Erwachen und Bestimmung: Eine Station: Gedichte

Part 2

Chapter 21,150 wordsPublic domain

Warum nicht schleudertet ihr weit von euch die mörderischen Waffen, Da hoffnungslos Entsetzen euch anstierte, Ihr Schergen, von dem gleichen falschen Wort Vertierte?! Ihr, die aus gleichem Fleisch und Bein und rotem, wallendem Blut ihr seid geschaffen, Was warft ihr nicht das Fremde fort, ließet den Finger sinken Von dem Schlag des lebenzerstörenden Hahns oder ließet den Schuß ertrinken Hoch in dem Donnergewölbe, dem hallenden (das schon von andern Geschossen Den Schmerz dieser tobenden Zeit in klaffenden Wunden genossen)? Glaubt nicht, wenn man euch sagt: dies ist der Feind! Der blind wie ihr sich treiben ließ zu Hauf Und nun sich krümmt vor euch, niemals mehr schlägt die erlöschenden Augen auf Zu dem verschwebenden Himmel, der so Feind wie Freunden scheint! Barst euch kein Schrei des Mitleids in der Kehle, Als eure Hände, vergewaltigt von dem Geist der blutigen Befehle, Sich gräßlich kehrten wider Menschen, wie das Wild gehetzte -- Da euer brüllender Lauf die verschwitzten, aufgezwungenen Kleider unbarmherzig von gewehrgeschundenen armen Schultern fetzte (Auch achtend nicht der taglang bohrenden Wunden, die schon schlug die verheerende Schlacht)? Wie hätten diese sündigen Hände herrlich sich entfacht Am Nacken eurer Brüder, eurer Kameraden sklavischen Gehorsams, die ihr nur schnöde umgebracht! Weil ihr -- wie jene -- nicht erkanntet, was euch ruhlos vorwärts treibt, Weil ihr -- wie sie -- dem Moloch opfert, der die ehernen, unmenschlichen Gesetze schreibt, Die für morgen euch das gleiche Schicksal aufbewahren, Das maßlos teuflischer Durst euch Blutverwirrte heut' vollziehen heißt. In heiliger Wut erwacht auch ihr! Eh' euch die Binde von den Augen reißt Der ewige Tag .. eh' ihr (zu spät!) erkennt, Daß ausgespieen ihr der Liebe Sakrament -- _Und daß einst alle Wesen gut und friedlich waren_.

Egalité, Fraternité!

Von steilen Wänden rieselt dünn das Leuchten Erstarrter Mittagssonne, hart und kalt; Erblindend sind die Fenster von dem feuchten, Erbarmungslosen Atem zugewallt.

Ein Wintertag blüht in verschneiten Bergen, Verwahrt in Schönheit, doch nicht allzufern -- Hier wühlen sich der leichtumhegten Schergen Verbissne Sklaven in Maschinenlärm.

Und ahnen schwach, daß ihrer Pulse Feuer, Wenn es geschürt, den stumpfen Block zerreißt -- Und über dieses nüchterne Gemäuer Auflodernd furienhaft ins Blaue beißt!

Doch hart benagt von Unzulänglichkeiten, Sind sie der Fron verfallen, unbewußt; Nicht dämmert ihnen in verhangnen Weiten Das schmale Frührot einer tiefern Lust.

_Warum_ seid ihr mit Dumpfheit zugeschüttet, Indes ich bade in azurenem Licht? Wer hat, mit frevlen Listen, so zerrüttet Eherner Schicksalswogen Gleichgewicht?

_Besinnt euch!_ Rafft die Glut der Fackelbrände, Die hell in eure ewigen Nächte bricht .. Seht diese züngelnd aufgereckten Hände Und meiner Aufruhrstimme weißen Gischt!!

Du auch, Tier, mein Bruderwesen! (Dem toten Maler Marc, dem Franziskus einer entmenschten Zeit, zum Gedächtnis)

Ich bin zum Überströmen vollgetan Mit Klage und mit einem großen Schmerz, Der sich aus schwankenden Gebilden saugt und nährt Und mir den Riß in jedes Dings Geründetheit entschleiert. Ein gern geschenktes Lächeln wird zum haßverzerrten Hohn Und Stirne, die sich tief umdunkelt, wird des heitern Schwebens in dem Raum nicht mehr gewahr. Auf mein Gesicht traf heute, als im Mittag sich die Straße dehnte, Ein Blick aus Augen, die schon matt verglasten, Aus großen Augen, die noch einmal brünstig rückverschlangen Das Licht und seinen taumelnden Gespensterritt -- Sterbenden Pferdes Blick im Straßenhasten. Wo ist der Tag mit fröhlichem Gewieher? Die reichgefüllte Krippe müden Abends? Nur Schweiß und Arbeit rieb die Lenden durch .. Nun tritt es ohne Dank und Streicheln ab Und muß auf Steinen jämmerlich verrecken. Warum springt niemand bei? Warum ist keiner so erbarmungsvoll, Daß er verhängte schwindendes Gesicht? Seid ihr so taub dem Ruf dunkel-verglutenden Auges? Fühlt nicht, ihr Oberflächen-Betaster, Wie er tief anklagend, rüttelt an euch?!

