert, mit Gold und Geschmeide bedeckt.

Am Tage nach der Besetzung des Kapitoliums rückten die Römer heran, die verlorene Burg wieder zu erobern; auch die Sabiner stiegen herab, und der Kampf begann. Nach heftigem Widerstand wichen endlich die Römer, und Romulus selbst ward von den Fliehenden fortgerissen. Da erhob er seine Hände gen Himmel und gelobte dem Jupiter, wenn er die Flucht der Seinigen hemme (~Jupiter Stator~), einen Tempel. Sofort standen die Römer und erneuerten das Treffen; der Sieg wandte sich auf ihre Seite. Da kamen die geraubten Sabinerinnen mit fliegenden Haaren und zerrissenen Kleidern herbei, stellten sich zwischen ihre Männer und Väter und machten durch ihre Tränen und Bitten dem Krieg ein Ende. Es kam zwischen beiden Völkern nicht nur zum Frieden, sondern auch zu einer festen Verbindung. Fortan sollten Römer und Sabiner zu +einem+ Volke vereinigt sein, hundert Sabiner in den Senat aufgenommen werden und beide Könige gemeinschaftlich regieren. Die Bürger der so vereinigten Gemeinde hießen nun Quiriten (~Quirītes~). Sie bildeten nach ihrer Abkunft zwei Stämme (~tribus~), die römischen Ramnes und die sabinischen Tities, zu denen später ein dritter Stamm kam, die Lúceres, welcher die Bürger anderer Herkunft enthielt. Jeder der drei Stämme teilte sich in zehn Curien, jede Curie in zehn Decurien, und jede Decurie enthielt eine Anzahl Familien (~gentes~). Jede der dreihundert Decurien stellte einen „Vater“ (~pater~) in den Senat und einen Reiter (~eques~). Väter und Reiter (Ritter) bildeten die beiden vornehmsten Klassen der Bürgerschaft.