Seid nicht auch ihr geschöpft aus Zeit und Erde, Um wieder euch zu drehn in Schlamm und Tod? Wer gab euch Recht, zu knechten Kreatur, Die mit euch teilhat an dem gleichen Tag?

Seid ihr nicht selbst gepfercht in eures Käfigs Wände Und freßt das Gnadenbrot dem Moloch Tod aus knochig-hohlen Händen? Was wißt vom Leben ihr in euren dumpfen Betten? Was, Kettenschüttler ihr, von sehendem, wissendem Gang durch qualmverschüttete Stadt? Dies Tier, das teilnahmlos ihr ließet sterben, Es war dem Leben näher wohl als ihr Und floß mit Baum und Wolke, Sonn' und Brudertier Inbrünstiger dahin Als ihr mit eures schallenden Tuns gemächlichem Verderben. Wer von euch blieb in diesem Mittag stehn Und sprach demütig-groß das rasende Wort: ich bin? An dieses Daseins schmerzlichem Vergehn Entzündete sich keine Stirne hehr -- Eiserner Reifen hielt die Schläfen euch, Und nicht erfand sich eine Spur in euer zugemauertes Bereich. Einsam verlohte unerfülltes Opfer in den blauen Himmelsteich Und brach in weinenden Gewittern nieder auf das verlorene Häusermeer.

Welt-Fühlen in der Opernpause

Menschenangesichter, dumpf und schwelend, Stoßt aus dem trüben Schwaden eures Kleinmuts hoch! Erwacht, ihr Körper, aus morschen Wänden, Werft euch mit morgengebadeten Händen, Wachst in das Lichte singend empor! Widriges Kleingetier, nach Myriaden zählend, Das vampyrengleich aus euch gesogen, Muß nun elendig verenden Im eisigen Hauch aus frühem Sternenbogen.

Ihr siecht und welkt an Giften wolkiger Trance. Ihr taucht zu tief in euer Seelenbad. Ihr seid erfüllt von eurer kleinen Welt und übersatt. Ihr kennt die heiße Zeit nicht mehr, die längst euch überflügelt hat. Türmt euch zum First der schwindelnden Balance Aus der Not und dem Chaos, in das euch die wimmernde Mutter gebar -- Habt Rechts und Links und in der Faust ein flammendes Schwert; Seid zum Kampf für die dämmernde Welt so bewehrt und bekehrt! Mild schwimme das leuchtende Antlitz über aufblühenden Paradiesen, wo einst Gewässer und Wüste war.

Menschenangesicht, besinne Dich! Besonnter Morgen bricht aus deinen Augen, hell und königlich. Nahst du dich: Es schweigt der Föhn, die Himmel brechen auf, Getier und Berge beugen sich. Tu ab das bauschige Kleid Der glatten Geste Eitelkeit! Feindschaft sei ausgelöscht -- Güte entflamme dich! Von Scham des Mordens halte ewig deine Wange rein! In deinen unvergleichlichen, göttlichen Zügen Laß den Schnee deiner Kindheit, laß die wirbelnde Erde beseligt liegen! Trost und Hilfe fließe deine Stimme, Bruderstimme, bis zum letzten Lampenschein!

Halte Würde, halte Schöne: Siehe, Glück, das du entfachst, Wenn du schlummerst, wenn du wachst -- Durch deines Daseins hingegossenes Licht -- Trägt dich steil in Gipfelhöhe, Menschenangesicht! Daß Tau des Mitleids deinen Scheitel kröne, Neige dich, neige dich, wehre der Träne nicht!

Und du, du junges, du süßes Gesicht, Verwahrt in der Loge, von weißen Sonnen magisch umsprüht, In des Sitzes Tiefe gelehnt zurück: Schenk' mir noch einmal deinen Siegerblick, Eh' die Rampe lügenhaft erglüht, Eh' dieser tanzende Raum mit den schmetternden Farben erlischt.

INHALT

Seite Auferstehung, Himmelfahrt 5 Sendung 7 Erneuerung 9 Wann tagt der Morgen, der die Feindschaft löst? 10 »Vermißt« 12 Vor spätem Schlafengehen 16 Ahasverlos 18 Das simple Lied 20 Sünde und Sühne 21 Erwachen und Bestimmung 23 Erschießung von Gefangenen in der Kathedrale zu Reims 26 Egalité, Fraternité! 29 Du auch, Tier, mein Bruderwesen! 30 Welt-Fühlen in der Opernpause 32

Anmerkungen zur Transkription

Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

End of Project Gutenberg's Erwachen und Bestimmung, by Carl Maria Weber